Gegen 5½ Uhr gab ich am Morgen des 15. März das Signal zum Sammeln.

Schon nach einer weiteren Viertelstunde verließen wir Fodome, nachdem

ich noch von dem Häuptling ein kleines Geschenk von Hühnern und

Yams erhalten, wofür ich natürlich das übliche Gegengeschenk zu

machen hatte. Von Fodome nach Fodome-Oue gebrauchten wir kaum eine

Viertelstunde. Von Fodome-Oue aus zogen wir teils durch ausgedehnte,

spärlich mit Bäumen bedeckte Grassteppen, teils durch Buschwälder,

die sich durch Reichtum an Kickxia africana auszeichneten, nach dem

kleinen Dörfchen Atabu. Nach wenigen Minuten Rast ging es dann weiter

durch Steppengebiet, das außer einigen an einem Wasserloche wachsenden,

offenbar wirklich wilden Bambussen, nur für den Botaniker in Form

einiger seltener und unbekannter Pflanzen Interessantes darbot. Diese

im mittleren Togo offenbar ziemlich verbreitete Bambusart scheint sich

nicht besonders verwenden zu lassen, da das Rohr zu brüchig ist. Selbst

dünne Stöckchen, welche ich mir häufig als Reitgerte schneiden ließ,

brachen bei der geringsten Gelegenheit. Von Atabu nach Djakke und dann

nach Akokhoë führte der breite Weg auch durch Steppen, die aber nur

selten Bäume aufwiesen, sondern hauptsächlich etwa mannshohe Sträucher.

Da es hier auch gut geregnet hatte, zeigten sich viele Blumen im Grase,

doch fing infolge der letzten sehr heißen Tage und des Harmattans,

der bereits seit einigen Tagen regelmäßig am Nachmittag erschien,

die Vegetation bereits in bedenklicher Weise an, noch vollständig

unentwickelt dahinzuwelken.

[Illustration: Rast der Expedition unter einem

Ficus-Vogelii-Kautschukbaum im Dorfe Lolobi.]

In Akokhoë angekommen, ließ ich eine Rast von zwei Stunden machen.

Nachdem die Träger ihre Subsistenzgelder erhalten hatten, zerstreuten

sie sich im Dorfe, um einen Platz zu suchen, wo sie ihre Nahrungsmittel

kochen könnten. Der Häuptling des Dorfes erschien nun mit seinen

Geschenken, welche auch wieder aus Yam und Hühnern bestanden. Als

Gegengeschenk schien diesen Leuten Tabak große Freude zu bereiten.

+Amusso+, der mit diesem Häuptling noch verschiedene Streitfragen

und sonstige Geschäfte in Dr. +Gruners+ Auftrage zu erledigen

hatte, ließ ich hier mit neun Soldaten zurück, als wir gegen 11 Uhr

wieder abzogen, bis er seine Sachen erledigt habe. Durch ein heißes

Buschsteppen-Gebiet zogen wir in der Mittagshitze weiter. Meinen

Trägern lief der Schweiß vom Körper derartig herunter, wie ich es sonst

selten gesehen. Doch was half das alles, ich hatte mir vorgenommen,

die Nacht auf dem Beika-Berge zuzubringen, und so mußten wir noch

einen langen Marsch am Nachmittag machen. Gegen 1 Uhr trafen wir

im Dorfe Lolobi ein, das dicht am Dai-Flusse gelegen ist. Hier sah

ich zum ersten Male die in Boëm verbreiteten Häuser mit vollständig

flachem Dache. Diese Häuser sind am Tage furchtbar heiß, und fast ist

es unmöglich für einen Europäer, sich in denselben aufzuhalten, doch

sind sie äußerst reinlich gehalten. Der Fußboden ist gewöhnlich mit

Lehm glatt ausgeschmiert und nicht selten wie die Wände weiß getüncht.

Fast ein jedes Haus hat seinen eigenen Feuerplatz, der durch drei

kleine konische Säulchen erkenntlich ist, welche dazu dienen, die Töpfe

oder sonstige zum Kochen verwendeten Gefäße oberhalb des Feuers zu

halten; ebenso besitzt jedes Haus seine kleinen aus Lehm hergestellten

Hausgötzen, wie man sie auch sonst noch in größeren Darstellungen in

Togo in den verschiedensten Dörfern finden kann. Der Fetischglaube

spielt auch hier eine große Rolle. Außer den größeren Götzenhütten,

unter denen nicht selten drei bis fünf aus Lehm hergestellte plumpe

Nachahmungen des menschlichen Körpers in einer Reihe sitzend

dargestellt sind, habe ich recht häufig auf Feldern oder an Wegen

Miniatur-Nachahmungen dieser Götzen gesehen, die wohl die betreffenden

Lokalitäten beschirmen sollen. Es wäre sehr wünschenswert, daß man noch

möglichst viel Erkundigungen über die Einzelheiten dieser Fetisch-

und Götzen-Religion einsammele, ehe gerade die interessantesten und

eigenartigsten Gebräuche vor der vorschreitenden Kultur verschwinden,

und gerade hier in Togo, wo wir es mit einer viel intelligenteren

Bevölkerung zu thun haben als in Kamerun, werden diese Eigenarten

schneller aufgegeben werden als in den meisten anderen Ländern.

In Lolobi machte ich unter verschiedenen wundervollen Exemplaren des

Ficus Vogelii Halt und erlaubte meinen Leuten, sich eine Zeit lang

auszuruhen, da wir den hohen Beika-Berg zu ersteigen hatten, der nun

dicht vor uns sich erhob. Auch hier bekam ich wieder von dem Häuptling

Geschenke an Yams.

Gegen 2 Uhr nahmen wir wieder unsern Marsch auf. Der Beika-Berg,

welcher sich vor uns erhob, war dicht bewaldet; anfangs, d. h.

soweit der Weg von den Einwohnern von Lolobi zu besorgen war, war er

in ziemlich schlechtem Zustande, er wurde aber zusehends besser, als

wir in das Gebiet von Beika eintraten. Landolphien gab es in diesen

Wäldern zerstreut, Kickxia africana war in Mengen vorhanden und bildete

einen nicht unerheblichen Prozentsatz der Urwaldbäume. Nach fast

dreistündigem, für die Träger sehr ermüdendem Klettern langten wir

gegen 5 Uhr auf der Spitze des Berges in dem Dorfe Beika an. Ich hatte

auch den größten Teil des Marsches zu Fuß zurücklegen müssen, da der

Weg zum Reiten zu steil war.

Das Dorf Beika ist vollständig auf Felsen erbaut. Unter einem großen

Feigenbaume ließ ich zwar zuerst die Leute lagern, sah aber bald

ein, daß es unmöglich war, das Zelt irgendwo aufzustellen, und ließ

daher für mich ein reinliches Haus suchen, in dem dann die Lasten

untergebracht wurden. Da infolge der Hitze, die in den Häusern noch

herrschte, keiner von uns Europäern Lust hatte, länger als dringend

notwendig in denselben sich aufzuhalten, ließ ich Tische und Stühle

unter dem Feigenbaum aufstellen, wo wir auch beschlossen, zu Abend

zu essen. Der Häuptling mit einem großen Trosse kam bald, um mir

die obligaten Geschenke, bestehend aus Yams, Bergreis und Hühnern,

zu überbringen, von denen wie gewöhnlich der Yams unter meine Leute

verteilt wurde, der Bergreis ein gut verwendbares Futter für mein

Pferdchen bildete, die Hühner aber in unsere Küche wanderten. Kurze

Zeit darauf erschien der Häuptling wieder und beklagte sich darüber,

daß meine Leute durchaus zum Wasser gehen wollten, obgleich er ihnen

verboten hatte, es zu thun. Mir lag der Grund zu diesem Verbot

allerdings klar vor den Augen, denn zu dieser Zeit badeten sich ja

gewöhnlich die Holden des Dorfes. Meine Leute konnten schließlich

auch nicht ohne Wasser bleiben, deshalb befahl ich dem Häuptling, für

mein sämmtliches Personal Wasser heranschaffen zu lassen, und verbot

meinen Leuten dann, selbst zum Wasser herunterzugehen. Damit waren

beide Parteien schließlich befriedigt. Aus Dankbarkeit schickte mir

der Häuptling sogar noch eine ganze Anzahl Yamsknollen, welche ich nun

wieder verteilte. Einige der Träger mußte ich hier übrigens bestrafen,

da dieselben so unverschämt waren, einigen Trägerweibern die leichteren

Lasten abzunehmen und ihnen statt dessen schwere aufzupacken. Diese

Übelthäter hatten mehrere Tage hindurch die schwersten Lasten zu

tragen. Noch vor Eintritt der Dunkelheit kam +Amusso+ mit den

Soldaten in Beika an.

Da wir am 16. März wieder einen Berg zu erklimmen haben sollten, ließ

ich schon um 5 Uhr antreten. Es war interessant, des Morgens diese

Scene zu beobachten. Gewöhnlich ließ ich mir gegen 4 Uhr morgens durch

den Koch schon den Kaffee bringen und setzte mich dann noch bis 5 Uhr

zu schriftlichen Arbeiten oder einer Zigarre nieder. Nachdem mein

Junge unterdessen meine Sachen etwas zusammengeräumt hatte, ließ ich

in dem noch vollständig stillen Dorfe die Signalpfeife ertönen. Sofort

entwickelte sich nun ein reges Leben. Von allen Seiten strömten die

Leute herbei, um ihre Lasten fertig zu packen, oder die Einwohner des

Dorfes in großer Anzahl, um beim Aufbruche zuzugaffen. Sah ich, daß

alles fertig war, wobei der Headman zur nötigen Eile anzutreiben hatte,

dann ertönte das zweite Signal, und in der bereits oben beschriebenen

Ordnung setzte sich der Zug in Bewegung. Dasselbe Schauspiel

wiederholte sich fast allmorgentlich.

Von Beika stiegen wir nun auf einem für die beladenen Träger nicht

gerade gefahrlosen Wege wieder in ein tiefes Thal hinab. Der Grund des

Thales schien aus sehr fruchtbarem Boden zu bestehen, der übrigens mit

Elefantengras reich bedeckt war. Allmählich stiegen wir von dieser

Ebene auf einem immer steiler ansteigenden Pfade zum Dorfe Tetemang

empor, das ähnlich wie Beika auf einer dicht bewaldeten Bergkuppe lag,

aber nicht so auf Felsen stand wie die letztere Ortschaft. Hühner und

Eier konnten wir für unsere Küche auch reichlich einkaufen. Unser

Koch +Quodjo+, welcher früher einmal der Junge des in Kamerun

ermordeten Oberleutnants Dr. +Plehn+ gewesen war, war in solchen

Sachen äußerst geschickt und erfahren, so daß wir ihm diese Einkäufe

vollständig allein überlassen konnten. Dieser Mensch war überhaupt

trotz seines Hanges zum Leichtsinn, wenn er unter strenger Zucht

war, vorzüglich zu gebrauchen und als Dolmetscher für uns hier sehr

wertvoll. Lügen konnte er übrigens in staunenerregender Weise, doch das

war nicht unsere Sache, solange er uns nicht belog, und davor hütete er

sich.

Nach Beendigung unseres Frühstücks verließen wir mit den Geiseln das

Dorf Tetemang und stiegen wieder in ein tiefes Thal hinab. Durch

ziemlich dichten, an Landolphien und falschen Kickxien sehr reichen

Wald führte der teilweise steile, nicht selten mit Geröll bedeckte Weg

der Hauptstadt Boëms, Borada, zu, wo wir, nachdem wir noch ein kleines

Hügelland durchzogen hatten, gegen Mittag eintrafen.

Die Häuser in Borada waren, wie es mit wenigen Ausnahmen in ganz Boëm

der Fall ist, in derselben Weise erbaut, wie die von Lolobi, dem Dorfe

am Dai-Flusse, das man eigentlich nicht mehr zu Boëm rechnet, meiner

Meinung nach aber entschieden noch dazu gehört. Auch die Dörfer Beika

und Tetemang bestehen aus solchen Häusern. Im allgemeinen muß man

sagen, daß die Häuser hier in Boëm von den Eingeborenen sehr reinlich

gehalten werden, derart sogar, daß ein Europäer eigentlich ohne Zelt

umherreisen kann, da er mit einem Nachtquartier, wie es ihm die Häuser

bieten, vollständig zufrieden sein kann. Nicht selten haben diese

Boëm-Häuser, besonders diejenigen in Borada, eine Art Veranda an der

Frontseite, welche an beiden Seiten durch die verlängerten Giebelwände

und oben durch das überhängende Dach geschützt ist. Die in Boëm

verbreitete Sprache ist das „Schi“, eine Sprache, welche westlich und

nördlich der Landschaft eine größere Verbreitung haben soll. Einen

eigentümlichen Schmuck sah ich übrigens hier in Borada und später auch

in vielen anderen Ortschaften Boëms, nämlich weite Halsketten, die aus

ovalen Gliedern bestanden und aus Eisen verfertigt waren. Die einzelnen

Glieder waren gewöhnlich vierkantig im Durchschnitt und bis 3 mm stark.

Mir wurde gesagt, daß diese Ketten von den Wora-Wora-Leuten gemacht

werden, die allgemein als gute Eisenschmiede einen großen Ruf genießen.

Gegen Mittag wurden wir, als ich eben das Signal zum Packen gegeben

hatte, durch einen starken Gewitterregen überrascht, der eine gute

halbe Stunde andauerte und bald die Straßen des Dorfes in ein

Gemisch von Bächen und Wassertümpeln verwandelte. Meine sämtlichen

Lasten, welche ich schleunigst im Zelte unterbringen ließ, blieben

glücklicherweise vollständig trocken. Als nach Beendigung des

Regens der Aufbruch endlich erfolgen konnte, stellte sich heraus,

daß +Akpanje+ noch verschiedenes mit +Amusso+ besprechen

wollte. Da ich mich dadurch nicht aufhalten lassen wollte, ließ

ich ihn mit zwei Soldaten zurück und die Karawane aufbrechen. Wir

durchzogen zunächst ein hügeliges, fruchtbares Savannengebiet, in

dem die Eingeborenen viele Farmen angelegt hatten. Später gelangten

wir in einen dichten Buschwald, in welchem die falsche Kickxia in

riesigen Mengen vorhanden war. Die Stämme derselben schienen von

den Eingeborenen viel als Nutzholz verwendet zu werden; so waren

die Pfosten der Häuser und Brücken, über welche der Weg führte,

vorzugsweise aus diesem Holze hergestellt. Dasselbe ist wie das der

Kickxia elastica ziemlich weich, und daher sind die Bäume leicht

zu fällen. Nach einem Marsche von 1½ Stunden erreichten wir das

Dorf Kyasekang, das für Boëm das Centrum des Ackerbaues sein soll.

Der alte Häuptling schien ein recht vernünftiger Bursche zu sein und

that alles für meine Leute, was in seiner Macht stand. Als Geschenk

brachte er mir ein schönes Schaf und eine große Zahl Yamsknollen

sowie Bergreis und Guinea-Hirse. Da das Dorf und die Bevölkerung mir

sehr gut gefielen, beschloß ich, über Nacht hier zu bleiben und ließ

mein Zelt wieder unter einem Ficus aufschlagen. Das Dorf Kyasekang

machte in vieler Hinsicht einen bedeutend angenehmeren Eindruck als

Borada. Die Straßen waren bedeutend reinlicher und die Häuser auch

nicht selten weiß getüncht; dazu kam noch die Zuvorkommenheit der

Bevölkerung im allgemeinen. Herr +Thienemann+, der schon früher

einmal hier gewesen war, wurde von einem alten Weibe, das noch ein

Geschenk aus Erdnüssen (Arachis) brachte, sehr freudig begrüßt. Wie er

mir sagte, hatte er der Alten früher einmal einen Gefallen erweisen

können, für den sie ihn aus Dankbarkeit nicht im Stiche ließ. Herr

+Thienemann+ verstand es überhaupt ausgezeichnet, die Eingeborenen

an sich zu fesseln.

Schon während der letzten Tage waren wir allenthalben mit Palmenwein

von den Häuptlingen, deren Gebiet wir durchzogen, versehen worden. Auch

heute erhielten wir wiederum eine große Kalebasse dieses Getränkes,

das, in mäßigen Quantitäten getrunken, hier in dem heißen Klima

entschieden eine erfrischende Wirkung hat, wenn es nicht abgestanden

ist.

Am frühen Morgen des 18. März waren wir wieder auf dem Marsche.

Die Steppe, welche mit dichtem Buschwalde abwechselte, gewann bald

wieder einen trockenen Anblick. Der Weg war in tadellosem Zustande.

An den Seiten sah man sogar nicht selten in den tiefer gelegenen

Gegenden Wassergräben gezogen, die den Weg trocken halten sollten.

Zu meiner großen Freude sah ich auch in der Nähe des Dorfes Versuche

der Eingeborenen, Kaffee und Kakao zu kultivieren. Die Pflanzungen

waren noch zu jung, als daß man von etwaigen Erfolgen oder Mißerfolgen

hier sprechen könnte. Nach einer guten Stunde Marsches erreichten

wir den kleinen Ort Guamang. Hier gab es ein reges Leben. Vor zwei

Tagen hatte einer der Jäger des Dorfes einen Elefanten geschossen,

dessen Fleisch nun hereingebracht wurde. Natürlich hätten meine Träger

daher zu gern gesehen, daß ich ihnen Zeit lassen würde, von diesem

Elefantenfleische etwas zu kaufen, doch ich ließ, ohne Rast machen

zu lassen, weitermarschieren, da ich wohl wußte, daß die Leute von

dem erlegten Tiere nichts verkaufen würden, denn das Dorf hatte eine

ziemliche Anzahl von Einwohnern, für welche ein selbst großer Elefant

lange nicht genügen konnte. Nach einer weiteren Stunde Marsches durch

ein Gemisch von kurzgrasigen Steppen und Buschwäldern erreichten wir

das kleine Dorf Monda, wo ich eine Rast von 10 Minuten machen ließ.

Dieser kleine Ort zeichnete sich durch besondere Reinlichkeit aus.

Ficus Vogelii scheint auch in diesen Gebieten nicht selten zu sein, ich

sah auf dem Wege von Guamang nach Monda sogar viele wilde Exemplare.

Von Monda nach Kadyebi, dem in Aussicht genommenen Endziele meiner

Reise, hatten wir auch wieder ein gemischtes Gebiet zu durchziehen,

das kleinere Baumsteppen und Urwälder besaß. In allen diesen Wäldern

ist die Kickxia africana sehr verbreitet, ja man könnte fast sagen,

der häufigste Urwaldbaum; doch trotz meines sehr eifrigen Suchens habe

ich von der brauchbaren Kickxia elastica keine Spur entdecken können.

Ich schnitt täglich eine große Zahl von Bäumen an, um zu sehen, ob

etwa an einigen Lokalitäten diese Kickxia africana doch Kautschuk

geben könnte, gab diese Hoffnung aber bald auf. Die Bodenverhältnisse

hier in Boëm sind ganz ähnlich denen, unter welchen im Yoruba-Lande

die Kickxia elastica auftritt. Ich bin daher fest davon überzeugt, daß

Anpflanzungen der letzteren sich hier vorzüglich entwickeln werden.

Landolphien sind übrigens auch hier in den Wäldern vorhanden, doch

stellen die Eingeborenen ihnen sehr nach, so daß dieselben schon

selten geworden sind. Gegen 10 Uhr trafen wir in Kadyebi ein. Ich ließ

daselbst unter einem Ficus-Baume sogleich mein Zelt aufschlagen, da ich

die Absicht hatte, erst am nächsten Tage das Dorf wieder zu verlassen.

Der Häuptling des Dorfes schien ein machtloser alter Herr zu sein,

der sich von seinen Verwandten offenbar viel gefallen lassen mußte.

Auffallend demutsvoll kam er zu mir, um mir sein Geschenk zu bringen,

dabei betonend, daß er zu arm sei, um mehr als Hühner, Reis und Yams

geben zu können. Die Leute hatten hier sowohl wie in den letzten von

uns passierten Dörfern kleine Kornspeicher, die gewöhnlich walzenförmig

und mit konischen Dächern überdeckt waren. Nur wenige Häuser hatten die

für Boëm typischen flachen Dächer. Die zu beiden Seiten abfallenden

Strohdächer waren entschieden vorherrschend.

[Illustration: R. Schlechter vor seinem Zelte in Kadyebi.]

Zusammen mit Herrn +Thienemann+ unternahm ich kurz nach meiner Ankunft

in Kadyebi eine Exkursion, um mir das von Herrn Bergassessor +Hupfeld+

für Herrn +Sholto Douglas+ angekaufte Terrain anzusehen, besonders

auf Anbaufähigkeit für Kickxia elastica und andere Kautschukpflanzen.

Wir hatten auf einem nicht schlechten Pfade etwa ¾ Stunde zu

marschieren. Längs des Weges vorgehend, untersuchte ich zunächst die

Vegetation und fand dieselben Verhältnisse, wie im Yoruba-Lande, nur

mit dem Unterschiede, daß die falsche Kickxia reichlich vertreten

war. Auch Sanseviera war vorhanden, an einer Stelle sogar in großen

Mengen. Von dem Wege in das Dickicht eindringend, sahen wir, daß

die Vegetationsverhältnisse dieselben blieben. An einer Stelle, wo

schwerlich sich äußerliche Einflüsse hätten geltend machen können,

entnahmen wir darauf noch eine Bodenprobe, welche übrigens auf nicht

schlechten Boden schließen ließ, in dem Kickxia elastica gut gedeihen

würde. Für Tabak dürfte sich dieser Boden des Boëm-Waldgebietes wohl

kaum bewähren, wenn er nicht alljährlich künstlich gedüngt würde, wohl

aber für Baumwolle, an welche jedoch, solange die Transportkosten

zur Küste dieselben bleiben werden, wohl nicht gedacht werden kann.

Etwas anderes wäre es auch mit Kola, doch kennen wir das Wachstum

dieser wichtigen Pflanze bis jetzt noch viel zu wenig, um schon

Schlüsse auf ihre Ertragsfähigkeit zu ziehen. Nach den Exemplaren zu

urteilen, welche ich in Misahöhe gesehen, scheint diese Kultur nicht

sehr aussichtsvoll für Plantagen, die in nicht zu langer Zeit doch mit

einer gewissen Einnahme herauskommen sollen, wohl aber als Nebenkultur

möglicherweise vorteilhaft zu sein.

Am Nachmittage kehrten wir nach Kadyebi zurück, wo ich für meine Leute

einen Festschmaus gab, bei dem die Schafe von Borada und das vom

Häuptling von Kyasekang erhaltene ihr Leben lassen mußten.

In schnellem Marschtempo verließen wir am Morgen des 19. März Kadyebi

wieder, um auf demselben Wege, auf dem wir gekommen waren, nach

Kyasekang zurückzukehren. In Monda und Guamang ließ ich je eine

Viertelstunde Rast machen, und dennoch trafen wir schon vor 10 Uhr in

Kyasekang ein.

Ein alter Haussa-Malam, der hier ansässig war und mir schon bei meinem

ersten Durchzuge durch das Dorf einige Yams und ein Huhn als Geschenk

gebracht hatte, ließ es sich nicht nehmen, hier wieder mit einem

Geschenke zu kommen. Er warf sich dabei immer in ehrfurchtsvoller Weise

auf die Kniee und berührte mit seiner Stirn den Boden, dabei murmelte

er alle möglichen Segenswünsche vor sich hin. Es ist merkwürdig, daß

die Haussa, die sich doch sonst hier für höhergestellt halten als die

Neger, einem Europäer gegenüber so unterwürfig sind, wie man es nie bei

den anderen Eingeborenen sehen wird. Auch unter den Leuten, die mit

Kautschuk aus dem Innern kommen, sind viele Haussa, welche dem Europäer

sich entweder stets zu Füßen werfen, oder aber stolz, kaum ein „Salaam“

wünschend, vorüberziehen.

Gegen 1 Uhr ließ ich wieder aufbrechen. Unser Weg führte nun bedeutend

mehr nach Westen. Auf einem vorzüglichen Wege, der auch wieder gut

drainiert war, ging es zunächst durch eine Niederung und dann über

hügelige Baumsteppen, allmählich emporsteigend nach Kyasekang-Akora,

einem Schwesterdorfe des von uns eben verlassenen Kyasekang, das etwa

1½ Stunden entfernt lag. Auf einem großen Marktplatze ließ ich unter

einem wundervollen Feigenbaum das Zelt aufschlagen, da wir erst am

nächsten Morgen nach Quamikrum weitermarschieren wollten. Akora ist

ein kleineres Dorf, welches etwa 200 Hütten besitzen dürfte. Die

Eingeborenen machten einen weniger günstigen Eindruck als die des von

uns am Nachmittage verlassenen Kyasekang. Bis in die Nacht hinein saß

ich mit Herrn +Thienemann+ zusammen bei Mondschein vor dem Zelte, über

die verschiedensten Fragen unsere Ansichten und Gedanken austauschend,

bis uns doch die späte Stunde zur Ruhe mahnte, zumal da wir wußten, daß

wir am nächsten Tage bis Quamikrum einen langen Marsch zu machen haben

würden.

Am Morgen des 20. März waren wir schon zeitig wieder auf dem Wege. Herr

+Thienemann+ und die Träger marschierten weit voraus, da ich mit

+Amusso+ und den Soldaten zurückgeblieben war, um den Häuptling

von Akora zu sprechen. Durch einen ziemlich dichten Wald marschierend,

in dem die falsche Kickxia und Landolphien viel vorhanden waren,

gelangten wir nach etwa einer Stunde zu dem Dörfchen Tomegbe, das nur

aus wenigen Hütten bestand und nach Angabe der Eingeborenen erst seit

kurzer Zeit erbaut sein soll. Hier wartete Herr +Thienemann+ mit

den Trägern auf mein Eintreffen. Nach kurzer Rast ging es weiter durch

dichten Wald, der nur hin und wieder von kleinen Savannen unterbrochen

war. Die Wege waren schmal und nicht selten durch gefallene Baumstämme

versperrt oder von hohen Wurzeln überlaufen, so daß ich auf dem Pferde

tüchtig aufzupassen hatte, damit das Tier nicht zu Falle komme.

An den Lianen und dünnen Baumzweigen hing hier in dem Walde nicht

selten eine epiphytische Orchidacee, die gerade einen reichen Flor

grünlicher Blüten darbot. Sonst war bei der Art unseres Zuges durch

diesen botanisch sicher hochinteressanten Wald recht wenig zu sehen,

da wir unsere ganze Aufmerksamkeit dem Wege zuzuwenden hatten. Hin und

wieder blieb ich etwas zurück, um an den Kickxien Anzapfungsversuche zu

machen, hatte aber keinen Erfolg mit denselben; immer wieder ergaben

die Untersuchungen jene klebrige, wertlose Masse, welche auch bei

vielen Ficusarten zu finden ist. Einige Landolphien lieferten guten

Kautschuk, doch da Blüten und Früchte nicht zu finden waren, ließ

sich leider die Art nicht feststellen, außerdem sah ich mit wenigen

Ausnahmen nur dünne Stämme derselben; die dickeren schienen alle

bereits von den Eingeborenen ausgeschlagen worden zu sein.

Westafrikanische Kautschuk-Expedition · 第 21 / 32 段