Nachdem die „Hainaut“ gegen Mittag abgefahren war, machte ich mit Herrn

+Jacquier de Longprès+, dem Stationsassistenten, einen Rundgang

auf der Station. Der Kakao stand hier besser als in Coquilhatville,

was ich dem offenbar besseren Boden zuschreibe; der Kaffee war auch

gut gehalten; die ganze Station machte überhaupt einen recht netten

Eindruck, eine Thatsache, die um so anerkennenswerter ist, als man hier

nur eine geringere Zahl von Arbeitern beschäftigte. Kautschuksamen

waren erst ausgelegt worden, daher also war noch nichts von den

Pflanzen zu sehen. Einige alte Kautschuklianen hatte man beim Umlegen

des Waldes geschont, dieselben waren ziemlich alt und gaben guten

Kautschuk. Wenn die Eingeborenen im Walde eine solche Liane finden, so

machen sie zunächst den Baum oben von den Zweigen möglichst frei, bis

sie die ganze Liane herunterziehen können, dieselbe wird darauf längs

des Bodens möglichst ausgebreitet und durch Astgabeln oder Unterlagen

von Holzklötzen und Steinen etwa einen Fuß über den Boden erhoben,

dann erst werden in Abständen von etwa einem Fuß Einschnitte gemacht,

aus denen dann die Latex in die zu diesem Zwecke untergesetzten

Gefäße (meist Lehm- oder Thontöpfe) hineinläuft. Natürlich werden

die Lianen von den Eingeborenen gewöhnlich so tief angeschnitten,

daß sie bereits nach einmaligem Anzapfen zu Grunde gehen. Trotz der

verschiedenen Behauptungen und Veröffentlichungen diesbezüglich, habe

ich mich während meiner Reise überzeugen können, daß man im Congo den

Kautschukpflanzen auch nicht mehr Schonung angedeihen läßt als in den

anderen Ländern Afrikas. Die Regierung versucht zwar, durch Erlasse

aller Art gegen den Raubbau zu arbeiten, doch sind es zum Teil die

Ausführenden selbst, welche den Raubbau ermutigen, da sie dadurch

einen großen momentanen Gewinn erzielen, der sonst ihren Nachfolgern

in die Hände fallen würde. Leider waren an den Kautschuklianen hier in

Lukulela weder Blüten noch Früchte zu finden, so daß ich nicht die Art

feststellen konnte.

Am Nachmittage des nächsten Tages lud mich der Kommandant zu einer

Jagd auf Büffel und Elefanten ein. Wissend, daß ich somit tiefer in

die Wälder hineinkommen würde und daselbst vieles mir Neue zu sehen

bekommen würde, sagte ich sehr gern zu. Wir fuhren daher noch am

Nachmittage über den Congo hinüber und landeten zunächst an einer mit

hohem Grase bedeckten Ebene, wo wir Büffelspuren in Menge fanden.

Nachdem die nötigsten Vorbereitungen zur Errichtung des Lagers für die

Nacht getroffen waren, brachen wir sogleich zur Jagd auf. Trotz der

ganz frischen Spuren gelang es uns jedoch dennoch nicht, innerhalb der

ersten zwei Stunden eines der Tiere zu sehen. Als dann ein plötzlich

aufgejagter Leguan noch geschossen wurde, gaben wir die Jagd auf die

Büffel auf, da die durch den Schuß gewarnte Herde sich nunmehr sicher

doppelt vorsichtig bewegen würde, wenn sie nicht überhaupt entflohen

war. Nachdem wir einen Sumpf überschritten hatten, drangen wir in einen

daran angrenzenden dichten Wald ein. Nach verschiedenen Streifzügen,

auf welchen wir sehr viele frische Elefanten- und Büffelspuren

antrafen, wurden wir von unserem eingeborenen Fährtenfinder plötzlich

gewarnt und stießen auch wirklich auf eine Herde von Wildschweinen.

Im nächsten Augenblicke krachten schon unsere Schüsse auf die Tiere

nieder. Die meisten wurden verwundet, drei gelang es zu töten.

Unterdessen war es nun auch Zeit geworden, an den Rückweg zu denken,

damit wir noch die Flußufer vor Anbruch der Dunkelheit erreichen

könnten. Erst spät am Abend kamen auch unsere Leute mit den erlegten

Wildschweinen an, von denen wir uns dann noch zum Abendessen einige

saftige Stücke braten ließen. Der Mond war bereits in seiner vollen

Pracht aufgegangen, als wir uns zum Abendessen niedersetzten, um

sofort durch unsere Leute auf einige auf dem Flusse dahinschießende

Canoes aufmerksam gemacht zu werden. Da uns diese fluchtähnliche Fahrt

der Canoes verdächtig vorkam, riefen wir die Insassen der Canoes

an. Dieselben ruderten daraufhin jedoch noch schneller. Leutnant

+Serulea+, welcher bereits einige Zeit in der Gegend war,

vermutete daher sehr richtig, daß die Insassen des Canoes desertierte

Soldaten aus Irebu seien, welche nach dem französischen Posten

Lukulela (français) entweichen wollten, und sandte ihnen daher einige

Kugeln nach. Auch wurde sofort unser Canoe zum Einfangen der Leute

nachgeschickt. Diesen gelang es jedoch, sich im Schatten einer Insel zu

verbergen, wo sie dann nicht mehr zu finden waren. Erfolglos kehrten

daher unsere Leute zurück.

Schon um 4 Uhr setzten wir am nächsten Morgen unsere Jagd weiter

fort. Da wir vermuteten, daß das durch unsere Schüsse gewarnte Wild

sich nun weiter fort begeben habe, fuhren wir den Strom etwa eine

Stunde weiter hinauf. Am Rande eines Sumpfes wurde dann ein Lager

aufgeschlagen. Das Überschreiten dieses Sumpfes, welcher uns von dem

Walde trennte, war mit einigen Schwierigkeiten verknüpft, schon bei

den ersten Schritten sank man bis über die Kniee ein. Nachdem wir

endlich in dem etwas trockneren Walde angelangt waren, gingen wir sehr

vorsichtig vor, da wir frische Elefantenspuren in Menge bemerkten und

daher die Tiere in unmittelbarer Nähe vermuteten. Nach etwa 1½

Stunden gab unser führender eingeborener Elefantenjäger, welcher

weniger ein guter Schütze als ein vorzüglicher Fährtenfinder war,

ein Zeichen, woraufhin wir unseren Leuten zurückzubleiben befahlen

und nun mit doppelter Vorsicht vorschlichen. Bald sahen wir zwei

fressende Elefanten vor uns, welche uns noch nicht bemerkt hatten.

Bis auf 40 m gelang es uns unbemerkt heranzukommen, als das Männchen

sich plötzlich wendete und uns bemerkte. Eben schien sich das Tier mit

weitabstehenden Ohren auf uns werfen zu wollen, als auch schon unsere

Schüsse erklangen und der Riese lautlos zusammenbrach, die Zähne in den

Boden stoßend. Es war ein Anblick, den niemand vergessen wird, der je

etwas ähnliches gesehen. Das Weibchen gab nun sofort Fersengeld. Einige

ihm nachgesandte Schüsse verwundeten es zwar, konnten ihm aber keinen

besonderen Schaden zufügen, da wir nur den hinteren Teil des Tieres zum

Ziel nehmen konnten. Dem gestürzten Elefanten jagten wir nun nochmals

drei Kugeln in den Kopf, um ihm vollends den Garaus zu machen. Unsere

unterdessen herbeigekommenen Leute benahmen sich wie toll vor Freude

auf die Aussicht, nun einmal wieder tüchtig Elefantenfleisch zu essen

zu bekommen, und führten einen wahren Freudentanz um den gefällten

Riesen herum auf. Nachdem wir darauf den Befehl gegeben, das Tier zu

zerlegen und die Teile in unser Lager zu bringen, brachen wir auf, um

nach weiterer Beute zu suchen. Bald traten wir in einen wundervollen

Wald hinein, welcher von Elefantenpfaden nach allen Richtungen hin

durchkreuzt war. An einigen sumpfigen Stellen sah man, daß sich noch

kurz vor uns die Tiere darin herumgewälzt hatten, genug, wir sahen

hier, daß wir uns inmitten eines von Elefanten dicht belebten Striches

befanden. Unser Jagdeifer wuchs natürlich nun nach dem erfolgreichen

Morgen sehr bedeutend. An einem Baum, dessen sehr saftreiche Rinde

die Elefanten sehr gern zu fressen schienen, sahen wir sowohl an der

ganz frisch abgeschälten Rinde wie an den noch rauchenden Exkrementen,

daß wir den Tieren sehr nahe sein mußten. Eine über uns in den Bäumen

sich aufhaltende Affenherde verdarb uns aber das Vergnügen durch das

wüste Geschrei, welches die Gesellschaft, die offenbar nie vorher einen

weißen Menschen zu Gesicht bekommen, ausstieß, als sie uns bemerkte.

Wir wurden so ärgerlich über die uns nun von Baum zu Baum verfolgende

Herde, daß wir schließlich beschlossen, die Tiere zu verjagen, da sonst

weitere Erfolge unmöglich waren. Es blieb uns daher nichts anderes

übrig, als einige der Tiere herunterzuknallen. Ruhig blieben dieselben

sitzen, als unsere Kugeln um sie herumpfiffen. Als sie aber, nachdem

einige heruntergefallen, doch einsahen, daß unsere Gewehre nicht

ganz harmlose Dinge waren, entflohen sie unter entsetzlichem Geheul.

Nun erst konnten wir weiter den Spuren der Elefanten folgen. Gegen

Mittag gelang es uns denn auch wieder, an einige Tiere heranzukommen,

welche wir allerdings wegen des sehr dichten Unterholzes nur zum Teil

sehen konnten. Wir verwundeten das eine offenbar sehr schwer, denn

der Blutverlust des Tieres mußte nach den Spuren, welchen wir nachher

folgten, sehr bedeutend sein, und an verschiedenen Stellen schien es,

als sei das Tier zusammengebrochen, aber es gelang uns dennoch nicht,

die Spuren weiter zu verfolgen, da sie sich allmählich in der alten

Spur wiederfanden und uns so immer wieder irre leiteten. Nach einigen

Stunden vergeblichen Suchens nach dem verwundeten Elefanten, von dem

wir berechtigt waren zu glauben, daß er unterdessen bereits vollständig

zusammengebrochen sei, war es denn auch Zeit, an die Rückkehr zu

denken, besonders da sich in unseren Magen bald eine bedeutende Leere

bemerkbar machte. Nach einem Kompaß durch Dick und Dünn marschierend,

gelangten wir, nachdem wir einige Sümpfe überschritten hatten, in

welche wir bis über die Hüften einsanken, endlich etwa eine Meile

unterhalb unseres Lagers an die Flußufer.

Wir arbeiteten uns nun bis auf Hörweite auf unser Lager zu durch

und wurden schließlich im Canoe abgeholt. Unser Koch hatte während

unserer Abwesenheit das Essen, bestehend aus Wildschweinbraten,

für uns zurechtgemacht, so daß wir sogleich unseren Hunger stillen

konnten. Erst um 5 Uhr hatten unsere Leute den zerlegten Elefanten

vollständig bis zum Flusse geschafft und in das Canoe eingeladen.

Natürlich stellte sich bald heraus, daß die nichtswürdigen Kerle

wieder große Mengen Fleisch im Busch versteckt hatten, um es dann

über Nacht oder am nächsten Tage abzuholen. Einige Leute, welche wir

dabei ertappen konnten, wurden bestraft, das versteckte Fleisch,

welches wir nach einigem Suchen doch bald fanden, ihnen natürlich

auch wieder abgenommen. Auf der Rückfahrt hatten wir noch das Glück,

einige Nilpferde auf einer Sandbank, vollständig außerhalb des Wassers,

beobachten zu können. Ziemlich ermüdet kamen wir am Abend in Lukulela

(bèlge) wieder an. Natürlich war der folgende Tag, an welchem das

Fleisch verteilt wurde, ein Festtag für die Leute der Station. Ein

jeder bekam da seinen Teil und hatte auch Grund, zufrieden zu sein,

denn an einem ausgewachsenen Elefanten sitzt eine enorme Masse von

Fleisch; dazu hatten wir dann ja auch noch die drei erlegten ziemlich

großen Wildschweine, von denen wir drei Europäer doch nur sehr wenig

hatten verzehren können.

Da ich in Lukulela hörte, daß sich vielleicht bald eine Gelegenheit

finden werde, den Sanga von Bonga aus zu befahren, so lag mir natürlich

daran, möglichst bald nach Bonga zu kommen. Leutnant +Serulea+

wollte mich bis Bonga hinübergeleiten, da er dort den Herren einen

Besuch versprochen hatte. Wir hatten unsere Abreise von Lukulela auf

den 25. Juli angesetzt, konnten aber erst am Nachmittage fortfahren, da

das Wasser im Congo am Vormittage so hohe Wellen schlug, daß gar nicht

daran zu denken war, das andere Ufer zu erreichen. Trotz des noch immer

gefährlichen Wellenganges erreichten wir bald das französische Ufer und

sprachen dort auf dem französischen Lukulela-Posten vor. Nach kurzem

Aufenthalte fuhren wir bald in den Likensi-Arm des Congo, welcher

zum Sanga hinüberführt, ein, mußten aber für die Nacht unser Lager

aufschlagen, ohne Bonga erreichen zu können, da wir von der Dunkelheit

überrascht wurden und das Fahren in dem engen, von Nilpferden

wimmelnden Kanale nicht ohne Gefahr war. In dieser Nacht bekamen wir

dann auch schon einen Vorgeschmack von den Bonga-Moskitos, so daß wir

nicht an schlafen denken konnten. Mit Tagesgrauen brachen wir am 26.

Juli wieder auf. Nach etwa einstündigem Rudern erreichten wir den

Sanga. Um 7 Uhr kam Bonga in Sicht. Ich fand bei dem Vertreter der

Société Anonyme Belge Aufnahme für die Zeit meines Aufenthaltes bis zur

Abreise nach dem Ngoko. Bis dahin sollte allerdings noch eine geraume

Zeit vergehen.

III. Kapitel.

Sanga-Ngoko-Reise und Rückreise nach Kamerun.

In Bonga hatte ich nun einen Ort erreicht, in dem ich die ersten

Nachrichten aus der Südostecke unseres Kamerun-Gebietes einziehen

konnte. Ein Angestellter der Société Anonyme Belge war gerade vom

Ngoko heruntergekommen und konnte mir die Verhältnisse daselbst

schildern. Wie sich später herausstellte, hatte er allerdings Vieles

übertrieben, doch waren einige seiner Erzählungen für mich von Nutzen.

Von Herrn Oberleutnant Dr. R. +Plehn+ hatte ich einen Brief in

Bonga vorgefunden, in dem er mich auf seinen Mangel an Leuten und

die Unmöglichkeit aufmerksam machte, am Ngoko Träger zu engagieren.

Er riet mir, Leute vom Congo mitzubringen. Das war nun leider nicht

mehr ausführbar, da im Congostaate erst vor kurzem ein Erlaß des

Gouverneurs erschienen war, wonach die Ausfuhr von Arbeitern aus dem

Gebiete des Staates verboten war. Hätte ich nicht in Kamerun den

Schilderungen des Herrn Oberleutnants v. +Carnap+ entnehmen

müssen, daß die Trägerfrage im Ngoko-Gebiete leicht zu lösen sei, so

hätte ich vom Congostaate mir die Erlaubnis erbeten, Träger nach dem

Ngoko hinaufnehmen zu dürfen; nun war das hier im Innern nicht mehr

möglich, denn eine solche Erlaubnis konnte mir nur der Gouverneur in

Boma geben. Die Verhältnisse lagen also für einen guten Fortgang der

Expedition denkbar ungünstig. Dazu kam noch, daß die Aussicht auf eine

Gelegenheit, den Sanga hinaufzukommen, immer bedenklicher wurde, um so

mehr, da das Wasser ganz bedeutend gefallen war.

Am 29. Juli traf der „Frédéric“, ein Dampfer der „Nieuwe Afrikaansche

Handels-Vennootschap“ mit Elfenbein vom oberen Ubangi ein. Der Kapitän

dieses Dampfers führte ein großes Canoe bei sich, welches er am

Stanley-Pool zu verkaufen gedachte. Da ich schon seit längerer Zeit

nach einem solchen gesucht hatte, so nahm ich denn auch die Gelegenheit

wahr und erwarb mir dasselbe für 250 Frcs. Nun versuchte ich alles

mögliche, um Ruderer für das Canoe anzuwerben, damit ich dann die Fahrt

nach dem Ngoko im Canoe unternehmen könnte. Da der französische Beamte,

welcher in Bonga stationiert war, unter den Eingeborenen sehr wenig

Einfluß besaß, so verzögerte sich die Sache immer mehr, so daß ich

mich schließlich an das holländische Haus wendete, um von deren Leuten

eventuell einige für kurze Zeit zu erhalten. Schließlich war denn auch

alles so weit vorbereitet, daß ich schon einen bestimmten Tag zur

Abreise in Aussicht nahm, als am 2. August ein Boot aus Wesso am Sanga

eintraf, mit der Nachricht, daß der von der „Südkamerun-Gesellschaft“

gemietete Dampfer bereits in zwei bis drei Tagen eintreffen würde.

Schon am nächsten Tage erschien derselbe mit dem Direktor der

Gesellschaft, Herrn +Langheld+, und dem Hauptagenten der

„Société Anonyme Belge“ am Sanga, Herrn +van Beers+, an Bord.

Herr +Langheld+ war direkt vom Ngoko gekommen und wollte nun

versuchen, im Congo Leute für die Gesellschaft anzuwerben. Da er noch

nicht von dem neuen Erlasse des Gouverneurs des Congostaates gehört

hatte, machte ich ihn darauf aufmerksam, daß er dort wenig Erfolg haben

werde; doch glaubte er, in den Gegenden, in denen er früher als Agent

einer belgischen Handelsgesellschaft thätig gewesen war, sehr leicht

wenigstens genügend Leute zur Equipierung seines Dampfers zu finden.

Er gedachte, in wenigen Tagen wieder zurückzukehren, um dann wieder

nach dem Ngoko hinaufzufahren. Natürlich zog ich vor, in diesem Falle

auf die Canoereise zu verzichten und bis zur Rückkehr des Dampfers zu

warten. Meine Zeit füllte ich, soweit es hier in Bonga möglich war,

durch Exkursionen und Nachholen laufender Arbeiten aus.

Ich hatte in einem kleinen Buschwalde in der Nähe meines Hauses ein

Exemplar der Landolphia Klainei entdeckt, welche einen sehr guten

Kautschuk liefert. Leider sind die Stämme dieser Art verhältnismäßig

dünn, so daß es immer eine geraume Zeit dauerte, ehe ich genügend

Saft zum Experimentieren einsammelte. Diesen koagulierte ich in der

verschiedensten Weise. Durch Zusatz von Bossassangasaft erzielte

ich eine sofortige Koagulation zu einer flockigen Masse, welche

dann zusammengepreßt einen Kautschuk ergab, welcher ähnlich wie der

„Kassai-rouge“-Kautschuk fast durchsichtig war. Da Landolphia florida

in der Nähe vorhanden war, sammelte ich auch von dieser Latex ein

und versuchte, auf alle mögliche Arten einen brauchbaren Kautschuk

daraus zu gewinnen, mußte die Hoffnung darauf aber bald aufgeben. Es

gelang mir nur nach Vermischung mit dem Safte der Landolphia Klainei

ein Produkt zu erzielen, welches bedeutend schlechter war als das von

der reinen Milch der L. Klainei gewonnene, sich aber doch verwerten

lassen würde. Es ist übrigens auffallend, daß die Milch der L. florida

sofort gerinnt, sobald sie mit der Luft in Berührung kommt; um sie

mit der der Landolphia Klainei zusammen koagulieren zu können, hatte

ich sie vorher mit Wasser zu verdünnen, damit auf diese Weise eine

bessere Verbindung der beiden Milcharten hergestellt werden konnte.

Es wäre sehr wünschenswert, daß derartige Versuche, Milch einer

kautschukliefernden Pflanze mit der verwandter Arten, welche keinen

Kautschuk geben, zu koagulieren, weiter fortgesetzt würden. Ich konnte

diese Experimente leider damals nicht fortführen, da ich bald die

vorhandenen Pflanzen der Landolphia Klainei derartig angezapft hatte,

daß ich nicht mehr genügend Latex erhielt.

Die in der Umgebung von Bonga vorhandenen Ficusarten prüfte ich auch

alle auf ihren Kautschukgehalt, konnte aber unter den sämtlichen Arten

keine ausfindig machen, welche sich hätte verwenden lassen; stets war

das Endresultat ein gleiches, man erhielt selbst bei Anwendung der

schärfsten Säuren eine äußerst harzreiche, vogelleimähnliche Masse. Bei

den großblättrigen Arten aus der Verwandtschaft der Ficus Vogelii und

Ficus Preussii war diese meist dicker und weniger von Harzen durchsetzt

als bei den Arten aus der Verwandtschaft der Ficus salicifolia,

während alle rauhblättrigen Arten überhaupt nicht in Betracht kommen

konnten, da sie derartig harzreich waren, daß man nur mit Mühe die

Masse von den Händen freimachen konnte. Bossassangasaft hatte bei der

Ficusmilch entweder gar keinen oder nur sehr geringen Einfluß. Die

Bossassangapflanze, welche ich nun allenthalben antreffen konnte, heißt

in ihren sämtlichen Arten bei den Bangalas und Wangatas übrigens auch

Makabo, ja sogar in einigen Gegenden im Mittelcongo-Gebiet ist sie

unter letzterem Namen bekannter.

[Illustration: +Landolphia Klainei Pierre+.

A Zweig, B Knospe, C Blüte, D Längsschnitt durch die Blüte, E

Durchschnitt durch den Fruchtknoten, F Fruchtknoten und Griffel, G

Anthere von vorn, H dieselbe von der Seite.]

Tag für Tag verging unterdessen, und doch war noch nichts von Herrn

+Langheld+ mit dem „Major Cambier“ oder von anderen Dampfern,

welche den Sanga hinauffuhren, zu sehen. Nach dem Ubangi schien die

Verbindung bedeutend günstiger zu sein, denn es trafen nicht weniger

als drei Dampfer auf dem Wege dorthin in Bonga ein. Diese Dampfer

kommen in Bonga meist ganz unerwartet an und gehen schon nach ein-

bis dreistündigem Aufenthalte häufig weiter flußaufwärts. So ist man

denn gezwungen, sich stets fertig zu halten, damit man beim Eintreffen

eines Dampfers die Chancen nicht verliert, mit demselben mitfahren zu

können. An längere Exkursionen ist bei diesen Zuständen dann natürlich

auch nicht zu denken. Die Umgebung von Bonga speziell war auch nicht

besonders interessant, da das Land mehr oder minder kultiviert war

oder aus Steppen mit vielen Sümpfen bestand. Ich bereute natürlich

sehr, nicht länger in Lukulela geblieben zu sein, denn dort wäre ich

persönlich viel besser aufgehoben gewesen, und hätte auch mehr zur

Erreichung der Ziele der Expedition thun können. In Bonga waren

die Lebensmittel auch noch sehr spärlich, so daß wir sogar Adler und

Papageien mit Genuß zum Abendessen verzehrten. Ich teilte von den

von mir mitgenommenen Lebensmitteln, soweit dies möglich, mit den

Agenten der Handelsgesellschaft, kaufte auch noch verschiedenes von

dem holländischen Hause, mußte aber auch etwas für die Sanga-Reise

mitnehmen, da ich dort erst gar nichts zu erwarten hatte. In Ngoko

hatte ich wieder genügend, da ich vorsichtigerweise vier Trägerlasten

dorthin hatte voraussenden lassen. Auch an Aufhetzungen ließ man es

in Bonga nicht fehlen; so wollte ich mich z. B. eines Tages bei einem

Unteragenten des holländischen Hauses, welcher den gerade abwesenden

Herrn +van Zoysten+ vertrat, erkundigen, ob denn nicht bald einer

ihrer Dampfer den Sanga hinauffahre, als ich zu meinem nicht geringen

Erstaunen hören mußte, er könne mir nicht die Erlaubnis geben, da ihm

von einem der Angestellten der Société Anonyme Belge mitgeteilt sei,

ich reise unter falschen Angaben, sei in Wirklichkeit aber nur ein

Agent der Südkamerun-Gesellschaft, und könne somit als ein Angestellter

einer Konkurrenzfirma natürlich nicht die Erlaubnis bekommen, die

Dampfer des holländischen Handelshauses zu benutzen. Selbst wenn man

also zu einem gemeinnützigen Zwecke in eine Gegend entsendet wird,

in der das Reisen äußerst strapaziös und aufreibend, ja sogar nicht

ungefährlich ist, muß man sich diesen gehässigen Neidern und Reden

aussetzen. Es ist dieses nicht das einzige derartige Beispiel, welches

ich anführen könnte, ich habe deren in Menge; ja selbst nach meiner

Rückkehr nach Europa hatte ich noch einmal ein solches kennen zu lernen.

Glücklicherweise traf der „Major Cambier“ am 20. August in Bonga ein.

Herr +Langheld+ hatte auf seiner Reise keinen Erfolg gehabt und

kam nun mit derselben sehr schwachen Besatzung zurück. Da er erst noch

den Dampfer laden lassen mußte, so wurde unsere Abreise auf den 23.

August festgesetzt. Die beiden noch übrigen Tage benutzte ich nun noch

dazu, meine sämtlichen Lasten gründlich durchtrocknen zu lassen und

dann alles fertig zu verpacken. Von der belgischen Gesellschaft kaufte

ich noch einige Handelsartikel, welche im Ngoko-Gebiete am meisten

Absatz finden sollten. Herr +Langheld+ war auch so freundlich, mir

zu versprechen, etwaige noch fehlende Sachen mir später abzulassen.

Westafrikanische Kautschuk-Expedition · 第 8 / 32 段