nach Abeokuta im Ekba-Lande und über die Kautschukverhältnisse des
Protektorates zu orientieren. Von dem vorsichtigen und offenbar
sehr national gesinnten englischen Residenten war nicht sehr viel
in Erfahrung zu bringen. Derselbe war zwar äußerst liebenswürdig
und zuvorkommend, schien es aber doch nicht gern zu sehen, daß ich
als Deutscher mich im Yoruba-Lande aufhalte. Der englische Doktor
und die beiden Offiziere waren zu wenig über die Verhältnisse im
Lande unterrichtet, um etwas Näheres angeben zu können, es blieben
mir also nur noch die Eingeborenen übrig. Ich schickte meine Leute
daher täglich in die Stadt, um Erkundigungen einzuziehen. Der Weg
nach Abeokuta war sehr bald in Erfahrung gebracht. Betreffs des
Kautschuks und der Kickxia hörte ich, daß letztere in den östlich
von Ise gelegenen Wäldern in bedeutend größeren und dickeren Stämmen
vorhanden sein solle; im westlichen Teile des Yoruba-Landes wie im
Djibu-Lande seien alle größeren Stämme bereits vernichtet worden, ja,
in einigen früher an Kickxien sehr reichen Gegenden seien sie ganz
verschwunden. Der englische Resident erklärte mir, daß er auf Grund
des von den Eingeborenen rücksichtslos betriebenen Raubbaus sich
bewogen gefühlt habe, eine Verordnung zu erlassen, wonach Kickxien in
seinem Bezirke vier Jahre hindurch nicht angetastet werden sollten.
Da im ganzen Yoruba-Laude höchstens zwölf Europäer waren und somit
eine Kontrolle ausgeschlossen war, so ist es natürlich, daß sich kein
Eingeborener um diese Verordnung kümmerte. Selbst an dem Hauptwege
hatten wir auf der Reise von Ishagamo bis Ibadan frisch angeschnittene
Kickxien gesehen, das Verbot wurde also offenkundig übergangen. In
den Wäldern des Yoruba-Landes sind auch einige Landolphien zu finden,
welche guten Kautschuk liefern. Die Milch derselben wird entweder mit
Kickxiamilch vermischt, oder allein nach Zusatz von Citronensaft durch
Kochen koaguliert. Im ersteren Falle geht sie im Handel natürlich mit
unter dem Namen „Silkrubber“ und wird in großen Kuchen auf den Markt
gebracht. Allein koaguliert wird sie in kleinen Bällchen geknetet als
„Lagos-Bälle“ auf dem europäischen Markt verkauft. Häufig wird von den
Eingeborenen der Silkrubber durch Zusatz von Ficusmilch gefälscht,
wobei besonders eine in den dortigen Wäldern häufige Art aus der
Verwandtschaft der Ficus salicifolia in Betracht kommt; doch soll auch
die Milch der von mir in Ishagamo gefundenen Ficusart zu demselben
Zwecke verwendet werden. Die verbreitetste Art des Koagulierens der
Kautschukmilch ist die des Kochens. Da Citronen allenthalben im Lande
zu haben sind, bedienen sich die Eingeborenen der Säure derselben, um
die Koagulation zu beschleunigen. Seltener wird auch Kautschukmilch
durch Reiben auf der Handfläche koaguliert, eine Methode, welche nur
bei Landolphia angewendet wird.
Da die ausgeschickten Leute, welche Kickxiafrüchte sammeln sollten,
erst am 19. März wiederkamen, mußte ich meine beabsichtigte Weiterreise
auf den 20. März verschieben. Ich hatte doch auf diese Weise eine
nicht unbedeutende Menge von Kickxiasamen zusammengebracht, obgleich
gegen die Verordnung des englischen Residenten. Die erste Aufgabe der
Expedition war also somit erfüllt, und ich konnte meinen Rückmarsch
zur Küste antreten. Da mir wenig daran gelegen sein konnte, dieselben
Gegenden noch einmal zu durchziehen, hatte ich die etwas längere Route
über Abeokuta durch das Ekba-Land gewählt.
Am Vormittage des 20. März ließ ich die Träger durchmustern und alle
nicht gesunden Leute durch neue ersetzen. In der so volkreichen Stadt
war dieses nicht so schwer, besonders da ich nach Lagos zurück wollte.
Am Nachmittag brach die Karawane auf. Der Marsch durch die Stadt
dauerte jetzt noch länger als der am 17. März. Nach Schätzungen soll
dieselbe ungefähr 300000 Einwohner haben, wäre demnach wohl die größte
Stadt des afrikanischen Kontinentes. Über Hügel und Thal marschierten
wir zwischen den eng aneinander gebauten Häuserreihen hin, gefolgt von
neugierigen Weibern und lärmenden nackten Kindern.
Bevor wir noch das westliche Thor der Stadt erreicht hatten, brach
einer der Träger zusammen. Derselbe schien ebenso wie sein Bruder, den
ich am Morgen entlassen hatte, schwindsüchtig zu sein. Da ich mich
nicht dadurch aufhalten lassen wollte, entließ ich den Mann sofort und
ließ seine Last auf die übrigen verteilen, denn ohne Aufenthalt war
kein neuer Träger zu beschaffen. Der Tag war furchtbar heiß und schwül,
kein Lüftchen regte sich, so daß es mich denn auch nicht überraschte,
als ich in der Ferne schwarze Regenwolken aufsteigen sah. Meine Leute
wollten gern noch innerhalb der Stadt Rast machen, ich jedoch war
nicht damit einverstanden, da ich wußte, welche Schwierigkeiten es am
nächsten Tage machen würde, die Leute zum Aufbruch zusammenzubringen.
Trotz des Murrens mußten die Träger weiter. Etwa 1½ Stunden, nachdem
wir aus der Stadt herausgetreten waren, erhob sich ein furchtbarer
Tornado. Nun hieß es sobald als möglich Schutz zu suchen. Im
Laufschritt vorwärts. Der Wind peitschte furchtbar die Blätter der
Ölpalmen. Es war ein Sturm, wie ich ihn nicht vorher erlebt hatte.
Nach etwa ½ Stunde Laufschritt wurde es ganz finster, obgleich es
noch nicht 6 Uhr abends war. Zu unserer Freude erreichten wir das
Farmdorf Otimbale, als eben der Regen begann. Die Lasten konnten also
noch trocken untergebracht werden. In strömendem Regen wurde das Zelt
aufgestellt, welches zu meiner großen Freude selbst bei diesem Sturm
fest standhielt. Nachdem die übliche Rinne um das Zelt gelegt war,
gelang es auch den Boden vollständig trocken zu legen, so daß ich noch
vollständig trocken mich schlafen legen konnte. Die Träger quartierten
sich in den Häusern der Eingeborenen ein.
Meinen Leuten schien der Abschied von Ibadan nicht besonders leicht
geworden zu sein, denn am nächsten Tage schien niemand rechte Lust
zum Packen und Marschieren zu haben. Erst um 6 Uhr waren wir auf dem
Wege. Zunächst hatten wir noch grasige Hügel mit Gebüsch und einigen
Borassuspalmen zu durchziehen. Um 7¼ ließ ich eine kurze Rast in dem
Farmdorfe Okovin machen. Kurz vorher hatten wir den fast trockenen
Odoona-Bach zu überschreiten.
Gegen 8 Uhr langten wir in der Ortschaft Bodeibo an. Auch hier war
das System der Kopfgeld-Erhebung, wie ich es von Ibadan geschildert,
eingeführt. Bald darauf erreichten wir den Waldgürtel, der hier an der
Nordgrenze einige Zungen in die Grasländer hineinschiebt. Der Wald
war hier üppiger als ich ihn vorher im Yoruba-Lande gesehen, Kickxien
schienen jedoch wenige vorhanden zu sein. Nach Aussage der Eingeborenen
sollen sie aber früher auch hier sehr zahlreich gewesen sein. Überall
hörte man dieselbe Klage der Eingeborenen, die Fantis hätten ihnen
alle „Rubbersticks“ ausgeschlagen und getötet. Um 9 Uhr erreichten
wir einen kleinen Farmweiler, Okradjo genannt. Hier war ein Lager der
„Eisenbahn-Surveyer“ aufgeschlagen, welche die Route der von Abeokuta
nach Ibadan in Aussicht genommenen Eisenbahn ausstecken sollten. Die
Europäer waren nicht anwesend, als ich mit meiner Karawane eintraf.
Während der Frühstücksrast, welche ich den Leuten hier gab, wurden wir
derartig von kleinen Fliegen gepeinigt, daß ich es sehr bald vorzog,
eine kleine Exkursion in den Wald zu unternehmen. Hier fand ich außer
einigen Orchideen (zwei Angraecum-Arten) auch einige Apocynaceen,
deren Milchsaft ich untersuchte. Landolphien waren hier reichlicher
vorhanden, aber keine blühend, so daß ich die Arten nicht feststellen
konnte.
Unter meinen Trägern brach hier ein kleiner Aufstand aus, der mich
zwang, den Rädelsführer zu strafen. Da die Leute aber bald einsahen,
daß sie doch den Kürzeren gezogen hatten, beruhigten sie sich
wieder und gaben sich sogar am Nachmittage Mühe, möglichst flott zu
marschieren.
Der Nachmittagsmarsch führte uns durch dichten Wald, in dem sich hin
und wieder Spuren von Kickxia fanden. Es war ein sehr heißer Tag ohne
jeden Wind, so daß den Trägern ihre Lasten nicht gerade leicht wurden;
die kleine Aufmunterung, welche sie vorher erhalten, kam mir daher
sehr zu statten. Um 3½ Uhr stießen wir plötzlich auf das Hauptlager
der Eisenbahn-Ingenieure. Hier ließ ich eine kurze Rast machen. Mr.
+Berger+, der Chef-Ingenieur, war so freundlich, mir einen Träger zur
Verfügung zu stellen, da ich durchaus einen Mann mehr gebrauchte, an
Stelle dessen, der in Ibadan zusammengebrochen war, und mir einen
Empfehlungsbrief für den Eisenbahn-Doktor, in dessen Lager ich zu
übernachten gedachte, mitzugeben. Bis Ilugu hatten wir einen sehr
angenehmen Marsch durch ein sehr schönes, schattiges Waldgebiet, in
dem ich viel Landolphia sah. Längs des Weges beobachtete ich hier
einige Häuflein etwa armlang geschnittener Landolphiazweige, die die
Eingeborenen geschnitten, um dann in ihren Häusern die darin noch
enthaltene Milch zu sammeln und zu Kautschuk zu verarbeiten. Dass
diese Milch nicht vorher koaguliert, ist dadurch zu erklären, daß die
beim Anschneiden heraustretende Milch sofort an der Luft koaguliert
und somit die ganze Schnittfläche luftdicht verschlossen wird. Dicht
hinter Ilugu erreichten wir das Lager des Eisenbahn-Doktors, der mich
sehr höflich aufnahm. Noch bis in die Nacht hinein saßen wir daselbst
gemütlich zusammen, uns über Lagos und die von mir zuletzt bereisten
Gegenden unterhaltend.
Da ich keine Zeit zu verlieren hatte, um noch zur rechten Zeit zur
Abfahrt des Dampfers nach Kamerun in Lagos einzutreffen, hieß es nun,
den Marsch möglichst zu beschleunigen. Ich brach daher am 22. März
schon vor 5½ Uhr auf. Auf einem ziemlich schlechten Waldwege, auf dem
die Träger häufig über Wurzeln stolperten, ließ ich nun in schnellem
Tempo marschieren. Der Headman, welcher nach meiner Marschordnung
stets hinter dem letzten Träger ging, feuerte die Leute immer wieder
an. So kam es, daß wir schon um 8 Uhr in Abuleode eintrafen. Der
Aufenthalt hier wurde uns wieder durch die Scharen der kleinen Fliegen,
welche in die Augen, Ohren und Nase hineinflogen und sich an jedem
nicht bedeckten Körperteile festsetzten, um den Schweiß aufzusaugen,
vollständig verleidet. Da sonst nichts Interessantes hier zu finden
war, beschäftigte ich mich mit Fangen von Schmetterlingen. Zu diesem
Zwecke ließ ich durch meine Leute an einer sonnigen Stelle im Wege
wiederholt Wasser ausgießen, bis der Boden dort vollständig durchnäßt
war. Es dauerte gar nicht lange, bis sich die ersten Papilio dort
niedersetzten, um die Feuchtigkeit aufzusaugen. Nach kurzer Zeit wurde
die betreffende Stelle von Dutzenden umschwärmt. Die saugenden Tiere
konnte ich dann einfach mit der Hand aufnehmen und durch Zerdrücken
des Brustkastens töten. Etwa lädierte Exemplare legte ich mit
ausgebreiteten Flügeln wieder zurück, damit sie durch die leuchtende
blaue Färbung der Flügel nun immer wieder neue Tiere anzogen. Es gelang
mir so, in einer Stunde nicht weniger als 63 guter Exemplare habhaft
zu werden, ohne einmal den Käscher zu gebrauchen. Große Feinde aller
Insektensammlungen in den Tropen sind die Ameisen, welche sofort über
dieselben herfallen, sollte man es einmal wagen, frisch gefangene
Sachen über Nacht frei stehen zu lassen, ohne sie durch Naphthalin oder
Kampfer zu schützen.
Um 2½ Uhr ließ ich wieder aufbrechen. Teils über offenes Terrain, teils
durch dichte Wälder führte uns nun unser Weg. Die Hitze war kaum mehr
zu ertragen, dazu kamen die uns stets umschwärmenden Fliegen. Gegen
4½ Uhr erreichten wir ein Dorf, für welches mir die Eingeborenen den
Namen Adawó angaben. Als ich weiterziehen wollte, kamen die Leute und
behaupteten, es sei vor uns auf einer sehr langen Strecke kein Dorf
mehr vorhanden. Da ich in der Nacht Regen befürchtete und daher meine
Leute gern in Hütten schlafen lassen wollte, blieb mir nichts anderes
übrig, als hier über Nacht zu bleiben. Ich ließ mein Lager unter großen
Ficusbäumen aufschlagen. Da es noch sehr früh war und die Leute sonst
nichts zu thun hatten, schickte ich die ganze Gesellschaft aus und ließ
Milch der Ficusart sammeln, um damit zu experimentieren. Diese Milch
verhielt sich nun insofern sehr merkwürdig, als sie weder durch Kochen
noch durch Säurezusatz zur Koagulation zu bringen war. Ich ließ einen
Topf unter beständigem Feuer etwa eine halbe Stunde scharf kochen, und
selbst dadurch erzielte ich keine Koagulation. Eine andere Ficusart,
welche große lederige Blätter besitzt, ergab auch nur ein klebriges
Produkt, das kaum verwendbar sein würde, höchstens zur Erzielung von
Wasserdichtigkeit bei Stoffen. Die Kosten des Einsammelns würden jedoch
wohl kaum durch den Wert des erhaltenen Produktes gedeckt werden, wenn
sich nicht etwa neue Verwendbarkeiten für dasselbe finden ließen.
Es sind mir zwar schon hohe Preise genannt worden, welche für ein
derartiges Produkt bezahlt worden sein sollen, doch bin ich der festen
Überzeugung, daß diese nicht als Marktpreise gelten können. Es würde
nämlich viel billiger sein, guten Kautschuk zu kaufen und denselben mit
der gewünschten Quantität Harz zu vermischen. Die Nacht in Adawó war
sehr unangenehm, erstens fing es an zu regnen, zweitens aber gab es
Moskitos in Mengen. Ich erwähne dieses besonders, da es im Yoruba-Lande
auffallend ist, daß die Moskitos in der Periode des beginnenden Regens
so äußerst selten sind. Es ist daher das Reisen in diesen Gegenden
bedeutend angenehmer als z. B. im Congostaate, in dem einem nur allzu
häufig die Nächte durch diese höchst unangenehme Zugabe verleidet
werden.
Am 23. März waren wir bereits um 4½ Uhr auf dem Wege. Es war herrlich,
bei dem eben hereinbrechenden Morgenlichte durch den Urwald zu
marschieren. Gegen 6 Uhr trafen wir mit zwei Haussa-Soldaten und vier
Trägern zusammen, welche aus dem nördlich gelegenen Shaka kamen und
mich um Erlaubnis baten, sich meiner Karawane anschließen zu dürfen.
Ich sollte es nicht bereuen, daß wir bereits so früh aufgebrochen
waren, denn bald traten wir gänzlich aus dem Urwald heraus und hatten
nun auf teilweise sehr sandigem Boden über ein heißes Steppengebiet
zu ziehen. Die Leute lechzten nach Wasser, das nicht zu bekommen war.
Gegen 9 Uhr langten wir in Ayetoro an, einem Dorfe, das einige hundert
Häuser zählen dürfte. Ich selbst war furchtbar durstig geworden auf dem
Marsche durch die staubige Steppe, sehr gelegen kam mir daher ein Trunk
Palmenwein, den mir der Häuptling des Dorfes als Geschenk schickte. Ich
gab den Trägern hier Zeit zum Essen und Trinken und machte unterdessen
einen Spaziergang durch das Dorf. Merkwürdige Fetische waren hier zu
beobachten, zum Teil nur aus einem Pflanzenbüschel bestehend, der an
einem langen Stab befestigt war. Einem derselben schien eine ganz
besondere Macht beigemessen zu werden, denn der Platz um den Stab herum
war sehr schön gesäubert, im Kreise herum standen Schalen mit Palmenöl
und -Kernen, Kauris, Eßwaren aller Art und vielem anderen. Ich sah hier
übrigens viele Haussa-Leute, welche nach Abeokuta gehen wollten. Einer
derselben war der Abgesandte eines Haussa-Häuptlings im Innern, er trug
ein wundervolles Schwert in einer prachtvoll gearbeiteten Lederscheide
an einem dicken, runden, kirschroten, aus Seide hergestellten Gurte,
welcher um die eine Schulter hing. Dieses Schwert war, wie er mir
erklärte, ihm von seinem Herrn als Zeichen seiner Vollmacht mitgegeben
worden.
Abeokuta selbst sollte nach Angaben der Eingeborenen noch „sehr weit“
sein. Ich ließ daher um 1 Uhr wieder aufbrechen. Weiter ging es über
Steppengebiet; bei der immensen Hitze nicht gerade ein sehr angenehmer
Spaziergang, dazu kam noch, daß die Eingeborenen jetzt bei Beginn der
Regen einen Teil der Steppe abgebrannt hatten, um für ihr Vieh frisches
Gras zu erhalten. Ja, wir hatten selbst einmal zehn Minuten lang am
Rande einer brennenden Fläche, die sich am Wege dahinzog, entlang zu
gehen. Die ganze Karawane setzte sich sehr bald in Laufschritt, um der
furchtbaren Hitze möglichst bald zu entgehen.
Die Eingeborenen, welche außerhalb der Waldzone wohnen, betreiben etwas
Viehzucht, weiter nach Norden zu soll sogar viel Vieh vorhanden sein.
Die Tsetsefliege scheint hier also nicht so weit ins Innere zu gehen
wie dieses leider in unserer Togo-Kolonie der Fall zu sein scheint.
Ackerbau wird in beschränktem Maße getrieben. Hauptsächlich wird dann
Manihok angepflanzt, stellenweise auch Bataten. Yams sah ich selten,
ebenso Baumwolle.
Gegen 3½ Uhr sahen wir in der Ferne die riesigen Felsen, auf welchen
Abeokuta zum Teil erbaut ist. Je mehr wir uns der Stadt näherten, desto
reicher war das Land kultiviert und desto besser wurden die Wege.
Plötzlich waren wir am Thore angelangt. Dasselbe war ähnlich wie die
Thore von Ibadan erbaut; auch hier saß die Thorwache und nahm Kopfgeld
von den passierenden Fremden. Als meine Träger kamen und nicht zahlten,
schienen die Leute sie anhalten zu wollen, als sie aber den Weißen
dahinter sahen, standen sie davon ab. Ein Kopfgeld schienen sie jedoch
auch zu erwarten. Ich ließ daher durch meinen Headman sagen, daß ich
nichts bezahlen werde, da ich auch in den anderen Städten nicht bezahlt
habe. Daraufhin schienen sie sich zu beruhigen.
Anfangs führte unser Weg noch zwischen Feldern hin, dann zeigten sich
die ersten Häuser, die zerstreut auf und zwischen mächtigen Felsen
standen, bis wir schließlich das Panorama dieser riesigen Felsenstadt
ganz vor uns hatten.
Abeokuta ist eine der merkwürdigsten Städte, welche ich je gesehen.
Ein großer Teil der Häuser steht derartig zwischen und auf den Felsen,
daß man sich unwillkürlich die Frage vorlegt: „Warum baut nur der so
träge Eingeborene sein Haus hierher, wo er es doch nur nach mühevollem
Klettern erreichen kann?“ Das Wasser und das Holz müssen von unten
weither geholt werden, so daß die Frauen und Mädchen die beschwerlichen
Kletterpartien mindestens jeden Tag einmal zu machen haben. Unser
Weg führte oft über mächtige, schräge Felsen hin, die dann plötzlich
jäh in die Tiefe abfielen. Ein Ausgleiten hätte genügt, um den Tod
des dann Abstürzenden herbeizuführen. Für die Eingeborenen mit ihren
nackten Füßen sind diese Wege natürlich weniger gefahrvoll als für
den beschuhten Europäer. Die Stadt soll auch gegen 200000 Einwohner
besitzen. Wie mir meine Träger mitteilten, sollen die Einwohner jetzt
jedoch häufig auswandern, da der Weiße mit seiner Eisenbahn, die jetzt
bereits über Abeokuta hinausgeführt ist, ihnen nun zu nahe ist.
Nach dreiviertelstündigem Marsche erreichten wir das westliche
Stadtthor, das in der Nähe des Ogun-Flusses liegt. Da ich noch an
demselben Tage den Endpunkt der damals im Bau begriffenen Eisenbahn
erreichen wollte, um mir die Erlaubnis zu erwirken, mit meiner Karawane
bis Ebute-Meta die Güterzüge benutzen zu dürfen, überschritten wir
trotz der eintretenden Dämmerung den Ogun und marschierten dann auf
das Lager des hier befindlichen Chef-Ingenieurs zu. Dasselbe war
damals acht englische Meilen südlich von Abeokuta gelegen. Unterwegs
brach mein Headman zusammen, ebenso waren die Träger so ermüdet, daß
die meisten für heute marschunfähig waren. Ich gab daher dem Headman
Befehl, sich einige Zeit auszuruhen und dann mir zu folgen. Ich
marschierte allein im Mondscheine weiter. Um 11 Uhr langte ich im Lager
des Chef-Ingenieurs, Mr. +Horse+, an. Hier war glücklicherweise
noch niemand schlafen gegangen. Ich wurde sehr freundlich empfangen und
erhielt sofort die Erlaubnis zur Benutzung der Bahn. Um 3 Uhr nachts
langte schließlich auch meine Karawane an.
Um 4½ Uhr am Morgen des folgenden Tages ließ ich alles zum Aufbruch
nach dem Terminus der Eisenbahnlinie rüsten. Längs des frisch
aufgeworfenen Eisenbahndammes hatten wir 4½ Meilen zu marschieren.
Endlich dort angekommen, sahen wir weder von einem Zuge noch von einer
Lokomotive ein Anzeichen. Die arbeitenden Eingeborenen konnten mir
auch keine Auskunft geben. Da kein Europäer in der Nähe war, machte
ich mich daran, die Häuser derselben aufzusuchen, fand aber alle leer,
erst um 9 Uhr traf ich einen Europäer, mit dem ich nun nach seiner
Behausung fuhr. Meinen Leuten gab ich den Befehl, dorthin nachzukommen.
Um 10½ Uhr endlich kam ein Zug. Mit diesem konnten wir um 11½ Uhr
eine kurze Strecke weiterfahren, mußten dann aber aussteigen, da der
Zug erst am nächsten Tage nach Ebute-Meta fahren sollte. Gegen 1 Uhr
traf ganz unerwartet zu unserem Glück eine Lokomotive ein, welche
noch am selbigen Tage nach Ebute-Meta zurück sollte. Da nur ein Wagen
zur Beförderung meiner Karawane angehängt worden war, hatte ich die
Genugthuung, daß wir sehr schnell fuhren. Es war allerdings fast
unerträglich heiß, denn zu der Sonnenhitze gesellte sich noch die der
Lokomotive, und was das Schlimmste für uns war, es flogen uns beständig
die Funken, welche mit dem Rauch ausgestoßen wurden, ins Gesicht und
auf die Kleider. Für die zum Teil recht dürftig bekleideten Träger
war dieses natürlich doppelt unangenehm. Gegen 7 Uhr langten wir am
Abend in Ebute-Meta an. Sogleich schickte ich Leute aus, welche einige
große Canoes besorgen sollten, damit wir sofort über die Lagos-Lagune
nach der Stadt hinüber könnten. Nach langem Handeln ließen sich
endlich einige Eingeborene bewegen, uns in Canoes nach Ebute-Ero
überzusetzen. Es war eine prachtvolle Fahrt in hellem Mondschein über
die Lagos-Lagune. Meine Leute sangen lustige Lieder, als sie Ebute-Ero
wieder vor sich sahen, und erzählten den Canoeleuten alle möglichen
Geschichten, welche während der Expedition passiert sein sollten.
In Ebute-Ero begrüßte ich zunächst die Herren in der +Gayser+schen
Zweigfaktorei: dann ging es nach Lagos hinüber. Ich hatte hier eine
Hängematte erhalten und ließ mich nun nach der Hauptfaktorei in Lagos
tragen. Um 9 Uhr traf ich dort ein. Herr +Fritsch+ nahm mich
wieder freundlichst auf.
Am folgenden Tage löhnte ich die Träger ab und begann nun mit den
Vorbereitungen zur Weiterreise nach Kamerun. Vor allen Dingen hatte ich
die Kickxiasamen richtig auszutrocknen und die gesammelten Pflanzen
einzupacken, ebenso waren die Trägerlasten wieder derartig in Kisten
zu verpacken, daß sie auf dem Dampfer nach Kamerun weitertransportiert
werden konnten. Es war ursprünglich meine Absicht gewesen, einige
Lagos-Leute, welche bereits als Gummisammler in den Wäldern des
Yoruba-Landes Kickxia ausgebeutet hatten, für die spätere Congo-
und Sanga-Reise zu engagieren. Das, was ich während meiner Reise
im Hinterlande von Lagos gesehen, hatte mich aber immer mehr von
diesem Plane abgebracht, denn hätte ich solche Lagos-Leute in die
Sanga-Ngoko-Region hineingebracht, so würde ich damit auch dort den
Raubbau eingeführt haben, wie er hier im Yoruba-Lande verbreitet ist,
und die Kickxiabestände, welche ich späterhin dort feststellen konnte,
würden in Kürze demselben Schicksal verfallen sein, wie die im Djibu-
und Yoruba-Lande einst so reichlich vorhandenen.
Während der wenigen Tage, welche ich noch in Lagos verbringen mußte,
bis der Dampfer eintraf, hatten wir wiederholt starke Gewitterregen.
Bei einem derselben wurden leider meine ganzen Pflanzensammlungen
gehörig durchnäßt, so daß ich große Mühe hatte, dieselben wieder zu
trocknen. Diese Regen erscheinen hier an der westafrikanischen Küste
häufig so plötzlich, daß man nicht immer die nötigen Vorsichtsmaßregeln
dagegen treffen kann.
Ein für mich in Lagos äußerst interessanter Tag war der Markttag. Ich
ging zusammen mit dem bereits oben genannten Dr. +Randle+ an einem
solchen Tage einmal dorthin, wo die Frauen die im Lande angewendeten
Medizinen verkauften. Dieselben bestanden vorzugsweise aus Pflanzen.
Da meines Wissens eine Liste solcher Pflanzen aus dieser Region nie
veröffentlicht worden ist, dürfte eine solche, wie ich sie hier
zusammengestellt habe, von einigem Interesse sein. Dr. +Randle+
war so freundlich, die Namen der Eingeborenen für die betreffenden
Arten hinzuzufügen.