aufzubrechen. Wir verfolgten einen Kurs, welcher von dem, welchen wir
mit dem „Major Cambier“ bei der Fahrt flußaufwärts eingeschlagen,
etwas abwich. So kam es, daß wir auch heute gegen Mittag wieder ein
Dorf erreichten, von dem ich vorher auch nichts gehört hatte. Unserem
Kapitän war es wohlbekannt, da er dort bereits häufiger Holz gekauft
hatte. Auch diesmal versuchten wir wieder, einiges zu erhalten. Nach
langem Feilschen willigten die Dorfbewohner schließlich ein, uns etwas
von ihrem Vorrate abzulassen. Das Dorf lag an einem kleinen, dicht mit
Wassergras, Pistia, Azolla und Utricularia bedeckten Creek, welcher,
wie mir die Eingeborenen erzählten, weit aus dem Innern kommt, wo
viele Nilpferde (Ngubos) seien; nur bei sehr hohem Wasserstande sei es
möglich, dort hinzukommen. Die Leute waren äußerst mißtrauisch. Gegen
Abend setzten wir unsere Fahrt dann fort. In der Nähe des Platzes,
welchen wir zum Nachtlager erkoren hatten, fand ich viel Landolphien,
welche guten Kautschuk gaben. Auch hier wurden wir von den Moskitos arg
zugerichtet. Da der Fluß nur wenig Abwechselung bot und der Dampfer
nur langsam vorwärts kam, fing die Fahrt an, uns beiden Passagieren
äußerst langweilig zu werden. Nicht einmal ein Nilpferd oder ein
Krokodil ließ sich sehen; außerdem regnete es sehr häufig, so daß wir
uns nicht selten recht ungemütlich befanden. Weiße Edelreiher waren die
einzigen Tiere hier, welche einen Schuß Pulver wert gewesen wären; doch
diese verschwanden immer wieder, bevor wir uns auf Schußweite nähern
konnten, denn die Maschine unseres Dampfers verursachte einen solchen
Lärm, daß alle Tiere verscheucht werden mußten. Gegen Mittag langten
wir an einem Dorfe an, welches an einem breiten Arm des Sanga gelegen
war, der dem Kapitän und mir bis dahin unbekannt war. Da das Fahrwasser
günstig schien und wir vermuteten, sehr bald wieder in den alten Kurs
zurückzukommen, ließ sich der Kapitän bewegen, in diesen Arm des
Flusses einzufahren. Obgleich wir bis gegen Anbruch der Dunkelheit
fuhren, war doch noch keine Gelegenheit gewesen, in den Hauptstrom
zurückzukehren. Wir wären eventuell wieder umgekehrt, wenn wir nicht
aus der stark ablaufenden Strömung ersehen hätten, daß wir uns immer
noch im Sanga befanden. Von einer so großen Insel, wie wir sie hier
offenbar an unserer Seite hatten, war im Sanga gar nichts bekannt. Sehr
neugierig wurden wir schließlich, doch zu wissen, wo wir endlich wieder
in uns bekannte Gegenden kommen würden; der nächste Tag mußte ja diese
Frage lösen. Natürlich war auch die Gefahr vorhanden, daß wir infolge
schlechter Wasserverhältnisse umkehren müßten, wir hätten dann zwei
Tage Zeit verloren. Am nächsten Tage dampften wir schon zeitig ab, da
wir doch alle gespannt der Dinge harrten, welche nun kommen würden.
Das Fahrwasser war gut. Jede neue Biegung zeigte uns dasselbe Bild, zu
beiden Seiten hoher Urwald, durch den diese prachtvolle Wasserstraße
führte. So fuhren wir in diesem Kanal des Sanga hin, bis wir endlich
zu unserer Freude gegen Mittag den Hauptstrom wieder vor uns sahen.
Wie sich herausstellte, hatten wir durch diese Fahrt eine bedeutende
Verkürzung der Route erreicht, denn die Ausmündung des Kanales lag in
nicht großer Entfernung der Mündung des „Likuala aux herbes“ und war
bisher stets als eine Mündung eines Nebenflusses des Sanga betrachtet
worden. Gegen 4 Uhr erreichten wir die Mündung des „Likuala aux
herbes“ und machten dann nach etwa noch einstündiger Fahrt Halt, um
den Leuten Zeit zu geben, für den Dampfer genügend Holz zu schlagen.
Im Walde waren hier nur wenige Kautschuklianen zu sehen. Erst gegen
9 Uhr konnten wir am nächsten Tage fort, da wir nicht genügend Holz
hatten, denn, da keine richtige Aufsicht über die Leute existierte,
so benutzten dieselben natürlich auch jede Gelegenheit, um möglichst
zu faulenzen. Die Savannen waren schon seit gestern immer häufiger
geworden und waren heute sogar an der Likuala-Seite vorherrschend.
Gegen Mittag erreichten wir die Mündung des Likensi-Kanales. Hier
hatten wir noch das Glück, zu sehen, wie vier Eingeborene in zwei
kleinen Canoes ein Nilpferd, welches sie offenbar bereits vorher
verletzt hatten, harpunierten. Es war erstaunlich, daß das geängstigte
Tier nicht die Canoes umwarf. Kurz nach 1 Uhr trafen wir dann glücklich
wieder in Bonga ein.
Wir hatten gehofft, in Bonga einen Holzvorrat zu finden, der es uns
ermöglichen würde, am nächsten Morgen gleich weiterzufahren, hatten
uns hierin aber getäuscht. Während des folgenden Tages mußte daher
die ganze Schiffsbesatzung für einen neuen Holzvorrat sorgen, da wir
im Congo voraussichtlich Schwierigkeiten haben würden, die nötigen
Holzmengen ohne großen Zeitverlust zu beschaffen. Ich hatte in Bonga
noch einiges zu ordnen und benutzte dann den Rest der Zeit dazu, eine
Exkursion zu machen, bei der ich aber nichts Neues entdecken konnte.
Kurz nachdem wir am 8. November morgens Bonga verlassen hatten, um nun
nach dem Congo zu fahren, trafen wir den „M’Fumuntango“, einen größeren
Dampfer des holländischen Hauses. Unser Kapitän, welcher gern derartige
Gelegenheiten benutzte, sich eine kleine Abwechselung zu gestatten,
ließ an Land anlaufen und ging dann an Bord des „M’Fumuntango“, um
sich nach Neuigkeiten zu erkundigen. Auf dem Dampfer befand sich der
Gouverneur des Congo français, welcher mit seinem ganzen Stabe auf
einer Reise nach dem Ubangi begriffen war. Unser Kapitän, welcher
wohl hier eine Gelegenheit gefunden zu haben glaubte, sich besonders
auszeichnen zu können, benutzte einen Fieberanfall seines Kollegen
zum Vorwande, um unseren Dampfer, welcher hier nur leicht an einer
Grasbank durch einen Anker befestigt war, im Stiche zu lassen, und nun
den „M’Fumuntango“ nach Bonga zu führen, obgleich sich auf demselben
noch ein zweiter Kapitän für etwaige Notfälle befand. Da wir noch in
Sicht von Bonga waren, meiner Ansicht nach ein ebenso überflüssiger
wie gewagter Schritt, denn es war deutlich zu sehen, daß wir innerhalb
der nächsten Stunde einen starken Tornado zu erwarten haben würden.
So geschah es nun auch, daß der äußerst lose befestigte Dampfer ohne
Führung diesem Sturme preisgegeben wurde. Wenn wir losgerissen worden
wären, so wäre der Dampfer rettungslos verloren gegangen, denn seine
Steuermaschine fungierte sogar in der gewöhnlichen Strömung kaum und
wäre beim Tornado vollends nutzlos gewesen. Als der Sturm ausbrach,
ließ ich einen zweiten Anker, welcher glücklicherweise an Bord war,
vom hinteren Teile des Dampfers nach dem Ufer hinüberlegen und dann
den Dampfer soweit als möglich an die Grasbank heranziehen, so daß
er etwas sicherer lag und vom Sturme weniger zu leiden hatte. Als
der Tornado vorüber war, wäre es Zeit gewesen, daß der Kapitän hätte
wieder zurückkommen können, doch schien es diesem in Bonga so gut zu
gefallen, daß er auch am Abend noch nicht zurückkehrte. Gegen 11 Uhr
am nächsten Tage erschien ein Canoe von Bonga, welches von dem Chef de
Poste daselbst geschickt war, um drei von einer französischen Firma
entlaufene Bangalas, welche der Kapitän engagiert hatte, zurückzuholen.
Von ihm selbst war noch nichts zu sehen. Erst um 2 Uhr erschien er,
sehr vergnügt über die Unterbrechung, welche ihm die Rückreise nach
Bonga gestattet hatte. Nun hatte er natürlich Eile, fortzukommen,
um das Versäumte nachzuholen. Da ich den Maschinisten aufgefordert
hatte, einen gewissen Dampfdruck zu halten, damit wir sogleich nach
Ankunft des Kapitäns abfahren könnten, waren wir schon kurz nach 2
Uhr in der Lage, abdampfen zu können. Zwischen den Inseln und dem
Festlande fuhren wir stromab. Man wußte nie recht, ob man sich hier
noch im Sanga oder im Congo befände, da die davor gelagerten Inseln
gewissermaßen die Scheide zwischen Congo und Sanga bilden, während
andererseits durch den Kanal von Likensi das herunterkommende Wasser
des Congo bei Bonga vorbeifließt. Die Mündung des Likuala, welcher mit
dem „Likuala aux herbes“ nichts zu thun hat, passierten wir gegen 3
Uhr und gelangten dann kurz darauf in den wahren Congo, welcher dort
gerade ein recht typisches Bild darbot mit seiner breiten Wasserfläche
und den unzähligen Inseln. Als die Sonne sank, gelang es uns, in dem
Gewirr von Inseln noch eben einen Platz zum Anlegen für die Nacht zu
erreichen; Holz gab es hier allerdings nicht, so daß sich wohl bald
wieder Mangel bei uns einstellen mußte. Erst gegen 10 Uhr ließ der
Kapitän am nächsten Tage abfahren. Da ich in Eile war, nach der Küste
zur rechtzeitigen Abfahrt eines Dampfers zu kommen, um möglichst wenig
Zeit zu verlieren, war mir dieses doppelt unangenehm. Da wir zwischen
den vielen Inseln auch nicht einen direkten Kurs einhalten konnten, so
war unser Fortschritt nur ein sehr langsamer. Ein Tornado, welcher am
Nachmittage heraufzog, zwang uns, an einer Sandbank Schutz zu suchen.
Da das Wetter noch lange Zeit sehr drohend aussah, konnten wir auch
im Laufe des Nachmittags nicht weiterfahren. Nilpferde gab es nur
sehr spärlich, aber desto mehr Schlangenhalsvögel und weiße Reiher.
Ich unternahm noch am Nachmittage eine Canoefahrt zwischen den Inseln
hindurch, um zu versuchen, ob ich nicht irgendwo in den Wald eindringen
könnte, mußte diesen Versuch aber bald aufgeben, da die sämtlichen
Wälder überschwemmt waren. Am nächsten Tage fuhren wir kurz nach 6 Uhr
ab. Gegen 8 Uhr trafen wir bei der belgischen Station Bolobo ein, wo
wir uns wieder tüchtig mit Hühnern versehen konnten. Ich wollte mir
die Station näher ansehen und erkundigte mich nach dem Kommandanten.
„Er sei mit 50 Soldaten ins Innere gezogen, um die Eingeborenen zu
lehren, wie Kautschuk gemacht werde“, erhielt ich zur Antwort. Auf
einer kleinen Streiferei sah ich auch hier ein Exemplar der Kickxia
latifolia. Nachdem wir unsere Einkäufe beendet (wir hatten etwa 50
Hühner gekauft), dampften wir weiter. Bei einem kleinen Holzposten
unterhalb der Station liefen wir an, da der Kapitän glaubte, von dem
den Posten verwaltenden Eingeborenen Holz kaufen zu können. Derselbe
gehorchte aber seinen Instruktionen genau und gab kein Holz ab.
Wir hielten uns nun gar nicht weiter auf, sondern suchten sogleich
nach einem Platze, wo wir genügend Holz finden würden, daß es sich
verlohnte, daselbst schlagen zu lassen. Nach etwa halbstündiger
Fahrt legten wir für einige Zeit an, bis wir uns überzeugt hatten,
daß es sich nicht verlohne, hier weiter Holz schlagen zu lassen. An
dem Abend desselben Tages erreichten wir gegen 6 Uhr die englische
Missionsstation Chumbiri, welche wir aber von Europäern verlassen
fanden. Kurz nach uns traf der Missionsdampfer „Peace“ ein, welcher
von Herrn +Grenfell+, dem bekannten Congo-Forscher und Entdecker
der Ubangi-Mündung, geführt wurde. Sehr interessante Neuigkeiten sowie
verschiedenes über seine letzte Reise gab dieser noch immer äußerst
rüstige alte Missionar und Forscher an jenem Abend zum besten. Am 12.
November kamen wir nun endlich einmal wieder schon um 6 Uhr fort,
allerdings auch nur, um wieder eine kurze Fahrt zu machen, denn schon
um 9 Uhr wurde abermals angehalten, da unser Holzvorrat nun völlig
erschöpft war. Ich bestieg, während Holz geschlagen wurde, einen
der bewaldeten Hügel in der Nähe, fand aber keine Landolphien dort,
wie ich eigentlich erwartet hatte. Von dieser Anlegestelle bis zur
Mündung des Kassai hatten wir nur eine sehr kurze Fahrt. Gegenüber der
Kassai-Mündung hatte das holländische Haus auch eine Faktorei bei dem
Dorfe Bokabo, wohin wir nun zunächst unsern Kurs richteten. Kurz nach
dem Essen langten wir vor der Faktorei an. Ein sehr netter, junger
Holländer, welcher der Faktorei vorsteht, führte mich am Nachmittage
in der Umgebung umher, wo er einiges Interessante für mich zu finden
glaubte. Savannen wechselten hier mit Urwald ab, erstere häufig durch
Sümpfe unterbrochen. An sandigen, sonnigen Stellen im kurzen Grase
sah ich hier den Wurzelkautschuk wachsen, von dem die Bateke auch
schon anfangen sollen, Kautschuk zu bereiten. Da es unser Kapitän
mit der Zeit offenbar nicht sehr eilig hatte und am nächsten Tage in
Bokabo liegen blieb, so benutzte ich diesen gezwungenen Aufenthalt
dazu, die Umgebung näher zu untersuchen. Wurzelkautschuk war ziemlich
reichlich vertreten, verschwand aber sofort, wenn das Terrain weniger
sandig und feuchter wurde. Auf den Bäumen in den Wäldern wie auch
auf einzeln stehenden Bäumen, häufig der prallen Sonne ausgesetzt,
wuchs hier eine Orchidee, welche allerdings nicht in Blüte war, doch
noch an vertrockneten Blüten, welche sich in den Blattachseln fanden,
leicht erkennen ließ, daß man es mit dem offenbar seltenen Angraecum
ichneumoneum zu thun hatte. Auch eine Bossassanga-Art sah ich hier zum
ersten Male, welche wohl für die Wissenschaft neu sein dürfte.
[Illustration: +Kickxia latifolia Stapf.+
A Zweigstück, B Knospe, C Blüte, D dieselbe von oben, E Kelchblatt von
innen, F Längsschnitt durch die Blüte, G Antheren, H Fruchtknoten mit
Griffel.]
Bis zu dieser Faktorei bei Bokabo kommen die Bateke aus dem Innern
des Congo français, um ihren Kautschuk zu verkaufen. Am Nachmittage
erschienen auch wieder einige, welche wenige Zähne Elfenbein und einige
Taschen voll Kautschuk brachten. Der Kautschuk war in große Kugeln
geformt, welche einen ziemlich reinen Schnitt zeigten, aber doch viele
Hohlräume besaßen. Nach Angaben der Leute stammte er von Landolphien
her. Diese Bateke hatten eine interessante Haarfrisur. Die nach dem
Scheitel zusammengekämmten Haare waren zu einem langen, stumpfen Kamme
zusammengeflochten, welcher sich von der Stirn zum Hinterkopfe zog.
Da von seiten dieser Faktorei oberhalb des Dorfes Bokabo Holz für
passierende Dampfer des holländischen Hauses geschlagen wird, so
beschloß unser Kapitän, dorthin zu fahren, um sich mit Holz zu
versehen. Am Morgen des 14. November dampften wir ab, nun wieder
stromauf. Um die Strecke bis zu dem Holzposten zurückzulegen, wozu
ein Canoe gewöhnlich 1 bis 1½ Stunden gebraucht, waren wir drei
Stunden auf der Fahrt. Erst gegen 1 Uhr war dann das Holz auf dem
Dampfer verstaut, so daß wir an die Weiterreise denken konnten. Auf
der Rückfahrt hielten wir noch bei der Bokabo-Faktorei an, um Post
nach Brazzaville mitzunehmen, dann setzten wir ohne Unterbrechung die
Fahrt bis 4 Uhr nachmittags fort. Die „Marie“, ein kleiner Dampfer
eines französischen Hauses, kam vor uns den Strom hinauf. Das gab nun
natürlich dem Kapitän unseres Dampfers wieder Grund, anzuhalten, um
zu gleicher Zeit mit dem Kapitän der „Marie“ für den Rest des Tages
sich festzulegen. Unsere Fahrt nach dem Stanley-Pool, die ja schon
allerdings eine sehr langsame war, wurde auf diese Weise immer mehr
verlängert. Am 15. November ereilte uns nun gar erst das Unglück.
Wir hatten den Dampfer „Brazzaville“ getroffen und natürlich wieder
für einige Zeit die Fahrt unterbrochen. Der Kapitän kam schließlich
in ziemlich benebeltem Zustande wieder zurück und ließ die Fahrt
fortsetzen. Ich machte ihn damals schon auf einen heraufziehenden
Tornado aufmerksam, welcher in Kürze ausbrechen mußte. Er lachte nur
und behauptete, dagegen mit der „Holland“ anfahren zu können. Der
Tornado brach bald darauf aus und trieb den Dampfer, welchen er wie
eine Feder erfaßte, gegen Felsen und Baumstämme, so daß wir ein großes
Leck erhielten und sich die ganzen unteren Räume im Vorderteile des
Schiffes bald mit Wasser füllten. Zu unserem Glücke wurden wir dann
gegen eine Sandbank aufgetrieben, so daß wir gerettet waren.
Den Nachmittag sowohl des 15. November wie den ganzen Vormittag des
nächsten Tages dauerten nun die Reparaturen, welche glücklicherweise an
Ort und Stelle ausgeführt werden konnten. Unsere Fracht, welche nicht
leicht verderben konnte, denn sie bestand fast nur aus Elfenbein, mußte
ausgeladen und an Land gebracht werden. Ich benutzte wieder diesen
Zwischenfall zu Streifereien in den Wäldern, um nach Kautschuk zu
fahnden. Landolphia owarilusis war ziemlich verbreitet, außerdem noch
eine windende Carpodinusart, welche keinen Kautschuk gab. Von einer
kleinblütigen Landolphie fand ich im Walde noch auf dem Boden Blüten,
konnte der Pflanze selbst aber nicht habhaft werden, obgleich ich lange
danach suchte.
[Illustration: +Landolphia owariensis P. Beauv.+
A Blühender Zweig, B Knospen, C Blüte, D Längsschnitt durch dieselbe, E
Längsschnitt durch den Fruchtknoten, F Griffel, G Anthere von vorn, H
dieselbe von der Seite.]
Endlich nach 2 Uhr konnten wir die Fahrt fortsetzen. Die hügeligen, zum
großen Teile bewaldeten Ufer boten einen recht pittoresken Anblick dar
mit ihren häufig steil abfallenden Wänden. Am Ufer des Stromes dehnten
sich mächtige Sümpfe aus, welche großen Scharen von Vögeln Schutz
boten. Gegen Abend legten wir uns mit einbrechender Dämmerung wieder
am Ufer fest. Der 17. November endlich brachte die Erlösung von dieser
furchtbaren Reise. Da wir früh aufgebrochen, fuhren wir schon gegen 9
Uhr im Stanley-Pool ein und kamen endlich gegen Mittag in Brazzaville
bei der Hauptfaktorei des holländischen Hauses an. Noch an demselben
Nachmittage fuhr ich nach Kinchassa hinüber. Dort besuchte ich noch
Herrn Dr. +Briart+ und Herrn +Vaalbroek+, um mich von diesen
Herren zu verabschieden. Hier entlief mir auch mein Bangala-Diener,
welcher wohl glaubte, daß ich ihn zu weit von seiner Heimat wegführe.
Am 19. November siedelte ich darauf zur Station Dolo über, welche
nunmehr nach der sandigen Ebene hinter der ehemaligen alten Station
verlegt worden war. Ich hatte so Gelegenheit, noch einmal die
Wurzelkautschuk-Pflanze zu sehen, und ließ einige hundert Früchte
derselben sammeln, um sie zunächst einmal nach Kamerun überzuführen.
Meine Kickxiasamen, welche ich in der letzten Zeit häufig
durchgetrocknet hatte, waren hier noch in gutem Zustande. In der Nacht
gab es wieder Scharen von Moskitos.
Am 20. November brachte mich die Eisenbahn, nach einer ziemlich
interessanten Fahrt, über die nun in vollem Blütenflor stehenden
Savannen nach Tumba, wo wir Passagiere des Zuges wieder für die Nacht
Quartier suchen mußten. Am 21. November traf ich dann gegen Abend in
Matadi ein. Da ich schon gehört hatte, daß Kapitän +Jensen+,
welcher mich im Februar nach Lagos gebracht hatte, hier mit der
„Leopoldville“ liege, um über Lagos und Sierra Leone nach Antwerpen zu
fahren, so ging ich zu ihm an Bord. Da der Dampfer eigentlich keine
Passagiere vor seiner Abfahrt annahm, so lud mich Kapitän +Jensen+
ein, bis zur Zeit der Abfahrt sein Gast zu sein.
Am 24. November verließ die „Philippeville“ Matadi und fuhr, ohne
sonstwo anzulaufen, bis Boma, wo wir nach dreistündiger Fahrt
eintrafen. Da keine wichtigeren Telegramme in Lagos aufzugeben waren,
konnte die „Philippeville“ dort nun doch nicht anlaufen, denn sie würde
sonst zu spät in Antwerpen eingetroffen sein. Ich beschloß daher, in
Banana auf den englischen Dampfer zu warten, welcher bereits seit
einiger Zeit erwartet wurde. Mit diesem konnte ich allerdings nicht
anders nach Kamerun kommen, als daß ich die ganze Reise bis Angola
hinunter machte. Für meine Kickxiasamen war das sehr ungünstig, denn
wenn ich mit der „Philippeville“ nach Lagos hätte fahren können, so
wäre ich einen ganzen Monat früher in Kamerun eingetroffen.
In Boma machte ich noch Abschiedsbesuch bei Herrn Gouverneur
+Vanghermé+, um mich daselbst auch für die Unterstützung zu
bedanken, welche ich auf meinen Reisen seitens des Congostaates
erhalten hatte.
Am 25. November verließ der Dampfer Boma, um nach vier Stunden in
Banana einzutreffen. Hier entdeckte ich beim Ausschiffen meiner Lasten,
daß ein Kolli mit getrockneten Pflanzen abhanden gekommen sei. Alles
Suchen half nichts. Offenbar war das Paket auf der Eisenbahn verloren
worden; ich stellte natürlich sofort die nötigen Nachforschungen an.
In Banana quartierte ich mich in dem „Hôtel des Magasins Généraux“ ein,
einem am Meere gelegenen Gebäude, welches infolge der angenehmen Brise,
welche mehr oder minder beständig hier weht, für Rekonvaleszenten
als Aufenthaltsort sehr zu empfehlen ist. Die ganze Einrichtung war
allerdings nicht vom allerbesten, doch gab sich der Verwalter die
größte Mühe, seinen Gästen den Aufenthalt so angenehm wie möglich zu
machen. Der Aufenthalt in Banana wäre furchtbar langweilig gewesen,
da man keine Exkursionen machen konnte, weil der Dampfer stündlich
erwartet wurde, wenn nicht noch Herr Dr. +Sucaro+ aus Leopoldville
und der englische Missionar Mr. +Forfeit+ mit seiner Gemahlin
anwesend gewesen wären. In dieser angenehmen Gesellschaft verging
uns die Zeit schnell genug. Ich hatte außerdem mit dem Lüften meiner
Samenkisten und dem Durchtrocknen meiner Lasten immer mehr oder minder
zu thun.
Erst am 7. Dezember erschien endlich der langersehnte Dampfer „Niger“,
welcher mich hier erlösen sollte. Um besser Erkundigungen betreffs
meines verlorenen Pflanzenpakets anstellen zu können, machte ich
die Reise nach Matadi noch einmal. Der Directeur d’Exploitation der
Eisenbahn, Herr +Levi+, gab sich die größte Mühe, dasselbe für
mich zurückerlangen zu können. Solange wir in Matadi waren, allerdings
ohne Erfolg; doch erhielt ich dann später in Kamerun die Nachricht,
daß das Paket gefunden worden sei. Bis zum 12. Dezember dauerte unser
Aufenthalt in Matadi. Am Nachmittage des folgenden Tages verließen wir
die Congo-Mündung bei Banana und nahmen dann einen südlicheren Kurs an
der Küste von Angola entlang.
Am frühen Morgen des 14. Dezember fuhr der „Niger“ vor Mussera an,
einem kleinen Orte, der auf einem nach dem Meere zu steil abfallenden
Hügel liegt. Die Brandung an der ganzen Angola-Küste bis Sao Paulo de
Loanda hinunter ist sehr stark und deshalb das Landen der Waren mit
ziemlichen Schwierigkeiten verknüpft. Bis zum späten Nachmittage hatten
wir zu thun, bis wir den für diese Niederlassung bestimmten Cargo
gelandet hatten. Von Mussera bis Kissembo dauerte die Fahrt nur zwei
Stunden. Die Ortschaft Kissembo ist ganz ähnlich wie Mussera angelegt
und fast ebenso groß. Nachdem wir am Morgen des 15. Dezember auch die
Ladung für Kissembo gelöscht und die wenigen Exportwaren, bestehend
aus Kaffee und sehr wenig Kautschuk, geladen hatten, dampften wir nach
Süden weiter und erreichten gegen 10 Uhr die Handelsniederlassung
Ambriz. Hier hatte der Dampfer bis zum Abend zu thun, da wir auch einen
nicht unbedeutenden Teil neuer Fracht für Europa mitnehmen mußten.
Schon bevor die Sonne am 16. Dezember aufging, fuhren wir in den Hafen
von Sao Paul de Loanda ein. Sogleich nach dem Frühstück fuhr ich zur
Stadt, um unserem deutschen Konsul daselbst, Herrn Dr. +Gleim+,
einen Besuch abzustatten. Gern wäre ich einer Einladung desselben
gefolgt und hätte mich länger hier aufgehalten; doch das war nicht
möglich, da ich schon sehr viel Zeit im Congo verloren hatte. Auf den
Hügeln am Rande der Stadt wuchs Euphorbia rhipsaloides Welw. in großen
Quantitäten. Ich konnte mich hier davon überzeugen, daß der Milchsaft
dieser Pflanze derartig mit anderen Substanzen vermischt ist, daß
das aus ihm durch Koagulation gewonnene Produkt nicht als Kautschuk
verwendet werden kann. Ich nahm einige Zweige der Pflanze mit, um sie
nach dem botanischen Garten in Victoria (Kamerun) überzuführen. Schon
am Nachmittage dampfte der „Niger“ wieder nordwärts. Ich war gerade
noch zur rechten Zeit an Bord angekommen. Außer Kaffee und Kautschuk,
letzteren in ziemlich unbedeutenden Quantitäten, hatten wir hier
auch eine Anzahl großer Ballen geschlagener Blätter von Sanseviera
teretifolia als Ladung erhalten.
Bevor wir auf der Rückreise die Congo-Mündung wieder passierten, liefen
wir am 17. Dezember noch zwei Küstenplätze an, erst Ambrizette und
darauf Mussera. In Ambrizette hatten wir fast den ganzen Tag zu thun,
so daß ich es vorzog, an Land zu fahren. Die ganze Küste Angolas litt
damals unter einer längeren Dürre, so daß die Vegetation mehr oder
minder vertrocknet war. Es gab infolgedessen nichts Interessantes hier
für mich zu sehen.