So ging er. --

Siehst Du, mein Johannes, Gott schickt uns Arbeit! sagte Christel fröhlich,

als Niklas fort war.

Aber was für welche! sagte Johannes halb lachend, halb erboßt. Ist das

Arbeit? schickt die Gott? verdient man das Geld nicht mit Sünden? Und

_dazu_ lassen vernünftige Menschen sich brauchen und singen und jubeln

dabei wie die Schneidergesellen und der Hans von Sagan! _Dazu_ müssen die

Pferde sich fast um das Leben ziehen und sich mißhandeln lassen, als

retteten sie Israel. Ja ich konnte es gar nicht ansehen, wenn mein Pathe,

der Leinweber, ein alter, sonst ehrwürdiger Mann, 6 bis 7, ja 8 Stunden

lang bei der Sonntagstanzmusik im Weinhaus hinter der Baßgeige steht, und

immer streicht »G. D.! -- D. G.! -- G. D.!« denn so viel hab' ich davon

gelernt, und ernsthaft bleibt, wie der Baßgeigenkopf, dem er seine Perücke

aufgesetzt, während die jungen Burschen um die Säule toben, daß man sein G.

D.! -- D. G.! kaum hört. Ei, so wollt' ich die Baßgeige! Manchmal ward er

aber auch selber wild und strich mit dem Bogen ganz unbarmherzig darein,

daß es ein Grausen war. Das freute mich von ihm! Da ist nun gar keine

Frage, daß die alte Baßgeige glücklicher ist als der arme Mann, und die

hölzerne Säule fast verehrungswürdig gegen die Bürschlein, die mit den

Mädchen darum tanzen, ja selber der Branntwein ist nobler, als wer ihn

trinkt, und ist es der selige Herr von Borromäus! -- Ich lerne die Welt

ganz anders ansehen, viel geringer und schlechter, das will ich Dir nur

sagen, Christel! Aber das seh' ich auch, wenn sie denn gar so thöricht ist

und alles Närrische in ihren Schutz nimmt, wie ein Kind die Puppen: so

kommt keiner um, am wenigsten ein Thor und ein Hasenfuß, eher wir, und am

liebsten -- ich. Den Pathen mit der Baßgeige vergess' ich in meinem Leben

nicht, und nun soll ich gar gehen: pappene Stiefel machen! Näh' Du, was Du

willst, Christel, wenn Dich's nicht erbarmt, das edle Tuch so zu verwüsten

zu einer Weste, wovon wir Alle Rock, Hosen und Westen hätten, Jahre lang --

ich bleibe zu Hause und warte auf den Rebenschnitt! --

Du bist ein Kind! sagte Christel. Aus aller Mühe und Arbeit wird ja die

Freude! Im Weinberg -- was wird denn aus den mühselig bestellten Reben?

Nicht wahr Trauben! süße Trauben; und was wird aus den mühsam gelesenen,

mühsam gekelterten Trauben? Nicht wahr Wein! lieblicher Wein! -- Da hast

Du's! Nun schweig' und besinne Dich. Denk' an die Kinder, wenn Du am Wege

schaufelst, denke, Du worfelst Korn für uns, flugs wird der Sand Dir von

Golde sein! Die Großen verthun ihr Geld, wie sie nur können, und wie sie

wollen, wenn sie es nur verthun. Aber das ist weislich schon so geordnet,

sie können es nicht da droben halten, wie die Wolke den Regen nicht, und

wir Armen fangen es auf mit der Schaufel, mit dem Hute, mit dem Pfriem, mit

der Nadel, mit Säge und Hammer -- was Jedem Gott in die Hände gegeben hat.

Marsch, mache, daß Du zur _Arbeit_ kommst! Willst Du fort! lachte sie und

ergriff im Scherz die frischgemachte Kinderruthe.

7.

Sophiechens Dukaten war verwechselt, und bei der Sparsamkeit der lieben

häuslichen Frau langte er glücklich bis zum Feste, nach welchem das Lohn

zusammen ausgezahlt werden sollte. An dem Morgen selbst mußte Christel mit

helfen Blumen winden. Johannes arbeitete an der Pyramide und befestigte die

bunten duftenden Buchstaben, die an den vier Seiten derselben auf dem

grünen Rasen geordnet lagen. Der Schulmeister _Wecker_ hatte die Aufsicht.

Als er aber sein Werk so prangen sah, war er überglücklich, und wie ein

junger Schriftsteller in dem ersten Probebogen seines, so Gott will

berühmten, Werks keinen Druckfehler sieht vor Hast und Entzücken: so sah er

auch die Fehler des Blumensetzers Johannes nicht, sondern lobte ihn sehr

und war ganz begnügt, als er nur erst den Anfang der Schrift der ersten

Seite, das SALU -- -- -- gesehen. Richtig! sagt' er, das wollt' ich nur

wissen! nun könnt' Ihr gar nicht mehr fehlen, Johannes! Setzt nur die

Buchstaben, wie sie geordnet liegen. Ich muß zu Hause nachsehen, mein Fritz

schreibt das Carmina. Es ist in rothen Manschester gebunden, den ich aus

Anstand von meiner Seligen Muffe auf dem Altar des Vaterlandes geopfert --

der Mann bin ich! Denn werde ich auch nicht General-Schulmeister für die

bedungene öffentliche Erwähnung, so wirft mir der selige Herr bei

erwünschtem Resultate doch eine Klafter raupenfräßiges Schuldeputatholz an

den Kopf, daß meine armen Herren Jungen im Winter -- als wo sie bloß in die

Schule gehen -- nicht so klappern und summen vor Frost wie die Bienen im

Stocke. Mit blauen Nägeln schreibt man schlecht, das muß ich wissen! und

von zu vielen Knipseln oder Handschmissen, um die Hände zu wärmen, aus

Liebe zu sauberer Schrift gegeben, laufen am Ende die Finger auf! bei

Manchen gleich zu Anfang! Nun setzt nur Eure Buchstaben ohne Conrector.

Ich will redlich helfen, Euch warm zu machen! versicherte ihn Johannes.

Aber die lustige Dorfjugend buchstabirte darin umher mit Augen und Händen

und Füßen. Die Kinder suchten sich den schönen großen wohlriechenden

Anfangsbuchstaben ihres Namens; Einer hob ein V auf, ein Andrer ein H. Ein

Mädchen hatte ein E und ein M in den Händen, ein andres ein E und ein R,

und sie spiegelten damit in der Sonne, ließen sich an die Blumen riechen,

ja sie neckten und haschten sich zuletzt um die Pyramide damit umher.

Wollt' Ihr die Buchstaben liegen lassen, Kinder, sagte Johannes, ich

verschreibe mich ja sonst! Seht der gnädige Gottlieb kommt dort geritten!

-- So blieben denn plötzlich die Kinder stehen auf der Seite, wo jedes eben

mit seinen Buchstaben war, legten sie still in die Reihe und die Lücken,

wie es eben kam, und schlichen sich fort.

Der gnädige Gottlieb kam aber wirklich, um dem Prinzen entgegen zu reiten,

und hinter ihm ritt Niklas und sein Jägerbursche in Galla, mit aufgesetzten

Büchsen. Ein Blick von Niklas auf seinen Herrn, und dieser hielt vor

Christel, die vor ihm auf dem Rasen saß und ganz rothgeworden war. Sie

erhub sich aber nicht und sahe nicht auf. Der junge Herr lächelte nur, und

sie ritten vorüber. Dann kam auch Dorothee, sehr lieblich gekleidet in

ländlicher Tracht, das seidene Kissen für das Gedicht auf den Händen, und

andere Mädchen begleiteten sie. Auch Clementine, die junge gnädige Frau,

kam ein Augenblickchen, zu sehen, seufzte und schlich sich dann mit

gesenktem Köpfchen hinweg. Dorothee aber grüßte kaum ihre Christel, ja es

schien sie zu verdrießen, daß Johannes sie Du nannte, und sie fragte, wie

es gehe?

Laß sie nur heut', sagte Christel, sie kommt wohl wieder zu uns und spricht

mit uns darüber im Hause, wenn sie den Vers liest.

Der Ronneburger und die Schneider schwärmten herbei, standen und gingen

dann, ihrer Hände Arbeit in völligem Glanze en parade zu sehen.

Der Prinz kam erst spät gegen Abend. Er hatte befohlen, Schritt vor Schritt

auf der neuen Chaussee zu fahren, denn die Pferde schwitzten wie aus dem

Wasser gezogen. Der Wirbel der großen Trommel, aus einem Orhoft erdacht,

war bis ins Dorf zu hören, die Wache hatte vortrefflich gefeuert und dem

Ländchenvater glücklich ein Lächeln abgewonnen. Jetzt hielt er vor der

Pyramide.

Aber der Kindertanz mit den Buchstaben hatte die auffallendsten Setzfehler

bei Johannes veranlaßt, der nicht lesen und schreiben konnte. Er hatte, wie

er angewiesen, die Buchstaben zwar pünktlich befestigt, auf jede Seite der

Pyramide, was auf jeder Seite derselben gelegen; aber ein Durchreisender

hatte auf schelmische Art die letzte Correctur gemacht und Niemand hatte

hier die Schrift nachcensirt. Die zwei anzüglichsten Seiten waren zum Glück

dem im Wagen haltenden Prinzen verborgen: nämlich, daß aus dem höflichen

»SALUTEM« ein im Zusammenhange mit dem folgenden Worte recht grobes

»SALUTATE« geworden, und daß das E M davon an das Ende des BOV gewandert

war. Aus dem ursprünglichen BONO. A. H. war aber vollends das N in das EX

VOTO hinum, und das V dafür herum gewandert mit den Kinderfüßen, und das

zweite O darin mit dem H vertauscht worden, so daß den guten Herrn nun

rührend anschimmerte: »EX NOTH.« -- Das letzte O aus dem »Bono,« das nun

abscheulich lautete, war aber durch denselben Tanz oder Corrector in das

verwirrte »G Breitenthal« gemischt, so viel davon noch übrig gewesen, und

so flehte ihn nun hier auf dieser Seite an: O GIB THALER. Ja die mit

römischen Buchstaben ausgedrückte Jahrzahl 1811, die durch das übrige M mit

Tausend multiplicirt worden, gab sogar dem mitleidigen Herzen desselben die

_Summe_ von wenigstens Einer Million und achtmalhundert tausend Thalern an.

--

Der Prinz ward roth, befahl auf die Pfarre zu fahren und hinterließ am

andern Morgen ein gnädiges Handschreiben an den seligen Herrn, das er offen

in die offenen Hände seines Wirthes gegeben, folgenden Inhalts:

Mein Herr Kreisrath von Borromäus! Ich habe Ihr papiernes und pyramidales

Memorial gelesen. Resolution: »Abgeschlagen.«

Gründe:

Tausend, außer diesem!

Ich kenne keine _bessern_ Zeiten, als die _schlechten_. Was kein

ohnmächtiger Fürst thun kann, das thun schlechte Zeiten mit Macht: Sie

machen dem Volke die Augen auf! über sich, den Luxus und die Unzahl

eingeschlichner unmenschlicher Bedürfnisse. Sie setzen das Volk in den

wahren menschlichen, so genannten _vorigen_ Stand zurück und, gebe Gott,

wieder ein, und in integrum! Ich sage es offen, und mein Abgabensystem,

alle meine Handlungen beweisen es klar: Ich bin ein Feind der Reichen! der

Reichen, die man durch Majorate und Maximats-Herrn wieder zu begründen

vermeint, anstatt durch selbstständige Minorate und ignoble

Minimats-Bauern; versteht sich bis zum Minimum, das Ein Hauswesen

erklecklich nährt. Die Rechnungen nachgesehen -- Wer hat in den

verhängnißvollen Jahren verhältnißmäßig, ja unverhältnißmäßig _weniger_

gegeben als die Reichen? Wer _mehr_ gegeben als die Armen? Vom _Thun_

wollen Wir gar nicht reden! -- Nicht Sonntags ein Huhn in den Topf --

sondern: Jeder Mann ein Haus, ein Weib, ein Feld um das Haus -- versteht

sich Alles nicht in den Topf -- und dann die Hände gerührt! So soll es

sein, und _so_ muß es werden, so _wird_ es, o Gott, durch die himmlischen

-- schlechten Zeiten. Ich bin außer mir, vor wahrer menschlicher Freude.

»Honni soit qui mal y pense!« Sind die schlechten Zeiten nicht die besten?

-- Resolution: Ja! -- Und Sie, lieber von Borromäus, nähern sich laut

Memorial, das die Sache ganz falsch ansieht und vorträgt, mit großen

Schritten auch diesem allervortrefflichsten Zustande, und Sie sind mir erst

doppelt lieb und schätzbar! Ich will Sie umarmen als nun ganz den

_Meinigen_, der Mich und Meine Intentionen verstanden und sie praktisch

ausgeführt! Mir zur Freude und Andern zum Exempel, das Belohnung, Erhebung

verdient, nämlich nach unserm System: _Nichts_, und daß ich Sie ganz

_fallen_ lasse, bis in Ihr Häuschen. Ich komme selbst, neben Ihnen zu

wohnen, wenn Sie nur _ein_ Haus, ein Weib, ein Feld um das Haus haben und

die Hände rühren -- und weiter nichts (scilicet haben)! Das wünsche Ich und

flehe Ich vom Himmel tagtäglich jedem Reichen _nur!_ jedem Armen _auch!_ So

hebt sich der alte Mißstand. Meine Herren Brüder arbeiten alle an diesem

frommen Plan für das große Reich, und ich treffe dazu alle möglichen

Einleitungen und Vorkehrungen unerbittlich aus -- Armen-Liebe. _Jetzt:_

Armen-Liebe, aber dann: _Menschen_-Liebe. Das sind die glücklichen Männer,

die eine Frau nicht zum Staate brauchen, sondern in deren Hause sie die

Hausfrau ist und alle Hände vollauf mit Tisch, Wäsche, Küche, Keller,

Garten und Kindern zu thun hat, und Alles allein thun muß. Das sind auch

die glücklichen Weiber! Denn anordnen, müßig bereiten sehen, nachsehen,

_ob_ etwas -- und tadeln, _wie_ etwas gemacht ist, das heißt _bei Gott_

nicht Wirthschaft führen! das macht nicht glücklich, wie ein braves Weib

ist, sondern unglücklich, wie der Ueberfluß macht, die Unsitte und das

Wohlgefallen an den unmenschlichen Dingen und Sachen! Jetzt träumen die

Menschen alles Andere zu sein: Fürsten, Grafen, Ritter, Nobles, Kreisräthe,

kurz geradezu Alles -- nur nicht Menschen! Alles haben zu wollen -- nur

nicht das Menschliche! Wann wird doch _die_ Phantasie einmal das Volk

anwandeln: Menschen zu sein? Indessen der Komet! der Komet! guten Wein wird

er machen, sprechen die Weinhändler, theuern, raren Wein! Ich sage: gute

Menschen, rare Menschen! Es wird Krieg, geben Sie Acht, 1812. Also zu

Jahre. Ich kann es Ihnen sagen, denn ich komme von Adam her, nämlich von

dem neuen prophetischen Bauer, der mich ganz beruhigt hat und mir die

schlechtesten Zeiten verheißen. Er ist der Schlüssel zu mir. Ihm folg' ich,

und ihn befolg' ich. Das zu _Ihnen_ gesagt.

Die Osternacht. Erste Abtheilung · 第 7 / 15 题