nicht bitten. Du hast hundert Worte gegen meine. Es ist ein ungleicher
Streit. Vater und Tochter -- damit ist der Ausgang entschieden. (Er
nimmt ihre Hände, betrachtet sie.) Nein -- nein. So schmal -- so
schwach. (Ihrer Widerrede kopfschüttelnd begegnend.) Ja, ja -- stark
und hart, ich weiß allein, wozu: -- einen Turm zu stürzen -- Trümmer zu
häufen -- Opfer zu verschütten. Soll ich Dir sagen, wer das Opfer ist?
TOCHTER
Ich verstehe Dich jetzt nicht.
MILLIARDÄR
Willst Du mich opfern?
TOCHTER
sieht verwundert zu ihm auf.
MILLIARDÄR
So kehre um. Du findest Deine Aufgabe, die Dir näher liegt. Erscheint
sie Dir gering -- mich dünkt sie wichtig, weil sie Deinem Vater gilt.
TOCHTER
entzieht ihm ihre Hände.
Ich habe kein Recht, während andere --
MILLIARDÄR
Vater und Tochter -- nicht den Streit! Nur Bitte um Bitte!
TOCHTER
Ich danke Dir heute für Jahre heller Jugend --
MILLIARDÄR
Mit heller Zukunft!
TOCHTER
stark.
Die in meiner neuen Pflicht leuchtet! (Sie steht auf, reicht ihm die
Hand.) Mein Entschluß ist mir so leicht geworden. Willst Du es mir
schwer machen, wenn ich ihn ändern soll?
MILLIARDÄR
nimmt ihre Hand nicht.
Wohin gehst Du jetzt?
TOCHTER
Zu meinen Schwestern und Brüdern.
MILLIARDÄR
tonlos.
Dahin gehst Du -- --
TOCHTER
Wirst Du mich bei den Ärmsten der Armen kennen?
MILLIARDÄR
gegen den Schreibtisch gestützt.
Dahin -- --
TOCHTER
zögert noch -- wendet sich zur Tür.
Der Diener öffnet.
Tochter ab.
MILLIARDÄR
stockend -- mit scheuer Geste.
Dahin -- -- dahin -- -- dahin -- -- -- -- (Dann rafft er sich auf --
klingelt.)
SEKRETÄR
tritt ein.
MILLIARDÄR
Der Schacht soll geschlossen werden!
SEKRETÄR
notiert.
MILLIARDÄR
Nein! (Sich an die Stirn greifend.) Hier oder da -- man kann es nicht
wegblasen -- die Macht hat keiner! (Fest zum Sekretär.) Meine Tochter
wird sich Samariterdiensten widmen. Sie werden ihr auf dem Schacht
begegnen und überall, wo es in meinen Fabriken Unfälle gab. Verleugnen
Sie sie -- ich kenne meine Tochter nicht!
SEKRETÄR
Ist Ihre Tochter von der Koralle unterrichtet?
MILLIARDÄR
Nein, außer den beiden Dienern niemand. (Sachlich.) Wir hatten vorhin
unterbrochen.
SEKRETÄR
liest von seinem Notizblock.
Am Nachmittag vertrete ich Sie in der vierundzwanzigsten Fabrik.
MILLIARDÄR
Morgen Mittag nehme ich an der Versammlung der Missionsgesellschaft in
der ersten Hälfte selbst teil, in der man mich zum Ehrenpräsidenten
ernennt. Sie kommen um 2 Uhr im Automobil. Ich werde unter dem
Vorwande, eine Mappe zu holen, die Sitzung verlassen. Sie kehren dann
für mich zurück und verlesen die Stiftungen, die ich mache. Ich gebe
Ihnen die Mappe. (Er sucht sie in einer Schreibtischlade.)
Die grüne Lampe flammt auf.
SEKRETÄR
Ein Anruf.
MILLIARDÄR
rasch hoch -- starrt auf die Lampe.
SEKRETÄR
Soll ich die Mappe nachher --
MILLIARDÄR
heftig.
Bleiben Sie hier! -- Gehen Sie. Ja -- später.
SEKRETÄR
ab.
MILLIARDÄR
nimmt langsam den Hörer auf.
-- -- Wer? -- -- -- -- (Er läßt ihn aus lockeren Fingern auf die
Tischplatte fallen. Mit unsicherem Munde.) Mein -- Sohn.
Der Diener läßt rechts den Sohn ein. Diener ab.
MILLIARDÄR
richtet sich straff auf und geht ihm entgegen.
Ich habe Dich in den letzten Tagen nicht gesehen.
SOHN
Seit --
MILLIARDÄR
Ich frage nicht, wo Du Dich aufhältst. Die Zeit ist vorbei, wo ich Dich
beaufsichtige. Rechtfertige Dich vor Dir selbst in jedem, was Du tust.
Du bist erwachsen.
SOHN
Du machst es mir leicht --
MILLIARDÄR
Vielleicht war es wichtig, Dir das zu sagen. Kommst Du deshalb?
SOHN
Der Anlaß --
MILLIARDÄR
So will ich auch hier nicht in Dich dringen. Setze Dich. Es ist in
diesem werktagstrengen Raum --
SOHN
Von dem Du mich eifersüchtig ferngehalten hast.
MILLIARDÄR
Reizt es Dich meinen Platz einzunehmen?
SOHN
Nicht Deinen --!
MILLIARDÄR
Ich biete ihn Dir nicht an. Ich bin noch nicht müde. Die Fäden liegen
straff in meinen Fingern. Ich will -- ich kann arbeiten. Der Nachfolger
meldet sich zu früh. Du wirst mich heute und morgen nicht entthronen.
SOHN
Die Absicht bringe ich nicht mit.
MILLIARDÄR
Aber es wird Dir helfen, Dir Dein Leben einzurichten.
SOHN
Du engst mir das Gebiet ein.
MILLIARDÄR
Es bleibt Dir nur diese Möglichkeit. Die Arbeit ist mein Teil.
SOHN
Ich weiß, wie Du fortfahren willst.
MILLIARDÄR
Du siehst, die Tore sind fest verrammelt.
SOHN
Und weil ich gezwungen bin, beruhige ich mein Gewissen?
MILLIARDÄR
Auch Dir ist ein Zwang auferlegt!
SOHN
(nach einer Pause.) Willst Du mir auf Fragen, die mich brennen,
antworten?
MILLIARDÄR
Nachdem wir eben unsere Grenzen scharf gezogen haben -- ja.
SOHN
So tiefe Widersprüche klaffen in Deinem Handeln.
MILLIARDÄR
Mit mir hast Du Dich beschäftigt?
SOHN
Ich kann mich nur noch mit Dir beschäftigen.
MILLIARDÄR
Wodurch wurde ich Dir unversehens interessant?
SOHN
Dieser ungeheure Reichtum, den Du angesammelt hast --
MILLIARDÄR
Ich erwähnte schon meine Arbeitskraft.
SOHN
Das ist nicht Arbeitskraft, das ist --
MILLIARDÄR
Wo liegt da das Rätsel?
SOHN
Hier die rücksichtslose Ausbeutung -- und dort die unbeschränkte
Mildtätigkeit, die Du übst. Das »heiße Herz der Erde« -- -- und dieser
Stein, den Du in Deinem Innern tragen mußt!
MILLIARDÄR
Das Rätsel möchte ich Dir nicht lösen.
SOHN
Weil Dich die Scham abhält, es Dir einzugestehen!
MILLIARDÄR
Es soll mein Geheimnis bleiben.
SOHN
Ich zerre an dem Schleier, hinter dem Du Dich versteckst. Du kennst
den Frevel Deines Reichseins und betäubst Dich mit diesem »offenen
Donnerstag«!
MILLIARDÄR
Die Erklärung würde nicht genügen.
SOHN
Nein, diese Gaben sind lächerlich, die Du austeilst. Du bezahlst damit
nicht das Blut --
MILLIARDÄR
Vergieße ich das?
SOHN
Nein, das sind Unglücksfälle. Aber Du drohst mit Blutvergießen, wenn
sie einmal aufschreien!
MILLIARDÄR
Sahst Du das?
SOHN
Jetzt muß ich Dir bekennen, wozu es mich gestern fast hingerissen hat!
MILLIARDÄR
Was war gestern?
SOHN
Ich war im Hof am Schacht, als Du sprachst. Du mußtest ja selbst
auftreten, um den Aufruhr zu unterdrücken. Ich war unten in der fahlen
Menge -- und sah Dich oben hinter den drohenden Gewehren dastehen. So
kalt und fern. Deine Worte klatschten wie Eisstücke auf die Versammlung
nieder. Keiner wagte mehr einen Ausruf. Bis Du die Schließung des
Betriebs androhtest, die Tausende -- Frauen und Kinder -- dem Hunger
auslieferte. Da tat einer den Mund auf!
MILLIARDÄR
Du warst es, der --
SOHN
Der Mörder rief! -- Das ist noch nicht das letzte.
MILLIARDÄR
Ich hörte nichts weiter.
SOHN
Hätte ich vergessen können, daß da oben mein Vater stand -- (Er greift
in die Tasche und legt einen Revolver auf den Tisch.) Ich will mich
nicht zum zweitenmal versuchen lassen.
MILLIARDÄR
schiebt den Revolver beiseite.
Du hättest mich nicht getroffen.
SOHN
Ich wollte treffen.
MILLIARDÄR
kopfschüttelnd, lächelnd.
Mich nicht. So kann dies nicht als Schatten zwischen uns stehen. (Er
streckt ihm die Hand hin.) Es braucht Dich nicht zu quälen.
SOHN
starrt ihn an.
Bläst Du das fort wie ein Staubkorn, das auf Deinen Rock wehte?
MILLIARDÄR
Nicht auf meinen Rock.
SOHN
Vergessen und vergeben?
MILLIARDÄR
So habe ich Dir auch nichts zu vergeben.
SOHN
Nein, Du nicht. Das kann ja auch ein anderer nicht. Das nicht. Die Buße
wählt man sich selbst. Ich will sie mir so schwer machen, daß ich am
letzten Tage vielleicht die Augen wieder aufschlagen kann.
MILLIARDÄR
Zu mir?
SOHN
Nein. Du nimmst mich heute schon auf. Du willst keine Zeit verlieren.
MILLIARDÄR
Wen setzt Du Dir zum Richter?
SOHN
Den letzten Deiner Arbeiter.
MILLIARDÄR
Was soll das heißen?
SOHN
Bis noch einer durch Not schuldig werden kann, stehe ich da unten!
MILLIARDÄR
Im Aufruhr?
SOHN
Im Frieden, der sich ausbreitet, wenn ich nicht mehr sein will, als
andere!
MILLIARDÄR
schiebt ihm den Revolver hin.
Jetzt ist es Zeit! (Er dreht das Gesicht von ihm weg.)
SOHN
springt auf und läuft zu ihm.
Sage mir doch, warum alles so ist! -- -- Sage es mir doch!
MILLIARDÄR
Komm mit. (Er führt ihn vor die Photographien.) Siehst Du das? Graue
Fabriken. Enge Höfe! (Zum großen Fenster hinten tretend.) Siehst Du
das? Schlote -- Schlote. Wo ist Erde -- Grashalme -- Gesträuch? -- --
Daher komme ich! -- -- Kennst Du mein Leben? -- -- Ich habe es Dir
unterschlagen. In den Schulen wird es gelesen. -- Ich habe Dir ein
anderes Leben gegeben. Ich habe Dich in allem ein anderes Leben leben
lassen. Nicht meins! -- -- Aus nichts bin ich geworden, so schreiben
sie in den Büchern! -- Aus jeder Not habe ich mich aufgeschwungen, so
erzähle ich Dir jetzt. Ich habe es nicht vergessen. Ich habe mich keine
Stunde einschläfern lassen. Mit diesen Bildern habe ich mich umstellt
-- diese Wand habe ich offen gehalten, damit es sich nicht verdunkeln
kann --: es soll mich aufscheuchen aus Ermüdung und Rast. Das gellt mir
Mahnung und Warnung ins Blut: nur nicht dahinab -- -- nicht dahinab!
SOHN
von ihm zurücktretend.
Du -- --
MILLIARDÄR
Ich kann Dich warnen. Mir wirst Du glauben. Mir hat es Vater und Mutter
verschlungen -- nach mir wollte es greifen -- -- ich bin entlaufen!
SOHN
Du kennst -- --
MILLIARDÄR
Dich hat ein Augenblick verstört -- mich hat es ein Leben lang
geschüttelt. So furchtbar ist das Leben! -- -- Willst Du dahinab?
SOHN
Das letzte reißt Du mir aus den Händen --
MILLIARDÄR
Was ist das?
SOHN
Was Dich entschuldigt: die Qual der anderen wäre Dir fremd!
MILLIARDÄR
Den Schrei trage ich in meiner Brust!
SOHN
Bist Du -- ein Tiger?! Mehr --: der weiß nicht, was er tut. Du kennst
die Qual Deiner Opfer -- -- und -- -- -- -- (Er faßt den Revolver --
legt ihn wieder hin.)
MILLIARDÄR
Ich oder ein anderer --
SOHN
Jeder ist --
MILLIARDÄR
Sei mir dankbar.
SOHN
Für die Täuschung?
MILLIARDÄR
Daß Du nicht werden mußt, wer ich bin!
SOHN
ruhig.
Dein Blut ist meins --
MILLIARDÄR
Fühlst Du es auch?
SOHN
Es macht die Aufgabe lohnend.
MILLIARDÄR
Mich vor dem Furchtbaren zu retten!
SOHN
Die furchtbare Begierde zu unterdrücken -- und neben dem niedrigsten
Deiner Arbeiter auszuharren!
MILLIARDÄR
steht steif.
SOHN
Du kannst mich abweisen lassen. Ich nehme Arbeit, wo ich sie sonst
finde.
MILLIARDÄR
bricht an ihm zusammen.
Erbarmen -- -- Erbarmen!!
SOHN
kalt.
Mit wem?
MILLIARDÄR
Erbarmen -- --!!
SOHN
Vielleicht wird es mein Schrei zu Dir, wenn Du mir und meinen Kameraden
einmal das Brot verweigerst! (Er geht nach rechts. Ehe der Diener die
Tür ganz öffnen kann, ab.)
MILLIARDÄR
endlich sprunghaft auf. Er sucht den Revolver -- stößt ihn in die
Tasche.
Hier nicht! -- -- Im Walddickicht! -- -- Brechendes Auge sieht grünes
Gezweig -- -- Stück blauen Himmels flutet herab -- -- kleiner Vogel
klingt! (Mit schrägen Blicken nach den Wänden.) Gestellt? -- --
Abgeschnitten? -- -- Die Flucht mißlungen? -- -- Eingeholt? -- --
(Die Arme schwenkend.) Laßt mich los -- -- faßt nicht nach mir --
-- ich fürchte mich doch vor Euch wie ein Kind!! (Keuchend an den
Photographien entlang laufend und mit Händen anschlagend.) Ein Ausweg
-- -- ein Ausweg -- -- (Schreiend.) Ein Ausweg!!
SEKRETÄR
von links -- fragend.
MILLIARDÄR
sieht ihn an.
SEKRETÄR
verlegen.
Die -- Mappe?
MILLIARDÄR
stumm.
SEKRETÄR
Sie wollten mir noch eine Mappe aushändigen.
MILLIARDÄR
an den Schreibtisch wankend und in den Sessel zusammenbrechend.
Tochter und Sohn -- -- hinab -- -- hinab -- -- -- -- Mich haben meine
Kinder verlassen!!
SEKRETÄR
schweigt.
MILLIARDÄR
zu ihm aufblickend.
Verstehen Sie das, was es heißt: ein Lebenlang für seine Kinder
arbeiten -- und sie treten vor ihren Vater hin und schlagen ihm den
Gewinn von der Hand?
SEKRETÄR
Ihr Sohn --?
MILLIARDÄR
aufschreiend.
Wer deckt jetzt zu, woher ich keuchend komme?! -- Wer hilft jetzt Berge
in Abgründe stürzen -- um _das_ zu verdecken?!
SEKRETÄR
sieht ihn fragend an.
MILLIARDÄR
Holt mich keiner -- aus dem Dunkel meiner Vergangenheit?!
SEKRETÄR
Weil Ihre Leistung so riesenhaft ist, braucht man Ihre Vergangenheit
nicht zu beschönigen!
MILLIARDÄR
Nicht zu -- --?!
SEKRETÄR
Ihr Werk steht nur größer da!
MILLIARDÄR
Ich gebe es hin -- -- ich zahle mit meinem Reichtum -- -- ich
verschenke mein Leben für ein anderes Leben!! (Inbrünstig.) Wer leiht
mir seins, das hell ist vom ersten Tage an?! -- -- Im Sohn finde ich es
nicht mehr -- hinab! -- -- -- -- Wo winkt nun der Tausch, um den ich
buhlte -- im Fieber der Arbeit -- in der Wut des Erwerbs -- auf dem
Berg meines unzählbaren Goldes?! -- -- -- -- In wen gehe ich unter --
und verliere diese Angst und tosenden Aufruhr?! -- -- -- -- Wer hat
ein Leben -- glatt und gut -- für meins?!!
SEKRETÄR
mit wachsender Ergriffenheit auf ihn niederblickend.
Ihr Sohn geht andere Wege. Die Enttäuschung ist bitter wie keine.
Aber da es sich so tausendfach wiederholt, mutet es fast wie ein
Gesetz an. Vater und Sohn streben voneinander weg. Es ist immer ein
Kampf auf Leben und Tod. -- -- -- -- (Nach einer Pause.) Ich habe
mich auch gegen meinen Vater aufgelehnt. Und obwohl ich fühlte, wie
ich ihm wehetat, mußte ich ihn verletzen. -- -- -- -- (Wieder nach
einem Warten.) Ich erkenne jetzt noch nicht, was mich trieb. Ich
wollte mein Leben selbst versuchen -- das wird schließlich wohl der
Anlaß. Der Drang nach Unabhängigkeit wirkt stärker als alles andere.
(Nun lebhafter fortfahrend.) Ich hatte ein Elternhaus, wie es selten
zu finden ist. An eine wundervolle Jugend kann ich zurückdenken. Ich
war einziger Sohn. Mutter und Vater teilten mir aus ihrem unendlichen
Schatz von Liebe schrankenlos mit. In ihrer Hut sah und hörte ich
nichts von den Widerwärtigkeiten eines groben Alltags. Es lag immer
ein Lichtschein von Sonne in den stillen Stuben. Auch der Tod trat
nicht zu uns. Die Eltern -- für mich leben sie heute noch. Dann zog
ich auf die kleine Universität -- und der Trieb zur Selbständigkeit
fing an, über mich Gewalt zu gewinnen. Ich löste mich los und ging in
die Welt. -- -- Manche dunkle Stunde habe ich erlebt -- es warf mich
hierhin und dorthin -- aber im Grunde konnte mich nichts erschüttern.
Ich besaß ja das größte Gut, von dem man ohne Maß zehren kann: die
lebendige Erinnerung an eine glückliche Jugend. Was später kam, wurden
nur Wellen, die über einen See streichen, der klar den blauen Himmel
spiegelt. So glatt und ungetrübt liegt meine reine Vergangenheit in mir
ausgebreitet!
MILLIARDÄR
hat das Gesicht gegen ihn gehoben. Mit stärkster Gespanntheit hört
er ihm zu.
SEKRETÄR
blickt vor sich hin.
MILLIARDÄR
sucht auf dem Tisch.
Die -- -- Mappe. (Er gibt sie ihm. Hervorstoßend.) Gehen Sie!
SEKRETÄR
nimmt die Mappe -- wendet sich zur Tür.
MILLIARDÄR
zieht den Revolver aus der Tasche und drückt ab.
SEKRETÄR
in den Rücken getroffen -- fällt.
MILLIARDÄR
steht unbeweglich.
-- -- -- -- Mein Leben -- -- für ein anderes Leben -- -- das hell
ist -- -- vom ersten Tage an -- -- -- -- (Langsam geht er hin, bückt
sich zum Liegenden -- -- und streift die Koralle von der Uhrkette.
Er hält sie auf der offenen Hand vor sich.) -- -- -- -- Dieses Leben
-- -- nach dem ich dürste -- --! -- -- jeder Tag dieses Lebens -- --
um das ich buhle -- --! (Tief den Kopf im Nacken.) Sie sollen mich zu
meinem Glücke zwingen -- -- -- -- sie werden mich ganz beschenken --
-- (Er streift die Koralle auf seine Kette.) -- -- -- -- wenn sie mich
überführen müssen! -- -- -- -- (Er reißt rechts die Tür auf und schießt
nochmal in die Luft.)
Die beiden Diener stürzen herein. Einer bleibt in der Tür -- der
andere beugt sich über den Sekretär.
DER ERSTE DIENER
in der Tür.
Die Koralle?
DER ZWEITE DIENER
richtet sich auf, schüttelt den Kopf.
Nehmen Sie den Sekretär fest!
VIERTER AKT
Untersuchungsraum: blaues Viereck mit vielen Zugängen, die Türen
von Eisenstäben haben, hinter denen sich enge Gänge verlieren.
Eine Bogenlampe in klarem Glas beleuchtet überall. Nur ein kleiner
eiserner Tisch, an dem der Schreiber -- mit Augenschirm -- sitzt.
Der erste Richter steht nachdenklich.
Die beiden Diener links.
Wärter kommt von rechts.
DER ERSTE RICHTER
zu ihm.
Schalten Sie aus.
WÄRTER
hantiert am Schaltbrett; die Bogenlampe verlöscht. In den Ecken
glühen matte Lampen auf.
DER ERSTE RICHTER
tritt an den Tisch, nimmt den Hörer auf.
Ich bitte um Ablösung. (Zu den beiden Dienern.) Sie können jetzt --
(Sich besinnend.) Oder warten Sie noch. (Er läßt sich vom Schreiber das
Protokoll geben, liest -- schüttelt den Kopf. Zu den Dienern.) Niemals
hat der Sekretär die Koralle -- (Rasch.) Es könnte doch sein, daß auch
die Koralle gelegentlich ausgetauscht wurde, um --
Der zweite Richter kommt hinten.
DER ZWEITE RICHTER
Kein Resultat?
DER ERSTE RICHTER
gibt ihm das Protokoll.
Höchstens das, daß mir Zweifel kommen.
DER ZWEITE RICHTER
liest -- läßt das Blatt sinken.
Er bestreitet doch nicht, daß die Koralle bei ihm gefunden ist.
DER ERSTE RICHTER
Aber er will nicht der Sekretär sein.
DER ZWEITE RICHTER
Wie erklärt er denn die Koralle an seiner Kette? (Lesend.) Auf die
wiederholt gestellte Frage läßt der Vernommene jedesmal die Antwort aus.
DER ERSTE RICHTER
zu den beiden Dienern.
Sollte nicht zu einem besonderen Zweck auch Ihre Irreführung geplant
gewesen sein?
DER ERSTE DIENER
Nein. Es wäre damit unsere Aufgabe unmöglich geworden.
DER ZWEITE DIENER
An der Bewachung seiner Person lag dem Getöteten viel.
DER ZWEITE RICHTER
Es ist ja durchsichtig. Natürlich, es geht um Kopf und Kragen. Da
sträubt man sich ein bißchen. Aber wir haben ja die Aussage, die der
Sohn gemacht hat. In der Unterredung, die zwischen Vater und Sohn kurz
vorher stattgefunden hatte, entsagte der Sohn dem väterlichen Reichtum.
Auch die Tochter hatte verzichtet. Der Sekretär hat das erregte
Gespräch nebenan gehört und konnte der Versuchung nicht widerstehen,
sich zum Nachfolger zu setzen. Da drückte er kurzer Hand los. Nur die
Koralle konnte er nicht mehr austauschen. Das hätte er vielleicht noch
gern getan. (Zu den Dienern.) Aber auf den Schuß kamen Sie schon hinzu.
DER ZWEITE DIENER
Ich nahm ihn fest, als er aus der Tür wollte.
DER ZWEITE RICHTER
Wollte er flüchten?
DER ERSTE DIENER
Nicht wir, sondern er hatte die Tür aufgemacht.
DER ERSTE RICHTER
Warum läuft er davon, wenn er sich für den ausgibt, auf den ein Angriff
unternommen ist?
DER ZWEITE RICHTER
legt das Protokoll hin.
Schon dieser Fluchtversuch beweist. Die Detonation, die der Schuß
verursachte, war zu kräftig, damit hatte er nicht gerechnet. In der
Verwirrung hoffte er zu entkommen, doch an der Umsicht der Diener
scheiterte die Absicht. Jetzt besinnt er sich wieder auf die Rolle, die
er spielen wollte.
DER ERSTE RICHTER
Die Ähnlichkeit ist allerdings fabelhaft. Ich habe einen solchen Fall
von Doppelgängertum noch nicht erlebt.
DER ZWEITE RICHTER
Ja, wenn wir die Koralle nicht hätten, müßten wir unrettbar im Dunkeln
tasten! (Nach dem Protokoll greifend.) Übrigens dieser Angriff, der vom
vermeintlichen Sekretär verursacht sein soll, wie begründet er den?
DER ERSTE RICHTER
Er schweigt.
DER ZWEITE RICHTER
Weil er nicht stattgefunden hat.
DER ERSTE RICHTER
Sie sagten doch, daß er sich an die Stelle des Getöteten setzen wollte?
DER ZWEITE RICHTER
stutzt.
DER ERSTE RICHTER
So findet sich doch eine Begründung?
DER ZWEITE RICHTER
Die ihn zur Tötung angestiftet hat!
DER ERSTE RICHTER
Er handelte also in Notwehr!
DER ZWEITE RICHTER
erregt.
Aber er ist doch der Sekretär!
DER ERSTE RICHTER
sich die Augen reibend.
Ich bin wirklich abgespannt. Das scharfe Licht -- die Gelassenheit des
Mannes, der sich kaum verteidigt --
DER ZWEITE RICHTER
Ich denke Mittel anzuwenden, die ihn beweglicher machen. Fruchtet die
Vorlegung der Koralle nicht -- (Er nimmt sie vom Tisch auf.) Wie ein
Blutstropfen sieht das Ding aus, der am Täter hängen blieb --! (Er legt
sie hin. Zu den Dienern.) Ich brauche Sie nicht mehr.
DER ERSTE DIENER
Wann morgen?
DER ZWEITE RICHTER
Hoffentlich war es genug. Zehnmal dieselbe Litanei. Ich lasse Sie sonst
bestellen.
Die beiden Diener ab.
DER ERSTE RICHTER
Versprechen Sie sich in dieser Nacht besseren Erfolg?
DER ZWEITE RICHTER
Nicht mehr als ein volles Geständnis!
DER ERSTE RICHTER
verblüfft.
Wie wollen Sie ihn dazu bringen?
DER ZWEITE RICHTER
Er will der Milliardär sein. Gut, so führe ich ihm seine Kinder vor.
Jetzt soll die Natur Richter spielen. Stutzt er eine Sekunde, sich
ihnen zu nähern, die der Vater nach der Bekundung von Sohn und Tochter
über alles liebte, so hat er soviel wie gestanden. Vor der Koralle
kann er sich sträuben, das ist ein toter Gegenstand -- -- aber vor der
Wucht des Anblicks von Sohn und Tochter seines Opfers wird sich kein
Individuum behaupten. Und da er kein berufsmäßiger Verbrecher ist,
bricht er mir in beide Knie!
DER ERSTE RICHTER
Tatsächlich bin ich ausgepumpt.
DER ZWEITE RICHTER
Strecken Sie sich auf dem Sofa aus und schlafen Sie gut. Wenn ich Sie
stören darf, rufe ich Ihnen unsere Erlösung von der Marter dieser
vierzehn Nächte hinüber.
DER ERSTE RICHTER
Ich fahre dann gleich eine Woche aufs Land.
DER ZWEITE RICHTER
Und ich schreibe ein Buch für Massenauflage über den Fall!
DER ERSTE RICHTER
hinten ab.
DER ZWEITE RICHTER
geht nach links und drückt auf eine Klingel neben einer Tür.
Von einem Wärter geleitet, Sohn und Tochter -- in schwarz -- von
links.
DER ZWEITE RICHTER
Es wird nun doch notwendig, daß ich die Gegenüberstellung ausführe.
So gern ich Ihnen diese Peinlichkeit erspart hätte, das hartnäckige
Ableugnen, von dem ihn mein Kollege nicht abbringen konnte, zwingt zu
dieser Maßnahme. Ich sehe keinen anderen Weg mehr, um ein Geständnis zu
erhalten. Und das Geständnis brauchen wir unbedingt!
SOHN
Geben Sie uns Anweisungen, wie wir uns verhalten.
DER ZWEITE RICHTER
Ich beabsichtige, einen überraschenden Schlag zu tun. Zu einer
Überlegung darf ihm nicht die mindeste Zeit gelassen werden. Ich bitte
Sie, vollständig geräuschlos zu kommen und Ihre Anwesenheit hier nicht
zu verraten. Vorläufig halten Sie sich dort im Hintergrund des Ganges
auf, der Wärter bleibt in der Nähe der Tür. Das ist unauffällig. (Zum
Wärter.) Ich werde es im Verlauf des Verhörs einrichten, daß ich auf
diese Seite trete, sodaß der Vernommene Ihre Tür im Rücken hat. Sobald
ich mein Taschentuch hervorziehe, lassen Sie die Dame und den Herrn ein.
SOHN
Mit dieser Konfrontierung ist unsere Aufgabe erfüllt?
DER ZWEITE RICHTER
Selbstverständlich beschränke ich auch diese auf die kürzeste Dauer.
Versuchen Sie jedoch, ihn fest anzusehen. Das ist wichtig. Besonders
Sie, gnädiges Fräulein, möchte ich darauf aufmerksam machen. Halten Sie
sich aufrecht. Sie erleben vielleicht das Grauenhafteste, was einem
widerfahren kann. Sie werden Ihren Vater zu erblicken glauben, der tot
ist.
SOHN
Eine Unterscheidung muß doch möglich sein!
DER ZWEITE RICHTER
Dann hätten wir leichtes Spiel gehabt. Die Übereinstimmung ist
vollkommen. Ein körperliches Merkmal existiert nicht. Die Natur spielt
uns schon den Streich.
SOHN
Nur diese Koralle gibt Aufschluß?
DER ZWEITE RICHTER
Den unumstößlich. Darum vergessen Sie nicht, daß Sie den Sekretär vor
sich haben!
Sohn und Tochter mit dem Wärter links ab. Der Wärter kehrt hinter
die Türstäbe zurück.
DER ZWEITE RICHTER
zum ersten Wärter.
Führen Sie vor.
Der Wärter schaltet wieder die Bogenlampe ein. Rechts ab.
DER ZWEITE RICHTER
Setzt sich eine Brille mit blauen Gläsern auf.
Wärter läßt den Milliardär vor sich eintreten und bleibt an der Tür.
MILLIARDÄR
Seine Hände sind nach vorn mit dünnem Stahlseil geschlossen. Er
stellt sich auf, wie er nun schon gewohnt ist, dazustehen -- ohne
Zeichen von Erregung.
DER ZWEITE RICHTER
beachtet ihn vorläufig nicht. Dann nimmt er den Revolver vom Tisch
und tritt -- nur für die Waffe interessiert -- zum Milliardär.
Wo kauft man denn diese Marke?
MILLIARDÄR
schweigt.
DER ZWEITE RICHTER
Das Modell hätte ich gern. Aber ich kann mir doch nicht ein vom Gericht
beschlagnahmtes Objekt zustecken.
MILLIARDÄR
lächelt dünn.
DER ZWEITE RICHTER
sieht ihn an.
Ein streng gehütetes Geheimnis?
MILLIARDÄR
Ein Geschenk.
DER ZWEITE RICHTER
Von wem denn?
MILLIARDÄR
schüttelt den Kopf.
DER ZWEITE RICHTER
Von zarter Hand doch nicht?
MILLIARDÄR
Von zartester.
DER ZWEITE RICHTER
Ach was, das ist ja unnatürlich.
MILLIARDÄR
Ja -- unnatürlich war das.
DER ZWEITE RICHTER
Sollten Sie sich selbst bedienen? Wenn Sie untreu werden?
MILLIARDÄR
Ich war das Ziel.
DER ZWEITE RICHTER
Wer wollte denn auf Sie schießen?
MILLIARDÄR
nickt langsam.
DER ZWEITE RICHTER
Rissen Sie ihm die Waffe aus der Hand?
MILLIARDÄR
Er legte sie auf die Schreibtischplatte nieder.
DER ZWEITE RICHTER
rasch.
Der Milliardär?
MILLIARDÄR
schweigt.
DER ZWEITE RICHTER
nickt befriedigt und stellt sich rechts auf.
Nun wollen wir die Situation rekonstruieren. Drehen Sie sich nach mir.
MILLIARDÄR
tut es.
DER ZWEITE RICHTER