als es mir vorher die Zeit erlaubt hatte. Auch das Vorwerk N’Bamba
besuchte ich. Überall fand ich dieselbe Ordnung, überall die Anlagen
praktisch und doch ohne großen Kostenaufwand aufgeführt. Wir unterzogen
nun auch die für Kickxiabestände ausersehenen Hügelrücken einer
Besichtigung. Ich fand hier dieselbe Urwaldvegetation wie in den
Wäldern des Yoruba-Landes, wo ich Kickxia angetroffen hatte. Der Boden
war zwar entschieden fruchtbarer und von anderer Beschaffenheit, doch
scheint dieser Umstand, wie meine späteren Reisen in das Bakossi-Gebiet
bewiesen, von nicht so hoher Bedeutung zu sein.
Als ich am 22. Mai nach Victoria zurückkehren wollte, wollte es der
Zufall, daß gerade der Dampfer „Adolph Woermann“ auf seiner Rückreise
nach Victoria Kriegsschiffhafen anlief. Herr Kapitän +Jensen+ war
so freundlich, mich nach Victoria mitzunehmen. Dieser Umstand war mir
besonders angenehm, da ich erfuhr, daß Herr +Küderling+ aus Campo,
welcher als einziger bisher für Kickxiaplantagen im Schutzgebiete
eingetreten war, sich an Bord befände. Ich hatte sonach Gelegenheit,
mich eingehender mit ihm über die Kickxiakultur zu unterhalten, und gab
ihm das Versprechen, nach meiner Rückkehr aus der Sanga-Ngoko-Region,
auch seine Plantage am Campo-Flusse zu besuchen.
In Victoria sah ich zu meiner großen Freude, daß die Kickxiasamen
bereits anfingen aufzugehen. Kaum 5 pCt. der Samen schienen
auszubleiben.
Da der „Woermann-Dampfer“, welcher nach dem Congo fahren sollte,
nun jeden Tag in Kamerun erwartet wurde, fuhr ich am 7. Mai mit
der „Nachtigal“ nach Kamerun hinüber, um daselbst auf den Dampfer
zu warten. Herr Gouverneur +v. Puttkamer+, welcher erst seit
kurzem vom Congo zurückgekehrt war, war so liebenswürdig gewesen, mir
Empfehlungen an die dortigen Behörden und andere Persönlichkeiten,
welche mir von Nutzen sein konnten, mitzugeben. Ebenso hatte er mir
viele Ratschläge erteilt, deren Nutzen ich sehr bald erkennen sollte.
In Kamerun nahm mich Herr +Großberger+ für die Zeit meines
Aufenthaltes daselbst in seiner Faktorei auf. Als bald die Nachricht
von Europa kam, daß der für den Congo bestimmte Dampfer in der Elbe
Schaden erlitten habe und daher durch einen anderen ersetzt werden
solle, beschloß ich, mit dem auch schon erwarteten englischen Dampfer
„Roquelle“ zu fahren. Auch dieser hatte Verspätung und lief erst am 9.
Mai im Kamerun-Flusse ein. Da mir der Kapitän versicherte, daß er nicht
vor dem 12. Mai wieder abfahren könne, benutzte ich die Gelegenheit,
mich in Kamerun näher umzusehen.
Kamerun, die Hauptstadt des gleichnamigen Schutzgebietes, liegt an
dem durch Zusammenfluß des Mungo und des Wuri gebildeten breiten
Kamerun-Flusse. Die Stadt der Europäer zieht sich längs der Ufer des
Flusses hin; die Gouvernementsgebäude bedecken einen Teil eines hinter
und über der Europäerstadt gelegenen Hügelrückens, der unter dem Namen
Yoss-Platte bekannt ist. Dieser Hügelrücken fällt nach dem Wuri zu
allmählich ab. Auf ihm haben sich auch die Eingeborenen festgesetzt,
welche hier die großen Dörfer Belltown, Deidotown etc. angelegt haben.
Der Gesundheitszustand der Europäer scheint gerade hier ein bedeutend
schlechterer zu sein, als in den meisten anderen Niederlassungen
unseres Schutzgebietes. Gerade in den letzten Jahren sind daselbst
viele der dortigen Ansiedler dem mörderischen Klima erlegen. Der
Handel mit den Eingeborenen im Hinterlande wird auch jetzt noch meist
durch Zwischenhändler aus dem Dualla-Stamme vermittelt. Da ein nicht
unbedeutender Handel auf den Flußläufen aus dem Hinterlande herunter
kommt, so ist es nicht zu verwundern, daß sich gerade hier so viele
Kaufleute Faktoreien erworben haben. Ein solches Zusammentreffen vieler
europäischer Kaufleute, von denen wohl die eine Hälfte Deutsche, die
andere englische Unterthanen sind, hatte natürlich zur Folge, daß die
einzelnen Firmen höhere Preise für die Produkte, welche aus dem Innern
kamen, zu zahlen hatten, als dies bei geringerer Konkurrenz der Fall
gewesen wäre. Da diese Verhältnisse immer schlimmer wurden und die
Kaufleute endlich einen immer geringeren Verdienst von ihren Waren
erzielen konnten, so ist es nicht zu verwundern, daß die Entwickelung
des Handels in Kamerun in den letzten Jahren nicht mit den anderen
Niederlassungen in unserem Schutzgebiete Schritt halten konnte.
Noch am Abend des 11. Mai siedelte ich mit meinem ganzen Gepäck zur
„Roquelle“ über. Da die für die Fahrt nach dem Congo bestimmten Dampfer
noch mehr Frachtdampfer, im eigentlichen Sinne des Wortes, sind als
die, welche den allmonatlichen Postverkehr nach Kamerun von Hamburg
vermitteln, so war es natürlich mit dem Komfort an Bord der „Roquelle“
nicht weit her. Dessenungeachtet muß ich sagen, daß ich mich dennoch
bald hier heimisch fühlte, trotz der Petroleumlämpchen, durch welche
die Kabinen des Abends erleuchtet wurden. Der Kapitän und die Offiziere
thaten hier entschieden ihr Möglichstes, um den Passagieren die Reise
angenehm zu machen.
Gegen 8 Uhr morgens verließ die „Roquelle“ am 12. Mai Kamerun. Es war
ein prachtvoller Tag. Auf dem sonst meist sehr heißen Kamerun-Fluß
wehte eine angenehm kühlende Brise. Als sich dieselbe gegen Mittag
legte, wurde es sogleich bedeutend heißer. Ich empfand die Hitze
nicht besonders, fuhren wir doch ziemlich nahe an der Küste entlang,
so daß man die Niederlassungen der Europäer, wie Longji, Plantation
und Kribi deutlich erkennen konnte und mein Interesse so stets rege
gehalten wurde. Die bei Malimba ziemlich niedrige Küste wird nach dem
Süden unseres Schutzgebietes hier allmählich hügeliger. Das ganze
Land, soweit das Auge es erblicken kann, ist mit dichtem Urwalde
bedeckt. Um 4½ Uhr kam Groß-Batanga, unser nächster Bestimmungsplatz,
in Sicht. Um 5 Uhr ließen wir die Anker fallen. Da ich geschäftlich
hier in der +Woermann+schen Faktorei zu thun hatte, benutzte ich die
erste Gelegenheit, welche sich mir bot, an Land zu gehen. Unser Schiff
lag in bedeutender Entfernung vom Lande, so daß wir erst um 6 Uhr
daselbst eintrafen, als eben die Dunkelheit anbrach. Da wir nur wenig
Cargo für Groß-Batanga an Bord hatten, konnte ich mich nicht lange hier
aufhalten, sondern mußte sogleich nach Erledigung meiner Geschäfte
wieder an Bord zurück. Noch an demselben Abend fuhren wir weiter. Als
ich am Morgen des nächsten Tages an Deck erschien, kam eben Batta in
Sicht. Gegen 9 Uhr warfen wir daselbst Anker. Auch hier hielten wir
uns nicht lange auf. Die Vertreter der wenigen Firmen, welche hier
eine Faktorei besitzen, schickten zum Teil große Canoes zum Dampfer,
um das Ausladen der Fracht zu beschleunigen. So konnten wir denn
bereits um 11 Uhr die Anker lichten. Die Küste ist hier der Südküste
Kameruns sehr ähnlich. Die Stämme der Eingeborenen im Innern sollen
den Europäern sehr feindlich gesinnt sein, so daß bisher nur wenige
Europäer ins Innere vordringen konnten. Der Kautschuk, welcher aus dem
Innern an die Küste kommt, wird durch Zwischenhändler heruntergebracht.
Die Letzteren sind hier vorzugsweise Gabunesen. Unser Kurs lief nun
weiter von der Küste ab, wir steuerten direkt auf die Insel Corisko zu.
Nachdem wir dieselbe am Nachmittage um 4 Uhr passiert hatten, kamen wir
bald in Sicht der beiden Elobi-Inseln. Da das Fahrwasser nach Aussage
unseres Kapitäns hier nicht besonders günstig ist und wir während der
Nacht hier in spanischen Gebieten keine Fracht landen durften, zog der
Kapitän es vor, über Nacht das Schiff vor Anker zu legen, um am frühen
Morgen auf die Elobi-Inseln zuzusteuern.
Die Inseln Corisko sowie Groß- und Klein-Elobi stehen unter spanischem
Schutze. Die Küste von Batta bis zum Muni-Flusse, welcher sich in die
Corisko-Bai ergießt, wird den Spaniern jetzt von den Franzosen streitig
gemacht. Die letzteren haben aller Orten daselbst jetzt bereits die
Polizeigewalt in Händen. Wenn dieses Gebiet dereinst im Innern mehr
zugänglich sein wird, dann wird hier ein enormer Handelsaufschwung
stattfinden, wenn nicht diese ganzen Küstengebiete auch noch von den
Franzosen in Konzessionen zerteilt werden, wie es jetzt bereits im
größeren Teile des Congo français der Fall ist. Das Land ist sehr reich
an Gummi. Es soll auch Kickxia etwa zwei Tagereisen entfernt von der
Küste vorkommen. Bis jetzt liegen allerdings dafür noch nicht genügend
Beweise vor.
Nachdem wir am folgenden Tage (14. Mai) mit dem Löschen unserer Ladung
für Elobi fertig waren, stachen wir um 12 Uhr mittags wieder in See.
Da sich kein Lüftchen regte, wurde die Hitze bald fast unerträglich.
Gegen Abend war in der Ferne Gabun zu sehen; der Dunkelheit wegen
fuhren wir nicht in die Bucht hinein, sondern warfen wieder Anker
auf der offenen See. Bei Tagesanbruch fuhren wir nun am 15. Mai nach
Gabun hinein und legten uns dicht bei der Stadt vor Anker. Da ich schon
häufig Lobenswertes über den botanischen Garten dieses Ortes gehört
hatte, machte ich mich sofort auf den Weg dorthin. Leider war der
Kurator, Mons. +Chalot+, abwesend, auch sonst nur farbige Arbeiter
anzutreffen, so daß ich mich so gut es eben ging, allein zurechtfinden
mußte. Die in dem Garten vorhandenen Kautschukpflanzen interessierten
mich natürlich am meisten. Es waren hier vorhanden Manihot Glaziovii,
Ficus elastica, Hevea spec., einige Landolphien und gegen 20 Exemplare
der falschen Kickxia (africana Bth.). Die letzteren erklärten natürlich
auch die früheren Behauptungen des Mons. +Chalot+, welche dahin
gingen, daß Kickxia keinen Kautschuk gebe. Ich lernte im Laufe des
Tages hier noch einige Herren kennen, von denen mir fast ein jeder von
einem neuen Kautschukbaume erzählen konnte, den er in der Nähe der
Stadt entdeckt haben wollte. Guttapercha gab es nach Aussagen dieser
Herren in Unmengen, doch wollte niemand sein Geheimnis verraten.
Natürlich sind dies alles Illusionen von Leuten, welche diese Produkte
und die Zubereitung derselben nicht kennen. Wurde mir doch hier eine
ganz gewöhnliche Ficusart, die vollständig wertlos ist, als äußerst
kostbarer Guttaperchabaum gezeigt mit der Bitte, doch keinen Gebrauch
von diesem Geheimnis zu machen. Der Kautschuk, welcher von hier aus
verschifft wird, kommt bereits aus ziemlicher Entfernung aus dem Innern
oder durch den Como-Fluß, welcher in die Gabun-Bucht mündet, hinunter.
Palmenkerne und Öl sowie Mahagoniholz sind die Hauptexportartikel des
Ortes. Erstere werden in nicht zu großer Entfernung von der Küste
gewonnen, wie es ja bei so billigen Produkten kaum anders möglich
ist, da die Transportkosten zu hoch sein würden. Das Mahagoniholz
ist nur da abbaufähig, wo es in nächster Nähe des Meeres oder der
Flüsse geschlagen werden kann; es wäre vollständig unmöglich, die
riesigen Blöcke über große Entfernungen zu transportieren, während
kleingeschnittene Stämme wertlos sind. Da das Mahagoniholz vorzüglich
schwimmt, werden die Stämme zu Flößen verkettet und in dieser Weise
die Flüsse hinuntergeschwemmt und später durch Barkassen zu den
Frachtdampfern hinübergeführt.
Im botanischen Garten sah ich außer einigen allgemeiner verbreiteten
Nutzpflanzen auch eine recht gut gedeihende Strophanthuskultur.
Es waren verschiedene Arten vorhanden, die alle zur Zeit meiner
Anwesenheit reichlich blühten und Früchte brachten. Ebenso waren
einige mir damals noch unbekannte Coffea-Arten sehr reich mit Früchten
besetzt. Da ich keinen Europäer im Garten finden konnte, war es damals
nicht möglich, Samen dieser Coffea-Arten für den botanischen Garten in
Kamerun zu bekommen. Ich mußte es daher auf spätere Zeiten verschieben.
Unserm deutschen Konsul Herrn +Gebauer+ konnte ich damals leider
nur einen kurzen Besuch abstatten, da ich schon um 3 Uhr zum Dampfer
zurück mußte.
Trotz der Eile, welche unser Kapitän anfangs hatte, konnten wir doch
nicht Gabun vor 5 Uhr am Nachmittage verlassen. Noch bis in die
Nacht hinein sahen wir auf der Weiterfahrt das herrliche Licht des
Leuchtturmes von Gabun. Mit Tagesanbruch erreichten wir wieder einen
neuen Landungsplatz, Cape-Lopez, eine kleine Niederlassung in der Nähe
der Ogowe-Mündung, des Hauptstromes, welcher in dieser Gegend aus dem
Innern kommt. Unter Jagdliebhabern ist Cape-Lopez berühmt wegen seiner
Büffel- und Elefantenherden, welche zuweilen bis in die Nähe der Häuser
herankommen sollen. Mich als Botaniker interessierte die dortige Flora
bedeutend mehr. Ich zog es daher vor, ohne Gewehr umherzustreifen und
in den interessanten, kurzgrasigen Sümpfen und Sumpfwäldern hinter
der Niederlassung nach Seltenheiten zu fahnden. Es mag sicher noch
viele Novitäten hier zu entdecken geben. Ich konnte mich leider nur zu
kurze Zeit aufhalten, um viel zu sammeln, außerdem war die Jahreszeit
ungünstig. Wenn ein Botaniker sich einige Wochen hier aufhalten
könnte, so würde er sicher eine reiche Ausbeute zu erwarten haben.
Ebenso dürfte ein Ichthyologe mit einem mehrwöchentlichen Aufenthalte
zufrieden sein, denn das Meer wimmelt hier von den verschiedensten
Fischen.
Während der nächsten beiden Tage legten wir an zwei Küstenplätzen
an, wo wir uns auch wieder nur kurze Zeit aufhielten. Am 17. Mai in
Sette-Kama, am 18. in Majumba, zwei Niederlassungen, welche wegen ihrer
schlechten Brandungsverhältnisse berüchtigt sind. Auch wir hatten
darunter zu leiden, da das Löschen der Ladung durch die hohe Brandung
verlangsamt wurde. Salz wird bei solchen Gelegenheiten stets stark
beschädigt, was um so bedauerlicher ist, als neben Gewehren und Pulver
Salz in diesen Gegenden einer der Haupthandelsartikel ist.
Am 19. Mai warfen wir am Morgen vor Loango Anker. Dieses Städtchen ist
der südlichste bedeutendere Ort an der Küste des Congo français; es ist
auf einem sandigen Hügel erbaut und dürfte damals etwa 50 europäische
Einwohner gehabt haben. Unsere Boote gebrauchten beim Landen des Cargo
eine volle Stunde, ehe sie vom Dampfer aus bis zur Stadt gelangen
konnten. Vor der Einfahrt hat sich nämlich direkt vor der Stadt
eine breite Sanddüne gebildet, um deren Spitze man erst herumfahren
muß, ehe man über die Lagune zum Landungsplatze gelangen kann. Die
aufsteigenden Straßen der Stadt sind sehr sandig, so daß ein Europäer
mit seiner Fußbekleidung sehr schnell ermüdet.
Da eben die Brutzeit der grauen Papageien vorüber war, wurden uns
allenthalben junge Tiere zum Preise von 5 Francs angeboten. Diese
Papageien von der Loango-Küste sollen sich besser in Europa halten
als die der nördlicheren Gegenden, außerdem wird behauptet, daß sie
schneller sprechen lernen; genug, sie sind in Europa die begehrtesten.
Mit diesen Umständen rechnend, hatten sich einige der Offiziere unseres
Schiffes vorgenommen, hier eine größere Anzahl der Vögel zu kaufen.
Schon während der letzten Tage hatten die Zimmerleute auf dem Dampfer
ihre ganze freie Zeit dazu benutzt, hölzerne Käfige zu bauen, damit in
Loango alle Vögel untergebracht werden könnten. Da die Eingeborenen
bald sahen, daß Papageienkäufer an Land gekommen waren, entstand in
kurzer Zeit ein regelrechter Markt mit den Vögeln. Ein bestimmter Preis
(5 Frcs.) wurde festgesetzt; wer seine Vögel dafür abgeben wollte, war
willkommen. In walzenförmigen, aus Blättern der Ölpalmen geflochtenen
Behältern von verschiedener Größe brachten die Eingeborenen ihre
Papageien an. Einige hatten 20 bis 30 Stück. Als alles Geld der Käufer
verbraucht war, wurden die ganzen Behälter in ein Boot gesetzt, und
zurück ging es, dem Dampfer zu. Dort wurden die Tiere in die größeren
und bequemeren Käfige untergebracht. Trotz aller Sorgfalt, mit welcher
die Tiere an Bord der Schiffe behandelt werden, stirbt doch immer noch
eine große Zahl derselben, so daß eine solche Geldanlage seitens der
Matrosen, Stewards etc., welche doch nichts dabei verlieren, sondern
nur gewinnen wollen, immerhin mit einem gewissen Risiko verknüpft ist.
In Loango war sonst nichts von Bedeutung zu sehen. Es gab wenige Gärten
hier, da in dem mageren, sandigen Boden nichts Besseres zu gedeihen
scheint. Einige Manihot Glaziovii-Stämmchen waren von der Regierung
längs der Straßen ausgepflanzt und schienen sich wohl zu fühlen.
Vielleicht würde man hier in dem sterilen Boden bei dem geringeren
Feuchtigkeitsgehalte der Atmosphäre mit diesem Kautschukbaume bessere
Resultate erzielen als in den feuchten nördlicheren Gebieten.
Erwähnen will ich noch, daß von Loango die große Karawanenstraße
nach Brazzaville am Stanley-Pool ausging. Dieselbe wurde früher von
sämtlichen französischen Expeditionen, welche ins Innere gingen,
benutzt, wird aber jetzt, nachdem der Congostaat seine Eisenbahn von
Matadi bis Leopoldville fertiggestellt hat, allmählich aufgegeben.
Am Morgen des 20. Mai trafen wir vor Landana ein. Unsere Fracht wurde
hauptsächlich nach dem fünf Minuten von Landana entfernten Chiloango
gelandet. Die Brandung kann auch hier gefährlich werden. Zusammen
mit dem Vertreter des Schiffes besuchte ich die katholische Mission
in Landana, wo ich einen recht schönen Garten vorfand. Es waren die
meisten tropischen Obstarten in mehr oder minder guten Qualitäten
vorhanden, ebenso Gemüse aller Art. Leider wimmelte der Platz von
Moskitos. Die Residenz des portugiesischen Untergouverneurs, welcher
dem Gouverneur von Angola untergeordnet ist, steht auf einem luftigen
Hügel und ist weithin sichtbar. Gesundheitlich schienen sich die
Europäer hier nicht zu beklagen.
Als wir um 4½ Uhr am Nachmittage weiter fuhren, hatten wir einen
der Patres der Mission als Passagier für Kabinda mitgenommen. Ich
verwickelte mich bald in ein Gespräch mit ihm, da wir beide die
einzigen Passagiere waren. Als natürlich auch das Gespräch auf
Kautschuk kam, erzählte er mir von Kautschukbäumen, welche in der
Mission von Kabinda kultiviert werden sollen. Natürlich war ich nur
zu gern bereit, als er mich am nächsten Morgen, als wir um 5 Uhr vor
Kabinda ankamen, aufforderte, mir die Kautschukbäume in der Mission
anzusehen. Nach seinen Erzählungen ging ich mit großen Erwartungen
hin, doch was fand ich -- eine Ficusart, welche auch nur eine
vogelleim-ähnliche Masse lieferte.
Die katholische Mission war etwa eine halbe Stunde von der Stadt
entfernt, so daß ich mich noch beeilen mußte, um rechtzeitig zur
Abfahrt des Dampfers an Bord zu kommen.
Wenige Stunden Fahrt nach Süden brachten uns nun zur Congo-Mündung.
Gegen 3 Uhr konnte man bereits die Spitze der Halbinsel, auf der Banana
erbaut ist, sehen. Es waren Gefühle eigener Art, mit denen ich in den
Congo hineinfuhr, sollte ich doch nun für lange Zeit vom Meere Abschied
nehmen, vielleicht um es nie wieder zu sehen. Der schlechte Ruf, den
das Klima des unteren Congo an der ganzen Westküste Afrikas hat, trug
nicht gerade zu meiner Beruhigung bei. Bald aber waren alle trüben
Gedanken verschwunden, als wir vor Banana Anker warfen. Zum ersten Male
sah ich Leute vom oberen Congo hier, die mit ihrer zerschnittenen Stirn
und der eigenartigen Haartracht einen höchst interessanten Anblick
darboten. Von allen Seiten kamen Eingeborene in ihren kleinen Canoes
herangefahren, um bemalte und geschnitzte Flaschenkürbisse, Muscheln
und sonstige Kuriositäten feilzubieten.
Banana selbst besteht vornehmlich aus den Gebäuden der
Handelsniederlassung der Nieuwe Afrikaansche Handels-Vennootschap und
einigen Gebäuden der Congostaat-Regierung. Es sind außerdem noch einige
wenige kleinere Faktoreien errichtet worden, dieselben spielen aber
alle eine ziemlich unbedeutende Rolle. Die Niederlassung ist auf einer
sandigen, schmalen Landzunge aufgebaut, welche stellenweise an der dem
Binnenlande zugekehrten Seite mit Mangroven-Morästen bedeckt ist. Bei
weitem gesunder scheint die dem Meere zugekehrte Seite zu sein, denn
erstens besitzt dieselbe keine Mangroven, zweitens aber halten sich die
Moskitos infolge der Seebrise von dieser Seite ziemlich fern, während
sie auf der anderen Seite in Milliarden des Abends umherschwärmen.
An der äußersten Spitze der Halbinsel ist ein kleiner Leuchtturm
erbaut worden, dessen Licht weithin sichtbar sein soll. Da wir erst
mit Eintritt der Dunkelheit vor Banana eingelaufen waren, konnte ich
leider nicht an Land gehen. Ebenso war am nächsten Morgen kaum Zeit
dazu, da sich der Kapitän plötzlich entschloß, weiterzufahren. Wir
hätten vielleicht schon am selbigen Abend Banana verlassen, wenn
die Congo-Regierung nicht das Fahren der Dampfer nach Eintritt der
Dunkelheit verboten hätte.
Gegen 9 Uhr am Morgen des 22. Mai fuhren wir durch einige der
Mündungsarme in den Hauptstrom hinein. Bei Kisanga waren wir dem
portugiesischen (südlichen) Ufer des Stromes ziemlich nahe. Je mehr
wir uns nun gegen Nachmittag Boma, der Hauptstadt des Congostaates,
näherten, desto enger wurde der Strom und desto gelber die Färbung
des Wassers. Endlich um 4½ Uhr erreichten wir Boma. Hier wurde der
Dampfer ganz dicht an das Ufer herangezogen, da die äußerst günstigen
Tiefenverhältnisse des Stromes dies gestatten. Es fing bereits an zu
dunkeln, als wir das Land betreten konnten. Ich erledigte daher nur
einige geschäftliche Gänge und verschob alles andere auf den folgenden
Tag, da der Kapitän mir sagte, daß er den nächsten Vormittag sicher
hier verbleiben müsse, um den Cargo für Boma löschen zu können. Vor der
Stadt lagen noch zwei kleine Regierungsdampfer, welche den Postverkehr
zwischen Boma und Matadi wie Banana zu vermitteln haben.
Am Vormittage des nächsten Tages machte ich bei dem Gouverneur des
Congostaates Herrn +Vanghermé+ Besuch. Dank des Einführungsschreibens
des Herrn Gouverneurs +v. Puttkamer+ wurde ich sehr liebenswürdig
empfangen. In jeder Weise wurde mir gezeigt, daß meine Expedition
ins Innere von der Regierung unterstützt werden würde. Die Einfuhr
meiner Gewehre wurde mir sofort erlaubt, ebenso sollten meine ganzen
Expeditionsgüter ohne Schwierigkeiten gelandet werden dürfen. Da
ich das Landen derselben aber erst in Matadi vorzunehmen gedachte,
versprach mir der Herr Gouverneur +Vanghermé+, eine diesbezügliche
Bestimmung zugleich mit Empfehlungsschreiben für die Beamten im
Innern nach Matadi nachzuschicken. Hätte ich nicht von seiten der
Congostaat-Regierung dieses liebenswürdige Entgegenkommen gefunden,
so wäre es zum mindesten sehr fraglich gewesen, ob ich die Congo-Reise
erfolgreich hätte durchführen können. Eine ebenso liebenswürdige
Aufnahme wie bei dem Herrn Gouverneur fand ich auch bei dem
Staatssekretär Herrn +van Damm+, der in zuvorkommendster Weise die
Regelung meiner Papiere etc. veranlaßte.
Wie unser Kapitän vorausgesagt hatte, fuhren wir wirklich recht
pünktlich um 12 Uhr mittags ab. Je mehr wir uns jetzt der auf dem
portugiesischen Congo-Ufer gelegenen Ansiedlung Noki näherten, desto
stärker wurde die Strömung. Die Ufer des Stromes werden bereits dicht
hinter Boma höher und bilden schließlich ziemlich hohe, felsige
Hügel, welche oft jäh am Flusse abfallen. Die felsige Natur dieser
Hügel bedingt es natürlich, daß der Strom hier bedeutend eingeengt
ist, so daß sein Wasser in dem häufig gekrümmten Flußbette schneller
dahinschießt. An besonders scharfen Biegungen im Flußlaufe bilden sich
dann leicht Strudel, welche für die Schiffahrt nicht ganz ungefährlich
sind. Derartige Strudel sind z. B. bei Noki anzutreffen.