besichtigte ich noch einmal gemeinsam mit Herrn +Hupfeld+ die
Kickxia-Anlage und die Arbeiterhäuser, welche hier auch recht nett
eingerichtet waren. Herr +Stammler+ hatte, da seine Arbeiter zur
Hälfte aus Togo-Leuten, zur anderen aus Balundus vom Elefantensee
sich zusammensetzten, zwei große Arbeiterhäuser gebaut, um die sich
schlecht vertragenden beiden Völker getrennt zu halten. Togo- und
Balundu-Leute durften auch nicht zusammen arbeiten, da sonst zu leicht
Streitigkeiten ausbrachen. Es war hier entschieden in der kurzen Zeit
seit der Einrichtung der Plantage sehr viel geleistet worden, besonders
wenn man in Betracht zieht, daß Herr +Stammler+ zuerst weiter
unten, am Fuße des Gebirges, eine Anpflanzung begonnen hatte, wo ich
ihn im April 1899 besucht hatte. Infolge vieler Schwierigkeiten,
welche sich ihm damals dort unten entgegenstellten, hatte er seine
Hauptpflanzungen dann an die Stelle hinauf verlegt, wo er zur Zeit
seinen Wohnsitz aufgeschlagen. Da Herr Geheimrat +Wohltmann+
und Herr +Hupfeld+ noch am Abend des 17. Januar in Victoria
eintreffen wollten, so reisten beide Herren bereits am nächsten Tage
gegen Mittag ab. Ich selbst blieb noch bis zum andern Tage in Moliwe,
wo ich am Nachmittage mit Herrn +Stammler+ die Berechnung einer
Kickxiaplantage aufstellte und einige Rundgänge in der Plantage machte,
bei denen wir einige für neue Kakao- und Kickxia-Anpflanzungen in
Aussicht genommene Lokalitäten besuchten. Ein Umstand, welcher übrigens
das jetzige Centrum der Anlagen auf der Moliwe-Pflanzung besonders
wertvoll macht, sind die äußerst günstigen Wasserverhältnisse, welche
daselbst vorhanden sind. Der Moliwe-Bach, aus welchem sich eine sehr
bedeutende Wasserkraft gewinnen ließe, windet sich in verschiedenen
Bogen am Fuße des Hügels entlang, welchen Herr +Stammler+ mit
großer Umsicht für die Erbauung der für die Europäer bestimmten Häuser
gewählt hat.
Am Morgen des 15. Januar folgte ich nun Herrn Geheimrat
+Wohltmann+ nach Victoria, um von dort aus mit ihm zusammen am
18. Januar einen nochmaligen Besuch auf der Kriegsschiffhafen-Plantage
zu machen. Die Zwischenzeit von drei Tagen benutzte ich dazu,
Vorbereitungen für die Bakossi-Expedition zu treffen, welche ich
nun doch auszuführen beschlossen hatte, und im botanischen Garten
noch einmal mit Ficus elastica Koagulationsversuche zu machen. Der
Bezirksamtmann von Victoria war so freundlich, mir bis nach Buëa Leute
des Bezirksamtes als Träger zur Verfügung zu stellen, was mir um so
angenehmer war, als gar keine Träger sonst aufzutreiben waren, denn die
Baquiris in Victoria zeichnen sich vor allen anderen durch Unmut zur
Arbeit ganz besonders aus.
Am 18. Januar machte ich dann zusammen mit Herrn Geheimrat
+Wohltmann+ den verabredeten Besuch in Kriegsschiffhafen, wo
auch Herr +Hupfeld+, welcher nach Kamerun gefahren war, über
N’Bamba gegen Mittag eintraf. In den Saatbeeten, auf denen die nun acht
Monate alten Kickxien standen, hatte sich auf diesen eine kleine Raupe
ausgebreitet, welche, wie ich nachweisen konnte, von einem benachbarten
Gemüsebeete hinübergewandert war und an den Kickxiablättern eine
sehr bekömmliche neue Nahrung gefunden zu haben schien. Hoffentlich
wird bei etwaigem Verpflanzen von Kickxien, welche von dieser Raupe
befallen sind, darauf geachtet werden, daß die Tiere vorher abgenommen
werden, damit sie nicht in die Kickxiabestände mit hinüber geführt und
verbreitet werden. Obgleich ich nicht glaube, daß die Raupen, welche
sonst nur auf niedrigen Kräutern auftreten, in den Beständen argen
Schaden anrichten würden, so ist es doch immerhin wünschenswert, daß
die Anlagen von Anfang an möglichst ungezieferfrei gehalten werden
und darauf geachtet wird, daß nur wirklich gesunde Pflanzen dorthin
verpflanzt werden.
Während Herr Geheimrat +Wohltmann+ und Herr +Hupfeld+ am 19.
Januar eine Besichtigung des N’Bamba-Vorwerkes unternahmen, kehrte ich
am Vormittage nach Victoria zurück, um noch die letzten Vorbereitungen
für den am 20. Januar in Aussicht genommenen Aufbruch nach den
Bakossi-Bergen zu vollenden.
Vom Bezirksamte war mir bis Buëa ein Pferd zur Verfügung gestellt
worden, so daß ich den Marsch bergan mir ersparen konnte. Mit zwölf
Trägern und meinen zwei Jungen war ich am Morgen des 20. Januar
auch bereits um 6 Uhr unterwegs. Da einer der Träger, welcher schon
vor Boana nicht mehr weiterkonnte, zurückgeschickt und seine Last
auf die schon an sich schweren Lasten der übrigen verteilt werden
mußte, machten wir nur langsame Fortschritte. Als wir dann gegen
Mittag zum „Sachsenhof“ kamen, ließ ich Halt machen und erbat mir
von den Wegebauern, welche daselbst ihr Lager aufgebaut hatten,
einen Mann als Träger für den Nachmittag. Der Vorsteher des Lagers
war so freundlich, mir sofort einen starken Mann abzugeben. Nachdem
nun die Last des Trägers, welchen ich krankheitshalber am Vormittage
zurückgeschickt hatte, wieder zusammengestellt war und ich meine
Mahlzeit im „Sachsenhof“ beendet hatte, brachen wir wieder auf. Ein
Missionar, welcher auf dem Wege nach Buëa war, gesellte sich nun auf
dem Weiterritte zu mir. Da schließlich die Träger doch zu langsam
marschierten, ritten wir voraus und erreichten gegen 3 Uhr das
Buëa-Plateau. Auf einem mir bis dahin noch unbekannten Wege über
Klein-Soppo kamen wir gegen 4½ Uhr auf der Station Buëa an. In dem
Rekonvaleszentenhause bei der Familie +Leuschner+ fand ich wieder
Unterkunft. Meine Leute trafen dann kurz darauf mit meinen Sachen auch
ein. Da ich die Träger von hier aus zurückschicken mußte, so sprach ich
gleich mit Herrn +Leuschner+ über die Möglichkeit, von hier bis Mundame
neue Träger zu engagieren. Herr +Leuschner+ war so liebenswürdig, zu
den benachbarten Dörfern zu schicken, um Träger auftreiben zu lassen.
Die ausgesandten Leute kamen gegen Mittag des nächsten Tages, eines
Sonntages, zurück mit der Nachricht, daß zeitig am nächsten Montag
die verlangte Anzahl von Trägern auf der Station erscheinen würde.
Die prompte Regelung der Trägerfrage bei einem Volke wie die Baquiris
war ein recht guter Beweis der Thatsache, daß Herr +Leuschner+ es
sehr gut verstanden hat, den Eingeborenen den nötigen Respekt vor dem
Weißen beizubringen und überhaupt die Leute richtig zu behandeln. Es
geht zugleich daraus hervor, daß bei einer solchen Behandlung selbst
der Baquiri zu Arbeitsleistungen herangezogen werden kann, wie es
allenthalben mit den geistig allerdings höher stehenden Völkern in Togo
der Fall ist.
Ich benutzte den Sonntag zu einer Exkursion nach dem oberen Waldrande
des Kamerun-Pieks, wo ich einige interessante Gewächse sammelte. Da
die Träger erst gegen 7½ Uhr am 22. Januar eintrafen, so kamen wir
erst gegen 8 Uhr fort. Um möglichst bald aufbrechen zu können, hatte
ich die Lasten schon alle fertig auslegen lassen, so daß wir ohne
weiteren Aufenthalt unseren Marsch antreten konnten. Auf dem schon
früher beschriebenen Wege erreichten wir gegen 10 Uhr das Dorf Moliko,
wo ich nur eine Rast von 10 Minuten machen ließ. Durch zum Teil unter
Kultur stehendes Terrain marschierten wir dann, nachdem wir auch das
Muëa-Dorf passiert hatten, bis nach Mamu. Zwischen Muëa und Mamu
begann der Wald, welchen wir nun für lange Zeit zu durchziehen hatten.
Äußerst interessant, und für einen etwa später in diesen Gegenden
reisenden Botaniker eines längeren Aufenthaltes wert, ist eine breite
Wiese, welche durch einen, sie in vielen Armen durchrieselnden Bach
stellenweise etwa fußtief unter Wasser gesetzt ist. Vanilla africana
wuchs in den Gebüschen am Rande dieser Wiesen allenthalben, leider
ohne Blüten; häufig leisteten andere Orchidaceen, welche hier bis
auf die Äste der kaum mannshohen Sträucher heruntersteigen, ihr
Gesellschaft. Landolphien gab es im Walde auch hin und wieder, doch
seltener mit dickeren Stämmen. Offenbar ist diese Gegend noch zu
häufig von den Kautschuksammlern besucht, die alles anschneiden oder
gar abschlagen, was sie an einigermaßen anzapfbaren Lianen sehen.
Erst wenn eine solche Gegend dann derartig abgeerntet ist, daß sich
das Kautschuksammeln kaum mehr rentiert, wird den Landolphien Zeit
gelassen, wieder nachzuwachsen. Über die Art und Weise der Gewinnung
der Latex, wenigstens die häufigste derselben, werde ich weiter unten
noch Näheres zu berichten haben. Als wir das Dorf Mamu erreichten, wo
die Eingeborenen eben dabei waren, ein größeres Stück Wald abzuschlagen
und abzubrennen, gab ich den Trägern eine zweistündige Rast zum Essen.
Während wir noch in Mamu waren, kamen einige Träger zu mir, um meine
Erlaubnis zu erfragen, ob sie von dem nächsten Dorfe, Ekona, nach Buëa
zurückkehren könnten. Natürlich gewährte ich den Leuten das nicht,
sondern ließ die ganze Gesellschaft zusammentreten und notierte ihre
Namen, um sofort zu wissen, wenn jemand etwa desertieren sollte, wer
der Übelthäter sei; um aber das Desertieren zu verhüten oder wenigstens
zu erschweren, ernannte ich einen Mann, welcher mir am meisten Achtung
zu genießen schien und auch einen ganz intelligenten Eindruck machte,
zum „Headman“ und erklärte ihm nun, daß ich ihm das Doppelte bezahlen
werde, als vereinbart sei, er aber hafte mir dafür, daß niemand
desertiere. Das machte offenbar einen Eindruck auf die Gesellschaft,
denn, ohne noch einmal sich murrig zu zeigen, zog ein jeder mit seiner
Last weiter, als ich das Zeichen zum Aufbruch gab. Da ich nicht gern
sah, daß der „Headman“ auch eine Last zu tragen hatte, gab ich ihm die
Erlaubnis, zu versuchen, für seine Last einen Träger zu engagieren. Auf
diese Weise wurde es nun den Leuten klar, daß ich den Mann wirklich zum
„Headman“ gemacht; ich möchte vorausschicken, daß ich meine Wahl sehr
gut getroffen, denn der Mann bewährte sich vorzüglich und verstand es
auch sehr gut, sich bei seinen Stammesgenossen in Respekt zu halten.
Einen neuen Träger zu engagieren, gelang uns schon in Mamu. Auf dem
Marsche hier hielt ich dieselbe Marschordnung ein wie schon auf der
Yoruba-Expedition. Die sämtlichen Träger hatten vorzumarschieren,
dann kam der „Headman“ direkt vor mir, welcher meine Büchsflinte zu
tragen hatte, und hinter mir die Jungen mit einigen Kleinigkeiten, wie
Regenmantel, Mütze, Feldflasche und Aneroid. Von Mamu bis Ekona führte
uns ein kurzer Marsch. Da in Ekona die Kenntnis des Landes bei den
Leuten aufhörte, so ließ ich den Häuptling rufen und veranlaßte ihn,
mir bis zum nächsten Dorfe einen Führer gegen Bezahlung zu stellen;
natürlich wurde die Bezahlung erst dann geleistet, wenn ich den Führer
zurückschickte. Der gute Weg hörte in Ekona auf. Auf einem Waldwege
über hügeliges und zum Teil recht felsiges Terrain marschierten wir
weiter. Je mehr wir uns von Buëa entfernten, desto häufiger trafen
wir Kautschuklianen im Walde, welcher übrigens hier lange nicht mehr
den so üppigen Charakter trug wie an der Seeseite des Gebirges. Man
konnte hier sehr leicht erkennen, daß die Niederschläge wesentlich
geringere waren. Bis zum Dorfe Meandja hatten wir einen langen Marsch
vor uns. Kurz bevor wir dasselbe erreichten, gelangten wir an den
Meandja-Bach, an welchem die Üppigkeit der Vegetation wieder ihren
Höhepunkt erreicht. Der nicht sehr tiefe Bach floß sehr schnell dahin
und gewährte, wenn man an seinem Ufer stand, bei der Übergangsstelle
einen der schönsten Anblicke, welche ich je von derartigen Scenerien
genossen. Zum ersten Male sah ich hier, von den Bäumen am Wasserrande
herunterhängend, die langen Zweige von Vanilla africana im schönsten
Blütenflor. In Meandja ließ ich das Zelt aufschlagen, um für die
Nacht daselbst zu bleiben, denn wir hatten für den ersten Tag einen
schönen Marsch hinter uns. Bald hatten wir alles für die Nachtruhe
hergerichtet, und die Leute saßen vergnügt am Feuer, sich ihres
Lebens freuend; hatten sie doch tüchtig zu essen, das war ihnen die
Hauptsache. Nachdem ich noch in dem krystallhellen, kühlen Wasser
des Meandja-Baches ein Bad genommen, beschloß ich mein Tagewerk mit
Erledigung der laufenden Arbeiten, wie Tagebuch schreiben und Pflanzen
einlegen.
Schon zeitig hatte ich am nächsten Tage die Leute zusammenkommen
lassen, um alles zum weiteren Marsche fertig zu machen. Das Zelt war
schnell abgebrochen und die Lasten wieder fertig geschnürt. Schon kurz
nach 6 Uhr konnten wir Meandja verlassen. Der Führer aus Ekona willigte
ein, uns noch eine kleine Strecke weiter zu begleiten, da er in Mujuka
Verwandte habe, welche er bei dieser Gelegenheit aufsuchen könne. Kurz
hinter Meandja kamen wir wieder an einen Bach, welcher dem Meandja-Bach
an Schönheit gleichkam; der Führer nannte ihn „Mupaba“. Langsam senkte
sich das Terrain hier, meist in kleinen Terrassen, von denen eine der
anderen folgte. In dem Walde, welcher dem bei Mamu glich, machte mich
der Führer wiederholt auf Kautschuklianen aufmerksam; von Kickxia aber
war noch nichts zu sehen, obgleich ich sehr eifrig danach ausschaute.
Der Führer erzählte, daß ihm von einem Baume, welcher Kautschuk gebe,
nichts bekannt sei; er kenne viele, die die weiße Milch geben, aber
„Maniango“ sei das nicht. Kurz nachdem wir wieder einen Bach, den
Sope, überschritten hatten, dessen Wasserfläche mit den weißen Blüten
des schönen, hier in allen Gebirgsbächen häufigen Crinum natans dicht
bedeckt war, erreichten wir das Dorf Mujuka. Durch Vermittelung
unseres Ekona-Führers gelang es uns bald, in Mujuka einen neuen Führer
zu bekommen, so daß wir ohne großen Zeitverlust weitermarschieren
konnten. Es war sehr gut gewesen, daß ich so vorsichtig war, einen
Führer zu nehmen, denn gleich hinter Mujuka begann ein dichter Wald, in
dem sich so viele Wege kreuzten, daß wir sicher nicht zurechtgefunden
hätten. Schon von Meandja an hatten wir viele Elefantenspuren gesehen;
hier im Mujuka-Walde gab es deren noch viel mehr, wir stießen
wiederholt auf Spuren, wo die Leute behaupteten, daß Elefanten eben
vor unserer Ankunft geflüchtet sein müßten. Nach etwa 1½stündiger
Wanderung hörten wir schon aus der Ferne das Getöse des Njoke-Baches,
der dicht bei dem Dorfe Njoke einen nicht unbedeutenden Wasserfall
besitzt. Als wir schließlich dicht unterhalb des Falles an den Bach
kamen, stellte sich heraus, daß derselbe nur in Canoes passierbar
sei. Da auf dem anderen Ufer sich einige Leute mit Canoes befanden,
so ließ ich dieselben anrufen und auffordern, die Expedition über
den Bach zu bringen, was denn auch sofort geschah, wenngleich mit
einigem Zeitaufwande, denn wir konnten in die kleinen Canoes nur
immer drei Mann mit ihren Lasten unterbringen. Vermittelst langer
Raphiablattrippen wurden die Canoes über den Bach gebracht. Da es viele
Felsen gab, war es bei der starken Strömung erforderlich, daß stets
einer der Eingeborenen dabei war, welcher das Wasser kannte. Nachdem
wir aus dem ziemlich tiefen Thale des Baches herausgetreten waren,
erreichten wir dann das Dorf Njoke, welches unter allen Dörfern, die
ich auf der Reise bis dahin gesehen, das bedeutendste war. Zum ersten
Male trafen wir hier auch Dualla-Händler an. Bei den Bewohnern von
Njoke gewahrte ich eine allgemeine Furcht, auch sah man in dem großen
Dorfe auffallend wenig Leute. Mich nach der Ursache erkundigend, erfuhr
ich von den Duallas, daß die meisten Einwohner bei meiner Annäherung
in den Busch geflohen seien; man hatte gehört, daß die Strafexpedition
(unter Hauptmann +v. Besser+) bald erscheinen würde, und hielt
allgemein die meinige dafür. Natürlich hatten die Gerüchte die Stärke
meiner Expedition ungeheuer übertrieben und aus einigen Trägern mit
roten Mützen sogleich eine Schar Soldaten gemacht. In Njoke ließ ich
nur einen kurzen Aufenthalt machen, da ich mir vorgenommen, erst
in Malende den Trägern Zeit zum Essen zu geben. Der Weg von Njoke
bis Malende führte durch einen sehr interessanten, jedoch ziemlich
trockenen Urwald, in dem es sehr viele Elefanten geben soll. Von Dr.
+Preuß+ war hier in diesem Walde die Kickxia elastica zuerst
nachgewiesen worden. Da mir nicht besonders daran liegen konnte, die
Kickxia an einem bereits bekannten Standorte nochmals aufzusuchen, so
ließ ich, ohne mich weiter aufzuhalten, durchmarschieren. Landolphien
gab es auch, doch schien denselben sehr nachgestellt zu werden; nicht
selten sah man von den Bäumen Stammstücke derselben herunterhängen,
deren unteres Ende, soweit die Leute mit ihren Haumessern hinaufreichen
konnten, abgeschlagen war. Gegen 1 Uhr trafen wir bei der von der
Soppo-Plantage aufgestellten Hütte ein und kurz darauf im Dorfe Malende
selbst, wo wir uns unter einem Mangobaume lagerten.
Die in der Nähe von Malende von Dr. +Preuß+ nachgewiesenen
Kickxiastämme waren von Herrn +Günther+ von der Soppo-Plantage,
wie behauptet wurde, pachtlich erworben und zu ihrer Bewachung ein
Eingeborener nach einer kleinen Faktorei in Malende geschickt worden.
Um die Stämme kenntlich zu machen, soll ein jeder damals mit einer
kleinen Blechmarke versehen worden sein. Eine plötzliche Abberufung
des Herrn +Günther+ hatte eine vollständige Vernachlässigung
des Malende-Unternehmens zur Folge gehabt, welches, wenn auch nicht
in der von Herrn +Günther+ ausgeführten Art, doch zu einem sehr
guten Resultat geführt haben könnte. Es ist sehr zu hoffen, daß dieser
Sache bald wieder mehr Interesse entgegengebracht wird, bevor die
Eingeborenen die bei Malende vorhandenen Stämme sämtlich umgeschlagen
haben.
In dem Dorfe, aus dem übrigens auch die größere Menge der Einwohner
entflohen war, ließ ich nun eine zweistündige Mittagsrast machen.
Glücklicherweise hatte ich zum Tauschhandel hauptsächlich Tabak
mitgenommen, welcher hier einen reißenden Absatz fand. Für ein jedes
Blatt konnte ich ein Ei kaufen, für ein „head“ ein Huhn. Die Duallas,
deren Einfluß übrigens hier sehr bedeutend zu sein scheint, kamen alle
sogleich nach meinem Lagerplatz und boten ihre unterthänigsten Dienste
an; ein jeder glaubte, schon dafür einige Blätter Tabak geschenkt zu
bekommen. Als die Herren aber sahen, daß sie sich in der Hinsicht in
meiner Person geirrt hatten, zogen sie sich allmählich wieder zurück,
mit Ausnahme einiger weniger Unverschämter, welche mir wie die Hunde
auf Schritt und Tritt folgten. Als schließlich von diesen auch der
furchtsame Häuptling des Dorfes herangeschleppt wurde, forderte
ich letzteren auf, mir bis Bakundu einen Führer zu stellen. Er kam
zwar anfangs mit einigen Ausflüchten, welche ich nicht anerkennen
wollte, bis ich ihm ein Blatt Tabak schenkte, welches nun plötzlich
Freundschaft zwischen uns schuf. Nicht nur ging er, einen jungen Mann,
welchen er seinen Sohn nannte, als Führer herbeizuschleppen, sondern
schickte mir sogar einige Hühner als „Dash“; der Landessitte gemäß
schickte ich ihm auch einen „Dash“ bestehend aus 4 „head“ Tabak,
worüber er sich so freute, daß er mir noch einen schönen Ebenholzstock
brachte, für den er dann noch ein „head“ Tabak erhielt. Ich glaube,
dieses „Dash“-Austauschen hätte sich noch weiter fortgesetzt, wenn
ich ihm nicht hätte sagen lassen, daß er keinen „Dash“ mehr bringen
solle, ich sei schon genügend von seiner freundschaftlichen Gesinnung
überzeugt. Diese Dörfer Malende und Njoke, welche beide etwa gleich
groß sind, sind sonst bei Besuchen der Europäer gewöhnlich nicht
sehr zuvorkommend, doch hatte die Aussicht auf die herannahende
Strafexpedition die Leute ganz aus dem Häuschen gebracht; es dauerte
lange, ehe ich die Leute davon überzeugen konnte, daß sie von derselben
garnichts zu befürchten hätten, da sie ja stets den durchziehenden
Europäern gegenüber freundlich gesinnt gewesen seien. Unser
Mujuka-Führer kehrte hier um.
Gegen 2 Uhr am Nachmittage brachen wir wieder von Malende auf. Der
Wald war genau so beschaffen wie zwischen Njoke und Malende. Der Weg,
welcher über ziemlich ebenes Terrain führte, war nicht schlecht.
Nach etwa einer halben Stunde Wanderns sahen wir am Wege die ersten
Kickxien. Es waren noch junge Pflanzen, welche etwa 8 Fuß hoch waren;
von älteren Bäumen sah ich noch nichts. Wiederholt hatten wir kleine
Bäche zu überschreiten, von denen aber keiner tief genug war, um
uns irgend welche Schwierigkeiten entgegenzustellen. Schon um 4½
Uhr gelangten wir zum Dorfe Bakundu, das vollständig leer war. Die
gesamte Einwohnerschaft war in die Wälder geflohen. Inmitten der
breiten Dorfstraße ließ ich mein Zelt aufstellen. Die Häuser waren
hier ganz anders gebaut als bei den Stämmen, durch deren Gebiete wir
bis dahin gezogen waren. Sie waren sehr hoch und geräumig. Der ganze
Unterbau bestand aus Lehmwänden, die Dächer waren aus Elaïsblättern
hergestellt. In die Häuser hinein führten hohe, hölzerne Türme, an
welche übrigens mit Kreide, wahrscheinlich von einem schriftkundigen
Dualla, angeschrieben war, daß die Insassen vor dem Europäer in den
Busch entflohen seien. Meine Jungen, welche diese Schrift lesen
konnten und die Sachen übersetzten, freuten sich ungeheuer über
diesen Einfall. In den Wald ließ ich nun wieder hineinrufen, daß ich
in friedlicher Absicht gekommen sei, und die Bewohner auffordern, in
ihre Hütten zurückzukehren; meinen Leuten verbat ich strengstens,
sich irgend welchen Eigentums der Dorfbewohner zu bemächtigen. Die
vom umherliegenden Walde aus ihren Verstecken uns beobachtenden
Eingeborenen mußten sich wohl allmählich überzeugt haben, daß ich
wirklich keine Feindseligkeiten im Schilde führte, und kamen einzeln,
langsam und sehr scheu zurück. Als sich nun auch der Häuptling meldete,
schenkte ich ihm, um mir das Vertrauen der Leute zu erwerben, einige
Blätter Tabak, welche den erwünschten Erfolg auch erzielten. Bald
wurden die Leutchen zutraulicher und kamen mit ihren Geschenken an,
d. h. um auch von mir dafür ein Äquivalent in Empfang zu nehmen. Auch
für meine Leute konnte ich genügend Planten (Kochbananen) erstehen,
so daß ich hier nicht gezwungen war, mir selbst zu helfen. Hühner
und Eier waren zu billigen Preisen in Mengen zu haben. Da diese mit
Reis während meiner Expeditionen meine Hauptnahrung zu sein pflegten,
machte ich natürlich ausgiebigen Gebrauch von dieser Gelegenheit,
mich wieder zu verproviantieren. Die Weiber des Dorfes erschienen
erst spät am Abend, da sie wohl noch immer gehofft hatten, daß ich
abziehen würde. Allmählich hatte sich die ganze Bevölkerung bei
meinem Zelte zusammengefunden. Fast wäre diese Harmonie durch einen
kleinen Zwischenfall gestört worden. Einer der Leute des Dorfes wurde
ertappt, als er eben eines unserer Beile stehlen wollte. Natürlich
ergriffen ihn meine Leute sofort und wollten ihn tüchtig durchprügeln.
Da ich befürchtete, daß es dadurch zu einer ernsteren Erregung bei
den Eingeborenen kommen möchte, trat ich dazwischen und ließ den
Übelthäter zu mir vors Zelt bringen. Bestraft mußte der Mann werden,
das war unumgänglich notwendig, um neuen Diebstählen vorzubeugen. Vor
dem versammelten Volke ließ ich dem Häuptling sagen, daß es mir leid
thue, daß gerade hier bei ihm der Versuch gemacht worden sei, mich zu
bestehlen. Ich stellte es ihm trotzdem frei, um ihm zu zeigen, daß ich
Frieden wolle, den Mann selbst nach Landessitte zu bestrafen oder mir
seine Bestrafung zu überlassen. Da der Häuptling mich bat, den Mann
selbst zu bestrafen und sich auch die Eingeborenen damit einverstanden
erklärten, ließ ich dem Missethäter zur großen Belustigung der
versammelten Corona durch meinen „Headman“ eine tüchtige Tracht Prügel
geben, welche auf ihn wohl nicht so demoralisierend gewirkt haben mag
als die Verspottungen, denen er dann seitens seiner Stammesgenossen
ausgesetzt war. Am Abend führten die Bakundu-Leute mir zu Ehren noch
einen großen Tanz auf, der bis tief in die Nacht hinein dauerte,
obgleich ich mich bereits lange vorher zur Ruhe begeben hatte.