Wieder verhinderten uns starke Nebel am 3. November, vor 9 Uhr

aufzubrechen. Wir verfolgten einen Kurs, welcher von dem, welchen wir

mit dem „Major Cambier“ bei der Fahrt flußaufwärts eingeschlagen,

etwas abwich. So kam es, daß wir auch heute gegen Mittag wieder ein

Dorf erreichten, von dem ich vorher auch nichts gehört hatte. Unserem

Kapitän war es wohlbekannt, da er dort bereits häufiger Holz gekauft

hatte. Auch diesmal versuchten wir wieder, einiges zu erhalten. Nach

langem Feilschen willigten die Dorfbewohner schließlich ein, uns etwas

von ihrem Vorrate abzulassen. Das Dorf lag an einem kleinen, dicht mit

Wassergras, Pistia, Azolla und Utricularia bedeckten Creek, welcher,

wie mir die Eingeborenen erzählten, weit aus dem Innern kommt, wo

viele Nilpferde (Ngubos) seien; nur bei sehr hohem Wasserstande sei es

möglich, dort hinzukommen. Die Leute waren äußerst mißtrauisch. Gegen

Abend setzten wir unsere Fahrt dann fort. In der Nähe des Platzes,

welchen wir zum Nachtlager erkoren hatten, fand ich viel Landolphien,

welche guten Kautschuk gaben. Auch hier wurden wir von den Moskitos arg

zugerichtet. Da der Fluß nur wenig Abwechselung bot und der Dampfer

nur langsam vorwärts kam, fing die Fahrt an, uns beiden Passagieren

äußerst langweilig zu werden. Nicht einmal ein Nilpferd oder ein

Krokodil ließ sich sehen; außerdem regnete es sehr häufig, so daß wir

uns nicht selten recht ungemütlich befanden. Weiße Edelreiher waren die

einzigen Tiere hier, welche einen Schuß Pulver wert gewesen wären; doch

diese verschwanden immer wieder, bevor wir uns auf Schußweite nähern

konnten, denn die Maschine unseres Dampfers verursachte einen solchen

Lärm, daß alle Tiere verscheucht werden mußten. Gegen Mittag langten

wir an einem Dorfe an, welches an einem breiten Arm des Sanga gelegen

war, der dem Kapitän und mir bis dahin unbekannt war. Da das Fahrwasser

günstig schien und wir vermuteten, sehr bald wieder in den alten Kurs

zurückzukommen, ließ sich der Kapitän bewegen, in diesen Arm des

Flusses einzufahren. Obgleich wir bis gegen Anbruch der Dunkelheit

fuhren, war doch noch keine Gelegenheit gewesen, in den Hauptstrom

zurückzukehren. Wir wären eventuell wieder umgekehrt, wenn wir nicht

aus der stark ablaufenden Strömung ersehen hätten, daß wir uns immer

noch im Sanga befanden. Von einer so großen Insel, wie wir sie hier

offenbar an unserer Seite hatten, war im Sanga gar nichts bekannt. Sehr

neugierig wurden wir schließlich, doch zu wissen, wo wir endlich wieder

in uns bekannte Gegenden kommen würden; der nächste Tag mußte ja diese

Frage lösen. Natürlich war auch die Gefahr vorhanden, daß wir infolge

schlechter Wasserverhältnisse umkehren müßten, wir hätten dann zwei

Tage Zeit verloren. Am nächsten Tage dampften wir schon zeitig ab, da

wir doch alle gespannt der Dinge harrten, welche nun kommen würden.

Das Fahrwasser war gut. Jede neue Biegung zeigte uns dasselbe Bild, zu

beiden Seiten hoher Urwald, durch den diese prachtvolle Wasserstraße

führte. So fuhren wir in diesem Kanal des Sanga hin, bis wir endlich

zu unserer Freude gegen Mittag den Hauptstrom wieder vor uns sahen.

Wie sich herausstellte, hatten wir durch diese Fahrt eine bedeutende

Verkürzung der Route erreicht, denn die Ausmündung des Kanales lag in

nicht großer Entfernung der Mündung des „Likuala aux herbes“ und war

bisher stets als eine Mündung eines Nebenflusses des Sanga betrachtet

worden. Gegen 4 Uhr erreichten wir die Mündung des „Likuala aux

herbes“ und machten dann nach etwa noch einstündiger Fahrt Halt, um

den Leuten Zeit zu geben, für den Dampfer genügend Holz zu schlagen.

Im Walde waren hier nur wenige Kautschuklianen zu sehen. Erst gegen

9 Uhr konnten wir am nächsten Tage fort, da wir nicht genügend Holz

hatten, denn, da keine richtige Aufsicht über die Leute existierte,

so benutzten dieselben natürlich auch jede Gelegenheit, um möglichst

zu faulenzen. Die Savannen waren schon seit gestern immer häufiger

geworden und waren heute sogar an der Likuala-Seite vorherrschend.

Gegen Mittag erreichten wir die Mündung des Likensi-Kanales. Hier

hatten wir noch das Glück, zu sehen, wie vier Eingeborene in zwei

kleinen Canoes ein Nilpferd, welches sie offenbar bereits vorher

verletzt hatten, harpunierten. Es war erstaunlich, daß das geängstigte

Tier nicht die Canoes umwarf. Kurz nach 1 Uhr trafen wir dann glücklich

wieder in Bonga ein.

Wir hatten gehofft, in Bonga einen Holzvorrat zu finden, der es uns

ermöglichen würde, am nächsten Morgen gleich weiterzufahren, hatten

uns hierin aber getäuscht. Während des folgenden Tages mußte daher

die ganze Schiffsbesatzung für einen neuen Holzvorrat sorgen, da wir

im Congo voraussichtlich Schwierigkeiten haben würden, die nötigen

Holzmengen ohne großen Zeitverlust zu beschaffen. Ich hatte in Bonga

noch einiges zu ordnen und benutzte dann den Rest der Zeit dazu, eine

Exkursion zu machen, bei der ich aber nichts Neues entdecken konnte.

Kurz nachdem wir am 8. November morgens Bonga verlassen hatten, um nun

nach dem Congo zu fahren, trafen wir den „M’Fumuntango“, einen größeren

Dampfer des holländischen Hauses. Unser Kapitän, welcher gern derartige

Gelegenheiten benutzte, sich eine kleine Abwechselung zu gestatten,

ließ an Land anlaufen und ging dann an Bord des „M’Fumuntango“, um

sich nach Neuigkeiten zu erkundigen. Auf dem Dampfer befand sich der

Gouverneur des Congo français, welcher mit seinem ganzen Stabe auf

einer Reise nach dem Ubangi begriffen war. Unser Kapitän, welcher

wohl hier eine Gelegenheit gefunden zu haben glaubte, sich besonders

auszeichnen zu können, benutzte einen Fieberanfall seines Kollegen

zum Vorwande, um unseren Dampfer, welcher hier nur leicht an einer

Grasbank durch einen Anker befestigt war, im Stiche zu lassen, und nun

den „M’Fumuntango“ nach Bonga zu führen, obgleich sich auf demselben

noch ein zweiter Kapitän für etwaige Notfälle befand. Da wir noch in

Sicht von Bonga waren, meiner Ansicht nach ein ebenso überflüssiger

wie gewagter Schritt, denn es war deutlich zu sehen, daß wir innerhalb

der nächsten Stunde einen starken Tornado zu erwarten haben würden.

So geschah es nun auch, daß der äußerst lose befestigte Dampfer ohne

Führung diesem Sturme preisgegeben wurde. Wenn wir losgerissen worden

wären, so wäre der Dampfer rettungslos verloren gegangen, denn seine

Steuermaschine fungierte sogar in der gewöhnlichen Strömung kaum und

wäre beim Tornado vollends nutzlos gewesen. Als der Sturm ausbrach,

ließ ich einen zweiten Anker, welcher glücklicherweise an Bord war,

vom hinteren Teile des Dampfers nach dem Ufer hinüberlegen und dann

den Dampfer soweit als möglich an die Grasbank heranziehen, so daß

er etwas sicherer lag und vom Sturme weniger zu leiden hatte. Als

der Tornado vorüber war, wäre es Zeit gewesen, daß der Kapitän hätte

wieder zurückkommen können, doch schien es diesem in Bonga so gut zu

gefallen, daß er auch am Abend noch nicht zurückkehrte. Gegen 11 Uhr

am nächsten Tage erschien ein Canoe von Bonga, welches von dem Chef de

Poste daselbst geschickt war, um drei von einer französischen Firma

entlaufene Bangalas, welche der Kapitän engagiert hatte, zurückzuholen.

Von ihm selbst war noch nichts zu sehen. Erst um 2 Uhr erschien er,

sehr vergnügt über die Unterbrechung, welche ihm die Rückreise nach

Bonga gestattet hatte. Nun hatte er natürlich Eile, fortzukommen,

um das Versäumte nachzuholen. Da ich den Maschinisten aufgefordert

hatte, einen gewissen Dampfdruck zu halten, damit wir sogleich nach

Ankunft des Kapitäns abfahren könnten, waren wir schon kurz nach 2

Uhr in der Lage, abdampfen zu können. Zwischen den Inseln und dem

Festlande fuhren wir stromab. Man wußte nie recht, ob man sich hier

noch im Sanga oder im Congo befände, da die davor gelagerten Inseln

gewissermaßen die Scheide zwischen Congo und Sanga bilden, während

andererseits durch den Kanal von Likensi das herunterkommende Wasser

des Congo bei Bonga vorbeifließt. Die Mündung des Likuala, welcher mit

dem „Likuala aux herbes“ nichts zu thun hat, passierten wir gegen 3

Uhr und gelangten dann kurz darauf in den wahren Congo, welcher dort

gerade ein recht typisches Bild darbot mit seiner breiten Wasserfläche

und den unzähligen Inseln. Als die Sonne sank, gelang es uns, in dem

Gewirr von Inseln noch eben einen Platz zum Anlegen für die Nacht zu

erreichen; Holz gab es hier allerdings nicht, so daß sich wohl bald

wieder Mangel bei uns einstellen mußte. Erst gegen 10 Uhr ließ der

Kapitän am nächsten Tage abfahren. Da ich in Eile war, nach der Küste

zur rechtzeitigen Abfahrt eines Dampfers zu kommen, um möglichst wenig

Zeit zu verlieren, war mir dieses doppelt unangenehm. Da wir zwischen

den vielen Inseln auch nicht einen direkten Kurs einhalten konnten, so

war unser Fortschritt nur ein sehr langsamer. Ein Tornado, welcher am

Nachmittage heraufzog, zwang uns, an einer Sandbank Schutz zu suchen.

Da das Wetter noch lange Zeit sehr drohend aussah, konnten wir auch

im Laufe des Nachmittags nicht weiterfahren. Nilpferde gab es nur

sehr spärlich, aber desto mehr Schlangenhalsvögel und weiße Reiher.

Ich unternahm noch am Nachmittage eine Canoefahrt zwischen den Inseln

hindurch, um zu versuchen, ob ich nicht irgendwo in den Wald eindringen

könnte, mußte diesen Versuch aber bald aufgeben, da die sämtlichen

Wälder überschwemmt waren. Am nächsten Tage fuhren wir kurz nach 6 Uhr

ab. Gegen 8 Uhr trafen wir bei der belgischen Station Bolobo ein, wo

wir uns wieder tüchtig mit Hühnern versehen konnten. Ich wollte mir

die Station näher ansehen und erkundigte mich nach dem Kommandanten.

„Er sei mit 50 Soldaten ins Innere gezogen, um die Eingeborenen zu

lehren, wie Kautschuk gemacht werde“, erhielt ich zur Antwort. Auf

einer kleinen Streiferei sah ich auch hier ein Exemplar der Kickxia

latifolia. Nachdem wir unsere Einkäufe beendet (wir hatten etwa 50

Hühner gekauft), dampften wir weiter. Bei einem kleinen Holzposten

unterhalb der Station liefen wir an, da der Kapitän glaubte, von dem

den Posten verwaltenden Eingeborenen Holz kaufen zu können. Derselbe

gehorchte aber seinen Instruktionen genau und gab kein Holz ab.

Wir hielten uns nun gar nicht weiter auf, sondern suchten sogleich

nach einem Platze, wo wir genügend Holz finden würden, daß es sich

verlohnte, daselbst schlagen zu lassen. Nach etwa halbstündiger

Fahrt legten wir für einige Zeit an, bis wir uns überzeugt hatten,

daß es sich nicht verlohne, hier weiter Holz schlagen zu lassen. An

dem Abend desselben Tages erreichten wir gegen 6 Uhr die englische

Missionsstation Chumbiri, welche wir aber von Europäern verlassen

fanden. Kurz nach uns traf der Missionsdampfer „Peace“ ein, welcher

von Herrn +Grenfell+, dem bekannten Congo-Forscher und Entdecker

der Ubangi-Mündung, geführt wurde. Sehr interessante Neuigkeiten sowie

verschiedenes über seine letzte Reise gab dieser noch immer äußerst

rüstige alte Missionar und Forscher an jenem Abend zum besten. Am 12.

November kamen wir nun endlich einmal wieder schon um 6 Uhr fort,

allerdings auch nur, um wieder eine kurze Fahrt zu machen, denn schon

um 9 Uhr wurde abermals angehalten, da unser Holzvorrat nun völlig

erschöpft war. Ich bestieg, während Holz geschlagen wurde, einen

der bewaldeten Hügel in der Nähe, fand aber keine Landolphien dort,

wie ich eigentlich erwartet hatte. Von dieser Anlegestelle bis zur

Mündung des Kassai hatten wir nur eine sehr kurze Fahrt. Gegenüber der

Kassai-Mündung hatte das holländische Haus auch eine Faktorei bei dem

Dorfe Bokabo, wohin wir nun zunächst unsern Kurs richteten. Kurz nach

dem Essen langten wir vor der Faktorei an. Ein sehr netter, junger

Holländer, welcher der Faktorei vorsteht, führte mich am Nachmittage

in der Umgebung umher, wo er einiges Interessante für mich zu finden

glaubte. Savannen wechselten hier mit Urwald ab, erstere häufig durch

Sümpfe unterbrochen. An sandigen, sonnigen Stellen im kurzen Grase

sah ich hier den Wurzelkautschuk wachsen, von dem die Bateke auch

schon anfangen sollen, Kautschuk zu bereiten. Da es unser Kapitän

mit der Zeit offenbar nicht sehr eilig hatte und am nächsten Tage in

Bokabo liegen blieb, so benutzte ich diesen gezwungenen Aufenthalt

dazu, die Umgebung näher zu untersuchen. Wurzelkautschuk war ziemlich

reichlich vertreten, verschwand aber sofort, wenn das Terrain weniger

sandig und feuchter wurde. Auf den Bäumen in den Wäldern wie auch

auf einzeln stehenden Bäumen, häufig der prallen Sonne ausgesetzt,

wuchs hier eine Orchidee, welche allerdings nicht in Blüte war, doch

noch an vertrockneten Blüten, welche sich in den Blattachseln fanden,

leicht erkennen ließ, daß man es mit dem offenbar seltenen Angraecum

ichneumoneum zu thun hatte. Auch eine Bossassanga-Art sah ich hier zum

ersten Male, welche wohl für die Wissenschaft neu sein dürfte.

[Illustration: +Kickxia latifolia Stapf.+

A Zweigstück, B Knospe, C Blüte, D dieselbe von oben, E Kelchblatt von

innen, F Längsschnitt durch die Blüte, G Antheren, H Fruchtknoten mit

Griffel.]

Bis zu dieser Faktorei bei Bokabo kommen die Bateke aus dem Innern

des Congo français, um ihren Kautschuk zu verkaufen. Am Nachmittage

erschienen auch wieder einige, welche wenige Zähne Elfenbein und einige

Taschen voll Kautschuk brachten. Der Kautschuk war in große Kugeln

geformt, welche einen ziemlich reinen Schnitt zeigten, aber doch viele

Hohlräume besaßen. Nach Angaben der Leute stammte er von Landolphien

her. Diese Bateke hatten eine interessante Haarfrisur. Die nach dem

Scheitel zusammengekämmten Haare waren zu einem langen, stumpfen Kamme

zusammengeflochten, welcher sich von der Stirn zum Hinterkopfe zog.

Da von seiten dieser Faktorei oberhalb des Dorfes Bokabo Holz für

passierende Dampfer des holländischen Hauses geschlagen wird, so

beschloß unser Kapitän, dorthin zu fahren, um sich mit Holz zu

versehen. Am Morgen des 14. November dampften wir ab, nun wieder

stromauf. Um die Strecke bis zu dem Holzposten zurückzulegen, wozu

ein Canoe gewöhnlich 1 bis 1½ Stunden gebraucht, waren wir drei

Stunden auf der Fahrt. Erst gegen 1 Uhr war dann das Holz auf dem

Dampfer verstaut, so daß wir an die Weiterreise denken konnten. Auf

der Rückfahrt hielten wir noch bei der Bokabo-Faktorei an, um Post

nach Brazzaville mitzunehmen, dann setzten wir ohne Unterbrechung die

Fahrt bis 4 Uhr nachmittags fort. Die „Marie“, ein kleiner Dampfer

eines französischen Hauses, kam vor uns den Strom hinauf. Das gab nun

natürlich dem Kapitän unseres Dampfers wieder Grund, anzuhalten, um

zu gleicher Zeit mit dem Kapitän der „Marie“ für den Rest des Tages

sich festzulegen. Unsere Fahrt nach dem Stanley-Pool, die ja schon

allerdings eine sehr langsame war, wurde auf diese Weise immer mehr

verlängert. Am 15. November ereilte uns nun gar erst das Unglück.

Wir hatten den Dampfer „Brazzaville“ getroffen und natürlich wieder

für einige Zeit die Fahrt unterbrochen. Der Kapitän kam schließlich

in ziemlich benebeltem Zustande wieder zurück und ließ die Fahrt

fortsetzen. Ich machte ihn damals schon auf einen heraufziehenden

Tornado aufmerksam, welcher in Kürze ausbrechen mußte. Er lachte nur

und behauptete, dagegen mit der „Holland“ anfahren zu können. Der

Tornado brach bald darauf aus und trieb den Dampfer, welchen er wie

eine Feder erfaßte, gegen Felsen und Baumstämme, so daß wir ein großes

Leck erhielten und sich die ganzen unteren Räume im Vorderteile des

Schiffes bald mit Wasser füllten. Zu unserem Glücke wurden wir dann

gegen eine Sandbank aufgetrieben, so daß wir gerettet waren.

Den Nachmittag sowohl des 15. November wie den ganzen Vormittag des

nächsten Tages dauerten nun die Reparaturen, welche glücklicherweise an

Ort und Stelle ausgeführt werden konnten. Unsere Fracht, welche nicht

leicht verderben konnte, denn sie bestand fast nur aus Elfenbein, mußte

ausgeladen und an Land gebracht werden. Ich benutzte wieder diesen

Zwischenfall zu Streifereien in den Wäldern, um nach Kautschuk zu

fahnden. Landolphia owarilusis war ziemlich verbreitet, außerdem noch

eine windende Carpodinusart, welche keinen Kautschuk gab. Von einer

kleinblütigen Landolphie fand ich im Walde noch auf dem Boden Blüten,

konnte der Pflanze selbst aber nicht habhaft werden, obgleich ich lange

danach suchte.

[Illustration: +Landolphia owariensis P. Beauv.+

A Blühender Zweig, B Knospen, C Blüte, D Längsschnitt durch dieselbe, E

Längsschnitt durch den Fruchtknoten, F Griffel, G Anthere von vorn, H

dieselbe von der Seite.]

Endlich nach 2 Uhr konnten wir die Fahrt fortsetzen. Die hügeligen, zum

großen Teile bewaldeten Ufer boten einen recht pittoresken Anblick dar

mit ihren häufig steil abfallenden Wänden. Am Ufer des Stromes dehnten

sich mächtige Sümpfe aus, welche großen Scharen von Vögeln Schutz

boten. Gegen Abend legten wir uns mit einbrechender Dämmerung wieder

am Ufer fest. Der 17. November endlich brachte die Erlösung von dieser

furchtbaren Reise. Da wir früh aufgebrochen, fuhren wir schon gegen 9

Uhr im Stanley-Pool ein und kamen endlich gegen Mittag in Brazzaville

bei der Hauptfaktorei des holländischen Hauses an. Noch an demselben

Nachmittage fuhr ich nach Kinchassa hinüber. Dort besuchte ich noch

Herrn Dr. +Briart+ und Herrn +Vaalbroek+, um mich von diesen

Herren zu verabschieden. Hier entlief mir auch mein Bangala-Diener,

welcher wohl glaubte, daß ich ihn zu weit von seiner Heimat wegführe.

Am 19. November siedelte ich darauf zur Station Dolo über, welche

nunmehr nach der sandigen Ebene hinter der ehemaligen alten Station

verlegt worden war. Ich hatte so Gelegenheit, noch einmal die

Wurzelkautschuk-Pflanze zu sehen, und ließ einige hundert Früchte

derselben sammeln, um sie zunächst einmal nach Kamerun überzuführen.

Meine Kickxiasamen, welche ich in der letzten Zeit häufig

durchgetrocknet hatte, waren hier noch in gutem Zustande. In der Nacht

gab es wieder Scharen von Moskitos.

Am 20. November brachte mich die Eisenbahn, nach einer ziemlich

interessanten Fahrt, über die nun in vollem Blütenflor stehenden

Savannen nach Tumba, wo wir Passagiere des Zuges wieder für die Nacht

Quartier suchen mußten. Am 21. November traf ich dann gegen Abend in

Matadi ein. Da ich schon gehört hatte, daß Kapitän +Jensen+,

welcher mich im Februar nach Lagos gebracht hatte, hier mit der

„Leopoldville“ liege, um über Lagos und Sierra Leone nach Antwerpen zu

fahren, so ging ich zu ihm an Bord. Da der Dampfer eigentlich keine

Passagiere vor seiner Abfahrt annahm, so lud mich Kapitän +Jensen+

ein, bis zur Zeit der Abfahrt sein Gast zu sein.

Am 24. November verließ die „Philippeville“ Matadi und fuhr, ohne

sonstwo anzulaufen, bis Boma, wo wir nach dreistündiger Fahrt

eintrafen. Da keine wichtigeren Telegramme in Lagos aufzugeben waren,

konnte die „Philippeville“ dort nun doch nicht anlaufen, denn sie würde

sonst zu spät in Antwerpen eingetroffen sein. Ich beschloß daher, in

Banana auf den englischen Dampfer zu warten, welcher bereits seit

einiger Zeit erwartet wurde. Mit diesem konnte ich allerdings nicht

anders nach Kamerun kommen, als daß ich die ganze Reise bis Angola

hinunter machte. Für meine Kickxiasamen war das sehr ungünstig, denn

wenn ich mit der „Philippeville“ nach Lagos hätte fahren können, so

wäre ich einen ganzen Monat früher in Kamerun eingetroffen.

In Boma machte ich noch Abschiedsbesuch bei Herrn Gouverneur

+Vanghermé+, um mich daselbst auch für die Unterstützung zu

bedanken, welche ich auf meinen Reisen seitens des Congostaates

erhalten hatte.

Am 25. November verließ der Dampfer Boma, um nach vier Stunden in

Banana einzutreffen. Hier entdeckte ich beim Ausschiffen meiner Lasten,

daß ein Kolli mit getrockneten Pflanzen abhanden gekommen sei. Alles

Suchen half nichts. Offenbar war das Paket auf der Eisenbahn verloren

worden; ich stellte natürlich sofort die nötigen Nachforschungen an.

In Banana quartierte ich mich in dem „Hôtel des Magasins Généraux“ ein,

einem am Meere gelegenen Gebäude, welches infolge der angenehmen Brise,

welche mehr oder minder beständig hier weht, für Rekonvaleszenten

als Aufenthaltsort sehr zu empfehlen ist. Die ganze Einrichtung war

allerdings nicht vom allerbesten, doch gab sich der Verwalter die

größte Mühe, seinen Gästen den Aufenthalt so angenehm wie möglich zu

machen. Der Aufenthalt in Banana wäre furchtbar langweilig gewesen,

da man keine Exkursionen machen konnte, weil der Dampfer stündlich

erwartet wurde, wenn nicht noch Herr Dr. +Sucaro+ aus Leopoldville

und der englische Missionar Mr. +Forfeit+ mit seiner Gemahlin

anwesend gewesen wären. In dieser angenehmen Gesellschaft verging

uns die Zeit schnell genug. Ich hatte außerdem mit dem Lüften meiner

Samenkisten und dem Durchtrocknen meiner Lasten immer mehr oder minder

zu thun.

Erst am 7. Dezember erschien endlich der langersehnte Dampfer „Niger“,

welcher mich hier erlösen sollte. Um besser Erkundigungen betreffs

meines verlorenen Pflanzenpakets anstellen zu können, machte ich

die Reise nach Matadi noch einmal. Der Directeur d’Exploitation der

Eisenbahn, Herr +Levi+, gab sich die größte Mühe, dasselbe für

mich zurückerlangen zu können. Solange wir in Matadi waren, allerdings

ohne Erfolg; doch erhielt ich dann später in Kamerun die Nachricht,

daß das Paket gefunden worden sei. Bis zum 12. Dezember dauerte unser

Aufenthalt in Matadi. Am Nachmittage des folgenden Tages verließen wir

die Congo-Mündung bei Banana und nahmen dann einen südlicheren Kurs an

der Küste von Angola entlang.

Am frühen Morgen des 14. Dezember fuhr der „Niger“ vor Mussera an,

einem kleinen Orte, der auf einem nach dem Meere zu steil abfallenden

Hügel liegt. Die Brandung an der ganzen Angola-Küste bis Sao Paulo de

Loanda hinunter ist sehr stark und deshalb das Landen der Waren mit

ziemlichen Schwierigkeiten verknüpft. Bis zum späten Nachmittage hatten

wir zu thun, bis wir den für diese Niederlassung bestimmten Cargo

gelandet hatten. Von Mussera bis Kissembo dauerte die Fahrt nur zwei

Stunden. Die Ortschaft Kissembo ist ganz ähnlich wie Mussera angelegt

und fast ebenso groß. Nachdem wir am Morgen des 15. Dezember auch die

Ladung für Kissembo gelöscht und die wenigen Exportwaren, bestehend

aus Kaffee und sehr wenig Kautschuk, geladen hatten, dampften wir nach

Süden weiter und erreichten gegen 10 Uhr die Handelsniederlassung

Ambriz. Hier hatte der Dampfer bis zum Abend zu thun, da wir auch einen

nicht unbedeutenden Teil neuer Fracht für Europa mitnehmen mußten.

Schon bevor die Sonne am 16. Dezember aufging, fuhren wir in den Hafen

von Sao Paul de Loanda ein. Sogleich nach dem Frühstück fuhr ich zur

Stadt, um unserem deutschen Konsul daselbst, Herrn Dr. +Gleim+,

einen Besuch abzustatten. Gern wäre ich einer Einladung desselben

gefolgt und hätte mich länger hier aufgehalten; doch das war nicht

möglich, da ich schon sehr viel Zeit im Congo verloren hatte. Auf den

Hügeln am Rande der Stadt wuchs Euphorbia rhipsaloides Welw. in großen

Quantitäten. Ich konnte mich hier davon überzeugen, daß der Milchsaft

dieser Pflanze derartig mit anderen Substanzen vermischt ist, daß

das aus ihm durch Koagulation gewonnene Produkt nicht als Kautschuk

verwendet werden kann. Ich nahm einige Zweige der Pflanze mit, um sie

nach dem botanischen Garten in Victoria (Kamerun) überzuführen. Schon

am Nachmittage dampfte der „Niger“ wieder nordwärts. Ich war gerade

noch zur rechten Zeit an Bord angekommen. Außer Kaffee und Kautschuk,

letzteren in ziemlich unbedeutenden Quantitäten, hatten wir hier

auch eine Anzahl großer Ballen geschlagener Blätter von Sanseviera

teretifolia als Ladung erhalten.

Bevor wir auf der Rückreise die Congo-Mündung wieder passierten, liefen

wir am 17. Dezember noch zwei Küstenplätze an, erst Ambrizette und

darauf Mussera. In Ambrizette hatten wir fast den ganzen Tag zu thun,

so daß ich es vorzog, an Land zu fahren. Die ganze Küste Angolas litt

damals unter einer längeren Dürre, so daß die Vegetation mehr oder

minder vertrocknet war. Es gab infolgedessen nichts Interessantes hier

für mich zu sehen.

Westafrikanische Kautschuk-Expedition · 第 13 / 32 段