Als wir in der Nacht vom 18. zum 19. Dezember etwa der Congo-Mündung

gegenüber waren, hatten wir den seltenen Anblick eines wahrhaft

wundervollen Meeresleuchtens. Auch einige Scharen phosphoreszierender

Fische zogen in der Nähe des Dampfers vorüber. Am nächsten Morgen

erreichten wir Kabinda. Von nun an hatten wir an allen Küstenplätzen

bis Kamerun hinauf Palmenkerne als Hauptfracht einzunehmen. Palmenöl

und kleinere Quantitäten von Kautschuk kamen auch noch von den meisten

Niederlassungen hinzu. Von Kabinda fuhren wir zunächst nach Landana

und Chiloango, wo wir eine Fracht von 6000 Säcken Palmenkerne und

250 Tonnen Öl erhielten, so daß wir drei volle Tage daselbst zu

thun hatten. Am 23. Dezember liefen wir noch Nyanga und bald darauf

Settekama an, erhielten aber keine Ladung. Nun ging es direkt auf Cape

Lopez zu, wo wir am Nachmittag des 24. Dezember eintrafen. Ich benutzte

unseren kurzen Aufenthalt daselbst zu einer Exkursion in die Sümpfe

hinter der Niederlassung. Während des heiligen Abends waren wir auf der

Fahrt nach Gabun. Am frühen Morgen des Weihnachtstages erreichten wir

Libreville, die Hauptstadt des französischen Congo-Gebietes (Gabun).

Da wir nicht die Erlaubnis bekamen, während der Feiertage Cargo

einzunehmen, so waren wir gezwungen, 2½ Tage hier zu bleiben. Gleich

am ersten Tage machte ich unserem deutschen Konsul Herrn +Gebauer+

meine Visite. Einer Einladung, während der Zeit meines Aufenthaltes

in Libreville sein Gast zu sein, leistete ich gern Folge, da ich dann

nicht immer des Abends zum Dampfer zurückzukehren brauchte und so

mehr Zeit hatte, die Umgebung und den botanischen Garten kennen zu

lernen. Herr +Gebauer+ führte mich auch sogleich zu Herrn +Chalot+,

dem Direktor des botanischen Gartens, unter dessen kundiger Führung

ich die Sehenswürdigkeiten dieses nach dem Victoria-Garten wohl besten

botanischen Gartens von Afrika besichtigen konnte. Unter anderen

interessanten Sachen erhielt ich hier Stecklinge einer mit Landolphia

sehr nahe verwandten Kautschukliane, der Ancylobotrys pyriformis

Pierre, sowie gute Samen von Coffea Chalotii, einer neuen Kaffeeart aus

der Ubangi-Region.

Für den 26. Dezember hatten wir eine Besichtigung der etwa zwei Stunden

von Libreville entfernt liegenden +Woermann+schen Sibange-Plantage

in Aussicht genommen. Schon früh am Morgen fuhren wir durch die Stadt,

soweit die Wege dazu geeignet waren. Als dieselben dann aber schmäler

wurden, schickten wir den Wagen zurück und setzten nun zu Fuß die

Reise weiter fort. Bald hatten wir die Zone des von den Eingeborenen

teils einst kultivierten, teils noch unter Kultur stehenden Landes um

Libreville durchschritten und traten nun in einen prachtvollen Urwald

ein, welcher an Üppigkeit mit den Wäldern am Fuße des Kamerun-Gebirges

wohl rivalisieren kann. Da wir die Sibange-Plantage noch erreichen

wollten, bevor es zu heiß werden würde, denn der Tag versprach ein

wundervoller zu werden, so hielten wir uns hier nicht erst auf,

sondern schritten rüstig weiter, bis wir gegen 10 Uhr auf der Plantage

anlangten.

Bis zu der Zeit hatte man nur Kaffee angepflanzt und dann die ganze

Plantage, welche doch schließlich nichts einbrachte, mehr oder

minder vernachlässigt. Ein Grasbrand, welcher sich über die Plantage

ausgebreitet hatte, hatte einen großen Teil der Kaffeestämme teils

vollständig getötet, teils arg beschädigt. Seitdem Herrn +Gebauer+

die Vertretung der Firma +Woermann+ in Gabun übergeben worden

war, hatte er sich dieser Plantage wieder etwas angenommen und

einen Europäer dorthin geschickt, der dafür sorgen mußte, daß die

vorhandenen Bestände einigermaßen rein gehalten wurden. Da infolge

eines Abkommens, welches Herr +Gebauer+ mit der französischen

Regierung in Gabun getroffen, sich nun für den Kaffee ein bedeutender

Preis erzielen ließ, so gewann natürlich das Vorhandensein der schon

Früchte tragenden Kaffeestämme eine ganz andere Bedeutung für die

Plantage. Herr +Gebauer+ behauptete, daß er in der letzten Zeit

schon einen kleinen Verdienst aus der Anlage gezogen hätte. Da er nach

seiner Aussage aber bedeutend größere Quantitäten absetzen könnte,

so würde von der Plantage in Zukunft wohl Gewinn zu erwarten sein;

natürlich vorausgesetzt, daß der ausnahmsweise gute Absatz des Kaffees

anhält. Mit Kakao hatte Herr +Gebauer+ auch einige Versuche machen

lassen. Die vorhandenen Pflanzen sahen sehr gesund und kräftig aus,

so daß ich es also nicht für ausgeschlossen halte, daß der Kakao hier

gedeihen wird. Der Feuchtigkeitsgehalt der Luft ist hier allerdings ein

bedeutend geringerer als in den Plantagengebieten Kameruns, und deshalb

dürfte es hier sehr geraten erscheinen, mehr Schattenbäume stehen zu

lassen. Für Kickxia-Anpflanzungen würde sich der Boden sehr gut eignen.

Gegen Abend kehrten wir nach Libreville zurück. Nun hatte ich unterwegs

mehr Zeit, auf die Vegetation zu achten, fand auch bald einige

Landolphien, aber nur in sehr schwachen Exemplaren. Die sämtlichen

stärkeren Lianen werden von den in der Umgebung der Stadt wohnenden

Gabunesen sofort zur Kautschukgewinnung abgebaut, sobald sie anzapfbar

sind.

Von Gabun längs der Küste weiter nach Norden fahrend, erreichte der

„Niger“ am frühen Morgen des 28. Dezember die Corisco-Bucht. In

der Nähe der Elobi-Inseln an der Mündung des Muni-Flusses an einer

englischen Faktorei, „Ukaka-Beach“ genannt, gingen wir vor Anker.

Nachdem der kleine Vorrat an Palmenkernen, Öl und Kautschuk im

Dampfer verstaut war, fuhren wir den Muni-Fluß hinauf, um daselbst an

verschiedenen Orten große Mahagoniholz-Stämme einzuladen. Ich entdeckte

während einiger Exkursionen, die ich in den Wäldern unternahm,

Ancylobotrys pyriformis in Menge und schaffte einige Exemplare an

Bord, um sie nach Victoria überzuführen. Botanisch war diese Gegend

äußerst interessant. Die Eingeborenen, welche zu der großen Familie der

Fan-Völker gehören, zeichneten sich durch sehr reichen Perlenschmuck

aus. Sie sollen sehr hinterlistig sein und keinen Europäer hier weit

ins Innere hineinlassen. Bis jetzt ist es offenbar auch noch keinem

gelungen, trotz der Wasserstraßen, welche vorhanden sind, weiter als

zwei Tagereisen ins Innere vorzudringen.

Am 29. Dezember verließen wir den Muni-Fluß wieder und dampften nun

längs der Küste nach Norden bis in die Nähe des Benito-Flusses, wo

wir auch wieder eine große Zahl Mahagoniblöcke empfingen. Wir hatten

etwa eine englische Meile von der Küste entfernt Anker geworfen. Neun

oder zehn dieser Mahagoniblöcke wurden an der Küste immer zu einem

Floß verbunden und dann durch die Dampfpinasse des „Niger“ zum Dampfer

hinübergezogen. Am Abend des 31. Dezember erreichten wir Batta. Nachdem

wir uns noch am Neujahrstage in Groß-Batanga kurze Zeit aufgehalten

hatten, fuhren wir am 2. Januar 1900 in den Kamerun-Fluß ein und warfen

um 8 Uhr der Stadt gegenüber Anker.

IV. Kapitel.

Kamerun- und Bakossi-Expedition.

In Kamerun angekommen, machte ich zunächst dem dortigen Richter, Herrn

Grafen +v. Oberndorf+, welcher dort den Herrn Gouverneur vertrat,

meine Visite, um mich als zurückgekommen bei ihm zu melden. Von ihm

erfuhr ich nun Genaueres über die Zustände im Innern, von denen ich

schon Gerüchte in Batanga vernommen. Leutnant +v. Queis+ und

+Conrau+ waren in der Zwischenzeit ermordet worden. In Kamerun

wurde eben die Strafexpedition, welche Hauptmann +v. Besser+

führen sollte, ausgerüstet; man wartete mit der Entsendung derselben

nur noch auf einige Ausrüstungen, welche der nächste Dampfer bringen

sollte. Unter diesen Umständen schien die Ausführung einer Expedition

in die Gebiete der Bakossi, welche so wie so bereits den Ruf eines

leicht erregbaren Volkes genossen, sehr in Frage zu kommen. Da ich an

der Südküste infolge der Buli-Aufstände auch nicht weiter ins Innere

vordringen konnte, hatte ich jene Bakossi-Expedition geplant, denn ich

vermutete in jenen Gegenden das Vorhandensein der Kickxia elastica.

Da ich vorher keine andere Gelegenheit fand, nach Victoria zu fahren,

wartete ich bis zur Abfahrt des „Niger“, um dorthin zu gelangen. Am 5.

Januar fuhren wir aus dem Kamerun-Flusse hinaus und erreichten gegen

Mittag die Ambas-Bay, welche in der Mittagssonne sich in ihrer ganzen

Pracht zeigte. Während meiner sämtlichen Reisen hatte ich doch keinen

Platz in Afrika gesehen, welcher dieser Ambas-Bay an Üppigkeit der

Vegetation und Schönheit der Lage gleichkommt. Capetown in Südafrika

ist entschieden auch schön gelegen und würde wohl die Ambas-Bay an

Schönheit übertreffen, wenn nicht dort die Vegetation trotz ihrer

immensen Reichhaltigkeit einen so äußerst dürftigen Charakter tragen

würde. Am Nachmittage ließ ich meine sämtlichen Sachen an Land schaffen

und quartierte mich wieder im Hotel der Ambas Bay Trading Company ein,

das unterdessen bedeutend verbessert worden war, so daß man sich, dank

den Bemühungen des Herrn +Lange+, hier stets sehr wohl fühlte. Zu

meiner großen Freude vernahm ich, daß Herr Geheimrat +Wohltmann+

auch am Tage vorher angekommen sei. Am Nachmittage ging ich dann

noch sofort zum botanischen Garten, um dem Gärtner daselbst die von

mir mitgebrachten Pflanzen und Samen zu überweisen. Die Kickxiasamen

sahen schon recht bedenklich aus, so daß ich befürchtete, sie hätten

trotz der Sorgfalt, mit der ich sie behandelt hatte, ihre Keimfähigkeit

verloren. Leider war dieses auch wirklich der Fall, wie sich bald

herausstellte.

Am Abend kam Herr Bergassessor +Hupfeld+, der Generalbevollmächtigte

des Herrn +Sholto Douglas+, und bat mich, doch noch am selbigen Tage

Herrn Geheimrat +Wohltmann+ aufzusuchen, bei dem ich am Nachmittag

vergeblich vorgesprochen hatte, da sie am nächsten Morgen nach Buëa

aufbrechen wollten. Mit Herrn Geheimrat +Wohltmann+ verabredete

ich nun, daß ich zusammen mit Herrn +Stammler+, dem Leiter der

Moliwe-Pflanzung, nach Buëa nachkommen wolle, um mich dann an einer

Rundreise in den Plantagengebieten des Kamerun-Gebirges zu beteiligen;

ich wäre lieber sofort mit nach Buëa gegangen, um dem Herrn Gouverneur

+v. Puttkamer+ Bericht über die Sanga-Ngoko-Reise zu erstatten, wollte

aber doch erst die Verteilung der Kickxiasamen erledigen, soweit dieses

möglich war.

Am Sonntag, den 7. Januar, ging ich nach Kriegsschiffhafen zu Herrn

+Friederici+, um dort das Resultat der von mir gemachten

Vorschläge betreffs Anpflanzung der Kickxien zu sehen. Zu meiner

großen Freude standen die Pflanzen sehr gut, und, soweit bis dahin

beurteilt werden konnte, bewährten sich die Vorschläge. Es waren beim

Umpflanzen aus den Samenbeeten in den gelichteten Wald eine Anzahl

von Pflanzen zu Grunde gegangen, besonders da, wo sich am Waldrande

zwei scheußliche Unkräuter, eine Convolvulacee und eine Momordica,

zeigten, welche mit großer Geschwindigkeit alles überwucherten und die

kleinen Pflanzen erstickten. Bis dieselben angewachsen sind, wird es

natürlich nötig sein, daß sie einigermaßen rein von Unkraut gehalten

werden, damit letzteres nicht mehr die Oberhand über sie gewinnen kann.

Herr +Friederici+ war mit dem Gedeihen der Pflänzchen durchaus

zufrieden. Die im Samenbeete zurückgelassenen Kickxien hatten sich

natürlich viel besser entwickelt, da sie nicht durch das Umpflanzen

in ihrem Wachstum gestört worden waren; einige derselben hatten eine

Höhe von zwei Fuß erreicht. Eine Rundfahrt in der Kakaoplantage

bewies, daß auch hier die schon günstigen Zustände sich immer mehr

vervollkommneten. Die verschiedensten neuen Anlagen sind geschaffen

worden. Besonders das Vorwerk „Wasserfall“ hatte seinen Anblick sehr

verändert, da die Kakaopflanzen, welche ich damals dort gesehen, nun

zu stattlichen Bäumchen herangewachsen waren, obgleich die spärlichen

Regen, welche während meiner Abwesenheit gefallen, für die

Entwickelung der Anlagen äußerst ungünstig gewesen waren. Am Abend noch

kehrte ich wieder nach Victoria zurück, da ich am 8. Januar früh zur

Moliwe-Pflanzung aufbrechen wollte.

[Illustration: Die „Cyclop-Grotte“ bei Kriegsschiffhafen.]

Mit drei Trägern und meinen beiden Jungen, von denen der eine recht

gut Deutsch verstand, brach ich am 8. Januar früh am Morgen auf. Ich

fühlte mich ganz wohl und marschirte daher mit den Leuten ziemlich

schnell bis zum Limbe-Vorwerk der „Victoria“-Pflanzungsgesellschaft.

Hier befiel mich plötzlich ein starkes Unwohlsein, so daß ich gezwungen

wurde, mich daselbst einige Zeit niederzulegen. Das starke Erbrechen

schien fast ein Zeichen zu sein, daß ich mir ein heftiges Fieber

zugezogen hatte. Doch gegen 2 Uhr am Nachmittag fühlte ich mich wieder

wohl genug, um den Marsch fortsetzen zu können. Wir stiegen auf einem

breiten, noch nicht ganz vollendeten Wege bis Boniadikombe am Fuße

des Gebirges empor und marschirten dann von dort auf einem Waldwege

bis zur Moliwe-Pflanzung, welche wir gegen 4 Uhr erreichten. Herr

+Stammler+, welcher bereits von meiner beabsichtigten Ankunft

benachrichtigt war, hatte schon alles so weit vorbereitet, damit wir

zeitig von Moliwe nach Buëa am nächsten Tage aufbrechen könnten. Ich

fühlte mich infolge des Marsches nach meinem kleinen Fieberanfall noch

nicht recht wohl und ging daher zeitig schlafen, um am nächsten Tage

für den anstrengenden Marsch nach Buëa frisch genug zu sein.

Da es am nächsten Morgen zu regnen begann, verschoben wir unseren

Aufbruch bis um 10 Uhr. Um aber die Zeit bis dahin nicht zu verlieren,

besichtigte ich die Plantage und vor allen Dingen die mit Kickxia

bepflanzten Teile. Herr +Stammler+ war ganz entzückt von den

Resultaten, welche er erzielt hatte. Einige der ausgepflanzten

Bäumchen hatten auch bereits eine Höhe von zwei Fuß erreicht. Fast

möchte ich sagen, die Pflanzen standen hier noch besser als auf der

Kriegsschiffhafen-Plantage. Unkraut kam hier weniger auf, da die

Plantage nicht am Waldrande begann und daher weniger Sonne für die

Unkräuter vorhanden war.

Als der Regen etwas nachgelassen hatte, brachen wir zusammen mit

acht Trägern und unseren Jungen nach Boniadikombe auf. Von dort aus

schlugen wir einen schmalen Pfad ein, welcher uns durch teilweise

kultiviertes Gebiet und durch einige Dörfer hindurch, allmählich

am Abhange des Gebirges ansteigend, oberhalb Bomana in den breiten

Victoria-Buëa-Weg brachte. Gegen 1 Uhr erreichten wir ein Hotel,

welches von einem unternehmenden Sachsen an der Buëa-Straße aufgebaut

ist, um den ermüdeten Wanderern etwas Rast und Erfrischung zu

bieten. Da Herr +Stammler+ mit dem Besitzer dieses Hotels so

wie so verschiedenes Geschäftliche abzumachen hatte (der Grund, auf

welchem es aufgebaut ist, gehörte noch zur Moliwe-Pflanzung), so

gaben wir unseren Leuten eine Stunde Ruhe, während welcher wir uns

zum Mittagessen niedersetzten. Von dem Hotel „Sachsenhof“ bis zum

Rande des Buëa-Plateaus hatten wir noch etwas über eine Stunde zu

marschieren. Selten war mir ein Marsch so schwer geworden als dieser;

offenbar hatte ich meinem nicht wieder ganz hergestellten Körper zu

viel zugemutet, denn auch für einen gesunden Menschen ist dieser

Marsch bis Buëa hinauf nicht gerade ein leichter Spaziergang. Sobald

wir auf dem Plateau waren, fühlte ich frischen Mut. Schon nach kurzer

Zeit sahen wir Buëa vor uns liegen und kamen endlich um 5 Uhr auf der

Station selbst an. Hier bekamen wir von Herrn +Leuschner+ unsere

Zimmer wieder im Rekonvaleszentenhause angewiesen, wo wir uns denn

gleich tüchtig reinigten und umzogen, denn von dem Marsche auf der

staubigen Straße (es hatte zwischen Bomana und Buëa am Morgen nicht

geregnet) waren wir von oben bis unten beschmutzt. Zum Abend waren wir

von Herrn Gouverneur +v. Puttkamer+ zum Essen eingeladen. Bei

dieser Gelegenheit äußerte sich Herr Gouverneur +Köhler+ von Togo,

welcher nach Kamerun berufen war, um den bald zur Erholung nach Europa

zurückkehrenden Herrn Gouverneur +v. Puttkamer+ zu vertreten,

daß er mich auch in Togo in jeder Weise unterstützen würde, falls

ich, den von Herrn Geheimrat +Wohltmann+ und Herrn Bergassessor

+Hupfeld+ gemachten Vorschlägen folgend, auch eine kurze Bereisung

des Misahöhe-Bezirkes unternehmen würde. Damals konnte ich mich noch

nicht sicher für die Sache entscheiden, doch war schließlich das

Versprechen des Herrn Gouverneurs +Köhler+ der Hauptgrund, welcher

mich veranlaßte, wirklich später zuzusagen.

Herr Geheimrat +Wohltmann+, Herr Bergassessor +Hupfeld+ und Herr

+Stammler+ brachen bereits am nächsten Morgen auf, um nach der

Lisoka-Plantage zu gehen, wo ich mit den Herren am folgenden Tage

zusammenzutreffen versprach, da ich Herrn Gouverneur +v. Puttkamer+

noch Bericht über die Sanga-Ngoko-Reise erstatten wollte.

Den Verabredungen gemäß brach ich am 11. Januar von Buëa auf, um Herrn

Geheimrat +Wohltmann+ nach Lisoka zu folgen. Auf einer breiten, schönen

Straße, wie sie Herr +Leuschner+ nach allen Richtungen von Buëa aus

innerhalb seines Bezirkes hat anlegen lassen, stieg ich langsam von dem

Buëa-Plateau herab und erreichte nach etwa 1½ Stunden das wundervolle

Lisoka-Plateau, welches etwa 100 m unterhalb des Buëa-Plateaus liegt,

also in einer Höhe, welche noch für Kakaobau geeignet ist. Das Plateau

ist hauptsächlich mit Elefantengras bedeckt, in welchem sich kleinere

Komplexe von Wald und vor allen Dingen viele einzeln stehende Bäume

befinden, welche dann bei den Kakaokulturen gerade genügend Schatten

für die Anlagen spenden. Bei dem Dorfe Moliko zweigte sich der Weg

zur Plantage von dem Wege ab, welcher über Malende nach Mundame

führt. In der Umgebung des Dorfes Moliko sah ich, kurz bevor ich die

Lisoka-Plantage erreichte, an den größeren Baumstämmen Kautschuklianen,

deren Früchte von den Eingeborenen als „Maniongo“ gegessen werden. Die

Exemplare waren aber alle derartig von den Messern der Eingeborenen

(Baquiris) bearbeitet, daß die herausträufelnde Milch eben noch für

mich genügte, festzustellen, daß diese Art einen brauchbaren Kautschuk

liefere. Offenbar ist dies dieselbe Pflanze, welche durch Dr. +Preuß+

bereits als kautschukliefernd bezeichnet wurde. Als ich um 12 Uhr auf

der Plantage eintraf, war kein Europäer anwesend. Die Eingeborenen,

welche ich beim Hause fand, gaben an, daß die Europäer in einiger

Entfernung augenblicklich dabei seien, eine neue Anlage zu schaffen,

und liefen sogleich, um jemand herbeizurufen. Um 1 Uhr erschienen

auch die zwei Herren, welche sich als Angestellte der Lisoka-Plantage

vorstellten und mir mitteilten, daß Geheimrat +Wohltmann+ und die

übrigen Herren, welche unter Führung des Leiters der Plantage, Herrn

+Hilfert+, die weiter gelegenen Gelände der Plantage zu besichtigen

gegangen seien, gegen Abend zurückzukommen versprochen hätten.

Am Nachmittage streifte ich nun auf dem Gebiete der Plantage umher und

hatte die Freude, zu sehen, daß hier viel Landolphien vorhanden seien.

Herr +Hilfert+ hatte Samen dieser Art ausgesät und ging mit der

Absicht um, später die jungen Pflänzchen am Fuße der Schattenbäume

auszusetzen. Der Kautschuk, welchen diese Art liefert, ist vorzüglich.

Die Milch koaguliert sehr leicht und schnell sowohl durch einfache

Erwärmung als auch durch Einfluß der Luft. Ich sammelte einige Früchte,

um dieselben mit nach Victoria hinunterzunehmen, wo die Samen im

botanischen Garten ausgesät werden sollten.

Gegen Abend trafen auch die abwesenden Herren ein. Es wurde nun

beschlossen, am nächsten Tage früh von Lisoka aufzubrechen, um über

Boanda und Buenga nach der Moliwe-Pflanzung den Berg hinabzusteigen.

Um 6 Uhr wurden die Anstalten zum Aufbruch begonnen; doch kamen wir

nicht vor 8½ Uhr fort, da noch vieles zu regeln war und viele Lasten

wieder gepackt werden mußten, außerdem die Leute mit dem Abbrechen

des großen Zeltes, welches Herr Geheimrat +Wohltmann+ von Buëa

mitgenommen, noch nicht Bescheid wußten. Unsere Kavalkade bestand aus

fünf Europäern (Herrn Geheimrat +Wohltmann+, Bergassessor +Hupfeld+,

Herrn +Stammler+, Herrn +Hilfert+ und meiner Person) und gegen 20

Eingeborenen. Herr Geheimrat +Wohltmann+ und Herr +Hilfert+ waren

beritten. Das Dorf Moliko ließen wir rechts liegen und marschierten

quer durch das Plantagengebiet, bis wir die Moliko-Muëa-Straße

erreichten. Der Weg von Moliko bis zum Muëa-Marktplatze war vollständig

eben und führte durch dieselbe Parkland-Formation, wie sie bei Lisoka

so verbreitet ist. Vom Muëa-Marktplatze, auf welchem übrigens, noch vom

letzten Markte herrührend, große Mengen von Schalen der Landolphia-

(Manyongo-) Früchte umherlagen, führte der Weg mehr nach der Seeküste

zu. Langsam stiegen wir tiefer hinab. Hier und dort zeigte sich

zunächst häufiger Buschwald, aber doch noch recht viel Elefantengras.

Das Terrain, über welches wir marschierten, bestand ausschließlich aus

verwittertem Basalt, war also sehr fruchtbar. Hin und wieder traten

steinigere Stellen ein, besonders an abschüssigem Terrain, wo der Regen

die Humusschichten herabgespült hatte. Besonders häufig wurden diese

steinigen Stellen, nachdem wir den Minya-Bach passiert hatten. Herr

+Stammler+, welcher eine Stunde vor uns von Lisoka abmarschiert war,

um die rechten Wege zu erkunden, wartete bereits einige Zeit auf uns,

als wir gegen 10 Uhr im Dorfe Bomaka eintrafen. Von Bomaka bis Boanda,

einem größeren Dorfe, hatten wir bloß einen Marsch von einer halben

Stunde über ein zum Teil fruchtbares, wenig abfallendes Terrain. In

Boanda, für welches wir eine Höhe von etwa 450 m über dem Meeresspiegel

konstatierten, machten wir eine längere Ruhepause, um Mittag zu essen.

Hier sahen wir übrigens einige Kokospalmen, die hier wohl die Grenze

der Höhe erreicht haben dürften, in der sie noch gedeihen.

Um 12 Uhr brachen wir wieder auf. Der Weg von Boanda über Bokoba bis

Dibanda war nicht schlecht und das Terrain teilweise noch gut; doch

dann fiel der Berg ziemlich steil bis Buenga ab. Das Maultier, welches

Herr Geheimrat +Wohltmann+ geritten, konnte nur mit größter Mühe

und Vorsicht hinabgeführt werden. Herr +Hilfert+ kehrte von

hier nach Lisoka zurück, um nicht seinem Pferde den Abstieg auf dem

steilen Wege zuzumuten; außerdem war es schon 3 Uhr am Nachmittage,

und er hatte einen weiten Weg vor sich, wenn er noch vor Nacht in

Lisoka eintreffen wollte. In dem Walde, welcher nun das ganze Terrain

bedeckte, fand ich auch wieder Landolphien, doch von Kickxia war

nichts zu sehen. Es wäre mir besonders lieb gewesen, wenn ich die

Kickxia auch in Basaltboden hätte nachweisen können. Da wir in Dibanda

keinen Führer bekommen konnten, welcher uns bis Fuë führen sollte,

so meldeten sich schließlich drei Weiber dazu, welche für sich ein

kleines Geschenk beanspruchten. Allein fürchtete sich eine jede mit

uns zu gehen. Der Abstieg von Dibanda bis Fuë, welchen wir in etwa

1¼ Stunden zurücklegten, betrug etwa 200 m. Von Fuë bis Buenga-Dorf,

zum Unterschiede von Buenga-Markt, welches an der Küste an den Creeks

liegt, die von N’Bamba zum Mungo führen, nahm der Marsch nur eine halbe

Stunde in Anspruch. Unser Barometer gab für Buenga 190 m Höhe an. Da

es zu spät war, um noch bis Moliwe weiter zu marschieren, so wurde

beschlossen, in Buenga Nachtquartier zu machen. Für Herrn Geheimrat

+Wohltmann+ wurde das Zelt aufgestellt. Wir übrigen Europäer

ließen unsere Feldbetten in einem geräumigen Hause der Eingeborenen

aufstellen. Da wir heute einen langen Marsch hinter uns hatten und auch

am nächsten Tage sehr zeitig weitermarschieren wollten, so begaben

wir uns bald zur Ruhe, trotz des herrlichen, mondhellen Abends. Die

Togo-Leute, welche Herr +Stammler+ als Träger mitgenommen, führten

noch bis tief in die Nacht hinein unter großem Lärm Tänze auf, welche

uns doch nicht abhalten konnten, sehr bald fest zu schlafen.

Gegen 7½ Uhr setzte sich unsere Karawane wieder in Bewegung. Der Weg

war so steinig, daß wir mit unseren schwerbepackten Trägern langsamer

marschieren mußten. Viele Strecken dieses Terrains dürften infolge des

mit Basaltgeröll zu stark durchmischten Bodens für Kakaopflanzungen

ungeeignet sein. Unsere Reiseroute ging von Buenga in ziemlich direkter

Richtung auf das Haus der Moliwe-Pflanzung zu, auf deren Gebiete

wir uns bereits befanden. Da wir in rechtem Winkel zur Richtung der

Wasserläufe vorgingen, welche vom Gebirge kamen, so hatten wir eine

ziemliche Zahl von Bächen zu durchschreiten, welche sich übrigens

alle durch sehr felsige Läufe und kristallklares, sehr kaltes Wasser

auszeichneten. Der Ombe war der bedeutendste derselben. Wir passierten

ihn dicht hinter dem Dorfe Bonjo, einem kleinen, unbedeutenden Weiler,

welcher von Baquiris bewohnt wird. Vom Ombe-Flusse ab änderte sich

die Gestaltung der Bodenverhältnisse allmählich wieder. Das Geröll

verschwand mehr und mehr und hörte endlich wieder ganz auf, als wir

den Moliwe-Bach überschritten hatten, um nunmehr in ein herrliches,

fruchtbares Thal überzugehen, in welchem Herr +Stammler+ sich

angebaut hatte. Herr Geheimrat +Wohltmann+ und Herr +Hupfeld+

waren beide sehr angenehm überrascht, als wir uns plötzlich in der

Plantage befanden, deren Lage und Stand der Kulturen bei weitem die

Erwartungen überstieg, welche beide Herren gehegt hatten.

Westafrikanische Kautschuk-Expedition · 第 14 / 32 段