Vielleicht ist es meine Leidenschaft mich auszutauschen.

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| Eine Liste der Änderungen befindet sich am Ende des Buchs. |

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[Illustration]

DIE KORALLE

SCHAUSPIEL IN FÜNF AKTEN

VON

GEORG KAISER

S. FISCHER -- VERLAG -- BERLIN

1917

DEN BÜHNEN UND VEREINEN GEGENÜBER ALS MANUSKRIPT

GEDRUCKT. ALLE RECHTE VORBEHALTEN, BESONDERS DIE DER

ÜBERSETZUNG. DAS AUFFÜHRUNGSRECHT IST VON S. FISCHER,

VERLAG ZU ERWERBEN. COPYRIGHT 1917 S. FISCHER, VERLAG.

PERSONEN

Milliardär

Sohn

Tochter

Sekretär

Museumsdirektor

Arzt

Kapitän

Sängerin

der Herr in grau

der Mann in blau

die Dame in schwarz

die Tochter in schwarz

das Fräulein in Taffet

der erste }

der zweite } Richter

der Geistliche

die beiden Diener

der Schreiber

die beiden Wärter

der gelbe Heizer

der farbige Diener

Matrosen

ERSTER AKT

Ein ovaler Raum: »das heiße Herz der Erde«. In sehr heller

Wandtäfelung liegen die Türen unsichtbar: zwei hinten, eine links.

Nur zwei runde Sessel aus weißem Elefantenleder stehen mitten in

großem Abstand gegenüber; der rechte mit einem Signalapparat an der

äußeren Wange.

In diesem Sessel sitzt der Sekretär: das Profil ist auf eine

unbestimmte Art von scheuer Energie. Straffes rötliches Haar steigt

in schmalem Streifen bis gegen das Kinn nieder. Der Körper im

Anzug von gröbstem Stoff ist klein; doch holt er aus irgendeiner

fortwährenden angreiferischen Bereitschaft, die mit Anstrengung

gebändigt wird, Wucht und Bedeutung.

Im andern Sessel das Fräulein in Taffet.

SEKRETÄR

Würden Sie nun --

DAS FRÄULEIN IN TAFFET

O ich verstehe Sie: -- mich kurz fassen. Ich bin nicht die einzige,

die angehört sein will. Im Vorzimmer drängen sich die Menschen -- und

vielleicht sind ihre Wünsche berechtigter. Wer will das wissen? Es gibt

Elend an allen Ecken der Erde. Ob meine Ecke, an die das Schicksal mich

zu stellen für passend befunden hat, eine besonders windige ist --

SEKRETÄR

Um das zu beurteilen, muß ich Ihr Schicksal kennen.

DAS FRÄULEIN IN TAFFET

Die Hölle, mein Herr! -- Jawohl, die Hölle. Ich verwende keinen

extremen Ausdruck. Das ist meine Art nicht. Oder kann man das besser

bezeichnen, wenn -- -- Man ist Mensch -- man hat eine Mutter -- an

Gott glaubt man -- -- Nein, mein Herr, diese Fähigkeit ist mir nicht

abhanden gekommen -- im Großen und Ganzen nicht! -- -- und -- ich kann

es nicht laut sagen --: kaufe mir mein Brot mit meinem Leib!

SEKRETÄR

Suchen Sie Aufnahme in ein Asyl?

DAS FRÄULEIN IN TAFFET

Wo Blumenstöcke hinter den Fenstern leuchten --!

SEKRETÄR

zieht einen Schreibblock aus der Tasche und schreibt.

Sie haben zwei Jahre Zeit, um über die Grundlage einer neuen Existenz

nachzudenken.

DAS FRÄULEIN IN TAFFET

Zwei -- --

SEKRETÄR

gibt ihr das Papier.

Jedes Magdalenenheim steht Ihnen heute offen.

DAS FRÄULEIN IN TAFFET

zugleich seine Hand fassend und küssend -- hysterisch.

Ich hatte meinen Kinderglauben nicht verkauft -- Gott war mir nicht

feil -- nun sucht er mich mit seinem Boten -- meines Gottes Bote --

ich grüße Sie -- kniend nehmen Sie meinen glühenden Dank. Mehr --

mehr, Gott selbst geht wieder unter uns -- wir sind alle gerettet --

halleluja amen!

SEKRETÄR

drückt auf das Signalbrett.

Sofort kommen von links zwei Diener -- herkulische Figuren -- in

gelber Livree. Sie heben das Fräulein in Taffet auf und führen es

nach der Tür zurück.

DAS FRÄULEIN IN TAFFET

ekstatisch.

In ein Magdalenenheim -- ich werde ein neuer Mensch -- ein neuer Mensch

-- --! (Die drei ab).

Der Mann in blau wird von den Dienern eingelassen und in den Sessel

geführt. Diener ab.

SEKRETÄR

Würden Sie --

DER MANN IN BLAU

mit stoßender Sprechweise.

Die Brust --

SEKRETÄR

Suchen Sie Aufnahme in eine Heilanstalt?

DER MANN IN BLAU

den Kopf in die Hände vergrabend.

Weggeschickt bin ich, nachdem ich mich von Kräften gearbeitet habe! --

Bin ich ein alter Mann? Ich stehe in den besten Jahren -- und sehe wie

ein Greis aus. Der Anzug schlottert um mich, den ich einmal ausfüllte

bis in die Nähte. Das System hat mich ruiniert --

SEKRETÄR

Sie sind Arbeiter?

DER MANN IN BLAU

Jeden ruiniert das System -- die unmenschliche Ausnützung der

Leistungsfähigkeit. Der Andrang ist ja groß genug -- darum muß man

schnell verbraucht werden, um Platz zu schaffen.

SEKRETÄR

Sie finden keine Beschäftigung in Fabriken?

DER MANN IN BLAU

Schon am Fabriktor werde ich abgewiesen. Seit zwei Wochen irre ich in

den Straßen herum und habe das Letzte aufgezehrt, was ich hatte. Jetzt

--

SEKRETÄR

Wir haben Landkolonien.

DER MANN IN BLAU

Die haben wir -- ja. Die liegen drin im Land. Ich kann nicht so weit

wandern.

SEKRETÄR

Die Kolonien sind mit der Bahn zu erreichen.

DER MANN IN BLAU

Ich -- habe das Fahrgeld nicht!

SEKRETÄR

zieht den Schreibblock und schreibt. Ihm das Blatt gebend.

Zeigen Sie draußen die Anweisung.

DER MANN IN BLAU

liest -- sieht auf.

Das ist mehr -- als das Fahrgeld! (Stammelnd.) Ich habe Frau und Kinder

-- -- ich kann sie mit mir nehmen -- -- ich wollte sie verlassen!

SEKRETÄR

drückt auf das Signalbrett.

Die beiden Diener kommen.

DER MANN IN BLAU

schon nach links laufend.

Meine Frau -- -- meine Kinder! (Ab.)

Die Diener schließen hinter ihm die Tür -- öffnen und lassen die

Dame in schwarz mit der Tochter ein. Die Tochter trägt einen

Violinkasten.

DIE DAME IN SCHWARZ

zu den Dienern.

Danke -- ich stehe.

Die Diener ab.

SEKRETÄR

steht auf.

Würden Sie --

DIE DAME IN SCHWARZ

ruhig.

Ich entschloß mich zu diesem Gang als Mutter meiner Tochter. Vor

einigen Monaten verlor ich meinen Mann. Er hinterließ mir so gut

wie nichts. Es ist mir gelungen, eine Stellung zu finden, die mich

ernährt. Allerdings würde ich niemals hinreichend verdienen, um für

die Ausbildung meiner Tochter zu sorgen. Ich habe Grund zu der Annahme,

daß das Talent meiner Tochter ihr eine Zukunft sichert. Ich habe davon

abgesehen mir Atteste und Gutachten zu verschaffen. Das beste Zeugnis

ihrer Befähigung ist ihr Spiel. Darf sie spielen?

SEKRETÄR

Ich denke, daß es auch Ihrer Tochter noch größeres Vergnügen nach

vollendeter Ausbildung bereitet.

DIE DAME IN SCHWARZ

Darf ich aus diesen Worten --

SEKRETÄR

schreibt.

DIE DAME IN SCHWARZ

zur Tochter.

Küsse die Hand.

SEKRETÄR

gibt der Dame in schwarz das Blatt.

Erheben Sie das monatlich bis zum Schluß des Studiums.

DIE DAME IN SCHWARZ

ohne zu lesen.

Dank wird Ihnen lästig sein, Sie hören ihn zu oft. Die Menschen müssen

Ihnen erbärmlich erscheinen, Sie machen zuviele glücklich. Uns bleibt

nur das Staunen vor dem Wunder: daß es jemanden gibt, der sich nicht

vor uns verschließt, wenn wir mit unserm Kummer zu ihm kommen. Uns alle

anzuhören, das ist größerer Mut -- als die Erfüllung unserer Bitten

schon unsagbare Güte ist!

SEKRETÄR

drückt auf das Signalbrett.

Die Diener kommen und führen die Dame in schwarz mit der Tochter

weg.

Auf dem Signalbrett schnarrt eine Schelle.

SEKRETÄR

drückt sofort nochmals auf einen anderen Taster.

Nur ein Diener von links.

SEKRETÄR

zu ihm.

Warten!

Der Diener ab.

Aus der Tür rechts hinten, die eine dichte Innenpolsterung zeigt,

tritt rasch der Milliardär ein. Jene früher gegebene ausführliche

Beschreibung des Sekretärs zielte nach dem Milliardär: der Sekretär

ist bis auf die geringste Einzelheit nur sein Widerspiel. Noch in

Sprache und Geste ist die Übereinstimmung vollkommen.

MILLIARDÄR

Die Bordliste der »Meeresfreiheit«. Nach der Ausfahrt gestern

aufgenommen und heute morgen mit Funkspruch hier gemeldet. Mein Sohn

ist nicht unter den Passagieren genannt.

SEKRETÄR

liest das Blatt.

Nur sein Begleiter.

MILLIARDÄR

Die Liste ist unvollständig!

SEKRETÄR

Die Bordmeldungen pflegen genau zu stimmen.

MILLIARDÄR

Wo ist mein Sohn, wenn sein Begleiter auf dem Dampfer ist? Er muß mit

der »Meeresfreiheit« reisen. Ich habe es gewünscht. Die Zeitungen

hatten die Namen der Passagiere, die die erste Klasse belegt haben,

gebracht, meinen Sohn an erster Stelle!

SEKRETÄR

Ich glaube nicht an einen Irrtum.

MILLIARDÄR

Er muß an Bord sein. Es gibt nur dies Schiff, auf dem er reisen kann.

Es war mein ausdrücklicher Auftrag, den ich dem Begleiter schickte,

diesen schnellsten und schönsten Dampfer zu benutzen! Die Meldung ist

fehlerhaft. Setzen Sie sich mit dem Schiffahrtskontor in Verbindung.

Fragen Sie an, wo der Fehler gemacht ist. Ob an Bord -- oder bei der

Herstellung der Liste!

SEKRETÄR

zögert.

MILLIARDÄR

Warten Sie am Telephon auf die Antwort.

SEKRETÄR

Es wird mich aufhalten --

MILLIARDÄR

Worin?

SEKRETÄR

Es ist heute der »offene Donnerstag« -- --

MILLIARDÄR

nachdenkend.

Der »offene Donnerstag« -- --

SEKRETÄR

wartet.

MILLIARDÄR

kurz.

Fragen Sie an. Ich werde solange hier sein.

SEKRETÄR

gibt ihm noch den Schreibblock.

MILLIARDÄR

Machen Sie die Auskunft dringend und kommen Sie gleich mit dem Bescheid.

SEKRETÄR

durch die Tür links hinten ab.

MILLIARDÄR

setzt sich in den Sessel, drückt auf das Signalbrett.

Die Diener lassen den Herrn in grau ein: von mächtigem Wuchs,

in weitem hellgrauen Anzug, dessen Taschen mit Zeitungen und

Broschüren vollgestopft sind. Runder roter Kopf, das Haar

weggeschoren. Sandalen.

DER HERR IN GRAU

nach den Dienern, die ihn in den Sessel weiterführen wollen, mit

der Reisemütze schlagend.

Langsam. Pause. Atem holen. (Da die Diener warten.) Sorgen Sie draußen

für Ruhe -- ich nehme mir hier Zeit. (Gegen den Milliardär.) Sie wird

mir bewilligt werden. Mit drei Worten halte ich Ihre Aufmerksamkeit

gebannt. (Zu den Dienern.) Ich bin kein Raubtier.

Die Diener auf einen bezeichnenden Wink des Milliardärs ab.

MILLIARDÄR

Würden Sie --

DER HERR IN GRAU

sich umblickend.

Also dies ist der gelobte Raum -- die Quelle des großen Mitleids --

das Heiligtum, von dem Liebe und Hilfe ausgehen -- (Mit beschreibender

Gebärde.) Geschwungenes Rund -- bedeutsame Form -- »das heiße Herz der

Erde«!

MILLIARDÄR

Äußern Sie jetzt --

DER HERR IN GRAU

Eindrucksvoll die Kahlheit: zwei Sessel -- und Platz für Klagen und

Jammerworte. Wunderlich, daß die Täfelung nicht nachgedunkelt ist von

den Notschreien, die gegen sie anprallen.

MILLIARDÄR

tastet nach dem Signalbrett.

DER HERR IN GRAU

bemerkt es.

Schellen Sie nicht nach den Dienern. Ich weiß es: dieser »offene

Donnerstag« ist kostbar für alle, die warten. Jede vergeudete Minute

besiegelt ein Menschenschicksal.

MILLIARDÄR

Wobei suchen Sie meine Hilfe?

DER HERR IN GRAU

Ich -- (Sich weit vorlehnend.) -- will Ihnen helfen!

MILLIARDÄR

greift unwillkürlich nach dem Taster.

DER HERR IN GRAU

Kein Signal. Ich bin gesund -- und was ich sage, ist lange überlegt.

Ich habe den Stoff studiert -- verarbeitet -- und bin zu Ergebnissen

gekommen -- zu einer Lösung von lächerlicher Einfachheit. Der ganze

Streit -- dieser gigantische Kampf, der mit einem ungeheuren Aufwand

von Mitteln und Gegenmitteln geführt wird -- fällt hin -- verrinnt --

ist weg!

MILLIARDÄR

Was für ein Streit?

DER HERR IN GRAU

Der einzige, der dauernd tobt: zwischen arm und reich!

MILLIARDÄR

Den --

DER HERR IN GRAU

-- will ich schlichten!

MILLIARDÄR

sieht ihn mit aufblitzendem Interesse forschend an.

Warum kommen Sie zu mir?

DER HERR IN GRAU

Es hat Sie überrascht. Aber ich mußte Sie im ersten Augenblick fesseln.

Sonst ging die Gelegenheit verloren. Ein zweites Mal hätten mich

Ihre Diener nicht vorgelassen. Mit den beiden ist nicht zu spaßen.

(Zeitungen und Zeitschriften aus den Taschen wühlend.) Jetzt will

ich das, was ich vorhin auf den kürzesten Ausdruck gebracht hatte,

entwickeln. Das ist das Material, das die erschöpfende Feststellung

verschafft. Sozialistische Zeitungen, Zeitschriften, Broschüren -- das

ganze Arsenal des kämpfenden Proletariats. Aufrufe -- Anpreisungen von

Mitteln, die den Erfolg verheißen -- Tarife -- Tabellen -- Statistik:

eine Sintflut von Literatur. Literatur -- weiter nichts. Es bringt

keinen Schritt weiter -- die Kluft klafft nur immer breiter, denn auf

die Feindschaft bis aufs Messer ist es aufgebaut. (Alles wieder in

die Taschen schiebend.) Schade um die Mühe. Zwecklose Wanderungen in

Sackgassen. So wird das nichts. Verstehen Sie es?

MILLIARDÄR

Ich verstehe Sie nicht.

DER HERR IN GRAU

Was tun Sie hier? Sie schenken mit beiden Händen. Wer bittet, wird

befriedigt. Im großen und im kleinen. Ihr Milliardenreichtum gestattet

es. Sie machen diesen »offenen Donnerstag«. Jeder kommt und empfängt.

Das Elend kriecht über diese Schwelle und tanzt als Glück hinaus.

Dieser ovale Raum wird im Mund der Bedrückten zum Paradies: hier pocht

das Herz der Erde -- heiß und erbarmend. Keine Minute stockt der

Pulsschlag -- er spendet und spendet. Warum tun Sie das?

MILLIARDÄR

Mein Milliardenreichtum --

DER HERR IN GRAU

Nein!

MILLIARDÄR

Sondern?

DER HERR IN GRAU

Ihr Reichtum ekelt Sie an!

MILLIARDÄR

hebt eine Hand auf.

DER HERR IN GRAU

Nicht, daß es Ihnen so bewußt wäre -- aber es gibt für mich keine

andere Erklärung. Nehmen Sie sie von mir an. Ich habe das nicht von

gestern auf heute gefunden. Ich bin in allen Sackgassen mühselig

gelaufen -- bis ich hier die offene Straße entdeckte, die allein zum

Ziel führt.

MILLIARDÄR

Was für ein Ziel ist das?

DER HERR IN GRAU

Das Ende des Kampfes zwischen reich und arm. Was keine Partei -- keine

Parole zuwegebringt, das machen Sie mit einem Federstrich wirklich.

Alles andere wird dadurch überflüssig: Ihr »offener Donnerstag« --

»das heiße Herz der Erde« -- die Versammlung des Elends im Vorzimmer.

Es bleiben ja doch nur Tropfen, die Sie in das Meer von Jammer

schütten. Aber mit diesem Federstrich künden Sie den ewigen Frieden an.

Unterschreiben Sie diese Erklärung!

MILLIARDÄR

nimmt das Papier nicht.

Was soll ich erklären?

DER HERR IN GRAU

Daß Sie die Bereicherung des Einzelnen für die unerhörteste Schmach

ansehen!

MILLIARDÄR

Daß ich --

DER HERR IN GRAU

Sie müssen es sagen. Sie -- der Milliardär der Milliardäre. In Ihrem

Munde erhält es Gewicht. Das beleuchtet blitzklar das Schlachtfeld,

auf dem sich die Parteien bis an die Zähne bewaffnet gegenüberstehen.

Das ist die weiße Parlamentärflagge, die hochgeht. Verhandlung --

Verständigung. Der Kampf wird überflüssig, der Kriegsgrund ist

beseitigt: Sie wollten nicht reich sein -- Sie sind nur durch die

Umstände gezwungen, reich zu werden. Jetzt kann man über die

Abänderung dieser Zustände beraten -- man findet die Lösung, weil man

sie brüderlich sucht!

MILLIARDÄR

Ich bin schwerlich --

DER HERR IN GRAU

Sie allein sind es! -- Sie wollen schenken weil Sie müssen. Etwas in

Ihnen zwingt Sie dazu. Jetzt tun Sie es im kleinen -- nun kennen Sie

das größere: jetzt werden Sie mit Freuden unterschreiben!

MILLIARDÄR

steht auf.

DER HERR IN GRAU

Sie werden doch nicht die Diener rufen?

MILLIARDÄR

Ich -- (Er steht nachdenkend hinter dem Sessel.)

DER HERR IN GRAU

Ich wußte es doch!

MILLIARDÄR

-- will Ihnen eine Erklärung geben.

DER HERR IN GRAU

Ihre Unterschrift!

MILLIARDÄR

wehrt wieder ab.

Und Sie sollen mir sagen, ob ich unterschreiben kann.

DER HERR IN GRAU

Sie müssen es ja!

MILLIARDÄR

kommt in den Sessel zurück.

Da Sie ja so etwas wie die Weltordnung umstürzen wollen, muß ich meine

Weltordnung vor Ihnen aufzubauen suchen. Kennen Sie meine Anfänge?

DER HERR IN GRAU

Aus eigener Kraft!

MILLIARDÄR

Aus eigener Schwäche!

DER HERR IN GRAU

sieht ihn verdutzt an.

MILLIARDÄR

Oder sagen wir: Furcht -- Angst. Schwäche und Furcht bedingen sich ja.

Aber Sie werden es mit zwei, drei Worten nicht verstehen können. Mein

Werdegang -- so sagt man ja wohl -- ist bereits in die Schulbücher

übergegangen. Ich wiederhole also nur eine bekannte Erzählung. Ich

gebe dieselben Daten -- nur sind meine Deutungen anderer Natur. Mein

Vater war Arbeiter in demselben Werk, das mir jetzt gehört. Ob er einen

Kessel geheizt hat oder Lastträger war, weiß ich nicht. Viel Geld hat

er wohl nicht verdient, denn wir existierten erbärmlich. An einem

Montag -- am Lohntag -- kam er nicht nachhause. Er war gekündigt, weil

er verbraucht war -- und hatte sich mit dem letzten Geld auf den Weg

gemacht. Uns hätte er ja nicht mehr ernähren können. An diesem Abend

nahm sich meine Mutter das Leben. Ich hörte irgendwo im Hause einen

Schrei -- ich lief nicht hin -- ich wußte alles -- ich war acht Jahre

alt. In dieser Minute pflanzte sich mir das Entsetzen ein. Es stand

vor mir wie eine graue Wand, über die ich hinweg mußte, um vor dem

Furchtbaren zu fliehen. Das Furchtbare, das aus dem Ausbleiben des

Vaters mit der Löhnung und dem Schrei der Mutter zusammenfloß, das

brachte mich auf den Weg -- das trieb mich zur Flucht. Es stand hinter

mir, wenn ich arbeitete -- ich fand Arbeit beim Werk! -- Es ließ mich

keine Sekunde los -- ich floh und floh -- -- -- -- und fliehe, weil es

heute noch irgendwo hinter mir dasteht!

DER HERR IN GRAU

Sie haben sich verblüffend schnell hinaufgearbeitet.

MILLIARDÄR

Rastloser Fleiß -- rastlose Flucht. Mehr nicht. Immer weiter mußte ich,

um den Abstand zwischen den Furchtbaren und mir zu verlängern. Es gab

keine Gnade, das hatte ich gesehen. Es hetzte mich vorwärts. Die Angst,

die mir in den Gliedern fror, machte mich erfinderisch. Da stehen

Maschinen, die haben meinen Vater ausgesaugt -- die haben meine Mutter

an den Türhaken geschnürt -- die werden mich zermalmen, wenn ich sie

nicht unter mich zwinge. Das Werk -- mit seinen Maschinen -- mit seinen

Menschen zwischen mich und das Furchtbare gestellt -- das hat mir die

erste Ruhe gegeben!

DER HERR IN GRAU

fährt sich über die Stirn.

Was wollen Sie denn damit -- -- Ein Erlebnis, wie hundertmal täglich es

vorkommt -- der Vater verschwindet -- die Mutter -- --

MILLIARDÄR

Mich schlug es nieder, weil ich besonders schwächlich war. Ich mußte es

sein, sonst hätte ich besser standgehalten. Aber ich lief davon, was

ich laufen konnte. Sagt Ihnen das genug?

DER HERR IN GRAU

verwirrt.

Ich sträube mich --

MILLIARDÄR

Gegen den Schwächling vor Ihnen?

DER HERR IN GRAU

Sie müssen ja erbarmungslos gegen Ihre Mitmenschen sein!

MILLIARDÄR

Wer flieht, will nicht sehen, über wen er tritt!

DER HERR IN GRAU

sieht ihn an -- froh.

Und widerlegen sich selbst: -- »das heiße Herz der Erde«!

MILLIARDÄR

Ja -- ich will von dem Elend nichts hören, das mich an das Furchtbare

zu stark erinnern kann. Deshalb habe ich einen Tag im Monat bestimmt:

den »offenen Donnerstag«. So weiß ich, wann ich mich zu verstecken habe.

DER HERR IN GRAU

Sie sitzen doch selbst hier und hören alles an!

MILLIARDÄR

Irrtum --: mein Sekretär sitzt hier.

DER HERR IN GRAU

nach einer Pause -- scharf.

Ist das Ihre Weltordnung?

MILLIARDÄR

Nicht meine -- es ist _die_ Weltordnung.

DER HERR IN GRAU

Die Klassen sind kürzer oder weiter vorgekommene Flüchtlinge?

MILLIARDÄR

Alle sind auf der Flucht.

DER HERR IN GRAU

Und die am raschesten Fliehenden -- die --

MILLIARDÄR

Die verstörtesten Feiglinge --

DER HERR IN GRAU

Triumphieren!

MILLIARDÄR

Wie meinesgleichen!

DER HERR IN GRAU

stöhnt. Dann ironisch.

So muß ich erst auf eine Menschheit hoffen, die keine Feiglinge mehr

unter sich zählt.

MILLIARDÄR

Es werden immer wieder Menschen geboren, die sich tiefer erschrecken.

Es kommt auf den Anlaß nicht mehr an. Es ist immer der Hebel gewesen,

der sich selbst ansetzte. Fortschritt -- es gilt nicht: wohin --

sondern: fort wovon! -- -- Wird Ihnen jetzt mehr verdächtig? Ich

spreche Ihre Vermutungen unumwunden aus. Mir sind diese Gedankengänge

ja geläufiger. Woher stammen die Großen, die eine Welt erobern? Aus

dem Dunkel steigen sie herauf, weil sie aus dem Dunkel kommen. Dort

erlebten sie das Furchtbare -- auf diese oder jene Weise. Schaurige

Meteore sind sie, die grell aufflammen -- und fallen!

DER HERR IN GRAU

spöttisch.

Und wann -- fallen Sie?

MILLIARDÄR

schüttelt lächelnd den Kopf.

DER HERR IN GRAU

Wie haben Sie sich gegen das Meteorschicksal versichert?

MILLIARDÄR

Ich habe einen Sohn.

Der Sekretär kommt zurück.

MILLIARDÄR

aus dem Sessel -- dem Sekretär entgegen.

Ist jetzt der Irrtum berichtigt?

SEKRETÄR

Das Verzeichnis war vollständig.

MILLIARDÄR

Ohne meinen Sohn?

SEKRETÄR

Er befindet sich nicht auf der »Meeresfreiheit«.

MILLIARDÄR

Aber sein Begleiter reist doch mit der »Meeresfreiheit«!

SEKRETÄR

Er muß sich von ihm getrennt haben.

MILLIARDÄR

Der keinen Schritt von seiner Seite weichen durfte?

SEKRETÄR

schweigt.

MILLIARDÄR

Ich will Aufklärung. Ich weiß ja in dieser Stunde nicht, wo mein

Sohn ist! -- Setzen Sie sich mit seinem Begleiter durch Funkspruch in

Verbindung. Er soll berichten was vorgefallen ist. Es muß doch etwas

vorgefallen sein. Ich begreife nicht, wie er ohne meinen Sohn reisen

konnte!

SEKRETÄR

Ihr Sohn ist jung --

MILLIARDÄR

lächelnd.

Zarte Fesseln, die ihn --? Wir werden den Grund bald kennen.

SEKRETÄR

wieder ab.

MILLIARDÄR

in den Sessel zurückkehrend.

Habe ich Sie vorhin so stark erschüttert?

DER HERR IN GRAU

war beim Eintritt des Sekretärs aufgesprungen. Er starrt noch nach

der Tür, durch die der Sekretär weggegangen ist. Dann wendet er

sich zum Milliardär.

Bin ich doppelsichtig? Sitzen Sie hier? Sind Sie nicht eben da aus der

Tür? Haben Sie mit sich selbst gesprochen?

MILLIARDÄR

Nein, ich habe mit meinem Sekretär verhandelt.

DER HERR IN GRAU

Der Sekretär --! Sind Sie Brüder? Aber es wäre auch das --

MILLIARDÄR

Sie sehen, es ist möglich.

DER HERR IN GRAU

sich in den Sessel fallen lassend.

Grauenhaft!

MILLIARDÄR

Ein Scherz, den sich die Natur vielfach leistet. Sie werden für jeden

Menschen eine Wiederholung finden. Wenn Sie suchen, heißt es. Ich habe

suchen lassen und und ich gebe zu, daß ich vom Glück begünstigt wurde.

DER HERR IN GRAU

Vom Glück --?

MILLIARDÄR

Es verschafft mir große Annehmlichkeiten. Ich kann da und dort sein,

ohne mich selbst zu bemühen. Und auch an diesem »offenen Donnerstag«

bin ich mit meiner gutbekannten Gestalt hier -- und angle vielleicht zu

meiner Erholung an einem entfernten Gewässer.

DER HERR IN GRAU

Wissen Sie denn selbst noch, wer Sie sind?

MILLIARDÄR

Ich denke doch.

DER HERR IN GRAU

Und sonst nimmt jeder den Sekretär für Sie?

MILLIARDÄR

Bis auf die beiden Diener, die über meine persönliche Sicherheit wachen.

DER HERR IN GRAU

Kein Mensch könnte den Unterschied entdecken?

MILLIARDÄR

Deshalb ist auch ein kleines unauffälliges Abzeichen angebracht. Eine

Koralle, die der Sekretär an seiner Uhrkette trägt. Wer die Koralle

hat, ist der Sekretär.

DER HERR IN GRAU

Und nur die Diener wissen es?

MILLIARDÄR

Es sind Detektivs.

DER HERR IN GRAU

Und wenn ich Ihr Geheimnis verrate?

MILLIARDÄR

Wer wird Ihnen glauben? Ein Märchen mehr über mich.

DER HERR IN GRAU

schüttelt heftig den Kopf.

Sie haben die Koralle nicht an der Kette -- oder, ich habe nicht darauf

geachtet, trugen Sie vorhin --

MILLIARDÄR

Nein, ich habe Ihnen von Anfang an Rede gestanden. Und wenn Sie noch

den Schluß hören wollen --

DER HERR IN GRAU

lachend.

Das Ende Ihrer Flucht Hals über Kopf vor dem Furchtbaren! Oder gibt es

keins?

MILLIARDÄR

In meinem Sohn. Ich habe auch eine Tochter, aber zum Sohn hat man die

tiefere Beziehung. Haben Sie Kinder? Nein. Dann müssen Sie mir schon

glauben. Im Sohn findet man seine Fortsetzung -- während er selbst

ein Anfang ist. Das ist ein Gesetz, das im Blut liegt. Ich weiß mit

stärkster Gewißheit, daß es besteht! -- Es wünscht doch jeder Vater:

mein Sohn soll es einmal besser haben. Das ist so der landläufige

Ausdruck.

DER HERR IN GRAU

Er soll das Furchtbare, wie Sie es nennen, nicht kennen.

MILLIARDÄR

Soll ich noch mehr sagen? Das ist ja alles so verständlich.

DER HERR IN GRAU

Und Sie haben ihn bewahrt?

MILLIARDÄR

Ich lasse ihn ein helles Leben leben. Er hat keine Berührung mit dem,

was in Ihren Broschüren schreit und jammert. Ich habe ihn abseits

geführt.

DER HERR IN GRAU

Wo halten Sie ihn versteckt?

MILLIARDÄR

Ich halte ihn nicht verborgen. Die Erde hat so viele sonnige Küsten!

DER HERR IN GRAU

Wo man das Furchtbare verträumt!

MILLIARDÄR

Wo man sich eine glücklichere Vergangenheit schafft.

DER HERR IN GRAU

Von der Flucht in seligem Frieden rastet!

MILLIARDÄR

Im Paradies!

DER HERR IN GRAU

Sie haben den äußeren Doppelgänger gefunden -- den Sekretär.

MILLIARDÄR

Erregt es Sie noch?

DER HERR IN GRAU

Nein, es ist Methode darin.

MILLIARDÄR

Inwiefern?

DER HERR IN GRAU

Jetzt formen Sie sich noch den inneren Doppelgänger -- Ihren Sohn.

MILLIARDÄR

Vielleicht ist es meine Leidenschaft mich auszutauschen.

DER HERR IN GRAU

Wenn man so triftige Gründe hat.

MILLIARDÄR

So furchtsam ist.

DER HERR IN GRAU

Und so mächtig!

MILLIARDÄR

Wollen Sie mir jetzt noch helfen? Mit Ihrer Erklärung, die ich

unterschreiben soll?

DER HERR IN GRAU

stößt seine Zeitungen usw. noch tiefer in die Taschen, atmend.

Sie haben mich verwirrt gemacht. Die Luft ist hier dick. Es preßt einem

den Schweiß durch die Poren.

MILLIARDÄR

Überdenken Sie es in Ruhe.

DER HERR IN GRAU

Es ist zu toll: das »heiße Herz der Erde« -- -- der »offene Donnerstag«

-- -- -- Die Konsequenzen!

MILLIARDÄR

Welche Konsequenzen?

DER HERR IN GRAU

Das Chaos tut sich auf!

MILLIARDÄR

Es ist aufgetan -- darum rette sich auf einen festen Fleck, wer kann.

DER HERR IN GRAU

fast schreiend.

Sie retten sich nicht!

MILLIARDÄR

Ich habe einen Sohn.

DER HERR IN GRAU

Lassen Sie mich weg. Schellen Sie nach Ihren Dienern. Ich sehe die Tür

nicht. Schellen Sie doch!

MILLIARDÄR

drückt den Taster.

Die beiden Diener kommen.

DER HERR IN GRAU

mit drohender Gebärde nach dem Milliardär.

Sie haben meine Welt zertrümmert -- noch unter dem Schutt begraben

verfluche ich Sie -- -- verfluche ich Sie! (Die Diener packen ihn hart

an und führen ihn hinaus.)

SEKRETÄR

tritt wieder ein.

Ein Funkspruch von Ihrem Sohn.

MILLIARDÄR

Vom Kontinent?

SEKRETÄR

Nein -- von Bord.

MILLIARDÄR

Reist er --

SEKRETÄR

liest.

Soeben abgefahren --

MILLIARDÄR

Doch mit der »Meeresfreiheit«?

SEKRETÄR

schüttelt den Kopf.

MILLIARDÄR

Verkehrt denn ein Schwesterschiff, das Luxuskabinen wie die

»Meeresfreiheit« hat?

SEKRETÄR

liest weiter.

Auf dem »Albatros«.

MILLIARDÄR

»Albatros«? -- Was ist das für ein Schiff?

SEKRETÄR

Ein -- Kohlendampfer.

MILLIARDÄR

Ein -- -- Kohlendampfer -- --? Gibt er eine Erklärung?

SEKRETÄR

zögert -- reicht ihm das Telegramm.

MILLIARDÄR

liest zu Ende.

-- -- Als Heizer! -- -- (Gegen den Sessel taumelnd.) Was bedeutet das:

mein Sohn -- -- auf einem Kohlendampfer -- -- Heizer?!

ZWEITER AKT

Unter dem Sonnensegel auf der Milliardärsjacht. Hinten ein Stück

der Reeling. Heißflimmernde Meeresstille.

In weißlackierten Rohrsesseln: Milliardär, die Tochter, der

Museumsdirektor, der Arzt, der Kapitän -- alle in weiß. Ein Neger

stellt Eisgetränke hin.

Die Stimme der Sängerin in einiger Entfernung.

SÄNGERIN

den letzten Ton der Arie aushaltend und dämpfend kommt hinten und

richtet ihren Kodak auf die Gruppe. Aufhörend und zugleich knipsend.

Danke. (Die anderen sehen nun erstaunt auf.) Für Reklamezwecke. Auf

hoher See -- an Bord der glänzendsten Jacht der Welt -- und dies

Publikum: das mußte ich auf die Platte bringen. Sämtliche Opernhäuser

der Erde überbieten sich mit Verträgen. (Sich in einen Sessel neben den

Milliardär niederlassend.) Wenn _Sie_ mir hingerissen zugehört haben --

oder täusche ich mich? Sagen Sie doch die Wahrheit. Das Bild habe ich

ja im Apparat!

MILLIARDÄR

etwas verlegen.

Nein, nein, wirklich außerordentlich --

Die anderen klatschen Beifall.

SÄNGERIN

photographiert schnell.

Aufnahme zwei: der Applaus. (Dem Neger das Glas zurückgebend.) Heiße

Limonade.

ARZT

Das wollte ich Ihnen eben empfehlen.

SÄNGERIN

Sehen Sie, Doktor, ich bin alles in einem: Sängerin, Impresario,

Leibarzt.

MUSEUMSDIREKTOR

Damit machen Sie zwei Menschen brotlos.

SÄNGERIN

Ist das nicht überhaupt das Geheimnis des Aufstieges?

MUSEUMSDIREKTOR

Sie haben gesunde Nerven!

SÄNGERIN

Die schlechtesten?

ARZT

Wollen Sie mir, als Arzt, das einmal näher erklären?

SÄNGERIN

Ich sehe Gespenster.

ARZT

Was für Gespenster?

SÄNGERIN

Gespenster!

ARZT

Ja, ich habe noch keine gesehen.

SÄNGERIN

Weil Sie keine erregbare Natur sind. Und Künstler sind erregbare

Naturen -- und da sehen sie Gespenster.

ARZT

Also nur Künstler sehen Gespenster.

SÄNGERIN

Wir können ja eine Umfrage veranstalten. Das ist ein unterhaltsames

Spiel auf See. Der Reihe nach. (Zum Milliardär.) Sehen Sie Gespenster?

MILLIARDÄR

Ich glaube, wir haben nicht die Zeit mehr -- (Zum Kapitän.) Müßte jetzt

nicht der »Albatros« gesichtet sein, Kapitän?

KAPITÄN

Diese Dampfer halten keine gleichmäßige Fahrt.

MILLIARDÄR

Bitte.

KAPITÄN

ab.

ARZT

Was für ein Schiff ist eigentlich dieser »Albatros«?

MILLIARDÄR

Mein Sohn hat ihn entdeckt. Er muß besondere Vorzüge haben. Vielleicht

die Jacht eines Freundes, den er sich auf seiner Reise erworben hat.

TOCHTER

Wir arrangieren mit dem »Albatros« eine Wettfahrt.

SÄNGERIN

Fabelhaft aufregend. Soviel Films habe ich gar nicht.

TOCHTER

Wer verliert, wird gerammt.

ARZT

Mit der Besatzung?

TOCHTER

Fünf Minuten sind zum Einsteigen in die Motorbarkasse bewilligt. (Zum

Milliardär.) Soll ich den Kapitän instruieren, daß er sich auf das

Rennen vorbereitet?

MUSEUMSDIREKTOR

Und wenn wir dem unbekannten »Albatros« unterliegen?

TOCHTER

Ich bleibe auf der Brücke. Ich gebe die Befehle zur Maschine hinunter.

Es wird Dampf aufgesetzt bis zum äußersten.

ARZT

Bei dieser Temperatur.

TOCHTER

Auf der Brücke pfeift der Luftzug, in dem wir jagen.

ARZT

Ich dachte an den Maschinenraum.

TOCHTER

aufstampfend.

Ich kenne nur das Verdeck!

MILLIARDÄR

Ich glaube nicht, daß der »Albatros« schneller ist als wir. Damit

verliert der Kampf seinen Reiz.

TOCHTER

Wenn mein Bruder mit ihm reist?

MILLIARDÄR

Wir wollen es ihn entscheiden lassen, er kennt ja den »Albatros« und

uns.

KAPITÄN

kommt zurück.

MILLIARDÄR

Gesichtet?

KAPITÄN

Noch nicht.

MILLIARDÄR

zur Tochter.

Du siehst, er läuft langsam. (Zu den anderen.) Vertreiben wir uns

wieder die Zeit.

SÄNGERIN

Also das Gespensterspiel.

MILLIARDÄR

lebhaft zum Museumsdirektor.

Hat der Tintoretto wirklich keine Qualitäten?

MUSEUMSDIREKTOR

Große -- größte.

MILLIARDÄR

Sie lehnten meine Schenkung ab.

MUSEUMSDIREKTOR

nickt.

Die Kreuztragung.

SÄNGERIN

Stoßen Sie sich an dem Gegenstand?

MUSEUMSDIREKTOR

Wenn ich ihn zum Prinzip erweitere -- ja.

ARZT

Dann werden Sie aus der Galerie ungefähr die ganze alte Kunst

auszuschalten haben.

SÄNGERIN

Dozieren Sie, Direktor, ich knipse auf dem Höhepunkt Ihres Vortrages

Ihr Publikum.

MUSEUMSDIREKTOR

In diesem neuen Museum, das ich leiten soll, propagiere ich den Bruch

mit jeder Vergangenheit.

ARZT

Und was bleibt übrig?

SÄNGERIN

Leere Wände.

MUSEUMSDIREKTOR

Leere Wände, für deren Bedeckung ich so gut wie nichts habe.

ARZT

Ein originelles Museum.

TOCHTER

Tennishallen.

MUSEUMSDIREKTOR

Es soll eine Verlockung zur neuen Leistung werden. Ein betonter Anfang.

Das bedeutet durchaus keine abfällige Kritik des vorhergegangenen

-- die Anerkennung ist sogar maßlos. Wir sitzen alle noch in seinem

Schatten. Das quält uns irgendwie. Wir müssen wieder in das volle

Licht hinein -- und abschütteln diese Kreuztragung. So stellt es sich

mir dar. Wie eine Kreuztragung lastet das auf uns -- diese Masse der

Vergangenheit, von der wir nicht wegkommen ohne Gewalt und Verbrechen

-- wenn es sein muß!

ARZT

Ist das möglich -- ohne Selbstbetrug?

MUSEUMSDIREKTOR

Das weiß ich nicht.

ARZT

Ich fürchte, die Kreuztragung ist unabwendbar.

MUSEUMSDIREKTOR

Man muß die Zukunft fest wollen.

ARZT

In Ihrer Galerie mag es gelingen.

MUSEUMSDIREKTOR

Weiter setze ich auch meine Ansprüche nicht.

ARZT

Im Leben, denke ich, wird niemand über seinen Schatten springen können.

Ein Matrose kommt und macht dem Kapitän Meldung. Ab.

KAPITÄN

steht auf; zum Milliardär.

Der »Albatros« ist dicht auf von steuerbord.

MILLIARDÄR

erregt.

Schicken Sie das Motorboot hinüber! (Kapitän ab.)

ARZT

Da wird sich ja gleich zeigen, was an dem Märchenschiffe ist.

SÄNGERIN

Der Matador.

MUSEUMSDIREKTOR

Meine Neugierde ist auf das Höchste gespannt.

TOCHTER

Ich funke ihm die Aufforderung zum Rennen.

MILLIARDÄR

hält sie zurück. Zu den anderen.

Gehen Sie voran, wir folgen Ihnen nach.

Sängerin, Museumsdirektor und Arzt ab.

MILLIARDÄR

Ich habe mit Dir etwas zu besprechen.

TOCHTER

Jetzt?

MILLIARDÄR

Nur eine Frage, die ich an Dich richten will.

TOCHTER

Was denn?

MILLIARDÄR

Würdest Du Dich entschließen -- den Museumsdirektor zu heiraten?

TOCHTER

Das -- weiß ich nicht!

MILLIARDÄR

Ich dränge auf Deine Entscheidung, weil --

TOCHTER

Ich kenne ihn doch kaum.

MILLIARDÄR

Ich selbst --

TOCHTER

Wie kannst Du mir dann zureden?

MILLIARDÄR

Als er vorhin sprach, machte er mir Eindruck, wie ich ihn noch nicht

von einem Menschen hatte.

TOCHTER

Er wies die Schenkung zurück. Hat Dir das imponiert?

MILLIARDÄR

Seine Anschauungen haben mir gefallen. Diese innere Unabhängigkeit, die

er hat -- daß es für ihn nur die Zukunft gibt -- die die Vergangenheit

auslöscht --

TOCHTER

Ich habe ihm nicht zugehört.

MILLIARDÄR

Du würdest mir eine Freude --

TOCHTER

Das macht meine Überlegung überflüssig!

MILLIARDÄR

schüttelt ihre Hände.

Jetzt wollen wir Deinen Bruder erwarten. (Beide ab.)

Schiffsglocke und hohe Sirene. Matrosen öffnen hinten die Reeling

und winden die Schiffstreppe hinab.

Alle kommen zurück, sich über die Reeling beugend: Tücherschwenken

und Hallorufe.

ARZT

unter das Sonnensegel tretend.

Das ist ja ein ganz schwerfälliger Kasten.

MUSEUMSDIREKTOR

ihm folgend.

Er macht eben seinem Namen »Albatros« Ehre.

ARZT

Haben Sie sonst noch Passagiere drüben entdecken können?

MUSEUMSDIREKTOR

Das ist vielleicht der Reiz der Reise gewesen.

ARZT

Ich danke.

SÄNGERIN

tritt zu ihnen, den Kodak im Rücken haltend.

Diskretion -- Familienszene!

Sohn -- in einem grauen Anzug -- steigt die Schiffstreppe empor und

wird von der Tochter stürmisch begrüßt. Kapitän steht salutierend.

SOHN

Ihr habt mir aufgelauert?

TOCHTER

Seit zwei Tagen kreuzen wir auf dieser Stelle. Die Langweile war

fabelhaft.

MILLIARDÄR

Ich wollte Dich überraschen.

SOHN

Das ist Dir vollständig gelungen. Deine Gäste?

MILLIARDÄR

Nur der engste Kreis.

SOHN

geht von einem zum anderen, begrüßt wortlos. Dann steht er bei

einem Sessel.

Es herrscht eine verlegene Stille.

TOCHTER

wirft sich in einen Sessel.

Mir ist das zu feierlich.

MILLIARDÄR

auf die Sessel einladend.

Bitte.

Alle setzen sich -- Sohn folgt zögernd.

KAPITÄN

kommt und setzt sich.

SOHN

verwundert zu ihm.

Fahren wir denn nicht?

MILLIARDÄR

Ich habe gedacht, daß wir noch drei, vier Tage auf See bleiben.

SOHN

Wenn es Dein Wunsch war --

MILLIARDÄR

Deinetwegen.

SOHN

Warum?

MILLIARDÄR

Nach dieser Reise --

TOCHTER

Der »Albatros« -- ich habe ihn in der Aufregung nicht gesehen. Ist er

große Klasse? Wieviel Meilen?

Museumsdirektor und Arzt lachen.

SOHN

Was gibt es denn mit dem »Albatros«?

TOCHTER

Wir wollten ihn nämlich herausfordern. War er ein scharfer Gegner?

SOHN

Darüber lachen Sie. -- Nein, Schwester, ein Gegner in diesem Sinne ist

der »Albatros« nicht.

TOCHTER

erstaunt.

Warum reist Du denn nicht auf der »Meeresfreiheit«?

MILLIARDÄR

unruhig, ablenkend.

Von Deinen Eindrücken in den großen Städten der Erde --

SÄNGERIN

Haben Sie überall die Oper besucht?

SOHN

Wir können doch den Charakter des »Albatros« feststellen: er ist ein

Kohlendampfer! -- Kapitän, Sie müssen doch die Schiffe kennen, die

verkehren?

KAPITÄN

Auf diesen »Albatros« hätte ich nicht geraten.

SOHN

Weshalb nicht?

KAPITÄN

lächelt.

SOHN

an die anderen.

Ist das so wunderbar? Fahren nicht andere Menschen auf solchen Schiffen?

KAPITÄN

Für Passagiere sind sie nicht eingerichtet.

SOHN

Für die nicht -- aber die Matrosen, Heizer sind doch Menschen?

MUSEUMSDIREKTOR

nach einer Stille.

Sie verstehen sich die Genüsse mit einigem Raffinement zu verschaffen.

SOHN

Welche Genüsse?

MUSEUMSDIREKTOR

In diesem Gegensatz von Kohlendampfer und dieser Jacht bietet sich erst

die rechte Möglichkeit ihren Luxus zu genießen.

SOHN

Oder zu -- -- (Abbrechend und sich an den Milliardär wendend.) Hat Dir

mein Begleiter berichtet?

MILLIARDÄR

Ich habe nicht mit ihm gesprochen.

SOHN

Er muß doch seit zwei Tagen angekommen sein?

MILLIARDÄR

Zwei Tage liege ich hier draußen.

SOHN

Bist Du mit ihm unzufrieden? Die Schuld trage ich. Er hat sich gewiß

jede Mühe gegeben.

MILLIARDÄR

ausweichend.

Willst Du Dich jetzt nicht umkleiden?

TOCHTER

Du trägst ja einen Straßenanzug.

SOHN

Er schützt besser gegen Kohlenstaub, der wirbelte. Außerdem war er

weniger auffällig -- und klugerweise paßt man sich an.

MILLIARDÄR

So passe Dich uns an -- und stecke Dich von Füßen bis zum Hals in weiß.

SOHN

Du mußt mir schon mein Vergnügen lassen.

SÄNGERIN

mit dem Kodak.

Sehr interessante Bildwirkung.

SOHN

Weiter ist das für Sie nichts?

ARZT

Bei dieser überstiegenen Temperatur empfiehlt sich weiße Bekleidung aus

gesundheitlichen Rücksichten.

MILLIARDÄR

Da hörst Du unsern besorgten Doktor.

SOHN

mit unterdrückter Schärfe.

Würden Sie Ihrem ärztlichen Rat auch im Maschinenraum Geltung

verschaffen?

ARZT

Schwerlich.

SOHN

Weil Sie damit nicht durchdringen. Aus Gründen der Beschäftigung mit

schwarzer Kohle.

ARZT

Gewiß.

SOHN

Also darf die Gesundheit dort unten leiden -- und hier oben sich

pflegen?

MUSEUMSDIREKTOR

Sie haben wohl mehr auf Ihrer Reise gesehen, als Sie --

SOHN

Wenn man zum erstenmal unterwegs ist, sperrt man die Augen weiter auf.

TOCHTER

Bist Du mit Fürsten zusammengetroffen?

SÄNGERIN

Erzählen Sie doch.

SOHN

Täglich.

TOCHTER

Hast Du Freundschaft geschlossen? Besucht Dich wer?

SOHN

Auf meinem Kohlendampfer könnte ich Dir fünf, zehn vorstellen. Komm'

das nächste Mal mit.

MUSEUMSDIREKTOR

Wollen Sie nochmal --

SOHN

Genüsse mir raffinieren?

Ein Matrose kommt, meldet dem Kapitän. Der Kapitän geht zum Arzt

und flüstert mit ihm. Die drei ab.

SOHN

Fahren wir doch?

MILLIARDÄR

Ich habe nichts angeordnet.

SOHN

Warum ging der Arzt mit dem Kapitän?

SÄNGERIN

Vielleicht ein Unfall unter der Mannschaft.

SOHN

Wollen Sie nicht eine Aufnahme machen?

TOCHTER

Wir könnten wirklich fahren, um Luft zu bekommen. Die Hitze drückt

unerträglich.

SOHN

Und wir wohnen auf dem Verdeck!

SÄNGERIN

Ist es anderswo kühler?

SOHN

Nein -- aber heißer.

SÄNGERIN

Gibt es das?

SOHN

Steigen Sie zu den Heizern hinunter!

MILLIARDÄR

Jetzt werde ich veranlassen, daß wir fahren!

MUSEUMSDIREKTOR

ironisch.

Schonen Sie doch die Heizer.

SOHN

Wissen Sie, was es heißt, vor den Feuern stehen?

MUSEUMSDIREKTOR

Ich habe die Gelegenheit nicht gesucht.

SOHN

Und für eine Schilderung bringen Sie keine Interesse auf?

MUSEUMSDIREKTOR

Durch einen Fachmann anschaulich gemacht --

SOHN

Ich bin Fachmann!

MILLIARDÄR

zur Tochter.

Sage doch dem Kapitän --

TOCHTER

Volle Fahrt!

SÄNGERIN

Die Damen übernehmen das Kommando!

TOCHTER

Wir stellen einen neuen Rekord auf. Heute abend wird er an die

Zeitungen gefunkt und die Welt platzt morgen vor Neid! (Mit der

Sängerin ab.)

SOHN

Verhinderst Du nicht den Unfug?

MILLIARDÄR

Die Jacht hat ihre volle Schnelligkeit noch nicht gezeigt.

SOHN

Dann bitte ich Dich mich vorher von Bord zu lassen.

MUSEUMSDIREKTOR

Sie sind an Schnelligkeit seit dem Kohlendampfer nicht mehr gewöhnt.

SOHN

An Leichtsinn!

MILLIARDÄR

Du hast immer Gefallen an solchen Spielen gefunden.

SOHN

Ich schäme mich, so spät zur Besinnung gekommen zu sein.

MILLIARDÄR

Was heißt das?

SOHN

Daß ich -- -- (Nachdrücklich.) Ich kann diese Rekordfahrt nur vor den

Kesseln mitmachen!

MILLIARDÄR

zum Museumsdirektor.

Lassen Sie die Damen nicht auf der Brücke warten.

MUSEUMSDIREKTOR

Ab.

MILLIARDÄR

langsam.

Bist Du wirklich auf jenem Dampfer als Heizer gefahren?

SOHN

Ich war nicht ausdauernd genug -- und mußte Passagier bleiben.

MILLIARDÄR

Hat es Dich gereizt --

SOHN

Der Dampfer ist ja das Unwichtigste.

MILLIARDÄR

Du hast Dich auf Deiner Reise über manches gewundert?

SOHN

Wie Schuppen ist es mir von den Augen gefallen. Das ganze Unrecht, das

wir begehen, wurde mir offenbar. Wir Reichen -- und die andern, die

ersticken in Qualm und Qual -- und Menschen sind, wie wir. Mit keinem

Funken Recht dürfen wir das -- weshalb tun wir es? Ich frage Dich,

warum? Sage mir eine Antwort, die Dich und mich entschuldigt?

MILLIARDÄR

starrt ihn an.

Das fragst Du?

SOHN

Ich frage Dich -- und höre nicht wieder auf zu fragen. Ich bin Dir

heute wie noch nie in meinem Leben dankbar. Du hast mir diese Reise

geschenkt -- ohne die ich blind geblieben wäre.

MILLIARDÄR

Du wirst wieder vergessen.

SOHN

Was in mir ist -- mich erfüllt durch und durch? Erst müßte ich mich

selbst auslöschen.

MILLIARDÄR

Was -- ist in Dir?

SOHN

Das Grauen vor diesem Leben mit seiner Peinigung und Unterdrückung.

MILLIARDÄR

Deine Reiseerlebnisse genügen nicht --

SOHN

Genügen nicht?

MILLIARDÄR

Du übertreibst flüchtige Erfahrungen.

SOHN

Im Blute brennen sie mir! Nach allem anderen das schlagendste Bild:

Da am Kai liegt die »Meeresfreiheit«. Bewimpelt, Musik. Auf Deck

spazieren die Passagiere in hellen Kleidern, schwatzen -- sind lustig.

Wenige Meter tiefer die Hölle. Da verbrennen Menschen zuckenden Leibes

in heißen Schächten vor fauchenden Feuerlöchern. Damit wir eine

schnelle und flotte Fahrt haben! -- Ich hatte meinen Fuß schon auf die

»Meeresfreiheit« gesetzt -- aber ich mußte umkehren -- und erst auf

diesem »Albatros« schlug mein Gewissen ruhiger!

MILLIARDÄR

Und jetzt hast Du diese Erschütterungen überwunden?

SOHN

Hier erhalten sie die äußerste Steigerung! Hier -- auf Deiner

Luxusjacht! Scham preßt mir das Blut unter die Stirn! In Sesseln liegen

wir träge -- und jammern über die Hitze, die von der Sonne kommt.

Eiswasser schlürfen wir und sind von keinem Staube im Halse gereizt! --

Hier unter den weichen Sohlen Deiner weißen Schuhe brodelt das Fieber.

Halbe Dunkelheit herrscht! -- Reiße diese Wand von Holzplanken auf --

die so dünn ist und so grauenhaft trennt! -- und sieh hinab -- seht

alle hinab -- und erlebt es auch: daß euch das Wort im Munde stockt,

mit dem ihr euch vor einem da unten brüsten wollt!

Arzt schlendert herein.

SOHN

rasch zu ihm.

Was hat es gegeben, Doktor?

ARZT

Ein gelber Heizer ist zusammengebrochen.

SOHN

Tot?

ARZT

schüttelt den Kopf.

Hitzschlag.

SOHN

Wohin haben Sie ihn gebracht?

ARZT

Ich habe ihn vor den Luftschacht unten legen lassen.

SOHN

Nicht auf das Verdeck geschafft?

ARZT

Nein.

SOHN

kurz.

Warten Sie hier. (Ab.)

ARZT

läßt sich in einen Sessel fallen -- zum Neger.

Eiswasser. (Zum Milliardär.) Ich finde, daß sich die Nerven

außerordentlich bei diesem längeren Stilliegen auf See beruhigen. Ich

möchte Ihnen das zweimonatlich je fünf Tage verordnen.

MILLIARDÄR

steht unbeweglich.

ARZT

Ich verspreche mir gute Erfolge für Sie von dieser Diät.

MILLIARDÄR

stumm.

ARZT

Allerdings wird der besondere Reiz, Ihren Sohn zu erwarten, später

fehlen, aber Ihre Tochter wird sich erfinderisch in Überraschungen

gemäßigterer Art zeigen. Ich werde mit ihr in diesem Sinne sprechen.

Stimmen und Schritte nähern sich.

ARZT

stellt das Glas hin.

Ein Bordspiel im Gange?

Matrosen bringen den halbnackten gelben Heizer.

SOHN

Hierhinein!

ARZT

aufstehend.

Was ist das?

SOHN

Sessel zusammenrücken. Doktor, fassen Sie an. Es geht um ein Leben.

(Zu den Matrosen.) Niederlegen. (Zum Neger.) Eiswasser. (Zum Arzt.)

Vorwärts, Doktor, Sie verstehen das besser als ich. Waschen Sie die

Brust ab. (Zum Milliardär.) Du erlaubst doch, daß Dein Leibarzt hier

Hand anlegt? (Zum Arzt.) Besteht Gefahr?

KAPITÄN

kommt -- gedämpft zum Milliardär.

Ich habe nichts verhindern können.

MILLIARDÄR

schüttelt heftig den Kopf.

Tochter und Sängerin kommen.

SOHN

zur Tochter.

Willst Du uns nicht helfen, Schwester? Ein Mensch kann hier sterben!

TOCHTER

tritt heran.

SOHN

Tauche Deine Hände in das Eiswasser und lege sie ihm auf die heiße

Brust. Es ist Deine Pflicht, zu der ich Dich aufrufe!

TOCHTER

tut es.

SOHN

außer sich zum Arzt.

Doktor, Sie müssen ihn retten -- sonst bin ich ein Mörder!

MILLIARDÄR

starrt auf die Gruppe -- bewegt den Mund -- murmelt endlich.

Das Furchtbare!

SÄNGERIN

stellt den Kodak ein -- zum Museumsdirektor.

Solche Aufnahme habe ich noch nicht gemacht. (Sie knipst.)

DRITTER AKT

Quadratischer Raum, dessen Hinterwand Glas ist: Arbeitszimmer des

Milliardärs. Rechts und links auf den Wänden, vom Fußboden bis an

die Decke hoch, mächtige brauntonige Photographien, Fabrikanlagen

darstellend. Breiter Schreibtisch mit Rohrsessel; ein zweiter

Sessel seitlich. Draußen Schornsteine dicht und steil wie erstarrte

Lavasäulen, Rauchwolkengebirge stützend.

MILLIARDÄR

vorm Schreibtisch.

Wieviel Tote?

SEKRETÄR

neben dem Schreibtisch stehend.

Die genaue Zahl der Opfer ließ sich nicht feststellen, da die

Geretteten, zu Tage gebracht, davonliefen und sich bis gestern nicht

meldeten.

MILLIARDÄR

Warum entfernten Sie sich?

SEKRETÄR

Sie müssen in der dreitägigen Eingeschlossenheit unter der Erde

Entsetzliches erlebt haben.

MILLIARDÄR

Vor dem sie weiter und weiter fliehen?

SEKRETÄR

Sie kamen wie aus Gräbern verstört herauf, mit Schreien und Schütteln.

MILLIARDÄR

Wer bis übermorgen sich an der Arbeitsstelle nicht einfindet, wird

nicht wieder angenommen.

SEKRETÄR

Notizen machend.

Bis übermorgen.

MILLIARDÄR

Wie verlief die Versammlung? Wurde ich mit Widerspruch gesehen? Ließ

man mich ungestört sprechen?

SEKRETÄR

Nein.

MILLIARDÄR

War ich in Lebensgefahr?

SEKRETÄR

Allerdings.

MILLIARDÄR

Wie schützte ich mich?

SEKRETÄR

Ich hatte Militär requiriert, das schußbereit sich vor mir aufstellte.

MILLIARDÄR

Kam es zu Zwischenfällen?

SEKRETÄR

Ein einzelner machte stärkere Zwischenrufe.

MILLIARDÄR

Was sagte er?

SEKRETÄR

Mörder.

MILLIARDÄR

War er nicht zu finden?

SEKRETÄR

Die Menge deckte ihn.

MILLIARDÄR

Er muß festgestellt werden. Drohen Sie mit Maßnahmen, falls er nicht

ausgeliefert wird.

SEKRETÄR

notiert.

MILLIARDÄR

Herrscht jetzt Ruhe?

SEKRETÄR

Der Schacht ist heute wieder befahren.

MILLIARDÄR

Welches Mittel wendete ich an?

SEKRETÄR

Ich kündigte die Stillegung des ganzen Betriebes an.

MILLIARDÄR

Danke. (Eine grüne Lampe brennt auf dem Schreibtisch auf. Milliardär

nimmt den Hörer. Erstaunt.) Wer? -- Meine Tochter? -- Hier? --

Ja, ich erwarte sie. (Zum Sekretär.) Vertreten Sie mich in der

vierundzwanzigsten Fabrik. Es hat eine Explosion stattgefunden, ich

habe mich für den Nachmittag angemeldet.

SEKRETÄR

notiert.

MILLIARDÄR

Danke.

SEKRETÄR

links durch eine in der Photographie unsichtbare Tür ab.

MILLIARDÄR

steht auf, tut einige rasche Schritte gegen die Wand rechts,

besinnt sich -- kehrt auf seinen Sessel zurück und vertieft sich in

Arbeit.

Einer der Diener öffnet rechts eine unsichtbare gepolsterte Tür.

Tochter tritt ein. Diener ab.

MILLIARDÄR

sich umsehend.

Dein erster Besuch im väterlichen Geschäftshaus.

TOCHTER

sich umsehend.

Ja -- zum erstenmale sehe ich das.

MILLIARDÄR

Eine fremde Welt! -- Ist es so dringend, daß Du es Dir nicht bis zum

Abend vor dem Kamin aufsparen willst?

TOCHTER

Ich kann es Dir nur hier erklären.

MILLIARDÄR

Soll ich mich auf die froheste Nachricht vorbereiten?

TOCHTER

Welche ist das?

MILLIARDÄR

Ich bat Dich damals um etwas, als wir Deinen Bruder erwarteten. Auf der

Jacht.

TOCHTER

kopfschüttelnd.

An das habe ich nicht mehr gedacht.

MILLIARDÄR

seine Unruhe unterdrückend -- heiter.

Wirklich nicht?

TOCHTER

Auf der Jacht gab es mir den Anstoß.

MILLIARDÄR

Zu Deinem hellsten Glück?

TOCHTER

Zu meiner unabweisbaren Pflicht!

MILLIARDÄR

hebt abwehrend eine Hand gegen sie hoch.

Nein -- -- nicht das!

TOCHTER

ruhig.

Als ich meine Hände von der kochenden Brust des gelben Heizers

aufhob, waren sie gezeichnet. Das Mal ist in meinem Blut bis zum

Herzen zurückgesunken. Ich habe nicht mehr eine Wahl. Ich fühle die

Bestimmung. Ich unterwerfe mich auch willig. Den Platz sollst Du mir

anweisen, wo ich es erfülle.

MILLIARDÄR

Was willst Du tun?

TOCHTER

Schicke mich zu den Elendesten, die krank liegen. Die in Deinen

Fabriken verunglückten. Ich will sie pflegen.

MILLIARDÄR

Du weißt nicht, was Du sagst.

TOCHTER

Ja, Du kannst erst meiner Tat Glauben schenken. Ich will zum Schacht,

in dem sich die Katastrophe ereignete.

MILLIARDÄR

Was ist das für eine Katastrophe?

TOCHTER

Du hast den Aufruhr selbst beschwichtigt.

MILLIARDÄR

Wer trägt Dir das zu?

TOCHTER

Berichte in Zeitungen sind unterdrückt. Du bist ja mächtig.

MILLIARDÄR

starrt sie an. -- Nach einer Pause.

Die Koralle: Schauspiel in fünf Akten · 第 1 / 4 段