Cambier“ fertig gestaut, und somit stand unserer Abfahrt nichts
mehr im Wege. An der einen Seite führten wir einen großen Leichter
mit, an der anderen mein großes Canoe, welche beiden Fahrzeuge dazu
dienen mußten, das zur Heizung der Maschine nötige Holz aufzunehmen;
außerdem hatten die eingeborenen Passagiere und die Holzschläger,
sofern sie nicht direkt auf dem Dampfer gebraucht wurden, sich dort
aufzuhalten. Ein am Abend vorher ausgebrochener Tornado hatte die
Luft bedeutend abgekühlt, so daß der Morgen mit der eben aufgehenden
Sonne eine wirkliche Erholung nach den heißen Nächten und Tagen war.
Bald waren wir um eine vorspringende Landzunge in den wirklichen
Sanga eingebogen, und Bonga entschwand unseren Blicken. Nach kurzer
Zeit passierten wir die Ausmündung des Likensi-Kanals, dessen ganze
Umgebung aus sumpfigen Grassavannen besteht, welche aber immer mehr
verschwanden, je weiter wir flußaufwärts fuhren. Der Wald wurde bald
immer vorwiegender, ja das für uns jetzt linke Ufer war schon ohne
Unterbrechung dicht bewaldet. Am Rande der Inseln und der sumpfigen
Flußufer bildete eine Euphorbiacee, welche von den Eingeborenen
Bubandja genannt wird, häufig dichte Gebüsche, in deren Schatten die
Webervögel gern ihre Nester bauen, denn da wo diese Bubandjapflanze
am Flußrande auftritt, ist das Wasser stets tief und die Nester
sind daher weniger Verfolgungen ausgesetzt. Auf Flußkarten bilden
derartige Bubandjagestrüppe nicht selten gute Kennzeichen. Bald wurde
es bedeutend heißer, hin und wieder zeigte sich der Kopf eines trägen
Nilpferdes oder eines auf dem Sande sich sonnenden Krokodils. Wie
Herr +Langheld+ mir mitteilte, stieg das Wasser des Flusses sehr
bedeutend, es mußten also im Quellgebiete des Sanga oder eines seiner
bedeutenderen Nebenflüsse starke Regen gefallen sein. Wir passierten
einige Inseln, welche alle dicht mit Gebüschen oder Wald bedeckt waren.
Gegen 1 Uhr mittags liefen wir an, da wir sonst zu befürchten hatten,
daß unser Holz vollständig verbraucht werden würde. Fast die ganze
Besatzung des Dampfers wurde nun mit Beilen ausgerüstet und mußte
zum Holzschlagen in den Wald hinein. Ein jeder der Leute hatte eine
bestimmte Menge Holz zu schlagen; sobald er damit fertig war, war er
frei. Hatte irgend jemand eine härtere Strafe verdient, so wurde er
einfach zum Schlagen einer doppelten Menge von Holz verurteilt, das
half gewöhnlich. Der Wald, an welchem wir angelegt hatten, war sehr arm
an Unterholz, aber dicht mit Phrynium und Comelinaceen bedeckt, was
der ganzen Landschaft einen eigentümlichen, tropischen Anstrich gab,
besonders wenn sich hier und dort Calamusarten zeigten. Auffallend war
der Reichtum von Elefantenspuren, welche wie ein dichtes Netzwerk den
Wald nach allen Richtungen durchquerten. Offenbar hatte kein Dampfer
vor uns hier angelegt, denn die Holzverhältnisse waren hier so günstig,
daß einige unserer Leute schon vor Eintritt der Dunkelheit die ihnen
vorgeschriebene Menge zusammengebracht hatten. Diejenigen, welche noch
während der Dunkelheit zu arbeiten hatten, brachten nun Kopalstücke
hervor, welche sie als Fackeln verbrauchten. Dieselben geben ein
gutes Licht und verbrennen so langsam, daß ein etwa faustgroßes Stück
für die ganze Nacht ausreicht. Allenthalben sah man diese Kopalfeuer
im Walde noch bis tief in die Nacht hinein. Schon früh am nächsten
Morgen ging es weiter. Bereits um 4 Uhr mußte alles an Deck aufstehen,
um das am Nachmittage und Abend geschlagene und gespaltene Holz zum
Gebrauch zu verstauen. Moskitos summten während dieser Zeit noch in
Mengen um uns herum und benutzten jede Gelegenheit, uns zu peinigen.
Nach etwa einstündiger Fahrt passierten wir einen Ausfluß des „Likuala
aux herbes“, welcher hier in den Sanga mündet, während außerdem ein
anderer Arm in den Ubangi einlaufen soll. Es ist interessant und recht
bezeichnend für das Konzessionensystem der Franzosen, daß man hier
zwischen dem „Likuala aux herbes“, welcher, von Norden kommend, mit dem
Sanga parallel läuft, und dem Sanga eine Landkonzession ausgegeben hat,
welche fast nur aus großen Sumpfflächen, die mit Wassergras bedeckt
sind, besteht. Bedenkt man nun, daß der Hauptanziehungspunkt zum Ankauf
dieser Konzessionen der vermutliche Kautschukreichtum der Gegenden ist,
so wird man wohl begreifen können, daß die durch Ankauf von nutzlosen
Sümpfen enttäuschten Konzessionäre sobald als möglich versuchen werden,
ihre Konzessionen, auf denen sie kaum genug trockenen Boden haben, um
ein Haus zu bauen, zu verkaufen.
Die beiden Ufer des Sanga sind in etwa ein Dutzend Konzessionen geteilt
worden, zu welchen kleinere oder größere Gebiete gehören, welche sich
vom Flußufer weg ins Land hinein ausdehnen. Von dem Sanga, unterhalb
der Einmündung des Ngoko, ist bis jetzt jährlich kaum mehr als eine
Tonne Elfenbein heruntergekommen; auch andere Erzeugnisse sind bisher
noch nicht in Betracht zu ziehen, denn die Fabrikation des Kautschuks
ist den Eingeborenen bis heute noch nicht bekannt. Das ganze Gebiet
steht mit Ausnahme einiger weniger Erhebungen, welche die Eingeborenen
bereits zur Errichtung ihrer Dörfer beschlagnahmt haben, für mindestens
einige Monate im Jahre unter Wasser, ist also dann nicht benutzbar.
In der trockenen Jahreszeit, selbst beim niedrigsten Wasserstande,
durchziehen tiefe Sümpfe wie ein Netzwerk die Wälder und hemmen so das
tiefere Eindringen ins Innere. Wesso, die Haupthandelsniederlassung am
Sanga, unterhalb der Ngoko-Mündung (etwa eine halbe Stunde unterhalb
derselben), dürfte fast der einzige Ort sein, von wo aus ein Vordringen
nach der Küste zu für Handelszwecke möglich und rentabel ist. Den
größten Teil seiner Produkte hat Wesso stets vom oberen Sanga und
aus den Ngoko-Faktoreien bezogen. Ich halte es somit für mindestens
sehr fraglich, ob eine einzige Konzessionsgesellschaft an dem
unteren Sanga große Gewinne erzielen würde, und dort sitzen nunmehr
etwa sechs verschiedene Gesellschaften. Bonga, das seinen Handel
hauptsächlich mit den Leuten vom Likuala, Likuba und eventuell vom
Alima (indirekt) treibt, schließe ich aus. Dieses würde übrigens auch
in Zukunft das ganze Elfenbein, welches die Bonga-Händler vom Sanga
und Ngoko herunterbrachten, einbüßen. Ich will hier nicht unerwähnt
lassen, daß bis jetzt über den Sanga noch recht wenig bekannt ist,
und daß die Gebiete zwischen ihm und dem Ubangi für den Europäer
noch vollständig „terra incognita“ sind; doch ist nach allem, was
die Eingeborenen erzählen, nicht viel von dorther zu erwarten. Über
die vielen Konzessionen am oberen Sanga kann ich kein Urteil fällen,
da ich diese Gebiete nicht aus eigener Anschauung kenne. Wie gut
unterrichtete Herren mir sagten, welche dort gewesen sind, liegen auch
da die Verhältnisse nicht sehr viel anders. Die Landesprodukte sind
dort wohl reicher vorhanden und das Bereisen des Landes bedeutend
einfacher, doch sollen die einzelnen Konzessionsgebiete so klein sein,
daß ein wirklich rentables Ausbeuten der Produkte nur in wenigen
möglich ist. In der näheren Zukunft wird man sich wohl auf Kautschuk
und Elfenbein als alleinige Exportartikel beschränken müssen, da die
bedeutenden Transportunkosten die Ausfuhr anderer Produkte unmöglich
machen. In Bonga spielt der Tauschhandel mit Tabak und Palmenöl vom
Likuala und Likuba augenblicklich die Hauptrolle, beides Artikel,
welche z. B. am Ngoko zu den besten Tauschwaren zählen, so daß sich
die Handelsniederlassungen in Bonga ganz gut gewissermaßen als
Zwischenhändler-Stationen rentieren. So werden z. B. die Tabakrollen
mit 2 Mitakus (= 10 Ctms.) aufgekauft, um dann etwa für 1 Frc. wieder
losgeschlagen zu werden; dabei ist nicht zu vergessen, daß der den
Tabak verkaufende Likuba- oder Likuala-Mann selten mit den erhaltenen
Mitakus fortgeht, sondern diese wieder bei dem Kaufmann gegen Stoffe
oder andere europäische Artikel eintauscht, ebenso läßt sich der
Europäer am Ngoko für seine Tabakrolle nicht einfach Geld geben,
sondern Landesprodukte, welche er zu einem von ihm bestimmten Satze
annimmt.
Schon bevor wir den „Likuala aux herbes“-Ausfluß bemerken konnten,
wurde uns seine Nähe durch große Mengen treibender Wassergräser und
fortgerissener Gesträuche bereits angezeigt. Es war fast gefährlich,
zwischen den treibenden Massen den Dampfer hindurchzusteuern, denn
einige hatten eine ziemliche Ausdehnung und Stärke. Die Mündung des
Flusses ist ein Eldorado für Nilpferdjäger. Stets sind die Tiere in
dem für sie so nahrungsreichen Gebiete in Menge anzutreffen, selbst
in den Jahreszeiten, in denen man ihrer selten ansichtig wird, zur
Zeit der hohen Flut. Auch wir sahen einige Trupps im Wasser spielend,
konnten aber leider nicht zu Schuß kommen. Daß die Eingeborenen die
Tiere nicht allein durch Harpunieren und Schießen erlegen, bewiesen
einige große Fallen, welche wir hier sahen. Dieselben waren ähnlich
wie ein Schaffot hergestellt mit einem von oben herabhängenden Speere.
In welcher Weise die Tiere angezogen wurden und wie die Falle sonst
zusammengesetzt war, konnte ich vom Dampfer aus nicht genau sehen.
Krokodile wurden immer häufiger, je weiter wir flußaufwärts kamen. Da
Sandbänke jetzt selten waren, lagen die Tiere meist auf umgefallenen
oder überhängenden Baumstämmen in der Sonne. Herrn +Langheld+
gelang es, mehrere zu schießen, da dieselben in ihren Todeszuckungen
aber stets in das Wasser zurückfielen, so konnten wir keines derselben
bekommen, so gern wir auch das Fleisch für unsere Leute gehabt hätten,
denn sämtliche Stämme am Congo verzehren Krokodilfleisch mit dem
größten Behagen. Ebenso wie das Fleisch der Elefanten und Nilpferde
wird das Krokodilfleisch langsam über Feuer getrocknet, um es haltbarer
zu machen. Zu diesem Zwecke werden kleine, etwa 1½ bis 2 Fuß hohe
Stellagen erbaut, welche oben mit dünnen Zweigen überdeckt sind;
nachdem unter der Stellage ein Feuer gemacht ist, wird das in 1 bis
2 Pfund schwere Stücke geschnittene Fleisch mit den Knochen auf die
Stellage gelegt. Nach etwa einem halben Tage ist das ganze Fleisch
dann infolge des stets unterhaltenen Feuers von einer vollständig
ausgedörrten Kruste umgeben, welche es vor Fäulnis bewahrt. Selbst wenn
das Fleisch zu faulen beginnt, verachtet es der Congo-Neger nicht,
obgleich ich mich nicht erinnern kann, je einen Congo-Neger rohes
Fleisch essend gesehen zu haben. Das Verzehren verfaulten Fleisches
und anderer in Fäulnis begriffener Nahrungsmittel hat bei den Leuten
sehr häufig höchst widerliche Hautkrankheiten zur Folge, welche von
Europäern nicht selten für Syphilis angesehen werden, obgleich sie
nicht das geringste damit zu thun haben. Auch auf dem Dampfer hatten
wir stets eine Anzahl von Leuten, die an merkwürdigen Hautkrankheiten
litten. Dieselben, wie überhaupt alle Kranken, mußten gewöhnlich um 8
Uhr bei Herrn +Langheld+ antreten, um sich dann untersuchen zu
lassen. Hautkrankheiten wurden im Falle offener Wunden mit Jodoform
meist erfolgreich behandelt. Es gab so auf dem Schiffe für Herrn
+Langheld+, welcher dasselbe in Ermangelung eines Kapitäns selbst
führte, stets viel zu thun; ich versuchte mich dabei so nützlich wie
möglich zu machen. Da wir genügend mit Holz versehen waren, konnten
wir am zweiten Tage unserer Reise etwas länger fahren und machten
daher erst um 2 Uhr Halt. Der Wald, an welchem wir damals anlegten,
war äußerst charakteristisch für die Region. Die Mehrzahl der größeren
Bäume stand, wie es die Pandanusarten zu thun pflegen, auf hohen
Stelzwurzeln. Das ließ sich auch alles sehr leicht erklären, denn schon
jetzt bei dem noch niedrigen Wasserstande konnte man kaum in irgend
welcher Richtung den Wald durchstreifen, überall stieß man auf Wasser.
Da Affen sehr häufig waren, nahm ich mein Gewehr mit und schoß einen
derselben, um für die Leute etwas Fleisch zu besorgen; da mein Junge,
Maketu, und Herrn +Langhelds+ Junge auch je noch einen schossen,
so konnten die Leute am Abend einen großen Schmaus abhalten, d. h.
erst nachdem sie mit dem Schlagen des Holzes fertig waren. Doch wenn
etwas derartiges in Aussicht steht, geht bei dem afrikanischen Neger
die Arbeit häufig merkwürdig schnell vor sich. Von Landolphien oder
sonstigen Kautschukpflanzen war in dem Walde nichts zu sehen, wohl
aber gab es riesige Rotholzbäume, deren Holz bei den Eingeborenen
sowohl wegen seiner Härte als auch zum Rotfärben des Körpers geschätzt
wird. Auf einer Streiferei im Walde stieß ich plötzlich auf einen
eigenartigen breiten Weg, welcher vom Flußufer direkt ins Innere
führte und mit quergelegten glatten Baumästen in Abständen bedeckt
war. Diesen Weg verfolgend, trat ich bald in eine Lichtung, wo einige
bereits halbfertige, aus Rotholz gearbeitete Canoes lagen. Leere Plätze
bewiesen, daß die Eingeborenen an dieser Stelle bereits mehrere Canoes
hergestellt hatten, und zwar, wie die beiden noch vorhandenen, von
ziemlichen Dimensionen. Auf dem mit Baumästen belegten Wege wurden
dieselben zum Wasser geschleift. Von der Bevölkerung selbst war keine
Spur zu entdecken, weder am vorhergehenden Tage, noch heute hatten
wir ein Dorf zu Gesicht bekommen. Es giebt deren wohl sicher einige,
welche versteckt in der Nähe der Flußufer liegen, sicher aber ist das
untere Sanga-Gebiet äußerst dünn bevölkert. Die Wälder sind alle von
Elefanten- und Büffelspuren durchzogen, selbst Spuren von Nilpferden
konnte man bis tief in den Wald hinein beobachten, besonders an
Stellen, wo infolge des Zusammenbrechens eines großen Urwaldbaumes
eine Lichtung entstanden war, in der junges Gras und kleine Kräuter
(wie Justicia, Impatiens und Comelinaceen) aufschossen, welche diese
Tiere gern abweiden. In der Nacht gab es wieder so viele Moskitos,
daß man nicht eine Minute lang schlafen konnte. Besonders eine hier
verbreitete sehr kleine Art, welche durch weitmaschigere Netze bequem
hindurchschlüpfen kann, ist es, welche den Menschen hier in den
Nächten das Leben verbittert, während man am Tage von hunderten von
Elefantenfliegen umschwärmt wird.
Schon vor 3 Uhr morgens wurde es auf dem Schiffe lebendig. Herr
+Langheld+ hatte sich durch den Mond täuschen lassen, und
glaubend, es sei bereits Tagesanbruch, hatte er die Leute geweckt. Da
Nebel auf dem Flusse lag und infolgedessen die auf der provisorischen
Flußkarte angegebenen Landmale nicht zu erkennen waren, mußten wir noch
bis 5 Uhr warten, ehe wir abfahren konnten. Schon gegen 11 Uhr zwang
uns ein starker Regen, eine Zeit lang am Lande anzulegen und die Zeit
durch „Holzmachen“ auszufüllen. Ich machte eine kleine Exkursion, auf
der ich auf einige Exemplare von Landolphia Klainei stieß. Für den
Botaniker giebt es in diesen so häufig überschwemmten Wäldern nur eine
sehr spärliche Ausbeute. Unterholz oder Kräuter sind weniger vorhanden,
dagegen sind die Blüten der Urwaldbäume und die auf letzteren
wachsenden Epiphyten nur da zu erlangen, wo Wald geschlagen wird oder
einer der Riesen gefallen ist. Nach etwa zweistündigem Aufenthalte
dampften wir weiter, um nach kurzer Zeit für den Rest des Tages wieder
zum „Holzmachen“ anzulegen.
Am 28. August konnten wir infolge des Nebels auch nicht so früh
abfahren, als wir es gewünscht hätten, denn an vielen Stellen ist das
Fahren infolge der Sandbänke sehr gefährlich. Der Fluß, welcher während
der letzten Tage auffallend eng gewesen war, verbreiterte sich hier
ganz auffallend und besaß häufiger Inseln als zuvor. Damals konnte
ich mir die Ursache dieser scheinbaren Verengung des Flusses nicht
erklären; auf der einige Monate später erfolgten Fahrt stromabwärts
löste sich dieses Rätsel. Ich werde später darauf zurückkommen. Die
dicht bewaldeten Ufer waren anfangs noch immer sehr niedrig, bis wir
gegen 10 Uhr das erste Dorf, N’Kunda, erreichten, welches auf einem
etwa 100 Fuß über dem damaligen Wasserspiegel sich hinziehenden
Hügelrücken liegt. Vorher passierten wir noch einige kleinere
verlassene und im Verfall begriffene Dörfer, deren Insassen wohl alle
durch die Raubzüge des alten Häuptlings Wesso, welcher ein Jahr vor
der Besitzergreifung dieser Gebiete durch die Franzosen gestorben ist,
vertrieben waren. Die Bewohner von N’Kunda schienen wenig Lust zu
haben, uns Nahrungsmittel zu verkaufen; als wir anliefen, ließen sich
nur einige neugierige Weiber und eine Schar nackter Kinder sehen, die
natürlich sofort wegliefen, als wir Europäer Miene machten, an Land zu
kommen. Das Dorf besitzt wie die meisten Dörfer dieser Gebiete nur eine
Straße, zu deren Seite sich je eine Häuserreihe hinzieht. An beiden
Enden der Straße standen je eine größere Hütte, in der die Männer zu
Beratungen oder zu allgemeinen Gelagen zusammenzukommen pflegen. Die
Bevölkerung ist mit den Bonga-Leuten nahe verwandt und setzt sich zum
großen Teile sogar aus direkten Abkömmlingen derselben zusammen. Die
Lebensmittel, welche wir hier erstehen konnten, waren durchaus nicht
billig und nur spärlich aufzutreiben, da die Eingeborenen ihre Hühner
oder die wenigen Ziegen, welche sie besitzen, nicht gern verkaufen.
Tabak, Salz und europäische Stoffe sind hier die begehrtesten Artikel.
Perlen und Öl scheinen weniger gut zu gehen, doch hängt das alles
von dem unberechenbaren Einfall des Negers ab. Das Fallen des Wertes
einiger sonst wertvoller Artikel wie Feuersteine und Cutlas ist
eventuell zu erklären; darauf werde ich später bei der Schilderung
meiner Ngoko-Reise zurückzukommen haben.
Nach etwa dreistündigem Aufenthalte verließen wir das Dorf N’Kunda und
dampften nun den Fluß noch eine Strecke weiter hinauf, bis wir an einer
Stelle anlegen konnten, wo wir genügend Holz vermuteten. Ich machte am
Nachmittage wieder einige Streifzüge durch die Wälder, sah aber nur
Landolphien, von Kickxia dagegen keine Spur, ein Regenguß zwang mich
schließlich, bald wieder zurückzukehren. Je weiter wir flußaufwärts
gekommen waren, desto weniger wurden wir von Moskitos belästigt, ein
Umstand, der sich wohl hauptsächlich durch das Fehlen der nach der
Sanga-Mündung zu häufigen Grassteppen und Wassergrassümpfe erklären
ließe.
Um am 29. August möglichst weit fahren zu können, wurde gegen Mitte des
Tages eine kurze Zeit hindurch angelegt, um etwas mehr Holz schlagen
zu lassen. An dem weniger wichtigen Dorfe Bussundi fuhren wir vorüber,
ohne auf das Geschrei der am Ufer stehenden Eingeborenen, welche uns
wohl zum Anlegen bewegen wollten, Rücksicht zu nehmen. In der Nähe der
Stelle, wo wir am Nachmittage für den Rest des Tages anlegten, gab
es nicht unbedeutende Quantitäten einer guten Kautschuk liefernden
Landolphiaart, ebenso wuchs am Flußrande eine Coffeaart, deren Früchte
leider noch nicht zum Gebrauche reif genug waren. Auch fehlten an den
Exemplaren Blüten, um die Art feststellen zu können, ich fand dieselbe
längs des Sanga und auch später im Ngoko-Gebiete häufiger.
Der nächste Tag brachte uns am Vormittage nach dem Dorfe Pembe,
welches ähnlich wie N’Kunda auf einem Hügelrücken erbaut ist und
auch nur aus zwei langgestreckten Häuserreihen besteht. Hier waren
wir beim Einkaufen von Lebensmitteln bedeutend erfolgreicher als in
N’Kunda, besonders Haumesser (Cutlas) fanden guten Absatz. Das ganze
Auftreten der Leute zeigte, daß sie nicht so verwöhnt waren als die
N’Kunda-Leute. Wundervolle Schmetterlinge (Papilioniden und Euploeen)
gab es hier in Mengen. Die Tiere, welche am Flußrande gierig die
Feuchtigkeit aufsogen, ließen sich mit Leichtigkeit mit der Hand
fangen, ohne daß man sie dadurch lädierte. Ich versuchte, eine
Exkursion in die nahe gelegenen Buschwälder zu machen, wurde aber
allenthalben durch Sümpfe, welche zu dieser Zeit den Hügel zu umgeben
scheinen, daran verhindert.
Als wir kurz nach 1 Uhr von Pembe abfuhren, sahen wir vor uns in der
Ferne den französischen Regierungsdampfer „Tirier“, wohl einen der
elendesten Dampfer, welcher den Congo befährt, von dem Dorfe Likilemba
abfahren. Schon nach kurzer Fahrt hatten wir denselben überholt. Dieser
Dampfer ist der einzige, welchen damals die französische Regierung
für den Congo besaß, obgleich sie doch eine ganze Flottille für den
Sanga sowohl wie für den Ubangi nötig gehabt hätte. Man mietete stets
für schwere Preise die Dampfer des auch in Brazzaville vertretenen
holländischen Handelshauses.
Für den Nachmittag legten wir gegen 2 Uhr an einer Landzunge an,
welche sich zu unserer Freude als sehr reich an Brennholz erwies.
Der morastige Boden des Waldes daselbst war mit großen Mengen einer
kleinen, calamusähnlichen, stacheligen Palme bedeckt, welche bei meinen
Streifereien für mich sehr lästig waren. Landolphia Klainei gab es
am Flußrande reichlich, doch fehlte dieselbe, sobald man weiter in
den Wald eindrang. Zum ersten Male sah ich hier ein verlassenes Lager
von Elefantenjägern, wie sie in der Ngoko-Region besonders häufig
zu finden sind. Die sehr primitiv aufgebauten Hütten bestanden aus
zusammengesteckten Zweigen und Stöcken, welche etwa eine hingestreckte
Viertelwalze bildeten, die mit Phryniumblättern gedeckt war. Im Innern
einer jeden Hütte befand sich ein niedriges, schmales Bett, das, kaum
einen Fuß über dem Erdboden erhoben, aus zusammengebundenen Stangen
bestand. Feuerstellen waren sowohl in den Hütten als auch außerhalb
derselben vorhanden.
Trotz des Nebels fuhren wir am 31. August schon früh ab. Im Laufe des
Vormittags hatten wir einige Untiefen zu passieren, bevor wir das Dorf
Boka erreichten. Diese allerdings ziemlich unbedeutende Ortschaft
war bereits zur Hälfte überschwemmt, als wir daran vorbeifuhren.
Auffallend war eine verhältnismäßig große Zahl von Ziegen, welche die
Bewohner zu besitzen schienen. Von dem Dorfe Boka an heben sich die
Ufer des Flusses allmählich, ja der Ortschaft gegenüber zieht sich
ein langer Hügelrücken hin, wie ich ihn sonst am Sanga unterhalb der
Ngoko-Mündung gar nicht kenne; auf diesem haben die Einwohner Bokas
ihre Bananenpflanzungen angelegt und besitzen daselbst wahrscheinlich
auch ihre Hütten während der Hochwasserperiode. Gegen Mittag bereits
ging unser Holz derartig auf die Neige, daß wir anlegen mußten. Nach
kurzer Zeit fuhren wir darauf weiter, um gegen 3 Uhr noch einmal zum
Holzfällen anzulegen, denn uns lag viel daran, endlich das nicht mehr
ferne Wesso zu erreichen. Der Holzvorrat, welchen wir nun einnahmen,
reichte gerade aus, um uns gegen 5½ Uhr am Abend nach Wesso zu bringen,
wo kurz vor uns der „Tirier“ eingelaufen war.
Da wir noch während des Vormittages am nächsten Tage in Wesso zu
bleiben gedachten, verschob ich eine Besichtigung des Ortes auf den
nächsten Vormittag: außerdem brach nun die Dunkelheit ein, und einige
Zollformalitäten mußten noch bei dem hier stationierten französischen
Beamten erledigt werden.
Am Abend waren wir alle in Wesso anwesenden fünf Europäer (außer dem
Gastgeber bestehend aus dem Agenten des holländischen Hauses, dem
französischen Chef de Poste, Herrn +Langheld+ und mir) zusammen
bei dem Agenten der Société Anonyme Belge zu gemeinsamem Abendessen
versammelt.