Erstes Kapitel

Wo die kurische Nehrung beginnt, ihre Dünen in die Ostsee

hinauszustrecken, und das Meer auf der einen, das Haff auf der andern

Seite das Land bespült, steht das Haus meiner Großeltern, in dem ich

geboren bin. Vor Jahrhunderten haben deutsche Ordensritter es als festes

Bollwerk gegen das heidnische Volk des Samlands erbaut; der breite,

viereckige Turm, die dicken Mauern und der Graben ringsum erinnern noch

an seinen Ursprung. Ein Ordensbruder soll es gewesen sein, der als einer

der ersten im Samland zur Lehre Luthers übertrat, -- nicht aus

Gewissenszwang, denn das hätte dem blonden derben Junker aus dem

thüringischen Geschlecht der Golzows wenig ähnlich gesehen, sondern aus

Liebe zu einem schönen Fräulein, die ihn das Keuschheitsgelübde brechen

hieß. Er wurde auf dem Schloß von Pirgallen der Stammvater des

preußischen Zweigs der Familie und der Vorfahr meines Großvaters. Mit

dem Besitz schien sich aber auch die lebenbestimmende Liebesleidenschaft

des Ahnherrn von Generation zu Generation zu vererben. Nur selten fügte

sich ein Golzow dem Rate der Familiensippe, wenn es galt, sich die

Eheliebste zu wählen, und so wurden viele fremde Blumen in den

nordischen Garten verpflanzt. Manch eine mag dabei im Frost erstarrt,

vom Meersturm zerzaust worden sein, andere aber blühten, trugen Frucht

und streuten den Samen ihrer Heimaterde in das Land, wo er üppig

aufging, so daß es zwischen den gelben Dünen, den weißen Birkenstämmen

und knorrigen Eichen gar seltsam anzuschauen war.

Auch meine Großmutter war solch eine fremde Blume gewesen: ein Kind der

Liebe, dem heimlichen Bund eines Königs mit einem kleinen elsässischen

Komteßchen entsprossen. Und sie war wohl nie recht heimisch geworden da

oben. Sie fror immer, saß auch im Sommer gern am Kaminfeuer der Halle,

und schwere schleppende Samtkleider, mit Pelz verbrämt, trug sie am

liebsten. Sie blieb auch einsam trotz der großen Kinderschar, die sie

umgab. Das Blut der Golzows war lebenskräftiger als das ihre, denn all

die Buben und Mädeln, die sie gebar, waren nicht eigentlich ihre Kinder:

mit hellen blauen Augen aus rosigweißen Gesichtern blickten sie in die

Welt, und Jagd und Tanz, Spiel und Liebe blieb ihnen Lebensinhalt.

An meine Mutter, ihr jüngstes Kind, die goldblonde Ilse, hatte sie sich

mit aller Kraft ihrer Sehnsucht geklammert. Lange hoffte sie, sich

selbst in ihr wiederzufinden, und verdeckte mit den bunten Gewändern

ihrer Phantasie in zärtlicher Selbsttäuschung alles, was ihr fremd war

an ihrer Tochter. Sie half ihr auch den Starrsinn des Vaters brechen,

der sich ihrer Verbindung mit einem armen Infanterieleutnant

widersetzte. Die Ehe mit dem ernsten, strebsamen Mann würde, so meinte

sie, ihr eigentliches Wesen erst zur Entfaltung bringen, -- das Wesen,

das sich schon deutlich genug dadurch auszudrücken schien, daß ihre Wahl

unter allen ihren glänzenden Bewerbern grade auf diesen gefallen war.

Sie wußte nicht, daß nur der Rausch Golzowscher Liebesleidenschaft --

heiß und kurz, wie die Sommer Pirgallens -- Ilse beherrschte. Ihr Gatte

kannte die Tochter besser als sie, darum gab er die Hoffnung nicht auf,

statt des »heimatlosen Landsknechts«, wie er ihren Erwählten, den

Leutnant Hans von Kleve, spöttisch nannte, einen der Standesherrn des

Landes als Schwiegersohn zu begrüßen.

Kleve besaß nichts als seinen guten Namen und seinen Ehrgeiz. Nachdem

sein Vater, ein leichtsinniger Gardeleutnant, mit dem spärlichen Rest

seines rasch verjubelten Vermögens und einer lustigen kleinen Frau,

deren bürgerliche Herkunft ihn den schönen bunten Rock auszuziehen

zwang, ein Gütchen in der Nähe Berlins erworben hatte, um dort nichts zu

tun, als zu sterben, war seiner Mutter kaum das notwendigste übrig

geblieben, um ihn und seine vier Geschwister zu erziehen. Wie gut, daß

sie an Arbeit gewöhnt gewesen war ihr Leben lang! Zu stolz, die reichen

Verwandten ihres Mannes, die sie ihrer Herkunft wegen nie hatten

anerkennen wollen, in Anspruch zu nehmen, zog sie sich in eine kleine

märkische Stadt zurück, wo sie ihre Kinder mit eiserner Strenge und in

spartanischer Einfachheit erzog. Hans war zwölf Jahre alt, als er in

diese harte Schule genommen wurde. Er empfand die Beschränktheit des

Lebens am tiefsten und litt ständig unter den Anforderungen, die seine

Mutter an seine geistige und moralische Leistungskraft stellte. Sein

Liebesbedürfnis fand wenig Verständnis bei ihr, die unter dem dauernden

Druck quälender Sorgen die Zärtlichkeit glücklicher Mütter eingebüßt

hatte. Eine Schwester, die ihm im Alter am nächsten stand, und der er

sein ganzes Herz zuwandte, wurde ihm früh durch väterliche Verwandte,

die sich plötzlich der armen Witwe und ihrer Kinder erinnert hatten,

entrissen; so blieb er ganz auf sich allein angewiesen und konzentrierte

all seine Energie auf das eine Ziel: sich selbst das Leben zu erobern.

Mit sechzehn Jahren machte er das Abiturientenexamen und trat in ein

Königsberger Infanterieregiment ein. Kavallerist zu werden, was er sich

gewünscht hatte -- denn die Reiterleidenschaft saß ihm tief im Blute --,

erlaubten seine Mittel ihm nicht, und die Schwester, die von ihrem

reichen Onkel wie ein eignes Kind gehalten wurde, hatte dem Bruder, --

um ihre persönliche Stellung besorgt, -- rundweg abgeschlagen, eine

Zulage für ihn zu erbitten. Von selbst reichte des Onkels Generosität

über das Geburtstags- und Weihnachtsgoldstück und gelegentliche

Urlaubsreisen nach dem Familiengut in Oberfranken nicht hinaus, und so

bestand des jungen Mannes Dasein in unaufhörlichen Verzichtleistungen.

Er lebte nur seinem Beruf; sein Empfindungsleben schien durch die Arbeit

völlig erstickt zu sein.

Um diese Zeit lernte er Ilse Golzow kennen, und alles, was an

Liebessehnsucht in seiner Seele gelebt hatte von klein auf, brach

ungestüm hervor. Das Weib war ihm unbekannt geblieben bis dahin; die

Arbeit hatte ihn taub und blind gemacht, und eine angeborene Reinheit

der Gesinnung hatte ihn das Gemeine stets als gemein empfinden lassen.

So vereinte sich in der ersten Liebe des Achtundzwanzigjährigen die

volle phantastische Schwärmerei des Jünglings mit der tiefen Neigung des

reifen Mannes. Die Erfüllung alles dessen, was er in seinen stillsten

Stunden für sich an Glück erträumt hatte, erwartete er von dem Besitz

dieses holden blonden Mädchens. Daß ihm dies Glück nicht kampflos in den

Schoß fiel, erhöhte nur seinen Wert für ihn.

Um ihretwillen vertauschte er seine Studierstube mit dem Ballsaal; er

entwickelte gesellige Talente, die bisher niemand in ihm vermutet hatte,

er wurde das belebende Element aller großen und kleinen Feste. Auf dem

Wege zwischen Königsberg und Pirgallen ritt er sein Pferd fast zu

Schanden, das er sich endlich als Regimentsadjutant halten konnte, und

auf den Schnitzeljagden stellte er durch seine Reiterkunst sämtliche

Kürassierleutnants in den Schatten. Ein instinktives Verständnis für die

weibliche Natur lehrte ihn, daß Mädchen, wie die schöne Ilse, durch die

Bewunderung, die man ihnen abnötigt, am sichersten zu gewinnen sind. Von

dem Vater der Geliebten aber mußte er sich eine zweimalige Ablehnung

gefallen lassen; erst als er zum drittenmal wieder kam und die Tränen

Ilsens sich mit seinen Bitten vereinigten, während ihre Mutter alle

Gründe der Liebe und der Vernunft zu seinen Gunsten zur Geltung brachte,

hieß er ihn -- mit aller Reserviertheit des Bezwungenen, nicht des

Überzeugten -- als Schwiegersohn willkommen.

An einem Maiensonntag des Jahres 1863 fand die Trauung des jungen

Paares in der alten Pirgallener Dorfkirche statt. Als »Burg des

Christengottes«, so erzählt die Sage, galt sie einst dem heidnischen

Volk, und an eine Burg mehr als an eine Kirche erinnern noch heut die

aus ungefügen Steinblöcken zusammengesetzten Mauern und der viereckige

Turm mit den kleinen Fenstern, den dichter Efeu fast ganz überwucherte.

Die dämmerige Halle verstärkte diesen Eindruck: vor dem Zeichen des

Speeres, dem Wappenbilde der Golzows, verschwand fast das des Kreuzes,

und statt der Bilder des Heilands und der Apostel reihte sich ein

Grabstein neben dem andern an den Wänden, mit Ritterhelmen und

Schwertern geschmückt, oder mit steinernen Bildnissen, die alle

denselben Typus ostdeutschen Adels aufwiesen, ob ihr Antlitz mit den

regelmäßigen, etwas leblosen Zügen und den hochmütig geschürzten Lippen

nun unter dem Stechhelm oder der Allongeperücke hervorsah. Auf den

Grabsteinen der Frauen erzählten die Doppelwappen, wie selten nur die

ritterbürtige Ahnenreihe unterbrochen worden war. Und daß sie alle zu

einem Geschlechte gehörten: diese stummen Zeugen der Hochzeit Ilsens und

die vielen derer von Golzow, die sich in der alten Kirche

zusammenfanden, -- das bewiesen diese schlanken Menschen mit den

schmalen Handgelenken und den langen spitzen Fingern, die an harte

Arbeit nie gewöhnt gewesen waren. Nur daß die Kraft der Ahnen sich in

lässige Grazie verwandelt und ihre rassige Vornehmheit einen leisen

Schein müder Dekadenz angenommen hatte.

Auch des Bräutigams Verwandte waren vollzählig erschienen. Sie hatten

sich die Teilnahme an dem Familienfest um so weniger entgehen lassen,

als Hans Kleves Heirat die Mesallianz seines Vaters verschmerzen ließ.

Von anderem Schlag waren sie als die Golzows: Das Blut fahrender

Landsknechte und alt-nürnberger Patrizier mischte sich in ihren Adern,

und breit, groß und stämmig waren ihre Gestalten. Die Kniehosen und

Wadenstrümpfe ihres bayerischen Berglands ließen ihnen besser, als Frack

und Zylinder, und seltsam stach vor allem des Bräutigams üppige

rotblonde Schwester Klotilde ab gegen die zarte Elfengestalt seiner

Braut.

Als Menschen eigner Art jedoch, nicht als bloße Glieder einer Familie,

traten zwei Erscheinungen aus dem großen Kreise hervor: die Mütter des

jungen Paares waren es. Das Leben hatte sie beide auf seine Höhen

geführt und in seine Abgründe hineingerissen, sie waren von ihm

gezeichnet; die eine -- das Königskind, das Kind der Liebe --, um deren

hohe Gestalt das Samtgewand wie ein Krönungsmantel niederfloß, deren

schwermütig-dunkle Augen Geist und Güte strahlten, -- die andere --, ein

Kind des Volkes und der Arbeit, die sich nicht zu Hause fühlte in dem

schwarzen Seidenkleid, deren harte Hände von zähem Fleiße, deren

durchfurchte Züge von eiserner Willenskraft sprachen, und in deren

braunen Augen doch der kecke Humor noch lachte, der über alles Ungemach

hinweghilft.

Königsberg, die Garnison meines Vaters, als er heiratete, war mit dem

raschen Golzowschen Gespann von Pirgallen aus in drei Stunden zu

erreichen. Es war daher für die Tochter kein Abschied von zu Hause, der

den Schmerz langer Trennung in sich birgt. Ja, sie blieb im Grunde

daheim, denn im alten Stadthaus ihrer Eltern wurde dem jungen Paare die

Wohnung eingerichtet.

Während es auf der Hochzeitsreise war, schmückte die Großmutter das

künftige Nest ihrer Kinder. All ihren Geschmack, all ihre Träume und

Gedanken über die Schönheit, Harmonie und Behaglichkeit einer

Familienwohnung verwirklichte sie hier. Da war der grüne Salon mit den

tiefen englischen Lehnstühlen, dem geräumigen Sofa am breiten

Fensterpfeiler, mit dem runden, von einer Tuchdecke bedeckten großen

Tisch davor, dem mächtigen roten Marmorkamin an der Längswand ihm

gegenüber; daneben, nur durch Portieren getrennt, das helle Boudoir mit

seinen kretonneüberzogenen Wänden und Möbeln, dem Schreibtisch voller

Familienbilder, überragt von Thorwaldsens segnendem Christus; und auf

der andern Seite des Vaters Zimmer mit seinen schweren geschnitzten

Eichenmöbeln, in deren Arabesken das Wappentier der Kleves, die gekrönte

Eule, sich vielfach wiederholte. Für das Speisezimmer hatte die

Großmutter die alten Empiremöbel ihrer Mutter hergegeben: Mahagoni mit

Bronzebeschlägen und gelbseidnen Sesselbezügen. Hier prangte auch eine

Reihe alter Familienbilder an den Wänden: Frauen im Reifrock mit

märchenhaft dünner Taille und gepuderten Haaren, Männer in

goldstrotzender Uniform und mächtiger Lockenperücke, und mitten unter

ihnen ein rosiges, lächelndes, goldlockiges Frauenköpfchen, das die

Mutter in spätern Jahren immer in den dunkelsten Winkel zu hängen

pflegte: Alix, die Urgroßmutter, das Königsliebchen.

Ein großes, helles Schlafzimmer, eine Fremdenstube und ein sorgfältig

abgeschlossner, von der Großmutter streng behüteter Raum -- als hätte

Blaubart seine Frauen darin -- vollendeten die Wohnung. In Ost und West,

in Süd und Nord -- wohin immer das Soldatenschicksal uns getrieben hat,

-- dieser Rahmen des Lebens ist sich stets gleich geblieben. Ein

Gesellschaftszimmer, ein Tanzsaal kamen später wohl hinzu, sie haben

mich aber immer wie etwas Fremdes angemutet. »Ihr habt keine Heimat,«

pflegte die Großmutter zu sagen, »da müßt ihr sie als Ersatz, wie die

Schnecke ihr Haus, mit euch tragen.«

Als die Eltern nach der Hochzeitsreise diese Räume, die geschaffen

schienen, Liebe und Freude in sich zu schließen, betraten, war auf ihr

Eheglück schon ein Reif gefallen. Ahnungslos, wie alle wohlgehüteten

Mädchen ihrer Zeit und ihrer Lebenskreise, war Ilse in die Ehe getreten.

Keusch wie sie war der Mann, dem sie sich vermählt hatte, aber um so

gewaltiger war die Glut seiner Liebe und seines Begehrens, während ihre

Sinne noch schliefen und das große, tiefe Geheimnis des Geschlechts sich

ihr wie eine gräßliche Untat offenbarte. Sie hat mir oft erzählt, daß

sie in den ersten acht Tagen ihres Zusammenlebens mit ihrem Mann am

liebsten davongelaufen wäre, wenn sie sich nicht vor ihren Eltern

geschämt hätte. Erst ganz allmählich kam ihr die Erkenntnis, daß ihr

Gatte kein Verbrecher, ihr Schicksal kein abnormes war. Zu den

seelischen Leiden, mit denen sie ihn, der so liebevoll, so zartfühlend

und weichherzig war, wohl noch mehr quälte als sich selbst, kamen

körperliche Beschwerden hinzu, deren Ursachen sie ebenso verständnislos

gegenüberstand. Sie suchte sie mit der ihr eignen Energie zu

beherrschen, um so mehr, als sie sich unter den ihr fremden Kleveschen

Verwandten befand; sie teilte auch ihrer Mutter nichts davon mit, um die

Überängstliche nicht unnötig, wie sie meinte, aufzuregen. Tapfer

beteiligte sie sich an allen Ausflügen, allen ländlichen Festen; tanzte

und ritt, obwohl es ihr oft vor den Augen dunkelte und der Schwindel sie

zu übermannen drohte. So kehrte die junge Frau bleich und müde zurück,

die, ein Bild blühender Gesundheit, das Elternhaus verlassen hatte. Der

Schatten dieser ersten Schmerzen und Enttäuschungen fiel über ihr ganzes

Leben.

Der Großmutter blutete das Herz, als sie ihr Kind wiedersah. Bald aber

war sie beruhigt und zärtlicher Freude voll in dem Gedanken an das junge

Leben, das sich im Schoße der Tochter entwickelte. Nur allzu früh sollte

die Hoffnung, die von Ilse selbst nur qualvoll empfunden wurde, zerstört

werden; und statt einer Wöchnerin pflegte die Großmutter eine schwer

kranke junge Frau. Erst die würzige Herbstluft von Pirgallen heilte sie,

und der Königsberger Karneval sah sie als eine der schönsten der Schönen

im fröhlichen Kreise der Jugend wieder. Sie tanzte gern, sie sah sich

gern von Bewunderern umgeben, und ihr Mann war überglücklich, wenn er

sie heiter wußte.

Im zweiten Jahre ihrer Ehe stellten sich wieder Hoffnungen ein; mit

hellem Jubel begrüßte sie Hans Kleve, mit tiefer Rührung die Großmutter;

nur die, unter deren Herzen das neue Leben erwachte, spürte nichts von

alledem. Die Fassung, mit der sie sich in ihr Schicksal ergab, das

Vorgefühl ernster kommender Pflichten war das einzige, was sie ihm

gegenüber aufbringen konnte.

Indessen richtete die Großmutter des Enkelkindes erstes Stübchen ein:

Alles darin war weiß und rot, einfach und freundlich, nur das Sofa war

mit braunem Rips bezogen und der Tisch davor mit braunem Wachstuch. Du

gutes altes Sofa! Auf dir hab ich die Glieder im ersten Lebensgefühl

gestreckt, auf dir bin ich umhergeklettert, als ich die Beinchen regen

konnte; in deinen Winkeln hab ich mein Lieblingsspielzeug geheimnisvoll

verwahrt, habe, tief in deine Polster geschmiegt, meine Märchenbücher

verschlungen und meine ersten Träume auf dir geträumt!

Mitten in den Vorbereitungen zum Empfange des kleinen Erdenbürgers warf

eine Lungenentzündung den alten Golzow aufs Krankenlager. Bei einer der

häufig wiederkehrenden Überschwemmungen, die durch die wilden, alle

Dämme durchreißenden Wogen des kurischen Haffs entstanden und die Wiesen

stets auf Jahre hinaus wertlos machten, hatte er stundenlang, bis an die

Kniee im Wasser, mit den Knechten um die Wette die Löcher der Dämme zu

verstopfen gesucht und sich dabei eine Erkältung zugezogen. Auf die

Nachricht seiner Erkrankung siedelte Ilse, die ihrem Vater besonders

nahe stand, nach Pirgallen über. Noch wochenlang sah sie dem wilden

Kampf des starken Mannes gegen den Allüberwinder zu, der ihn

schließlich sanft in seine Arme nahm.

Ein Maiensonntag war es abermals, als der Gutsherr mit all dem Pomp, der

die Sprossen eines der ältesten Geschlechter des Landes von jeher zu

Grabe leitete, in die Gruft seiner Vorfahren gesenkt wurde. Vollzählig

war wieder die Familie versammelt, vollzählig war auch das Offizierkorps

des Königsberger Kürassierregiments zugegen, dem Walter, der älteste

Sohn des Verstorbenen, angehörte, und seine Trompeter bliesen die

Trauerchoräle. In langem Zuge folgten die Knechte und die Instleute dem

Sarge, den der greise Förster, des Toten Lebensgefährte, mit seinen

Jägern trug. Ehrliche Trauer blickte aus den Zügen aller der

wettergebräunten Männer der Arbeit. Werner Golzow war ihnen ein guter

Herr gewesen. Sie hatten nie seine Faust und nie seine Peitsche gespürt,

wie ihre Kollegen ringsum auf den Nachbargütern, und sie fürchteten sich

vor dem Junker, seinem Erben. Sein junges hübsches Gesicht war hart und

hochmütig, auf die unbeholfenen, teilnehmenden Worte der Diener seines

Vaters antwortete er nur mit einem leichten Neigen des Kopfes, die Hand,

die sie, der alten preußischen Sitte gemäß, küssen wollten, zog er

ungeduldig zurück. Als die Gutsleute nach der Beisetzung in der großen

Halle des Herrenhauses von der Großmutter empfangen wurden, spürten sie

doppelt ihre Güte, die nichts Herablassendes hatte, die den Untergebenen

niemals den Abstand zwischen Herrn und Diener fühlen ließ. Und einer

nach dem andern richtete die angstvolle Frage an sie: Unsre Frau Baronin

wird uns doch nicht verlassen? Sie schüttelte nur wehmütig lächelnd den

Kopf dazu, und halb und halb beruhigt ging alles auseinander.

Sechs Wochen später wurde ich geboren. Es war ein glühheißer

Junisonntag; in voller Pracht blühten die Rosen, und in der alten

dunkeln Gespensterallee, wo die »böse Frau von Pirgallen«

nächtlicherweile mit dem Kopf unter dem Arme umging, dufteten

berauschend die Linden. Das Geläut der Glocken begleitete gerade die

heimkehrenden Kirchgänger, als ich zur Welt kam. Ich konnte das Leben

nicht erwarten, denn den Weg hinein fand ich ohne Hilfe, -- die weise

Frau kam erst, als die Großmutter mich schon in den Armen hielt und dem

Vater beim Anblick seines Kindes große Tränen der Rührung über die

Wangen liefen.

In der alten Kirche, über der Gruft der Golzows und unter ihren Speeren,

wurde ich getauft. Die Gutskinder hatten den düstern Raum in eine Laube

von Jasmin verwandelt, -- darum hab ich wohl mein Lebtag keinen

Blumenduft so geliebt wie den dieser weißen Sterne. Selbst im geweihten

Wasser des Taufsteins schwammen ihre Blätter, und als der greise Pfarrer

es mir auf die Stirn träufelte, blieb eins davon auf meinem dunkeln

Köpfchen haften. »Und wenn ich mit Menschen- und Engelzungen redete und

hätte der Liebe nicht, ich wäre ein tönend Erz und eine klingende

Schelle« -- lautete der Text der Taufpredigt und Alix der Name, der mir

gegeben wurde. Beides hatte die Großmutter gewählt; den Namen hatte sie

gegen den Widerstand der Tochter für ihr erstes Enkelkind durchgesetzt,

-- den Namen ihrer Mutter, die sie um so inniger geliebt, je mehr die

Welt sie verdammt hatte.

Ich blieb in Pirgallen. Vergebens hatte man versucht, mich an die Brust

meiner Mutter zu legen. War es ihre innere Abneigung, die sie nur im

Gefühl, eine Pflicht erfüllen zu müssen, überwinden wollte, war es mein

früh erwachter Eigensinn, -- kurz, Mutter und Kind schienen nichts von

einander wissen zu wollen, und eine derbe Fischerfrau, die mich mit

ihrem Söhnchen zusammen nährte, wurde meine Amme. Behütet von ihr und

der Großmutter, der das schwarzhaarige, dunkeläugige Baby so ähnlich

sah, verbrachte ich auch den Winter bei ihr; seufzend hatte es mein

Vater zugegeben, da er sah, daß ich hier besser aufgehoben war als in

Königsberg, wo die Freuden der Gefälligkeit meiner Mutter ganze Zeit in

Anspruch nahmen. Oft aber packte ihn die Sehnsucht so sehr, daß er Sturm

und Wetter nicht scheute und, wie einst zu der Geliebten, zu der Braut,

nun zu dem Töchterlein hinausritt, um es zu küssen, und in den Armen zu

schaukeln. Die Großmutter hat immer dabei weinen müssen, erzählte mir

die Amme später. Lange wußte ich nicht, warum.

Dann kam der Krieg, der böse deutsche Bruderkrieg. Mein Vater wurde

Kompagnieführer in einem jener Regimenter, die durch die mörderischen

Kämpfe in Böhmen fast völlig aufgerieben wurden. In den Wäldern um

Königgrätz warf ihn eine Kugel zu Boden. Wären nicht ein paar seiner

treuen Grenadiere, die ihn wie einen Vater liebten, der eignen

Erschöpfung nicht achtend, noch spät des Nachts ausgezogen, um, wie sie

meinten, die Leiche ihres Hauptmanns zu suchen, er wäre elend verblutet.

Puckchens, unseres Affenpinschers, klägliches Winseln führte sie auf

die Spur des Verwundeten. Sobald er transportfähig war, brachte man ihn

nach Königsberg. Die Mutter, sonst eine so starke Frau, brach zusammen

beim Anblick des entkräfteten, vollkommen entstellten Mannes. Er war es,

der sie lächelnd trösten mußte.

Viele, viele Wochen lag er auf dem Krankenlager, das ihm in seinem

Wohnzimmer errichtet worden war. Je mehr seine Genesung vorschritt,

desto eifriger beschäftigte er sich mit mir. Ich habe nie einen Mann

gesehen, der wie er mit kleinen Kindern spielen konnte.

Meine erste traumhafte Erinnerung, -- ich bin immer ausgelacht worden,

wenn ich von ihr erzählte, da ich doch damals noch nicht zwei Jahre alt

war --, führt mich in einen dunkel verhängten Raum vor ein großes

braunes Bett, aus dem mir ein blasser Mann die Arme entgegenstreckte.

Ich weiß, daß ich laut aufschrie, daß der Mann den Kopf müde zurücklegte

und ich mich ausatmend in meinem hellen Stübchen wiederfand. Und später

sah ich ihn im Rollstuhl wieder und mich auf seinem Schoß mit seiner

großen, dicken Uhr spielend, die, weil sie mit so zärtlichem, feinen

Stimmchen alle Viertelstunden schlug, für mich immer etwas Lebendiges

gewesen ist. Wende ich ein andres Blatt der Erinnerung um, so seh ich

große rote Blumenkerzen in mein Fenster hereinleuchten. Das war in

Potsdam, wohin mein Vater nach dem Feldzug versetzt wurde, und wo wir in

einem gartenumsäumten Haus, vor dem ein alter Kastanienbaum Wache hielt,

das erste Stockwerk bezogen. Neben uns, nur durch den Gartenzaun

getrennt, wohnte meiner Mutter zweiter Bruder Max, der bei den

Gardehusaren Leutnant war und eine elsässische Cousine geheiratet

hatte. Werner, ihr Sohn, war nur um wenige Monate jünger als ich. Unter

uns aber, in die Parterrewohnung mit der großen Terrasse, auf deren

Balustrade kleine Steinengelchen saßen, die in meinen Träumen immer

lebendig wurden, zog, kaum ein Jahr nach unsrer Übersiedlung, die

Großmutter ein.

Walter Golzow hatte nach dem Kriege den bunten Rock mit dem schönen

himmelblauen Kragen ausgezogen und das Gut übernommen, dessen Geschäfte

die Großmutter bis dahin mit Hilfe des erprobten Verwalters gewissenhaft

und in der alten Weise geleitet hatte. Sie versuchte dann noch eine

Zeitlang, neben dem Sohn zu wirken und zu arbeiten, wie sie es früher

gewohnt gewesen war. Aber zu hart stießen die Gegensätze aneinander: in

ihrer Milde sah Walter Schwäche, in ihrer Wohltätigkeit Verschwendung.

Es kam auch tatsächlich zuweilen vor, daß ihre Güte mißbraucht wurde,

daß man die allzeit Hilfsbereite, die an jedem Menschen etwas Gutes sah

oder herauszulocken verstand, hinterging und betrog. Das nahm ihr Sohn

zum Vorwand, ihrem barmherzigen Wirken mehr und mehr Hindernisse in den

Weg zu legen. Doch dies alles hätte sie nicht so schwer getroffen, da

sie als Herrin ihres Vermögens damit machen konnte, was ihr gut schien;

unerträglich wurde ihr die Existenz vielmehr erst durch die fast

fieberhafte Neuerungssucht Walters: nichts in der Wirtschaft und im

Hause schien ihm mehr gut genug, und Umwandlungen und Neuanschaffungen,

die ein vorsichtiger, auf alle Möglichkeiten schlechter Jahre

vorbereiteter Gutsherr auf einen langen Zeitraum verteilt, sollten jetzt

in wenigen Monden vor sich gehen. Die Großmutter sorgte, warnte, bat,

-- sie predigte tauben Ohren. Die Ställe füllten sich mit Luxuspferden,

die Wirtschaftsräume mit neuen Maschinen aller Art, deren Handhabung

selten einer verstand, das Herrenhaus mit modernen Möbeln, vor deren

geschmacklosem Prunk der alte, solide Hausrat aus Urväter Tagen weichen

mußte. Es kam zu scharfen Auseinandersetzungen zwischen Mutter und Sohn,

die ihren Höhepunkt erreichten, als sie sah, wie er auf die Wange eines

ungeschickten Reitknechts die Peitsche niedersausen ließ, so daß der

junge Mensch blutend zu Boden sank. Wenige Tage darauf entführte der

alte breite Kutschwagen mit den wohlgenährten Braunen davor die

Großmutter von der Stätte ihrer jahrzehntelangen Wirksamkeit, von dem

erinnerungsreichen Boden ihrer zweiten Heimat. Sie sah sich nicht um,

und sie weinte nicht; zu tief empfand sie das schwerste Geschick, das

ein Weib treffen kann: fremde Kinder zu haben.

Ich war vier Jahre, als die Großmutter nach Potsdam kam. Ein Ölbild von

Tochter und Enkelin, das damals für sie gemalt worden war, zeigt, daß

auch ich meiner Mutter solch ein fremdes Kind gewesen bin: von ihrer

lichten Erscheinung mit dem hellblonden Haar, der durchsichtigen Haut,

den meerblauen Augen sticht das kleine Mädchen seltsam ab, um dessen

schmales gelbliches Antlitz dunkle schwere Locken sich ringeln, dessen

schwarze Augen fragend und verträumt ins Weite sehen. Von klein an

bewunderte ich neidvoll meiner Mutter nordische Schönheit, und wenn

meine Freunde mir Tränen des Zorns entlocken wollten, brauchten sie mich

nur »schwarze Alix« zu rufen; sie waren selbst alle blond, und schon

bei den Unmündigen wirkt die Majorität überzeugend. Die Anführer bei

solchen Späßen, die mir den Umgang mit meinesgleichen früh verleideten,

waren meist mein Vetter Werner und Adda, das Töchterchen eines der

Regimentskameraden meines Vaters. Mit jener Grausamkeit, die nur den

kleinen Menschentieren eigen ist, rächten sie sich durch ihre Neckereien

an meiner Besonderheit. Einig waren wir drei eigentlich nur, wenn es

galt, unseren französischen Bonnen einen Schabernack zu spielen. Wir

konnten sie alle nicht leiden und empfanden sie nur als notwendiges

Übel, unter dem wir gemeinsam zu leiden hatten.

An jedem schönen Morgen führten sie uns in den Park von Sanssouci; kein

Wort Deutsch durften wir sprechen, und artig mußten wir nebeneinander

gehen. Wenn die drei Fräuleins aber erst häkelnd auf einer der Bänke

saßen und die Lebhaftigkeit ihres Gesprächs einen gewissen Höhepunkt

erreicht hatte, benutzten wir schleunigst die Gelegenheit, aus ihrem

Gesichtskreis zu verschwinden, und dann war ich die Anführerin. Wo die

Büsche am dichtesten waren, versteckten wir uns und spielten im grünen

Dämmerlicht phantastische Märchen. Meine blühende Phantasie steckte die

beiden andern an: unter halbverwitterten steinernen Göttern gruben sie

eifrig nach den Schätzen, von denen ich ganz genau zu erzählen wußte,

oder sie umschlichen geduldig immer wieder des alten Fritzen Schloß oben

auf den Blumenterrassen, die Ritter und die Feen mit Herzklopfen

erwartend, die ich schon »soo« oft gesehen hatte. Wenn freilich durchaus

nichts von dem Erwarteten sich zeigen wollte, mußte ichs bitter büßen,

und wenn wir unsrer schmutzigen Hände und zerdrückten Kleider wegen von

unsern drei Gestrengen gescholten wurden, war allemal ich die

Hauptschuldige. Allmählich gewöhnte sich mein sehr robuster und

prosaischer kleiner Vetter daran, den lebhaften Ausbrüchen meiner

Einbildungskraft mit einem verächtlichen »zu dumm« zu begegnen, was mich

bis zu Tränen kränkte und mehr und mehr verstummen ließ. Spielte ich

dann artig mit Ball und Reifen, ohne in die Büsche zu kriechen, dann

lobte mich Mademoiselle: »Comme elle devient raisonable!« sagte sie.

Noch stand ich nicht fest auf dieser Staffel der guten Erziehung, als

mir ein schwerer Kummer widerfuhr. In unserm Garten, in dem wir

nachmittags zu spielen pflegten, lagen auf den Wegen viele bunte

Kieselsteine. In einem Winkel, unter einem Jasminstrauch -- zu den

weißen Blüten trug ich immer meine tiefsten Geheimnisse -- sammelte ich

die schönsten, die ich finden konnte. Ich war fest überzeugt, daß sie in

ihrem Innern goldne Wagen mit weißen Pferdchen davor, blitzende

Königskronen und schimmernde Schlösser bargen, und versuchte, sie mit

einem Hammer aufzuschlagen. Schließlich kamen Werner und Adda hinter

mein Geheimnis; mein Vetter, den meine glühende Begeisterung für die zu

erwartenden Herrlichkeiten anstecken mochte, bemühte sich auch

seinerseits, die Kiesel zu öffnen, und es gelang. »Bist du dumm,« rief

er ärgerlich, als er die grauen Splitter in der Hand hielt, »es sind ja

nur ganz gewöhnliche Steine!«

Noch oft hab ich später hinter dem Leblosen wundervolle Offenbarungen

vermutet und im Schweiße meines Angesichts versucht, zu ihnen

vorzudringen, aber die Enttäuschung hat mich kaum je so heftig

geschmerzt und bis zu so wilder Verzweiflung getrieben, wie damals, wo

ich, ein fünfjähriges Kind, weinend vor den zerschlagenen Kieseln saß.

Wenn die andern mich verhöhnten, wenn der Schmerz mich übermannte und

sie nicht verstanden, warum, dann blieb mir ein Zufluchtsort und ein

Mensch, der immer die rechten Worte des Trostes fand: Großmama. Wie oft

flüchtete ich in ihr stilles Reich, wo sie zwischen blühenden Blumen und

dunkeln Palmen lesend, schreibend oder still vor sich hinträumend in

ihrem tiefen, grünen Lehnstuhl saß. Sie hatte immer Zeit für mich, sie

lachte mich niemals aus und antwortete nie auf meine tausend Fragen mit

jenem ein weiches Kindergemüt so verletzenden: »Das verstehst du nicht.«

Und wenn sich mir Park und Garten, Wasser und Wald mit tausend Gestalten

bevölkerten, wenn die allabendlich in buntem Reigen um mein Bettchen

tanzten, so wußte ich: Großmama sah sie, wie ich; nur die andern hatten

keine Augen dafür. War ich allein bei ihr, so erschienen mir ihre Zimmer

wie ein einzig Märchenreich: Zwischen den Palmen lächelte der schöne

weiße Jünglingskopf ihres Vaters mir entgegen -- halb ein Cäsar, halb

ein Antinous --; von den Wänden sahen Männer und Frauen mich an, mir

vertraut seit meinem ersten Augenaufschlag, wenn auch fremd nach Art und

Gewandung, und unter einem von ihnen, auf kleinem Postament, stand

Winter und Sommer ein frischer Blumenstrauß. Das war der Dichter, zu

dessen Füßen die Großmutter gesessen hatte, als sie ein Kind, ein junges

Mädchen gewesen war, der die Geschichte vom Heideröslein gedichtet

hatte, die erste, die ich wiedererzählen konnte, und bei deren Schluß

mir immer die Stimme brach: ... »Doch es half kein Weh und Ach, mußt es

eben leiden!«

Auf dem Fußbänkchen neben Großmama, den Kopf vergraben in den weichen

Falten ihres Sammetkleids, die Augen auf die tanzenden und zuckenden

Flammen des Kaminfeuers gerichtet, während ihre leise Stimme über mir

klang, von Schneewittchen und Dornröschen erzählend oder von der kleinen

Seejungfrau, die dem Prinzen zuliebe unter tausend Schmerzen zum

Menschen wurde und dann doch wieder hinabsteigen mußte in die Fluten, --

das waren die schönsten Stunden meiner frühen Kinderjahre. Und das alles

waren Erlebnisse für mich, viel bedeutungsvollere, als die Ereignisse

des öffentlichen Lebens, deren Kunde an mein Ohr schlug. So weiß ich vom

deutsch-französischen Kriege, obwohl ich ihn als fast Sechsjährige

erlebte, nicht allzuviel. Ich sehe mich zwar Charpie zupfend am Fenster

sitzen oder mein Frühstücksbrötchen mitleidig für die armen Soldaten in

die Kiste legen, die die Mutter allwöchentlich zu packen pflegte; ich

erinnere mich, daß ich mit Hurra schrie bei jeder Siegesnachricht und

die Illuminationskerzen nach dem Fall von Sedan mit in die sandgefüllten

Gläser steckte. Ich weiß auch, daß mir das bunte Schauspiel des Einzugs

der Sieger in Berlin, dem ich in einem neuen blauseidnen Kleidchen mit

meiner Mutter von irgend einem Lindenhotel aus beiwohnte, sehr gefiel,

und daß mein Lorbeerkranz statt auf die Lanze eines Kriegers auf den

aufgespannten Schirm irgend einer biedern Berliner Bürgerfrau

niederfiel; aber von hochgeschwellter patriotischer Begeisterung weiß

ich nichts. Vielleicht, daß die gedrückte Stimmung zu Haus mich

beeinflußt hatte, denn hier kam eine reine Siegesfreude nicht auf. Nicht

nur, weil Söhne und Gatten allen Wechselfällen des Krieges ausgesetzt

waren, sondern auch, weil nahe, liebe Verwandte der Großmutter im

französischen Heere dienten. Neffen von ihr kamen als Gefangene nach

Potsdam; der alte Bruder ihrer Mutter, der sich als Jüngling unter

Napoleon I. die Sporen verdient hatte, kämpfte jetzt mit derselben

glühenden Vaterlandsliebe unter seinem Nachfolger. Von dem Franzosenhaß,

der den deutschen Kindern späterer Zeit eingeprägt wurde, wußten wir

infolgedessen nichts. Ich glaube, jener Hurrapatriotismus, der sich

heute breit macht, gedeiht nur in Friedenszeiten. Wer dem Kriege Aug in

Auge sieht, dessen Vaterlandsliebe wird vielleicht nicht weniger tief,

wohl aber ernster und stiller sein. Erst wenn die großen Kämpfe der

Völker lange vorüber sind, werden sie zu Mitteln, die Begeisterung auch

der Kinder anzufachen. So kam es wohl, daß meine Phantasie von dem, was

vor sich ging, ebenso unberührt blieb wie mein Gemüt. Nur der Heimkehr

meines Vaters sah ich voll jubelnder Freude entgegen.

Er brachte uns allen Geschenke aus Frankreich mit, die er mit Sorgfalt

und in der freudigen Aussicht auf die glücklichen Gesichter der

Empfänger ausgewählt und wofür er wohl auch viel Geld ausgegeben hatte.

Über all das schöne Spielzeug, das ich erhielt, war mein Jubel ohne

Grenzen, und ein zierliches goldnes Kettlein, das mich noch mehr

entzückte, schlang ich mir grade vor dem Spiegel um den Kopf, so daß die

Perle, die wie ein Tautropfen daran hing, just unter dem Scheitel auf

die Stirne fiel -- meine schwarzen Locken erschienen mir plötzlich gar

nicht mehr so häßlich --, als das Antlitz meiner Mutter hinter mir

auftauchte. Angstvoll erstaunt wandte ich mich um; Seiden- und

Samtstoffe lagen vor ihr ausgebreitet, mit zärtlich-fragenden Augen sah

der Vater sie an, und sie -- sie freute sich nicht! Worte des Vorwurfs

über die »unnützen Ausgaben« war das erste, was ich sie sagen hörte, und

mit ungewohnt heftiger Geberde nahm sie mir die Kette aus den Haaren,

die nun -- ich wußte das nur zu gut -- in der unergründlichen Tiefe des

Silberschranks verschwinden würde, wie so manche der schönsten Dinge,

bis »Alix groß sein wird«. Dann dankte sie dem Vater mit einer kühlen

Phrase, aus der ich das Erzwungene mit dem feinen Gefühl des

Kinderherzens herausempfand. Über unsre Festtagsfreude hatte sich ein

dunkler Schatten gelegt. Papa ging verstimmt hinaus, ich spielte

verschüchtert in einem möglichst versteckten Winkel. Freude ist eine der

sensitivsten Pflanzen, die es gibt, das hab ich damals unbewußt zum

erstenmal empfunden: wenn sie in vollster Blüte steht, genügt ein kalter

Lufthauch, sie zu töten. Sie will gehütet sein und gepflegt, und nur ihr

natürliches Welken ist schmerzlos. Verschleiert blieb von da an die

Stimmung; um Liebe werbend, dankbar für jeden wärmeren Blick, bemühte

sich mein Vater um seine schöne kühle Frau. Wie oft nahm er mich auf den

Schoß, legte mein Bäckchen an seine Wange und herzte und streichelte

mich, während seine Augen ihr folgten, die im Zimmer umherging, jedem

Staubfäserchen nach, das etwa von einem Möbelstück nicht entfernt worden

war.

Bald hieß es, die Mutter sei krank und brauche längere Zeit der

Erholung. Große Koffer wurden gepackt, und wir reisten -- Großmama, Mama

und ich, meine Mademoiselle und die Jungfer -- nach der Schweiz. Wie

schnell war da der arme, einsame Papa vergessen! Wundervolle Bilder von

weißleuchtenden Gletschern, blauen Seen, brausenden Wasserstürzen und

Schauerlichen Abgründen zogen an mir vorüber. Nirgends war mir meine

Bonne mit ihrem ewigen: Tiens-toi droite -- ne court pas si vite -- sois

raisonable so widerwärtig vorgekommen wie hier. Ins Moos sich werfen mit

ausgebreiteten Armen, laufen und springen, wie von Flügeln getragen, und

über Stock und Stein aufwärts klettern, höher, immer höher, bis zu den

silbernen Häuptern der Berge mitten in den Himmel hinein -- ach, wer das

könnte! Eines Tages hielt es mich nicht länger. Irgendwo am

Vierwaldstädter See wars, wo ich davon lief, gedankenlos, ziellos, nur

erfüllt von dem Wonnegefühl der ungebundenen Kraft. Erst als es anfing

zu dunkeln, kam ich zum Bewußtsein meiner Verwegenheit. Da plötzlich

geschah etwas so Wundersames, daß ich alles vergaß: die weißen Berge

bekamen rotglühendes Leben. -- Männergeschrei und ängstliches Rufen

schreckten mich auf aus der Verzauberung; vom Hotel aus suchte man die

Ausreißerin. Stumm kehrte ich heim, unempfindlich blieb ich für alle

Vorwürfe, die mich sonst so bitter trafen; das Erlebte hatte jede andre

Empfindung in mir ausgelöscht. Nur der Großmutter vertraute ich

flüsternd das große Geheimnis an: wie die Bergriesen vor mir lebendig

geworden waren.

Im Herbst desselben Jahres kehrte Großmama nach Potsdam zurück, Mama

und ich aber reisten nach Augsburg zu meines Vaters Schwester Klotilde.

Sie hatte sich mit Baron Artern, dem jüngeren Bruder ihrer Tante Kleve,

bei der sie erzogen worden war, vermählt gehabt und war nach kurzem

strahlendem Glück Witwe geworden. Monatelang schien es, als ob ihr

sehnsüchtiger Wunsch, dem Toten zu folgen, erfüllt werden würde, und es

war mein Vater, der ihr in dieser Zeit mit der ganzen hingebungsvollen

Liebe und zarten Rücksicht, deren er fähig war, zur Seite gestanden und

sie dem Leben zurückgewonnen hatte. Er war es wohl auch gewesen, der ihr

den Gedanken nahe legte, uns zu sich einzuladen. Es gibt kaum eine

heilendere Kraft für alle Lebenswunden als die weichen Hände, die klaren

Augen und das helle Lachen eines Kindes, -- ihr war sie versagt

geblieben; in mir, so hoffte mein Vater, sollte sie sie finden.

An einem trüben Oktoberabend kamen wir in Augsburg an. In Trauerlivree

empfing uns der Diener am Bahnhof, dunkel war die Equipage, dunkel waren

die engen winkligen Straßen, und grau, wie leblos, starrten die alten

Häuser mir entgegen. In einen hallenden Torweg, den nur eine unruhig

flackernde Lampe spärlich erhellte, bog der Wagen, und vor einer

breiten, teppichbelegten Treppe mit kunstvollem schmiedeeisernem

Geländer stiegen wir aus. Eine alte Dienerin mit großem Schlüsselbund

über der schwarzseidenen Schürze begrüßte uns zuerst; oben, wie eine

Fürstin, wartete des Hauses Herrin auf uns. Der Kreppschleier verhüllte

sie fast ganz, nur das weiße Gesicht und die roten Haare leuchteten

daraus hervor. Weinend umarmte sie ihre Gäste, und erschüttert von dem

Eindruck der neuen Umgebung weinte ich mit ihr. »Du gutes Kind,« sagte

sie und küßte mich zärtlich; ich hatte ihr Herz gewonnen.

Ein seltsames Leben begann für mich in dem grauen Hause mit seinen

langen, düstern Gängen, an deren Wänden ein dunkles Bild neben dem

andern hing, mit seinen mächtigen schwarzbraunen Schränken und den

tiefen, tiefen Teppichen, über die der Fuß unhörbar hinglitt. Die Türen

waren mit Fries eingefaßt, um jedes Geräusch zu vermeiden, und die

Klingeln hatten einen dunkeln Ton. Meine Tante vertrug nicht den

geringsten Lärm. Man hatte mir das streng eingeschärft, aber ich wäre

hier auch ohnedies ganz still gewesen. Nur im Stübchen bei der alten

Kathrin, der Wirtschafterin, die mich schnell in ihr Herz schloß, durfte

ich lachen und toben, und draußen bei allen den vielen Verwandten und

Freunden fühlte ich mich aus dem Traumreich in die Welt zurückversetzt.

Die erste Mädcheneitelkeit ist damals von ihnen in mir großgezogen

worden. Sie umgaben mich förmlich mit der wohligen weichen Treibhausluft

der Bewunderung; und wenn meine Mutter auch, sobald wir allein waren,

Worte wie Hagelschauer und Gewitterregen abkühlend hernieder brausen

ließ, so sah ich darin doch nichts weiter, als daß sie mir die Freude

eben wieder einmal nicht gönnen wolle. Hatte ich mich früher, weil ich

anders war, zurückgesetzt gefühlt, war ich mir im Vergleich zu meinen

helläugigen Gespielen häßlich vorgekommen, so wurde ich allmählich

meiner Besonderheit als eines Vorzugs bewußt.

In meinem Zimmer, das ich allein bewohnte -- Mademoiselle war auf

Urlaub bei ihren Eltern in der Schweiz geblieben --, stand ein

verschlossener Schrank. Ich studierte durch die Glastüren die Titel auf

den Rücken der Bücher, soweit das meine ziemlich unzureichende Kenntnis

der deutschen Buchstaben zuließ; französisch war mir bisher allein

geläufig geworden. Auf einer Reihe großer Quartbände wiederholten sich

immer dieselben Worte: »Die Geschichten aus tausend und einer Nacht.«

»Tausend und eine Nacht«, -- hieß nicht so das Buch mit den bunten

Bildern, aus dem mir Großmama Aladins seltsame Abenteuer vorgelesen

hatte? Niemand erzählte mir Märchen in Augsburg, die alte Kathrin wußte

nur immer dieselben Gespenstergeschichten, ach, wenn ich doch selber

lesen könnte! Heimlich versuchte ich, mit allen Schlüsseln, die mir

erreichbar waren, den Schrank zu öffnen, um zu den Schätzen zu gelangen,

die er barg. Endlich, endlich sprang er auf. Wie gut, daß ich Halsweh

hatte und Tante und Mama allein spazieren gefahren waren! Mit klopfendem

Herzen nahm ich einen Band nach dem andern heraus -- ich sehe noch ihr

gebräuntes Leder vor mir und ihr gelbes, stockfleckiges Papier! -- und

betrachtete die vielen Bilder darin: Geister und Ungeheuer, Männer auf

sich bäumenden Rossen mit krummen Säbeln und hohem Turban und wunder-,

wunderschöne Frauen. Von nun an hatte ich häufig »Halsschmerzen« und

ließ mir mit rührender Geduld Einreibungen und Umschläge gefallen, trug

auch klaglos das rote Flanellläppchen, das ich sonst nicht rasch genug

hatte abreißen können. Sobald ich allein war, vertiefte ich mich in die

Bücher. Es waren unverkürzte Übersetzungen des herrlichen

Märchenschatzes; ich lernte lesen darin; der ganze Farbenreichtum, die

ganze Glut des Orients umgaben mich wie mit einem Zaubermantel. Wie oft,

wenn ich mit glühenden Wangen und heißen Augen den Heimkehrenden

entgegentrat, wurde mir der Fieberthermometer besorgt unter den Arm

gesteckt. Aber ich hatte kein Fieber, -- ich hatte ja auch nur mit den

Ausschneidepuppen gespielt, die in buntem Durcheinander auf meinem

Tische lagen!

Warum ich mein Geheimnis verschwieg? Nicht nur, weil die Mutter ganz

gewiß die Bücher verschlossen hätte, sondern weit mehr noch, weil alles,

was mich am tiefsten ergriff, auch am tiefsten verhüllt bleiben mußte.

Es erschien mir entweiht, seines Wertes beraubt, wenn andre es sahen,

besprachen, betasteten. Großmama allein hätte ich davon erzählen können.

Niemand merkte das Geheimnis, in dem ich lebte, niemand ahnte, daß ich

in den dunkeln Gängen und tiefen Nischen alle Spukgestalten meiner

Bücher leibhaftig vor mir sah, daß sie mir aus den Bildern an den Wänden

entgegentraten, daß ich eine seltsam schwüle, schwere Luft durstig

einatmete.

Seit meiner ersten Kinderzeit hatte ich die Gewohnheit, mir abends im

Bett Geschichten zu erzählen; das waren meine köstlichsten Stunden! Da

störte mich nie die rauhe Hand der Wirklichkeit, da lachte mich keiner

aus. Von nun an wurden meine Phantasten wilder, so daß ich mich oft vor

ihnen fürchtete und zitternd unter die Bettdecke kroch. Häufig genug

wartete ich mit fieberhafter Erregung auf den Schritt der Mutter im

Nebenzimmer, aber zu rufen wagte ich nicht, nachdem sie mich einmal

meiner »dummen Aufregung« wegen arg gescholten hatte.

Inzwischen war mein Vater nach Karlsruhe versetzt worden. Er und die

Großmutter besorgten den Umzug, suchten die Wohnung und richteten sie

ein. Beide erwarteten uns, als wir nach einer beinahe halbjährigen

Abwesenheit endlich heimwärts reisten. Mir war der Abschied von Augsburg

sehr schwer geworden, denn mochte ich mir noch so sehr den Kopf

zerbrechen, -- meine lieben Bücher heimlich mitzunehmen, gelang mir

nicht. Papa und Großmama erschraken, als sie mich wiedersahen. »So blaß

ist mein Alixchen,« sagte sie. »So dunkle Ränder hat sie um die Augen,«

fügte er hinzu. Als ich zuerst sein Zimmer betrat, einen langen Raum mit

einem einzigen breiten Fenster, sah ich eine durchsichtige, weiße

Gestalt mit gesenktem Haupt an mir vorüberschweben. Ich schrie auf und

erzählte nach vielem Zureden, was mir begegnet war; schon wollte die

Mutter auffahren, und der Vater murmelte etwas von »dem Unsinn, den man

dem armen Kinde beigebracht hat«, als die Großmutter mich still beiseite

nahm und lange und liebreich auf mich einsprach. Was sie sagte, weiß ich

nicht mehr, aber es löste mir Herz und Zunge. »Ach, bleib doch bei mir,

Großmama!« rief ich, während die Angst sich in Tränen löste. Andre

jedoch bedurften ihrer noch mehr als ich; ihr jüngster Sohn, Max, zog

sie an sein Krankenlager, und ich war wieder allein.

Es war tiefer Winter damals. Trübselig und neidvoll sah ich oft durch

die geschlossenen Fenster auf den Platz, wo die Kinder tobten,

Schneeball warfen und Schneemänner bauten. Ich durfte nur selten

hinaus. Von klein an war ich Halsentzündungen ausgesetzt gewesen, und

meine Mutter ließ mich, ebenso pflichttreu wie gedankenlos, bei kaltem

Wetter nur ins Freie, wenn es völlig windstill war. Aber auch dann wurde

ich dick verpackt und durfte nicht laufen wie die andern. Das ließ mich

noch mehr vereinsamen. Mir ist, als hätte ich die Winter stets

verschlafen, so wenig weiß ich von ihnen. Vom Frühling aber und vom

Sommer weiß ich um so mehr. Wir hatten einen großen Garten hinter dem

Hause mit alten Bäumen, blühenden Büschen und bunten Blumen. Hier war

mein Reich. Hier durfte ich ungestört umherspringen, mir Höhlen bauen,

die zu unterirdischen Schätzen führten, auf der Schaukel bis zu den

Wolken fliegen, die im Grunde gar keine Wolken, sondern Drachen und

Zaubervögel waren. Hier konnte ich mit meinen Bällen, die alle

Märchennamen trugen, geheimnisvolle Zwiesprach halten, so daß die

Nachbarn oft meinten, ich hätte Scharen von Gespielen im Garten. Puck,

unser alter Pinscher, dem zwei Feldzüge schon die Haare gebleicht

hatten, mußte sich hier zu jugendlichen Sprüngen bequemen, war er doch

das Flügelpferd, das mich ins Zauberland tragen sollte.

Ich war den größten Teil des Tages mir selbst überlassen. Mademoiselle

war froh, wenn sie den Mund nicht aufzutun brauchte und mit ihrer

unendlichen Häkelei friedfertig auf dem Sofa sitzen konnte. Papa war den

ganzen Vormittag auf dem Bureau des Generalkommandos tätig, nachmittags

ritt er mit Mama spazieren und arbeitete dann allein bis zum Abend.

Mama hatte immer schrecklich viele Besuche zu machen und zu empfangen;

und was beiden an freier Zeit etwa noch übrig blieb, das verschlang die

große, zu jeder Jahreszeit äußerst lebendige Geselligkeit. Nur

vormittags zwischen ein und zwei Uhr pflegte meine Mutter mich bei

schönem Wetter zum Spaziergang mitzunehmen. Mit dem Reifen, meinem

unzertrennlichen Gefährten, lief ich voraus durch eine jener

menschenleeren, langen, graden Straßen, die in Fächerform sämtlich am

Schloßplatz münden, und trieb mein Spiel durch die stillen Laubengänge

des Parks, bis es Zeit war, Papa vom Bureau abzuholen. Pünktlich, wenn

wir vor dem Hause standen, schloß der Kommandierende, General von

Werder, der Sieger von Wörth, die Vormittagsarbeit und kam mit Papa

hinaus, um uns heim zu begleiten, denn er mochte alle schönen Frauen

gern, meine Mutter insbesondere. Ich sehe ihn noch, den kleinen Mann,

mit den Händen auf dem Rücken und den blitzenden Augen in dem scharf

geschnittenen Gesicht, wie er neben uns herging, immer zu einem derben

Scherz bereit und stets einen Leckerbissen für mich in der Tasche.

Mein Reifen ruhte auf dem Heimweg, denn dann hatte der Vater mich an der

Hand, und des Fragens und Erzählens war kein Ende. Wenn er für meine

Phantasien auch nur wenig Verständnis hatte und ich mich hütete, sie ihm

anzuvertrauen, so wußte er doch wie kein anderer meine Wißbegierde zu

stillen. Er hatte eine Art, mir die Dinge klarzumachen und selbst

schwierige Probleme meinem kindlichen Verständnis nahezubringen, mir

Naturerscheinungen, chemische oder physikalische Vorgänge zu erklären

und mich das Leben der Pflanzen und Tiere beobachten zu lehren, die die

kurzen Stunden des Zusammenseins mit ihm wertvoller für mich machten,

als wenn ich den ganzen Vormittag in der Schule gesessen hätte. Kamen

wir nach Haus, so gingen wir zusammen in den Stall, und ich brachte den

Pferden meinen Frühstückszucker, den ich mir täglich vom Munde absparte,

seitdem Mama mich wegen meiner Zuckerverschwendung gescholten hatte.

August, unser Kutscher und Faktotum, der mir trotz seiner verdächtig

roten Nase viel lieber war als alle Mademoiselles zusammen genommen,

mußte den kleinen Braunen herausführen, und ich durfte auf Mamas Sattel

im Hof umherreiten, während Puckchen steifbeinig nebenher trabte, die

Augen ernsthaft auf mich gerichtet, als müßte er Sitz und Haltung ebenso

beobachten und kritisieren wie Papa. Der war kein bequemer Lehrmeister,

und ich fürchtete diese halbe Stunde vor Tisch mehr, als daß ich mich

daran freute. Ja, reiten, -- das mußte herrlich sein! Frei, mit

verhängtem Zügel über Felder und Wiesen, -- vor Wonne klopfte mein Herz,

wenn ich daran dachte! Aber im engen Hof, immer im Schritt, bestenfalls

im kurzen Trab in der Runde, jeden Moment gewärtig, vom Vater heftig

angefahren zu werden, wenn ich krumm saß, die Zügel verkehrt hielt, die

Ecken nicht ausritt oder die Peitsche verlor, -- gräßlich wars! Laute,

harte Worte zu hören, verwundete mich aufs tiefste, und die

Liebesbeweise, mit denen mein Vater mich nach jedem Ausbruch seiner

Heftigkeit in doppeltem Maße überschüttete, vermochten den Eindruck

nicht auszulöschen. Ich bemühte mich, sie nicht hervorzurufen -- man

nannte das lobend »artig sein« --, aber mein Herz krampfte sich dabei

zusammen, und ich zog mich mehr und mehr in das Gehäuse meines

verborgenen Lebens zurück, was meine Mutter als ein erfreuliches

Resultat ihrer Erziehungsmethode betrachten mochte, die nur ein Prinzip

kannte: Selbstbeherrschung. »Ein gut erzogenes Mädchen zeigt seine

Gefühle nicht,« pflegte sie zu sagen, und so vergrub ich mich in die

Kissen meines Betts, wenn ich weinen mußte, und lief in den Garten

hinaus, um mich hoch in die Lüfte zu schaukeln, wenn ich mich freute.

Eigentliche Freunde und Spielkameraden hatte ich nicht, wohl aber

geselligen Verkehr, der mich Sonntags fast immer, schön geputzt, aus dem

Hause führte. Im Schloß bei Großherzogs war ich ein häufiger Gast:

Prinzessin Viktoria und Prinz Ludwig, zwei blühende Kinder damals, waren

lustige Gefährten, und beim Baumplündern zu Weihnachten, beim Eiersuchen

zu Ostern hallte das Schloß wieder von unserm Lachen und Lärmen, an dem

das freundliche Elternpaar stets die meiste Freude hatte. Nur das Kochen

in Vickis großer Küche, die das Ideal aller andern kleinen Mädchen war,

langweilte mich entsetzlich, -- die Fee, die dem Wickelkind die

Hausfrauentugenden in die Wiege legt, war offenbar zu meinem Tauffest

nicht geladen worden! Da wars bei Max und Marie doch schöner, den

Kindern des Prinzen Wilhelm, deren kaiserlicher Großvater ihnen aus

Rußland das kostbarste Spielzeug zu schicken pflegte: Eisenbahnen mit

richtigen Schienen, Puppen, die laufen und reden konnten, -- lauter

Dinge, die zu jener Zeit für gewöhnliche Sterbliche unerreichbar waren.

Am allerbesten aber gefiel es mir in einem Hause, dessen Herrin, eine

Tochter Bettinens auch dem Geiste nach, es verstand, Märchen zu

Wirklichkeiten zu machen. Mit ihren beiden reizenden Töchtern, die um

ein paar Jahre älter waren als ich, fertigte sie aus buntem Seidenpapier

die köstlichsten Gewänder an, mit denen geschmückt wir lebende Bilder

stellten, Scharaden aufführten und uns als Helden Grimmscher Märchen in

unsre Rollen so einlebten, daß die Rückkehr in die prosaische Erdenwelt

uns hart ankam. Unsre Feste wurden bald die große Attraktion der

Gesellschaft; oft genug sah auch der Großherzog uns zu, und ich erinnere

mich noch recht gut, wie ich einmal als kleiner Amor im rosa Hemdchen,

mit goldenen Sandalen und blitzenden Flügeln aus einem Strauß lebendiger

Blumen meinen Pfeil auf ihn zu richten hatte und auf seinen lachenden

Zuruf: »Nun, schieß los!« das strenge Schweigegebot vergebend,

antwortete: »Aber das tut weh!« Bald lernte ich besser, bei solchen

Gelegenheiten die Fassung zu bewahren, denn lebende Bilder und

Kostümfeste waren auch bei den »Großen« an der Tagesordnung, und fast

überall wirkte ich mit. In Scheffels Dichtung vom Rockertweibchen, die

unter seiner persönlichen Leitung dargestellt wurde, war ich ein kleines

Schwarzwaldmädchen, das sich der besonderen Gunst des Dichters erfreute.

Er hatte immer eine Düte für mich in der Tasche, und das erste Glas

Sekt, das mir warm und wohlig bis in die Fußspitzen niederrieselte,

verdanke ich ihm. Auch ein Rokokodämchen war ich, mit hoch aufgetürmtem,

gepudertem Haar, und ein Elfenkind, und das Veilchen auf der Wiese, --

was Wunder, daß ich immer unlustiger morgens vor meinem alten,

pedantischen Lehrer saß, der mich Buchstaben malen, Gesangbuchverse und

Bibelsprüche hersagen ließ. Im Strudel rauschender Freude untertauchen

oder lesen und träumen für mich ganz allein, -- was dazwischen lag: das

Alltagsleben mit seinen Pflichten und Leiden, war wie eine staubige

Straße, die ich am liebsten zu gehen vermied. »Pflichten« besonders

waren mir verhaßt; ich definierte sie schon als sechsjähriges Kind auf

eine Frage hin als das, »was immer unangenehm ist«. Alles, was Mama z. B.

tat, wenn sie ein recht unzufriedenes Gesicht dazu machte, erklärte sie

für Pflichterfüllung: die schmutzige Wäsche selber zählen, obwohl drei

Dienstboten daneben standen, die Zutaten zum Kochen herausgeben, obwohl

wir eine vortreffliche französische Köchin hatten, nachmittags mit mir

spazieren fahren, obwohl wir uns beide schrecklich dabei langweilten, --

ja selbst die Dämmerstunden bei Papa, wo er zu Frau und Kind gern

zärtlich war, schienen mir, nach ihrem Ausdruck zu schließen, in dieses

Gebiet zu gehören. Ganz gewiß, ich würde nie meine Pflicht erfüllen,

schwor ich mir heimlich und suchte meine Theorie nur zu oft in die

Praxis umzusetzen, indem ich tat, was mir zu tun gefiel, und Befehlen,

deren Ursache und Zweck ich nicht einsah, hartnäckigen Widerstand

entgegensetzte. Der meiner freien Bewegung gezogene Umkreis konnte daher

für meine Bedürfnisse nicht weit genug sein; darum war der Sommer so

schön, wo ich den Garten fast für mich allein hatte, wo ich auf dem

Lande bei Verwandten und Freunden der weitgehenden Ungebundenheit mich

erfreute.

Eingebettet zwischen weiß- und rotblühenden Obstbäumen, überragt von

grünen Hügeln, zu denen schmale, nußbaumbeschattete Wege emporführten,

noch nicht erobert von dem Feinde aller verträumten Poesie, der

fauchenden, qualmenden Maschine, lag Weinheim damals zu Füßen der

Bergstraße. Dem Grafen Währing, dem Bruder meiner Urgroßmutter, hatte

das Schloß gehört, das mit seinen Gärten und Weinbergen das Städtchen

beherrschte. Jetzt hauste seine Witwe, eine achtzigjährige Greisin dort

oben, der niemand ihr Alter ansah, und bei der wir oft wochenlang zu

Gaste waren. Wie eine Marquise aus dem achtzehnten Jahrhundert war sie

anzuschauen: klein, zierlich, sprudelnd von Geist und Leben, mit

winzigen weißen, von Juwelen bedeckten Händen, allerhand seltenes

Tierzeug -- weiße Angorakatzen, schlanke Windspiele, lockige

Zwergpinscher -- um sich herum. Sie pflegte sich stets nur mit Jugend zu

umgeben, -- es sei genug, daß der Spiegel sie an ihr Alter erinnerte,

meinte sie. Je toller es um sie her zuging, je mehr Liebesgeschichten

sie sich entspinnen sah, desto fröhlicher war sie. Immer hatte sie

Schränke voll Pariser Toiletten bereit, um ihre weiblichen Gäste -- die

schönsten am häufigsten -- damit zu beschenken, und Juwelen, Ringe und

Armbänder aller Art, mit denen sie sie schmückte. Wer harmlos irgend

etwas, was nicht niet- und nagelfest war, bei ihr bewunderte, dem wurde

es als Geschenk aufgenötigt. Und was für merkwürdige Dinge gab es in

ihren Salons mit den Louis XV. Möbeln, den hohen Spiegeln und vielen,

vielen Bildern und Bilderchen: da waren Sessel, Fußbänke, Bücher, aus

denen in tollem Durcheinander Mozartsche und Offenbachsche Melodien

ertönten, sobald sie benutzt wurden; Gemälde, die plötzlich in der Wand

verschwanden, um einem Schränkchen voll süßem Naschwerk Platz zu machen;

Tischchen, die in den Boden sanken, wenn man sie anstieß, um mit Wein

und Kuchen besetzt wieder zu erscheinen, kurz -- ein Paradies für ein

wundergieriges Kinderherz! Und dann der Garten mit seiner Fülle von

Beeren und Blumen, mit seinen dichten Laubengängen und lustigen

Wasserspielen -- und die Freiheit vor allem, die ungebundene!

Wenn ich bei Tisch erschien, musterte die alte Tante mich zuvor

sorgfältig, rückte da eine Falte zurecht, steckte mir dort eine Schleife

an, wickelte meine Locken über ihre feinen Fingerchen, zog das Kleid

noch tiefer von meinen magern Schultern und holte die Puderquaste aus

ihrer kleinen goldnen Taschenbüchse, um den Rest Vormittagsübermut von

meinen Wangen zu entfernen. »Est-elle gentille, la petite?!« sagte sie

dann, mich vor dem Spiegel drehend. Mit Seide und Spitzen, mit Kettchen

und Armbändern, mit Worten und Ratschlägen, die für die Seele einer

Siebenjährigen nichts andres waren als süßes Gift, warb sie um mich und

modelte an mir. Was sie sagte, weiß ich heute nicht mehr, aber ich weiß,

daß ich von ihr erfuhr, des Weibes Aufgabe sei, zu gefallen und zu

herrschen, und all die Spiegel und Büchschen und Fläschchen des

Toilettentischs, all die Geheimnisse des Boudoirs seien nichts als

Etappen auf dem Wege zu ihrer Erfüllung. Das Bewußtsein, hübsch zu sein,

machte mich stolz, und mit der Koketterie des kleinen Mädchens suchte

ich zum erstenmal ein männliches Wesen mir gefügig zu machen. Die alte

Tante hatte einen Heidenspaß daran, nur war leider der arme Rudi, ihr

Enkel und mein Spielgefährte, ein gar zu ungeeignetes Objekt für meine

Künste! Er stotterte und war infolgedessen scheu und ängstlich; und ich,

die ich mit jener unbewußten Grausamkeit der Kinder, mein Licht vor ihm

leuchten ließ, verschüchterte ihn nur noch mehr. Armer Rudi! Das

Stottern hat man ihm später abgewöhnt, aber in seinem Gemüt ist doch

irgend etwas Angstvoll-Zitterndes zurückgeblieben: auf der Höhe des

Lebens hat er sich eine Kugel in die Schläfe gejagt, und keiner wußte,

warum.

Meine Erziehung durch die alte Tante war gewissermaßen nur eine

theoretische; am Anschauungsunterricht sollte es auch nicht fehlen. Wir

verbrachten die Herbstwochen häufig bei französischen Verwandten auf

ihrem Schlosse im Elsaß, einer sagenumwobenen alten Ritterburg.

Gefallene Größen des napoleonischen Hofes -- männliche und weibliche --

gaben sich dort zur Jagd und Weinlese ein Rendezvous. Ein Stück Pariser

Leben spielte sich vor meinen erstaunten Augen ab: da war der Herr des

Hauses, ein schwer reicher Emporkömmling, dessen kurze, dicke Hände, mit

denen er meine Wangen streichelte, mir in fatalster Erinnerung sind, --

neben ihm seine vornehme zarte Frau, immer in Spitzen gehüllt, an denen

ihre durchsichtigen Hände nervös hin und her zerrten. Eine ihrer Töchter

war Onkel Maxens Frau, die Mutter meines alten Spielgefährten Werner,

den ich zu meiner hellen Freude hier wiedersah. Sie war die schönere von

den beiden Schwestern, dabei still und phlegmatisch, eine

Haremsfrauennatur, während die andere von Geist und Leben sprudelte und

der Mittelpunkt eines Kreises ausgelassener junger Leute war. Mich

beachteten sie wenig, sie taten sich keinerlei Zwang an vor mir; »la

petite« hatte ihrer Meinung nach ebensowenig Augen und Ohren wie die

Zofen und Lakaien, ja sie galt zuweilen als der harmloseste Liebesbote.

Aber ich war nur allzubald gar nicht mehr harmlos: mit zitternder

Neugier beobachtete ich ihre Tändeleien, ihre Stelldicheins, ihr

Flüstern, ihre Küsse, und Wellen heißen Lebens, die mir über den Rücken

fluteten, ließen mich dabei erbeben.

Als wir das letztemal vom Elsaß nach Karlsruhe zurückkehrten -- acht

Jahre war ich damals --, kamen mir mein Garten und mein Spielzeug

merkwürdig fremd vor. Ein Stück harmloser Kindheit war mir inzwischen

verloren gegangen. Gierig stürzte ich mich über alle Bücher, deren ich

habhaft werden konnte, und wenn jemand mich zu ertappen drohte, steckte

ich sie rasch unter Puckchens Kissen, der fast immer auf dem alten

braunen Sofa neben mir lag. Wenn ich mir jetzt des Abends im Bett

Geschichten erzählte, so klopfte mein Herz nicht aus Angst vor den

Geistern, die ich rief und nicht zu bannen vermochte, sondern in heißer

Erregung über das abenteuerliche Schicksal, als dessen Heldin ich mich

selber träumte. Liebe, wie ich sie um mich gesehen hatte, Liebe, deren

Wonnen und Schmerzen im Mittelpunkt all der Lieder, all der Erzählungen

standen, die ich las, wurde zum Inhalt meiner Phantasien, und je kühler

ich die Luft empfand, die mich daheim umwehte, um so durstiger wurde

mein kleines Herz. Hatte ich doch schon lange den Feuerbrand im Innern

heimlich genährt und gehütet, weil ich niemanden besaß, vor dem ich ihn

als Opferflamme hätte aufsteigen lassen können, -- nun mußte ich mir

selber den Gegenstand meiner Leidenschaft schaffen. Eines der

erschütternsten Erlebnisse meiner Kindheit half mir dazu: das Theater.

Wagners Lohengrin war das erste, was ich sah. Konnte es für mich etwas

Herrlicheres geben als den Schwanenritter? Er erschien mir als die

Verkörperung idealen Heldentums. Meinen Eindruck vermochte ich nicht in

Worte zu fassen -- undankbar und empfindungslos wurde ich deshalb

gescholten --, aber meinem Herzen hatte er sich unauslöschlich

eingeprägt. In demselben Winter sah ich die Jungfrau von Orleans, und

nun stand es fest für mich: nicht eine Elsa, die dem Geliebten die Treue

brach, wollte ich sein, sondern eine Johanna, die seiner würdige Heldin

welterlösender Taten.

Bald aber genügte mir der Lohengrin als Gegenstand meiner Liebe nicht

mehr, -- er lebte nicht, und der seine Silberrüstung trug, hatte die

Rolle nur gespielt, mich aber verlangte nach einem lebendigen Menschen.

Wenn das Herz auf die Suche geht und die Phantasie die Führung

übernimmt, dann wird gar rasch gefunden! -- Bei meinen Eltern gingen

viele Gäste aus und ein. Ein junger, schlanker Dragonerleutnant mit

einem schmalen, blassen Gesicht war unter ihnen, der sich oft mit mir

unterhielt, -- nicht wie die andern nur mit mir scherzte und spielte.

Und durch nichts konnte man mich leichter gewinnen, als indem man mich

ernst nahm; -- daß man es immer nur drollig und kindisch findet,

erbittert jedes geistig reifere Kind. So flog denn mein sehnsüchtiges

Herz ihm zu, und meine Phantasie umkleidete ihn mit aller Romantik des

Lohengrinhelden meiner Träume. Er war nicht von Adel, also namenlos wie

Elsas Ritter: gewiß würde er sich einmal als eines Königs verschollener

Sohn entpuppen, und mir fiele die Aufgabe zu, ihm Reich und Krone zu

erobern! Die schönsten Blumen aus meinem Garten legte ich heimlich auf

seine Mütze im Flur, ehe er ging, und der ganze Tag war mir verklärt,

wenn er morgens vorüberritt und mich grüßte.

Rohe Menschen mögen lachen über solche Kinderliebe und moralische sich

darüber entrüsten. Mir ist, als wäre sie die reinste meines Lebens

gewesen.

Im Frühling 1874 wurde mein Vater nach Berlin versetzt. Zum letztenmal

versammelten sich des Hauses Freunde um unsern Teetisch. Noch weiß ich,

wie mirs vor den Augen dunkelte, als ich meinem Helden die Hand zum

Abschied reichte. Heiß lag sie in der seinen. Dann strich er mir noch

einmal über den Kopf. »Wenn wir uns wiedersehn, bist du ein großes

Mädchen,« sagte er, »wer weiß, wir tanzen vielleicht noch einmal

miteinander!« Wortlos lief ich hinaus in mein Zimmer und biß verzweifelt

in mein Kopfkissen, um mein Schluchzen zu ersticken.

Kinderschmerz ist so gut echter Schmerz wie der der Erwachsenen, -- nur

daß wir ihn so leicht vergessen.

Am nächsten Morgen schrieb ich meine ersten Verse in ein altes

Schreibheft:

Maiglöckchen zart und rein,

Läut'st schon den Frühling ein?

Nein, nein, er kommt noch nicht,

Du gehst zu früh ans Licht.

Werd ich dich welken sehn,

Dann werd auch ich vergehn,

Und in das kühle Grab

Senkt man uns beide hinab.

Bis ich erwachsen war, hat es niemand zu sehen bekommen, wie man eine

getrocknete Blume -- eine Zeugin holder Stunden -- vor der Berührung

bewahrt, die sie zerstören würde.

Mein Garten stand in vollem Frühlingsflor, als wir Abschied nahmen. Ich

lief durch das Haus, wo die Packer hantierten, in den Stall, wo August

die Wagen in Decken hüllte. »Puckchen, mein Puckchen,« rief ich. Noch

nie war ich fortgefahren, und wäre es auch nur auf ein paar Tage

gewesen, ohne ihm ein Stückchen Zucker zu geben. Aber diesmal kam

Puckchen nicht. Ich frug den August nach ihm, er sah verlegen zur Seite

und murmelte etwas Unverständliches. Da fiel mir ein, daß Mama vor

kurzem von seinem Alter, der Möglichkeit seines Todes gesprochen hatte.

Das Herz stand mir still. Noch einmal suchte und rief ich, die Stimmen

von Mademoiselle und Mama absichtlich überhörend, die mich zur Eile

mahnten. »Geh nur, geh, Alixchen,« sagte August, der mir nachgekommen

war, beruhigend, »Puckchen findest du nicht -- --.«

»Er ist tot!« schrie ich außer mir und warf mich weinend in Augusts

Arme. Alles lief zusammen, mich zu trösten, aber fassungslos blieb mein

Schmerz. »Sieh, mein Kind,« sagte schließlich Mama, die mich auf den

Schoß genommen hatte, »Puckchen war alt und krank, er hätte sich mit

seinen blinden Augen in der fremden Stadt nicht mehr zurecht gefunden.

Eine Wohltat wars für ihn, daß ich ihn vergiften ließ ...« -- Ich

zuckte zusammen, wie unter einem Peitschenschlag. Meine Tränen waren

versiegt. Von der Mutter Schoß glitt ich herunter und sah sie groß an:

»Du -- du -- hast mein Puckchen vergiftet?!«

Dann ließ ich mich still zum Wagen führen. Irgend etwas war entzwei

gegangen in mir. Ganz ruhig und empfindungslos sah ich vom Coupéfenster

aus, wie die Stadt allmählich vor mir verschwand.

Memoiren einer Sozialistin: Lehrjahre · 第 8 / 35 题