Da mir nicht viel daran lag, dieselben Gegenden noch einmal vom Dampfer

aus zu betrachten, so hatte ich beschlossen, die Rückreise im Canoe

zu machen. Da der Dampfer von hier aus umkehren sollte, so fuhr ich

bereits um 5½ Uhr am Morgen des 26. September von Bomudali ab. Da

noch Nebel auf dem Flusse lag, konnten wir anfangs nur wenig von der

Urwaldvegetation erkennen. Erst als gegen 8 Uhr die Sonne durchdrang,

wurde das Bild interessanter und lebendiger. Die Papageien in den

Zweigen fingen ihr Geschrei an, oben sah man die Nashornvögel über die

höchsten Gipfel der Bäume dahinschweben, während die buntbefiederten

Königsfischer auf den Büschen am Wasser auf Beute warteten. Nun am

Ufer entlang fahrend, sah ich häufig riesige Kautschuklianen von den

Zweigen hängen, deren riesige, etwa kinderkopfgroße Früchte durch ihr

Gewicht die Zweige herunterzogen. Leider hingen diese Früchte meist

zu hoch, um sie zu erlangen, selbst einige Schüsse auf dieselben

hatten keine Wirkung. Doch gelang es mir nach einigen vergeblichen

Versuchen, endlich dreier derselben habhaft zu werden, um sie nach der

Station mitzunehmen. Von Kickxia konnte ich nur hin und wieder einige

Exemplare an dem höheren Ufer entdecken; doch ließ ein großer Sumpf,

welcher die Hügel von dem Flusse trennte, eine genauere Untersuchung

derselben nicht zu. Gegen Mittag erreichten wir Djama, nachdem wir

noch kurz vorher durch einen tüchtigen Regenschauer vollständig

durchnäßt worden waren. Meine Leute hatten zwar in dem Dorfe Bomudali

tüchtig Essen kaufen können, so daß sie noch reichlich versehen

waren, doch hielt ich es trotzdem für geraten, mich hier noch einmal

tüchtig zu verproviantieren, da ich nicht wußte, wie lange ich noch

bis zu meiner Ankunft auf der Station unterwegs bleiben würde, zumal

ich beabsichtigte, den N’komo zu befahren, um auch dort soweit als

möglich in die Wälder einzudringen. Ich besuchte daher die beiden

Djama-Inseln und kaufte dort an Lebensmitteln für meine wenigen Leute

nicht unbedeutende Quantitäten ein, und zwar zu äußerst billigen

Preisen. Ich will zwar nicht verleugnen, daß die Anwesenheit der

Soldaten wahrscheinlich nicht wenig dazu beitrug, doch sah ich darauf,

daß den Leuten nichts mit Gewalt abgenommen wurde. Wer nicht verkaufen

wollte, wurde in keiner Weise dazu gezwungen. Ich konnte hier Hühner

und Eier für Öl und Salz einkaufen. Etwa ein halber, ziemlich kleiner

Tassenkopf mit Öl genügte, um ein Huhn zu erstehen. Für meine Leute gab

es Büffel- und Elefantenfleisch und sehr viel Planten. So konnten wir

also, reichlich versehen, am Nachmittage unsere Weiterreise antreten.

Nach kurzer Zeit ließ ich an Land anfahren, um Mittag kochen zu lassen.

Wir waren kaum damit fertig, als die „Holland“ unsere Lagerstelle

passierte, auf der Rückreise nach Bumbe, welches übrigens schon von

unserem Lager aus in Sicht war. Ich unternahm nun noch eine Exkursion,

auf welcher ich wieder das Vorhandensein der Kickxia, wenn auch nur

in vereinzelten Exemplaren, konstatieren konnte; dann ließ ich den

Dja bis zum Bumbe hinunter weiterfahren, wo ich gegen 6 Uhr abends

bei dem Dampfer anlangte. Am Abend versammelten wir hier anwesende

fünf Europäer uns auf dem Dampfer, wo uns Herr +Kalmar+ nach dem

Abendessen durch ein Konzert auf der Violine unterhielt. Da ich am

nächsten Morgen früh aufbrechen wollte, ging ich um 10 Uhr schlafen.

Der nächste war wieder einer jener prächtigen Morgen, wie ich sie

besonders nach einem Regentage schon häufig im Ngoko erlebt hatte;

lautlos glitt unser Canoe am Ufer des Flusses entlang, jedes Geräusch

wurde noch durch den dichten Nebel, welcher auf dem Flusse lag,

gedämpft. Als sich gegen 9 Uhr der Nebel gehoben, ließ ich auf

einer sandigen Stelle am Ufer das Canoe aufziehen, um den Soldaten

Zeit zum Frühstück zu geben, während ich mit meinem Jungen im Walde

umherstreifte, soweit es die uns umgebenden Sümpfe gestatteten. Auch

hier gab es viele Landolphien, besonders L. florida, deren Früchte

eine Schar Affen angelockt hatten, von welchen ich für meine Leute

zwei erlegen konnte. Während ich im Walde umhergestreift, hatte der

Koch das Frühstück fertig gemacht, so daß wir kurz darauf, ohne

großen Zeitverlust, weiterfahren konnten. Gegen 11 Uhr erreichten wir

die Mündung des N’komo-Flusses, in welchen wir nun eindrangen. Die

Strömung war hier auffallend stark, besonders da, wo Bäume in das

Wasser hineingefallen waren. An einigen Stellen mußten wir uns längs

der Ufer an dem Gesträuch entlang hinziehen, um gegen die starke

Strömung ankommen zu können. Ein riesiges Krokodil, welches auf einem

Baumstumpfe lag, schoß ich auf dieser Fahrt, doch entging uns das Tier

leider, weil es in seinem Todeskampfe vom Stamme herunter in das Wasser

fiel. Gegen 12 Uhr ließ ich an einer offenen Stelle an Land fahren, um

den Leuten, welche sich sehr stark hatten anstrengen müssen, Rast zum

Mittagessen zu geben. Elefanten-, Büffel- und Nilpferdspuren gab es

in Menge, von den Tieren selbst war leider nichts zu sehen. Die Bäume

hingen am Ufer voll von Orchideen, unter denen besonders Angraecum

pellucidum Ldl. mit seinen langen herunterhängenden Blütentrauben

auffiel. Hier und dort waren Kautschuklianen (Landolphia) zu sehen,

doch bis jetzt selten in größeren Mengen. Ich drang mit einem Soldaten

tiefer in den Wald ein, um nach Kickxia zu suchen, konnte davon hier

aber nichts entdecken. Als wir uns am Nachmittage kaum wieder auf der

Weiterfahrt befanden, überraschte uns wieder ein starker Regen, der

uns aber nicht hinderte, weiter zu rudern. Bald schien es, als sei

unserm weiteren Vordringen eine Schranke gesetzt, denn vor uns lagen

zwei große Bäume im Wasser. Als wir näher kamen, erkannten wir in

denselben eine Brücke der Eingeborenen. Die beiden Bäume waren von

denselben gefällt worden und die oberen Äste mittelst Lianen mit dem

Strauchwerk der anderen Seite verbunden, so daß man, von Ast zu Ast

kletternd, den Fluß überschreiten konnte. Zur Sicherung des Überganges

waren einige Lianen darüber gespannt worden, an denen man sich halten

konnte. Von menschlichen Wesen selbst war keine Spur zu entdecken. Ich

glaube sicher, daß diese Brücke von den Zwergvölkern dieser Urwälder

gelegt worden ist, denn nur diese allein bewohnen jene Wildnis. Mit

unseren Haumessern gelang es uns, eine Öffnung durch die im Wasser

liegenden Kronen der Bäume zu schlagen, durch welche wir unser Canoe

hindurchschieben konnten. Wir wurden alle dabei von einer Schar

Ameisen, welche eben den Fluß auf dem Baume zu überschreiten schienen,

arg zugerichtet. Als sich gegen Abend der Himmel aufgeklärt hatte,

begannen sich die verschiedensten Tiere hören zu lassen, besonders

Elefanten hörte man häufig. Ein Schuß, welchen ich auf eine Schar Enten

abfeuerte, rief dann plötzlich für kurze Zeit eine allgemeine Stille

hervor. Gegen 5½ Uhr ließ ich anhalten und für mein Zelt unter einem

großen Baume den Platz reinigen. Bei der dichten Bewaldung brach die

Dunkelheit überraschend schnell herein. Es war eine wundervolle Nacht,

welche nun folgte, als der Mond sein friedliches Licht über den Urwald

ergoß. Noch lange saß ich an dem Abend vor meinem Zelt und genoß die

kühle Luft. Die Stille des Waldes wurde nur hin und wieder durch das

Trompeten eines Elefanten unterbrochen.

Kurz nach 6 Uhr waren wir am nächsten Morgen auf der Fahrt. Mit jeder

Minute wuchs die Stärke der Strömung, so daß ich schon mit einigem

Grauen an die Rückfahrt dachte, da dann bei den vielen Windungen des

Flusses und den vielen, in demselben liegenden, Baumstämmen unser Canoe

nur zu leicht hätte umgerissen werden können. Gegen 7½ Uhr wurde

nun leider unserem weiteren Vordringen durch einen neuen Baumstamm

eine Schranke gesetzt. Auch dieser war wieder von Menschenhand gefällt

worden und lag unglücklicherweise so im Wasser, daß für unser Canoe

keine Passage blieb. Unter Schwierigkeiten wäre es uns vielleicht

gelungen, das Canoe darüber hinweg zu ziehen oder über Land wieder

in fahrbares Gewässer zu bringen, doch glaubte ich, etwa so weit

vorgedrungen zu sein, als der N’komo deutsch war. Da der Zweck

meiner Mission auch nicht in geographischen Forschungen bestand, so

glaubte ich auch, hier umkehren zu müssen, hatte ich doch wenigstens

Kautschuklianen hier in ziemlichen Mengen feststellen können. Bevor

ich umkehrte, unternahm ich noch eine kleine Exploration der Wälder,

in welche ich tiefer eindrang. Dieselben enthielten Kautschuklianen in

Quantitäten, welche einen regelmäßigen Abbau wohl lohnen würden. Ehe

es jedoch zu einem solchen in diesen doch immerhin recht entfernten

Regionen kommen wird, dürften noch viele Jahre hingehen. Eine der

ersten Aufgaben des Stationsvorstehers sowohl, wie vor allen Dingen

der Kaufleute im Ngoko-Distrikte, dürfte es vor allen Dingen sein,

den Eingeborenen den Wert des Kautschuks und die Gewinnung desselben

klar zu legen, und, wenn möglich, in einer solchen Weise, daß der

Raubbau sich nicht auch hier einbürgert. Ich selbst befürchte zwar,

daß sich dieser selbst bei strengen Maßregeln nicht wird fernhalten

lassen. Doch dessenungeachtet wäre es entschieden wünschenswert, daß

im Ngoko-Gebiete ein unnötiges Umschlagen der Kickxiabäume strengstens

bestraft würde, sobald sich ein solches nachweisen läßt. Ich werde noch

einmal darauf zurückzukommen haben, da ich selbst einmal Zeuge eines

solchen Umschlagens von Kickxiastämmen gewesen bin; doch davon später.

Noch im Laufe des Vormittags traten wir unsere Rückfahrt an, die

infolge der vielen Krümmungen des Flusses sowie der vielen darin

liegenden Baumstämme sehr gefährlich war. Bei der reißenden Strömung

sauste das Canoe dahin, wie ich es nie geglaubt hätte. Ich selbst hatte

ein Ruder genommen, um im Falle der Not auch beim Steuern zur Hand zu

sein. Besonders fürchtete ich die untere Baumbrücke, welche uns sehr

leicht hätte umreißen können. Genau nach der Karte, welche ich von dem

Flusse bei der Fahrt hinauf angefertigt hatte, unsere Route verfolgend,

machte ich schon vorher die Soldaten auf die kommenden scharfen Kanten

und schnellen Strömungen aufmerksam und ließ, als wir uns der Brücke

näherten, rückwärts rudern, so daß wir dem Strome entgegenarbeiteten

und dann schließlich langsam gegen die Brücke angetrieben wurden.

Nachdem wir das Canoe dann auch glücklich durch die von uns geschlagene

Öffnung hindurchgezogen hatten, ging es mit derselben Schnelligkeit

wie vorher weiter nach dem Ngoko zu. Noch eine Stelle gab es, die für

uns gefährlich werden konnte. Dort hätte auch beinahe die Fahrt ein

Ende gefunden, wenn wir nicht plötzlich von der Strömung fortgerissen

und in ein Strauchwerk hineingeschleudert worden wären, wo ich

glücklicherweise noch zur rechten Zeit einige Äste ergriff, mit Hülfe

derer ich das Canoe zurückhalten konnte. Nachdem wir diese Stelle dann

auch glücklich passiert hatten, hatten wir offenes, wenn auch noch

reißendes Fahrwasser. Man wird sich einen Begriff von der Macht dieser

Strömung machen können, wenn man bedenkt, daß wir die Fahrt flußabwärts

in etwa einem Viertel der Zeit machten, als die Fahrt flußaufwärts. Ich

muß offen bekennen, daß ich froh war, als wir wohlbehalten wieder im

Ngoko angelangt waren. Wir fuhren nun den Ngoko weiter hinunter, bis

wir einen verlassenen Weiler am Flußufer erreichten, wo ich zum Zwecke

des Abkochens Rast machen ließ.

Das Feuer war kaum angezündet, als einer der Soldaten mit der Nachricht

kam, daß in einer Hütte ein halbverhungertes Weib liege, das kaum mehr

sprechen könne. Ich ließ die Frau nun heranbringen und ihr etwas zu

essen geben. Allmählich konnten wir denn ihren Reden entnehmen, daß sie

von ihren Stammesgenossen hier vor einigen Wochen ausgesetzt sei. Ihren

richtigen Heimatsort konnten wir nicht erfahren, wie überhaupt ihre

Aussagen häufig verwirrt waren und sich nicht selten widersprachen.

Offenbar war das Weib irrsinnig. Sei es nun, daß sie erst durch den

Hunger in diesen Zustand verfallen war, denn sie hatte sich während

der ganzen Zeit von den ölhaltigen Samen einer Leguminose ernährt,

sei es, daß sie infolge ihres Irrsinnes von ihren Stammesgenossen

ausgesetzt war, ich konnte sie hier natürlich nicht zurücklassen, denn

sie wäre sicher in wenigen Tagen verhungert, da sie schon jetzt kaum

mehr Kräfte genug besaß, sich aufrecht zu halten. Als wir dann diesen

von Flöhen wimmelnden Platz verließen, wurde die Frau mit in das Canoe

gesetzt, nachdem die Soldaten vorher vergeblich versucht hatten, sie

zu waschen. Das Wetter sah schon recht drohend aus, als wir unseren

Lagerplatz verließen, so daß wir wenig überrascht waren, als plötzlich

ein wolkenbruchartiger Regen mit starkem Sturm zu wüten begann.

Wenn selbst wir auch alle bis auf die Haut durchnäßt wurden und die

Situation nichts weniger als angenehm war, so freuten wir uns dennoch

alle, daß wenigstens auf diese Weise die würdige Matrone in unserem

Canoe einmal tüchtig gewaschen wurde, denn der Schmutz und Aschenstaub,

welcher an ihrem Körper haftete, spottete jeder Beschreibung. Da der

Sturm für unsere Weiterreise zu gefährlich zu werden schien, ließ ich

an einer sandigen Stelle unter einer alleinstehenden Sterculia an Land

fahren, um dort für die Nacht das Zelt aufschlagen zu lassen. Leider

war aber der Boden an dieser Stelle so locker, daß die Zeltpflöcke von

dem Sturme immer wieder herausgerissen wurden, so daß wir nach vielen

vergeblichen Versuchen doch schließlich die Hoffnung aufgaben, das Zelt

hier aufschlagen zu können. Trotz des Regens und Sturmes mußten die

Soldaten sowie die anderen Insassen des Bootes wieder zu den Rudern

greifen, um uns nach einem günstigeren Lagerplatz zu bringen, den wir

denn auch bald erreichten. Unter strömendem Regen wurde ein Platz

für das Lager im Walde freigelegt und die Zelte für mich und meine

Begleitung aufgeschlagen. Dieser furchtbare Regen hielt mit dem Sturme

fast die ganze Nacht hindurch an, so daß man bei dem Getöse, welches

durch den Regen, den Sturm und die herunterbrechenden trockenen Zweige

und Äste verursacht wurde, kaum an Schlafen denken konnte.

Zu unserer Freude klärte sich der Himmel am nächsten Morgen auf, so

daß wir bereits früh weiterfahren konnten. Es lag mir daran, noch an

demselben Tage die Station zu erreichen. Meine Leute hatten daher

tüchtig zu rudern, selbst das vom Hungertode befreite Weib, welches

sich merkwürdig schnell wieder erholt hatte, mußte ein Ruder zur Hand

nehmen und helfen. Im raschen Tempo ging es nun flußabwärts an den

wenigen Inseln vorbei, welche hier im Ngoko liegen. Dieselben waren

zumeist schon durch das jetzt schnell steigende Wasser überschwemmt

worden. Als wir gegen Mittag in die Nähe des Plehn-Felsens kamen,

welcher auch nur noch um einige Fuß aus dem Wasser hervorragte, ließ

ich zum Abkochen kurze Rast machen. Ich durchstreifte während der

Zeit wieder die Wälder, ohne aber auf Kickxien zu stoßen, wie ich

gehofft hatte. Einige Ficusbäume aus der Verwandtschaft der Ficus

Vogelii, welche hier wuchsen, zapfte ich an und kochte dann die Milch,

teils nach Zusatz von Salz, teils mit Essigsäure vermischt, erhielt

aber nur eine klebrige, zähe Masse, die keinen Wert hatte. Während

des Nachmittags ging es dann ununterbrochen bis zur Faktorei der

Südkamerun-Gesellschaft weiter, welche wir mit eintretender Dunkelheit

erreichten. Von Herrn +Langfeldt+ erfuhr ich hier, daß Dr. +Briart+

mit einem neuen Dampfer der Société Anonyme Belge, dem „Président

Urban“, in der Zwischenzeit dagewesen sei. So hatte ich leider diese

Gelegenheit verpaßt, nach dem Congo zurückzukehren. Nach kurzer Fahrt

erreichten wir dann gegen 8½ Uhr die Ngoko-Station wieder.

Da der „Président Urban“ für Dr. +Plehn+ die sämtlichen von

ihm bestellten Ausrüstungsgegenstände für eine geplante längere

Expedition ins Innere mitgebracht hatte, so setzte Dr. +Plehn+

den Aufbruch zu dieser Expedition auf den 10. Oktober fest. Da nach

dieser Zeit zu wenig Leute auf der Station sein würden, um mich bei

meinen Exkursionen zu begleiten, so beschloß ich, die Zeit noch tüchtig

zum Sammeln von Kickxiafrüchten zu verwenden. Noch verschiedene Male

machte ich Ausflüge immer wieder in mir noch unbekannte Gegenden um

die Station herum. Überall konnte ich die Kickxia in Mengen feststellen

und jedesmal den Vorrat der Samen bedeutend vergrößern, so daß ich

schließlich gegen 400000 Samen haben mußte.

Meine verschiedenen Experimente mit Kickxia- und Landolphiamilch

setzte ich zu derselben Zeit fort. Besonders die Methode der Gewinnung

des Kautschuks durch allmähliches Austrocknen der Milch und durch

Centrifugieren.

Zusammen mit Dr. +Plehn+ unternahm ich am 4. Oktober einen Ausflug

auf die Hügel der anderen Ngoko-Seite. Von der Faktorei „Wilhelmina“,

welche nun verlassen war, ging zur Zeit der einzig mögliche Weg erst in

den Wald hinein, um sich dann langsam gegen die Hügel vorzuschlängeln.

Wiederholt mußten wir uns von unseren Leuten durch Morast und Wasser

tragen lassen, denn bei dem jetzt schon recht hohen Wasserstande war

bereits ein großer Teil des zeitweise trockenen Waldes vollständig

überschwemmt. Nachdem wir dann glücklich den Fuß des Hügels erreicht

hatten, drangen wir auf einem schmalen Eingeborenenpfade bis zur

Spitze vor, wo sich einige Leute des Kataku-Dorfes, offenbar um der zu

großen Nähe der Weißen zu entgehen, seit kurzem angesiedelt hatten.

Die Leute hatten Bananenpflanzungen angelegt, beklagten sich aber bei

uns, daß die Elefanten ihnen viel Schaden zufügten. Da Dr. +Plehn+

möglichst bald zur Station zurückkehren wollte, blieb ich mit meinem

Jungen und einem Soldaten allein zurück, um zu versuchen, auch hier

das Vorkommen von Kickxia zu konstatieren. Als ich nach einigem Suchen

diesen Zweck erreicht hatte, kehrte auch ich wieder auf das andere Ufer

zurück, wo ich auf der Station mit dem Trocknen der Kickxiasamen und

dem Einpacken der Kautschukproben jetzt viel zu thun hatte.

Da ich es für sehr wahrscheinlich hielt, daß zur weiteren Feststellung

des Verbreitungsgebietes der Kickxia eine Reise nach dem oberen Dja

von Nutzen sein würde, so entschloß ich mich, einer Einladung des

Herrn +Langheld+, ihn dorthin zu begleiten, nachdem er die

+Plehn+sche Expedition nach dem Bumbe gebracht hätte, Folge zu

leisten, besonders da ich wußte, daß ich vor Ende des Monats Oktober

nun keine Gelegenheit haben würde, die Rückreise nach dem Congo

anzutreten. Gern wäre ich mit Dr. +Plehn+ zusammen gegangen, um

dann nach der Küste zu durchzumarschieren, doch das war nun leider

infolge des Trägermangels unmöglich. Selbst Dr. +Plehn+ mußte sein

Gepäck schon auf das Allernotwendigste beschränken, um genügend Leute

zum Transporte seiner Sachen zu haben. Es war für mich damals nicht

leicht, auf diese Expedition zu verzichten, von der wir uns so viel

Interessantes versprachen.

Nachdem die Hauptmenge der Lasten der +Plehn+schen Expedition

schon am 10. Oktober nach dem „Major Cambier“ zu Herrn +Langhelds+

Faktorei hinübergeschafft worden waren, verließen wir, Dr.

+Plehn+, Herr +Peter+, welcher an der Expedition teilnehmen

sollte, und ich, am frühen Morgen mit den Soldaten und Trägern die

Ngoko-Station, um dann zum „Major Cambier“ mit dem letzten Reste der

Expeditionsgüter nachzufolgen. Ich werde diesen Morgen nie vergessen,

an dem ich damals zum letzten Male mit +Plehn+ zusammen den

Ngoko-Hügel hinunterstieg und mit ihm über den eventuellen Ausgang

der Expedition sprach, der nach unseren damaligen Ansichten nur ein

glücklicher und für die Erforschung unseres Schutzgebietes sehr

günstiger sein konnte. Leider hatte das Schicksal es anders beschlossen.

Nachdem gegen 9 Uhr endlich alles auf dem Dampfer untergebracht war,

konnten wir abfahren. Die Scenerie war mir, der ich diese Fahrt

nun bereits wiederholt gemacht hatte, ja bekannt genug. Von dem

Plehn-Felsen war kaum noch die Spitze zu sehen; so war das Wasser in

den wenigen Tagen gestiegen. Am Nachmittage wurde eine Stunde lang

Halt gemacht, um neuen Holzvorrat zu schaffen. Dann fuhren wir bis

zum späten Nachmittag weiter und legten, bevor wir die N’komo-Mündung

erreicht hatten, uns vor Anker. Das Aufschlagen des Lagers dauerte

heute eine ziemliche Zeit, da Dr. +Plehns+ Soldaten mit dem

Aufstellen seines großen Zeltes noch nicht recht Bescheid wußten.

Bis zum späten Abend saßen wir Europäer noch bei der wundervollen

Beleuchtung, welche der Mond über die Landschaft warf, zusammen. Am

nächsten Morgen dampften wir dann zeitig ab, um noch vor Mittag bei

der Bumbe-Faktorei einzutreffen. Es war einer der heißesten Tage,

welche ich erlebt hatte; alles schien niedergedrückt zu sein, nur

der unermüdliche Herr +Langheld+ lief, ohne sich irgendwie zu

schonen, in der Sonne umher, bis alles in Ordnung war. Wir saßen alle

gerade beim Essen, als ein Soldat mit der Nachricht kam, daß auf der

anderen Seite des Bumbe ein riesiges Krokodil im Wasser schwämme.

Dr. +Plehn+ war sofort mit seiner Büchse zur Hand, und in der

nächsten Minute hatte das Tier einen Schuß im Kopfe, der es auf der

Stelle getötet haben mußte, denn das Tier blieb oben. Der Sicherheit

halber schoß Dr. +Plehn+ noch einmal und zwar noch einen solchen

Meisterschuß. Die Soldaten, welche schon die Sicherheit ihres Herrn

beim Schießen kannten, hatten auch sofort das Canoe, welches Dr.

+Plehn+ von mir übernommen, in den Fluß gezogen und ruderten nun

mit allen Kräften zur Stelle, um die Jagdbeute einzuholen, die dann

zur großen Freude der Leute verteilt wurde. Das Krokodil war eines der

größten, welche ich je gesehen.

Da Dr. +Plehn+ mit dem Packen seiner ganzen Expeditionsgüter noch

nicht vollständig fertig war, so beschloß er, erst am 14. Oktober von

Bumbe aufzubrechen; ich hatte also hier noch einen freien Tag. Ich

benutzte daher die Gelegenheit, mit Herrn +Kalmar+ und Herrn

+Schultz+, welcher mit uns nach Bomudali fuhr, um die Faktorei

daselbst zu übernehmen, eine Canoefahrt den Bumbe hinauf zu machen,

wo zum Bau der Häuser der Bumbe-Faktorei Baumstämme gefällt werden

sollten. Die Freude, welche ich hier bei dem Anblicke der häufig

vorhandenen Kickxien empfand, wurde mir bald genommen, als ich sah,

daß Herr +Kalmar+ eine nach der anderen fällen ließ, da er

behauptete, daß sonst keine anderen geraden Stämme zum Häuserbau

vorhanden seien als die Kickxien. Es ist doch schade, daß selbst

die Europäer hier nicht mehr darauf achten, die Schätze, welche das

Land bietet, möglichst zu wahren; gerade deshalb wäre es auch sehr

wünschenswert, daß von der Regierung Maßregeln getroffen würden, ein

solches Treiben zu verhindern. Wie ich mich später überzeugen konnte,

sind die Befestigungen der Palaverhäuser der Fan-Stämme im Ngoko auch

vorzugsweise aus Kickxiastämmen hergestellt. Bedenkt man nun, daß

diese Dörfer bei der geringsten Gelegenheit verlassen werden und an

einer anderen Stelle ein neues errichtet wird, zu dem wieder viele

Kickxiastämme nötig sind, so kann man sich leicht vorstellen, welcher

Schaden mit der Zeit unter den Kickxiabeständen angerichtet wird, der

leicht vermieden werden könnte. Der Eingeborene fällt natürlich lieber

die weichen Kickxiastämme, als die zähen und harten Bäume, welche

seinen schlechten Instrumenten so viel Widerstand entgegensetzten,

um so mehr, als ja bei seiner Gewohnheit, die Dörfer immer wieder zu

verlegen, das Holz gar nicht besonders dauerhaft zu sein braucht.

Am Morgen des 14. Oktober stand Dr. +Plehn+ mit seiner Expedition

schon zeitig fertig da. Es war arrangiert worden, daß der „Major

Cambier“ die Expedition noch eine kurze Strecke den Bumbe hinauf

bis kurz vor Kodjo bringen sollte. Die erste Hälfte, welche Herr

+Peter+ führte, ging gegen 7 Uhr ab. Da ich auch gern einen

Teil des Bumbe sehen wollte, fuhr ich auch mit, um dann mit dem

Dampfer wieder umzukehren. Dr. +Plehn+ führte dann den Rest auch

sogleich nach. Wir beide nahmen noch einmal Abschied voneinander und

wünschten uns gegenseitig viel Erfolg und Gesundheit auf unseren Reisen

und trennten uns dann in dem Glauben, daß wir uns beide in Europa

wiedersehen würden. „Grüßen Sie noch alle meine Freunde und Bekannten

an der Küste,“ das waren seine letzten Worte, welche er mir noch vom

Dampfer aus zurief; dann war der Dampfer um eine Landzunge gebogen, die

ihn uns verbarg.

Westafrikanische Kautschuk-Expedition · 第 11 / 32 段