Im besten Einvernehmen mit den Eingeborenen schieden wir am frühen

Morgen des folgenden Tages von Bakundu. Der Häuptling hatte mir

zwei seiner Leute als Führer mitgegeben, welche mich bis nach

Mokonye bringen sollten. Nachdem wir kurz hinter Bakundu noch kleine

Strecken kultivierten Landes durchquert hatten, traten wir bald in

einen Urwald ein, welcher sich durch Reichtum an Kautschuklianen

auszeichnete. Häufig sah man am Wege liegend die kleinen Häuflein von

Landolphiazweigen, welche in etwa 2 Fuß lange Stücke geschnitten waren,

um dann im Dorfe durch weiteres Zerschneiden und Auffangen der aus

ihnen erhaltenen Milch zur Kautschukfabrikation gebraucht zu werden.

Ich habe schon früher einmal dieses Frischbleiben der Milch dadurch zu

erklären versucht, daß sich nach dem Anschneiden bald die geöffneten

Milchkanäle durch die an der Luft bald koagulierende Milch verschließen

und so eine Koagulation der im Innern der Zweige enthaltenen Milch

verhüten. Auch Kickxia elastica war hin und wieder zu sehen, meist

allerdings in kleineren Exemplaren. Die ersten umgeschlagenen Bäume

sahen wir auch auf jenem Marsche. Dieselben waren in Abständen von

etwa einem Fuße mit eingeschnittenen Ringen versehen, unter denen

kleine Gefäße zum Auffangen der Milch aufgestellt worden waren. Das

Terrain war nicht selten von tiefen Thälern durchschnitten, in denen

während der Regenzeit Wasserläufe von nicht unbedeutender Stärke

vom Gebirge herunterkommen sollen. Nach etwa einstündiger Wanderung

gelangten wir nach dem Dorfe Bakumi, aus dem bei unserer Annäherung

die sämtlichen Einwohner entflohen waren. Wir zogen hier nur hindurch,

ohne uns überhaupt aufzuhalten. Der Urwald hinter Bakumi war dem

zwischen Bakundu und Bakumi in jeder Beziehung gleich. Auch dort sahen

wir wieder viele Landolphien und hin und wieder eine Kickxia. Die

Leute, besonders der „Headman“, denen ich die Kickxia gezeigt hatte,

bekamen bald einen scharfen Blick für dieselbe und machten mich immer

auf die Bäume aufmerksam, wenn wir in ihre Nähe gelangten. Gegen 11

Uhr marschierten wir in einem Dorfe ein, welches unser Führer Batanga

nannte. Ebenso wie in Bakumi waren die Hütten wieder denen der Baquiri

ähnlich. Auch hier fanden wir kein lebendes Wesen im Dorfe, obgleich

die noch rauchenden Feuer bewiesen, daß bis vor kurzem die Einwohner

in ihren Hütten waren. Ich ließ die Leute, welche wahrscheinlich sich

wieder im Walde in der Nähe versteckt hielten, durch Rufen auffordern,

zurückzukehren, da ich Lebensmittel für meine Träger von ihnen kaufen

wollte, anderenfalls sei ich gezwungen, meinen Leuten die Erlaubnis

zu geben, sich selbst Planten abzuschlagen. Da schließlich niemand

erschien, gab ich dem „Headman“ Erlaubnis, drei Büschel Planten

abzuschlagen und unter den Trägern zu verteilen. Auch einige reife

Kokosnüsse, deren es hier viele gab, ließ ich herunterholen, um die

erfrischende Milch derselben zu trinken. Die schönen Bananenbestände

bewiesen hier, daß die Umgebung sehr fruchtbar sei.

Trotz des Exempels, welches ich am vorhergehenden Abend hatte

statuieren lassen, konnte einer der Träger doch nicht der Versuchung

widerstehen, in einer Hütte eine Decke zu stehlen. Mein „Headman“, dem

ich gedroht hatte, ihn zu bestrafen statt des Übelthäters, falls er

mir derartige Vorkommnisse nicht sofort melde, zeigte mir prompt an,

daß der Mann auf frischer That ertappt sei. Da gerade aus derartigen

Kleinigkeiten, wie das Entwenden der Decke schließlich eine war,

in einem Lande wie hier, wo die Eingeborenen immerhin in Erwartung

der herannahenden Strafexpedition, deren wirkliche Ziele ihnen

unbekannt oder unverständlich waren, ziemlich aufgebracht schienen,

die unangenehmsten Feindseligkeiten entstehen können, ließ ich den

Mann mit seiner gestohlenen Decke zu mir bringen, ihm erst die Decke

abnehmen und schließlich eine tüchtige Tracht Prügel verabreichen. Als

wir gegen 2 Uhr nachmittags, nachdem sich die Träger ordentlich satt

gegessen hatten (denn die drei Büschel Planten waren für die Anzahl

der Leute so reichlich bemessen gewesen, daß sie einen großen Teil der

gekochten Nahrung in den Töpfen zurückließen), wieder zum Aufbruch

fertig waren, hatte sich kein einziger der Einwohner des Dorfes sehen

lassen. Fast befürchtete ich, daß die Leute etwas Schlimmes im Schilde

führten, so merkwürdig ruhig war alles umher. Doch ohne irgend welchen

Zwischenfall konnten wir unseren Marsch wieder fortsetzen. Kickxia

war nun schon häufiger zu sehen, obgleich ein nicht geübtes Auge die

häufig versteckten Bäume leicht übersehen mag. Der Wald zeigte eine

recht üppige Vegetation, wie ich sie, seitdem wir aus der Basaltregion

bei Nyoke herausgetreten waren, nicht wieder beobachtet hatte. Gegen

3½ Uhr erreichten wir das kleine Dorf Ediki, in welchem auch von

Einwohnern nichts zu sehen war. Kurz vor dem Dorfe hatten wir auf einem

Baumstamme den Ediki-Bach zu überschreiten. Ein langer Schwarm großer,

dunkelbrauner Ameisen benutzte zu derselben Zeit den Baumstamm als

Brücke. Meine Leute mit ihren nackten Füßen wurden von den gereizten

Tieren furchtbar gebissen, so daß einige vor Schmerz entsetzlich

heulten, besonders diejenigen, welche zuletzt den Stamm zu passieren

hatten, nachdem der Schwarm immer mehr in Aufregung gebracht worden

war. Selbst ich fühlte viele Bisse an den Beinen, obgleich meine Schuhe

noch durch dicke Ledergamaschen geschützt waren; allenthalben, wo es

nur eine Öffnung gab, schlüpften die Tiere hindurch, um ihre Wut an dem

bloßen Fleische auszulassen.

In Ediki wollten die Führer für die Nacht bleiben, da Mokonye nach

ihrer Angabe zu weit entfernt sei, um den Marsch dorthin noch an

demselbigen Tage machen zu können. Da ich diesen Angaben nicht traute,

zwang ich die Leute, weiter zu marschieren. Der Weg bis nach Mokonye

war nun allerdings der schlimmste Teil des Weges, den wir bisher

gewandert. Abgesehen davon, daß es einen Hügel nach dem anderen hinauf-

und hinunterging, hatten wir für eine geraume Zeit in einem Bache

zwischen Felsen hindurchzuwaten, und zwar häufig über so schlüpfriges

Terrain, daß sich verschiedene Träger mit ihren Lasten plötzlich ins

Wasser setzten. Nicht selten war auch der Weg in jener Schlucht durch

umgestürzte Baumstämme derartig verbarrikadiert, daß wir gezwungen

waren, uns mit unseren Haumessern einen Weg zu bahnen. Jetzt konnte ich

natürlich auch die Abneigung der beiden Führer gegen dieses Stück Weges

verstehen. Allem Anscheine nach wird dieser Weg von Ediki nach Mokonye

selten benutzt. Wie ich auch später in Erfahrung bringen konnte, geht

von Ediki ein Weg zum Mungo hinunter, von wo aus der Verkehr bis

Mundame nur in Canoes vor sich geht. Nach etwa dreistündiger Wanderung

erreichten wir wirklich, gehörig durch diese Klettereien ermüdet, mit

eintretender Dunkelheit Mokonye, wo die an den Anblick des Europäers

bereits sehr wohl gewöhnten Eingeborenen uns mit großem Geschrei

empfingen. Die Preise für einige Lebensmittel, welche ich hier in

Mokonye für mich und meine Leute erstand, zeigten uns, daß wir nun

nicht mehr weit von den europäischen Niederlassungen bei Mundame waren,

wo die Mokonye-Leute bei den dortigen Weißen einen guten Absatz für

ihre Erzeugnisse finden. Noch in der Dunkelheit mußten meine Träger

das Zelt aufstellen und die Lasten darin unterbringen, da ich den als

Spitzbuben bekannten Mokonye-Leuten nicht Gelegenheit geben wollte,

sich an meinen Sachen zu vergreifen.

Am frühen Morgen des 25. Januar waren wir bereits wieder auf

dem Marsche nach Mundame zu, wo ich die Absicht hatte, die

+Jantzen-Thormählen+sche Plantage aufzusuchen. Nach Angaben der

Eingeborenen sollte Mundame noch einen kleinen Marsch entfernt liegen.

Dicht hinter Mokonye gelangten wir auf einen schönen breiten Weg,

welcher Mundame mit Johann-Albrechts-Höhe, der Station am Elefantensee,

verbindet. In den Wäldern sah ich zu meiner Freude, daß die echte

und die falsche Kickxia, beide, vorhanden waren, und zwar, wie mir

schien, auf Basaltboden wachsend. Etwa eine knappe halbe Stunde

hinter Mokonye erreichten wir das sogenannte „Mokonye-Niggerdorf“,

welches nur aus wenigen Hütten bestand. Ohne Aufenthalt marschierten

wir weiter. Nach kurzer Zeit lichtete sich der Wald vor uns, und wir

betraten bald eine recht sauber gehaltene Kakaoplantage, in der ich,

da keine zweite derartige Anlage in der Gegend vorhanden ist, die

+Jantzen-Thormählen+sche Besitzung vermutete. Ich hatte mich

auch nicht getäuscht, denn bald darauf kamen die Arbeitshäuser und

dicht dahinter die Wohnung eines Europäers zum Vorschein, in der ich

dann auch Herrn +Schubert+, unter dessen Leitung die Plantage

damals stand, begrüßen konnte. Mit seiner Genehmigung ließ ich nun

sogleich mein Zelt aufschlagen und richtete mich zu einem eintägigen

Aufenthalte ein, da mir nicht daran lag, in Mundame selbst bis zu

meiner Weiterreise zu verbleiben, denn hier konnte ich in den Wäldern

entschieden mehr für die Ausführung meiner Aufgaben thun, als in

Mundame. Meine Träger, deren Kontrakt nun gewissermaßen abgelaufen war,

löhnte ich noch am Vormittage ab und schickte dieselben dann sogleich

nach Buëa zurück. Da es unter den damals bei Mundame herrschenden

Verhältnissen unmöglich war, Arbeiter irgend welcher Art anzuwerben,

kam es mir sehr gelegen, daß Herr +Schubert+ sich bereit erklärte,

mir für die Weiterreise ins Bakossi-Gebiet von seinen Bakundu-Arbeitern

die nötige Anzahl als Träger zur Verfügung zu stellen.

Zu meiner größten Freude sah ich hier, daß Herr +Schubert+

mit großem Geschicke die Plantage leitete, trotz der vielen

entgegengesetzten Gerüchte, welche damals in Kamerun kursierten. Auch

Kickxien gab es hier in ziemlicher Anzahl. Herr +Schubert+ hatte

sehr verständigerweise diese Bäume stehen lassen und auch Saatbeete

zu neuen Pflanzungen angelegt, in denen die kleinen Pflänzchen

prächtig standen. Die ursprünglich von Herrn +Conrau+ angelegten

Kakaopflanzungen waren zwar sehr unregelmäßig und gänzlich außer Reihen

gepflanzt, doch hatte Herr +Schubert+ da, wo die Bäumchen zu

eng standen, die Bestände gelichtet und gereinigt, so daß auch jener

Teil der Anpflanzungen nun einen günstigeren Eindruck machte. Die von

Herrn +Schubert+ angelegten Pflanzungen standen vorzüglich. Um

meiner Sache ganz sicher zu sein, d. h. wirklich feststellen lassen

zu können, daß Kickxia elastica hier in verwittertem Basalt wachse,

entnahm ich an den Stellen, wo die Kickxia standen, einige Bodenproben,

welche auch später von Herrn Geheimrat +Wohltmann+, dem ich

dieselben vorlegte, als „schwerer verwitterter Basalt“ bezeichnet

wurden. Das Vorkommen der Kickxia in diesen Gebieten ist deshalb von

Wichtigkeit, da es beweist, daß der Baum auch auf Basaltboden gedeiht

und guten Kautschuk giebt, denn einige kleine Proben, welche ich

anfertigte, standen an Güte den Proben, welche ich im Ngoko-Gebiete

hergestellt hatte, in keiner Weise nach. Die vorhandenen Stämme waren

alle noch klein und schienen kaum älter als sieben Jahre zu sein, was

dadurch erklärlich erscheint, daß auch jetzt noch in der Umgebung

die Eingeborenen alle älteren Stämme, welche sie ausfindig machen

können, zur Kautschukbereitung umschlagen. Kolabäume zeigte mir Herr

+Schubert+ auch in einigen Exemplaren. Die Eingeborenen sollen

nach seiner Angabe auch dort die Samen dieser Bäume viel essen.

Am Nachmittage ging ich zusammen mit Herrn +Schubert+

nach Mundame, um auch diesen Platz kennen zu lernen und in der

+Jantzen-Thormählen+schen Faktorei daselbst für die Weiterreise

Tabak zu kaufen, denn da ich nun durch die glückliche Lösung der

Trägerfrage in Stand gesetzt worden war, sofort die Expedition

weiterzuführen, wollte ich Gebrauch davon machen und sogleich am

Morgen des nächsten Tages wieder aufbrechen. Da ich gesehen hatte, wie

vorzüglich sich der Blatttabak als Tauschartikel bei den Eingeborenen

bewährte, kaufte ich in Mundame alles auf, was ich davon erstehen

konnte. Mundame ist eine kleine Handelsniederlassung der Europäer,

welche aus wenigen Faktoreien besteht, die in der Nähe des alten,

ziemlich elenden Dorfes Mundame angelegt sind. Da der Mungo bis hier

hinauf während des ganzen Jahres für Canoes und während der meisten

Monate auch für kleine Flußpinassen schiffbar ist, so daß die meisten

Lasten und Waren auf dem Flußwege bis Mundame geschafft werden können,

geht ein großer Teil der Produkte, welche aus dem Innern kommen,

von hier aus auf dem Flußwege nach Kamerun hinunter. Fast alle

kaufmännischen Unternehmungen gehen auch von hier aus ins Innere, so

daß in dem sonst unbedeutenden Plätzchen stets ein ziemlich reges Leben

herrscht. Auch zur Zeit meiner Anwesenheit in Mundame gab es nicht

weniger als fünf Europäer dort, für einen kleinen Platz in ziemlicher

Entfernung von der Küste in diesen Gegenden des Schutzgebietes eine

erhebliche Anzahl. Am Abend kehrten wir noch zur Plantage zurück,

wo ich durch meine Jungen schon einen Teil der Lasten für den

bevorstehenden Aufbruch herstellen ließ.

Obgleich die Balundu-Träger, welche mir Herr +Schubert+

freundlichst abgetreten hatte, schon zur frühen Zeit am nächsten Tage

erschienen waren, ging doch das Packen der noch übrigen Lasten und

das Abbrechen des Zeltes nur langsam von statten, da die Leute noch

völlig ungeschult waren. So kam es, daß wir erst um 7 Uhr aufbrechen

konnten. Auf dem mir bereits bekannten Wege marschierten wir bis

Mokonye zurück, um dann die weiter nördlich verlaufende Straße nach

Johann Albrechts-Höhe noch weiter zu verfolgen. In Mokonye nahm Herr

+Schubert+, welcher mich bis dorthin begleitet hatte, Abschied

von mir. Kurz nachdem wir das Hauptdorf Mokonye hinter uns hatten,

durchzogen wir noch ein zweites Niggerdorf gleichen Namens, in

welchem ich einen kurzen Halt machen ließ, da viele meiner Leute

hier von Verwandten und Bekannten Geschenke an Eßwaren für den Weg

mitbekamen. Den kurzen Aufenthalt benutzte ich dazu, die Einwohner

zusammentrommeln zu lassen und ihnen eine Belohnung zu versprechen,

falls sie während meiner Abwesenheit im Bakossi-Gebirge Kickxiafrüchte

für mich sammeln würden. Zur Antwort erhielt ich hier, daß in der

Nähe ihres Dorfes Kickxia nicht mehr vorhanden sei, da sie bereits

alles zur Kautschukgewinnung ausgeschlagen hätten. Hier war also von

den Leuten nichts zu erwarten. Bei den Eingeborenen heißt die Kickxia

elastica „Fischunge“. Bald passierten wir noch zwei dicht bei einander

liegende kleine Dörfchen und bogen dann hinter dem Fischemme-Bach

von der Hauptstraße ab. Das Dorf Fikolomei, welches wir bald darauf

erreichten, war beiderseits von kultiviertem Terrain umgeben, auf

dem die Leute Erdnüsse, Bohnen und Bananen (Planten) anbauten. Auch

Manihot utilissima war hin und wieder gebaut, schien aber nicht eine so

begehrte Nahrung zu sein als die Bohnen und Planten. Auf den Feldern

sahen wir hier häufig kleine Fetischhäuschen, welche kaum zwei Fuß

hoch waren; sie sind aufgestellt, um die Felddiebe fernzuhalten. Dicht

hinter dem unter Kultur stehenden Gelände bei Fikolomei betraten wir

einen dichten Wald von großer Ausdehnung, durch welchen wir eine gute

Stunde zu marschieren hatten. Der Weg war in demselben sehr schlecht

und allenthalben von darüber hinkriechenden Baumwurzeln bedeckt,

so daß es nicht leicht war, auf die Umgebung zu achten, ohne über

die Wurzeln häufig zu stolpern. Landolphien gab es hier sehr viele.

Einige Häufchen frisch aufgestapelter Zweigstücke bewiesen, daß auch

hier die Eingeborenen dieselbe Methode der Kautschukgewinnung haben

wie die weiter südlich wohnenden Stämme. Den größten Kickxiastamm,

welchen ich je gesehen, fand ich auch hier in dem Walde. Derselbe mußte

bereits seit einiger Zeit gefällt worden sein, denn seine Rinde fing

stellenweise bereits an zu verfaulen. Die herumgezogenen Ringe ließen

dennoch deutlich erkennen, daß wir es mit einer Kickxia zu thun hatten.

Nach meinen Schätzungen war der Stamm etwa 15 m lang und hatte da, wo

er gefällt war, einen Durchmesser von drei Fuß. Gegen 10 Uhr gelangten

wir an einen Bach mit felsigem Bett, welchen meine Träger Ngomolenge

nannten, und kurz darauf erreichten wir eine kleine Ortschaft, welche

den gleichen Namen führte. Dieselbe bestand nur aus drei Hütten; in

einer derselben fanden wir ganz versteckt in einer Ecke ein altes Weib

sitzend, von der wir schließlich erfuhren, daß die übrigen Bewohner

ausgerückt seien, als wir erschienen. Da ich die Absicht hatte,

hier mehr über das Vorhandensein der Kickxia in diesen Gegenden

auszukundschaften, und zu diesem Zwecke die Leute sehen wollte, bestach

ich die Alte mit einigen Tabaksblättern und forderte sie dann auf, die

anderen Leute herbeizurufen. Es dauerte auch gar nicht lange, so war

die ganze Gesellschaft friedlichst um uns herum versammelt, um uns

alles mögliche für Tabak zu verkaufen, sogar Kautschuk brachten sie an.

Als ich dann durch meine Leute fragen ließ, ob die Fischungepflanze

denn in der Gegend viel vorhanden sei, und eine bejahende Antwort

erhielt, forderte ich einen Mann auf, mich zu einigen hinzuführen, und

siehe da, dicht bei den Hütten standen einige Exemplare. Ich erfuhr

dann auch, daß hier die Bäume umgeschlagen würden, wenn sie stark

genug seien, um genügend Kautschuk zu liefern. Als ich die Leute dann

auffordern ließ, Früchte des Baumes für mich zu sammeln, versprachen

sie, es zu thun. Bis um 12 Uhr verblieben wir in dem Dorfe, um dann

trotz der drückenden Hitze den Marsch wieder aufzunehmen, denn ich

wußte, daß wir durch einen dichten Urwald zu marschieren haben würden,

in dem wir von der Sonne wenig merken konnten. Gleich hinter dem Dorfe

begann der Wald. Kickxia sah ich auf diesem Marsche mehr als früher an

irgend einem Platze, seitdem ich auf dieser Expedition war. Ich hatte

meinen Trägern eingeschärft, möglichst auf große Stämme zu achten, so

daß ich alle Augenblicke wieder auf solche aufmerksam gemacht wurde.

Wiederholt schnitt ich die Bäume an und konnte stets guten Kautschuk

aus der Milch gewinnen. Der Weg, auf dem wir marschierten, war in einem

sehr schlechten Zustande, was noch um so unangenehmer wurde, da er fast

gänzlich mit Achyranthes zugewachsen war, deren spitze Früchte uns bei

jedem Schritt ins Gesicht schlugen, so daß ich häufig, meine beiden

Arme vor das Gesicht legend, marschieren mußte, um mich einigermaßen zu

schützen. Für die Träger mit ihren entblößten Oberkörpern muß dieser

Marsch entsetzlich gewesen sein. Häufig machte die Vegetation über

weite Strecken hin den Eindruck, als sei das Land vor Jahren kultiviert

gewesen. Costus und Achyranthes, zwei Zeichen ehemaliger Kultur,

waren in riesigen Mengen vorhanden. Hochwald, in dem wir ohne große

Schwierigkeiten marschieren konnten, war nur strichweise anzutreffen.

Die ganze Landschaft machte einen äußerst uninteressanten Eindruck, der

für mich nur durch das Vorhandensein der Kickxia erträglich wurde. Nach

dreistündiger, ununterbrochener Wanderung erreichten wir endlich zur

großen Genugthuung der Leute unser nächstes Ziel, das Dorf Otam, das

wohl nicht vorher von einem Europäer betreten worden war, wie überhaupt

die Route, welche ich nach den Bakossi-Bergen eingeschlagen, bis dahin

den Europäern unbekannt geblieben war. Hin und wieder hatten wir

auch während des Nachmittags die von den Eingeborenen geschnittenen

Landolphiazweige am Wege liegen sehen, welche uns bewiesen, daß auch

hier die Eingeborenen viel Kautschuk bereiten. Da ich in Otam erfuhr,

daß das nächste Dorf in sehr großer Entfernung liege, gab ich den

Leuten die Erlaubnis, für die Nacht sich Lagerplätze zu suchen, nachdem

sie mein Zelt aufgestellt hatten. Ich selbst machte einige Exkursionen,

welche für mich äußerst interessant waren, da ich auch Exemplare der

falschen Kickxia (K. africana Bth.) dabei fand. Den Eingeborenen waren

beide Arten sehr wohl bekannt, dieselben hatten sogar verschiedene

Namen; während, wie ich schon vorhin erwähnt, Kickxia elastica bei den

Leuten „Fischunge“ hieß, führte Kickxia africana den Namen „Mukama“;

die Leute waren sogar im stande, schon am Wuchs beide Pflanzen zu

unterscheiden. Mir fiel hier übrigens auf, daß die Samen der Kickxia

africana heller gefärbt sind als die der K. elastica.

Dicht bei dem Dorfe befand sich einer der in jenen Gegenden so überaus

häufigen Fetischplätze. Dieselben bestehen aus einem runden freien

Platze, welcher dicht mit Dracaenastämmen umpflanzt ist. Innerhalb des

Platzes steht ein einzelner Fetischbaum, welcher den verschiedensten

Pflanzenfamilien angehören kann, denn ich sah die verschiedensten

derartigen Bäume auf solchen Plätzen. Nicht uninteressant war mir auch

ein Grabmal, welches sich in der Nähe befand. Es waren die sämtlichen

Töpfe, Taschen und sonstigen Utensilien des Verstorbenen, auf einen

Haufen geworfen, ebenso eine große Anzahl von Makaboknollen (Xanthosoma

esculentum), darüber hing, zwischen zwei Stöcken ausgespannt, die

Kleidung des Verstorbenen. Ob der Leichnam darunter begraben war, oder

in der Hütte eingescharrt wird, darüber konnte ich nichts erfahren. Die

Eingeborenen befürchteten offenbar eine Zauberei, wenn sie mir dieses

verraten würden.

An jenem Abend hatten wir viel von Moskitos und Sandfliegen zu leiden,

besonders aber die letzteren waren es, welche in diesen Gegenden

als furchtbare Landplage auftraten. Diese winzigen, kaum sichtbaren

kleinen Dipteren hinterlassen Spuren ihrer Thätigkeit, gegen welche

ein Moskitostich oft unbedeutend erscheint. Die Eingeborenen hier im

Dorfe waren am Abend so merkwürdig stille und belästigten uns so wenig

mit ihrer Anwesenheit, daß es mir sehr auffiel. Es schien überhaupt

auch hier der größere Teil der Bevölkerung sich langsam aus der Nähe

des „weißen Zauberers“ hinweggeschlichen zu haben. Von den wenigen

zurückgebliebenen Leuten erhielt ich fünf Hühner und so viel Planten

zum Geschenk, daß meine Leute wieder einmal nicht wußten, wie sie die

Vorräte verschlingen sollten. Auch Eier konnte ich hier kaufen; für

ein Blatt Tabak erhielt ich durch geschicktes Manövrieren meiner Jungen

drei Stück. Tabak schien für die Leute der größte Genuß geworden zu

sein, und dennoch muß es doch auffallen und ist recht charakteristisch

für den Neger dieser Waldgebiete, daß die Leute trotz des fruchtbaren

Bodens, welchen sie besaßen, nirgendwo selbst Tabak bauten, obgleich

es ihnen eine Leichtigkeit gewesen wäre, Samen davon von einigen

Bakossi-Dörfern zu erhalten.

Nach der Bauart der Hütten zu urteilen, gehören die Leute in Otam

noch zu den Balundu, obgleich sie sich von diesen ziemlich fern zu

halten scheinen und ihre hauptsächlichsten Verkehrswege nach Westen

zu den Bakundu-Dörfern hinüberführen. Die Bakundu bauen jedoch ganz

andere Hütten, wie ich bereits oben bei Gelegenheit der Beschreibung

meines Eintreffens in dem Bakundu-Dorfe erwähnt habe. Unsere nähere

Kenntnis der Stämme südlich vom Elefantensee bis zum Mungo nach

Malende hinunter scheint überhaupt noch sehr im Argen zu liegen und

wäre wohl wert, einem Forscher zum Spezialstudium zu dienen. Es sitzen

in diesen Gegenden an verschiedenen Stellen, eingesprengt inmitten

anderer Stämme, kleine Gruppen von Dörfern, welche sich wohl noch

von früheren Wanderungen her an den betreffenden Orten haben halten

können, während die Hauptmasse des Stammes andere Wohnsitze aufgesucht

hat oder dazu gezwungen wurde. So ist z. B. die äußerst merkwürdige

Verbreitung der Bakundu-Dörfer für jeden, welcher in diesen Gegenden

umherreist, auffallend. Um wirklich Positives über einige dieser Fragen

bringen zu können, wäre ein längerer Aufenthalt unter diesen doch recht

wenig bekannten Völkern des Waldgebietes notwendig, als ich ihn mir

gönnen konnte. +Conrau+, welcher uns mit höchst interessanten und

wichtigen Aufsätzen über die nördlich und nordöstlich vom Elefantensee

wohnenden Stämme beschenkt hat, scheint sich weniger für die Gebiete

südlich des Sees interessiert zu haben.

Westafrikanische Kautschuk-Expedition · 第 16 / 32 段