Maßstabe anzulegen; inwieweit sich diese rentieren werden, muß die
Zukunft beweisen, es ist nicht unwahrscheinlich, daß die Niederschläge
zu unbedeutend sind, um eine gute Frucht erzielen zu können. Wie
ich später von den katholischen Missionaren am Ruki hörte, sollen
Proben von Kakaobohnen, welche sie zur Begutachtung nach Europa
geschickt hatten, als sehr minderwertig („13. oder 14. Qualität“)
bezeichnet worden sein. Sei es nun, daß die Fermentation oder das
Dörren nicht richtig vor sich gegangen ist, sei es, daß der Boden
nicht fruchtbar genug oder die Spielart an und für sich minderwertig
gewesen ist, dort hat man jedenfalls aufgehört, neue Pflanzungen
anzulegen. Hier in Equateur versprach sich der Chef des Cultures ein
gutes Resultat. Viel wird natürlich auch davon abhängen, welchen
Frachtsatz die Eisenbahngesellschaft für den Transport vom Stanley-Pool
bis Matadi ansetzen wird, denn für derartige Qualitäten würden die
Transportunkosten sehr leicht zu hoch werden.
Von Coquilhatville aus wollte ich gern eine kleine Expedition ins
Innere nach der Gegend des Tumba-Sees machen, von wo eine nicht geringe
Menge von Kautschuk des Equateur-Distriktes kommt.
Da der Kommissar des Distriktes zur Zeit sich auf einem Zuge gegen
die Eingeborenen jener Gegend befand, welche einen Aufstand begonnen
hatten, glaubte sein Stellvertreter, mir nicht die nötigen Träger geben
zu können. So war ich denn gezwungen, bis zur Rückkehr des Kommissars
zu warten.
Um meine Zeit möglichst auszufüllen, unternahm ich am 8. Juli eine
Fahrt in einem Canoe den Ruki hinauf nach der Missionsstation der
Trappisten. Die Missionare hatten hier verschiedene Kulturen begonnen
und waren eben dabei, die Station zu vergrößern. Der Kaffee stand recht
gut, Kakao war mit dem Kakao von Kamerun nicht zu vergleichen, doch
waren die Pflanzungen recht schön sauber gehalten, wie überhaupt die
Station einen recht netten Eindruck machte. Diese Leute leben dort
äußerst einfach und bleiben bis zu ihrem Tode in Afrika, wenn sie nicht
etwa beständiger Krankheiten halber nach Europa zurückkehren müssen;
doch das kommt selten vor. In dem mit der Missionsstation verbundenen
Kloster lebten drei Nonnen, welchen die Erziehung der Mädchen oblag.
Am 9. Juli traf der Kommissar des Distrikts ein. Als ich ihn von
meinem Wunsche in Kenntnis setzte, sprach er mir sein Bedauern aus,
daß er mir nicht erlauben dürfe, meine geplante Expedition ins Innere
auszuführen, da die Gegend zu unsicher sei, und er mir augenblicklich
die zu meiner Expedition nötigen Soldaten nicht geben könne. Ich
versuchte ihn umzustimmen, sah aber bald ein, daß es nichts half. Die
Gründe zu dieser Weigerung sind mir unklar geblieben, genug, ich sah
ein, daß man mich nicht nach dem Tumba-See hineinlassen wollte, denn
der Eingeborenen-Aufstand war damals schon erledigt.
Da ich nun keinen Grund hatte, noch mehr Zeit zu verlieren, so packte
ich meine Sachen bald ein, um dann am 11. Juli meine Reise nach der
Sanga-Mündung den Congo hinunter anzutreten. Ich hatte ein großes
Canoe mit zwölf Ruderern bekommen, welches mich zunächst bis Irebu
bringen sollte. Gern hätte ich selbst hier ein größeres Canoe käuflich
erworben, doch das war leider nicht möglich, da die sämtlichen großen
Canoes der Eingeborenen von der Regierung in Beschlag genommen waren
und die Leute nun natürlich keine großen Canoes mehr bauen wollten, um
sich nicht noch einmal derselben Gefahr auszusetzen.
Nach etwa 1½stündiger Fahrt erreichten wir die amerikanische
Missionsstation bei Wangata, wo ich bei den sehr liebenswürdigen
Missionaren mich eine kurze Zeit aufhielt. Auf der Weiterfahrt ging es
über einige Stellen hinweg, welche infolge der starken Strömung eine
große Zahl von Strudeln bildeten. Hier wurde dann immer das Kommando
gegeben „koruka makessi“ (schnell rudern), um darüber hinwegzukommen
und nicht von den Strudeln mitgerissen zu werden. Längs der Ufer
waren Kopalbäume in riesigen Mengen vorhanden. Der hier helle Kopal,
welcher einer geringeren Qualität angehört, wird von den Eingeborenen
meist im Wasser gesammelt oder bei niedrigem Wasserstande auf den
Sandbänken, wo er oft in ziemlichen Mengen angeschwemmt wird. Man
hat hin und wieder versucht, größere Quantitäten nach Europa zu
schicken, doch sollen die Transportkosten zu hoch sein, so daß der
Export den jetzt noch durch die hohen Verdienste am Kautschuk und
Elfenbein verwöhnten Handelsgesellschaften noch nicht rentabel genug
erscheint. Der Frachtsatz für diesen sogenannten „weißen“ Kopal ist
auf der Congo-Eisenbahn vom Stanley-Pool bis Matadi auf 18 Ctms.
pro Kilo angesetzt worden; da hierzu noch die nicht unbedeutenden
Transportkosten auf den Dampfern bis Stanley-Pool kommen und ferner
auch noch die Fracht von Matadi nach Europa nicht gering ist, so läßt
sich natürlich verstehen, daß ein großer Verdienst bei minderwertigem
Kopal nicht herauskommt.
[Illustration: +Landolphia florida Bth.+
A Zweig, B Knospe, C Blüte, D Längsschnitt durch den unteren Teil der
Blüte. E Kelch und Griffel, F Querschnitt durch den Fruchtknoten, G
Griffelkopf, H Anthere.]
Die keinen Kautschuk liefernde Landolphia florida, welche hier im
Congo in einer besonders schönen, großblütigen Varietät auftritt, war
allenthalben längs der Ufer reichlich vorhanden. Ich stellte sowohl
hier wie später in Bonga die möglichsten Versuche an, um Kautschuk
davon zu gewinnen, doch alles war vergeblich, obgleich die Standorte
häufig recht verschieden waren. Für mich ist die Frage für Kamerun
und für den Congo so weit erledigt; Landolphia florida giebt daselbst
keinen guten Kautschuk; wo andere Angaben vorhanden sind, dürften
sie sich wohl auf einen Irrtum, sei es in der Art, sei es in der
Bezeichnung des Produktes, zurückführen lassen; da viele Landolphien
einander sehr ähnliche Blätter haben, so kann man sich leicht in
der Art täuschen, zumal in den Wäldern häufig Kautschuk liefernde
Arten mit anderen vermischt wachsen. Als Kautschuk sind mir häufig
Produkte gezeigt worden, welche besser als Vogelleim bezeichnet werden
würden; außerdem neigt der Laie dazu, gern eine jede in den Tropen
weißen Milchsaft liefernde Pflanze, wie z. B. Ficusarten etc., als
Kautschukpflanze anzusehen. Auch Asclepiadaceen stehen häufig bei
Laien im Verdachte, Kautschuk zu liefern. So giebt +Baillon+ nach
aus dem Congo kommenden Notizen bei einer seiner neuen Tacazea-Arten
an, daß eine nicht geringe Quantität des Congo-Kautschuks von dieser
Pflanze herstammen solle. Ich habe nach eigenen Versuchen sowie trotz
eifriger Erkundigungen keine Tacazea-Art zu Gesicht bekommen, welche
wirklich Kautschuk lieferte.
Der Congo und seine Nebenflüsse sind ungeheuer reich an Fischen, doch
wird von den Eingeborenen, deren einzige Fleischnahrung lange Zeit
hindurch die Fische bilden, der Fang derselben ziemlich vernachlässigt.
Ein jeder kleine Wasserlauf bietet den Leuten eben eine so reichliche
Ausbeute, daß sie sich gar nicht dabei anstrengen brauchen. In vielen
Gegenden wäre es für die Handelsgesellschaften vielleicht von großem
Nutzen, wenn sie zur Ernährung ihrer eingeborenen Arbeiter durch Leute,
welche den Fischfang wirklich kennen, täglich die nötigen Mengen
fangen lassen würden, ganz besonders in solchen Gegenden, wo man von
den Eingeborenen nur schwerlich Nahrung erkaufen kann, wie z. B. im
Sanga-Ngoko-Gebiete.
Am 11. Juni gegen Mittag erreichten wir Ikenge, einen Holzposten des
Staates, wo ich für meine Ruderer etwas Mais erstehen konnte, denn
dieselben hatten seit dem Morgen noch nichts gegessen. Der Uferwald,
welcher nur wenige Fuß über dem Niveau des jetzt ausnahmsweise tiefen
Wasserstandes lag, war äußerst interessant. Wir hielten uns immer,
soweit nur irgend möglich, an dem Ufer des Flusses, um uns nicht in
den vielen Kanälen und Armen des Stromes zu verfahren. Affen und
Wasservögel (Reiher, Enten und Wasserhühner) gab es in großen Mengen.
Es gelang mir, verschiedene derselben für die Leute zu schießen,
ebenso einige Affen, von denen ich auf der Fahrt bis Irebu allein fünf
verschiedene Arten beobachtete. Im Wasser gab es viele Krokodile,
doch konnte ich nicht zum Schuß kommen, da die Tiere ungemein scheu
waren. Nilpferde sahen wir gar nicht. Es war mir übrigens schon vorher
aufgefallen, daß wir auf der Reise von Irebu bis Coquilhatville
nichts von den sonst so häufigen Tieren gesehen. An vielen Stellen,
wo ich anlegen lassen konnte, benutzte ich die Gelegenheit, den
Wald etwas zu untersuchen, fand aber immer dieselben Zustände: die
Kautschuklianen waren alle ausgeschlagen. Calamusarten waren häufig,
besonders am Flußrande bildeten sie nicht selten undurchdringliches
Gestrüpp. Ein jeder Versuch, sich ohne Cutlas durch diese Gebüsche
hindurchzuarbeiten, würde scheitern, die zurückgebogenen Haken an der
verlängerten Blattspitze halten einen jeden Eindringling zurück. Da
ich, wenn irgend möglich, am folgenden Tage in Irebu eintreffen wollte,
so ließ ich bis gegen 7 Uhr abends rudern. In der bereits eingetretenen
Dunkelheit war es dann nicht leicht, einen geeigneten Landungsplatz zu
finden, außerdem machen die vielen Baumstämme im Strome eine Canoereise
bei der Dunkelheit sehr gefährlich. Als wir eben das Zelt aufstellen
wollten, fing es plötzlich an in Strömen zu regnen, so daß noch alle
Lasten nass wurden, ehe wir sie bergen konnten. Auch mein bereits
draußen aufgestelltes Feldbett wurde derartig durchnäßt, daß ich an
Schlaf nicht denken konnte, da mir keine trockenen Decken zur Verfügung
standen. Nachdem ich mich daher selbst trocken umgezogen hatte, ließ
ich ein Feuer im Zelte unterhalten, um mich zu erwärmen und die in
Scharen erscheinenden Moskitos durch den Rauch fortzujagen.
Am nächsten Morgen ließ ich bereits um 5½ Uhr weiterfahren. Nach dem
Regen hatte sich die Temperatur gehörig abgekühlt, auch lag ein feiner
Nebel auf dem Flusse, der sich erst mit Aufgang der Sonne hob. Es war
ein herrlicher Morgen. Nach einer Stunde erreichten wir das Nachtlager
eines Inspektors der Telegraphenlinie, welche längs des rechten Ufers
vom Stanley-Pool nach Coquilhatville im Bau begriffen war. Der Herr
war am Tage vor mir von Coquilhatville abgefahren und wollte auch nach
Irebu zurückkehren. Da sein Canoe schneller lief als das meinige, lud
er mich ein, mit ihm zu fahren und mein Canoe nachkommen zu lassen.
Wir machten unterwegs einige Fahrtunterbrechungen, er, um die Linie
zu inspizieren, ich, um mir die Zusammensetzung des Waldes anzusehen.
Als wir gegen 12½ Uhr in Irebu anlangten, war von meinem Canoe noch
nichts zu sehen, dasselbe traf erst gegen 2 Uhr ein; natürlich
hatten sich die Leute, da ich nicht dabei war, auch nicht übermäßig
angestrengt. Da in Irebu zur Zeit kein größeres Canoe zu finden war,
wurde ich leider gezwungen, daselbst einige Tage Rast zu machen,
bis ein solches eintraf. Kommandant +Jouniaux+ versuchte, mir den
Aufenthalt so angenehm als möglich zu machen; er führte mich auf der
Station umher und gab mir Aufklärung über die verschiedensten Dinge,
welche mich interessierten. Auf einigen kleinen Exkursionen, welche ich
in der Umgegend unternahm, hatte ich Gelegenheit, den Charakter der
Wälder in der Umgegend kennen zu lernen. Da es ziemlich ausgedehnte
Grassteppen in Fülle hier gab, in denen diese Wälder, selten größere
Komplexe bildend, zerstreut umherlagen, so war natürlich auch die
Vegetation dieser Buschwälder eine ganz andere, als ich sie im Congo
vorher kennen gelernt hatte. Landolphien waren hier und da vereinzelt
anzutreffen, aber nur in dünnstämmigen Exemplaren, welche von den
Eingeborenen noch nicht angeschnitten wurden. Landolphia florida war
längs der Flußufer sehr verbreitet. Die orangegelben Früchte werden von
den Affen gern gefressen, da die Samen von einer süßen Pulpa umgeben
sind. Costus- (Bossassanga-) Arten waren allenthalben am Rande der
Wälder und Gebüsche reichlich vorhanden. Da wo frisch Urwald geschlagen
wird, stellen sich die Pflanzen gewöhnlich sehr bald ein. Ein nicht
unerheblicher Teil der Grassavannen war mit Borassuspalmen bedeckt,
was der ganzen Landschaft einen recht imposanten Anblick verlieh.
Die Früchte der Borassuspalme werden nur selten von den Eingeborenen
gesammelt, da sie von einem süßlichen Fruchtfleische umgeben sind, doch
wird in vielen Gegenden der Stamm direkt unterhalb der Krone angebohrt
zur Gewinnung von Palmenwein. Nicht selten sieht man Strecken, in denen
die Borassuspalmen durch dieses Anbohren getötet sind.
Endlich, am 17. Juli, traf das langersehnte Canoe ein, so daß ich am
18. Juli abreisen konnte. Das Canoe war sehr dick gebaut und hatte
vorn und hinten eine kleine Plattform, auf welcher noch einige Ruderer
stehen konnten; es ist dieses eine Eigentümlichkeit der Ubangi-Canoes,
von denen die größeren sogar Plattformen für sechs bis sieben Ruderer
vorn und hinten besitzen sollen. Infolge langjährigen Gebrauches
war das Fahrzeug an den Seiten etwas defekt geworden, so daß ich
zweifelte, meine sämtlichen Lasten unterbringen zu können. Als wir dann
am Nachmittage abfuhren, ragte, nachdem sich noch meine zehn Ruderer
(Congostaat-Soldaten und ein Sergeant) hineingesetzt hatten, eben nur
noch der oberste Rand an den Seiten empor, so daß ich sehr bezweifelte,
richtig in Lukulela anzukommen. Noch länger in Irebu warten wollte
ich auch nicht, da das nächste größere Canoe, welches man mir zur
Verfügung hätte stellen können, erst nach einer weiteren Woche erwartet
wurde. Das Wetter war für die Reise in dem defekten Canoe nicht gerade
das beste, denn es wehte eine ziemlich steife Brise auf dem Strome.
Von Insel zu Insel weiter zur Mitte des Flusses fahrend, machten
wir allmählich schnelleren Fortschritt, je mehr wir in den Strom
hineingelangten. Wir waren kaum eine Stunde von Irebu fortgefahren, als
sich plötzlich ein riesiges Nilpferd etwa zehn Schritte vor dem Canoe
aus dem Wasser hob und brüllte. Da wir inmitten des Flusses waren, war
die Lage nicht sehr angenehm, um so mehr, als ein Stoß des Tieres
genügt hätte, uns mit sämtlichen Lasten umzuwerfen. Ich ließ den Kurs
etwas ändern und hielt mein Gewehr in Bereitschaft. Das Tier tauchte
sogleich wieder unter und erschien kurz darauf wieder hinter dem Canoe.
Nun glaubte ich feuern zu müssen, denn das wütende Tier hatte offenbar
die Absicht, uns anzugreifen. Ein Schuß ertönte, und mit furchtbarem
Geheul tauchte der Riese wieder unter, ohne sich zu einer zweiten Salve
sehen zu lassen, denn nun hatte ich den Soldaten befohlen, auch ihre
Gewehre in Bereitschaft zu halten. Die Leute meinten zwar, daß ich das
Tier tödlich verletzt habe und daß es nach etwa einer Stunde wieder
oben an der Wasserfläche erscheinen würde, doch war ich nicht meines
Schusses sicher genug, um deshalb Zeit zu verlieren, zumal, da es dann
sehr fraglich gewesen wäre, ob wir noch einen Lagerplatz für die Nacht
gefunden hätten, und in meinem Canoe mir die Fahrt die Nacht hindurch
zu gefahrvoll vorkam. Von Insel zu Insel weiter vordringend, kamen
wir gegen Abend in Sicht des französischen Congo-Ufers, auf dem mir
meine Leute bald die Missionsstation Lironga zeigten. Da es bereits zu
dunkeln anfing, ließ ich auf die Station zusteuern und traf auch gegen
6½ Uhr wohlbehalten daselbst ein. Die französischen Missionare luden
mich ein, bei ihnen über Nacht zu bleiben.
Bevor ich nächsten Morgen weiterfuhr, machte ich einen kleinen
Rundgang auf der Station. Alles war vorzüglich in Ordnung gehalten,
besonders die verschiedenen Anpflanzungen. Hier sah ich auch seit
längerer Zeit einmal wieder ein Batatenfeld. Die Negerjungen, welche
hier erzogen werden, werden sehr streng gehalten und sollen vor allen
Dingen zu guten Arbeitern herangebildet werden. Nach allem, was ich
hier sah, schien es, als ob man den Knaben auch schon etwas Tüchtiges
beigebracht habe. Bei Frühstück erzählten mir die Herren einige ihrer
Jagderlebnisse mit Elefanten, von denen diese Gegend noch voll ist.
Da die Tiere die Anpflanzungen nicht selten zerstören sollen, ist es
natürlich eine große Freude für die Station, wenn eins derselben erlegt
wird, ganz abgesehen davon, daß dadurch riesige Mengen von Fleisch
gewonnen werden, welches dann unter die Eingeborenen verteilt wird,
denn dasselbe wird sehr geschätzt. Als ich gegen 7 Uhr aufbrach, war
das Wasser des Stromes derartig bewegt, daß mir die Missionare rieten,
noch länger zu bleiben, ich mußte es aber ausschlagen, denn ich wollte
nicht zu viel Zeit verlieren.
Die Fahrt über den Congo an jenem Tage werde ich nicht vergessen.
Anfangs ging alles gut, das Canoe wurde zwar immer hin und her
geschleudert, doch schlugen die Wellen selten über den Rand; je mehr
wir aber nach der Mitte des Stromes kamen, desto furchtbarer wurde
die Fahrt. Die Leute wußten vor Furcht kaum mehr meinen Befehlen
zu gehorchen, denn das Getöse war betäubend, ebenso schlugen die
Wellen beständig in das Canoe hinein, so daß zwei Leute nur immer das
eindringende Wasser ausschöpfen mußten; ich selbst glaubte nicht mehr
daran, daß wir das andere Ufer erreichen würden, denn mehr als einmal
sah ich Wellen kommen, von denen ich sicher glaubte, umgeworfen zu
werden, und nur durch plötzliche Wendungen des Canoes wurde dieses
vermieden. Ich selbst ruderte mit allen Kräften und arbeitete mich
dabei trotz des starken, kalten Windes, welcher wehte, tüchtig in
Schweiß, dabei hatte ich noch auf alles aufzupassen, denn die Leute
selbst waren ganz kopflos geworden. Es waren einige aufregende Stunden.
Endlich gegen 10 Uhr gelang es uns, eine Sandbank zu erreichen, wo
ich anlaufen ließ, um mich nicht noch einmal der Gefahr auszusetzen,
mit Mann und Maus zu ertrinken oder den Krokodilen zum Opfer zu
fallen. Kaum hatten wir das Canoe auf den Sand gezogen, als sich
ein furchtbarer Tornado mit einem echten Tropenregen erhob, der
uns in Kürze alle bis auf die Haut durchnäßte. Wären wir noch eine
halbe Stunde länger auf dem Wasser gewesen, so wäre das Canoe sicher
untergegangen. Wie ich richtig vermutet hatte, legte sich nach dem
Regen der Sturm auch bald, und das Wasser wurde allmählich ruhiger,
so daß wir um 12 Uhr unsere Fahrt wieder aufnehmen konnten. Die Leute
fanden denn auch bald ihre Courage wieder, besonders da ich auf der
Sandbank drei Enten geschossen hatte, welche ich ihnen schenkte, denn
wenn der Neger seinen Magen gefüllt hat, so ist er noch einmal so gut
zu gebrauchen. Als kurz darauf die Sonne wieder erschien, zeigten sich
bald die verschiedensten Wasservögel und Affen wieder. Es gelang mir
auch noch, einige derselben zu erlegen, worüber meine Leute derartig
in Freude gerieten, daß sie sogleich einen Gesang auf den „Mundele
na niama mingi“ (weißen Herrn, der viel Fleisch giebt) anstimmten.
Da die Leute wußten, daß sie am Abend das Fleisch der erlegten Tiere
bekommen würden, ruderten sie mit doppeltem Eifer, so daß wir im Laufe
des Nachmittags eine große Strecke zurücklegen konnten. Die Vegetation
am Flußrande blieb dieselbe, wie ich sie bereits früher beobachtet
hatte. Nilpferde wurden immer häufiger, hin und wieder zeigte sich
auch ein Krokodil auf den Sandbänken oder träge im Wasser schwimmend.
Eine Kugel, welche ich immer für diese Tiere in Bereitschaft hielt,
trieb dieselben bald aus ihrer Ruhe. Als ich am Abend einen geeigneten
Lagerplatz gefunden und mein Zelt aufgestellt war, ging ich sogleich,
ohne erst ein Abendesssen einzunehmen, zur Ruhe und verfiel sofort in
einen tiefen Schlaf, so war ich von der Aufregung des heutigen Tages
erschöpft; selbst die vielen Moskitos, welche mich umschwärmten,
konnten mich nicht aufwecken. Wieder vollständig erfrischt, ließ ich
am folgenden Tage, nachdem das Zelt schnell eingepackt war, gegen 6
Uhr weiterfahren. Wir trafen heute mehr Nilpferde, als ich je vorher
gesehen; häufig schien es fast, als ob sie uns entgegenkommen wollten,
um uns anzugreifen. In solchem Falle wurde unter großem Lärm tüchtig
fortgerudert, ich stellte mich bereit, um etwa zu nahe herankommende
Tiere mit einer Kugel zu empfangen. Es ist mir merkwürdigerweise nie
passiert, daß mein Canoe von Nilpferden umgeworfen wurde, obgleich das
auf Reisen im Congo nicht selten vorkommt, und einige Herren daselbst
nur zu häufig das Unglück zu haben scheinen. -- In den Gegenden, wo die
Europäer noch nicht häufig vorgedrungen sind und den Nilpferden daher
noch nicht derartig nachgestellt worden ist, sind dieselben natürlich
lange nicht so bösartig als im viel befahrenen Congo. Es ist sicher,
daß der Jahre des Vorhandenseins von Nilpferden in den afrikanischen
Flüssen nicht mehr sehr viele kommen werden, wenn man fortfährt, diese
Tiere in derselben Weise zu vernichten, wie es jetzt geschieht. Die
Jagd auf Nilpferde ist leicht und kaum sehr gefahrvoll, denn die Tiere
sind sehr dumm, es gehört also gar kein besonderer Heldenmut dazu, eins
zu töten. Am Vormittage fuhren wir zum großen Teile am Rande großer,
häufig sumpfiger Savannen entlang, in denen offenbar viele Büffel
vorhanden waren, wie die zahlreichen Spuren am Flußrande bewiesen.
Als wir uns gegen 12 Uhr eben an Land begeben wollten, ging eine
Büffelherde trabend davon, die ganze Gegend war offenbar äußerst
wildreich. Ich schoß mir noch zum Frühstück eine prachtvolle große
Ente. Wir lagerten in einem herrlichen Wäldchen, dessen Bäume von den
Blüten einer wundervollen rosenroten Milletia bedeckt waren. Einige
in der Nähe unseres Lagerplatzes stehende Ficusarten untersuchte ich,
doch, wie ich erwartet, ohne ein günstiges Resultat zu erzielen. Als
wir uns eben wieder auf der Fahrt befanden, brach plötzlich ein Tornado
aus, der von einem starken Regen begleitet wurde und mich also zwang,
wieder an Land anlaufen zu lassen und das Canoe mit dem ausgebreiteten
Zelte zu überdecken. Wir wurden alle arg durchnäßt, doch das hielt uns
nicht ab, sogleich nachdem sich der Tornado gelegt hatte, weiter zu
fahren. Am Abend fanden wir einen wundervollen Lagerplatz, der aber
von Büffeln und Nilpferden vollständig zertreten war. Im Wasser vor
uns schwammen etwa 10 Nilpferde umher, welche uns eifrig beobachteten,
hier und da erhob sich eins derselben brüllend, um dann wieder für
einige Zeit zu verschwinden. Ich streifte mit einem meiner Leute
noch umher, um mir einen Abendbraten zu schießen, und hatte auch das
Glück, mich mehrmals an einen Schwarm Enten heranschleichen zu können,
von denen ich fünf erlegen konnte. Das gab wieder ein Fest für die
Leute. In der Nacht wurden wir derartig durch die sich immer näher an
uns heranwagenden Nilpferde, welche durch ihr Gebrüll uns im Schlafe
störten, belästigt, daß ich beschloß, den Tieren ein Andenken zu geben.
Ich schoß auf das uns im Wasser am nächsten schwimmende Tier, das
übrigens kaum 20 Meter entfernt war, und traf es so günstig, daß es mit
einem furchtbaren Geheul unterging. Ich hatte keinen Zweifel, daß ich
das Tier tödlich verwundet hatte, wodurch seine Genossen sich denn auch
wohlweislich in besserer Entfernung hielten. Meine Leute mußten dann
während der Nacht noch wiederholt auf einige allzu freche Exemplare
schießen, um dieselben wieder zu verscheuchen.
Am nächsten Morgen befürchtete ich zwar einen Angriff seitens der
Hippopotamen auf mein Canoe, dieselben ließen uns aber ruhig abziehen,
offenbar froh darüber, nun auch auf die Weide gehen zu können.
Das Wasser war wieder sehr bewegt, außerdem hatten wir eine sehr starke
Brise gegen uns, so daß wir nur langsam fortkamen. Das Flußbett war
zum Überflusse reichlich mit Felsen besät, so daß wir nicht selten in
Gefahr kamen, unser Canoe zu zerschellen, und häufig genug konnten
wir hören, wie wir eben an die Spitzen eines solchen scharfen Felsens
anstreiften. Gegen 9 Uhr kam der Posten Lukulela in Sicht, nach einer
weiteren Stunde trafen wir daselbst ein. Die „Hainaut“, welche bei dem
Tornado am vorhergehenden Tage etwas Havarie erlitten, lag hier vor
Anker und wurde für die Fahrt nach dem Stanley-Pool etwas repariert.
Leutnant +Serulea+, der Kommandant des Postens, empfing mich sehr
liebenswürdig und wies mir eine recht angenehme Wohnung an.