Freilich _ganz anders_ arm! Wenn ich mich nur nicht gefreut hätte! das
kränkt mich; wenn Du nur nicht krank wärst, nicht stürbest! -- Nun wirst Du
mir traurig! versteh' mich nicht unrecht, Johannes, mir ist es nur um Dich!
Nur um die Kinder!
So mein ich's auch; seufzte Johannes.
Nein! ich nicht so. Daß sie _Dich_ nicht sollen haben! das thut mir leid!
und Du _mich_ nicht! --
Mir aber, daß die Kinder sollen betteln gehen, wenn ich sterbe! oder Du
stirbst dann auch -- ich und Du.
Lieber Johannes, tröstete ihn Christel, hast Du nicht gesehen, daß das
viele Vermögen dem alten Pachter vor unserem Vater nicht genutzt, daß er
die Kinder ganz verwöhnt und verzogen, und daß sie es durchgebracht haben!
Was hilft also Reichthum _ohne_ Gottes Segen? Nichts! denn der Herr kann
nehmen, wie und wo und wenn er will. Und so kann er auch geben! Siehst Du
denn nicht, wie des Predigers Kinder, die er mit der Witwe verlassen, Alle
wohlerzogen, wohlgerathen in der Welt ihr Brot mit Ehren gefunden, und
wieder Weib und Kinder haben, und Jedes doch ein Häuschen und ein Gärtchen,
so viel ihrer sind! Was schadet denn also die Armuth mit Gottes Segen? --
Nichts! Er nimmt den Reichen selbst durch Ueberfluß und _gesegnete_ Ernten
und _gute_ Zeiten, und giebt dem Armen selber durch Mißwachs, Krieg und
Noth. Da ist Arbeit, da gelten Hände, da erwirbt, wer fleißig und klug ist!
Siehe, Adam verließ seinen Kindern auch nichts, als die ganze leere Welt,
und siehe, wir, seine tausendsten Enkel, leben auch noch.
Freilich nicht im Paradiese! seufzte Johannes.
Du hast keine Liebe zu Gott! Heißt nur Dein Vater Fommholz? Und gar erst,
-- Du solltest doch denken, _wessen_ Namen Du trägst, Johannes; ach, Du
hast Ihm nicht an der Brust gelegen, klagte Christel fast mit Thränen und
Vorwurf.
Es mag ihnen auch manchmal kümmerlich genug gegangen sein, als sie auf
Erden pilgerten und bloß vom _Säen_ lebten! sagte mitleidig Johannes.
Und dennoch hatten sie Liebe und thaten etwas, das sie nicht ließ an Noth
und Mangel denken, belehrte ihn Christel. Bleibe uns nur gut, weil wir arm
sind, weil ich arm bin, und verachte Dich selber nicht, weil Du uns nur so
viel geben kannst, womit wir ja doch von Herzen zufrieden sind! Beten die
Kinder nicht alle Morgen und Abende? Danken sie nicht bei Tische ihrem
Herrgott für die empfangene Wohlthat? --
Und Du trocknest Dir die Augen mit der Schürze dazu und siehst mich nicht
an. Du denkst, ich bin taub und blind, daß ich nicht sehe, wie die Kinder
so bescheiden aussehen! wie Du immer sprichst: Ich bin satt! da, meine
Kinder! wie Du dich grämst um sie und nicht wagst, mich anzusehen, wenn ich
auf einmal in ihr Gebet mit einfalle und _laut_ Gott danke für Alles, was
wir empfangen haben, und Du mir mit dem Finger drohst und mich dann
strafst: Johannes! das ist kein Dank! -- Wohl dem, der seinen Kindern geben
kann, was sie bedürfen! und reichlich, daß sie freudig sind! Wohl dem, und
wohl ihnen, daß sie nicht gleich die Erde betrachten wie ein Armenhaus,
worin nichts ist für sie, als was sie durch Mildthat empfangen, wo die
Kirschbäume _ihnen_ keine Kirschen tragen, das Feld keinen Lein, der
Weinstock keine Traube, keinen Tropfen Wein! Wo sie an die vollen lachenden
Körbe mit Pfirsichen treten und sich wundern, daß die Gottesgabe nicht
_umsonst_ gegeben wird, sich wundern, daß man sie mit einem Kreuzer
_bezahlen_ kann, dann die Hände auf den Rücken legen und traurig fortgehen,
daß sie den Kreuzer nicht haben! Und vollends _jetzt! jetzt!_ meine
Christel. Es ist gut! sagte er, und kehrte sich von ihr weg, mit dem
Gesichte an die Wand.
Soll ich denn Alles sagen, weinte Christel. Ich habe den Vater im Sarge
gesehen. Wie lag er doch so ruhig da! ja wie lächelte sein Gesicht! Und
doch hatten wir sieben unerzogene Kinder an seinem Sterbebette gekniet und
geweint, und doch entschlief er ohne Kummer, ohne ein Wort der Klage. Hat
er nun nicht gewußt, daß wir ohne ihn verlassen sein würden? O ja, er hat
es gewußt. Aber er hat auch in jener bittern Stunde, wo ihm _kein Mensch_
helfen konnte, kein Mensch etwas geben und sein, da hat er im _Herzen
empfunden_, daß er selbst Nichts sei ohne den Vater im Himmel. So ist sein
Zutrauen _zu sich_ verschwunden mit der Rathlosigkeit und Hülflosigkeit, in
die er versunken war. So sah er uns zwar liebevoll Alle noch ein Mal an,
zog uns Alle noch ein Mal an sein Herz und ließ uns die Hände, darauf zu
weinen; aber er lächelte nur in unsere Thränengesichter und verwunderte
sich; und so schloß er die Augen gelassen, und auf seinem Antlitz schwebte
die _Gleichgültigkeit_ der Todten gegen Alles, was Welt heißt -- und die
stille Furcht, zu Gott zu nahen, und die feste Zuversicht, ihn zu finden!
Ach, wir waren ihm nicht _geringer_ geworden, als etwas so Vergängliches,
wie Menschen sind. Nein! -- Gott war ihm als sein Vater und unser Vater
erschienen, in seinem Glanz, seiner Macht und Liebe hervorgetreten. Er war
auch nur wieder sein Kind geworden, und so waren wir auch nicht mehr nur
seine, sondern auch seines Vaters Kinder. Das bedeutete sein letzter Blick
zum Himmel, das sagte die stille Hoffnung auf seinem Gesicht im Sarge, sein
stummes Scheiden aus dem Hause, und dort sein Text auf dem Steine! Sieh'
nur hin, es glänzt Dich doch an! O eine Krankheit ist ein großes Glück für
den leichtsinnigsten Menschen, geschweige für den Frommen. Und wir, die wir
es sehen, wie die Sterbenden lächeln, wie sie still dahin ziehen, wir
sollten sie nicht verstehen? Wir könnten mit offenen Augen, mit klopfendem
Herzen wenigstens nicht nachempfinden, was ein Sterbender einzig und allein
nur sieht? Ach, wir Gesunden, wir Lebenden sehen _zu viel!_ uns verwirrt
die Arbeit und Sorge und Mühe, daß Gott auch um uns ist; wenn wir das reife
Getreide schneiden, empfinden wir nur die Hitze des Tages, und legen uns,
müde von Arbeit, zu schlafen, und denken, morgen einzualtern, oder an das
Mahlen und Backen und das liebe Brot, das wir bedürfen.
Ja wohl! Du hast schon Recht; Gott wird schon Recht behalten! sagte
Johannes.
Das soll er auch! eiferte Christel. Was hilft es denn mehr, als daß wir
_das Unsere_ gethan, wenn wir für unsere Kinder sorgen. Aber wie weit
reichen wir! Denn siehe doch an: Wer sorgt denn nur einst für die Kinder
von unsern Kindern? Sind die nicht unsere? Gelten die Nichts? Und müssen
wir diese nicht schon doch Gott und der Welt überlassen? Und warum denn
nicht auch schon unsere Kinder, wenn wir das Unsere _gethan_, wenn es auch
nur in Liebe und Wünschen bestand! Und hast Du die Kinder nicht lieb?
Antwort: Ja! Und wünschest Du etwa uns Allen nicht ewige gute Tage?
Antworte doch: Nein! Du verwunderst Dich! -- Du wirst schon besser werden,
besonders wenn Du _besser_ wirst. Ich bin nicht furchtsam, sondern Du! Du
bist der Hasenfuß -- nicht der kleine Junge!
Johannes lächelte -- Christel lachte vor Freuden, und die mühsam
verhaltenen Thränen kamen ihr nun erst hervor, -- wie es noch regnet, wenn
vom seitwärts klar gewordenen Himmel die Sonne schon wieder scheint. Und so
blieben sie Beide, zufrieden neben einander ruhend, lange Zeit.
12.
Erst am andern Abend kam Dorothee in einem schwarz-seidenen Mantel. Sie gab
Johannes die Hand, setzte sich und schwieg. Nur manchmal seufzte sie.
Christel erwartete in Gedanken, daß sie Etwas von dem Gelde vielleicht ihr
bringen, nur leihen sollte. Aber Dorothee langte aus dem Mantel ein
besiegeltes Document, gab es Christel, und sagte: Hebt mir es auf, ich kann
es vielleicht brauchen. Der Herr hat das Geld. Ich mußte --
Christel lächelte und hob das Papier auf.
Dorothee schien hier keine Ruhe zu haben und ging umher.
Geht Dir es nicht wohl? fragte sie Christel.
Daß ich nicht wüßte! versetzte Dorothee.
Nun ich will Dich nicht aufhalten! Johannes verlangt keinen Dank, wenn Dich
das etwa beklemmt.
Aber noch Eins, eh' Du gehst, hier ist die Bibel, und hier ist der Vers.
Wir haben um Dich verdient, daß wir Dich bei Gutem erhalten. Ich habe meine
Ursachen dazu.
Sie schlug die Bibel auf, zündete einen Span an und leuchtete. Dorothee sah
lang auf die Blätter. Nun? fragte Christel. Und so las denn Dorothee die
Worte: Selig sind, die reines Herzens sind -- aber sie seufzte unmerklich,
dann sah sie auf Johannes, um ihren feuchten Augen eine Ursache zu geben.
Nun gehe mit Gott! Dorothee; sprach Christel.
Aber da ist noch das Goldstück; gut, daß es mir einfällt! So holte sie es,
wickelte es aus dem Papier und legte es auf die Bibel ihr hin. Kennst Du
solches Geld? fragte sie. O ja, antwortete Dorothee erröthend. Nun so nimm
es Deinem gnädigen Herrn mit! Dem gehört es.
_Meinem?_ erschrak Dorothee, und wagte doch nicht in Christels Augen zu
sehen, ob und was sie meine.
Nun ja: Deinem, versetzte Christel.
Ich bin ja Jungfer bei der gnädigen Frau; erwiederte Dorothee.
Sie soll eine gute gnädige Frau sein; sagte Christel. Geh' nur mit Gott! --
Und so ging sie, und sie sahen dann erst, daß sie das Goldstück dagelassen.
_Das_ Geld will sie nicht! meinte Christel zu Johannes.
Du bist brav, meine Christel, dachte Johannes, ohn' es zu sagen; um
Deinetwillen muß ich besser werden!
13.
Christel that es nur leid, daß sie den vortrefflichen Kometen-Most allein
trinken sollte, denn ihrem Johannes war er schädlich und vom Lizentiat
verboten. Sie setzte sich aber jedes Mal aufs Bett zu ihm, wenn sie davon
trank, sahe ihn dabei an, und so bildete sie sich ein, _er_ genieße seine
Süßigkeit mit. Die alte Wirthin ward nicht vergessen, und auch der alte
Schulmeister Wecker bekam, so viel er wollte. Denn der gute Mann hatte sich
seine Suspension zu Gemüthe gezogen, besonders das Wort des
Gerichtshalters: daß es ihm leid thue, daß suspendiren nicht »aufhängen«
bedeute. So war er denn übergeschnappt, zuletzt sogar und dieß Mal nicht
ohne Grund -- da er Alles verkehrt gelehrt und an den Kindern seinen
Verdruß über den Tanz mit den Buchstaben alle Morgen aufs Neue unbarmherzig
vermerken lassen, und zwar an der ganzen Schule durch die Bank, um die
Schuldigen unfehlbar mit zu treffen -- wirklich abgesetzt, dispensirt
worden, und der arme, irre Mann übersetzte das Wort nun: _zweimal
gehangen_, weil durch einen Schreibfehler des Amtscopisten _bispensirt_ in
seiner Entlassung stand, die er immer zu seiner Legitimation als
abgesetzter Schulmeister bei sich trug. Das Schulhaus war, wie gewöhnlich,
nicht sein, er lebte nun von seinen verkauften armseligen Sachen, die
allgemach von ihm Abschied nahmen; und als er das erste Mal zu Christel
eintrat, frug er, wie ihm sein alter Brotschrank um den Hals stehe? und das
Butterfaß auf dem Kopfe? --
Christel aber sahe mit feuchten Augen, daß er eine neue Wintermütze auf dem
Kopfe und ein neues Halstuch umhatte. --