Gegen 9 Uhr erreichten wir ein kleines Farmdörfchen, welches uns die

daselbst wohnenden Eingeborenen als „Indzimaqua“ bezeichneten. Auch

dieses war erst seit kurzer Zeit erbaut worden. Unsern etwa 1½ Stunden

währenden Aufenthalt daselbst benutzte ich dazu, um mir die Farmen

der Leute anzusehen. Es wurden Manihot utilissima, Baumwolle, etwas

Mais, Cajanus indicus und Yams gebaut. Für die Yamsknollen erbauen

die Leute aus dünnen Stangen luftige Häuschen, in denen die Knollen,

welche äußerst leicht faulen und daher sehr vorsichtig behandelt

werden müssen, teils an den Wänden einzeln aufgehängt, teils auf

einem ebenfalls aus Stangen hergestellten Tische liegend, aufbewahrt

wurden. Auf diese Weise trocknen dieselben nach Regen sofort durch

den Wind oder sonstigen Luftzug wieder ab und sind daher besser vor

Fäulnis geschützt. Dieselbe Art von Yamsspeichern sah ich auch zwischen

Liati und Fodome, hatte damals aber keine Gelegenheit, sie näher zu

besichtigen. Auf unserm Weitermarsche zogen wir über größere Savannen,

welche teils ziemlich regelmäßig mit zerstreuten Bäumen besetzt, teils

von kleinen Busch- und Baumgruppen unterbrochen waren. Die Flora auf

diesen Savannen war schon interessanter, da nach einigen Grasbränden

verschiedene Kräuter erschienen waren. Außer der über das ganze

südliche und mittlere Togo weit verbreiteten Eulophia cristata waren

Vernonien, eine Helichrysumart, Cycnium, Striga, Oldenlandia, Acalypha

und der prachtvolle Haemanthus Kalbreyeri sehr verbreitet. Besonders

der letztere war ein wundervoller Schmuck der saftig-grünen Steppen.

Auf den Bäumen, unter denen besonders Terminalen, Combretumarten

und Butterbäume häufig waren, wuchsen nicht selten Loranthus- oder

Viccumarten und eine epiphytische Orchidacee, welche zwar nicht in

Blüte war, aber wohl sicher zu Polystachia golungensis gehört, die

in Afrika eine merkwürdig weite Verbreitung zu haben scheint. Nach

einem Marsche von etwa zwei Stunden erreichten wir den Mkunsu-Fluß,

welcher sich hier ein sehr tiefes Bett gegraben hat; derselbe führte

zur Zeit nicht viel Wasser, soll aber zur Regenzeit nicht unbedeutende

Dimensionen annehmen. Nachdem wir den Mkunsu überschritten hatten,

sahen wir bald darauf das Dorf Quamikrum vor uns liegen, wo ich

+Amusso+ mit den Soldaten zurücklassen sollte.

Das Dorf Quamikrum soll früher eine nicht unbedeutende Ortschaft

gewesen sein, in der sich hauptsächlich Haussa-Leute auf der Durchreise

von dem Innern zur Küste längere Zeit aufzuhalten pflegten. Als wir

damals dort eintrafen, fanden sich nur wenige Familien daselbst, von

denen der größere Teil auch durchziehende Haussa waren. Die Hütten

waren zum großen Teil stark im Verfall begriffen oder sogar schon

vollständig unbewohnbar. Auf dem Marktplatze ließ ich sofort mein

Zelt aufschlagen und den Platz umher etwas reinigen, da derselbe wüst

mit Schmutz und Unkraut bedeckt war. Auch ließ ich sogleich einige

der Wege zu beiden Seiten reinigen, da dieselben häufig nur aus einem

schmalen Pfade bestanden, der zu beiden Seiten derartig mit stachligen

Amarantusbüschen bedeckt war, daß man beim Betreten derselben von den

Stacheln arg gepeinigt wurde. Auch +Amusso+ ließ alsbald durch die

Soldaten einen geeigneten Platz frei machen, auf welchem er die für

die Station zu erbauenden Häuser aufzuführen gedachte, und konnte mir

schon am Abend mitteilen, daß diese erste Arbeit vollendet sei. Zum Bau

der Häuser waren Einwohner umherliegender Ortschaften beordert worden,

welche am folgenden Tage eintreffen sollten. Am Nachmittage untersuchte

ich die Wälder zu beiden Seiten des Mkunsu-Flusses, konnte aber außer

einigen Exemplaren des Ficus Vogelii, von der übrigens im Dorfe

Quamikrum selbst verschiedene größere Exemplare standen, nichts finden,

das für mich von mehr als rein botanischem Interesse gewesen wäre. In

letzterer Hinsicht war ich allerdings glücklicher. Eine interessante

großblättrige Strychnosart, welche sich hoch in die Bäume hineinwand

und in großen Guirlanden über den Mkunsu hinunterhing, war nicht

selten. Auf den grasigen Hügeln bei dem Dorfe fand ich außer einigen

Scrophulariaceen eine für mich besonders interessante Asclepiadacee

(eine Raphionacme) und die für die Steppen so typischen aufrechten

Cissusarten, die aus großen unterirdischen Knollen entspringen. Am

Abend erschienen noch verschiedene Haussa-Karawanen, deren Führer

behaupteten, auf dem Wege nach Lome zu sein. Einige führten Kühe bei

sich, welche aus Kratschi kommen sollten und nach +Amussos+

Ansicht sicher nach Acra, nicht nach Lome gebracht wurden.

Am nächsten Morgen ließen wir die Soldaten mit +Amusso+ zurück und

zogen nun auf der großen Straße nach Kpandu in fast südliche Richtung.

Das Gelände wurde etwas hügeliger und bot einen Anblick dar, der mich

lebhaft an einige Gegenden in Natal erinnerte. Zu beiden Seiten hatten

wir Savannen, welche mit spärlichen Gesträuchen oder kleinen Bäumchen

bedeckt waren; später, nachdem wir ein kleines Farmdörfchen Adenkutschu

passiert hatten, traten wir in einen Buschwald ein, in dem sich riesige

Mengen der falschen Kickxia zeigten. Auch hier machte ich wiederholt

Versuche, ein brauchbares Produkt aus dem Milchsafte derselben zu

gewinnen. Nach etwa dreistündigem Marsche erreichten wir das Dorf

Wuropong. Dasselbe soll ungefähr 300 Hütten besitzen. Der Häuptling

des Dorfes kam, uns zu begrüßen, und brachte einige Kalebassen mit

Palmenwein sowie einige Eier. Den Palmenwein verteilten wir zum großen

Teile unter den Leuten, während wir für uns einen kleinen Teil

zurückbehielten, der, mit Cognak vermischt, uns vortrefflich schmeckte,

da er erst soeben eingebracht und daher noch ganz frisch und kühl

war. Bis gegen Mittag ließ ich hier in Wuropong rasten, dann setzten

wir den Marsch weiter nach Süden fort. Die nun gut geschulten Träger

marschierten jetzt vorzüglich, auch die Weiber blieben nicht zurück,

so daß die ganze Karawane sich gut geschlossen vorwärts bewegte. Herr

+Thienemann+ mit seiner Hängematte zog gewöhnlich voraus, ich

beschloß mit einem oder zwei Jungen den Zug, damit ich, ohne Störung

zu verursachen, nach Belieben zu etwaigen Untersuchungen zurückbleiben

könnte. Das Gebiet war anfangs hauptsächlich mit Buschwald bedeckt, wo

es nicht von den Eingeborenen unter Kultur gesetzt worden war, später

wurden größere Savannenkomplexe, in denen besonders eine Imperataart

das vorherrschende Gras war, häufiger. Bald zogen wir durch das kleine

Dorf Tapo und nach einer weiteren halben Stunde durch Antumda. Die

Gebiete schienen hier fruchtbarer zu werden. Buschwald wechselte mit

Elefantengras. Allenthalben waren auch von den Eingeborenen Farmen

angelegt, die einen recht günstigen Eindruck machten. Außer den bereits

oben erwähnten Kulturpflanzen sah ich hier auch Hibiscus esculentus

angepflanzt und sogar einige Tomaten. Ich glaube, daß sich hier

eine geeignete Gegend findet, die später einmal, wenn sich erst der

Baumwollbau, zu dessen Hebung vom Kolonialwirtschaftlichen Komitee

eine Expedition entsendet werden soll, besser entwickelt hat, bei

einer größeren Anlage in Betracht gezogen werden dürfte. Das Land

ist ziemlich eben und offenbar leicht zu bearbeiten. Gegen 2 Uhr

nachmittags erreichten wir das kleine Dorf Kadyevi und gleich darauf

N’tschumuru, wo ich beschlossen hatte, Lager für die Nacht zu machen.

Auf dem wunderschönen Marktplatze, der durch ein dichtes Dach von

Ficusarten beschattet wurde, ließ ich zunächst die ganze Trägerschar

einen großen Raum gehörig reinigen und dann das Zelt aufstellen.

Für Herrn +Thienemann+ wurde wieder ein nahe gelegenes Haus

gemietet. Nachdem ich meine laufenden Arbeiten erledigt hatte, machte

ich einen Ausflug in die Umgebung, welcher aber infolge der dichten

Elefantengrasdecke wenig anderes aufkommen ließ als vereinzelt stehende

Bäume, unter denen besonders Wollbäume auffielen, und wenige Sträucher.

In dem Dorfe selbst waren verschiedene Ficus Vogelii angepflanzt. Gegen

Abend stattete mir der Häuptling des Dorfes einen Besuch ab. Als ich

bei dieser Gelegenheit fragte, ob der Weg vor uns in gutem Zustande

sei, sagte er, daß er denselben noch schnell zu reinigen befohlen habe,

denn seine Leute seien in den letzten Wochen viel auf den Feldern

beschäftigt gewesen und daher habe sich Gras im Wege eingefunden.

Daß die Umgebung hier allgemein fruchtbar sein müsse, schien schon

aus den großen, dreifüßigen Kornspeichern hervorzugehen, welche wir

heute in den meisten Dörfern sahen. Wir bekamen hier auch allenthalben

Reis, Mais und Guinea-Hirse für mein Pferd, das sich übrigens nicht

viel aus denselben zu machen schien, sondern das saftige frische Gras

vorzog. Bald erschien auch der Häuptling von N’Kunya, um sich durch ein

Geschenk von Yams, zwei Hühnern und einigen Kalebassen Palmenwein meine

Freundschaft zu erwerben. Am Abend mußte ich unter meinen Trägern gegen

einige sehr energisch auftreten, weil dieselben kamen und mich darauf

aufmerksam machten, daß ihre Heimat nun nur wenige Stunden entfernt

sei und daß sie am folgenden Morgen dorthin zurückkehren wollten. Ein

solches Gelüste mußte ich den Leuten natürlich nehmen. Ich ließ sofort

die Namen der Leute notieren und ihnen nun sagen, daß ich sie bestrafen

würde.

[Illustration: Die Expedition in Kadyebi.]

Schon vor 4 Uhr war ich am nächsten Morgen wieder auf, um noch vor

unserm Aufbruche einige schriftliche Arbeiten erledigen zu können. Um

5 Uhr gab ich dann das Signal zum Sammeln, so daß wir mit Tagesanbruch

auf dem Wege waren. Ich ritt heute voran. Am Kunya-Gebirge entlang

führte unser Weg, zunächst durch Kunya-Klaba und weiter durch ein mit

Elefantengras und Imperata bestandenes Savannengebiet. Wie mir der

Häuptling von N’tschumuru versprochen, waren bereits eine größere

Anzahl von Leuten dabei, den stark mit Imperatagräsern bewachsenen Weg

zu reinigen und an feuchten Stellen zu drainieren. Von allen Seiten

kamen immer neue Leute hinzu, um bei dieser Arbeit zu helfen. Noch

vor 6 Uhr erreichten wir das Dorf Dafo, in dem eben ein kleiner Markt

begonnen hatte. Um meinen Leuten Gelegenheit zu geben, hier billig

Nahrungsmittel zu kaufen, ließ ich eine halbstündige Rast machen und

zahlte ihnen bereits hier die Subsistenzgelder aus. Als wir dann

wieder Dafo hinter uns hatten, traten wir in Savannen von ziemlicher

Ausdehnung ein, die auch nicht unfruchtbar schienen. Auch hier war

das Land etwas hügelig, was ich der Nähe des Volta-Flusses zuschrieb.

Da ich auf meinem Pferde vorausgeritten war, traf ich in dem Orte

Agbonohoe schon vor der Karawane ein. Ohne Rast machen zu lassen, ging

es dann nach Fesi weiter, wieder durch fruchtbare Elefantengras- und

Imparatasavannen mit zerstreuten Bäumen und Sträuchern. Da der letzte

Teil des Weges ziemlich von Unkraut überwuchert war, ließ ich den

Häuptling von Fesi kommen und forderte ihn auf, den Weg reinigen zu

lassen, was er sofort zu thun versprach, sobald seine Leute, die

zu Arbeiten nach Kpandu gerufen waren, zurückkehren würden. Nachdem

meine Karawane, welche unterdessen eingetroffen war, eine kurze Rast

gemacht hatte und sich an Kokosnußmilch gestärkt hatte, ließ ich wieder

aufbrechen, um durch Abehung und Alöe nach Kpandu zu gelangen. Die

Vegetation und die Bodenverhältnisse blieben dieselben bis kurz vor

Kpandu. Erst als wir in die Ebene, in der Kpandu liegt, hinabstiegen,

wurde der Boden steiniger und offenbar unfruchtbarer. Von der

Missionsstation aus konnten wir das Dorf und, auf einem hohen Felsen

oberhalb gelegen, die Regierungsstation Kpandu bewundern. Ohne durch

das Dorf hindurchzuziehen, ließ ich zur Station hinausmarschieren,

wo wir kurz nach 9 Uhr anlangten. Da die Station nicht von Europäern

bewohnt war und der farbige Assistent, dem die Verwaltung derselben

übertragen war, in den dahinterliegenden Arbeiter- und Soldatenhäusern

seine Wohnung hatte, nahm ich mit Herrn +Thienemann+ von

den beiden für Europäer bestimmten Räumen in dem Stationsgebäude

Besitz. Unsere Lasten ließ ich ebendaselbst unterbringen. Die

Träger und Trägerinnen wurden in verschiedene leerstehende Häuser

des Stationshofes einquartiert. Bald sah es nun sehr lebendig auf

der Station aus. Herr +Thienemann+ und ich stärkten uns nach

längerer Zeit einmal wieder an einem guten Glase Bier, das wir hier

in Kpandu bekommen hatten. Ich ließ sofort das Essen fertigmachen, da

ich die Absicht hatte, zur Volta hinüberzureiten, um auch das Thal

des Flusses kennen gelernt zu haben. Gegen 11 Uhr ritt ich, gefolgt

von einem Soldaten, der mir als Führer dienen sollte, zur Station

hinaus. Unser Weg führte zunächst über den Hügelrücken, auf dem die

Station gelegen ist. Von der Kante dieses Rückens, der plötzlich steil

abfällt, hatten wir einen wundervollen Blick über das Thal der Volta,

die sich in einiger Entfernung wie ein Silberfaden dahinschlängelte.

Mit dem Pferde war der Abstieg in die Ebenen, welche sich unter uns

hinstreckten, nicht leicht, besonders da der Weg an einigen Stellen

mit Gerölle bedeckt war, auf dem das Tier keinen festen Halt hatte.

Ich mußte daher während des ganzen Abstieges das Tier sehr vorsichtig

führen. Als wir in der Ebene angelangt waren, machte sich bald eine

Hitze bemerkbar, wie ich sie vorher erlebt zu haben mich nicht erinnern

konnte; es war gerade, als ob wir vor einem Backofen standen. Die

ganze Ebene trug den Charakter einer typischen Togo-Baumsteppe; das

Gras war niedrig, kaum über 1½ Fuß hoch, von einigen Kräutern und

Halbsträuchern wie Vernonia, Acalypha, Sopubia, Cycnium, Striga,

Eriosemma, Cryptolepis nigritana etc., durchsetzt und war von zerstreut

stehenden Bäumen überdeckt. Ganz besonders fiel mir hier der Reichtum

an Butterbäumen auf, von denen häufig behauptet worden ist, daß sie ein

brauchbares Guttapercha liefern, das aber, so viel ich erfahren, von

sehr minderwertiger Qualität ist und einen so geringen Preis bringt,

daß es sich kaum verlohnen würde, dasselbe einzusammeln. Da die Bäume

außerdem nur einen kleinen Ertrag geben, so würde die Arbeit, welche

mit dem Einsammeln dieses guttaähnlichen Produktes verbunden ist, sich

wohl schlecht lohnen, denn, wie ich hörte, werden am Niger, wo man das

Gutta auf Veranlassung der Niger-Compagnie einsammelte, die Bäume erst

gefällt. In einem Lande wie Togo, wo nur wenig Wälder vorhanden sind

und der Baumwuchs in den Steppen auch ein äußerst spärlicher ist, kann

uns gar nichts daran liegen, die wenigen Bäume umzuschlagen, um dadurch

eine Einnahme zu erzielen, die zu dem Schaden, der durch ein solches

Vorgehen herbeigeführt wird, in keinem Verhältnisse steht. Als wir

uns nach etwa 1½ Stunden der Volta näherten, hatten wir einige zur

Zeit ausgetrocknete Bachbetten zu durchqueren, deren Ufer mit dichtem

Gebüsch bedeckt waren. Die Vegetation einiger Sümpfe, die in der Nähe

des Flusses lagen, ließ mich vermuten, daß der Boden salzhaltig sein

müsse, denn mit wenigen Ausnahmen traten dort nur ausgeprägte halophile

Typen auf. Gegen 1 Uhr erreichten wir endlich die Volta selbst bei dem

kleinen Flecken Dogbadja. Nach meiner Schätzung war der Fluß etwa 300 m

breit. Inmitten desselben lag eine Sandbank, auf der sich vorübergehend

Fischer angesiedelt hatten. Ich war erstaunt, den riesigen Verkehr

hier zu sehen. Allenthalben sah man kleinere und größere Canoes

daherschießen, die ersteren durch Ruder, die letzteren durch große

Segel fortgetrieben.

Nach kurzer Umschau an der Volta ließ ich mein Pferd wieder satteln

und ritt dann zur Station Kpandu zurück. Da ich mein Pferd gehörig zur

Eile angetrieben, um endlich die heiße Steppe hinter mir zu haben,

langte ich schon früh am Nachmittage daselbst wieder an. Da ich in

dem Dorfe Kpandu noch verschiedene Einkäufe machen zu können hoffte,

benutzte ich die noch übrige Tageszeit zu einem Ritte dorthin. Viel

war hier allerdings nicht einzukaufen, doch wurden wir durch einige

Dinge, wie Zucker, Bier und andere Kleinigkeiten, wieder aus momentaner

Verlegenheit befreit.

In den Faktoreien, die übrigens sämtlich unter Leitung von Farbigen

standen, sah ich hier die auch als Silkrubber gehenden Kautschukkuchen,

die nicht, wie ich schon oben erwähnt, von einer Kickxia gewonnen

werden, sondern von der dickstämmigen Landolphiaart, welche ich bereits

beim Liati gesehen hatte. Auch an den Bergabhängen hinter Kpandu hatte

ich die Pflanze gefunden, aber auch hier ohne Blüten und Früchte, so

daß ich nicht die Art feststellen konnte. Auf dem Kunya-Gebirge ist

nach Angaben der Kautschuksammler diese Liane noch häufig, wird aber

auch dort jetzt in einer Weise ausgebeutet, daß zu befürchten ist, daß

sie nur noch kurze Zeit daselbst vorhanden sein wird.

Gegen 6 Uhr verließen wir am Morgen des 23. März die Station Kpandu,

um im Dorfe die von mir am Tage vorher gekauften Sachen aufzunehmen;

dann ging es unserem nächsten Ziele Misahöhe entgegen. Gleich hinter

Kpandu betraten wir wieder eine trockene Baumsteppe, welche auffallend

eben sich weithin auszustrecken schien. Offenbar war der Boden hier

weniger fruchtbar als zwischen Wuropong und Kpandu, auch sah man von

Eingeborenenkulturen recht wenig. In der sonnigen Steppe, wo das Laub

der Schattenbäume fast gar keinen Schatten abgab, machte sich die

Hitze des Tages bald unangenehm bemerkbar, so daß wir froh waren, als

wir das Dorf Sobuesante erreichten, in dem wir eine kurze Rast machen

konnten. Der Häuptling erschien auch sofort mit einem Huhn und einigen

Kalebassen Palmenwein, welcher uns nach dem Marsche durch die trockene,

heiße Steppe ganz besonders gut mundete. Nach kurzem Aufenthalt in

diesem kleinen Dorfe setzten wir mit frischen Kräften unsern Marsch

durch die Steppe fort, die denselben Charakter beibehielt wie vor

Sobuesante. Es war ein heißer Tag, vielleicht einer der heißesten,

welche ich auf der Togo-Reise zu durchleben hatte. Die Träger und

Trägerinnen mit ihren schweren Lasten kamen nur langsam vorwärts. Kurz

vor Mittag erreichten wir den Ort Bevi, an dem der Daï-Fluß dicht

vorbeifließt. Auch hier kam der Häuptling mit einem kleinen Geschenke,

um uns zu empfangen. Da die Hitze des Tages eine zu drückende war

und ich befürchtete, daß von meinen Trägern einige übermüdet werden

könnten, ließ ich in Bevi eine zweistündige Rast machen, so daß die

Leute genügend Zeit hatten, ihre erhitzten Körper im Flusse gehörig

abzukühlen. Der alte Häuptling schien ein sehr bescheidener Mensch

zu sein und nicht viel Achtung zu genießen. Sobald er Geschenke mit

mir gewechselt, setzte er sich in der Nähe unter einen Ficusbaum und

betrachtete das Leben und Treiben aus der Entfernung. Zu allerdings

unverschämten Preisen wurden hier meinen Leuten getrocknete und

gedörrte Fische zum Kauf angeboten. Die Eingeborenen fangen dieselben

im Daï-Flusse und benutzen sie im Tausche mit den durchziehenden

Karawanen. Da ich aber hörte, daß sie unseretwegen die Preise

hochgeschlagen hatten, befahl ich meinen Leuten, zu dem geforderten

Preise keine Fische zu kaufen. Das half insofern, als nun die Leute von

Bevi auch von ihren unverschämten Preisen Abstand nahmen und normale

Preise forderten, zu welchen meine Leute verschiedenes erstehen konnten.

Während des Marsches von Bevi nach Vime wurde die Hitze in der

ausgedörrten Steppe fast unerträglich. Erst als wir uns Vime gegen 4

Uhr näherten, gewann die Gegend an Interesse. Der Boden wurde wieder

fruchtbarer, hier und dort hatten die Eingeborenen Farmen angelegt, auf

denen wir wiederholt größere Komplexe mit Baumwolle bepflanzt sahen.

Im Dorfe Vime, wo ich eine Rast von etwa einer Viertelstunde machen

ließ, sahen wir wieder verschiedene Prachtexemplare von Ficus Vogelii.

In der Nähe unseres Lagerplatzes standen einige Kokospalmen und einige

Stauden Zuckerrohr, welche sehr üppig aussahen. Nach weiteren 20

Minuten Marsch durch fruchtbares, ebenes Terrain gelangten wir nach

We-Demme, wo ich mein Nachtquartier aufzuschlagen beschlossen hatte.

Nach der Begrüßung des Häuptlings, der mit seinem ganzen Gefolge vor

meinem Zelte erschien, um seine Geschenke zu bringen, machte ich einen

Rundgang durch das Dorf, wobei ich Gelegenheit hatte, einige Webereien

in Augenschein zu nehmen. Die Leute können mit ihren Webstühlen nur

schmale Streifen Zeug weben, die dann zu breiten, äußerst haltbaren

Tüchern zusammengenäht werden. Das Drehen der Fäden, das ich besonders

in Boëm schon zu beobachten Gelegenheit hatte, bringen die Leute an

einer Handspindel mit großem Geschicke zu stande. Ist ein solcher

Faden von der gewünschten Länge fertiggestellt, so wird er erst

etwas angefeuchtet und dann gespannt, was entweder durch Umspannen

zwischen zwei oder mehreren Bäumen geschieht oder dadurch, daß an den

zusammengelegten Fäden ein größeres Gewicht aus Steinen angehängt

und dadurch die nötige Spannung erzielt wird. Die Weber arbeiteten

hier sowohl wie in den benachbarten Häusern zumeist in Gesellschaft,

in offenen Schuppen, die gewöhnlich zwei Webstühle umschlossen. Von

den Eingeborenen werden diese festen, im Lande selbst gewebten,

allerdings auch bedeutend teureren Stoffe den in Europa verfertigten

meist minderwertigen Artikeln bedeutend vorgezogen. In der Nähe des

Dorfes sah ich auch hier in dem Busche wieder einige Exemplare der

dickstämmigen Liane, welche den Kpandu-Silkrubber liefert. Am Abend

veranstaltete der Häuptling von We-Demme vor meinem Zelte uns zu

Ehren einen Tanz der jungen Männer und Weiber, dem ich mit Herrn

+Thienemann+ beiwohnte.

[Illustration: Fetischhäuschen im Dorfe Bevi.]

Gegen 6 Uhr früh am 24. März waren wir wieder auf dem Wege über

hügeliges Terrain, das sich wegen seiner Fruchtbarkeit bei Anlage von

Baumwollplantagen auch empfehlen dürfte, und ganz besonders, da hier

schon jetzt das Centrum der Baumwollkulturen für die Agome-Region

liegt. Wir marschierten durch die nahe bei einander gelegenen Dörfer

Leglebi-Fiapi und Leglebi-Duga und darauf, in bergigere, bewaldete

Regionen eintretend, nach Kame, das uns ja schon von der Reise

landeinwärts her bekannt war. Unsere Träger und Trägerinnen, welche

hier in Kame viele Freunde und Verwandte hatten, gerieten außer sich

vor Freude, als sie wieder in die ihnen wohlbekannte Gegend eintraten.

Gern hätte ich mit angehört, was sie den Kame-Leuten erzählten, denn

diese rissen nicht selten vor Erstaunen die Augen weit auf. Ganz

besonders aber schien es unser Koch +Quodjo+ zu verstehen, seine

Erlebnisse auszuschmücken, denn um ihn sammelte sich bald ein großer

Zuhörerkreis, in dessen Mitte er sich wie ein junger Gott bewundern

ließ, nicht achtend auf das Kichern der Reisegenossen, die sich über

die Erfindungsgabe des Burschen nicht genug amüsieren konnten. Nach

kurzem Aufenthalte in Kame ließ ich bis Agome-Tongbe weitermarschieren,

wo ich eine Frühstücksrast machen ließ. Auf dem bereits beschriebenen

Wege über den François-Paß gelangten wir dann alle frisch und munter

gegen 11 Uhr wieder in Misahöhe an, wo mich Dr. +Gruner+ aufs

freundlichste aufnahm.

Da nun der Kontrakt mit meinen Trägern und Trägerinnen abgelaufen

war, entließ ich noch am Vormittage die ganze Gesellschaft, nachdem

sie außer ihrem Lohne noch den üblichen kleinen „Dash“ erhalten

hatten. Herr Dr. +Gruner+ sorgte gütigst sofort wieder für neues

Trägerpersonal, das er, da ich nun nur eine kleine Rundreise im

Agome-Gebirge unternehmen wollte und daher nur zehn Träger benötigte,

aus Agome-Tongbe beorderte. Herr +Thienemann+, welcher begierig

war, zu sehen, ob auf der Agu-Plantage alles beim Rechten sei, brach

am Nachmittag dorthin auf, nachdem wir vorher verabredet hatten, daß

er bis zum Abend des nächsten Tages wieder nach Misahöhe kommen würde,

sofern er sich kräftig genug dazu fühlte, denn sein Gesundheitszustand

erschien nicht sehr gut. Ich verblieb auf der Station, wo ich den Rest

des Tages in Dr. +Gruners+ und Herrn +Frankes+ angenehmer

Gesellschaft verbrachte.

Am Sonntag, den 25. März, ritt ich bald nach Frühstück nach Palime, wo

ich hoffte, noch meine Lebensmittel durch Ankauf etwa dort vorhandener

etwas ergänzen zu können. Fast in Palime angelangt, traf ich auch die

Herren +Meyer+ und +v. Bruch+, welche eben nach Misahöhe

hinüberreiten wollten, um Herrn Dr. +Gruner+ einen Besuch

abzustatten. Als ich ihnen meine Absichten mitteilte, kehrten sie auch

wieder nach Palime zurück, wo wir nun zusammensuchten, was an Eßwaren

abzugeben war, um dann gemeinsam nach Misahöhe zu reiten, wo wir

gegen Mittag eintrafen. Ich ließ am Nachmittag noch die verschiedenen

Lasten zusammenpacken und bereit legen, welche ich auf der Rundreise

im Agome-Gebirge zu benötigen glaubte. Den Abend verbrachten wir

in sehr interessanter Unterhaltung mit Dr. +Gruner+ und Herrn

+Martin+ von der Baseler Mission, der auch auf der Durchreise war

und die Gelegenheit benutzte, mit Dr. +Gruner+ über verschiedene

Fragen eingehende Rücksprache zu nehmen. Es war äußerst interessant

zu sehen, wie genau Dr. +Gruner+ in jedem Winkelchen seines

Distriktes Bescheid wußte, und wie er gewissermaßen die Seele des

Distriktes war, ein jeder, groß und klein, kam, um sich bei ihm Rat zu

holen, und überall wußte er zu helfen. Noch spät an jenem Abend kam

ein Eilbote von Herrn +Thienemann+, welcher einen Brief desselben

für mich brachte mit der Nachricht, daß er erst am nächsten Morgen

eintreffen werde.

Westafrikanische Kautschuk-Expedition · 第 22 / 32 段