In Brazzaville, dem Regierungssitze des Hinterlandes des Congo

français, hatte man in den Straßen Manihot Glaziovii als Alleebäume

(häufig abwechselnd mit Mangobäumen) angepflanzt. Als ich die

Pflänzchen sah, waren dieselben etwa sechs Monate alt und hatten

sich bereits sehr schön entwickelt. Als Schattenbaum würde ich

Manihot Glaziovii entschieden nicht empfehlen, da die alten Blätter

gegen Ende der Trockenzeit häufig fast alle abfallen, ehe sich neue

entwickelt haben, die Stämme also einige Zeit hindurch vollständig

blattlos dastehen. Brauchbaren Kautschuk liefert der Baum in der

Umgebung des Stanley-Pool entschieden, wie ich an einigen Exemplaren

bei Leopoldville feststellen konnte. Allerdings ist der Ertrag kein

reichlicher, daher dürften natürlich keine großen Unkosten vorhanden

sein, um den Abbau des Kautschuks rentabel zu machen. Dies würde

nur in sonst wertlosen Steppengebieten bei einer von Eingeborenen

betriebenen Kultur möglich, welche dann für die Zukunft sich selbst

überlassen werden müßte. Der Baum würde sich dann durch Samen leicht

weiter fortpflanzen, wie ich es in Kamerun und am Stanley-Pool gesehen.

Von den bei Leopoldville verwilderten Manihotstämmen ließ ich einige

tausend Samen sammeln, um sie eventuell später an geeigneten Stellen in

unseren Schutzgebieten auszusäen.

Da die „Hainant“ erst mit bedeutender Verspätung in Leopoldville

eintraf, außerdem infolge eines an Bord ausgebrochenen Feuers

reparaturbedürftig geworden war, so verzögerte sich meine Abreise

immer mehr. Endlich, am 20. Juni, erhielt ich von dem Kommandanten

von Leopoldville die Nachricht, daß ich mich zum 22. Juni morgens

zur Abreise mit der „Hainant“ bereithalten könnte. Natürlich packte

ich sogleich meine sämtlichen Lasten zusammen und ließ alles fertig

machen zum sofortigen Abbruch des Lagers, in dem wir alle uns

nunmehr recht heimisch zu fühlen begonnen hatten. Am 21. Juni ließ

ich meine sämtlichen Lasten mit Ausnahme der allernötigsten Sachen,

welche ich auch bis zum nächsten Morgen gebrauchte, an Bord der

„Hainant“ schaffen, um den Rest am nächsten Morgen in aller Frühe

nachfolgen zu lassen. Bei der Regierung erfuhr ich zu meiner nicht

geringen Überraschung, daß man mir für die Träger sowie die Ernährung

derselben nichts abnehmen wollte, ich solle mich auf meiner Reise

nach dem Innern, solange ich auf dem Gebiete des Staates sei, als

Gast desselben betrachten, man halte dieses für selbstverständlich.

Ein größeres Entgegenkommen, als ich es hier im Congostaate gefunden,

wäre wohl kaum möglich gewesen. Ich kann der Regierung desselben daher

nicht genug Dank für die Aufnahme sagen, welche ich erhalten, ohne

Unterstützung der Regierung wäre die Expedition, soweit sie sich im

Gebiete des Congostaates bewegte, sicher erfolglos verlaufen.

Am frühen Morgen des 22. Juni schaffte ich noch den letzten Rest meiner

Lasten zum Dampfer hinüber, da dieser bereits um 7 Uhr abfahren sollte.

Auch hier sah ich wieder das Entgegenkommen der Regierung, denn man

hatte mir meinen Platz in der besten Kabine angewiesen.

Um 7½ Uhr ertönte endlich das Signal zur Abfahrt, in einem großen

Bogen ging es, die Sandbänke und Felsen zu vermeiden, der Mitte

des Stromes zu. Der Dampfer war vollständig besetzt, teils von

Angestellten des Congostaates, teils von jungen Kaufleuten, welche

auf die verschiedenen Handelsstationen ins Innere geschickt wurden.

Da die „Hainaut“ zu den größten Dampfern gehört, welche den Congo

befahren, war die Anzahl der Passagiere für die Verhältnisse im Congo

keine geringe. Nach den mir gemachten Mitteilungen ist der Dampfer im

stande, 150 Tonnen zu tragen, für einen Flußdampfer auf dem Congo ein

enormes Gewicht. Er ist natürlich sehr breit und flach gebaut, wie die

meisten Heckraddampfer. Für die Passagiere sind die Kabinen auf dem

oberen Deck eingerichtet. Die Eingeborenen liegen zusammengepfercht in

Scharen auf dem unteren Deck herum. Da die „Hainaut“ deren immer eine

sehr bedeutende Menge mitführt (wir hatten etwa 250 Mann), so hat sie

bei den Stämmen am Strome den Namen „Bangala mingi“ (viele Menschen)

erhalten.

Nach kurzer Fahrt legten wir noch einmal in Kinchassa an, wo wir

noch eine größere Menge von Gütern für die Handelsstationen im

Innern mitnehmen mußten, denn die Regierung verbietet einigen

größeren Gesellschaften, welche selbst Dampfer besitzen, auf dem

eigentlichen Congo für ihren eigenen Gebrauch Waren zu transportieren.

Diese Maßregel ist gewissermaßen als Abgabe für die Dampfer zu

betrachten, da die Regierung durch den Transport der Waren für diese

Handelsgesellschaften ihre bei der Fahrt stromauf sonst häufig leeren

Dampfer füllen kann. Die Gesellschaften haben für den Transport ihrer

Waren der Regierung pro Tonne eine bestimmte Abgabe zu zahlen. Die

auf den Handelsstationen im Innern erworbenen Produkte schaffen sie

dann auf den eigenen Dampfern nach dem Stanley-Pool hinunter. Von

Kinchassa fuhren wir erst gegen 1 Uhr fort, so daß wir noch während

des ganzen Nachmittags zu fahren hatten, ehe wir aus dem Stanley-Pool

hinauskamen. Oberhalb des Stanley-Pool wird der Congo infolge der

hügeligen Natur seiner Ufer sehr bedeutend eingeengt. Die Scenerie

ändert sich hier plötzlich, die Hügel sind im Flußthale mit dichtem

Walde bedeckt, während die Ufer des Stanley-Pool zum großen Teile

Savannenflora zeigten. Elefanten soll es hier in noch großen Mengen

geben. Da der Mond heute sehr hell schien, fuhren wir bis gegen 8½

Uhr am Abend, obgleich dies sonst nicht üblich ist. Unserem Kapitän lag

aber sehr viel daran, um Zeit zu ersparen, noch den ersten Holzposten

zu erreichen. Daselbst angelangt, mußten sämtliche Eingeborenen das

Schiff verlassen, um am Lande zu schlafen, denn der Aufenthalt wird

ihnen über Nacht auf dem Schiffe nicht gestattet. Die Holzposten sind

in gewissen Abständen längs des Congo vom Staate errichtet worden,

um die vorbeifahrenden Dampfer der Regierung mit Holz zu versehen,

denn alle diese sind natürlich auf Holzfeuerung eingerichtet, da

der Kohlentransport zu teuer sein würde. Während der Nacht werden

die Dampfer dann stets, soweit dies möglich ist, wieder mit Holz

gefüllt. Zu diesem Zwecke führen alle diese Schiffe auf dem Strome

eine Anzahl von Holzschlägern und Holzträgern bei sich, welche auch

in den Gegenden, wo sich keine Holzposten befinden, für den Dampfer

Holz schlagen müssen. Infolge der großen Zahl der jetzt bereits auf

dem Congo fahrenden Dampfer fängt in häufiger besuchten Stellen

diese Holzfrage bereits an, für die Dampfer der Gesellschaften etwas

kritischer Natur zu werden. Diese Dampfer haben nicht das Recht, auf

den vom Staate eingerichteten Posten Holz einzunehmen, sondern müssen

durch ihre Holzhacker jede Nacht dasselbe mühsam zusammensuchen lassen.

Das in den Wäldern vorhanden gewesene tote Holz ist natürlich dann

bald abgetragen, so daß es den Dampfern oft schwer wird, die nötigen

Quantitäten ohne zu großen Zeitverlust zusammenzubringen. Das grüne,

lebende Holz der Bäume ist mit Ausnahme desjenigen vom Kopalbaume

frisch natürlich nicht für Heizungszwecke zu verwenden.

Am nächsten Tage fuhren wir früh mit Tagesanbruch weiter. Die

Vegetation war im großen und ganzen dieselbe wie am vorhergehenden

Tage, d. h. im Thale des Stromes Galeriewald mit abwechselnden

kleineren und größeren Savannen, welche nicht selten mit Hunderten

von Borassuspalmen geschmückt waren. Die Spitzen der Hügel waren

selten bewaldet, meist sogar nur mit kurzem Grase bedeckt, während

die im Stromthale liegenden nicht selten mit riesigen Andropogon-

oder Setaria-Arten bestanden waren. Der Strom blieb noch immer so

eng, Inseln waren gar nicht vorhanden, höchstens hier und dort eine

kleine Sandbank, welche infolge des enorm tiefen Wasserstandes zu Tage

getreten war. Ohne anzulegen, fuhren wir den ganzen Tag hindurch bis

gegen Abend, da wir dann gezwungen waren, uns wieder mit frischem Holz

zu versehen. In den Wäldern hier waren allenthalben Elefanten- und

Büffelspuren zu sehen. Die Nacht war so empfindlich kalt gewesen, daß

ich mich, da ich unvorsichtig gewesen war, gehörig erkältete und am

nächsten Tage mich durchaus nicht wohl fühlte. Eine tüchtige Schwitzkur

half diesem Zustande jedoch bald ab, so daß ich schon am Nachmittage

mich wieder vollständig in Ordnung fühlte. Als wir am nächsten Tage

Kwamuth an der Mündung des Kassai erreichten, hatten wir zugleich

das Ende des als „Kanal“ gezeichneten eingeengten Teiles des Congo

erreicht, denn von dort an erweitert sich der Strom allmählich immer

mehr, bis er schließlich bei Bumba an seinem Oberlaufe seine größte

Breite erreicht.

Den Posten Kwamuth besuchte ich zusammen mit dem Kommandanten

+Maréchal+, welcher auf dem Dampfer Passagier war und nach dem

Tanganyika wollte, um sich dem Baron +Dhanis+ zur Disposition zu

stellen. Der Ort ist auf einem Hügel an der Mündung des Kassai erbaut

und ist, wie sämtliche Stationen im Innern, zugleich Militärposten.

Man hatte hier ziemliche Plantagen von Coffea liberica angelegt, die

eben in Blüte waren, es war ein prachtvoller Anblick. Da sich bei uns

an der Kamerun-Küste selbst Kaffeeplantagen nicht bezahlbar machen,

so sollte man kaum annehmen, daß es hier so weit im Innern der Fall

sein dürfte. Allerdings arbeitet der Congostaat hier mit bedeutend

billigerem Arbeitermaterial, doch ist dabei der Transport nicht außer

Acht zu lassen, denn derselbe würde bis zur Küste nicht unbedeutende

Kosten verursachen, während wir in Kamerun von vielen Plantagen den

Kaffee direkt auf die Dampfer verladen könnten. Die Eisenbahnfracht

allein beträgt 17 Ctms. pro Kilo, bei den jetzt sehr niedrigen Preisen,

welche der Liberia-Kaffee erzielt, viel zu große Unkosten. Gegenüber

dem Posten Kwamuth liegt eine belgische Missionsstation, Berghe St.

Marie, welche wohl die bedeutendste derartige Station im Innern sein

dürfte. Gegen Mittag fuhren wir weiter. Noch immer wechselten Savannen

und Urwald, doch bald wurden die Ufer immer niedriger, und kurz darauf

kamen die ersten Inseln in Sicht. Von nun an bot der Congo ein ganz

anderes Bild dar; allenthalben sah man dicht bewaldete Inseln aus

dem Wasserspiegel hervorragen. Wo die Ufer zu sehen waren, ragten

sie höchstens einige Fuß über dem Wasserspiegel hervor, Urwald trat

häufiger und in größeren Komplexen auf. An einer Insel von ziemlicher

Ausdehnung warfen wir am Abend Anker, um wieder Holz schlagen zu

lassen.

Am Vormittage des 26. Juni erreichten wir die amerikanische

Missionsstation Tschumbiri, welcher gegenüber wir inmitten des

Fahrwassers etwa eine Stunde lang vor Anker liegen blieben, um Post

abzugeben und etwas Proviant zu kaufen. Nicht weit davon entfernt

machten wir wieder an einem Holzposten Halt. Als wir dann gegen Mittag

fort wollten, stellte sich heraus, daß der Dampfer ein kleines Leck

bekommen habe, welches erst ausgebessert werden mußte. Wir waren

daher gezwungen, für den Rest des Tages hier zu verbleiben. Leider

bot der Platz nichts Interessantes dar, nicht eine Landolphia war zu

sehen. Die neuen Ankömmlinge benutzten hier natürlich die Gelegenheit,

ihren ersten Jagdeifer etwas zu stillen, ein Leguan (große 1½ m lange

Eidechse) und einige Tauben waren das Resultat ihres Jagdzuges.

Elefanten- und Büffelspuren waren reichlich zu sehen, doch schienen

sich die Tiere wohl zu hüten, sich einer solchen Zahl von Nimroden zu

zeigen.

Während der Fahrt am nächsten Tage sahen wir häufig Nilpferde, welche

sich aber stets in zu großer Entfernung vom Dampfer hielten, um eine

sichere Zielscheibe zu bieten, ebenso waren die Krokodile sehr scheu.

Es ist unglaublich, welche große Mengen von Flußpferden hier noch im

Congo vorhanden sind, obgleich jährlich eine große Zahl derselben

geschossen und auch von den Eingeborenen harpuniert wird. Meist halten

sich die Tiere in kleinen Trupps von 5 bis 10 Stück auf und tauchen

sogleich unter, wenn ein Dampfer sich ihnen nähert, um dann nur hin und

wieder an der Oberfläche zu erscheinen, um Luft zu schöpfen. Sobald

sich ein solches Tier in der Nähe des Dampfers zeigt, wird darauf

geschossen, obgleich man die angeschossenen Tiere nur selten bekommen

kann.

Als wir gegen Mittag an dem Posten Bolobo eintrafen, hatten wir ein

sehr lebendiges Bild vor uns; es wurde gerade Markt abgehalten. Die

Eingeborenen aus der Umgebung waren zu diesem Zwecke recht reichlich

zusammengekommen. Es wurden fast nur Eßwaren feilgeboten, welche

mit Mitakus, der hier üblichen Münze, d. h. Messingdrahtstücken von

ungefähr 20 cm Länge, zu kaufen waren. Die Verkaufenden standen hinter

einem kleinen Zaune in einer eigens zu dem Zwecke aufgebauten Hürde,

in welche der Kauflustige nicht hineinkommen durfte, sondern sich die

gekauften Sachen über den Zaun hinwegreichen lassen mußte. Man hat

diese Regelung des Marktverkehrs wohl hauptsächlich eingeführt, um die

Verkäufer vor Diebstählen zu schützen, denn alle diese Congo-Völker

gehören zu den gewandtesten Dieben, welche es giebt. Von seiten unseres

Schiffes wurden große Mengen von Lebensmitteln erstanden, welche teils

mit Mitakus, teils mit Zeug, Salz oder sonstigen Tauschartikeln

erhandelt wurden. Noch am Nachmittage setzten wir unsere Reise fort.

Wir waren jetzt vollständig im Bereiche der Congo-Inseln, welche zum

großen Teile von Sümpfen mit Wassergräsern durchzogen waren und daher

viele Nilpferde beherbergten. Es wurde natürlich auch jetzt wieder

tüchtig auf die Tiere geschossen und einige auch vielleicht verwundet,

doch konnten wir die Körper natürlich nicht bekommen, da zum Jagen der

verwundeten Tiere viel Zeit gehört, welche uns nicht zur Verfügung

stand. Als wir gegen 5½ Uhr anlegten, um für die Nacht Holz schlagen

zu lassen, benutzte ich die Gelegenheit wieder zu einer kleinen

Exkursion, während der ich zwei Landolphien ohne Blüten sah, die beide

aber keinen brauchbaren Kautschuk lieferten.

Mit jedem Tage wurde der Fluß nun breiter, so daß wir häufig durch

die Inseln, welche immer zahlreicher wurden, von einem oder gar von

beiden Ufern nichts mehr sehen konnten. Die für die Dampfer mit

größerem Tiefgange wie die „Hainant“ einzig mögliche Fahrstraße schien

stellenweise schon sehr gefährlich, da das Wasser in diesem Jahre

bedeutend mehr gefallen war, als es sonst zu geschehen pflegte. Bei

der Fahrt stromauf ist die Gefahr nun allerdings nicht so groß als

im entgegengesetzten Falle, denn dann werden die Dampfer von der

gewaltigen Strömung im Congo nicht mitgerissen und auf die Sandbänke

gesetzt, wo sie sich dann, durch die Strömung getrieben, immer tiefer

einbohren. Als wir am Nachmittage des 28. Juni wieder anlegten, um Holz

schlagen zu lassen, betrat ich einen Wald, welcher trotz des niedrigen

Wasserstandes noch immer stellenweise unter Wasser stand, dessen Bäume

also sicher fast während des ganzen Jahres direkt im Wasser stehen, und

dennoch wuchsen hier Kautschuk liefernde Landolphien. Viele der Bäume

stehen ähnlich wie die Mangroven und Pandanus, welche letzteren hier

übrigens auch auftraten, auf Stützwurzeln, so daß dadurch die Stämme

über Wasser gehalten werden.

Am 29. Juni befanden wir uns gegenüber der Sanga-Mündung, von der

natürlich infolge der vielen davor gelagerten Inseln nichts zu sehen

war. Der Fluß verengt sich von hier bis Coquilhatville wieder etwas

und ist weniger inselreich als unterhalb und oberhalb dieser Strecke.

Noch am Abend desselben Tages erreichten wir den Posten Lukulela,

welcher infolge seiner prachtvollen Wälder und des daselbst gewonnenen

Nutzholzes bekannt ist. Ich sah hier den schönsten Wald, welchen ich je

im Congo zu beobachten Gelegenheit gehabt hatte. Leider war es damals

schon zu dunkel, um die Anpflanzungen der Station in Augenschein nehmen

zu können, doch tröstete ich mich damit, daß ich wußte, bei meiner

Rückkehr bessere Gelegenheit dazu zu haben.

Wie gewöhnlich setzten wir am folgenden Tage mit Tagesanbruch unsere

Reise stromaufwärts fort. Da ich sehr bald eingesehen, daß ich

später nicht im Lande umherreisen dürfte, ohne das Bangala, die hier

übliche Verkehrssprache, zu verstehen, so begann ich bereits auf dem

Dampfer, tüchtig Vokabeln zu lernen, um mich wenigstens einigermaßen

mit den Eingeborenen verständigen zu können. Es wurde während der

Mittagsstunden hier auf dem vollständig windstillen Congo so heiß, daß

ein jeder bei dem müßigen Leben, welches man an Bord des Dampfers zu

führen gezwungen war, erschlaffen mußte; wie sehr sehnte ich daher das

Ende der Fahrt herbei, um doch wenigstens wieder etwas thätig sein zu

können.

Irebu war unser nächstes Ziel, welches wir noch am Abend desselben

Tages erreichten. Hier befand sich ein Camp d’Instruction, in welchem

die Soldaten, welche die verschiedenen Stämme für die Schutztruppe

des Staates liefern müssen, vorgebildet und gedrillt werden. Es

befanden sich damals etwa 400 dieser Soldaten auf Irebu. Kommandant

+Jouniaux+, der Kommandant der Station, führte uns am nächsten

Tage, als der Dampfer, um Holz einzunehmen, den Ausfluß des Tumba-Sees

hinaufgefahren war, umher und zeigte uns die ziemlich bedeutenden

Kaffeeplantagen, welche von der Regierung hier angelegt worden waren.

Man stand gerade vor der Haupternte. Die Plantagen waren in gutem

Zustande gehalten, was insofern für die Regierung nicht schwer fällt,

als sie Arbeiter in Überzahl erhalten kann, indem sie einfach aus den

umherliegenden Dörfern die nötigen Leute requiriert, welche dann für

eine geringe Bezahlung und für ihre Beköstigung für eine gewisse Zeit

Arbeiten zu leisten haben. Nach allem, was ich hier in Irebu wie auch

später in Equateur sah, schienen sich die Leute bei dieser Behandlung

durchaus wohl zu fühlen.

Auf der Weiterfahrt wurde gegen Mittag noch einmal Halt gemacht, um

wieder Holz einzunehmen. Am Abend legten wir kurz unterhalb Wangata

für die Nacht an, um dann in aller Frühe erst bis Wangata, der

Hauptniederlassung der Société Anonyme Belge, weiterzufahren. Von

Wangata bis Coquilhatville oder Equateurville hatten wir nur eine kurze

Zeit zu fahren, so daß wir bereits um 11 Uhr daselbst anlangten. Ich

war natürlich froh, daß ich nun an meinem Ziele angelangt war und den

Dampfer verlassen konnte. Am Nachmittage ließ ich meine Lasten in das

mir angewiesene Haus hineinschaffen und richtete mich dann darin so

behaglich ein, als es eben ging.

Coquilhatville ist eine der größten Stationen im Innern und gehört

wohl entschieden auch mit zu den wichtigsten; die Eingeborenen in

dem Distrikte sind immer mehr oder minder im Aufstande begriffen. Man

hat auf der Station riesige Kaffeeplantagen angelegt, in denen eine

sehr große Zahl von Arbeitern thätig ist. Der Chef des Cultures auf

der Station schien sich nach seinen Berechnungen einen sehr großen

Verdienst von den Kaffeeplantagen zu versprechen, doch wird man das

Resultat abwarten müssen, denn der hier angepflanzte Liberia-Kaffee

erzielt sehr geringe Preise auf dem europäischen Markte.

Zur Besichtigung der Kautschukpflanzungen unternahm ich in Begleitung

des Chefs des Cultures eine Exkursion, auf welcher ich alles sah,

was davon vorhanden war. Hevea hatte man meiner Meinung nach auf zu

trockenem Terrain angepflanzt, die Pflanzen wuchsen zwar recht kräftig,

doch ist zu befürchten, daß man mit ihnen dieselbe Erfahrung machen

wird, wie es in Kamerun der Fall war. Manihot Glaziovii war auch in

einigen hundert Exemplaren vorhanden und hatte sich stellenweise sogar

schon selbst ausgesät. Von Kickxia latifolia Stapf hatte man eine

Plantage von etwa 5000 Pflänzchen angelegt, welche auch sehr gut zu

gedeihen schienen, doch giebt diese Art, wie ich bald festzustellen

Gelegenheit hatte, ebenso wenig Kautschuk wie Kickxia africana Bth.,

ist also deshalb vollständig zu verwerfen. Von Castilhoa elastica

war ein kleines Exemplar unter großen Schwierigkeiten und mit vieler

Mühe hierher geschafft worden; dasselbe war erst vor einigen Tagen

ausgepflanzt worden, so daß man noch nicht einmal sehen konnte, wie

sich die Pflanze entwickeln würde. In einem sumpfigen Walde hatte man

das Unterholz etwas weggeschlagen und eine Landolphia-Anpflanzung

begonnen. Die Pflänzchen waren in Abständen von 5 bis 7 m einzeln

oder zu zweien am Fuße der Bäume ausgesetzt und schienen sich in

diesem feuchten Boden recht wohl zu fühlen. Auch diese Anpflanzung

war erst sehr jungen Datums, so daß die Pflänzchen erst drei bis vier

Blätter entwickelt hatten. Ich halte es nicht für möglich, daß eine

solche Landolphia-Anpflanzung in sechs bis sieben Jahren anzapfbar

sein wird, wie häufig vermutet wird. Es ist nicht zu bestreiten, daß

dieselbe, wenn sie erst einmal zum Anzapfen reif ist, einen gewissen

Wert repräsentiert, doch wird trotz aller Vorsichtsmaßregeln in wenigen

Jahren der Kautschukertrag derselben bedeutend herabsinken, da bei der

äußerst runzeligen und ungleich dicken Rinde die Schnitte nur zu leicht

bis in die Cambiumschichten hineindringen. Hier im Congostaate weicht

die Landolphia mit der fortschreitenden Civilisation in erschrecklicher

Weise zurück. In größeren Quantitäten finden sich Kautschuklianen an

leichter zugänglichen Lokalitäten nur noch da, wo der Europäer noch

nicht dem Eingeborenen den Wert des Kautschuks hat klarmachen können.

Die Verordnungen, welche die Regierung erlassen hat, werden natürlich,

da sie unbequem sind, bei jeder möglichen Gelegenheit umgangen, denn

dadurch würde der Ertrag der Kautschuk-Liane bedeutend verringert

werden, und der Neger würde verlieren.

Die Bossanga- oder, wie sie hier allgemein genannt wurde,

Bossassangapflanze, sah ich auch in der Umgebung der Station, besonders

am Rande der Wälder, sehr häufig. Wie ich vermutet hatte, waren es

Costusarten, von denen ich zwei verschiedene Spezies unter diesem

Namen feststellen konnte. Die bis acht Fuß hohen Stengel werden

entblättert und dann in etwa fußlange Stücke geschnitten; durch Drehung

und Auswringen dieser Stücke erhält man den Saft in reichlicher

Menge, und kann ihn in diesem Zustande sofort bei der Koagulation der

Kautschukmilch verwenden. Dieselben Costus-Arten hatte ich bereits

in Kamerun viel gesehen und schon damals die Plantagenleiter darauf

aufmerksam gemacht, daß ich in ihnen die Bossangapflanze des Congo

vermute. Zur Untersuchung in Europa ließ ich zwei Flaschen mit

Bossassangasaft füllen; da derselbe sehr reichlich fließt, war das eine

Arbeit von einer halben Stunde.

Ich machte nun im Laufe der folgenden Tage einige Exkursionen in die

Umgebung der Station, soweit dieses auf dem sumpfigen Terrain möglich

war. Die Kautschuk liefernden Landolphien sind alle ausgeschlagen, so

daß man zu neuen Anpflanzungen nicht einmal genügend Samen erhalten

kann. Einige Ficusarten und einen großen Stamm der Kickxia latifolia

zapfte ich an, konnte aber trotz aller Versuche und Anwendung der

verschiedensten Säuren keinen brauchbaren Kautschuk gewinnen. Es gelang

mir auch, einige Früchte der Kickxia latifolia zu finden, die bis

dahin noch nicht bekannt waren. Auch die Stämme der Manihot Glaziovii

ließ ich anzapfen und erhielt kleine Quantitäten guten Kautschuks,

welche aber zu gering waren, um ein plantagenmäßiges Anbauen hier zu

rechtfertigen. Mit den mir häufig gerühmten Kautschuk-Anpflanzungen in

Coquilhatville stand es also zur Zeit meines Aufenthalts keineswegs

besser als in Kamerun, im Gegenteil sind wir den Belgiern durch unsere

Kickxiaplantagen weit vorausgeeilt. Die Landolphia-Anpflanzungen

in Soppo sind auch bedeutend weiter entwickelt, als die im Congo

angelegten.

[Illustration: +Costus Lukanusianus+ K. Sch.

A Oberes Stengelstück, B Blüte, C Staubblatt, D Griffelkopf, E derselbe

von der Seite, F Längsschnitt durch den Fruchtknoten.]

Westafrikanische Kautschuk-Expedition · 第 6 / 32 段