schön gelegene Niederlassung kurz vor Matadi. Die dort ansässigen
Kaufleute sind fast alle Portugiesen. Da von hier auch eine nicht
unbedeutende Handelsstraße ins Innere der portugiesischen Besitzungen
geht, so ist es nicht zu verwundern, daß die Einfuhr von europäischen
Stoffen und sonstigen Tauschartikeln für die Eingeborenen eine ziemlich
große ist. So kam es auch, daß wir 1½ Tag hier liegen mußten, um
unseren Cargo zu löschen. Aus dem Innern wird hier Kautschuk gegen
Ende des Jahres in ziemlichen Mengen heruntergebracht, besonders
Wurzelkautschuk. Letzterer wird nach Angaben der Kaufleute hinter
der ehemals sehr bedeutenden, jetzt allmählich verfallenden Stadt
San-Salvador gewonnen. Unseren Aufenthalt in Noki benutzte ich zu einer
kleinen Streiferei über die Hügel. Letztere sind sehr steinig und mit
üppiger Grasvegetation bedeckt. An geschützteren Orten in den Thälern
hat sich etwas Wald hier und dort angesiedelt, in dem Landolphien nicht
selten anzutreffen sind. Die Vegetation dieser Hügel, welche alle
wohl noch als Ausläufer der aus Angola kommenden Sierra do Cristal
zu betrachten sind, erinnert lebhaft an die Vegetation Benguellas
und Angolas. Die Savannen sind mit hohen Andropogon-Arten bedeckt,
welche die Eingeborenen zum Decken ihrer Häuser verwenden; dazwischen
finden sich niedere Kräuter und Halbsträucher aus den Familien der
Leguminosen, Compositen, Polygalaceen, Gentianaceen, Melastomaceen etc.
In den Sümpfen sind kleine Scrophulariaceen, Labiaten und prachtvolle
Lissochilus-Arten verbreitet.
Am 25. Mai morgens fuhren wir nach Matadi. Kurz hinter Noki hatten wir
noch Stromschnellen zu passieren, welche schon verschiedene Schiffe
zur Umkehr gezwungen haben sollen. Das Wasser schießt hier zu einigen
Jahreszeiten mit einer Geschwindigkeit von etwa 10 Knoten dahin.
Allenthalben bilden sich kleine Strudel, welche für Boote entschieden
gefährlich sein können.
Da dicht hinter Noki die Grenze des portugiesischen Gebietes
liegt, hatte die Congostaat-Regierung kurz hinter derselben die
Telegraphenlinie, welche Boma mit Matadi verbindet, über den Strom
führen lassen. Zu diesem Zwecke sind zwei riesige eiserne Gestelle
aufgebaut worden, über welche der Draht über den Strom gezogen ist.
Als wir in Matadi anlangten, fand ich auf der Post bereits die mir
von Herrn Gouverneur +Vanghermé+ versprochenen Briefe vor. Ich
hatte nun keine Schwierigkeiten, meine Expeditionsgüter und Gewehre zu
landen. Allenthalben kamen mir die Regierungsbeamten mit der größten
Liebenswürdigkeit entgegen. Da ich noch meine Angelegenheiten in Matadi
zu ordnen hatte, beschloß ich, erst am Montag, den 29. Mai, nach dem
Stanley-Pool zu fahren. Ich quartierte mich nun im französischen Hotel
ein und konnte dann in Ruhe meine Vorbereitungen zur Abreise ins
Innere treffen. Matadi (Felsenstadt) hatte zur Zeit meiner Ankunft
daselbst nach Schätzungen dort ansässiger Europäer etwa 150 europäische
Einwohner, von denen mindestens zwei Drittel geborene Belgier waren.
Außer den von ihren benachbarten Kolonien kommenden zahlreichen
Portugiesen waren von anderen Nationen besonders Italiener zahlreich
vorhanden, welche meist bei der Eisenbahn angestellt waren.
Wie ich beabsichtigt hatte, war ich mit meinen Vorbereitungen am
Montag, den 29. Mai, vollständig fertig zur Abreise ins Innere.
Dreimal in der Woche schickt die Eisenbahnverwaltung durchgehende Züge
nach dem Stanley-Pool, denen je ein Passagierwagen angehängt wird.
Man darf sich diese Congo-Eisenbahn nicht etwa wie eine europäische
vorstellen. Die Personenwagen bestehen ähnlich wie unsere Speisewagen
aus einem einzigen Coupee, in dem etwa zehn Lehnstühle angebracht
sind. Fenster sind nicht vorhanden, sondern der ganze Wagen ist offen;
für die Tropen ja entschieden das Angenehmste. Um sich gegen Staub
und Rauch der Lokomotive schützen zu können, sind leinene Vorhänge
vorhanden, welche man nach Belieben herabziehen kann. Da unterwegs
nur einmal, während des Nachtquartiers, Gelegenheit gegeben wird, zu
essen, so muß ein jeder sich bereits in Matadi mit dem nötigen Vorrate
an Getränken und Nahrungsmitteln versorgen. Alle Passagiere erscheinen
denn auch bei Abfahrt des Zuges mit einer Kiste voller Konserven. Der
Preis für die zweitägige Fahrt bis Stanley-Pool beträgt 500 Frcs.,
wofür ein jeder Passagier 100 kg Freigepäck mitzunehmen das Recht hat.
Für das übrige Passagiergepäck muß bis Leopoldville ein Frachtsatz von
1 Frc. pro Kilo bezahlt werden. Wenn man bedenkt, daß die Entfernung
von Matadi bis Leopoldville nur etwas über 400 km beträgt, so scheint
dieser Frachtsatz ein immens hoher zu sein, dennoch wird er von den
Leuten, welche die Verhältnisse des Landes vor Fertigstellung der
Eisenbahn kannten, gern bezahlt, denn früher wurde durch die unsicheren
Träger, welche sogar noch die Lasten bestahlen, der Transport einer
Last von 30 kg bis Leopoldville auch auf 30 bis 40 Frcs. angesetzt.
Die Eisenbahn befördert nun die ganzen Waren in zwei Tagen sicher zum
Stanley-Pool, während man früher mindestens einen Monat für diese Reise
rechnete. Auch für die Beförderung sämtlicher anderen Waren, welche ins
Innere gebracht werden, muß derselbe Frachtsatz bezahlt werden; eine
Ausnahme hiervon machen nur Maschinenteile und einige damit verwandte
Artikel, sowie Salz, bei ersteren wird eine Reduktion von 40 pCt., bei
letzterem von 50 pCt. erlaubt, vorausgesetzt, daß es in geschlossenen
Säcken (nicht in Barren) eingeführt wird. Die Frachtsätze von
Leopoldville bis Matadi zurück sind andere. Ich werde späterhin darauf
zurückkommen.
Am Montag, den 29. Mai, fuhr ich um 6½ Uhr morgens von Matadi ab. Der
Zug hatte anfangs eine sehr beschwerliche Fahrt, da er durch zwei
Lokomotiven die Berge hinaufgezogen werden mußte, bis wir allmählich
das Plateau erreichten. Die Scenerie war großartig. Zuerst fuhren wir
ein kleines Stückchen längs des Congo, zum Teil an steil abfallenden
Gehängen vorüber. Immer höher ging es hinauf. Unten sah man den Strom
dahinbrausen über die Schnellen von Vivi, welche der Schiffahrt auf
dem Flusse eine Grenze setzen. Auf einer Sandbank lag ein riesiges
Krokodil, auf welches einer der Mitreisenden eben anlegen wollte,
als es, durch den Zug erschreckt, sich träge ins Wasser fallen ließ.
Von der Station Kenge an vergrößerte sich die Fahrgeschwindigkeit
bedeutend, da wir nunmehr über das Plateau fuhren, auf welchem nur
hin und wieder noch kleinere sanfte Steigungen vorhanden waren. Nach
10 Uhr wurde es in dem Wagen fast unerträglich, da wir allmählich
vollständig mit Kohlenstaub bedeckt waren, außerdem wurde es drückend
heiß. Das Plateau, über welches wir dahinsausten, war meist mit hohen
Andropogon- und stellenweise mit Pennisetum-Arten bedeckt. Dazwischen
waren hier und dort kleine Sträucher und Gebüsche zu sehen, oder in
den Thälern Sümpfe oder Wälder. Da gerade die Trockenzeit begann, als
ich diese Reise machte, sah das ganze Gebiet ziemlich verbrannt und
dürr aus. Von Blumen war recht wenig zu sehen. Nach etwa elfstündiger
Fahrt, also gegen 5½ Uhr abends, erreichten wir die Station Tumba,
wo für die Nacht angehalten wurde, denn während der Nacht wird auf
der Congo-Eisenbahn nicht gefahren. Die Passagiere hatten sich in den
hier vorhandenen sogenannten Hotels ein Nachtquartier zu suchen, was
damals durchaus nicht so einfach war. Die Einrichtung dieser „Hotels“
ist äußerst primitiv. Gewöhnlich stehen mehrere Betten in jedem
Schlafzimmer, so daß man gezwungen ist, mit irgendwelchen wildfremden
Menschen zu schlafen. Diebstähle sollen daher nicht selten sein. Das
Essen, welches uns gegeben wurde, war nicht schlecht. Es wurde an einer
großen, langen Tafel eingenommen. Da der Grundsatz der meisten dieser
freilebigen Belgier „Heute ist heut“ ist, so kann man sich denken, daß
tüchtig getrunken wurde. Unteroffiziere saßen an demselben Tische mit
Offizieren und schienen sich durchaus nicht dazu bewogen zu fühlen,
sich ein wenig im Trinken und Lärmen zu mäßigen. Die Schlimmsten waren
entschieden die Italiener, welche offenbar auch zu Hause einer ziemlich
niederen Kaste angehörten. Bis tief in die Nacht hinein dauerte das
Lärmen dieser Leute. Man ließ sich allerdings nicht dadurch stören,
sich nach der ermüdenden Eisenbahnfahrt bei der hier herrschenden
kühleren Temperatur sogleich nach Beendigung der Mahlzeit in Morpheus
Arme zu werfen.
Um 7 Uhr am folgenden Tage setzte sich der Zug wieder in Bewegung. Wir
fuhren weiter über das grasige Plateau dahin, welches sich allmählich
nach dem Stanley-Pool hin etwas senkt. Die Vegetation blieb anfangs
dieselbe wie am vorhergehenden Tage. Von Inkisi ab nach Kimuenza zu
waren Waldungen wieder häufiger. Von Kimuenza nach Dolo fuhren wir über
eine sandige Ebene dahin. Hier hatte man eine Vegetation vor sich,
welche entschieden an die der Hoogeveld-Steppen von Transvaal und von
Huilla erinnert. Kurzes Gras bedeckte diese Ebene; dazwischen sah man
Helichrysen, Buchnera-Arten, Indigoferen, Gentianeen, Asclepiadaceen
etc. In den hier und dort sich hinziehenden Niederungen wuchsen hohe
Cyperaceen im Gemisch mit Lissochilus-Arten, Melastomaceen, Hedyotis,
Gladiolus, Eriocaulon und Utricularien. Kurzum, eine Vegetation, wie
ich sie hier bei so geringer Meereshöhe in der Nähe des Äquators nie
zu finden gedacht hätte. Schon bei der Fahrt über diese Ebene sah ich
an sandigen Stellen eine Pflanze wachsen, in welcher ich Carpodinus
lanceolatus erkannte, von der der Wurzelkautschuk, hier am Congo
allgemein „Caoutchouc aux herbes“ genannt, herstammen soll. Ich
entschloß mich daher, sobald als möglich hierher zurückzukehren, um
diese Frage näher zu untersuchen. Gegen 6½ Uhr am Abend erreichten
wir Kinchassa, das einige Kilometer vor Leopoldville am Stanley-Pool
gelegen ist. Herr Dr. +Briart+, der Direktor der Societé Anonyme Belge,
an den ich vom Herrn Gouverneur +v. Puttkamer+ ein Empfehlungsschreiben
erhalten hatte, nahm mich sehr liebenswürdig für einige Tage bei sich
auf. Ihm sowohl wie besonders dem Sous-Directeur der Gesellschaft,
Herrn +Vaalbroek+, bin ich zu großem Danke verpflichtet für das
Interesse, welches sie meiner Reise entgegengebracht haben, und für die
Unterstützung, welche ich bei ihnen gefunden habe.
Da ich möglichst wenig Zeit verlieren wollte, machte ich mich am
folgenden Tage sogleich auf den Weg nach Leopoldville, um mich dem
Kommandanten von Leopoldville, Herrn +Costermans+, Inspecteur
d’Etat, vorzustellen und ihn zu bitten, mir bei Anwerbung von Trägern
behülflich zu sein. Ich fand mehr Unterstützung, als ich je zu
erhalten zu hoffen gewagt hatte. Herr +Costermans+ wollte selbst
für die nötigen Träger sorgen. Ich solle nur ruhig nach Kinchassa
zurückkehren, in zwei Tagen würden die Träger mit zwei Soldaten zu
meiner Verfügung stehen. Froh darüber, daß auch diese Trägerfrage
erledigt sei, packte ich nun sogleich in Kinchassa die zu der kleinen
Exkursion nach den sandigen Ebenen bei Dolo nötigen Lasten und wartete
dann auf die Ankunft der Träger. In der Zwischenzeit hatte ich noch
Gelegenheit, hier zu sehen, welche Unmengen von Kautschuk allein von
dieser einen Gesellschaft exportiert werden. Herr Dr. +Briart+ war
so freundlich, mir die verschiedensten Proben zu zeigen und mich auf
viele Einzelheiten aufmerksam zu machen. Vom oberen Congo und seinen
Nebenflüssen kommt der Kautschuk in viereckigen Mattentaschen, welche
etwa eine Last (30 kg) enthalten, hier an. Die Taschen werden dann hier
aufgeschnitten und der sämtliche Kautschuk noch einmal durchgearbeitet.
Dadurch wird er noch etwas mehr ausgetrocknet, was ein geringeres
Oxydieren zur Folge hat. Der unter Leitung der Beamten des Staates
hergestellte Kautschuk wird jetzt selten gefälscht, da die Missethäter
sehr schwer bestraft werden, früher jedoch konnte man in den Bällen
die verschiedensten Sachen finden. Herr +Vaalbroek+ hatte eine
interessante Sammlung derartiger Fälschungen; Palmennüsse, Steine,
kleine Messingstücke, ja selbst Zeugballen und Erde bildeten den Kern
eines solchen Bällchens, um den dann sehr geschickt eine Kautschukdecke
gelegt war. Wehe dem Kaufmann, der nicht erst durch Anschneiden der
Bälle sich davon überzeugte, daß er einen wirklichen Kautschukball und
nicht Steine von den Eingeborenen erstand.
Da die mir versprochenen Träger bereits am Nachmittage des 1. Juni
eingetroffen waren, so konnte ich, nachdem ich schnell eine Anzahl
Lasten zu dem Zwecke gepackt hatte, am Freitag, den 2. Juni, bereits
früh am Morgen meine Exkursion in die sandigen Steppen von Dolo
antreten. Welch ein erhebendes Gefühl war es für mich, nun wieder frei
hinauswandern zu können und mich ganz meiner Aufgabe und dem Studium
jener Gebiete hingeben zu dürfen.
Nachdem wir die Eisenbahnstation Dolo passiert hatten, wo ich noch
für einige Tage Proviant für mich von den „Magasins Genereaux“
mitnehmen ließ, zogen wir erst nach den Ufern des Stanley-Pool hinüber.
Nachdem wir einen kleinen Wasserlauf, welcher mit wundervollen blauen
Seerosen (Nymphaea) und goldgelben Äschynomenen bedeckt war, in Canoes
übergesetzt hatten, langten wir in sandigerem Terrain an und sahen uns
bald darauf in der großen Ebene, in welcher ich Carpodinus lanceolatus,
die Pflanze, welche den Wurzelkautschuk liefern soll, neulich
beobachtet hatte. Nach einigen Kreuz- und Querzügen, welche ich zu
unserer besseren Orientierung machen ließ, wählte ich schließlich einen
großen Strychnos-Baum in der Nähe eines Baches zu meinem Lagerplatze.
Ich ließ sofort sämtliche Leute zum Reinigen des Platzes antreten,
um wenigstens ein möglichst ungezieferfreies Lager für diese Tage zu
haben. Daß diese Vorsichtsmaßregel nicht ganz umsonst war, zeigte
sich sogleich, denn plötzlich raschelte es im Grase, und eine kleine
Schlange suchte zu entfliehen. Ein Schlag mit dem Cutlas genügte, das
Tier unschädlich zu machen. Nachdem die Leute einen größeren Platz
gesäubert hatten, ließ ich das Zelt aufstellen. Das war nun allerdings
mit Schwierigkeiten verknüpft, da keiner der Leute ein Wörtchen
Französisch verstand; die beiden Soldaten wußten auch nicht Bescheid,
und ich selbst kannte noch nicht mehr von dem hier als Verkehrssprache
dienenden Bacongo als das eine Wörtlein „malu“ (schnell). Es war eine
harte Geduldsprobe für mich, bis das Zelt fertig dastand. Nachdem ich
nun die Lasten hatte unterbringen lassen und gesehen, daß sonst alles
richtig eingerichtet wurde, machte ich mich am Nachmittage daran, die
Wurzelkautschukpflanze zu suchen. Bald hatte ich eine Stelle gefunden,
an der ich das Gewünschte in Menge sah. Ich ließ eine größere Menge
der Wurzelstöcke dem Boden entnehmen, um damit zu experimentieren.
Wieder im Lager angelangt, fing ich etwas Milch der Wurzel in einem
Reagenzglase auf, um es durch Erwärmen und Säurezusatz zu koagulieren.
Das Resultat war ein sehr unbefriedigendes, denn ich erhielt nur
eine klebrige, fast gar nicht elastische Masse. Diese Wurzelstöcke
enthielten außerdem so wenig Milchsaft, daß das Auffangen sehr geringer
Quantitäten schon an und für sich lange Zeit erforderte. Auch mit
dem im Stengel und in den Blättern vorhandenen Milchsafte machte ich
ähnliche Versuche, deren Resultate mich ebenso wenig zufriedenstellen
konnten.
[Illustration: +Carpodinus lanceolatus+ K. Sch.
A Habitusbild, B Knospen, C Blüte, D dieselbe geöffnet, E
durchgeschnittener Fruchtknoten, F Griffelkopf, G Anthere.]
Nach einer infolge der hier in Milliarden umherschwärmenden Moskitos
schlaflos verbrachten Nacht nahm ich am nächsten Tage meine
Versuche wieder von neuem auf. Immer wieder ließ ich neues Material
heranschaffen, um nun die verschiedensten Koagulationsmethoden zu
probieren, alle mir zur Verfügung stehenden Säuren wendete ich an.
Sämtliche Bemühungen blieben erfolglos. Von einem meiner Träger,
welcher den Wurzelkautschuk zuzubereiten verstehen sollte, ließ ich
nun nach der hier üblichen Methode die Wurzelstöcke zerschneiden
und in Wasser setzen, um nach Eintritt der Fäulnis durch Schlagen
den Kautschuk zu gewinnen. Das bei dieser Behandlung erzielte
Produkt war zwar infolge seiner Vermischung mit Rindenstückchen und
anderen Pflanzenteilchen fast gar nicht klebrig, war aber dennoch so
minderwertig, daß ich es für ausgeschlossen halten mußte, von dieser
Lokalität aus Carpodinus lanceolatus Kautschuk zu erhalten. An Ort
und Stelle ließ sich natürlich Weiteres über die Ursache dazu nicht
feststellen. Nicht unwahrscheinlich ist es, daß es auch hier zwei
verschiedene einander ähnliche Carpodinus-Arten giebt, von denen
nur eine brauchbaren Kautschuk liefert; nicht ausgeschlossen ist
natürlich auch, daß die chemische Zusammensetzung des Bodens eine
nicht unbedeutende Rolle dabei spielt, um so mehr, als eine solche
Einwirkung auf die Güte des Produktes bereits wiederholt bei Ficus
elastica und bei Manihot Glaziovii festgestellt ist. Ich möchte das
Studium dieser ebenso wichtigen wie interessanten Fragen den am Congo
in den Wurzelkautschuk-Distrikten ansässigen Europäern sehr warm ans
Herz legen. Ich selbst wurde leider durch die Macht der Verhältnisse
gezwungen, von der Lösung dieser Frage abzustehen, denn für mich war
die Zeit zu einer Expedition in die den Wurzelkautschuk liefernden
Distrikte am Kwango zu knapp bemessen. Wie ich auf meine eifrigen
Erkundigungen hin kurz darauf in Kinchassa erfuhr, hatte man schon
einmal versucht, in der Umgebung von Leopoldville aus der Carpodinus
lanceolatus Kautschuk zu gewinnen, hatte aber ein ebenso ungünstiges
Resultat erhalten wie ich selbst und infolgedessen bald darauf wieder
davon Abstand genommen.
Am 5. Juni zog ich wieder aus jenen Gegenden fort, um dann nach
kurzem Aufenthalte in Kinchassa noch am Nachmittage desselben Tages
bis Leopoldville weiterzumarschieren. Da wir erst mit Anbruch der
Dunkelheit in Leopoldville anlangten, ließ ich mein Lager in der Nähe
der Eisenbahnstation aufschlagen in der Absicht, am folgenden Tage
einen geeigneteren Lagerplatz zu suchen, um daselbst, bis zur Abfahrt
des Dampfers nach dem oberen Congo, zu bleiben.
Am nächsten Tage machte ich mich auf den Weg, um dem
Distriktsvorsteher, Herrn +Costermans+, meine Rückkehr nach
Leopoldville anzuzeigen und ihn um Erlaubnis zu bitten, mein Lager
in die Nähe des Stanley-Pool verlegen zu dürfen. Natürlich wurde
mir letzteres sofort gestattet, ebenso wurde ich aufgefordert, zur
Verproviantierung meiner Leute zweimal in der Woche Schiquangas, d. h.
große aus zerstampftem und gekochtem Maniok hergestellte, in Blätter
eingewickelte Kuchen, von der Station abholen zu lassen. In jeder Weise
bemühte sich also Herr +Costermans+, mich während meines Aufenthaltes
in seinem Bezirke zu unterstützen. Ich erfuhr hier auch, daß die
„Hainaut“, der Dampfer, mit welchem ich den Congo hinaufzufahren
gedachte, etwa am 10. Juni erwartet werde. Am Nachmittage ließ ich
an meinem alten Lagerplatze wieder alles einpacken und das Zelt
abbrechen, um dann an den Ufern des Stanley-Pool, dicht bei der
englischen Mission, mein Lager wieder aufzubauen. Mit eintretender
Dunkelheit war alles glücklich unter Dach und Fach gebracht. Die
nächsten Tage meines Aufenthaltes bei Leopoldville benutzte ich nun
dazu, die Umgebung botanisch zu erforschen und die Bacongo-Sprache,
ohne welche ich hier nicht auskommen konnte, wenigstens soweit zu
erlernen, als zur allgemeinen Verständigung mit den Eingeborenen nötig
war. Besonders zu Dank verpflichteten mich bei dieser Gelegenheit die
beiden damals dort sich aufhaltenden Missionare Mr. +Woollings+ und Mr.
+Gilchrist+, welche mich in jeder Weise darin zu unterstützen suchten.
Auf verschiedenen Exkursionen hatte ich Gelegenheit, die Flora der
Umgebung näher kennen zu lernen, fand aber sehr wenige Pflanzen, welche
in irgend einer Weise von den Eingeborenen verwendet werden, sei es als
Medizin oder als Nahrungsmittel, oder um zur Gewinnung von Kautschuk
oder Kopal von Nutzen zu sein. Eine Dissotis- (Melastomaceae-) Art
schien bei Augenkrankheiten eine große Rolle zu spielen; die wenig
fleischigen Blätter wurden auf der Handfläche zerrieben und der so
erhaltene Brei dann auf die Augen gestrichen. Nach Angaben der Leute
soll der in diesem Brei enthaltene Saft sehr scharf sein und häufig
für kurze Zeit das betreffende Auge erst fast unbrauchbar werden,
danach aber sehr schnell heilen. Einige Monate später hatte ich
Gelegenheit, einen Europäer zu sprechen, welcher selbst an seinen Augen
zur Heilung einer Krankheit diese Medizin angewendet hatte und nun
behauptete, dieselbe sei vorzüglich in solchen Fällen zu gebrauchen.
Unter den als Nahrungsmittel verwendeten Pflanzen war es besonders
eine Podostemonacee, welche mir interessant war. Diese unter Wasser
auf Steinen bei den Stromschnellen im Stanley-Pool wachsende Pflanze
wurde von meinen Leuten in ganzen Lasten herbeigetragen und dann
teils roh, teils weichgekocht mit großem Gefallen verzehrt. Es fiel
mir überhaupt auf, daß die Eingeborenen eine nicht geringe Quantität
von gewissermaßen als Kohl gekochten Kräutern und jungen Trieben von
Sträuchern zu ihrer Ernährung verwendeten. War Palmenöl zur Hand, so
wurden die meisten Nahrungsmittel erst darin eingetaucht, so z. B. aßen
alle mit Vorliebe ihre Schiquanga in dieser Weise.
Kopalbäume scheinen nur selten bis zum Stanley-Pool hinunterzukommen.
Auf den Sandbänken hier im Mittellaufe findet man nicht selten
Kopalstücke, doch stammen diese hauptsächlich oder fast nur von
den im Oberlaufe häufigen Bäumen her und sind alle vom Strom
hinuntergeschwemmt worden. Ich sah unterhalb der Mündung des Kassai nur
sehr wenige Kopalbäume, so stand ein Exemplar z. B. in der Nähe meines
Lagers am Stanley-Pool.
Kautschukbäume traten in der Umgebung von Leopoldville nur vereinzelt
auf, also nirgendwo in zahlreicherer Menge. Eine eigenartige Landolphia
ist in dem Steppengebiet dieser Gegend verbreitet, dieselbe hat nur
dünne, kurze Zweige und besitzt etwa apfelgroße orangegelbe Früchte.
Nicht selten sendet sie auch nur etwa 1½ Fuß lange aufrechte Schößlinge
aus dem Boden, welche sich dann allmählich umlegen, aber doch die
Fähigkeit des Kletterns der anderen Landolphien verloren zu haben
scheinen. Diese zur Verwandtschaft der L. owariensis gehörende Art
liefert keinen Kautschuk.
Die französische Seite des Congo, gegenüber Leopoldville, hatte ich
auch wiederholt zu besuchen, da ich meine Güter zur späteren Durchreise
nach dem Ngoko zu deklarieren hatte. Im allgemeinen herrschen auf
jener Seite dieselben Zustände wie auf der Seite des Congostaates. Da
die französische Regierung den Eingeborenen bis jetzt aber zu viel
Selbstregierung überlassen hat und daher noch weniger Erwerbsbetrieb
unter denselben sich geltend gemacht hat, so finden sich Landolphien
daselbst noch häufiger. Jetzt, nachdem die französische Regierung aber
begonnen, sich etwas mehr um diese Gebiete zu kümmern und das Land
zum großen Teile in Kommissionen aufgeteilt ist, deren Inhaber sich
häufig bemühen, in möglichst rücksichtsloser Weise alle vorhandenen
Naturprodukte auszubeuten, so wird auch hier bald die Kautschukliane
bedeutend seltener werden. Die Gefahr einer vollständigen Ausrottung
ist allerdings wohl weniger zu fürchten, da diese Lianen ein ziemlich
zähes Leben haben und leicht wieder aus den zurückgebliebenen
unterirdischen Teilen neu aussprossen, außerdem aber in jedem Jahre
reichlich Samen ansetzen, aus welchen, wenn auch nur ein geringer
Prozentsatz, wieder neue Pflänzchen erstehen. In der Umgebung von
Victoria, wo vor Jahren durch dort ansässige schwedische Händler
am Kamerun-Gebirge Kautschuk-Raubbau im wahrsten Sinne des Wortes
betrieben worden sein soll, fangen die dort in den Wäldern vorhandenen
Lianen jetzt wieder an, Kautschuk zu liefern, so daß die Eingeborenen
daselbst bereits hin und wieder einigen Kautschuk zu den Kaufleuten
bringen.