An die Nacht, welche ich in Malende-Strand nach jenem Tage

durchzumachen hatte, werde ich noch lange denken. Ein Kind der das

Haus bewohnenden Eingeborenen war krank, und man glaubte allgemein,

daß es in der Nacht sterben würde; die Mutter desselben war halb

wahnsinnig vor Verzweiflung geworden. Nachdem ich dem Jungen, welcher

einfach an einer sehr starken Verstopfung zu leiden schien und daher

immer über starke Schmerzen im Magen klagte, etwas Calomel gegeben

und den Leuten versichert hatte, daß die Sache ganz ungefährlich sei,

beruhigten sie sich einigermaßen. Froh über diesen Erfolg, legte ich

mich nieder, wurde aber derartig von Moskitos gepeinigt, daß ich trotz

einer ziemlichen Ermüdung nicht an Schlaf denken konnte. Um mich nun

erst vollends wachzuhalten, fing der Kranke wieder an zu stöhnen, und

sofort begann die ganze Gesellschaft mit einem wüsten Geheul, daß der

Junge jetzt sicher sterbe. Da die Mutter glaubte, daß die Medizin

des Weißen nicht helfe, nahm sie natürlich zu ihren eigenen Mitteln

Zuflucht. Wie eine Wahnsinnige schlug sie bei dem Lager des Kranken in

die Luft hinein und bewegte sich so schlagend zum Ausgange hin, als ob

sie etwas vor sich hertreibe, dabei stieß das Weib die merkwürdigsten

unartikulierten Laute aus, welche wohl Beschwörungen sein sollten; vor

der Thür erreichte diese Scene ihren Höhepunkt. Nach etwa fünf Minuten

langem Kreischen und Schimpfen, als ob sie jemand fortjagen wolle,

was in diesem Falle wohl ein böser Geist war, kehrte sie rückwärts

gehend und immer noch wie wahnsinnig vor sich herschlagend, ins Haus

zurück, wo sie erschöpft am Lager des Kranken zusammenbrach. Nach

einiger Zeit kamen noch mehrere Eingeborene, welche wohl Verwandte

des kranken Kindes sein mußten. Die Weiber klagten die ganze Nacht

hindurch. Daß man mir damals nicht vorwarf, daß meine Medizinen den

Zustand des Patienten verschlimmert haben, wunderte mich zur Zeit

sehr. Da doch nicht an Schlaf zu denken war, ließ ich schon um 4 Uhr

das Canoe zur Abfahrt bereit machen und die Lasten, welche wir im

Hause gebraucht hatten, hineinschaffen. Als ich meinen Thee trank,

kam mir der Gedanke, daß ich dem kranken Kinde davon eingeben könne,

doch die Leute hatten kein Vertrauen mehr zu den Medizinen des Weißen

und nahmen den Thee nicht an, bis zu aller Erstaunen plötzlich der

vermeintlich Halbtote aufstand und mich noch um etwas Medizin bat, die

ich ihm dann auch in Form von einer neuen Dosis Calomel eingab. Unter

großen Dankesbezeugungen der Mutter, welche nun vor Freude über die

Wiedergenesung ihres Sohnes fast noch toller wurde als vor Verzweiflung

über seine Krankheit, ließ ich um 5 Uhr abfahren, um so möglichst

schnell zu entkommen.

Wir machten ziemlich schnelle Fortschritte, solange es kühl war,

doch sobald die Sonne etwas höher stieg, erschlafften die Leute sehr

merklich, so daß ich sie beständig anzufeuern hatte. Erst als ich

gegen Mittag einige Enten und Reiher geschossen, und drohte, daß ich

das für mich überflüssige Fleisch an die Eingeborenen des nächsten

Dorfes verschenken würde, wenn sie sich nicht mehr beeilten, ruderten

sie wieder kräftiger, bis ich bei einem Dorfe, welches die Leute

Mangono nannten, zum Kochen Halt machen lassen wollte. Trotz langer,

vergeblicher Bemühungen war hier außer einem einzigen Plantenbüschel

bei den Einwohnern nichts Eßbares für meine Leute aufzutreiben, so daß

ich es vorzog, noch bis 1 Uhr weiterfahren zu lassen. In dem Dorfe,

welches wir darauf erreichten, hatten wir mehr Glück und konnten

uns nun Zeit nehmen, etwas zu genießen. Als wir dann am Nachmittage

weiterfuhren, machte sich bald die Nähe des Meeres durch eine

angenehme, starke Brise bemerkbar, welche für uns sehr wohlthuend

war. Wir passierten eine ganze Reihe von Dörfern, in denen das

Dualla-Element sofort als das herrschende zu erkennen war. Längs der

Ufer hatten die Eingeborenen schmale Streifen des niedriger gelegenen

Landes mit Koko (Xanthosoma), Manihot und Mais bepflanzt; man erkannte

sehr schnell, daß man es hier nicht mehr mit einem der Buschvölker zu

thun hatte. An seichteren Stellen waren Reusen zum Fangen von Fischen

aufgestellt, und häufig sah man Kinder und Weiber in kleinen Canoes

dabei beschäftigt, Fische zu fangen. Gegen Abend sahen wir die ersten

Mangroven und erreichten gleich danach die Mungo-Dörfer, in deren

größtem ich für die Nacht zu kampieren gedachte. Die Eingeborenen

(Duallas), welche uns sogleich am Strande umringten, zeichneten sich

durch Unverschämtheit und Frechheit aus. Als ich den sogenannten König

zu sprechen verlangte, hieß es, daß derselbe abwesend sei, aber bald

zurückerwartet werde. Ich versuchte nun, einen Führer zu engagieren,

welcher uns durch die unzähligen Mangroven-Creeks bis N’Bamba bringen

sollte, doch stellten die Leute derartig hohe Bedingungen, daß ich

alle weiteren Verhandlungen abbrach und energisch forderte, daß man

den „König“ sofort rufe. Als die unverschämte Gesellschaft nun einsah,

daß sie sich ihre Chancen verscherzt hatte, berieten sie sich eine

Zeit lang und schickten dann ein Canoe ab, welches, wie sie sagten,

den König von meiner Anwesenheit in Kenntnis setzen sollte. Am Abend

kam derselbe endlich an, als ich bei meinem Abendessen saß. Um ihm

zu zeigen, daß er mit mir nicht so umspringen könne, wie seine Leute

zu glauben schienen, ließ ich ihn erst eine geraume Zeit warten, bis

ich mit Essen fertig war, dann beschwerte ich mich über das freche

Benehmen seiner Leute und riet ihm, ihnen zu sagen, daß sie sich besser

vorsehen müßten, sonst könnten sie eventuell den Kürzeren ziehen. Als

Führer verlangte ich dann von ihm einen jungen Mann für eine von mir

festgesetzte Bezahlung. Nach einem furchtbar langweiligen Palaver,

das bis in die Nacht hinein währte, einigten wir uns schließlich

darauf, daß er seinen Sohn, welcher die Creeks gut kannte, als Führer

mitgeben solle, wofür ich 4 Mk. zu zahlen hatte. Ein Geschenk, das mir

der Kerl noch am Abend sandte, schickte ich wieder zurück, indem ich

ihm sagen ließ, daß ich mit dem unverschämten Benehmen seiner Leute

nicht zufrieden gewesen, und da er als „König“ dafür verantwortlich

sei, wolle ich auch mit ihm keine Geschenke tauschen. Meine Leute

hatten das Canoe an einer steilen Bank an beiden Seiten festgelegt,

damit durch den Wechsel von Ebbe und Flut nicht Unheil entstände. Ich

hatte mich in das Canoe auf die Lasten während der Nacht zum Schlafen

niedergestreckt, erwachte aber plötzlich durch einen eigentümlichen

Ruck und sah nun zu meinem Schrecken, daß die Leute das Fahrzeug zu

kurz angebunden hatten, so daß dasselbe, da die Ebbe eingetreten war,

in freier Luft umherhing und, für mich um so unangenehmer, vollständig

schief, denn die eine Seite war auf einer vorspringenden Baumwurzel

hängen geblieben. Ich durfte mich nun nicht eher rühren, als bis es mir

gelungen, einige meiner Leute heranzurufen, mit deren Hülfe ich das

Canoe ins Wasser herablassen konnte und so aus der unangenehmen Lage

befreit wurde.

Mit Sonnenaufgang ließ ich am nächsten Tage abfahren, froh, von

dieser Gesellschaft von Duallas Abschied nehmen zu können. Die

Vegetation, welche wir anfangs vor uns hatten, bestand aus einer

Übergangsvegetation, ehe wir in die Gebiete kamen, in denen wir nur

die typische Mangroven-Formation vor uns hatten. Wiederholt sahen wir

Krokodile, welche bei unserer Annäherung schleunigst sich unsichtbar

machten. Hätten wir den Führer nicht bei uns gehabt, so hätten wir uns

sicher in diesen Creeks verirrt, ein solches Labyrinth von Wasserläufen

hatten wir zu durchfahren. Wiederholt schien es, als sei ein Tornado

im Anzuge, der für uns sehr unangenehm werden konnte, da wir nirgends

anlegen konnten. Als wir über den großen Möven-See fuhren, brach auch

wirklich ein kleiner Sturm aus, der uns zwang, eine Zeit lang das Canoe

zwischen die Mangroven zu bringen, da wir sonst unfehlbar umgeworfen

worden wären. Bald erschien jedoch die Sonne wieder, so daß wir ohne

großen Zeitverlust unsere Reise fortsetzen konnten. Eine solche Fahrt

von einigen Stunden zwischen Mangrovengebüschen hindurch gehört zu

den langweiligsten Touren, welche man je unternehmen kann. Nichts als

stets dieselben Rhizophoraceen und Avicennien, selten außer Krokodilen

ein lebendes Tier, höchstens hier und dort einige behend entfliehende

Meerkatzen zu sehen, dazu die schwere, drückende Luft des Morastes und

meist eine furchtbare Hitze, das sind die Erinnerungen, welche ich von

allen derartigen Touren mit heimgenommen habe. Doch auch diese Fahrt

erreichte ihr Ende. Gegen Mittag kamen wir vor der Nikol-Insel in der

Nähe des Dorfes Dikulu in die offene See. Da meine Leute recht ungeübte

Ruderer waren, war die Fahrt nicht ungefährlich, denn auf dem Wasser

stand eine steife Brise, welche ziemlich hohe Wellen erzeugte; wir

konnten uns auch nicht der Küste zu sehr nähern, da längs derselben

große Mengen von Felsen zerstreut waren. Vor der Dikulu-Bucht ließ ich

einmal zwischen den Felsen hindurch an das Land heranfahren, um kurze

Zeit daselbst zu verweilen, denn wir hatten noch nichts genossen, und

ich wollte schnell etwas Essen für die Leute kochen lassen. Nach etwa

einstündigem Aufenthalte fuhren wir über die Dikulu-Bucht hinüber

und bogen dann um die nächste Spitze in die schöne Bimbia-Bucht ein,

in der wir gegen 4 Uhr bei N’Bamba landeten. Herr +Rehbein+, der

Vertreter des Herrn +Friederici+, war zufällig in dem Hause, so

daß ich sogleich mit ihm die nötigen Arrangements betreffs Beförderung

meiner Lasten nach Victoria treffen konnte. Er war so freundlich, die

Sachen zu übernehmen und am nächsten Tage, einem Sonntage, die Lasten

durch einige Yaunde-Arbeiter unter Führung eines meiner Jungen, den

ich zu dem Zwecke in N’Bamba zurückließ, nachzuschicken. Die vier in

Mundame gemieteten Leute und der Führer aus den Mungo-Dörfern sollten

am nächsten Tage das Canoe nach Kamerun bringen, um es daselbst bei der

Faktorei von +Jantzen & Thormählen+ abzugeben. Ich selbst ging

mit einem Jungen und mit einem Träger noch am Nachmittag nach Victoria

weiter über Land. In Victoria traf ich dann am Abend ein, froh, daß

alles so glücklich abgelaufen war. Leider wurde ich daselbst gleich mit

einer Nachricht empfangen, welche mich tief erschütterte, +Plehn+

sei auf seiner Expedition nach den Gegenden des Yong durch einen

vergifteten Pfeil getötet worden. Fast wollte ich meinen Ohren nicht

trauen, als ich das hörte. Welch ein Schicksalsschlag war das wieder

für die Kolonie, wieder war einer der tüchtigsten Beamten verloren,

der nicht so leicht zu ersetzen sein wird, denn Dr. +Plehn+ hatte

unter den so schwierigen Verhältnissen die Sanga-Ngoko-Expedition in

einer Weise geführt, daß selbst seine Neider ihm ihre Bewunderung nicht

versagen konnten.

Für die nächste Zeit war ich nun leider an Victoria gebunden, da sich

keine Gelegenheit bot, nach dem Süden zu gelangen. Es war höchst

unangenehm für mich, immer mehr von meiner kostbaren Zeit durch

unnützes Warten in dieser Weise zu verlieren. Ich benutzte daher die

Zeit mit Einpacken eines großen Teiles meiner Lasten für Togo sowohl,

als auch aller nun überflüssigen für Europa. Am 8. Februar kam endlich

die „Nachtigal“ von Kamerun mit der Strafexpedition des Herrn Hauptmann

+v. Besser+, welche, von Victoria aus ins Innere marschierend,

erst die Bangwa, die Mörder des Herrn +Conrau+, bestrafen und

dann nach den Cross-Schnellen vorgehen sollte, wo die Eingeborenen den

Leutnant +v. Queiß+ niedergemacht hatten. Am 10. Februar benutzte

ich die Gelegenheit, mit der „Nachtigal“ nach Kamerun zu fahren, von wo

aus ich eher Gelegenheit, nach dem Süden zu kommen, erhoffen konnte.

Bei dem Vertreter der Firma +Jantzen & Thormählen+, welche mich in

jeder Weise während meines Aufenthaltes in Kamerun unterstützt hatte,

fand ich Aufnahme für die Zeit meiner gezwungenen Ruhe in Kamerun.

Herrn Gouverneur +Köhler+, welcher den inzwischen nach Europa

abgereisten Herrn Gouverneur +v. Puttkamer+ vertrat, stattete

ich kurzen Bericht über meine Bakossi-Reise ab und besprach mit ihm

die Möglichkeit meiner Togo-Reise, auf der er mich in jeder Weise zu

unterstützen versprach.

In Kamerun hatte ich während meines damaligen Aufenthaltes Gelegenheit,

die äußerst ungünstigen Handelsverhältnisse des Platzes kennen zu

lernen, welche durch die maßlose Konkurrenz der vielen dort ansässigen

Firmen hervorgerufen worden waren. Die Kaufleute hatten zwar unter sich

ein Syndikat gebildet, welches den Zweck hatte, die Preise möglichst zu

halten, doch konnte sich auch das nicht bewähren.

Der Kautschuk, den ich hier von den Duallas zum Verkauf angeboten sah,

bestand aus kleinen Stücken von der Größe eines Pfennigs, so daß man

glauben sollte, ein Betrug wäre in solchem Falle nicht möglich. Doch

auch hier hatte der schlaue Negerkopf ein Mittel ausfindig gemacht,

mit dessen Hülfe er den Europäer betrügen konnte. Der nasse Kautschuk

wurde einfach mit Sand vermischt und dann dem Weißen erst verkauft.

Wenngleich man auch sofort sehen konnte, daß der Neger dieses Mittel

angewendet hatte, um mehr Gewicht in seiner Ware zu erzielen, so wußte

man doch nicht zu schätzen, wie viel Sand in der Menge vorhanden war.

Den Kautschuk zurückzuweisen, wäre auch nicht angebracht gewesen, da

der Betrüger seine Ware sicher bei einem Konkurrenten abgesetzt hätte.

Dass unter solchen Verhältnissen ein Handel in dem Orte Kamerun sich

nicht heben kann, muß jedem denkenden Menschen einleuchten. So ist es

auch zu erklären, daß die Kaufleute am Kamerun-Flusse klagen, daß sie

nichts verdienen, während ihre Kollegen an der Südküste bedeutenden

Gewinn, besonders aus dem Kautschukhandel, erzielen sollen.

Nachdem ich eine volle Woche umsonst in Kamerun gewartet hatte, bot

sich mir endlich am 16. Februar eine Gelegenheit, die Reise nach der

Südküste zu machen. Wie bedauerte ich damals, daß ich mich nicht länger

im Bakossi-Gebiete oder in der Umgegend aufgehalten hatte, statt hier

in Kamerun so lange fast zwecklos umhersitzen zu müssen. Doch ich

war zur Küste gekommen, da ich unter dem Eindrucke war, daß mich die

„Nachtigal“ nach dem Süden bringen sollte.

Es sollte offenbar alles nicht recht gehen, denn erstens kam der

englische Dampfer, welcher für die Fahrt nach dem Süden bestimmt war,

nicht vor dem 17. Februar fort, zweitens aber sollte er, was sonst fast

nie vorkam, die sämtlichen kleinen Plätze vor Groß-Batanga besuchen,

um dort Fracht zu löschen; ich konnte also nicht erwarten, vor dem

20. Februar in Groß-Batanga einzutreffen, während ich unter den

gewöhnlichen Umständen dort bereits einige Stunden nach der Abfahrt von

Kamerun angelangt wäre. Was half es, ich hatte mich zu fügen. Ob ich

bis nach Campo kommen würde, wie ich ursprünglich beabsichtigte, war

eine Frage der Umstände, die sich erst später ergeben mußte; ich hatte

allerdings sehr geringe Hoffnung, das alles noch bis Ende des Monats

ausführen zu können.

Am 17. Februar lichtete die „Lagos“ die Anker und begann die Reise

flußabwärts nach der Mündung des Kamerun-Flusses. Um Kap Swellaba

herum dampften wir in die offene See hinaus, um uns dann bald wieder

der Küste zu nähern. Bei Klein-Batanga waren wir so nahe derselben,

daß wir ohne Fernglas mit Leichtigkeit die Häuser zählen konnten.

Nur langsam kamen wir fort, da es auf der See etwas neblig wurde,

bis wir gegen 4 Uhr vor Longji zu Anker gingen. Da wir in ziemlicher

Entfernung von der Küste lagen, war gar nicht daran zu denken, noch an

demselben Tage den Cargo für diesen Küstenplatz zu löschen. Wir blieben

daher über Nacht liegen, um am 18. Februar noch den Rest der Ladung

für Longji an Land zu schaffen. Erst gegen 11 Uhr konnten wir wieder

abdampfen. In Plantation, einer kleinen Handelsniederlassung, welche

wir von Longji aus bereits mit Leichtigkeit sehen konnten, wurde wieder

angehalten. Hier gab es wieder einen großen Cargo auszuladen, so daß

mir der Kapitän sogleich erklärte, daß er nicht vor Mittag des nächsten

Tages abfahren könne. Ich ging an Land. Da in den letzten Jahren

sich der Kautschukhandel der Südküste hauptsächlich nach Plantation

gezogen hatte, bot der Platz einiges Interessante für mich dar. Ich

erfuhr hier Näheres über die Distrikte, aus denen der größere Teil des

Kautschuks zu kommen schien, sowie über die Behandlung des gekauften

Produktes. Zu meiner Freude hörte ich, daß auch hier der größte Teil

des Produktes in kleinen Stücken exportiert werde, nachdem er vorher

noch gereinigt und getrocknet sei. Dem ist es wohl auch zum großen

Teile zuzuschreiben, daß der Kautschuk der Südküste im allgemeinen

einen besseren Preis auf dem europäischen Markte erzielt, als der vom

Kamerun-Flusse exportierte. Nach allem, was ich hier vernahm, scheint

ein nicht geringer Teil des von der Südküste stammenden Kautschuks

aus weiter Entfernung von der Küste zu kommen, besonders aus der

Gegend hinter Ekbolowa im Buli-Lande, welche gar nicht sehr weit von

dem oberen Dja entfernt sein kann. Über diesen Ort Ekbolowa dürfte

wohl auch in späterer Zeit, wenn wir erst das Hinterland von Kamerun

mehr geöffnet haben werden, sich ein nicht unbedeutender Handel mit

den Ngoko-Regionen entwickeln. Daß bereits einige Artikel auf diesem

Wege von Hand zu Hand bis in die Ngoko-Regionen vorgedrungen sind,

ist durch ein Gewehr erwiesen, welches Dr. +Plehn+ aus Kunabembe

erhielt, das nachweislich von einer Firma an der Südküste in den Handel

gebracht worden war.

[Illustration: Cocos-Palmen in Gr. Batanga.]

Wie unser Kapitän versprochen, fuhren wir gegen Mittag am 19. Februar

von Plantation ab. Bei Kribi dampften wir vorbei und warfen vor einer

sehr kleinen Niederlassung, Wasserfall mit Namen, Anker. Von Kribi

aus hatte man bereits den Dampfer bei Plantation gesehen und als

den englischen erkannt, daher waren einige Herren zu Fuß von Kribi

nach Wasserfall gelaufen, um dort ihre Post an Bord des Dampfers zu

empfangen. Wir erhielten infolgedessen am Nachmittage reichlichen

Besuch. Unter anderen erschien auch Herr +Mager+, der Vertreter

des Herrn +Küderling+, welchen ich vor allen Dingen zu sehen

wünschte, da es meine Absicht war, die Plantage der Firma +Küderling

& Co.+ in Campo zu besichtigen. Mit Herrn +Mager+ arrangierte

ich natürlich sofort das Nötige, um eventuell ohne Zeitverlust nach

Campo zu kommen. Da Herr +Mager+ noch am späten Abend an Land

ging, verabredeten wir, daß wir uns am nächsten Tage in Groß-Batanga

wiedersehen wollten, wo mich Herr +Mager+ von dem Dampfer abholen

sollte. Herr +Meßner+, der Vertreter der Firma +Lübke & Co.+,

war so freundlich, mir in Groß-Batanga in seinem Hause Unterkunft

anzubieten.

Als ich am Morgen des 20. Februar erwachte, lagen wir bereits vor

Groß-Batanga. Herrn +Mager+ mit seinem Boote konnte ich auch

kurz darauf erspähen. Schon um 7 Uhr fuhr ich mit dem Schiffsdoktor

und Herrn +Mager+ an Land, wo ich mich der Verabredung gemäß bei

Herrn +Meßner+ einquartierte. Groß-Batanga hatte ich schon früher

einmal, als ich auf der Reise nach dem Congo war, betreten, doch jetzt

entrollte sich vor meinen Augen ein ganz anderes Bild als damals,

als ich nur für eine Stunde in der +Woermann+schen Faktorei

mich aufgehalten hatte. Erst jetzt lernte ich die verschiedenen

Faktoreien kennen, von denen allerdings die, in der ich wohnte, die

stattlichste und bedeutendste schien. Am Nachmittage machte ich mit

Herrn +Mager+ und Herrn +Meßner+ einen Rundgang längs des

Strandes in den verschiedenen Faktoreien. Wir hatten beschlossen,

noch am Abend desselben Tages nach Campo aufzubrechen, mußten diesen

Plan aber aufgeben, da die zu diesem Zwecke engagierten Leute nicht

erschienen. Um denselben Übelstand am nächsten Tage zu verhüten,

ließen wir den alten Häuptling des Dorfes bei Groß-Batanga rufen und

trugen ihm nun ernstlich auf, bei Zeiten für die Leute zu sorgen,

welche uns nach Campo rudern sollten. Als dieselben dann auch wirklich

am Nachmittag erschienen, wurden sie bis zu unserer Abfahrt in der

Faktorei zurückgehalten.

Vor Jahren hatte Herr +Küderling+ in Groß-Batanga einige Manihot

Glaziovii-Stämme ausgesät, die unterdessen zu einer bedeutenden Größe

herangewachsen waren. Da mir daran lag, zu erfahren, wie sich dieser

Kautschukbaum in den südlichen Distrikten unseres Schutzgebietes

bewähren dürfte, zapfte ich die vorhandenen Exemplare an. Die Milch,

welche ich erhielt, floß ziemlich reichlich und enthielt bedeutend

mehr Kautschuk als in Victoria, ja sogar so viel, daß ich glaube,

eine Anlage im größeren Stile dürfte sich hier bezahlt machen. Ich

setze dabei natürlich voraus, daß eine solche Anlage in der von mir

bereits häufig vorgeschlagenen Art bewirtschaftet würde. Anzapfungen

mit dem Pickierapparat, wie ich sie hier versuchte, dürften sich an

heißen Tagen, wenn die herausquellende Milch schnell koaguliert, am

besten bewähren. Ich bin davon überzeugt, daß man durch wiederholtes

richtiges Anzapfen von den etwa sieben Jahre alten Stämmen im Jahre ein

Pfund Kautschuk gewinnen könnte. Wie mir Herr +Mager+ erzählte,

hatte Herr +Küderling+ selbst einmal derartige Anzapfungsversuche

gemacht, ohne dabei zu guten Resultaten zu gelangen, hatte aber später

sich darüber wundern müssen, daß Eingeborene, welchen er die Erlaubnis

gegeben, die Manihotstämme anzuzapfen, größere Quantitäten Kautschuks

gebracht hätten.

[Illustration: 11 Monate alte Kickxia auf der Campo-Plantage.]

Westafrikanische Kautschuk-Expedition · 第 18 / 32 段