jedenfalls. (Er zieht sein Taschentuch heraus und reibt die Waffe.)
Der Wärter links zieht sich von der Tür zurück.
DER ZWEITE RICHTER
Daß das Schießzeug auf dem Tisch herumgelegen hat, ist natürlich
Humbug. Ihre Erzählung ist ja auch reichlich verworren, es lohnt
nicht da nachzutasten. Der Vorgang ist einfach der: unter irgendeinem
Vorwand machen Sie sich hinter Ihrem Opfer zu schaffen -- die Waffe aus
der Hosentasche -- genau so, wie ich hier, standen Sie bereit -- die
Distanz ist dieselbe --
Der Wärter ist mit Sohn und Tochter gekommen: die beiden stehen
unbeweglich.
DER ZWEITE RICHTER
-- und jetzt zeigen Sie mir auch Ihren Rücken!
MILLIARDÄR
dreht sich um: ohne zu stocken, geht er auf Sohn und Tochter zu.
Kinder -- in schwarz? Ist ein Trauerfall, der uns nahegeht? -- --
Wundert Ihr Euch, daß ich nichts davon weiß? Ja, ich habe keine
Verbindung mit Euch. Ich werde vorläufig streng abgeschlossen gehalten.
Ein unleidlicher Irrtum, der sich erst aufklären muß. Ich gebe mir alle
erdenkliche Mühe, diesen schweren Verdacht zu zerstreuen. Aber die
Gerichte sind peinlich. Jede Kleinigkeit erhält Gewicht. Eine Koralle,
die bei mir gefunden ist -- der Revolver da, den ich bei mir getragen
haben soll. (Zum Sohn.) Willst Du nicht seine Herkunft mit einem Wort
feststellen?
SOHN
seine Erschütterungen beherrschend.
Herr Richter, die Waffe ist mein Eigentum.
DER ZWEITE RICHTER
Wie gelangt sie in den Besitz des Sekretärs?
SOHN
Ich legte sie vor meinen Vater auf die Tischplatte.
DER ZWEITE RICHTER
Das ist immerhin wertvoll. Der offen daliegende Revolver stiftete zur
Tat an. Warum überließen Sie Ihrem Vater ihn?
SOHN
Darauf -- kann ich nicht antworten.
MILLIARDÄR
Ich habe Dich auch nicht verraten.
SOHN
scharf.
Weil Sie nichts wissen können!
MILLIARDÄR
Kein Du? Bin ich Euch fremd geworden, weil ich verdächtigt wurde? (Mit
eigentümlich lauerndem Ausdruck.) Glaubt Ihr denn, daß ich der Sekretär
bin? Ihr -- meine eigenen Kinder-- seht mich für den Sekretär an?
SOHN
mühsam.
Herr Richter, brauchen Sie meine Schwester und mich hier noch?
TOCHTER
schreit auf -- schlägt die Hände auf's Gesicht.
DER ZWEITE RICHTER
Ich danke.
Sohn -- die Tochter stützend -- links ab.
DER ZWEITE RICHTER
hin- und hergehend.
Das ist unerhört. Das ist der Gipfel der Verstocktheit! -- Schämen Sie
sich nicht? (Verblüfft.) Lächeln Sie?
MILLIARDÄR
Ich habe meine Kinder gesehen --
DER ZWEITE RICHTER
Stimmt Sie die Qual anderer vergnügt?
MILLIARDÄR
-- meine Kinder haben mich nicht gesehen!
DER ZWEITE RICHTER
Den Mörder ihres Vaters haben sie gesehen. Der sind Sie. Sie -- sein
Sekretär. Tischen Sie uns das alberne Märchen nicht nochmals auf. Und
hätte die Koralle nicht die mächtige Beweiskraft, die sie hat, dies
entlarvt Sie: die Sie mit so dreister Stirn für Ihre Kinder ausgeben,
die stoßen Sie als einen Fremden zurück!
MILLIARDÄR
undurchdringlich.
Das -- genügt nicht.
DER ZWEITE RICHTER
Wissen Sie das sicher? Weil Sie kein Geständnis ablegen? Das erlassen
wir Ihnen jetzt. Hüllen Sie sich weiter in Ihr monumentales Schweigen.
Jetzt werden wir gesprächig! (Er winkt dem Wärter.)
Wärter führt den Milliardär rechts ab.
DER ZWEITE RICHTER
telephoniert.
Ich bitte um Ablösung. (Laut.) Jawohl -- Ablösung! (Aufgeregt auf und
ab. Aufstampfend.) Das ist doch --!
DER ERSTE RICHTER
rasch von hinten.
DER ZWEITE RICHTER
Sie glaubten wohl, sich verhört zu haben? Nein, es geht so weiter.
Dem Mann ist nicht beizukommen. Ohne Zucken erträgt er die
Gegenüberstellung -- und beklagt sich noch, daß man ihm das Du
verweigert!
DER ERSTE RICHTER
liest im Protokoll.
DER ZWEITE RICHTER
Ich denke, wir sind fertig!
DER ERSTE RICHTER
Nein! -- Das lockt mich. Ich rücke ihm auf den Leib. (Sich vor die
Stirn schlagend.) Das ist ja auch ganz einfach!
DER ZWEITE RICHTER
Wurden Sie im Schlaf erleuchtet?
DER ERSTE RICHTER
Wütend bin ich!
DER ZWEITE RICHTER
Erfinderisch macht dieser Zustand schwerlich.
DER ERSTE RICHTER
In den Milliardär hat er sich eingelebt.
DER ZWEITE RICHTER
Das steht fest.
DER ERSTE RICHTER
Also muß er aus dem Milliardär wieder heraus --
DER ZWEITE RICHTER
Hokuspokus eins zwei drei.
DER ERSTE RICHTER
-- und in den Sekretär hinein!
DER ZWEITE RICHTER
Der Kunstgriff, den Sie dazu anwenden?
Wärter kommt von rechts und schaltet die Bogenlampe aus.
DER ERSTE RICHTER
Er muß ganz neu geboren werden! -- Ja ja, ich lege ihn wieder in die
Wiege und lasse ihn vergnügt strampeln und krähen. Der Milliardär ist
noch gar nicht in seine Existenz getreten -- das ist ein späteres
Kapitel, das ich mit keiner Silbe erwähne. Ich baue ihm sein Leben bis
zu diesem Punkte lückenlos auf und wickle ihn in Jugenderinnerungen so
sanft und allmählich ein, daß er ganz vergißt, warum er hier steht.
(Nach einem Schriftstück greifend.) Das Material haben wir da -- es
ist bis in Kleinigkeiten zusammengetragen. Seine Vergangenheit bietet
ein auffallend helles Bild -- so ist auch der Kern nicht verhärtet.
Der Mann wird windelweich, wenn ich ihm das Buch seiner guten Zeiten
aufschlage!
DER ZWEITE RICHTER
Er hat sich vor den Kindern seines Opfers nicht gescheut --
DER ERSTE RICHTER
Kinder stehen außerhalb. Zuletzt lebt man nur sich selbst.
DER ZWEITE RICHTER
Ich würde ja auch ungern das Protokoll ohne Ergebnis abliefern.
DER ERSTE RICHTER
Mein Versuch kann, wie jeder andere bisher, scheitern -- aber in
solchem Zurückgreifen liegt eine suggestive Kraft.
DER ZWEITE RICHTER
Wollen Sie die Brille?
DER ERSTE RICHTER
Diesmal bei gedämpftem Licht. (Zum Wärter.) Schalten Sie nicht ein.
Bringen Sie ihn. (Wärter rechts ab.) Schon das wird ihm eine Wohltat
sein. Und für das andere finde ich den rechten Großmuttermärchenton.
DER ZWEITE RICHTER
Und der böse Wolf kommt zum Schluß.
DER ERSTE RICHTER
Der muß den Mörder packen!
DER ZWEITE RICHTER
hinten ab.
Wärter führt den Milliardär ein.
DER ERSTE RICHTER
in das Schriftstück vertieft.
Diese Tierliebhaberei ist köstlich. (Aufblickend zum Milliardär.) Hatte
es denn das schwarze Fleckchen mitten auf der Stirn?
MILLIARDÄR
hebt horchend den Kopf.
DER ERSTE RICHTER
Das Hündchen, das Sie vom Ersäufen gerettet haben?
MILLIARDÄR
biegt sich auf.
DER ERSTE RICHTER
War der Fluß an dieser Stelle seicht? Mit zehn Jahren wagt man sich
doch nicht weit ins Wasser.
MILLIARDÄR
atmet rauschend.
DER ERSTE RICHTER
Das Flüßchen wird wohl keine reißende Strömung gehabt haben, das am
Städtchen vorübertreibt. Oder gab es im Frühling Hochwasser?
MILLIARDÄR
wiegt eigentümlich den Oberkörper.
DER ERSTE RICHTER
Dann schossen die Fluten mit allerlei Fracht von entwurzeltem Gesträuch
und Grasbüscheln dahin. Manchmal traten sie über die Ufer und drangen
in die Keller. Da hieß es die Vorräte bergen. Das gab immer ein
lustiges Rettungswerk. Was da alles zum Vorschein kam! Vater und Mutter
griffen zu -- und der Sohn leistete natürlich die wichtigste Hilfe. Er
stand überall im Wege! Aber von Ihrer Unentbehrlichkeit waren Sie fest
überzeugt?
MILLIARDÄR
nickt langsam.
DER ERSTE RICHTER
Ja -- solch ein kleines Städtchen hat seine Katastrophen. Jeden Tag
etwas anderes. Der Wind reißt einem die Mütze weg und fährt damit um
die Ecke -- (Rasch.) Hatten Sie grüne Schulmützen?
MILLIARDÄR
mit rieselndem Lächeln.
Ich -- --
DER ERSTE RICHTER
Erinnern Sie sich nicht mehr deutlich an die Farbe?
MILLIARDÄR
-- -- habe so viel vergessen!
DER ERSTE RICHTER
beobachtet ihn scharf. -- Nach einer Pause.
Dauert Sie das nicht? Ich meine, man denkt doch gern an freundliche
Eindrücke, die man einmal gehabt hat. Die sind doch schließlich
unverwüstlicher Besitz. Und gerade Sie haben doch allen Grund, sich
an hellen Bildern der Vergangenheit zu erquicken. Ja, Sie haben eine
beneidenswerte Jugend genossen. (Das Schriftstück aufblätternd.) Da
liest man mit Vergnügen!
MILLIARDÄR
sieht hin.
DER ERSTE RICHTER
Da ist alles Licht -- Sonne, Sonne -- Licht. Kein Schatten richtet
sich auf. (Aufblickend.) Sie müssen doch Ihren Eltern unaussprechlich
dankbar sein?
MILLIARDÄR
mit fast singender Stimme.
Meine Eltern -- --
DER ERSTE RICHTER
Die breiteten ihre Hände über ihr einziges Kind! Haben Sie jemals einen
Schlag erhalten?
MILLIARDÄR
Habe ich -- -- niemals einen Schlag erhalten?
DER ERSTE RICHTER
Ja, das müssen Sie mir sagen!
MILLIARDÄR
Ja -- -- Sie müssen es mir sagen!
DER ERSTE RICHTER
sieht ihn erstaunt an. Dann humoristisch.
Schlagen wir also das Buch der Vergangenheit auf. Kapitel eins:
Elternhaus. Freundliche Kleinstadt -- in grün gebettet. Vater --
Pfarrer. Sehen Sie ihn vor sich?
MILLIARDÄR
vor sich hintastend.
-- in grün gebettet -- -- Vater -- -- Pfarrer -- --
DER ERSTE RICHTER
Kapitel zwei: der Sohn wird geboren und ist Mittelpunkt des
pfarrhäuslichen Lebens. Mit jeder Sorge ist man um ihn bemüht. Er
gedeiht gesund. -- An diese früheste Kindheit werden Sie sich kaum
erinnern?
MILLIARDÄR
Jetzt -- -- kenne ich sie!
DER ERSTE RICHTER
Aber mit dem nächsten Abschnitt kommen Sie ins Fahrwasser. Die
Schulzeit. Das Gymnasium ist nicht groß -- wenige Schüler, unter denen
Sie der beste sind. Das Lernen fällt Ihnen leicht -- Sie stoßen nicht
auf Widerstände -- und so hat auch diese Epoche keinen Stachel für Sie.
-- Oder gibt es eine dunkle Wolke?
MILLIARDÄR
Wenn -- -- Sie es nicht wissen!
DER ERSTE RICHTER
Schön, es gibt also keine. Weiter. Damit war der Rahmen gezeichnet,
in dem Sie sich damals bewegten. Es wurde Ihnen von Hause aus wie
selten einem jungen Menschen leicht gemacht -- und Ihre Anlagen kamen
den Absichten Ihrer Eltern auf halbem Wege entgegen. Sie entwickelten
in selten hohem Maße die Fähigkeit, ein glücklicher Mensch zu sein.
Kein schöneres Bild, als diese vollkommene Übereinstimmung von Mensch
und Umgebung. Da gibt es kein erschütterndes Erlebnis, das das Blut
vergiftet. Tag reiht sich an Tag wie die Blumenkette, die Kinder
binden! -- -- -- -- (Eindringlich.) Flutet es nicht warm über Ihr
Herz, wenn Sie dies Evangelium Ihrer Vergangenheit von mir erzählen
hören? Es muß doch ein sehnsüchtiges Verlangen in Ihnen wach werden
-- nach diesem Paradiese, in dem Sie -- bevorzugt vor so vielen --
wandeln durften? Behütet und geliebt -- vor jedem Stoß, den andere
schon in diesem Alter erleiden, bewahrt. Blicken Sie nicht in einen
kristallklaren See, dem man bis auf den Grund sieht -- und auch da
nichts findet als runde und blanke Kiesel? -- Sagen Sie zu Ihrer
glücklichen Vergangenheit ja -- und retten Sie sich das beste, was man
besitzen kann!
MILLIARDÄR
wie unter Schauern von Glück zitternd.
-- -- das beste -- -- was man besitzen kann -- --
DER ERSTE RICHTER
in Erregung geratend.
Sagen Sie ja zu dieser Vergangenheit?
MILLIARDÄR
hinhauchend.
-- -- ja -- -- ja -- -- ja -- --!
DER ERSTE RICHTER
Jetzt unterschreiben Sie Ihre Bekundung!
MILLIARDÄR
schon die Hände aufhebend.
Ja!
DER ERSTE RICHTER
zum Wärter.
Befreien Sie die Hand! (Zum Milliardär.) Ihre Zustimmung hat Sie
überführt, diese Vergangenheit gehört dem Sekretär. Sie sind der
Sekretär. (Da der Milliardär zögert.) Ich sage Ihnen das, damit Sie die
richtige Unterschrift leisten: die des Sekretärs!
MILLIARDÄR
schreibt in die Luft.
DER ERSTE RICHTER
Was machen Sie denn? Sind Ihnen Ihre eigenen Schriftzüge nicht mehr
erinnerlich?
MILLIARDÄR
unterschreibt.
DER ERSTE RICHTER
Die Untersuchung ist abgeschlossen. Ich hoffe, daß Sie zu dem früheren
Ableugnen Ihrer Person nicht wieder zurückkehren. Es wäre von jetzt an
zwecklos! (Er gibt dem Wärter ein Zeichen.)
MILLIARDÄR
vom Wärter nach rechts geführt.
-- -- das beste -- -- das beste -- -- (Ab.)
DER ERSTE RICHTER
steht noch nachdenklich. Dann telephonierend.
Umfassendes Geständnis!
DER ZWEITE RICHTER
kommt hinten.
Das klingt wirklich wie ein Märchen! (Er liest im Protokoll.) Das ist
ja glatt gegangen. Hatte er denn die Falle nicht gesehen, in die Sie
ihn lockten?
DER ERSTE RICHTER
grübelnd.
Finden Sie nicht, daß das merkwürdig ist?
DER ZWEITE RICHTER
Er war übermüdet.
DER ERSTE RICHTER
Den Eindruck hatte ich nicht: er lebte förmlich auf, als ich ihm seine
Vergangenheit erzählte!
Wärter kommt rechts.
DER ERSTE RICHTER
rasch.
Hat er mir eine Mitteilung zu machen?
DER ZWEITE RICHTER
Will er nicht schon wieder der andere sein?
WÄRTER
Nein.
DER ZWEITE RICHTER
Ist er zusammengeklappt?
WÄRTER
Er steht aufrecht und sieht nach oben und murmelt etwas.
DER ERSTE RICHTER
Wie er hier stand -- -- im Traum -- --
DER ZWEITE RICHTER
nach einem Schweigen.
Jedenfalls wird es für ihn ein scheußliches Erwachen geben!
FÜNFTER AKT
Kleines Hofgeviert: auf den Schachtgrund umstehender
Gefängnismauern gesenkt. Karge Grasnarbe mit fester Eisenbank in
der Mitte. Eine niedrige Tür links und eine schmale hohe Tür hinten.
Wärter führt den Milliardär -- nun Sträfling in schwarzem
Leinenkittel mit rotem Halsrand -- von links ein.
MILLIARDÄR
Der Vorhof des Todes?
WÄRTER
Sie haben hier noch eine Stunde.
MILLIARDÄR
nickt.
Das letzte Stündchen hat geschlagen. (Sich umsehend.) Milde
Gepflogenheit -- -- über Grün tappen die Füße -- -- und oben strömt
Himmels Blau! Erst schwerste Strafe öffnet Beglückung. (Er steht
reglos.)
WÄRTER
Sollen Besucher kommen?
MILLIARDÄR
Sind Neugierige da? Ich sträube mich nicht.
WÄRTER
links ab.
MILLIARDÄR
setzt sich auf die Bank.
WÄRTER
läßt den Herrn in grau ein. Wärter ab.
DER HERR IN GRAU
hat eine offensichtliche Wandlung durchgemacht: Sein Anzug -- in
Farbe wie früher -- ist von tadellosem Schnitt; helle Gamaschen
über Lackstiefeln, grauer stumpfer Zylinder, weiße Glacés mit
schwarzen Raupen. -- Rasch auf den Milliardär zugehend und ihm die
Hand hinstreckend.
Noch nicht zu spät. Das ist ein wahres Glück. Ich wäre gern früher
erschienen, aber die Geschäfte --! Schwefelgrube -- wuchtige Sache.
Ausbeute jährlich -- -- Von Rentabilität und Dividende sind Sie ja
wohl augenblicklich einigermaßen entfernt. Das ist auch nicht der
Gegenstand, von dem ich Sie zu unterhalten beabsichtige -- ich wollte
Ihnen danken!
MILLIARDÄR
Ich wüßte nicht --
DER HERR IN GRAU
Sie gestatten, daß ich neben Ihnen Platz nehme -- auf dem
Armesünderbänkchen. Man hat doch wenigstens einmal ein ruhiges
Viertelstündchen. Also von ganzem Herzen Dank -- Dank -- und Dank!
MILLIARDÄR
Wenn Sie mir sagen würden --
DER HERR IN GRAU
Ich bin der Herr in grau, dem Sie damals die Unterschrift verweigerten
unter ein Manifest, das mit einem Schlage der Welt die Harmonie
schenken sollte. Sie ließen sich herbei -- daß Sie sich die Zeit
nahmen, bewundere ich heute am meisten -- ich hätte sie nicht! -- mir
die Aussichtslosigkeit meines beglückenden Projektes zu demonstrieren.
Ihre Argumente trafen mich wie Keulenhiebe -- und ich verließ »das
heiße Herz der Erde«, einen Fluch nach Ihnen schleudernd, kräftig
genug, um einen Stier zu fällen. Dämmert es?
MILLIARDÄR
mit dünnem Lächeln.
Sie irren sich.
DER HERR IN GRAU
Ich verwünschte Sie schnurstracks in den Höllenpfuhl!
MILLIARDÄR
Mich nicht --
DER HERR IN GRAU
Fühlten Sie sich nicht getroffen?
MILLIARDÄR
Weil Sie jene Unterredung mit dem Milliardär hatten.
DER HERR IN GRAU
lacht unbändig.
Vor mir brauchen Sie Ihre Rolle nicht zu spielen. Stecken Sie den
Sekretär in die Tasche. Oder haben Sie keine in diesem Schlafrock für
die ewige Nacht? (Ihm auf die Schulter klopfend.) Sie bleiben mein Mann
auf der Flucht vor dem Furchtbaren!
MILLIARDÄR
erschrocken.
Sprechen Sie leise!
DER HERR IN GRAU
Keine Angst, ich will Sie weder verraten noch befreien. Zu solcher
Undankbarkeit hätte ich nicht den mindesten Anlaß. Sind Sie mit mir
zufrieden?
MILLIARDÄR
Sie sind der einzige --
DER HERR IN GRAU
Ihr Prozeß hat mir Vergnügen gemacht. Um keinen Preis hätte ich Sie
gestört. Das war ein Geniestreich, sich in den Sekretär bugsieren zu
lassen und den süßen Teller seiner blanken Vergangenheit zu schlecken.
Ich habe Sie ordentlich schmatzen hören, als man Ihnen endlich die
herrliche Mahlzeit einflößte. Ist Ihnen jetzt wohl im Magen?
MILLIARDÄR
Es war die Rettung --
DER HERR IN GRAU
Als der Sohn -- diese erhoffte schönere Wiedergeburt in Friede und
Freude -- sich abwärts bewegte!
MILLIARDÄR
Still davon!
DER HERR IN GRAU
Aber Sie haben doch nichts mehr zu fürchten. Und vom festen Ufer blickt
man doch mit einer gesunden Schadenfreude auf das tobende Meer unter
sich zurück. Sie haben sich geborgen -- und in wenigen Minuten kann es
Sie den Kopf nicht mehr kosten. Davor sind Sie ganz sicher!
MILLIARDÄR
Weshalb danken Sie mir?
DER HERR IN GRAU
Sagt Ihnen das ein flüchtiger Blick auf meinen äußeren Menschen nicht?
MILLIARDÄR
Sie sind mit einiger herausfordernder Feinheit gekleidet.
DER HERR IN GRAU
Nur zur Illustrierung inneren Aufbaus. Ich bin auf der Flucht.
MILLIARDÄR
Wovor -- Sie?
DER HERR IN GRAU
Vor Ihrer Weltordnung!
MILLIARDÄR
Wollen Sie mich nicht wieder verwünschen?
DER HERR IN GRAU
Ich segne Sie. Aus rosenroten Wolken haben Sie mich auf die platte
Erde gestellt. Auf beiden Füßen wuchte ich kerzengerade. Ihr Gesetz
herrscht: wir fliehen! Wehe dem, der strauchelt. Zertreten wird er --
und über ihn weg tobt die Flucht. Da gibt es keine Gnade und Erbarmen.
Voran -- voran! -- hinter uns das Chaos!
MILLIARDÄR
Und erreichten Sie schon einen Vorsprung?
DER HERR IN GRAU
Ein folgsamer Schüler war ich. Reichtum häufe ich und stelle diesen
blinkenden Berg zwischen mich und die anderen. Ungeheure Energien sind
entwickelt, wenn man das Gesetz weiß. Man rennt noch im Schlafe und mit
fertigen Projekten springt man morgens vom Bett. Es ist die wilde Jagd.
Gott sei Dank, daß Sie Ihr Geheimnis nicht mit hinübernehmen -- jetzt
kann ich der Menschheit das wahre Heil verkünden!
MILLIARDÄR
Wollen Sie das tun?
DER HERR IN GRAU
Es ist geschehen. Mein Abfall wirkt aufrüttelnd. Alle Verbände sind
gesprengt, der Kampf wütet auf der ganzen Linie. Jeder gegen jeden
schonungslos!
MILLIARDÄR
Und sehen Sie ein Ziel, nach dem Sie stürmen?
DER HERR IN GRAU
Lächerlich, es gibt keins!
MILLIARDÄR
Es gibt schon eins.
DER HERR IN GRAU
sieht ihn verblüfft an.
Foltern Sie mich nicht!
MILLIARDÄR
Das liegt am Anfang!
DER HERR IN GRAU
lacht dröhnend.
Ja -- Sie sind ein Glückspilz. Sie können sich über uns lustig machen.
Sie haben allerdings die Ursache beseitigt, die zum Rennen aufscheucht.
Aber es bleibt ein Einzelfall: so komplette Doppelgänger können sich
nicht alle leisten! -- Außerdem, ich will Ihnen etwas verraten. (Eine
Geste rund um den Hals vollführend.) Die meisten würden auch die Kosten
scheuen!
MILLIARDÄR
Nennen Sie diesen Preis hoch?
DER HERR IN GRAU
aufstehend.
Das veranschlagen Sie wohl am besten nach eigenem Ermessen. Zimperlich
sind Sie ja nie gewesen, wenn man Ihnen eine Rechnung präsentierte!
-- Ich würde mich gern länger aufhalten, aber -- auch Ihre Zeit ist
beschränkt. Jedenfalls macht es Ihnen eine kleine Freude, daß Ihre
große Entdeckung nicht mit Ihnen verschwindet. (Er streckt ihm beide
Hände hin.) Also Kopf hoch!
MILLIARDÄR
Solange es dauert.
DER HERR IN GRAU
lacht -- seinen Hut schwenkend.
Auf Wiedersehen!
MILLIARDÄR
Wo?
DER HERR IN GRAU
Allerdings -- für diesen Fall hat man die Grußformel nicht gleich zur
Hand!
Wärter öffnet hinten, Herr in grau ab.
MILLIARDÄR
sitzt unbeweglich -- das Kinn auf den Handrücken.
Wärter läßt den Sohn ein. Wärter ab.
SOHN
zögert -- geht dann rasch zum Milliardär, streckt ihm die Hand hin.
Ich bin gekommen -- um Ihnen zu verzeihen.
MILLIARDÄR
sieht langsam zu ihm auf.
SOHN
Erkennen Sie mich nicht?
MILLIARDÄR
-- Doch.
SOHN
Mein Entschluß überrascht Sie. Vielleicht ist es sonderbar, daß ein
Sohn das tut. Es ist das geringste. Ich will Sie retten.
MILLIARDÄR
Halten Sie Strickleiter und Steigeisen bereit?
SOHN
Ich will Sie als meinen Vater anerkennen!
MILLIARDÄR
steht auf und geht hinter die Bank.
SOHN
Machen Sie es mir nicht schwerer, als es mich schon drückt. Ich bin
schuldig wie Sie. Weil ich die Waffe auf ihn gerichtet hatte. Die Kugel
hatte ich für ihn bestimmt. Wer abdrückte, blieb gleich.
MILLIARDÄR
Das ist mir unverständlich.
SOHN
Glauben Sie an meine Schuld -- und lassen Sie mich nicht in diesen
gräßlichen Dingen wühlen.
MILLIARDÄR
Haben Sie einmal gedacht -- was ich getan habe?
SOHN
Was jeder tun muß, wenn er den Wahnsinn in Macht tanzen sieht.
MILLIARDÄR
War Ihr Vater wahnsinnig?
SOHN
Macht ist Wahnsinn!
MILLIARDÄR
Ja -- er war mächtig.
SOHN
Und schuldig! Hinter Ihrer Schuld steht seine -- riesengroß und
unauslöschlich. Sie sind sein Opfer, wie ich es bin -- wie alle mit
irgendeinem Gedanken!
MILLIARDÄR
Wollen alle töten?
SOHN
Sie müssen es, der Zwang ist unabweislich. Die Versuchung ist von
denen, die sich emporwerfen, geschaffen. Mit Gewalt erheben sie sich --
mit Gewalt werden sie heruntergerissen!
MILLIARDÄR
Sie machen es sich leicht --
SOHN
Empfing ich nicht die letzte Bestätigung von Ihnen? Ich kenne Ihr Leben
-- ich habe atemlos die Berichte gelesen. Die reinste Kindheit und das
freundlichste Jünglingsalter haben Sie gelebt -- wo zeigt sich eine
Anlage zur Gewalttätigkeit?
MILLIARDÄR
Auch Sie haben die reinste Kindheit --
SOHN
Und griff zur Waffe. Ich wollte aus aufwallendem Gerechtigkeitsgefühl
strafen -- Sie sich bereichern. Erst der Anblick von Gewalt riß Sie
hin. Das Beispiel hatte Ihnen mein Vater, der immer rücksichtslos
handelte, gegeben -- und solange es solche Beispiele gibt, werden wir
versucht!
MILLIARDÄR
Wollen Sie die bösen Beispiele ausrotten?
SOHN
Mit Ihrer Hilfe!
MILLIARDÄR
Was kann ich dazu tun?
SOHN
Sie sollen auf Ihren Platz, der Sie über andere stellt, verzichten und
zu uns herabsteigen!
MILLIARDÄR
Dazu müßte Ihr Vater leben.
SOHN
Ich werde zum Richter gehen und erklären, daß ich Sie nach dieser
Unterredung als meinen Vater erkannt habe!
MILLIARDÄR
Und die Koralle?
SOHN
Nichts darf im Wege stehen. Die Aufgabe ist ungeheuer. Es gibt kein
Bedenken. Es dreht sich um das Schicksal der Menschheit. Wir vereinen
uns in heißer Arbeit -- und in unserem unermüdlichen Eifer sind wir
verbunden wie Vater und Sohn!
MILLIARDÄR
schüttelt den Kopf.
Nein -- so kann ich mich nicht verleugnen.
SOHN
Wenn es um Ihr Leben geht?
MILLIARDÄR
Weil es um _das_ Leben geht, das Sie mir anbieten!
SOHN
Überwindung fordert es. Mich hat es Kämpfe gekostet, Sie aufzusuchen.
Ich ging um der hohen Sache willen. Den Schatten meines Vaters, der
hinter Ihnen steht, bannen Sie, wenn Sie diesem Werk dienen!
MILLIARDÄR
So gelingt das nicht.
SOHN
Ich gelobe es Ihnen --
MILLIARDÄR
Was?
SOHN
Ihnen Sohn zu sein, der seinen Vater nicht verlor!
MILLIARDÄR
tritt nahe vor ihn.
Soll ich Ihnen meine Bedingung stellen?
SOHN
Jede!
MILLIARDÄR
Wollen Sie mir der Sohn sein, den Ihr Vater sich wünschte?
SOHN
Was heißt das?
MILLIARDÄR
Richte Du Dich wieder auf dem sonnigen Ufer ein -- dann könnte ich mich
Deinem Wunsche fügen!
SOHN
starrt ihn an.
MILLIARDÄR
Sonst läßt sich der Schatten -- der hinter mir steht! -- nicht bannen!
SOHN
Wie sprechen Sie?
MILLIARDÄR
Wie Ihr Vater. Erschüttert Sie die erste Probe?
SOHN
betrachtet ihn mit scheuen Blicken.
MILLIARDÄR
legt ihm die Hände auf die Schultern.
Es ist schön, daß Sie noch einmal gekommen sind. Gern ruht das Auge
auf Menschen, die jung sind. Haben Sie nicht eine Schwester? Wollte
sie mich auch als Vater annehmen? -- Lockvögel seid ihr, aber dahin
springen keine Brücken mehr. Sie haben mich nur fester überzeugt.
Lassen Sie mich in meinem Hof. Grünt es hier nicht? -- Suchen Sie Ihr
Schlachtfeld. Der Frieden verleitet vielleicht zum Krieg -- aber wer
aus dem Blutbad auftaucht, der sucht sich zu retten. Sie wollten mir
nicht helfen -- da nahm ich mein Schicksal selbst in die Hand. Dürfen
Sie mir nun zürnen, wenn ich Ihnen die Unterstützung verweigere?
(Er führt ihn nach links.) Schelten Sie mich in keiner Stunde Ihres
tatenreichen Lebens -- Sie haben ja kühne Pläne -- und mißlingt
Ihnen das eine oder das andere -- und am Ende alles! -- opfern Sie
dem Andenken Ihres Vaters nicht mit Zorn und Vorwürfen: er hätte
Sie vor Enttäuschungen bewahrt -- -- aus Gründen, die zu enthüllen
begreiflicherweise hier zu weit führen würde. (Da der Geistliche kommt,
zum Sohn.) Da sehen Sie, es fehlt uns am nötigsten: Zeit!
SOHN
ab.
MILLIARDÄR
sieht ihm noch nach.
Geistlicher ist zur Bank getreten und betrachtet den Milliardär.
MILLIARDÄR
kehrt sich zu ihm.
Der dritte und letzte Gast?