nach einer halben Stunde Marsch, teils durch Gebüsch, teils durch
Steppengebiet, gelangten wir nach Noeppe. Die Steppen sind von hier ab
mehr oder minder dicht mit Bäumen bewachsen und erhielten dadurch einen
Anblick, welcher mich sehr an ähnliche Baumsteppen in Transvaal und
besonders Mozambique erinnerte, ein Eindruck, der noch dadurch erhöht
wurde, daß die Vegetation sich zum großen Teile aus verwandten Pflanzen
zusammensetzte. In Noeppe ließ ich eine kurze Rast machen, um zu
versuchen, einen andern Träger zu erwerben als Ersatz für einen Mann,
welcher mir in der Nacht entflohen war. Leider sah ich aber bald ein,
daß ich in diesem Dorfe nicht die geringste Aussicht auf Erfolg haben
würde, und zog daher bald wieder ab. Von Noeppe an hatten wir eine
riesige Baumsteppe vor uns, welche nur an den jetzt noch trockenen,
in der Regenzeit aber ziemliche Dimensionen annehmenden Wasserläufen
von dichten Gebüschen oder schmalen Waldstreifen durchzogen war. Da
viele der Kräuter und Bäume zur Zeit in Blüte standen, war mir diese
Steppe sehr interessant. Die großen weißen Blüten eines Cycnium
waren sehr häufig zu sehen. Hier und da erhob sich einer jener
wunderschönen Stengel der Eulophia cristata aus dem Grase, nicht selten
in Gemeinschaft mit den grüngelben tütenförmigen Inflorescenzen einer
Amorphophallusart. Unter den Bäumen traten besonders Terminalia-Arten
und eine Bignoniacee mit zierlichen Trauben rosenroter Blüten hervor.
Weiterhin gesellte sich zu diesen noch der Butterbaum, der schließlich
immer häufiger werden sollte, je mehr wir in das Land hineinkamen.
Inmitten dieser Steppen traf ich ganz unerwartet mit einer größeren
Trägerkolonne zusammen, an deren Lasten ich sofort erkennen konnte,
daß ein Europäer in der Nähe sein müsse, und richtig, bald darauf
traf ich mit dem Regierungsarzt Herrn Dr. +Wendland+ zusammen.
Von ihm konnte ich einige Erkundigungen über den Zustand der Wege und
die augenblicklichen Zustände am Agu- und Agome-Gebirge einziehen,
von denen er eben zurückkehrte. Zu meiner Freude hörte ich auch, daß
die Wege immer besser werden sollten, je weiter man sich von Lome
entferne. Gegen 11 Uhr erreichten wir Badja, ein Dorf von ziemlicher
Ausdehnung, wo ich meinen Leuten Zeit zum Mittagessen geben wollte.
Unter schönen Ficusbäumen lagerten wir uns. Auch hier in Badja hatte
ich keinen Erfolg im Anwerben von Trägern. Hätte ich allerdings damals
die Zustände in Togo so gekannt wie später, als ich wieder durch Badja
zog, dann wäre ich wohl sicher in meinen Bemühungen erfolgreicher
gewesen. Hier gab es auch etwas Guinea-Korn als Futter für mein Pferd
zu kaufen, das sich schneller daran zu gewöhnen schien, als an den
Mais. Nach etwa dreistündiger Rast brachen wir wieder auf. Die mächtige
Baumsteppe setzte sich hinter Badja weiter fort, die Vegetation blieb
dieselbe wie zuvor, hier und dort gesellten sich zur Eulophia cristata
noch andere auffallende Orchidaceen derselben Gattung, wie z. B.
die wundervolle Eulophia dilecta und die kleine Eulophia flava. Die
Gräser bestanden meist aus niedrigen Arten, die fast alle ein gutes
Viehfutter abgeben würden. Es stimmte mich oft traurig, wenn ich
sah, daß in diesen Gegenden kein Großvieh gehalten werden kann, da
die Tsetsefliege die Bestände in kurzer Zeit vernichten würde. Es
kam mir damals unwillkürlich der Gedanke, daß es doch von riesigem
Nutzen für die Kolonie sein müßte, wenn ein tüchtiger und erfahrener
Tierarzt zum Zwecke des Studiums der durch die Tsetse hervorgerufenen
Krankheit und der Verbreitung dieses Übels nach Togo entsendet werden
würde, damit uns nun endlich einmal Näheres über diese für die fernere
Entwickelung des Landes äußerst wichtigen Punkte bekannt würde. Welch
ein kolossaler Vorteil läge zum Beispiel schon allein darin, wenn
wir einmal im stande wären, von Lome bis zum Agu- und Agome-Gebirge
statt durch teure und unzuverlässige Träger die Lasten in Ochsenwagen
oder Maultierwagen zu befördern. Das Land ist mit Ausnahme einiger
Wellungen vollständig eben und würde sich zur Anlage einer Fahrstraße
vorzüglich eignen, zudem wäre Futter für die Zugtiere in reichem Maße
in den Steppen vorhanden. Wenn wir dereinst die genaue Verbreitung der
Tsetsefliege von Togo kennen werden, die sicher in vielen Gegenden des
Schutzgebietes eine äußerst lokale ist, dann werden wir wahrscheinlich
Zugtiere, wie Ochsen, Pferde und Maultiere, in Togo mit großem Erfolge
verwenden können und vielleicht auch einmal so weit kommen, daß das
Land den ganzen Bedarf selbst decken kann. Während meiner Reise nach
dem Agu-Gebirge, von Lome aus, habe ich gerade mit großem Interesse
die Möglichkeit der Anlage einer Fahrstraße verfolgt und habe an
keiner Stelle bedeutende Schwierigkeiten gefunden. Es werden einige
Wasserläufe zu überbrücken sein und einige Sümpfe trocken gelegt oder
umgangen werden müssen, doch das wären nur sehr geringe Arbeiten
im Verhältnis zu dem Nutzen, den eine solche Straße für den Handel
der Kolonie bringen würde. Im Bezirke Misahöhe sind jetzt schon mit
Ausnahme kleiner Strecken die Wege südlich des Agome-Gebirges in
so vorzüglichem Zustande, daß man sie auf weite Strecken mit Wagen
befahren könnte. An einigen wenigen Stellen befanden sich wieder
kleine Wäldchen in den Steppen hinter Badja, in denen dann größere
Bäume auftraten, während sonst außer den Affenbrotbäumen, die in Togo
nicht weit ins Innere vordringen, die Steppenbäume selten über 10 m
hoch waren. Für das Nachtquartier hatte ich den Ort Kewe ausersehen,
bei dem auch wieder ein Logierhaus für Europäer vorhanden sein sollte.
Als wir uns gegen 5 Uhr am Nachmittage Kewe näherten, wich die Steppe
allmählich einer dichteren Buschvegetation, deren Vorhandensein
wahrscheinlich auf ehemalige Kultivierung des Geländes zurückzuführen
ist. Die Eingeborenen waren zur Zeit gerade damit beschäftigt, neue
Farmen für die kommende Regenperiode anzulegen und die vorhandenen
Ölpalmenanpflanzungen zu säubern. Kewe selbst ist nur ein kleineres
Dorf, das auch wohl von geringerer Bedeutung ist als das in der
Nähe liegende Assaun, in dem sich besonders die Schmiede und Töpfer
niedergelassen haben. Wir hatten kaum unsere Lasten in dem geräumigen
Rasthause untergebracht, als ein starker Gewitterregen losbrach, der
für den Rest des Abends sich ohne Unterbrechung fortsetzte und in einen
allgemeinen Landregen auszuarten schien. Als der Regen dann gegen
Mitternacht aufhörte, war bald der feuchte Boden um das Haus herum
von Hunderten von Ameisen bedeckt, so daß ich schließlich gezwungen
war, mein Pferd, welches an einem der nahestehenden Bäume angebunden
war, in einem in der Nähe aufgebauten Stalle unterzubringen, in dem es
wenigstens von dieser Plage befreit war.
Wie es häufig nach derartigen Gewitterregen der Fall zu sein pflegt,
hatten wir am nächsten Tage einen wundervoll kühlen und hellen Morgen,
den ich dadurch auszunutzen versuchte, daß ich bereits um 5 Uhr das
Signal zum Einpacken ertönen ließ. Da wir das Zelt nicht einzupacken
hatten, erfolgte schon kurze Zeit nach diesem Signal gewöhnlich das
zweite, welches für die Leute das Zeichen zum Aufbruch war. Sobald
wir uns etwas von Kewe entfernt hatten, traten wir wieder in die uns
nun so wohl bekannte Baumsteppenformation ein. Infolge des Regens vom
vorherigen Abend waren die Wege stark aufgeweicht und, da sie über
lehmiges Terrain führten, nicht selten so schlüpfrig, daß die Leute
mit ihren Lasten nur langsam vorwärts kommen konnten und ich auf dem
Pferde auch gehörig aufpassen mußte, damit das Tier nicht ausglitt.
Etwa eine Stunde nach unserem Abmarsch aus Kewe passierten wir das
Dorf Assaun, dessen Umgebung auch wieder mit dichtem Gebüsch bedeckt
war, in dem ich übrigens wiederholt Strophanthus beobachtete. Schier
endlos setzte sich hinter Assaun nun die Baumsteppe fort. Dieselbe bot,
da sie sich immer noch aus denselben Gewächsen zusammensetzte, wenig
Interessantes für mich dar. Der Butterbaum war hier schon bedeutend
häufiger geworden und trat an einigen Stellen bereits charakterbildend
auf. In einem schmalen Waldgürtel, welcher sich am Rande einer Kette
von Wasserlöchern gebildet hatte, sah ich die ersten Exemplare einer
Kautschuk liefernden Liane. Die wenigen Exemplare waren leider nicht
in Blüte, so daß ich nicht feststellen konnte, welche Art ich vor mir
hatte. Auch Bossassanga-Pflanzen (Costus) gab es an solchen Lokalitäten
in Fülle. Um 11 Uhr kamen wir in dem Dorfe Tove an. Da mir daran lag,
noch am Abend bis Gbin zu kommen, gab ich den Trägern nur eine Stunde
Zeit zum Kochen ihrer Mahlzeiten. Als ich dann aber die Signalpfeife
zum Einpacken ertönen ließ, weigerten sich die Leute, offenbar von den
Einwohnern des Dorfes dazu aufgestachelt, weiter zu marschieren, da der
Weg bis Gbin zu weit sei; einige erschienen sogar nicht einmal. Da ich
schon früher auf meinen Reisen erfahren hatte, daß ein Nachgeben hier
nur Bummelei bei den Leuten zur Folge haben würde, mußte ich hier ein
Exempel statuieren. Ich gab den Leuten daher tüchtig meine Meinung zu
hören, worauf sie sofort ihre Lasten ergriffen und abmarschierten. Als
diejenigen, welche nicht erschienen waren, von ihren Verstecken aus
sahen, daß sie mit mir sich derartige Späße nicht erlauben dürften,
kamen auch sie sofort herbeigelaufen und nahmen ihre Lasten auf, um
auch damit aufzubrechen. Sobald ich darauf zu Pferde die Karawane
wieder eingeholt hatte, ließ ich in der Steppe die Leute anhalten und
befahl denjenigen, welche auf mein Signal nicht erschienen waren,
vorzutreten. Nachdem ich deren Namen aufgeschrieben hatte, kündigte ich
ihnen an, daß ich diese Unverschämtheit durch Abzug eines Tagelohnes
von dem Trägerlohne eines jeden bestrafen werde. Diese Maßregel
wirkte besser als ich selbst gehofft hatte, denn während des uns nun
bevorstehenden Marsches zeigten die Leute mehr Eifer denn je zuvor. Bis
gegen Abend hatten wir wieder durch Baumsteppen zu ziehen, die nichts
Neues darboten. Vor uns sahen wir bereits deutlich das Agu-Gebirge
liegen, als wir gegen 6 Uhr in Gbin einmarschierten. Zu meiner Freude
fand ich hier ein sehr reinlich gehaltenes Rasthaus aufgebaut. Die
Nacht, welche diesem Tage folgte, war herrlich. Der Mond stand in
seiner ganzen Pracht am Firmamente und ergoß sein wundervolles Licht
über das stille Dorf. Lange noch blieb ich vor dem Rasthause sitzen,
nachdem ich meine laufenden Arbeiten, wie Tagebuch schreiben und
Pflanzen einlegen, erledigt hatte, um nach dem sehr heißen Tage in der
Steppe diese prachtvolle kühle Nacht zu genießen.
Der kurze Marsch, den wir am nächsten Tage noch bis zur +Sholto
Douglas+schen Plantage am Agu-Gebirge zurückzulegen hatten, führte
uns erst auch durch ebenes Steppengebiet, das aber bald einem dichten
Waldstreifen weichen mußte. Die nun häufigen Hügel waren zum Teile
sehr felsig, so daß ich wiederholt das Pferd führen lassen mußte.
Da, wo die Flora wieder ihren Steppencharakter annahm, zeigten sich
nicht selten Pflanzenformen, welche ich vorher auf der Reise noch
nicht beobachtet hatte. Nachdem wir über verschiedene Hügelrücken
gestiegen waren, stiegen wir in die Ebene direkt am Fuße des Gebirges
hinab, in der wir bald das Dorf Atigbe erreichten. Hier ließ ich
mir einen Führer vom Häuptling des Dorfes geben, der mich nach der
+Douglas+schen Plantage bringen sollte. In Atigbe sah ich die
ersten Exemplare vom Ficus Vogelii in Togo. Anzapfungen, welche ich an
Ort und Stelle vornahm, zeigten, daß dieser Baum auch hier dieselbe
nicht unbrauchbare Masse gab wie im Yoruba-Lande. Von Atigbe weiter
marschierend, kamen wir bald zu dem Dorfe Tafie, in dem ich auch wieder
eine Anzahl von Exemplaren des Ficus Vogelii fand. Wie im Yoruba-Lande,
werden diese Bäume hier in Togo von den Eingeborenen allenthalben auf
den freien Plätzen der Dörfer angepflanzt, und unter ihnen versammeln
sich auch hier bei Beratungen und sonstigen Gelegenheiten die Männer
der Dörfer. Nur eine kleine Strecke hatten wir noch hinter Tafie
durch ein an Ölpalmen reiches Gebiet zu marschieren, bis wir die
Häuser der +Douglas+schen Pflanzung dicht vor uns sahen. Die
beiden Herren, welche damals auf der Plantage angestellt waren, Herr
+Thienemann+, der Leiter, und Herr +Rohmer+ waren über mein
Eintreffen gewissermaßen erstaunt, da sie sich ausgerechnet hatten, daß
ich unter günstigen Umständen erst am 12. März bei ihnen eintreffen
könnte. Da ich eigentlich meine Träger nur bis zur Tafie-Plantage
engagiert hatte, forderte ich dieselben auf, mich noch bis Misahöhe zu
begleiten, da hier schwer neue Träger zu bekommen waren. Mit Ausnahme
von dreien, welche ich als Fußkranke nicht gebrauchen konnte, waren
alle bereit dazu. Ich ließ nun den Häuptling von Tafie rufen und
forderte ihn auf, mir für die drei zurückbleibenden Leute am nächsten
Tage drei neue Träger bis Misahöhe zu stellen. Gegen ein kleines
Geschenk war der Mann bereit, dieses zu thun, und somit war die
Trägerfrage fürs Erste erledigt.
Auf der Besitzung des Herrn +Douglas+, deren Bearbeitung erst seit
kurzem in Angriff genommen war, hatte man bisher nur einige Saatbeete
angelegt, in denen die von Kamerun bezogene Kakaosaat eben aufzugehen
begann, und ein größeres Stück Landes, welches für Baumwoll- und
Tabakkultur in Aussicht genommen war, urbar gemacht. Es war also sonst
wenig für mich zu sehen. Die Kautschukpflanzen und Bambusasämlinge,
welche ich vom Versuchsgarten bei Lome mitgebracht hatte, waren in
vorzüglichem Zustande angekommen. Herr +Thienemann+, welcher mich
von hier an auf meiner Reise nach Boëm begleiten sollte, traf nun mit
mir die Vorbereitungen zur Abreise, die ich am nächsten Tage vornehmen
wollte. Herr +Rohmer+ sollte während der Zeit unserer Abwesenheit
allein auf der Plantage verbleiben.
Trotz meiner wiederholten Betonung dem Häuptling von Tafie gegenüber
kamen die versprochenen Leute natürlich nicht um 6 Uhr, sondern
erschienen erst nach 8 Uhr am nächsten Tage, so daß sich unsere
Abreise etwas verzögerte. Zurückgehend über Tafie, marschierten wir
nun durch Abegame nach Abesia durch ein Gebiet, das an Ölpalmen sehr
reich war. Die Steppenvegetation war hier wohl infolge ehemaliger und
noch vorhandener Kulturen für größere Strecken verschwunden, um einer
dichten Buschvegetation Platz zu machen. Von Abesia gelangten wir
zunächst nach Tove, wo wir wieder in die Steppe eintraten. Nach kurzem
Aufenthalt in Tove ging es nach Agome-Palime, dem Haupthandelscentrum
für die Agome-Region, einem Dorfe von ziemlicher Ausdehnung. Bei den
hier anwesenden Vertretern deutscher Kaufmannshäuser, den Herren +v.
Bruch+ und +Meyer+, machten wir nun eine längere Ruhepause,
während der unsere Leute sich mit Proviant versehen sollten, den sie
hier, da gerade Markt abgehalten wurde, reichlich kaufen konnten.
Es ist hier in Togo wie auch in den benachbarten Ländern allgemein
Sitte, daß die Träger der Europäer sich selbst zu beköstigen haben.
Die Leute bekommen zu diesem Zwecke täglich 25 Pfennige (oder 3 d) als
Subsistenzgelder. Ganz besonders dem reisenden Europäer wird dadurch
die z. B. in Kamerun oft recht lästige Verpflegungsfrage der Leute
bedeutend erleichtert und ihm viel Ärger erspart. Hier in Togo ist eine
derartige Regelung der Verpflegungsfrage schon dadurch vereinfacht, daß
das ganze Land ziemlich dicht bevölkert ist, was in Kamerun durchaus
nicht der Fall ist, wo außerdem noch infolge der dichten Urwälder die
verschiedenen Völkerstämme unter sich sehr wenig miteinander verkehren,
sondern sich sogar recht häufig feindlich gegenüber stehen. Am
Nachmittage brachen wir wieder von Palime auf. Da meine Leute eine gute
halbe Stunde vor uns abmarschiert waren, ritt ich im Galopp hinterher,
ohne sie noch vor der Station Misahöhe erreichen zu können. Der Weg
von Palime nach dem Agome-Gebirge, auf dessen halber Höhe die Station
liegt, war in wundervollem Zustande. Schon von weitem konnte man die
Station mit ihren aus Steinen erbauten massiven Gebäuden erkennen,
alles zeugte hier von großer Ordnung. Als ich zur Station einritt, kam
mir Herr Dr. +Gruner+, der bereits von meiner Ankunft durch die
vorhermarschierten Träger unterrichtet war, entgegen und empfing mich
in der ihm eigenen liebenswürdigsten Weise. Herr +Thienemann+
erschien auch kurz darauf in seiner Hängematte.
Da ich mich nun hier in Misahöhe mit neuen Trägern zu versehen hatte,
machte ich von der gütigen Einladung des Herrn Dr. +Gruner+,
einige Tage bei ihm zu verweilen, sehr gern Gebrauch, wußte ich doch
auch, daß ich von ihm, dem besten Kenner unseres Schutzgebietes Togo,
sehr viele interessante Aufklärungen erhalten würde, die für die Reise
nach Boëm für mich von großem Werte sein mußten.
Da Dr. +Gruner+ schon längst die Absicht gehabt hatte, in
Quamikrum eine Station zu bauen, hatte er bereits zu dem Zwecke eine
Anzahl Soldaten ausgesucht, die mich zugleich auf der Reise nach Boëm
begleiten sollten. Mit Hülfe des Herrn Dr. +Gruner+ erhielten wir
hier bald neue Träger. Die Leute, welche ich von Lome und Tafie hatte,
lohnte ich nun ab und ließ sie nach ihren Dörfern zurückkehren. Herr
+Thienemann+ behielt von seinen Trägern nur sechs Leute zurück,
welche er als erprobte Hängemattenträger kannte.
Trotz seiner noch nicht überwundenen Krankheit ließ es sich Dr.
+Gruner+, der erst seit einem Tage sich wieder von einem
schweren Schwarzwasserfieber einigermaßen erholt hatte, doch nicht
nehmen, alle Schwierigkeiten, welche die Expedition haben könnte, zu
beseitigen, so daß ich ihm wirklich nie genug Dank wissen kann für
die Unterstützung, die ich bei ihm gefunden. Diese Tage, welche ich
noch im Laufe der nächsten Wochen in seiner Gesellschaft zu verbringen
den Vorzug hatte, werden stets zu den angenehmsten und lehrreichsten
meines Lebens zählen. Ich bedauerte nur, daß Dr. +Gruner+ infolge
seiner Krankheit verhindert war, mit mir zusammen, wie er ursprünglich
beabsichtigt hatte, die Reise nach Boëm zu machen.
In den Versuchsgärten, welche Dr. +Gruner+ bei der Station
hatte anlegen lassen, wurden auch einige Kautschukpflanzen gezogen.
Manihot Glaziovii, Hevea brasiliensis und einige Ficusarten waren
vorhanden und schienen gut zu gedeihen. Die Exemplare waren noch zu
jung, um an sich experimentieren zu lassen. Unterhalb der Station am
Fuße des Gebirges hatte Dr. +Plehn+, welcher auch früher einmal
Leiter dieser Station war, eine Kola-Anpflanzung begonnen, die aber
wahrscheinlich infolge der zu feuchten Bodenverhältnisse nur sehr
langsam heranzuwachsen schien.
Zusammen mit Herrn +Thienemann+ unternahm ich am Morgen des 13.
März eine Besteigung des François-Passes, wo Geheimrat +Wohltmann+
Kickxia-Exemplare gesehen zu haben glaubte. Es gelang mir nun auch
thatsächlich, hier in den Bergwäldern Kickxia ausfindig zu machen,
aber welche Enttäuschung -- es war die falsche. Dessenungeachtet gab
ich die Hoffnung damals natürlich noch nicht auf, noch erfolgreich
zu sein, hatte ich doch im Bakossi-Gebiete die falsche und die echte
Kickxia nebeneinander gesehen. Die auf dem Erdboden umherliegenden
Fruchthülsen ließen mich keinen Augenblick mehr im Zweifel, daß wir
es hier mit Kickxia africana zu thun haben. Da ich diese Früchte nie
vorher gesehen und nun wirklich zu urteilen im stande war, freute
ich mich, daß auch meine letzten Bedenken geschwunden waren, daß die
Arten wirklich voneinander verschieden seien. Einige junge, dünne
Landolphien fand ich damals auch in den Wäldern; dieselben waren aber
noch zu schwach, um an ihrem Milchsafte feststellen zu können, ob sie
Kautschuk liefernden Arten angehörten oder nicht. Als wir die Höhe des
Passes erreicht hatten, wendeten wir uns dem Gipfel des Hausberges zu,
nach welchem auch ein guter Weg hinaufgelegt ist. Oben hatte man ein
Häuschen errichtet, in dem Europäer, die als Rekonvaleszenten hier
hinaufkommen wollten, es sich gemütlich einrichten können. Von dieser
Bergspitze aus genossen wir eine prachtvolle Aussicht über das Land
südlich des Agome-Gebirges sowohl als auch über die nördlich davon
gelegenen Gebiete.
Von dieser Exkursion zurückgekehrt, trafen wir am Nachmittage noch
einige Vorbereitungen für unseren am nächsten Morgen bevorstehenden
Aufbruch. Die meisten Lasten waren schon vorher fertig gepackt worden,
so daß auch das bald erledigt war, zumal sowohl meine Leute als auch
diejenigen, welche Herr +Thienemann+ mitgenommen, erprobte und
alte Europäer-Begleiter waren, denen wir viele Sachen zur Besorgung
anvertrauen konnten. Den Abend verlebten wir noch in Dr. +Gruners+
angenehmer Gesellschaft.
Am Morgen des 13. März war alles zum Aufbruch fertig. Herr
+Franke+, der Stationsassistent des Herrn Dr. +Gruner+,
hatte die Liebenswürdigkeit, mir viele kleine mit dem Aufbruche
solcher Expeditionen zusammenhängende Arbeiten abzunehmen, so daß wir
schon früh die Träger, deren wir 25 hatten, unter Begleitung eines
von Herrn +Thienemann+ mitgenommenen zuverlässigen Aufsehers,
vorausschicken konnten. Mit unseren Jungen und den Soldaten, welche von
einem äußerst intelligenten Togo-Mann, dem Stations-Hülfsassistenten
+Amusso Bruce+, geführt wurden, folgten wir der Träger-Karawane
etwa eine Stunde später nach. Auf dem François-Passe ging es über das
Agome-Gebirge hinunter nach dem kleinen Dörfchen Agome-Tongbe, dicht
vor dem wir auf einer breiten Holzbrücke den Tii-Bach überschritten.
Ohne uns in Tongbe aufzuhalten, setzten wir den Marsch fort. Zunächst
gelangten wir in ein mehr oder minder kultiviertes Gebiet, in dem
Maniok, Baumwolle und Cajanus indicus gepflanzt waren. Allmählich wurde
jedoch das Terrain bergiger und der Weg schmaler, wir stiegen in die
Kame-Schlucht hinab. Vorher hatten wir noch Gelegenheit zu sehen, daß
auch hier in Togo die Heuschreckenplage nicht unbedeutende Dimensionen
anzunehmen vermag; gegenüber dem Dorfe Agome-Tongbe hatten wir einen
riesigen Heuschreckenschwarm zu durchziehen, der die Felder des Dorfes
arg bedrängte. Durch Rauch und Lärm suchten die Eingeborenen die Tiere
zu verscheuchen. In der romantischen Kame-Schlucht durchzogen wir
noch einmal den Bach und stiegen dann wieder empor, dem Dorfe Kame
zu. In den dichten Wäldern, welche das Thal bedeckten, war Kickxia
africana in Unmengen vorhanden, von der Kautschuk liefernden Kickxia
elastica aber auch hier nichts zu sehen. Auch in Kame wurde nicht erst
angehalten, war doch das nun gar nicht mehr weite Dörfchen Liati die
Heimat meiner Träger und Trägerinnen, wo dieselben doch sicher noch
einmal von ihren Verwandten und Bekannten Abschied nehmen wollten.
Hinter Kame hörte der Wald wieder auf. Das hügelige Terrain war mit
Gras und Sträuchern bewachsen, und an geeigneten Stellen waren größere
Flächen von den Eingeborenen urbar gemacht und mit Baumwolle, Maniok
und Cajanus bepflanzt. Bohnen und Bataten sah man nur sehr selten. In
Liati ließ ich die Leute zusammentreten und sonderte die schwächsten
derselben aus, denn es waren mehr Träger erschienen, als wir nötig
hatten. Dann bezahlte ich den Leuten ihre tägliche Subsistenz von
25 Pf., damit sie sich noch möglichst viele Lebensmittel mitnehmen
könnten, und machte die Gesellschaft darauf aufmerksam, daß sie
sämmtlich sich an unserem Lagerplatze einzufinden hätten, sobald meine
Signalpfeife dreimal langgezogen ertöne. (Ich hatte für den Koch und
den Leibjungen ähnliche, aber kurze Signale.) Wir verblieben hier
in Liati ungefähr eine Stunde. Schon vorher hatten die meisten der
Trägerinnen sich eingefunden, als das Signal aber ertönte, wurde es
merkwürdig lebendig in dem Dorfe. Von allen Seiten strömten Träger und
Trägerinnen herbei, begleitet von ihren Angehörigen, die ihnen noch
allerlei Lebensmittel heranschleppten. Es war äußerst interessant,
diese einfachen, zufriedenen Leutchen in ihrer familiären Harmlosigkeit
zu beobachten. Da zwei der Leute fehlten, mußte ich den Häuptling
auffordern, sofort zwei andere zu stellen. Als auch das erledigt war,
setzte sich unser Zug in Bewegung. Auf der ganzen Reise behielt ich nun
dieselbe Marschordnung bei. Erst hatten die Träger und Trägerinnen vor
uns zu marschieren, nicht selten geführt von Herrn +Thienemann+,
dahinter kam ich selbst mit ein oder zwei Jungen, welche etwaige
notwendige Gegenstände zu tragen hatten. +Amusso Bruce+
marschierte gewöhnlich neben meinem Pferde her, denn ich unterhielt
mich gern mit ihm, da er mir viel von den Expeditionen +Kundt+
und +Tappenbeck+, bei welchem Ersteren er Diener gewesen war, zu
erzählen wußte, auch selbst vorzüglich die verschiedensten Verhältnisse
Togos kannte und ein recht gesundes Urteil über dieselben zu fällen
wußte. Er sprach deutsch vollständig fließend. Hinter meinem Pferde kam
die Hängematte +Amussos+ und hinter dieser die zwölf Soldaten,
geführt von ihrem Unteroffizier. Dicht hintereinander hatten wir die
Dörfer Sagba, Pekehi und Dafong zu passieren. Dieselben bestanden
zumeist aus wenigen Hütten und lagen inmitten der Buschsteppe. Hinter
Dafong wurde das Land stellenweise offener, doch im ganzen begleitete
uns der Busch bis nach Fodome, wo ich Nachtquartier zu machen
beschlossen hatte. Unter der Hitze hatten wir alle an jenem Nachmittage
furchtbar zu leiden. Ein typischer Harmattan hatte sich über die Steppe
ausgebreitet und infolgedessen eine Hitze hervorgerufen, die fast
unerträglich wurde. Mit Freuden begrüßte die Karawane daher gegen 4
Uhr unser Eintreffen in Fodome. Unter einem schattigen Ficusbaum ließ
ich sofort hier mein Zelt aufstellen und erlaubte den Leuten, sich
Nachtquartiere zu suchen. Da das Zelt zu klein war, hatten wir beide
Europäer es so arrangiert, daß ich nach dem Abendessen, das vor meinem
Zelte eingenommen wurde, in demselben zur Ruhe ging, während Herr
+Thienemann+ eines der Häuser im Dorfe für die Nacht mietete.
Auf dem Marsche von Dafong nach Fodome hatte ich am Nachmittage eine
überschenkeldicke Kautschuk liefernde Liane gesehen, von der +Amusso+
mir erzählte, daß von ihr der sogenannte Kpando-Silkrubber gewonnen
werde. Ich werde später noch Gelegenheit haben, auf diese Pflanzen
zurückzukommen, und erwähne daher ihr Vorkommen hier nur des Standortes
wegen, weil dieser der südwestlichste mir bekannt gewordene ist.
Wir waren kaum in Fodome eingezogen, als auch schon verschiedene Leute
kamen, um mich zu bitten, für sie Palaver zu schlichten. Da das nicht
meine Sache war und ich mich nicht in Angelegenheiten hineinmischen
wollte, welche mich nichts angingen, so ließ ich den Leuten sagen, daß
sie damit warten müßten, bis Dr. +Gruner+ käme, oder sie müßten
sich nach Misahöhe begeben, wo der „Doktor“ ihnen Recht sprechen würde.
Tief betrübt zog die Gesellschaft von dannen. Ein Weib, das durchaus
von ihrem Mann getrennt werden wollte, machte noch einen verzweifelten
Versuch, bei Herrn +Thienemann+ Recht zu bekommen, doch wies
auch dieser sie natürlich ab. Gegen Abend wurde hier ein Verstorbener
beerdigt. Mit ihren langen Steinschloßgewehren versehen, zog die Schar
der trauernden Männer und klagenden Weiber mit dem Leichnam in den
Busch, wo er beigesetzt werden sollte. Unter unaufhörlichem Abknallen
ihrer Gewehre und dem grauenhaften Klagen der Weiber wurde die Leiche
beerdigt. Während die trauernde Schar nun sich ruhig in ihre Häuser
verfügte, zog die Witwe des Verstorbenen unter ekelhaftem Gewimmer von
Haus zu Haus, um sich eine Beileidsgabe zu erbetteln. Alles, was sie
erhielt, wanderte in einen Sack hinein, den sie bei sich trug.