Kurz nachdem der „Major Cambier“ zurückgekehrt war, wurde alles zur

Weiterfahrt den Dja hinauf fertig gemacht. Um 1 Uhr schon fuhren wir

ab. Bei den Djama-Inseln machten wir einen kurzen Halt, um Lebensmittel

zu kaufen, da das kleine Dorf neben der Bumbe-Faktorei für die vielen

Leute, welche während der letzten Tage dort gewesen waren, nicht genug

hatte liefern können. Gegen Abend legten wir dann an einer etwas

trockeneren Uferstelle an, wo ich Kickxia sowohl wie Landolphien in

ziemlichen Quantitäten fand. Herrn +Langheld+ sowohl wie Herrn

+Schultz+ machte ich nun auf die Unterschiede aufmerksam, welche

die Kickxia unter den anderen Bäumen leicht kenntlich macht. Moskitos

gab es übrigens hier wieder reichlich. Am frühen Morgen erreichten wir

am 15. Oktober die Bomudali-Faktorei, wo wir für den Rest des Tages zu

bleiben hatten, da es hier für Herrn +Langheld+ viel zu thun gab,

denn es mußten vor allen Dingen viele Waren hier gelandet und gestaut

werden, welche Herr +Schultz+, der die Faktorei leiten sollte,

beim Einkaufen des bis dahin einzig in Betracht kommenden Produktes,

des Elfenbeins, nötig hatte. Da ich bei meinem ersten Aufenthalte in

Bomudali in den Wäldern hinter der Faktorei vergeblich nach Kickxia

gesucht hatte, so schlug ich auf meinen Streifereien diesmal eine

andere Richtung ein und hatte auch hier wieder die Freude, Kickxia

zwischen der Bomudali-Faktorei und dem Dorfe Lobilos in Mengen zu

sehen. Je mehr ich von der Gegend sah, desto mehr gewann ich die

Überzeugung, daß hier dereinst sich ein enormer Kautschukhandel

entwickeln müsse, vorausgesetzt, daß beizeiten gegen Mißbrauch dieser

Goldgruben unserer Kolonie Kamerun Schritte gethan werden.

Die Eingeborenen dieses Teiles des Dja unterscheiden sich schon ganz

bedeutend von den weiter unten wohnenden Misangas. Besonders auffallend

ist die Haartracht der Weiber. Neben einer großen Raupe von Haaren,

welche über den Scheitel bis zum Hinterkopf hinunterläuft, sind die

Haare zu beiden Seiten oberhalb der Schläfen in raupenförmige Ringe

frisiert. Um diese Frisur, welche eine sehr lange Zeit in Anspruch

nehmen muß, zu schützen, ist sowohl je oberhalb der Ohren wie an

der Haarwurzel über der Stirn eine große, muschelförmige, aus Bast

hergestellte Klappe in das Haar eingeflochten. Während des Schlafes

oder sonst bei Gelegenheiten, bei welchen diese Haarfrisur in Gefahr

kommt, zerstört zu werden, werden diese Klappen durch ein Tuch gegen

den Kopf angezogen und bedeckt und dienen so zum Schutze des Ganzen.

Die Gesichtszüge der Eingeborenen sind hier entschieden intelligenter

und ansprechender als die der Misangas. Während unseres Aufenthaltes

in Bomudali kamen auch einige Bomabassa-Leute, welche, aus ziemlicher

Entfernung kommend, mit den Bomudali-Leuten in Handelsbeziehungen

stehen. Dieselben zeichneten sich durch eigentümlich blaue Tättowierung

auf der Stirn und der Oberlippe aus. Im großen und ganzen schien die

Bevölkerung den Weißen gegenüber sehr scheu und furchtsam zu sein.

Ein merkwürdiges Stück, welches ich hier erstand, aber später auf

meinen Reisen zerbrach, möchte ich hier erwähnen, da es ethnologisch

von Interesse sein mag, nämlich eine Flöte, die einzige, welche ich

je in diesen Gegenden gesehen. Das Instrument war aus einem mir

unbekannten hohlen Pflanzenstengel hergestellt und hatte ungefähr die

Form der in Deutschland allgemein verbreiteten Blechflöten.

Da Herr +Langheld+ mit den Einrichtungen in seiner Faktorei so weit

fertig war, konnten wir am Morgen des nächsten Tages unsere Reise den

Dja weiter hinauf fortsetzen. Gegen 8 Uhr verließen wir am Morgen des

16. Oktober Bomudali und dampften auf das Dorf des im Dja von seinen

sämtlichen Nachbarn gefürchteten Häuptlings +Lobilo+ zu. Die Scenerie

war fast dieselbe wie am Dja unterhalb Bomudali, die Vegetation

wohl etwas üppiger und die Ufer, besonders in der Nähe des Dorfes

+Lobilos+, etwas höher. Schon vom Dampfer aus konnte man die vereinzelt

stehenden Kickxien sehen, besonders als wir uns dem Dorfe +Lobilos+

näherten. +Lobilo+ hatte schon von unserem beabsichtigten Besuche

Kunde erhalten, so daß uns, als wir sein Dorf erreichten, eine große

neugierige Menschenmenge empfing. Unterwegs hatten wir verschiedene

Dörfer passiert, welche infolge der Erpressungen dieses Negerhäuptlings

verlassen waren, und was war nun schließlich seine Macht? Etwas anderes

als Hinterlist konnte es nicht sein. Als wir in sein Dorf kamen, saß

er versteckt in einem der Palaverhäuser und zitterte am ganzen Körper,

als wir ihm zur Begrüßung die Hand gaben; wahrscheinlich hatte er

wieder ein böses Gewissen. Man sah dem Kerl in diesem Augenblicke

übrigens so recht den feigen Schurken an. Für jeden, der ihm gegenüber

etwas imponierend auftreten kann, ist dieser Feigling meiner Meinung

nach wenig gefährlich. Viel mehr als +Lobilo+ interessierte mich das

Dorf, denn für ein Fan-Dorf in der Ngoko-Region ist dieses ganz abnorm

gebaut und dürfte wohl einzig im ganzen Bezirke dastehen. Zunächst

ist das ganze Dorf von einem hohen Lattenzaune umgeben, welcher etwa

ein Quadrat bildet; der Zugang in das Dorf hinein ist nur durch die

vollständig dunklen Palaverhäuser möglich, deren Eingang so schmal

ist, daß man nur mit Mühe sich hineinzwängen kann. Beide Palaverhäuser

waren durch viele Schichten von Baumstämmen befestigt. Die Hütten,

welche zwar nach Art der Fans sich an einer einzigen Straße entlang

hinzogen, waren auch stärker gebaut, als man sie gewöhnlich im Ngoko

sieht; außerdem standen hinter denselben noch kleinere Hütten und

Vorratshäuser, welche ich sonst auch nirgends beobachtet hatte. Die

unten beschriebene Haartracht war bei den Weibern die allgemeine, die

Männer hatten vorn und hinten das sonst nicht weiter frisierte Haar

in einen oder zwei steife, abstehende Zöpfe geflochten. Außer Perlen

und einigen Arm- und Fußringen sah man von Schmuck selten etwas. Die

Bekleidung bestand bei den Männern in einem kurzen, weiten Basttuche,

bei den Weibern in einer Schürze aus demselben Stoff, der übrigens vor

seinem Gebrauche mit zerpulvertem Rotholz und Fett beschmiert wird.

Ich machte eine kurze Exkursion, um die Natur des Waldes hier kennen

zu lernen, und hörte von Herrn +Langheld+, als ich zurückkehrte,

daß einige Pygmäen, hier Badjiris genannt, sich im Dorfe +Lobilos+

befänden. Da mir Dr. +Plehn+ viel von diesem Zwergvolke, das

sich nach Angaben der Eingeborenen Bakolos nennt, erzählt hatte und

ich bereits häufig verlassene Hütten herumziehender Trupps im Urwalde

angetroffen hatte, so war ich natürlich begierig, dieses interessante

Völkchen selbst näher kennen zu lernen. Auf meinen Wunsch ließ

+Lobilo+ die Leute heranholen. Es waren drei Männer, welche

ich hier sah. Dieselben waren durchaus nicht übermäßig klein, wenn

auch unter mittelgroß, aber merkwürdig robust gebaut. Ihr Blick war

äußerst scheu und listig, doch lag dessenungeachtet keine Falschheit

darin. Merkwürdig für einen Neger war der Bart, welchen ein jeder

dieser Männer hatte, da er bis auf die Brust reichte. Wie mir Dr.

+Plehn+ erzählte, waren sämtliche Bakolos, welche er auf seiner

Reise nach Djimu näher zu beobachten Gelegenheit gehabt hatte, bartlos;

ich erwähne dies, da auch die Mehrzahl der Männer, welche ich später

sah, sich durch einen für einen Neger merkwürdig üppigen Bartwuchs

auszeichnete. Dr. +Plehn+ gebührt die Ehre, die ersten sicheren

Nachrichten über das Vorhandensein dieses Zwergvolkes in seinem Bezirke

gegeben zu haben. Unter seinen ethnologischen Aufzeichnungen zeigte er

mir sehr viel Notizen über diese Leute, auch eine kleine Sammlung von

Wörtern ihrer Sprache. Er hatte auch bis zu dem Augenblicke, als wir

uns am 14. Oktober am Bumbe trennten, nur Männer der Badjiris gesehen;

die Weiber waren stets zur Zeit entflohen. +Lobilo+ hatte diese

Männer für sich gewonnen, um durch sie Elefanten jagen zu lassen, denn

das ist ihre Hauptbeschäftigung; auch sollen sie dabei eine solche

Gewandtheit haben, daß es ihnen mit ihren Lanzen immer gelingt, so

viel Elefanten zu erlegen, daß es ihnen nie an Fleisch mangelt. Wie

mir +Plehn+ mitteilte, schreiben die Fan-Stämme dem letzteren

Umstande es zu, daß die Bakolos Menschenfleisch verschmähen.

Nachdem Herr +Langheld+ mit +Lobilo+ noch die Geschenke

ausgetauscht hatte, dampften wir kurz nach Mittag weiter. Nach etwa

zweistündiger, ziemlich eintöniger Fahrt erreichten wir die Mündung

des auch noch vollständig unerforschten Kudu-Flusses und das dicht

dahinter am Dja liegende Dorf N’goala, welches das Endziel der jetzigen

Flußfahrt sein sollte. Nach Dr. +Plehns+ Angaben dürften die

großen Schnellen, für welche er den Namen Carnap-Schnellen, zu Ehren

des Herrn Oberleutnants v. +Carnap-Quernheimb+, welcher zuerst bis

in die Südostecke Kameruns vordrang, gewählt hatte, noch drei bis vier

Stunden Dampferfahrt oberhalb des Dorfes N’goala gelegen sein. Da wir

einige Zeit hier vor N’goala liegen bleiben wollten, so benutzte ich

die Gelegenheit, ein auf der anderen Seite des Kudu eine halbe Stunde

Weges im Innern gelegenes Dorf zu besuchen. Zusammen mit dem Kapitän

des Dampfers, einem Skandinavier, machte ich mich in Begleitung eines

Führers aus dem Dorfe N’goala und einiger Eingeborenen vom Dampfer

aus auf den Marsch. In einigen kleinen Canoes setzten wir über den

Kudu und traten dann in den Wald ein, der trotz seines feuchten Bodens

doch zahlreiche Kickxien enthielt. Unterwegs erzählte mir der Führer

von N’goala, daß ein Lager der Bakolos in der Nähe sei. Eine solche

Gelegenheit ließ ich mir nicht entgehen; meinen Leuten möglichst

leises Gehen gebietend, marschierte ich mit dem Führer voraus und bog

mit ihm von dem Wege ab in den Wald ein. Es gelang uns auch wirklich,

unbeachtet an das Lager heranzuschleichen, welches auf einer kleinen

Erhöhung lag. Ich stürmte dann plötzlich vor und stand nun zum großen

Schrecken der Bakolos unter ihnen. In heilloser Furcht ergriff alles

die Flucht, denn einen Weißen hatte wohl noch keiner von ihnen gesehen.

Es gelang uns aber doch, einige Männer und zwei Weiber zu halten

und schließlich so weit zu beruhigen, daß sie mir sogar eine ihrer

Elefantenlanzen verkauften. Die Weiber waren noch kleiner als die

Männer und hatten recht häßliche Gesichtszüge. Die Hütten hatten die

Form einer hingestreckten Viertelkugel und standen im Kreise herum;

sie waren nur groß genug, daß etwa zwei Personen Platz darin hatten.

Als nun auch die übrigen Leute herangekommen waren, setzten wir den

Marsch nach dem Dorfe im Innern fort. Unser Führer schien ein recht

verständiger Bursche zu sein; als wir uns dem Dorfe näherten, gebot

er den Leuten, sich möglichst leise heranzuschleichen, da sonst die

Eingeborenen fliehen würden, denn einen Weißen hätten auch diese wohl

kaum gesehen. Auch hier gelang es uns, bis zum Dorfe vorzuschleichen,

ehe wir bemerkt wurden. Dann erhob sich plötzlich das Geheul der

Weiber, als sie uns erblickten. Ich rief den Leuten zu, sie sollten

nur beruhigt sein, denn ich sei nur gekommen, um ihr Dorf zu sehen

und Hühner von ihnen zu kaufen. Die Weiber, welche entflohen waren,

kamen auch wieder, als sie sahen, daß wir uns mit den Männern ganz

friedlich unterhielten; schließlich wurden sie sogar ganz dreist.

Ich hatte nur wenige Tauschartikel mitgenommen, da ich glaubte, daß

hier nicht viel zu kaufen sei; die Leute boten aber so viel an, daß

ich ihnen den Vorschlag machte, bis zum Dja mitzukommen, wo sie am

Dampfer einen besseren Markt finden würden. Mit einer ganzen Kolonne

zogen wir dann zum Dampfer zurück, wo die Leute noch manches verkaufen

konnten. Herr +Langheld+ wollte durchaus noch wieder vor Anbruch

des Abends bis Bomudali zurück; ich hätte mich gern hier noch unter dem

Völkchen etwas länger aufgehalten, das einen viel intelligenteren und

freundlicheren Eindruck machte als die Misangas am Ngoko. Kurz nach 4

Uhr traten wir nun die Rückfahrt an, welche bei der schnellen Strömung

des Flusses nur die Hälfte der Zeit in Anspruch nahm als die Fahrt

flußaufwärts. Vor +Lobilos+ Dorf wurde nicht einmal angehalten.

Schon bei eintretender Dämmerung warfen wir an der Bomudali-Faktorei

Anker. Ich habe übrigens hier noch nachzuholen, zu erwähnen, daß

Kopalbäume am Dja so weit in Menge am Flußufer vorhanden waren, als wir

gekommen waren. Dr. +Plehn+ erzählte mir auch einmal, daß er bei

den Carnap-Schnellen beobachtet hätte, daß seine Soldaten auch dort

ein Harz während der Nacht gebrannt, welches er für Kopal hielt. Es

ist also wahrscheinlich, daß dieser Kopalbaum längs des Flusses noch

weit hinaufsteigt. Interessant ist, daß man ihn sehr selten in weiterer

Entfernung vom Flußrande findet.

Am Vormittage des nächsten Tages wurde die ganze Besatzung des Dampfers

ausgeschickt, um Holz zu schlagen, denn Herrn +Langheld+ hielt es

nicht länger hier; er wollte durchaus zu seiner Faktorei zurück. Gegen

Mittag nahmen wir Abschied von Herrn +Schulz+, welcher nun hier

allein zurückbleiben soll. Mit dem größtmöglichen Dampfdruck wurde der

„Major Cambier“ den Dja hinuntergejagt, wobei uns die starke Strömung

noch Beistand leistete. Schon um 3 Uhr trafen wir an der Bumbe-Faktorei

ein. Nach nur halbstündigem Aufenthalte dampften wir weiter den Ngoko

hinunter. Diese Fahrt, welche wir nun machten, dürfte wohl für lange

Zeit die schnellste bleiben, welche je auf dem Ngoko geleistet wurde,

denn schon gegen 7 Uhr trafen wir in der Faktorei ein. Unterwegs sahen

wir noch eine Herde Büffel am Flußrande, welche aber schnell im Busche

verschwanden, als sie unserer ansichtig wurden. Da es zu spät war, um

jetzt noch die ermüdeten Leute zur Canoefahrt anzutreiben, schlief

ich am Abend noch auf dem Dampfer und kehrte erst am nächsten Morgen

zur Ngoko-Station zurück, wo ich bei strömendem Regen eintraf. Die

Regenzeit schien jetzt überhaupt hier einzusetzen, denn während der

letzten Zeit hatten wir auffallend starke und häufige Niederschläge

gehabt. Herr +Gruschka+, welchen wir am Schwarzwasserfieber

niederliegend verlassen hatten, war wieder einigermaßen hergestellt,

doch noch immer so schwach, daß er nicht arbeiten konnte. Herrn +v.

Lüdinghausen+ fielen daher nun die sämtlichen Arbeiten allein zu.

Die Zeit, welche ich noch auf der Station verweilte, hatte ich mit dem

Einpacken meiner Sachen und Trocknen der Kickxiasamen sowie anderen

laufenden Arbeiten auszufüllen. Dasselbe herzliche und liebenswürdige

Entgegenkommen, welches ich bei Dr. +Plehn+ gefunden, wurde mir

nun auch von Seiten des Herrn +v. Lüdinghausen+ zu teil. In

Zukunft konnte ich nur einige kleine Exkursionen machen, da ich kein

Personal aufzutreiben vermochte, welches mich begleiten konnte. Herr

+v. Lüdinghausen+ war zwar so freundlich, mir von den wenigen

Leuten, welche ihm gelassen waren, einige zur Verfügung zu stellen,

doch machte ich keinen Gebrauch davon, weil ich wußte, wie nötig er sie

selbst brauchte. Einmal noch wollte ich versuchen, auf die Hügel auf

der anderen Seite des Ngoko zu kommen, mußte es aber aufgeben, da der

ganze Wald am Fuße derselben überschwemmt war.

Am Nachmittage brach während dieser Zeit mit merkwürdiger

Regelmäßigkeit ein Tornado mit Regen aus, welcher häufig so stark war,

daß die Häuser auf der Station Gefahr liefen, umgeblasen zu werden.

Herr +v. Lüdinghausen+ ließ zwar gerade ein neues Steinhaus

bauen, doch wäre es uns dennoch sehr unangenehm gewesen, wenn uns in

den provisorisch aufgebauten (Raphia-) Bambushäusern das Dach entführt

worden wäre. Es ist nicht unwahrscheinlich, daß wir es der äußerst

luftigen Konstruktion dieser Häuser, welche den Wind von allen Seiten

hindurchfegen ließen, zu verdanken haben, daß wir einem derartigen

Zufalle entgingen.

Herr +Kruschka+, welchen Herr +v. Lüdinghausen+ zur Erholung

auf eine kleine Reise nach Djimu, die Herr +Langheld+ mit dem

„Major Cambier“ kurz nach unserer Rückkehr vom Dja angetreten,

mitgeschickt hatte, traf am 29. Oktober plötzlich mit der Nachricht

wieder auf der Station ein, daß am 1. November die „Holland“ von Wesso

nach dem Stanley-Pool abfahren wolle. Glücklicherweise hatte ich mich

so weit bereit gehalten, daß ich denn auch dank der liebenswürdigen

Unterstützung von seiten des Herrn +v. Lüdinghausen+, welcher

mit einigen Leuten aushalf, bereits am nächsten Tage unterwegs war.

Es wurde mir ordentlich schwer, hier von der Ngoko-Station Abschied

zu nehmen, wo ich erst mit Dr. +Plehn+ und dann mit Herrn +v.

Lüdinghausen+ so angenehme Stunden verlebt hatte. Das ziemlich große

Canoe war kaum im stande, meine vielen Lasten zu tragen; doch hier galt

kein Zögern, wenn ich nicht viel Zeit verlieren wollte. Sehr hatte ich

mich noch am letzten Tage gefreut, daß Herr +v. Lüdinghausen+

durch sein forsches Auftreten es so weit brachte, daß vier Misangas

einwilligten, zusammen mit einigen Leuten von der Station mich nach

Wesso zu bringen. Es war dieses das erste Mal, daß die Misangas zu

einer derartigen Arbeitsleistung gebracht worden waren.

Da ich zu gleicher Zeit die Post der Station mitnehmen sollte, hatte

ich bis gegen 3 Uhr nachmittags zu warten, ehe ich am 30. Oktober

aufbrechen konnte. Wir kamen daher denn auch nicht sehr weit,

besonders da ich am Dorfe des Häuptlings +Angojo+ anlegen ließ, um

einige Lebensmittel zu kaufen. Ehe wir von dort aus das Dorf N’gali

erreichten, war es stockfinster geworden, außerdem hatte wieder ein

Tornado eingesetzt, so daß die Situation nicht ganz gefahrlos war. Erst

gegen 7½ Uhr trafen wir in N’gali ein. Ich wollte nicht erst mein Zelt

und das Feldbett unter den übrigen Lasten hervorsuchen lassen, und

setzte mich deshalb zum Schlaf in einen langen Stuhl. Doch, o weh! Es

gab hier Millionen von Moskitos, welche mich während der ganzen Nacht

nicht schlafen ließen. Noch müder als am Abend vorher, setzten wir

am nächsten Morgen gegen 6 Uhr unsere Reise fort. Nach einer Stunde

ließ ich einige Minuten an einem kleinen Dorfe Halt machen, wo uns die

Eingeborenen Elefantenfleisch zum Kaufe anboten. Von dort aus ging

es bis 1 Uhr ohne Unterlaß weiter, bis wir den Sanga erreichten. In

Sicht von Wesso ließ ich nun noch anhalten, um den Leuten Zeit zum

Essen zu gewähren. Kurz darauf trafen wir auch wohlbehalten in Wesso

ein, wo man mich bereits aufgegeben hatte, da man dachte, daß ich

schon am Abend vorher oder gar nicht eintreffen würde. Der Dampfer war

glücklicherweise noch nicht abgefahren. Im Laufe des Nachmittags ließ

ich meine Lasten an Bord des Dampfers unterbringen und schickte dann

das Canoe mit der Bemannung zur Ngoko-Station zurück.

Da am 1. November der Nebel, welcher den ganzen Fluß bedeckte, uns

verhinderte, zu der festgesetzten Stunde zeitig abzufahren, so wurde es

ziemlich spät, ehe wir die Reise antreten konnten. Außer mir war noch

ein französischer Beamter vom oberen Sanga Passagier auf dem Dampfer;

auch er wollte zum Stanley-Pool hinunter. Da der Dampfer nur sehr

langsam fuhr und sich fast nur treiben lassen mußte, denn er hatte sich

noch während der letzten Ngoko-Reise einige arge Schäden zugezogen,

so kamen wir trotz der starken Strömung doch recht langsam vorwärts.

Holz wurde nur halb soviel verbraucht als auf dem „Major Cambier“.

Es war eine elende Fahrt auf einem der schlechtesten Dampfer, welche

den Congo befahren. Hätte ich Leute genug gehabt, würde ich sicher

eine Canoereise dieser Dampferfahrt vorgezogen haben, denn dann hätte

man doch wenigstens noch die Ufer besser kennen gelernt. Da wir, nach

Angabe des Kapitäns, Holz für drei volle Tage besaßen, so fuhren wir

bis 5 Uhr am Nachmittage ohne Unterbrechung. Gegen 1½ Uhr sahen wir

Likilembe und bald darauf Pembe allmählich hinter uns verschwinden.

Bei einem Dorfe, Butinda, welches wir bei der Auffahrt nicht gesehen

hatten, legten wir uns am Abend vor Anker. Auch während der Fahrt

am nächsten Vormittage sahen wir ein Dorf, welches mir auch früher

entgangen war, es wurde N’gunga genannt. Gegen Mittag erreichten wir

N’kunda, wo, seit der Zeit meiner Reise den Fluß hinauf, eine Faktorei

einer französischen Gesellschaft, in deren Konzessionsgebiet der Ort

gehörte, entstanden war. Hier befanden sich zwei Europäer, welche

sich beide sowohl darüber beklagten, daß die Eingeborenen ihnen keine

Lebensmittel verkaufen wollten, so daß sie gezwungen seien, allein von

Konserven zu leben, als auch, daß es überhaupt keinen Handel gebe, denn

bis zur Zeit (sie waren bereits zwei Monate in N’kunda) hätten sie noch

keinen Zahn Elfenbein kaufen können. Diese Aussagen bestätigten genau

meine Ansichten über die französischen Konzessionen am Sanga, wie ich

sie übrigens weiter oben und bereits auch an anderen Orten wiederholt

ausgedrückt habe. Die armen Leute wußten vor Langeweile nicht, was

sie anfangen sollten. Mit großem Eifer hatten sie einen weiten Platz

freigeschlagen, um nun daselbst ein großes Haus aufzuführen, denn bis

zu unserer Ankunft hatten sie in Zelten gewohnt.

Als wir am Nachmittage N’kunda verließen, erhob sich ein solcher Sturm,

daß wir mit dem Dampfer vergeblich versuchten, umzudrehen; erst als wir

im Schutze einer Insel waren, konnten wir wieder richtig manövrieren.

Wir wurden dann bald von der Strömung ergriffen, welche uns, selbst

wenn wir keinen Dampf gehabt hätten, unserem Ziele schnell zuführte.

Gegen Abend liefen wir bei einem verlassenen Dorfe an Land. Da wir das

Holz der alten Hütten gut als Feuerungsmaterial verwenden konnten,

so ließ unser Kapitän die ganze Besatzung daran gehen, die gesamten

Holzvorräte auf dem Dampfer zu bergen. Ich sah hier übrigens einige

Mittelpfähle an den Häusern, wie ich sie früher noch nicht beobachtet

hatte. Dieselben waren am oberen Ende in drei bis fünf verkehrte,

übereinander stehende Kegel ausgeschnitzt worden und endeten mit zwei

kurzen Spitzen. Der das Dach tragende Querbalken war zwischen diese

zwei Spitzen aufgelegt. Unterhalb dieser kegelartigen Verzierung an

der Spitze der Pfähle war ein viereckiges Loch angebracht worden, über

dessen Bedeutung ich nie recht klar geworden bin, es sei denn, daß man

dort Pulverhörner oder sonstige Gegenstände aufhängte.

Daß wir uns nun der schlimmsten Moskito-Region des Congo näherten,

wurde uns nur zu bald klar an den vielen Stichen, mit denen wir

Europäer bedeckt waren. In der Nacht konnten wir kaum schlafen. Auch

die Eingeborenen haben unter dieser Plage sehr zu leiden, da sie fast

alle mit vollständig entblößtem Körper sich zur Ruhe legen.

Westafrikanische Kautschuk-Expedition · 第 12 / 32 段