Am frühen Morgen des 23. August war die Fracht auf dem „Major

Cambier“ fertig gestaut, und somit stand unserer Abfahrt nichts

mehr im Wege. An der einen Seite führten wir einen großen Leichter

mit, an der anderen mein großes Canoe, welche beiden Fahrzeuge dazu

dienen mußten, das zur Heizung der Maschine nötige Holz aufzunehmen;

außerdem hatten die eingeborenen Passagiere und die Holzschläger,

sofern sie nicht direkt auf dem Dampfer gebraucht wurden, sich dort

aufzuhalten. Ein am Abend vorher ausgebrochener Tornado hatte die

Luft bedeutend abgekühlt, so daß der Morgen mit der eben aufgehenden

Sonne eine wirkliche Erholung nach den heißen Nächten und Tagen war.

Bald waren wir um eine vorspringende Landzunge in den wirklichen

Sanga eingebogen, und Bonga entschwand unseren Blicken. Nach kurzer

Zeit passierten wir die Ausmündung des Likensi-Kanals, dessen ganze

Umgebung aus sumpfigen Grassavannen besteht, welche aber immer mehr

verschwanden, je weiter wir flußaufwärts fuhren. Der Wald wurde bald

immer vorwiegender, ja das für uns jetzt linke Ufer war schon ohne

Unterbrechung dicht bewaldet. Am Rande der Inseln und der sumpfigen

Flußufer bildete eine Euphorbiacee, welche von den Eingeborenen

Bubandja genannt wird, häufig dichte Gebüsche, in deren Schatten die

Webervögel gern ihre Nester bauen, denn da wo diese Bubandjapflanze

am Flußrande auftritt, ist das Wasser stets tief und die Nester

sind daher weniger Verfolgungen ausgesetzt. Auf Flußkarten bilden

derartige Bubandjagestrüppe nicht selten gute Kennzeichen. Bald wurde

es bedeutend heißer, hin und wieder zeigte sich der Kopf eines trägen

Nilpferdes oder eines auf dem Sande sich sonnenden Krokodils. Wie

Herr +Langheld+ mir mitteilte, stieg das Wasser des Flusses sehr

bedeutend, es mußten also im Quellgebiete des Sanga oder eines seiner

bedeutenderen Nebenflüsse starke Regen gefallen sein. Wir passierten

einige Inseln, welche alle dicht mit Gebüschen oder Wald bedeckt waren.

Gegen 1 Uhr mittags liefen wir an, da wir sonst zu befürchten hatten,

daß unser Holz vollständig verbraucht werden würde. Fast die ganze

Besatzung des Dampfers wurde nun mit Beilen ausgerüstet und mußte

zum Holzschlagen in den Wald hinein. Ein jeder der Leute hatte eine

bestimmte Menge Holz zu schlagen; sobald er damit fertig war, war er

frei. Hatte irgend jemand eine härtere Strafe verdient, so wurde er

einfach zum Schlagen einer doppelten Menge von Holz verurteilt, das

half gewöhnlich. Der Wald, an welchem wir angelegt hatten, war sehr arm

an Unterholz, aber dicht mit Phrynium und Comelinaceen bedeckt, was

der ganzen Landschaft einen eigentümlichen, tropischen Anstrich gab,

besonders wenn sich hier und dort Calamusarten zeigten. Auffallend war

der Reichtum von Elefantenspuren, welche wie ein dichtes Netzwerk den

Wald nach allen Richtungen durchquerten. Offenbar hatte kein Dampfer

vor uns hier angelegt, denn die Holzverhältnisse waren hier so günstig,

daß einige unserer Leute schon vor Eintritt der Dunkelheit die ihnen

vorgeschriebene Menge zusammengebracht hatten. Diejenigen, welche noch

während der Dunkelheit zu arbeiten hatten, brachten nun Kopalstücke

hervor, welche sie als Fackeln verbrauchten. Dieselben geben ein

gutes Licht und verbrennen so langsam, daß ein etwa faustgroßes Stück

für die ganze Nacht ausreicht. Allenthalben sah man diese Kopalfeuer

im Walde noch bis tief in die Nacht hinein. Schon früh am nächsten

Morgen ging es weiter. Bereits um 4 Uhr mußte alles an Deck aufstehen,

um das am Nachmittage und Abend geschlagene und gespaltene Holz zum

Gebrauch zu verstauen. Moskitos summten während dieser Zeit noch in

Mengen um uns herum und benutzten jede Gelegenheit, uns zu peinigen.

Nach etwa einstündiger Fahrt passierten wir einen Ausfluß des „Likuala

aux herbes“, welcher hier in den Sanga mündet, während außerdem ein

anderer Arm in den Ubangi einlaufen soll. Es ist interessant und recht

bezeichnend für das Konzessionensystem der Franzosen, daß man hier

zwischen dem „Likuala aux herbes“, welcher, von Norden kommend, mit dem

Sanga parallel läuft, und dem Sanga eine Landkonzession ausgegeben hat,

welche fast nur aus großen Sumpfflächen, die mit Wassergras bedeckt

sind, besteht. Bedenkt man nun, daß der Hauptanziehungspunkt zum Ankauf

dieser Konzessionen der vermutliche Kautschukreichtum der Gegenden ist,

so wird man wohl begreifen können, daß die durch Ankauf von nutzlosen

Sümpfen enttäuschten Konzessionäre sobald als möglich versuchen werden,

ihre Konzessionen, auf denen sie kaum genug trockenen Boden haben, um

ein Haus zu bauen, zu verkaufen.

Die beiden Ufer des Sanga sind in etwa ein Dutzend Konzessionen geteilt

worden, zu welchen kleinere oder größere Gebiete gehören, welche sich

vom Flußufer weg ins Land hinein ausdehnen. Von dem Sanga, unterhalb

der Einmündung des Ngoko, ist bis jetzt jährlich kaum mehr als eine

Tonne Elfenbein heruntergekommen; auch andere Erzeugnisse sind bisher

noch nicht in Betracht zu ziehen, denn die Fabrikation des Kautschuks

ist den Eingeborenen bis heute noch nicht bekannt. Das ganze Gebiet

steht mit Ausnahme einiger weniger Erhebungen, welche die Eingeborenen

bereits zur Errichtung ihrer Dörfer beschlagnahmt haben, für mindestens

einige Monate im Jahre unter Wasser, ist also dann nicht benutzbar.

In der trockenen Jahreszeit, selbst beim niedrigsten Wasserstande,

durchziehen tiefe Sümpfe wie ein Netzwerk die Wälder und hemmen so das

tiefere Eindringen ins Innere. Wesso, die Haupthandelsniederlassung am

Sanga, unterhalb der Ngoko-Mündung (etwa eine halbe Stunde unterhalb

derselben), dürfte fast der einzige Ort sein, von wo aus ein Vordringen

nach der Küste zu für Handelszwecke möglich und rentabel ist. Den

größten Teil seiner Produkte hat Wesso stets vom oberen Sanga und

aus den Ngoko-Faktoreien bezogen. Ich halte es somit für mindestens

sehr fraglich, ob eine einzige Konzessionsgesellschaft an dem

unteren Sanga große Gewinne erzielen würde, und dort sitzen nunmehr

etwa sechs verschiedene Gesellschaften. Bonga, das seinen Handel

hauptsächlich mit den Leuten vom Likuala, Likuba und eventuell vom

Alima (indirekt) treibt, schließe ich aus. Dieses würde übrigens auch

in Zukunft das ganze Elfenbein, welches die Bonga-Händler vom Sanga

und Ngoko herunterbrachten, einbüßen. Ich will hier nicht unerwähnt

lassen, daß bis jetzt über den Sanga noch recht wenig bekannt ist,

und daß die Gebiete zwischen ihm und dem Ubangi für den Europäer

noch vollständig „terra incognita“ sind; doch ist nach allem, was

die Eingeborenen erzählen, nicht viel von dorther zu erwarten. Über

die vielen Konzessionen am oberen Sanga kann ich kein Urteil fällen,

da ich diese Gebiete nicht aus eigener Anschauung kenne. Wie gut

unterrichtete Herren mir sagten, welche dort gewesen sind, liegen auch

da die Verhältnisse nicht sehr viel anders. Die Landesprodukte sind

dort wohl reicher vorhanden und das Bereisen des Landes bedeutend

einfacher, doch sollen die einzelnen Konzessionsgebiete so klein sein,

daß ein wirklich rentables Ausbeuten der Produkte nur in wenigen

möglich ist. In der näheren Zukunft wird man sich wohl auf Kautschuk

und Elfenbein als alleinige Exportartikel beschränken müssen, da die

bedeutenden Transportunkosten die Ausfuhr anderer Produkte unmöglich

machen. In Bonga spielt der Tauschhandel mit Tabak und Palmenöl vom

Likuala und Likuba augenblicklich die Hauptrolle, beides Artikel,

welche z. B. am Ngoko zu den besten Tauschwaren zählen, so daß sich

die Handelsniederlassungen in Bonga ganz gut gewissermaßen als

Zwischenhändler-Stationen rentieren. So werden z. B. die Tabakrollen

mit 2 Mitakus (= 10 Ctms.) aufgekauft, um dann etwa für 1 Frc. wieder

losgeschlagen zu werden; dabei ist nicht zu vergessen, daß der den

Tabak verkaufende Likuba- oder Likuala-Mann selten mit den erhaltenen

Mitakus fortgeht, sondern diese wieder bei dem Kaufmann gegen Stoffe

oder andere europäische Artikel eintauscht, ebenso läßt sich der

Europäer am Ngoko für seine Tabakrolle nicht einfach Geld geben,

sondern Landesprodukte, welche er zu einem von ihm bestimmten Satze

annimmt.

Schon bevor wir den „Likuala aux herbes“-Ausfluß bemerken konnten,

wurde uns seine Nähe durch große Mengen treibender Wassergräser und

fortgerissener Gesträuche bereits angezeigt. Es war fast gefährlich,

zwischen den treibenden Massen den Dampfer hindurchzusteuern, denn

einige hatten eine ziemliche Ausdehnung und Stärke. Die Mündung des

Flusses ist ein Eldorado für Nilpferdjäger. Stets sind die Tiere in

dem für sie so nahrungsreichen Gebiete in Menge anzutreffen, selbst

in den Jahreszeiten, in denen man ihrer selten ansichtig wird, zur

Zeit der hohen Flut. Auch wir sahen einige Trupps im Wasser spielend,

konnten aber leider nicht zu Schuß kommen. Daß die Eingeborenen die

Tiere nicht allein durch Harpunieren und Schießen erlegen, bewiesen

einige große Fallen, welche wir hier sahen. Dieselben waren ähnlich

wie ein Schaffot hergestellt mit einem von oben herabhängenden Speere.

In welcher Weise die Tiere angezogen wurden und wie die Falle sonst

zusammengesetzt war, konnte ich vom Dampfer aus nicht genau sehen.

Krokodile wurden immer häufiger, je weiter wir flußaufwärts kamen. Da

Sandbänke jetzt selten waren, lagen die Tiere meist auf umgefallenen

oder überhängenden Baumstämmen in der Sonne. Herrn +Langheld+

gelang es, mehrere zu schießen, da dieselben in ihren Todeszuckungen

aber stets in das Wasser zurückfielen, so konnten wir keines derselben

bekommen, so gern wir auch das Fleisch für unsere Leute gehabt hätten,

denn sämtliche Stämme am Congo verzehren Krokodilfleisch mit dem

größten Behagen. Ebenso wie das Fleisch der Elefanten und Nilpferde

wird das Krokodilfleisch langsam über Feuer getrocknet, um es haltbarer

zu machen. Zu diesem Zwecke werden kleine, etwa 1½ bis 2 Fuß hohe

Stellagen erbaut, welche oben mit dünnen Zweigen überdeckt sind;

nachdem unter der Stellage ein Feuer gemacht ist, wird das in 1 bis

2 Pfund schwere Stücke geschnittene Fleisch mit den Knochen auf die

Stellage gelegt. Nach etwa einem halben Tage ist das ganze Fleisch

dann infolge des stets unterhaltenen Feuers von einer vollständig

ausgedörrten Kruste umgeben, welche es vor Fäulnis bewahrt. Selbst wenn

das Fleisch zu faulen beginnt, verachtet es der Congo-Neger nicht,

obgleich ich mich nicht erinnern kann, je einen Congo-Neger rohes

Fleisch essend gesehen zu haben. Das Verzehren verfaulten Fleisches

und anderer in Fäulnis begriffener Nahrungsmittel hat bei den Leuten

sehr häufig höchst widerliche Hautkrankheiten zur Folge, welche von

Europäern nicht selten für Syphilis angesehen werden, obgleich sie

nicht das geringste damit zu thun haben. Auch auf dem Dampfer hatten

wir stets eine Anzahl von Leuten, die an merkwürdigen Hautkrankheiten

litten. Dieselben, wie überhaupt alle Kranken, mußten gewöhnlich um 8

Uhr bei Herrn +Langheld+ antreten, um sich dann untersuchen zu

lassen. Hautkrankheiten wurden im Falle offener Wunden mit Jodoform

meist erfolgreich behandelt. Es gab so auf dem Schiffe für Herrn

+Langheld+, welcher dasselbe in Ermangelung eines Kapitäns selbst

führte, stets viel zu thun; ich versuchte mich dabei so nützlich wie

möglich zu machen. Da wir genügend mit Holz versehen waren, konnten

wir am zweiten Tage unserer Reise etwas länger fahren und machten

daher erst um 2 Uhr Halt. Der Wald, an welchem wir damals anlegten,

war äußerst charakteristisch für die Region. Die Mehrzahl der größeren

Bäume stand, wie es die Pandanusarten zu thun pflegen, auf hohen

Stelzwurzeln. Das ließ sich auch alles sehr leicht erklären, denn schon

jetzt bei dem noch niedrigen Wasserstande konnte man kaum in irgend

welcher Richtung den Wald durchstreifen, überall stieß man auf Wasser.

Da Affen sehr häufig waren, nahm ich mein Gewehr mit und schoß einen

derselben, um für die Leute etwas Fleisch zu besorgen; da mein Junge,

Maketu, und Herrn +Langhelds+ Junge auch je noch einen schossen,

so konnten die Leute am Abend einen großen Schmaus abhalten, d. h.

erst nachdem sie mit dem Schlagen des Holzes fertig waren. Doch wenn

etwas derartiges in Aussicht steht, geht bei dem afrikanischen Neger

die Arbeit häufig merkwürdig schnell vor sich. Von Landolphien oder

sonstigen Kautschukpflanzen war in dem Walde nichts zu sehen, wohl

aber gab es riesige Rotholzbäume, deren Holz bei den Eingeborenen

sowohl wegen seiner Härte als auch zum Rotfärben des Körpers geschätzt

wird. Auf einer Streiferei im Walde stieß ich plötzlich auf einen

eigenartigen breiten Weg, welcher vom Flußufer direkt ins Innere

führte und mit quergelegten glatten Baumästen in Abständen bedeckt

war. Diesen Weg verfolgend, trat ich bald in eine Lichtung, wo einige

bereits halbfertige, aus Rotholz gearbeitete Canoes lagen. Leere Plätze

bewiesen, daß die Eingeborenen an dieser Stelle bereits mehrere Canoes

hergestellt hatten, und zwar, wie die beiden noch vorhandenen, von

ziemlichen Dimensionen. Auf dem mit Baumästen belegten Wege wurden

dieselben zum Wasser geschleift. Von der Bevölkerung selbst war keine

Spur zu entdecken, weder am vorhergehenden Tage, noch heute hatten

wir ein Dorf zu Gesicht bekommen. Es giebt deren wohl sicher einige,

welche versteckt in der Nähe der Flußufer liegen, sicher aber ist das

untere Sanga-Gebiet äußerst dünn bevölkert. Die Wälder sind alle von

Elefanten- und Büffelspuren durchzogen, selbst Spuren von Nilpferden

konnte man bis tief in den Wald hinein beobachten, besonders an

Stellen, wo infolge des Zusammenbrechens eines großen Urwaldbaumes

eine Lichtung entstanden war, in der junges Gras und kleine Kräuter

(wie Justicia, Impatiens und Comelinaceen) aufschossen, welche diese

Tiere gern abweiden. In der Nacht gab es wieder so viele Moskitos,

daß man nicht eine Minute lang schlafen konnte. Besonders eine hier

verbreitete sehr kleine Art, welche durch weitmaschigere Netze bequem

hindurchschlüpfen kann, ist es, welche den Menschen hier in den

Nächten das Leben verbittert, während man am Tage von hunderten von

Elefantenfliegen umschwärmt wird.

Schon vor 3 Uhr morgens wurde es auf dem Schiffe lebendig. Herr

+Langheld+ hatte sich durch den Mond täuschen lassen, und

glaubend, es sei bereits Tagesanbruch, hatte er die Leute geweckt. Da

Nebel auf dem Flusse lag und infolgedessen die auf der provisorischen

Flußkarte angegebenen Landmale nicht zu erkennen waren, mußten wir noch

bis 5 Uhr warten, ehe wir abfahren konnten. Schon gegen 11 Uhr zwang

uns ein starker Regen, eine Zeit lang am Lande anzulegen und die Zeit

durch „Holzmachen“ auszufüllen. Ich machte eine kleine Exkursion, auf

der ich auf einige Exemplare von Landolphia Klainei stieß. Für den

Botaniker giebt es in diesen so häufig überschwemmten Wäldern nur eine

sehr spärliche Ausbeute. Unterholz oder Kräuter sind weniger vorhanden,

dagegen sind die Blüten der Urwaldbäume und die auf letzteren

wachsenden Epiphyten nur da zu erlangen, wo Wald geschlagen wird oder

einer der Riesen gefallen ist. Nach etwa zweistündigem Aufenthalte

dampften wir weiter, um nach kurzer Zeit für den Rest des Tages wieder

zum „Holzmachen“ anzulegen.

Am 28. August konnten wir infolge des Nebels auch nicht so früh

abfahren, als wir es gewünscht hätten, denn an vielen Stellen ist das

Fahren infolge der Sandbänke sehr gefährlich. Der Fluß, welcher während

der letzten Tage auffallend eng gewesen war, verbreiterte sich hier

ganz auffallend und besaß häufiger Inseln als zuvor. Damals konnte

ich mir die Ursache dieser scheinbaren Verengung des Flusses nicht

erklären; auf der einige Monate später erfolgten Fahrt stromabwärts

löste sich dieses Rätsel. Ich werde später darauf zurückkommen. Die

dicht bewaldeten Ufer waren anfangs noch immer sehr niedrig, bis wir

gegen 10 Uhr das erste Dorf, N’Kunda, erreichten, welches auf einem

etwa 100 Fuß über dem damaligen Wasserspiegel sich hinziehenden

Hügelrücken liegt. Vorher passierten wir noch einige kleinere

verlassene und im Verfall begriffene Dörfer, deren Insassen wohl alle

durch die Raubzüge des alten Häuptlings Wesso, welcher ein Jahr vor

der Besitzergreifung dieser Gebiete durch die Franzosen gestorben ist,

vertrieben waren. Die Bewohner von N’Kunda schienen wenig Lust zu

haben, uns Nahrungsmittel zu verkaufen; als wir anliefen, ließen sich

nur einige neugierige Weiber und eine Schar nackter Kinder sehen, die

natürlich sofort wegliefen, als wir Europäer Miene machten, an Land zu

kommen. Das Dorf besitzt wie die meisten Dörfer dieser Gebiete nur eine

Straße, zu deren Seite sich je eine Häuserreihe hinzieht. An beiden

Enden der Straße standen je eine größere Hütte, in der die Männer zu

Beratungen oder zu allgemeinen Gelagen zusammenzukommen pflegen. Die

Bevölkerung ist mit den Bonga-Leuten nahe verwandt und setzt sich zum

großen Teile sogar aus direkten Abkömmlingen derselben zusammen. Die

Lebensmittel, welche wir hier erstehen konnten, waren durchaus nicht

billig und nur spärlich aufzutreiben, da die Eingeborenen ihre Hühner

oder die wenigen Ziegen, welche sie besitzen, nicht gern verkaufen.

Tabak, Salz und europäische Stoffe sind hier die begehrtesten Artikel.

Perlen und Öl scheinen weniger gut zu gehen, doch hängt das alles

von dem unberechenbaren Einfall des Negers ab. Das Fallen des Wertes

einiger sonst wertvoller Artikel wie Feuersteine und Cutlas ist

eventuell zu erklären; darauf werde ich später bei der Schilderung

meiner Ngoko-Reise zurückzukommen haben.

Nach etwa dreistündigem Aufenthalte verließen wir das Dorf N’Kunda und

dampften nun den Fluß noch eine Strecke weiter hinauf, bis wir an einer

Stelle anlegen konnten, wo wir genügend Holz vermuteten. Ich machte am

Nachmittage wieder einige Streifzüge durch die Wälder, sah aber nur

Landolphien, von Kickxia dagegen keine Spur, ein Regenguß zwang mich

schließlich, bald wieder zurückzukehren. Je weiter wir flußaufwärts

gekommen waren, desto weniger wurden wir von Moskitos belästigt, ein

Umstand, der sich wohl hauptsächlich durch das Fehlen der nach der

Sanga-Mündung zu häufigen Grassteppen und Wassergrassümpfe erklären

ließe.

Um am 29. August möglichst weit fahren zu können, wurde gegen Mitte des

Tages eine kurze Zeit hindurch angelegt, um etwas mehr Holz schlagen

zu lassen. An dem weniger wichtigen Dorfe Bussundi fuhren wir vorüber,

ohne auf das Geschrei der am Ufer stehenden Eingeborenen, welche uns

wohl zum Anlegen bewegen wollten, Rücksicht zu nehmen. In der Nähe der

Stelle, wo wir am Nachmittage für den Rest des Tages anlegten, gab

es nicht unbedeutende Quantitäten einer guten Kautschuk liefernden

Landolphiaart, ebenso wuchs am Flußrande eine Coffeaart, deren Früchte

leider noch nicht zum Gebrauche reif genug waren. Auch fehlten an den

Exemplaren Blüten, um die Art feststellen zu können, ich fand dieselbe

längs des Sanga und auch später im Ngoko-Gebiete häufiger.

Der nächste Tag brachte uns am Vormittage nach dem Dorfe Pembe,

welches ähnlich wie N’Kunda auf einem Hügelrücken erbaut ist und

auch nur aus zwei langgestreckten Häuserreihen besteht. Hier waren

wir beim Einkaufen von Lebensmitteln bedeutend erfolgreicher als in

N’Kunda, besonders Haumesser (Cutlas) fanden guten Absatz. Das ganze

Auftreten der Leute zeigte, daß sie nicht so verwöhnt waren als die

N’Kunda-Leute. Wundervolle Schmetterlinge (Papilioniden und Euploeen)

gab es hier in Mengen. Die Tiere, welche am Flußrande gierig die

Feuchtigkeit aufsogen, ließen sich mit Leichtigkeit mit der Hand

fangen, ohne daß man sie dadurch lädierte. Ich versuchte, eine

Exkursion in die nahe gelegenen Buschwälder zu machen, wurde aber

allenthalben durch Sümpfe, welche zu dieser Zeit den Hügel zu umgeben

scheinen, daran verhindert.

Als wir kurz nach 1 Uhr von Pembe abfuhren, sahen wir vor uns in der

Ferne den französischen Regierungsdampfer „Tirier“, wohl einen der

elendesten Dampfer, welcher den Congo befährt, von dem Dorfe Likilemba

abfahren. Schon nach kurzer Fahrt hatten wir denselben überholt. Dieser

Dampfer ist der einzige, welchen damals die französische Regierung

für den Congo besaß, obgleich sie doch eine ganze Flottille für den

Sanga sowohl wie für den Ubangi nötig gehabt hätte. Man mietete stets

für schwere Preise die Dampfer des auch in Brazzaville vertretenen

holländischen Handelshauses.

Für den Nachmittag legten wir gegen 2 Uhr an einer Landzunge an,

welche sich zu unserer Freude als sehr reich an Brennholz erwies.

Der morastige Boden des Waldes daselbst war mit großen Mengen einer

kleinen, calamusähnlichen, stacheligen Palme bedeckt, welche bei meinen

Streifereien für mich sehr lästig waren. Landolphia Klainei gab es

am Flußrande reichlich, doch fehlte dieselbe, sobald man weiter in

den Wald eindrang. Zum ersten Male sah ich hier ein verlassenes Lager

von Elefantenjägern, wie sie in der Ngoko-Region besonders häufig

zu finden sind. Die sehr primitiv aufgebauten Hütten bestanden aus

zusammengesteckten Zweigen und Stöcken, welche etwa eine hingestreckte

Viertelwalze bildeten, die mit Phryniumblättern gedeckt war. Im Innern

einer jeden Hütte befand sich ein niedriges, schmales Bett, das, kaum

einen Fuß über dem Erdboden erhoben, aus zusammengebundenen Stangen

bestand. Feuerstellen waren sowohl in den Hütten als auch außerhalb

derselben vorhanden.

Trotz des Nebels fuhren wir am 31. August schon früh ab. Im Laufe des

Vormittags hatten wir einige Untiefen zu passieren, bevor wir das Dorf

Boka erreichten. Diese allerdings ziemlich unbedeutende Ortschaft

war bereits zur Hälfte überschwemmt, als wir daran vorbeifuhren.

Auffallend war eine verhältnismäßig große Zahl von Ziegen, welche die

Bewohner zu besitzen schienen. Von dem Dorfe Boka an heben sich die

Ufer des Flusses allmählich, ja der Ortschaft gegenüber zieht sich

ein langer Hügelrücken hin, wie ich ihn sonst am Sanga unterhalb der

Ngoko-Mündung gar nicht kenne; auf diesem haben die Einwohner Bokas

ihre Bananenpflanzungen angelegt und besitzen daselbst wahrscheinlich

auch ihre Hütten während der Hochwasserperiode. Gegen Mittag bereits

ging unser Holz derartig auf die Neige, daß wir anlegen mußten. Nach

kurzer Zeit fuhren wir darauf weiter, um gegen 3 Uhr noch einmal zum

Holzfällen anzulegen, denn uns lag viel daran, endlich das nicht mehr

ferne Wesso zu erreichen. Der Holzvorrat, welchen wir nun einnahmen,

reichte gerade aus, um uns gegen 5½ Uhr am Abend nach Wesso zu bringen,

wo kurz vor uns der „Tirier“ eingelaufen war.

Da wir noch während des Vormittages am nächsten Tage in Wesso zu

bleiben gedachten, verschob ich eine Besichtigung des Ortes auf den

nächsten Vormittag: außerdem brach nun die Dunkelheit ein, und einige

Zollformalitäten mußten noch bei dem hier stationierten französischen

Beamten erledigt werden.

Am Abend waren wir alle in Wesso anwesenden fünf Europäer (außer dem

Gastgeber bestehend aus dem Agenten des holländischen Hauses, dem

französischen Chef de Poste, Herrn +Langheld+ und mir) zusammen

bei dem Agenten der Société Anonyme Belge zu gemeinsamem Abendessen

versammelt.

Westafrikanische Kautschuk-Expedition · 第 9 / 32 段