Nun das wollt ich nur wissen! versetzt' er. Nur der alte Seiger mit dem
Kuckuck auf den Füßen ist mir zu enge! Das ist der Kuckuck! sagte er. --
Auch neue Schuhe! erstaunte Christel.
Das wollt' ich nur wissen! sagt' er. Ich komme eigentlich, versetzt' er, um
zu beweisen, daß ich auf Euren Johannes nicht böse bin, daß er mich um mein
Amt buchstabirt hat. Das kommt aber daher, daß ihn seine lieben Aeltern
nicht das heilige A. B. C. haben lehren lassen. Und ich bin der Mann, die
Scharte auszuwetzen! Aber tüchtige Hiebe wird es setzen! Aber seht, ich
habe eine tüchtige Ruthe, die wird schon aushalten bis zum O! oder W! -- es
kommt auf sein Genie an. Ja! seht mich nur an, sagt' er! Ich bin der Mann!
Denn wie mein Halstuch ein Brotschrank ist, so bin ich das leibhaftige
Schulhaus nebst allem Zubehör, und was darum und daran hängt, wie an meinem
alten Rocke. Unser Herrgott ist auch nicht die Welt, sondern ganz separat,
und wenn er die Sonne ausbläst wie ein Licht: so sitzt er drum noch nicht
im Finstern. Heut zu Tage ist Alles ambulant! ja sogar fliegend! selber das
Lazareth! Ich aber schleiche ja nur ganz sacht auf meinem Kuckuck, als die
sichtbare und wahre Schule. So wollen Wir denn in Gottes Namen anfangen!
Darauf erhob er seine Stimme, ging in der Stube mit halb zugemachten Augen
auf und ab und sang, wie er immer vor Anfang der Schule gewohnt war, den
Vers:
Erhalt' uns in der Wahrheit!
Gieb ewigliche Freiheit,
Zu preisen deinen Namen
Durch Jesum Christum. Amen!
Nun wie weit waren wir denn in der letzten Stunde? fragte er und setzte
sich an das Bett, langte das A. B. C. Buch aus der Tasche und legte die
Ruthe neben sich hin.
Und so mußte denn Johannes das A. B. C. lernen, welches er ihm zu Gefallen
that, um dem armen Mann seine Freude zu lassen. Dann ging er in andre
Häuser lehren, und man hörte sein: »Erhalt' uns in der Wahrheit.« Manche
behielten den als A. B. C. Lehrer immer noch brauchbaren Mann zum Danke zum
Essen, oder steckten ihm Brot in seinen ambulanten und fliegenden
Brotschrank, die großen Taschen, das er ruhig geschehen ließ, als wenn er
nichts merkte, und während dessen die Kinder ermahnte, oder noch den Vers
zum Schlusse der Schule sang und dann mit schlauem Blicke sich für das
reichliche, wohlgebackene _Schulgeld_ bedankte. Er schlief des Nachts, wo
es ihm gefiel, auf der Ofenbank, oder bei wem er gerade des Abends zuletzt
war. Er hatte Niemand, denn sein Fritz war eigentlich schon ein großer
Friedrich und bei durchziehenden Soldaten Tambour geworden. Da aber der
alte Mann Wecker hieß, wie ihn jetzt Alle, statt Schulmeister nannten: so
hatte er einen Haß gegen die Hähne bekommen und führte Krieg mit ihnen, wo
er einen sah und krähen hörte, und sagte ihm: Mein Freund, _Ich_ bin
Wecker! und so fing er an, früh die Menschen selber zu wecken ohne
Unterschied, am liebsten jedoch mit inniger Freude die evangelischen
Geistlichen in der Gegend nach der Reihe, ja er krähte zuletzt dabei auf
einem Grashalm. Wie eigens nur dazu bestallte Männer in dem Pallaste der
Könige von England krähten, zur Warnung: nicht den Herrn zu verrathen, wie
-- Petrus.
Das war seine ganze Verrücktheit und sein ganzes Unglück. Uebrigens war er
glücklich, besonders wenn er des Sonntags Orgel spielen durfte, worauf der
neue Schulmeister kein _Schneider_ war und nicht exschellirte, wie er
sagte. Am liebsten war Wecker bei Johannes und hatte sich zuletzt fast
eingenistet bei ihnen, ob es gleich mit dem reichlichen, wohlgebackenen
lieben -- Schulgelde nicht immer ganz richtig aussah. Johannes, oft auf die
Kinder blickend, oder auf Christel, die nun spinnen saß, machte oft grobe
Fehler, die Wecker sonst mit Knien, Handschmissen oder dergleichen bestraft
hatte. Da nun der kranke Johannes jetzt nicht die Strafe abthun konnte: so
legte Wecker ein Schuldregister mit Kreide an der Kammerthür an, und es
standen nach und nach mehr als ein alt Schock Sünden angeschrieben, jede
nach ihrer Art mit besondern Zeichen, und Daniel kniete manchmal heimlich
und löschte dann einen Sündenbock an der Thür hinweg. Denn er selber ließ
sich nichts zu Schulden kommen und half dem Vater heimlich ein, oder
überhörte ihn.
Der Most nun langte zwar zu den Gesundheiten, die Wecker auf Johannes
Herstellung trank und sich alle Mühe gab, ihm durch einen guten Zug zu
beweisen, wie redlich er es meine; aber er langte bei Weitem nicht bis zu
seiner Wiederherstellung selbst, die erst nach mehreren Wochen erfolgte.
Der Lizentiat, ein geschickter Arzt, hatte sich alle Mühe bei ihm gegeben,
_um der gnädigen Frau gefällig zu sein_, von der er wahrscheinlich schon
die Curkosten bezahlt erhalten. Denn als er einst vom Edelhofe mit der Frau
Lizentiatin im Wagen nach Hause fuhr, hielt er vor Johannes Thür, ließ ihn
heraus kommen, und -- gab ihm eine sehr billige Rechnung.
Der Apotheker ist auch dabei! den vertret' ich! bemerkte er ihm.
Christel sagte aufrichtig: Beste Frau Lizentiatin, wir haben nur Nichts an
Gelde!
Auch Nichts an Geldeswerth? fragte die Frau Lizentiatin lächelnd.
Die Ziege meckerte sehr zur Unzeit.
Da ist ja eine Ziege! meinte sie etwas erheitert aus ihrer verdrießlichen
Miene.
Ja wohl! seufzte Christel, aber die brauch' ich für die Kinder!
Ich habe keine Kinder! bemerkte die Frau Lizentiatin spitz.
Wir haben auch ein Schwein! sagte Sophiechen hinter der Mutter Schürze
hervor.
So? mein Kind! -- Das ist ja ein recht liebes Kind! Laßt uns doch sehen!
sagte die Frau Lizentiatin.
So wurde denn aufgeriegelt, und Frau Lizentiatin bemühten sich, es in
Augenschein zu nehmen und zu befühlen. Das ist gutes Essefleisch! freilich
nicht in die Esse. Aber liebe arme Leutchen, man muß _von_ Euch nehmen, was
Ihr habt! Es thut mir recht leid.
Johannes und Christel sahen sich an. Johannes, sprach sie, Du bist ja
wieder gesund! Nur nichts schuldig bleiben! Die Kinder leben auch ohne
Wurst.
Man hat jetzt Beispiele, daß Menschen daran gestorben sind! Wurstgift --
das ist ein ganz neues Gift! bemerkte der Lizentiat, eine Prise nehmend,
und dachte: Du hast das Memento Doctoris hier vergessen: »Nimm! _wann_ es
schmerzt« -- so nimm nur noch jetzt: _wenn_ es auch schmerzt! Das kleine
Verbindungswörtchen »auch« ist ja keine Grausamkeit! -- Nur aufgeladen und
festgebunden auf den Bedientensitz!
Das geschah. Aber das giftige Schweinchen schrie so unbarmherzig, daß es
wieder abgebunden werden mußte. Die Gans im Wagen schrie auch.
Johannes! sagte der Lizentiat, ich gebe euch nun die Erlaubniß, zu gehen
und wieder Eure Geschäfte zu verrichten, nach wie vor. Ihr werdet fühlen,
daß Ihr gesund seid; Ihr seid lange nicht aus der dumpfen Stube gekommen --
die Stadt ist nicht weit -- Abends seid Ihr wieder da, macht Euch einen Weg
mit dem kleinen guten Dinge.
Die Frau Lizentiatin aber wußte sich noch hin und her zu beschäftigen und
ließ sich ein Langes und Breites mit dem Herrn Schulmeister ein, und sie
fuhren erst fort, als Johannes schon längst einen tüchtigen Stock genommen
und schon weit mit dem guten Essefleisch voraus auf der Straße war.
Christel und Wecker sahen nach.
Die Liquidation schrie wie schon dem Tode nah'! sprach er.
Das Schweinchen? sprach Christel.
Wessen ist denn nun das Schweinchen? frug Wecker.
Ihr seht ja: des Doctors! erwiederte Christel.
Aber wessen ist das Himmelreich! fragte der Schulmeister.