Sie weiß, was sich _schickt_, lächelte Christel. Wir sind ja Eheleute! --

Versteh' ich Dich recht, so bist Du ein Schelm! sagte Johannes. -- Und Du

mein _lieber_ Schelm, flüsterte Christel. -- Jugend ist doch Goldes werth!

meinte Johannes; wer im Alter arm ist, der ist wirklich arm! Lege an,

Christel! -- Der Kien ist alle; meinte sie lächelnd. -- Du bist mein gutes

Weib, sagte er; denn Du meinst es nur gut mit mir, weil Du weißt, daß ich

Dich lieb habe von Herzen.

Wie ich Dich! sagte Christel.

5.

Am nächsten Sonntage gingen sie schon früh hinab in das Dorf. Dorothee

blieb bei den Kindern. Sie nahten sich mit klopfendem Herzen; aber ihr

eigenes Leid ward gemäßigt, ja überwogen durch das Mitleid mit vielen,

vielen Menschen! Sie hörten schon von Weitem Gesang vom Kirchhofe und

Geläut von Begräbnissen, die fast kein Ende nahmen. Sie sahen kaum, daß

ihre Obstbäume im Garten bis an die Kronen mit Erd' und Sand verschwemmt

waren, daß Stroh und Holz in den Aesten hing; sie bedauerten kaum, daß ihr

Häuschen eingestürzt und der Boden ausgewühlt war, denn sie lebten, und

ihre Kinder lebten alle! und drüben segnete der Pfarrer einen Todten nach

dem Andern ein, um in geweihter Erde zu ruhen. Sie traten dann unter die

Menge der Betrübten, Neugierigen und Weinenden und begrüßten sich still

durch Kopfnicken und Lächeln mit ihren Bekannten. Dann hörten sie die

Predigt unter freiem Himmel mit an. Aber Christel getraute sich kaum, ein

Kind anzusehen, das seine Mutter verloren; und sie bejammerte nur still im

Geiste den Schmerz ihrer Kinder um sie; -- oder eine Mutter anzusehen, die

ein Kind verloren, oder den Mann, oder Kind und Mann! und sie lächelte

ihrem Johannes zu, erkannte ihn kaum und mußte ihn ordentlich bewundern,

wie er so in der Sonne stand! Sie getraute sich kaum Gott zu danken, so

bescheiden und gönnend schlug ihr das Herz. Und so war sie doppelt reich

und beglückt.

Als sie Nachmittags nach Hause gehen wollten, suchten sie noch zuvor auf

der Stätte ihrer Wohnung, und die Mutter las ein Körbchen voll allerhand

Kleinigkeiten zusammen, die noch zu brauchen waren. Ihre Katze stellte sich

ein, die Christel mitnahm, und Johannes fand ein kleines schwarzfleckiges

Schweinchen auf, das sein gehörte. Auch von Sophiechens Puppen waren zwei

in den Zweigen des großen Birnbaums hängen geblieben, ihr Gottlob und ihr

Annaröschen; und die Mutter weinte fast vor Freuden. So gingen sie gestärkt

durch die Ueberzeugung wieder heim, daß hier nichts mehr zu suchen sei, daß

sie nicht _das Beste_ verloren hätten.

Als sie nach Hause gekommen, fanden sie Dorotheen artig geputzt, die Haare

geflochten, und Christel bemerkte auch ein kleines weißes Bündel, das

Dorothee nun unter den Arm nahm, welche sie nur schien noch erwartet zu

haben.

Du willst uns wohl verlassen, liebes Mädchen? fragte Christel betreten.

Ich bin Euch jetzt zur Last, antwortete Dorothee; und ich will sie Euch

erleichtern.

Du erschwerst sie uns, wenn Du gehst, gute Dorothee, das glaube gewiß! Was

Viele mit Geduld und Lust ertragen, das ist kaum ein Unglück, so schwer es

zu sein scheint, und so schwer es den Einsamen drückt. Mit wem soll ich

mich nun ausreden, wenn Du gingest, wenn Du selbst nicht einmal mehr Ja!

sagtest, oder Nein! nach Deiner Art, oder gar nicht mehr zuhörtest! Und wie

werd' ich mich erst fürchten hier allein in der unheimlichen, schweigenden

Mittagsstunde, und in der Dämmerung, ehe Johannes von der Arbeit kommt? Du

meinst es nicht gut mit uns, nicht mit mir, noch den Kindern, Dorothee!

sagte sie halb bittend.

Dorothee schwieg und wollte ihr zum Abschied die Hand reichen, ja sie

küssen, um die feuchten Augen nicht erst sehen zu lassen.

Wo willst Du denn hin? Du thörichtes Kind, fragte Johannes. Muß es denn

sein? -- _Uns_ gehst Du nichts an, wenn wir Dich nichts angehen, Dorothee!

Dorothee sah ihn an, wandte sich dann zu Christel und sagte: daß Niklas

hier gewesen; daß die junge gnädige Frau eine Jungfer brauche, und so wolle

sie bei ihr Jungfer werden im Schlosse.

Jungfer werden im Schlosse? fragte Johannes mit sonderbarem Lächeln und

meinte: So ein Schloß, wo das einträte, wär' heut zu Tage was werth! und

kein _verwünschtes!_ Ich weiß des Niklas Worte noch wohl. Ich seh' nicht so

dumm aus, als ich bin!

Auch nicht so böse, Johannes! verwies ihm Christel. Man muß keinem Mädchen

und keiner Frau Furcht machen vor einem Manne! das ist der verkehrte Weg,

kann ich Dir sagen; in der Furcht regt sich das Böse und wächst wie die

stachlige Wassernuß im Teiche. -- Will sie ziehen, so laß sie ziehen. Sie

hat kein schwaches Gemüth, und was sie thut, das wird sie _wollen_. Darauf

kenn' ich sie.

Wird ihr das helfen? fragte Johannes.

Jetzt gerade will ich ziehen, sagte Dorothee entrüstet.

-- Im Grunde betrachtet, thut sie so übel nicht, nahm Christel wieder das

Wort. Bei uns hat sie nur Arbeit gehabt, selbst in guten Tagen; jetzt hat

sie noch schlechte Tage dazu und kann eher bei uns nun das Essen verlernen,

als Nähen lernen. Beim Prediger, der sie erzogen, hat sie Alles genug

gehabt, Alles bequem, ja nett und schön, bis auf die Handschuh; mein Vater,

der sie gleichsam von ihm geerbt, hat sie gehalten besser als mich, da ich

in den Jahren war. Nun haben wir sie geerbt, und sie will vielleicht ihr

eigen sein, da Niemand Anspruch an sie macht, und wir jetzt scheinen ihrer

zu bedürfen. Und sie hat doch Anspruch vielleicht auf ein so schönes Glück

als ihr Gesicht, wie irgend sonst ein Mädchen. Denn nicht die Reichen

werden immer die Glücklichsten! selten! ja selten nur glücklich. Und Vieles

braucht ein Mädchen einst zu wissen, was sie bei uns, bei mir nicht lernt.

Aber zu _dienen_ hätte sie nicht nöthig! murrte Johannes. Im eignen Hause

die Tochter auferzogen, und aus der Mutter Hand dem Manne anvertraut, das

ist das Beste. -- Ich habe keine Mutter und keinen Vater, sagte Dorothee

und sahe Johannes dabei an.

Ist denn zu Dienste ziehen so etwas Schlimmes? meinte Christel. Niemand

dient ja um das liebe Brot und die Schuh' und die Kleider! Sondern ein

Mädchen sieht in fremden Häusern besser als in dem eignen, und mehr und

anderes, wie die Wirthschaft geht. Sie sieht und lernt die wichtigen und

kleinen Geschäfte einer Hausfrau, sie lernt am Kinderzeug _ihr_ Kinderzeug

einst nähen, was zu Hause kaum mehr vorkommt; sie lernt Brot backen oder

Kuchen zu kleinen Festen einst bei sich; sie lernt aufmerksam sein und

denken, sich loben und sich tadeln lassen, sie lernt einem fremden Willen

folgen, nicht bloß Speisen bereiten, die _sie_ gern äße, nicht _so_

zugerichtet, wie sie wollte, nicht sich kleiden, wie sie wünschte -- früh

aufstehen, spät zu Bette gehen, vertreten, wenn ein Topf zerbrochen wird,

und nicht entgegen reden, wenn sie ein Versehen gemacht, und es

entschuldigen will und könnte. Sie lernt schweigen, hören, sie lernt

_lernen_, selbst Unrecht erdulden und sich auch für Böses bedanken; kurz

sie lernt eine _Frau_, eine _Mutter_ werden.

_Das_ kann kommen! meinte Johannes. Ich bin arm, recht arm, und werde bei

diesen Anstalten Gottes im Leben nicht reich; aber eh ich mein Kind von

fremden Leuten -- denn die eignen schämen sich -- nur scheel ansehen,

geschweige -- -- lieber noch schlagen und mit Füßen treten ließe, lieber

soll sie ihren Vater nicht vor Gram in das Grab bringen, wie Deine

Schwester Martha Deinen Vater. Von Grund' aus muß man reden! Das Drüberhin

ist Sünde, wenn man die Wahrheit im Herzen behält.

Christel wendete sich ab und weinte!

Johannes nahm Sophiechen auf den Arm und fragte sie: hast Du mich lieb? wie

lieb denn? meine kleine Tochter! Und das Kind schlang die Händchen um

seinen Hals und drückte ihn, daß es zitterte und keinen Athem hatte. -- Der

Vater weinte.

Da Niemand sprach, sagte Dorothee: So lebt denn wohl! ich gehe. Ich danke

Euch für Alles, auch für das!

Christel aber sagte: komm her, noch einmal, meine Dorothee! sieh', hier

schlag' ich Dir die Bibel auf, hier lies den Vers mir laut und ohne Beben

mit der Stimme; und zu deinem Zeugniß sollst Du mir ihn immer lesen, wenn

Du wieder zu uns kommst. Du kommst doch manchmal und siehst, ob wir noch

leben?

Dorothee war weich; aber sie las ohne Beben mit der Stimme und laut den

Vers:

»Selig sind, die reines Herzens sind, denn sie werden Gott schauen!«

Dann machte sie sich von den Kindern los, die sich an sie gehangen, und

ging, ihr kleines Bündel unter dem Arm.

6.

Auf dem Hofe war Alles in Thätigkeit, große Anstalten wurden gemacht, denn

das Landesväterchen, oder der Ländchenvater sollte durch Breitenthal kommen

und auf dem Schlosse übernachten. Niklas nämlich kam und nannte ihn so,

weil ein Wolkenschatten sein Land schon überdecken konnte, und ladete

Johannes ein, Theil an den Arbeiten zu nehmen und sich ein Stück Geld

zusammen zu verdienen. Der selige Herr, sagte er, rechnet sich großen

Vortheil von einem solchen Besuch, wenigstens eine nachgelassene

schriftliche Sauve-garde gegen seine Ungläubigen, die Gläubiger. Das

Memorial ist schon aufgesetzt. Er verschreibt den Juden, so viel Procent

sie begehren; denn Alles soll kostbar sein, und das Bett ist auch ein

Prachtstück, so daß dem Prinzen schaudern wird, sich hinein zu legen! Da

sind goldne Fransen von massivem Holz an den Vorhängen, Quasten, Spiegel,

kurz Alles im Zimmer, was ein Mensch gar nicht zu brauchen im Stande ist.

Was aber die Zurüstungen zum Empfange betrifft, da sagt er: mit nichts

Ernsthaftem kann man einem Großen das Herz rühren; die Thränen lieben sie

nicht, lachen müssen sie! Lachen müssen wir! Wer sie zum Lachen bringt, der

hat einen Stein in ihrem Brete. Und so hat Er mit dem gnädigen Gottlieb hin

und her gesonnen, bis er eine Hauptwache nebst Nobelgarde sich ausgedacht,

die dem Gefeierten an der Grenze das Gewehr und sich selbst präsentiren

soll, wie noch keine andre Garde in der Welt. Wir haben ein Fichtenwäldchen

niedergeschlagen bis auf 24 Stämme am Wege; je zwei und zwei, die dicht

neben einander stehen, wie zwei Beine, bilden einen Mann, der ausgestopft

wird; oben werden bloß die Wipfel abgeschlagen, die Aeste vom Stamm

geputzt, und nun werden die Kerls in mannshohe Stiefeln gesteckt, ihnen

Hosen und Westen und Röcke angezogen, Masken vor, und Halsbinden

umgebunden, und große Chakos aufgesetzt, ein Seitengewehr umgeschnallt, und

losbrennbare Flinten in die ungeheuern Bärentatzen gegeben. Im Rücken aber

wird eine Leiter angesetzt, ein natürlicher Mensch steigt in den Corpus und

exercirt, wie ein hineingefahrner Geist, den hohen Besessenen. Auch der

Tambour darf nicht fehlen und das furchtbare Schilderhaus, wie ein

separates Glockenthürmchen, noch der entsetzliche Flügelmann. Die

rothbäckigen Masken dazu liegen schon im Tanzsaal; Tuch, Leder, Leinwand,

Pappen, Alles ist da, und der Heuwagen voll Schneidergesellen ist gestern

Abend, in zwei Etagen sitzend, ins Dorf gejubelt, welche die großen

Christophe ausmeubliren und uniformiren sollen. Zum großen Glück haben wir

einen wandernden Schuhmachergesellen, den _Ronneburger_, aufgegabelt, der

die Stiefeln nach dem großen Stiefel machen soll, welcher, wenn die

Gesellen in Ronneburg zampern zu Fastnacht, auf den Straßen wandert wie von

sich selbst, einen Sporn am Absatz wie ein Steuerruder; der Wein trinkt,

und die Gläser oben zum Schafte hinauswirft, wie ein Stiefel aus einer

bessern Welt! Ich habe den lustigen Bruder arbeiten sehen, und so oft er

Eins trinkt mit dem seligen Herrn, singt er auf den Helden und

Schutz-Patron aller Herrnschuh-Macher und Flicker, den braven Hans von

Sagan, den Ehrenvers:

Unserm Hans von Sagan zu Ehren

Laßt die klingende Musicam hören!

Ihr müßt Euch einmal die Geschichte von dem Schutzpatron vom Ronneburger

erzählen lassen, wenn Ihr bei ihm arbeiten wollt; wie der Hans von Sagan,

ein Schuhmachergesell, in Königsberg, das belagert war, in der höchsten

Noth einen Ausfall gethan mit seinem Gewerk, die Fahne getragen und als ihm

das Eine Bein abgeschossen, noch auf dem andern mit fliegender Fahne unter

klingender Musika in den Feind gehopst. Seit der Nacht führen die

Herrnschuh-Macher seinen Fuß oder Stiefel beständig im Schilde. -- Und auch

eine neue Chaussee wird gemacht, ein gerader Weg durch Dick und Dünn, auf

jeder Seite ein Graben gezogen, und der Sand und die Steine auf den Fahrweg

geworfen. Wäre die Arbeit Euch nicht recht, so könnt' Ihr mit an der

Pyramide von Reisig mitten im Dorfe arbeiten, wozu der Schulmeister Wecker

die Inschriften macht, und der Gärtner die großen Buchstaben darauf aus

Blumen. Der Daniel kann schon Kränze winden, und wenn Eure Christel nähen

will, so kann sie mit helfen Westen, Hosen und Röcke für die Mannschaft da

draußen machen. Es ist nur ein wahres Glück, daß die Kerls nicht essen und

trinken und nicht einmal einrücken, sonst äßen sie ganz Breitenthal auf und

tränken die Keller des seligen Herrn bei einigen Frühstückchen aus.

Nun was Ihr wollt, Johannes! ich muß Alles anwerben, was Hände und Beine

hat. Kommt mit, kommt nach, und leset Euch Arbeit aus, ich habe nicht Zeit

dazu -- Gott sei Dank!

Die Osternacht. Erste Abtheilung · 第 6 / 15 题