durchzumachen hatte, werde ich noch lange denken. Ein Kind der das
Haus bewohnenden Eingeborenen war krank, und man glaubte allgemein,
daß es in der Nacht sterben würde; die Mutter desselben war halb
wahnsinnig vor Verzweiflung geworden. Nachdem ich dem Jungen, welcher
einfach an einer sehr starken Verstopfung zu leiden schien und daher
immer über starke Schmerzen im Magen klagte, etwas Calomel gegeben
und den Leuten versichert hatte, daß die Sache ganz ungefährlich sei,
beruhigten sie sich einigermaßen. Froh über diesen Erfolg, legte ich
mich nieder, wurde aber derartig von Moskitos gepeinigt, daß ich trotz
einer ziemlichen Ermüdung nicht an Schlaf denken konnte. Um mich nun
erst vollends wachzuhalten, fing der Kranke wieder an zu stöhnen, und
sofort begann die ganze Gesellschaft mit einem wüsten Geheul, daß der
Junge jetzt sicher sterbe. Da die Mutter glaubte, daß die Medizin
des Weißen nicht helfe, nahm sie natürlich zu ihren eigenen Mitteln
Zuflucht. Wie eine Wahnsinnige schlug sie bei dem Lager des Kranken in
die Luft hinein und bewegte sich so schlagend zum Ausgange hin, als ob
sie etwas vor sich hertreibe, dabei stieß das Weib die merkwürdigsten
unartikulierten Laute aus, welche wohl Beschwörungen sein sollten; vor
der Thür erreichte diese Scene ihren Höhepunkt. Nach etwa fünf Minuten
langem Kreischen und Schimpfen, als ob sie jemand fortjagen wolle,
was in diesem Falle wohl ein böser Geist war, kehrte sie rückwärts
gehend und immer noch wie wahnsinnig vor sich herschlagend, ins Haus
zurück, wo sie erschöpft am Lager des Kranken zusammenbrach. Nach
einiger Zeit kamen noch mehrere Eingeborene, welche wohl Verwandte
des kranken Kindes sein mußten. Die Weiber klagten die ganze Nacht
hindurch. Daß man mir damals nicht vorwarf, daß meine Medizinen den
Zustand des Patienten verschlimmert haben, wunderte mich zur Zeit
sehr. Da doch nicht an Schlaf zu denken war, ließ ich schon um 4 Uhr
das Canoe zur Abfahrt bereit machen und die Lasten, welche wir im
Hause gebraucht hatten, hineinschaffen. Als ich meinen Thee trank,
kam mir der Gedanke, daß ich dem kranken Kinde davon eingeben könne,
doch die Leute hatten kein Vertrauen mehr zu den Medizinen des Weißen
und nahmen den Thee nicht an, bis zu aller Erstaunen plötzlich der
vermeintlich Halbtote aufstand und mich noch um etwas Medizin bat, die
ich ihm dann auch in Form von einer neuen Dosis Calomel eingab. Unter
großen Dankesbezeugungen der Mutter, welche nun vor Freude über die
Wiedergenesung ihres Sohnes fast noch toller wurde als vor Verzweiflung
über seine Krankheit, ließ ich um 5 Uhr abfahren, um so möglichst
schnell zu entkommen.
Wir machten ziemlich schnelle Fortschritte, solange es kühl war,
doch sobald die Sonne etwas höher stieg, erschlafften die Leute sehr
merklich, so daß ich sie beständig anzufeuern hatte. Erst als ich
gegen Mittag einige Enten und Reiher geschossen, und drohte, daß ich
das für mich überflüssige Fleisch an die Eingeborenen des nächsten
Dorfes verschenken würde, wenn sie sich nicht mehr beeilten, ruderten
sie wieder kräftiger, bis ich bei einem Dorfe, welches die Leute
Mangono nannten, zum Kochen Halt machen lassen wollte. Trotz langer,
vergeblicher Bemühungen war hier außer einem einzigen Plantenbüschel
bei den Einwohnern nichts Eßbares für meine Leute aufzutreiben, so daß
ich es vorzog, noch bis 1 Uhr weiterfahren zu lassen. In dem Dorfe,
welches wir darauf erreichten, hatten wir mehr Glück und konnten
uns nun Zeit nehmen, etwas zu genießen. Als wir dann am Nachmittage
weiterfuhren, machte sich bald die Nähe des Meeres durch eine
angenehme, starke Brise bemerkbar, welche für uns sehr wohlthuend
war. Wir passierten eine ganze Reihe von Dörfern, in denen das
Dualla-Element sofort als das herrschende zu erkennen war. Längs der
Ufer hatten die Eingeborenen schmale Streifen des niedriger gelegenen
Landes mit Koko (Xanthosoma), Manihot und Mais bepflanzt; man erkannte
sehr schnell, daß man es hier nicht mehr mit einem der Buschvölker zu
thun hatte. An seichteren Stellen waren Reusen zum Fangen von Fischen
aufgestellt, und häufig sah man Kinder und Weiber in kleinen Canoes
dabei beschäftigt, Fische zu fangen. Gegen Abend sahen wir die ersten
Mangroven und erreichten gleich danach die Mungo-Dörfer, in deren
größtem ich für die Nacht zu kampieren gedachte. Die Eingeborenen
(Duallas), welche uns sogleich am Strande umringten, zeichneten sich
durch Unverschämtheit und Frechheit aus. Als ich den sogenannten König
zu sprechen verlangte, hieß es, daß derselbe abwesend sei, aber bald
zurückerwartet werde. Ich versuchte nun, einen Führer zu engagieren,
welcher uns durch die unzähligen Mangroven-Creeks bis N’Bamba bringen
sollte, doch stellten die Leute derartig hohe Bedingungen, daß ich
alle weiteren Verhandlungen abbrach und energisch forderte, daß man
den „König“ sofort rufe. Als die unverschämte Gesellschaft nun einsah,
daß sie sich ihre Chancen verscherzt hatte, berieten sie sich eine
Zeit lang und schickten dann ein Canoe ab, welches, wie sie sagten,
den König von meiner Anwesenheit in Kenntnis setzen sollte. Am Abend
kam derselbe endlich an, als ich bei meinem Abendessen saß. Um ihm
zu zeigen, daß er mit mir nicht so umspringen könne, wie seine Leute
zu glauben schienen, ließ ich ihn erst eine geraume Zeit warten, bis
ich mit Essen fertig war, dann beschwerte ich mich über das freche
Benehmen seiner Leute und riet ihm, ihnen zu sagen, daß sie sich besser
vorsehen müßten, sonst könnten sie eventuell den Kürzeren ziehen. Als
Führer verlangte ich dann von ihm einen jungen Mann für eine von mir
festgesetzte Bezahlung. Nach einem furchtbar langweiligen Palaver,
das bis in die Nacht hinein währte, einigten wir uns schließlich
darauf, daß er seinen Sohn, welcher die Creeks gut kannte, als Führer
mitgeben solle, wofür ich 4 Mk. zu zahlen hatte. Ein Geschenk, das mir
der Kerl noch am Abend sandte, schickte ich wieder zurück, indem ich
ihm sagen ließ, daß ich mit dem unverschämten Benehmen seiner Leute
nicht zufrieden gewesen, und da er als „König“ dafür verantwortlich
sei, wolle ich auch mit ihm keine Geschenke tauschen. Meine Leute
hatten das Canoe an einer steilen Bank an beiden Seiten festgelegt,
damit durch den Wechsel von Ebbe und Flut nicht Unheil entstände. Ich
hatte mich in das Canoe auf die Lasten während der Nacht zum Schlafen
niedergestreckt, erwachte aber plötzlich durch einen eigentümlichen
Ruck und sah nun zu meinem Schrecken, daß die Leute das Fahrzeug zu
kurz angebunden hatten, so daß dasselbe, da die Ebbe eingetreten war,
in freier Luft umherhing und, für mich um so unangenehmer, vollständig
schief, denn die eine Seite war auf einer vorspringenden Baumwurzel
hängen geblieben. Ich durfte mich nun nicht eher rühren, als bis es mir
gelungen, einige meiner Leute heranzurufen, mit deren Hülfe ich das
Canoe ins Wasser herablassen konnte und so aus der unangenehmen Lage
befreit wurde.
Mit Sonnenaufgang ließ ich am nächsten Tage abfahren, froh, von
dieser Gesellschaft von Duallas Abschied nehmen zu können. Die
Vegetation, welche wir anfangs vor uns hatten, bestand aus einer
Übergangsvegetation, ehe wir in die Gebiete kamen, in denen wir nur
die typische Mangroven-Formation vor uns hatten. Wiederholt sahen wir
Krokodile, welche bei unserer Annäherung schleunigst sich unsichtbar
machten. Hätten wir den Führer nicht bei uns gehabt, so hätten wir uns
sicher in diesen Creeks verirrt, ein solches Labyrinth von Wasserläufen
hatten wir zu durchfahren. Wiederholt schien es, als sei ein Tornado
im Anzuge, der für uns sehr unangenehm werden konnte, da wir nirgends
anlegen konnten. Als wir über den großen Möven-See fuhren, brach auch
wirklich ein kleiner Sturm aus, der uns zwang, eine Zeit lang das Canoe
zwischen die Mangroven zu bringen, da wir sonst unfehlbar umgeworfen
worden wären. Bald erschien jedoch die Sonne wieder, so daß wir ohne
großen Zeitverlust unsere Reise fortsetzen konnten. Eine solche Fahrt
von einigen Stunden zwischen Mangrovengebüschen hindurch gehört zu
den langweiligsten Touren, welche man je unternehmen kann. Nichts als
stets dieselben Rhizophoraceen und Avicennien, selten außer Krokodilen
ein lebendes Tier, höchstens hier und dort einige behend entfliehende
Meerkatzen zu sehen, dazu die schwere, drückende Luft des Morastes und
meist eine furchtbare Hitze, das sind die Erinnerungen, welche ich von
allen derartigen Touren mit heimgenommen habe. Doch auch diese Fahrt
erreichte ihr Ende. Gegen Mittag kamen wir vor der Nikol-Insel in der
Nähe des Dorfes Dikulu in die offene See. Da meine Leute recht ungeübte
Ruderer waren, war die Fahrt nicht ungefährlich, denn auf dem Wasser
stand eine steife Brise, welche ziemlich hohe Wellen erzeugte; wir
konnten uns auch nicht der Küste zu sehr nähern, da längs derselben
große Mengen von Felsen zerstreut waren. Vor der Dikulu-Bucht ließ ich
einmal zwischen den Felsen hindurch an das Land heranfahren, um kurze
Zeit daselbst zu verweilen, denn wir hatten noch nichts genossen, und
ich wollte schnell etwas Essen für die Leute kochen lassen. Nach etwa
einstündigem Aufenthalte fuhren wir über die Dikulu-Bucht hinüber
und bogen dann um die nächste Spitze in die schöne Bimbia-Bucht ein,
in der wir gegen 4 Uhr bei N’Bamba landeten. Herr +Rehbein+, der
Vertreter des Herrn +Friederici+, war zufällig in dem Hause, so
daß ich sogleich mit ihm die nötigen Arrangements betreffs Beförderung
meiner Lasten nach Victoria treffen konnte. Er war so freundlich, die
Sachen zu übernehmen und am nächsten Tage, einem Sonntage, die Lasten
durch einige Yaunde-Arbeiter unter Führung eines meiner Jungen, den
ich zu dem Zwecke in N’Bamba zurückließ, nachzuschicken. Die vier in
Mundame gemieteten Leute und der Führer aus den Mungo-Dörfern sollten
am nächsten Tage das Canoe nach Kamerun bringen, um es daselbst bei der
Faktorei von +Jantzen & Thormählen+ abzugeben. Ich selbst ging
mit einem Jungen und mit einem Träger noch am Nachmittag nach Victoria
weiter über Land. In Victoria traf ich dann am Abend ein, froh, daß
alles so glücklich abgelaufen war. Leider wurde ich daselbst gleich mit
einer Nachricht empfangen, welche mich tief erschütterte, +Plehn+
sei auf seiner Expedition nach den Gegenden des Yong durch einen
vergifteten Pfeil getötet worden. Fast wollte ich meinen Ohren nicht
trauen, als ich das hörte. Welch ein Schicksalsschlag war das wieder
für die Kolonie, wieder war einer der tüchtigsten Beamten verloren,
der nicht so leicht zu ersetzen sein wird, denn Dr. +Plehn+ hatte
unter den so schwierigen Verhältnissen die Sanga-Ngoko-Expedition in
einer Weise geführt, daß selbst seine Neider ihm ihre Bewunderung nicht
versagen konnten.
Für die nächste Zeit war ich nun leider an Victoria gebunden, da sich
keine Gelegenheit bot, nach dem Süden zu gelangen. Es war höchst
unangenehm für mich, immer mehr von meiner kostbaren Zeit durch
unnützes Warten in dieser Weise zu verlieren. Ich benutzte daher die
Zeit mit Einpacken eines großen Teiles meiner Lasten für Togo sowohl,
als auch aller nun überflüssigen für Europa. Am 8. Februar kam endlich
die „Nachtigal“ von Kamerun mit der Strafexpedition des Herrn Hauptmann
+v. Besser+, welche, von Victoria aus ins Innere marschierend,
erst die Bangwa, die Mörder des Herrn +Conrau+, bestrafen und
dann nach den Cross-Schnellen vorgehen sollte, wo die Eingeborenen den
Leutnant +v. Queiß+ niedergemacht hatten. Am 10. Februar benutzte
ich die Gelegenheit, mit der „Nachtigal“ nach Kamerun zu fahren, von wo
aus ich eher Gelegenheit, nach dem Süden zu kommen, erhoffen konnte.
Bei dem Vertreter der Firma +Jantzen & Thormählen+, welche mich in
jeder Weise während meines Aufenthaltes in Kamerun unterstützt hatte,
fand ich Aufnahme für die Zeit meiner gezwungenen Ruhe in Kamerun.
Herrn Gouverneur +Köhler+, welcher den inzwischen nach Europa
abgereisten Herrn Gouverneur +v. Puttkamer+ vertrat, stattete
ich kurzen Bericht über meine Bakossi-Reise ab und besprach mit ihm
die Möglichkeit meiner Togo-Reise, auf der er mich in jeder Weise zu
unterstützen versprach.
In Kamerun hatte ich während meines damaligen Aufenthaltes Gelegenheit,
die äußerst ungünstigen Handelsverhältnisse des Platzes kennen zu
lernen, welche durch die maßlose Konkurrenz der vielen dort ansässigen
Firmen hervorgerufen worden waren. Die Kaufleute hatten zwar unter sich
ein Syndikat gebildet, welches den Zweck hatte, die Preise möglichst zu
halten, doch konnte sich auch das nicht bewähren.
Der Kautschuk, den ich hier von den Duallas zum Verkauf angeboten sah,
bestand aus kleinen Stücken von der Größe eines Pfennigs, so daß man
glauben sollte, ein Betrug wäre in solchem Falle nicht möglich. Doch
auch hier hatte der schlaue Negerkopf ein Mittel ausfindig gemacht,
mit dessen Hülfe er den Europäer betrügen konnte. Der nasse Kautschuk
wurde einfach mit Sand vermischt und dann dem Weißen erst verkauft.
Wenngleich man auch sofort sehen konnte, daß der Neger dieses Mittel
angewendet hatte, um mehr Gewicht in seiner Ware zu erzielen, so wußte
man doch nicht zu schätzen, wie viel Sand in der Menge vorhanden war.
Den Kautschuk zurückzuweisen, wäre auch nicht angebracht gewesen, da
der Betrüger seine Ware sicher bei einem Konkurrenten abgesetzt hätte.
Dass unter solchen Verhältnissen ein Handel in dem Orte Kamerun sich
nicht heben kann, muß jedem denkenden Menschen einleuchten. So ist es
auch zu erklären, daß die Kaufleute am Kamerun-Flusse klagen, daß sie
nichts verdienen, während ihre Kollegen an der Südküste bedeutenden
Gewinn, besonders aus dem Kautschukhandel, erzielen sollen.
Nachdem ich eine volle Woche umsonst in Kamerun gewartet hatte, bot
sich mir endlich am 16. Februar eine Gelegenheit, die Reise nach der
Südküste zu machen. Wie bedauerte ich damals, daß ich mich nicht länger
im Bakossi-Gebiete oder in der Umgegend aufgehalten hatte, statt hier
in Kamerun so lange fast zwecklos umhersitzen zu müssen. Doch ich
war zur Küste gekommen, da ich unter dem Eindrucke war, daß mich die
„Nachtigal“ nach dem Süden bringen sollte.
Es sollte offenbar alles nicht recht gehen, denn erstens kam der
englische Dampfer, welcher für die Fahrt nach dem Süden bestimmt war,
nicht vor dem 17. Februar fort, zweitens aber sollte er, was sonst fast
nie vorkam, die sämtlichen kleinen Plätze vor Groß-Batanga besuchen,
um dort Fracht zu löschen; ich konnte also nicht erwarten, vor dem
20. Februar in Groß-Batanga einzutreffen, während ich unter den
gewöhnlichen Umständen dort bereits einige Stunden nach der Abfahrt von
Kamerun angelangt wäre. Was half es, ich hatte mich zu fügen. Ob ich
bis nach Campo kommen würde, wie ich ursprünglich beabsichtigte, war
eine Frage der Umstände, die sich erst später ergeben mußte; ich hatte
allerdings sehr geringe Hoffnung, das alles noch bis Ende des Monats
ausführen zu können.
Am 17. Februar lichtete die „Lagos“ die Anker und begann die Reise
flußabwärts nach der Mündung des Kamerun-Flusses. Um Kap Swellaba
herum dampften wir in die offene See hinaus, um uns dann bald wieder
der Küste zu nähern. Bei Klein-Batanga waren wir so nahe derselben,
daß wir ohne Fernglas mit Leichtigkeit die Häuser zählen konnten.
Nur langsam kamen wir fort, da es auf der See etwas neblig wurde,
bis wir gegen 4 Uhr vor Longji zu Anker gingen. Da wir in ziemlicher
Entfernung von der Küste lagen, war gar nicht daran zu denken, noch an
demselben Tage den Cargo für diesen Küstenplatz zu löschen. Wir blieben
daher über Nacht liegen, um am 18. Februar noch den Rest der Ladung
für Longji an Land zu schaffen. Erst gegen 11 Uhr konnten wir wieder
abdampfen. In Plantation, einer kleinen Handelsniederlassung, welche
wir von Longji aus bereits mit Leichtigkeit sehen konnten, wurde wieder
angehalten. Hier gab es wieder einen großen Cargo auszuladen, so daß
mir der Kapitän sogleich erklärte, daß er nicht vor Mittag des nächsten
Tages abfahren könne. Ich ging an Land. Da in den letzten Jahren
sich der Kautschukhandel der Südküste hauptsächlich nach Plantation
gezogen hatte, bot der Platz einiges Interessante für mich dar. Ich
erfuhr hier Näheres über die Distrikte, aus denen der größere Teil des
Kautschuks zu kommen schien, sowie über die Behandlung des gekauften
Produktes. Zu meiner Freude hörte ich, daß auch hier der größte Teil
des Produktes in kleinen Stücken exportiert werde, nachdem er vorher
noch gereinigt und getrocknet sei. Dem ist es wohl auch zum großen
Teile zuzuschreiben, daß der Kautschuk der Südküste im allgemeinen
einen besseren Preis auf dem europäischen Markte erzielt, als der vom
Kamerun-Flusse exportierte. Nach allem, was ich hier vernahm, scheint
ein nicht geringer Teil des von der Südküste stammenden Kautschuks
aus weiter Entfernung von der Küste zu kommen, besonders aus der
Gegend hinter Ekbolowa im Buli-Lande, welche gar nicht sehr weit von
dem oberen Dja entfernt sein kann. Über diesen Ort Ekbolowa dürfte
wohl auch in späterer Zeit, wenn wir erst das Hinterland von Kamerun
mehr geöffnet haben werden, sich ein nicht unbedeutender Handel mit
den Ngoko-Regionen entwickeln. Daß bereits einige Artikel auf diesem
Wege von Hand zu Hand bis in die Ngoko-Regionen vorgedrungen sind,
ist durch ein Gewehr erwiesen, welches Dr. +Plehn+ aus Kunabembe
erhielt, das nachweislich von einer Firma an der Südküste in den Handel
gebracht worden war.
[Illustration: Cocos-Palmen in Gr. Batanga.]
Wie unser Kapitän versprochen, fuhren wir gegen Mittag am 19. Februar
von Plantation ab. Bei Kribi dampften wir vorbei und warfen vor einer
sehr kleinen Niederlassung, Wasserfall mit Namen, Anker. Von Kribi
aus hatte man bereits den Dampfer bei Plantation gesehen und als
den englischen erkannt, daher waren einige Herren zu Fuß von Kribi
nach Wasserfall gelaufen, um dort ihre Post an Bord des Dampfers zu
empfangen. Wir erhielten infolgedessen am Nachmittage reichlichen
Besuch. Unter anderen erschien auch Herr +Mager+, der Vertreter
des Herrn +Küderling+, welchen ich vor allen Dingen zu sehen
wünschte, da es meine Absicht war, die Plantage der Firma +Küderling
& Co.+ in Campo zu besichtigen. Mit Herrn +Mager+ arrangierte
ich natürlich sofort das Nötige, um eventuell ohne Zeitverlust nach
Campo zu kommen. Da Herr +Mager+ noch am späten Abend an Land
ging, verabredeten wir, daß wir uns am nächsten Tage in Groß-Batanga
wiedersehen wollten, wo mich Herr +Mager+ von dem Dampfer abholen
sollte. Herr +Meßner+, der Vertreter der Firma +Lübke & Co.+,
war so freundlich, mir in Groß-Batanga in seinem Hause Unterkunft
anzubieten.
Als ich am Morgen des 20. Februar erwachte, lagen wir bereits vor
Groß-Batanga. Herrn +Mager+ mit seinem Boote konnte ich auch
kurz darauf erspähen. Schon um 7 Uhr fuhr ich mit dem Schiffsdoktor
und Herrn +Mager+ an Land, wo ich mich der Verabredung gemäß bei
Herrn +Meßner+ einquartierte. Groß-Batanga hatte ich schon früher
einmal, als ich auf der Reise nach dem Congo war, betreten, doch jetzt
entrollte sich vor meinen Augen ein ganz anderes Bild als damals,
als ich nur für eine Stunde in der +Woermann+schen Faktorei
mich aufgehalten hatte. Erst jetzt lernte ich die verschiedenen
Faktoreien kennen, von denen allerdings die, in der ich wohnte, die
stattlichste und bedeutendste schien. Am Nachmittage machte ich mit
Herrn +Mager+ und Herrn +Meßner+ einen Rundgang längs des
Strandes in den verschiedenen Faktoreien. Wir hatten beschlossen,
noch am Abend desselben Tages nach Campo aufzubrechen, mußten diesen
Plan aber aufgeben, da die zu diesem Zwecke engagierten Leute nicht
erschienen. Um denselben Übelstand am nächsten Tage zu verhüten,
ließen wir den alten Häuptling des Dorfes bei Groß-Batanga rufen und
trugen ihm nun ernstlich auf, bei Zeiten für die Leute zu sorgen,
welche uns nach Campo rudern sollten. Als dieselben dann auch wirklich
am Nachmittag erschienen, wurden sie bis zu unserer Abfahrt in der
Faktorei zurückgehalten.
Vor Jahren hatte Herr +Küderling+ in Groß-Batanga einige Manihot
Glaziovii-Stämme ausgesät, die unterdessen zu einer bedeutenden Größe
herangewachsen waren. Da mir daran lag, zu erfahren, wie sich dieser
Kautschukbaum in den südlichen Distrikten unseres Schutzgebietes
bewähren dürfte, zapfte ich die vorhandenen Exemplare an. Die Milch,
welche ich erhielt, floß ziemlich reichlich und enthielt bedeutend
mehr Kautschuk als in Victoria, ja sogar so viel, daß ich glaube,
eine Anlage im größeren Stile dürfte sich hier bezahlt machen. Ich
setze dabei natürlich voraus, daß eine solche Anlage in der von mir
bereits häufig vorgeschlagenen Art bewirtschaftet würde. Anzapfungen
mit dem Pickierapparat, wie ich sie hier versuchte, dürften sich an
heißen Tagen, wenn die herausquellende Milch schnell koaguliert, am
besten bewähren. Ich bin davon überzeugt, daß man durch wiederholtes
richtiges Anzapfen von den etwa sieben Jahre alten Stämmen im Jahre ein
Pfund Kautschuk gewinnen könnte. Wie mir Herr +Mager+ erzählte,
hatte Herr +Küderling+ selbst einmal derartige Anzapfungsversuche
gemacht, ohne dabei zu guten Resultaten zu gelangen, hatte aber später
sich darüber wundern müssen, daß Eingeborene, welchen er die Erlaubnis
gegeben, die Manihotstämme anzuzapfen, größere Quantitäten Kautschuks
gebracht hätten.
[Illustration: 11 Monate alte Kickxia auf der Campo-Plantage.]