es dieses: daß sie zurückzureichen scheint wie ein Flußgott und
vorauszuschauen wie ein Prophet. Sie ist nicht bezeichnet von unserer
Zeit. Genau bestimmt in ihrer Einzigkeit, verliert sie sich doch in
einer gewissen mittelalterlichen Anonymität, hat jene Demut der Größe,
die an die Erbauer der großen Kathedralen denken macht. Ihre Einsamkeit
ist keine Absonderung, denn sie beruht im Zusammenhang mit der Natur.
Ihre Männlichkeit ist bei aller Hartnäckigkeit ohne Härte, so daß sogar
ein Freund Rodins, den er manchmal gegen Abend besuchte, schreiben
konnte: "Es bleibt, wenn er geht, in der Dämmerung des Zimmers etwas
Mildes zurück, als wäre eine Frau dagewesen."
Und in der Tat, die wenigen, die in der Freundschaft des Meisters
aufgenommen waren, haben seine Güte erfahren, die elementar wie die
Güte einer Naturkraft ist, wie die Güte eines langen Sommertags, der
alles wachsen läßt und spät dunkelt. Aber auch die flüchtigen Besucher
der Sonnabend-Nachmittage haben Anteil daran gehabt, wenn sie in den
beiden Stadtateliers im Depot des Marbres zwischen vollendeten und
halbfertigen Arbeiten immer wieder dem Meister begegneten. Man fühlt
sich sicher in seiner Höflichkeit vom ersten Augenblick an, aber man
erschrickt fast vor der Intensität seines Interesses, wenn er sich
einem zuwendet. Dann hat er jenen Blick konzentrierter Aufmerksamkeit,
der kommt und geht wie das Licht eines Scheinwerfers, aber so stark
ist, daß man es noch weit hinter sich hell werden fühlt.
Sie haben diese Werkstätten in der rue de l'Université oft beschreiben
hören. Es sind Bauhütten, in denen die Bausteine dieses großen Werkes
behauen werden. Fast steinbruchhaft unwirtlich, bieten sie dem Besucher
keine Zerstreuung; nur für Arbeit eingerichtet, zwingen sie ihn, das
Schauen als Arbeit auf sich zu nehmen, und viele haben an dieser Stelle
zuerst empfunden, wie ungewohnt ihnen diese Arbeit ist. Andere, die
es lernten, traten mit einem Fortschritt wieder heraus und merkten,
daß sie gelernt hatten, an allem, was draußen war. Am merkwürdigsten
aber sind diese Räume sicher für die gewesen, die schauen konnten.
Von einem Gefühl sanfter Notwendigkeit geführt, kamen sie hierher,
manchmal von weit, und es war für sie das, was eines Tages kommen
mußte, hier zu stehen, unter dem Schutz dieser Dinge. Es war ein
Abschluß und ein Anfang und die stille Erfüllung des Wunsches, daß es
irgendwo ein Beispiel geben möge unter all den Worten, eine einfache
Wirklichkeit des Gelingens. Zu solchen trat dann wohl Rodin heran und
bewunderte mit ihnen, was sie bewunderten. Denn der dunkle Weg seiner
absichtslosen Arbeit, der durch das Handwerk führt, ermöglicht ihm, vor
seinen vollendeten Dingen, die er nicht überwacht und bevormundet hat,
selber bewundernd zu stehen, wenn sie erst da sind und ihn übertreffen.
Und seine Bewunderung ist jedesmal besser, gründlicher, entzückter als
die des Besuchers. Seine unbeschreibliche Konzentrierung kommt ihm
überall zu-gute. Und wenn er im Gespräch die Zumutung der Inspiration
nachsichtig und mit ironischem Lächeln abschüttelt und meint, es
gebe keine--, keine Inspiration, sondern nur Arbeit, so begreift man
plötzlich, daß für diesen Schaffenden die Eingebung dauernd geworden
ist, daß er sie nicht mehr kommen fühlt, weil sie nicht mehr aussetzt,
und man ahnt den Grund seiner ununterbrochenen Fruchtbarkeit.
"Avez-vous bien travaillé?"--ist die Frage, mit der er jeden begrüßt,
der ihm lieb ist; denn wenn die bejaht werden kann, so ist weiter
nichts mehr zu fragen, und man kann beruhigt sein: wer arbeitet,
ist glücklich. Für Rodins einfache und einheitliche Natur, die über
unglaubliche Kraftvorräte verfügt, war diese Lösung möglich; für sein
Genie war sie notwendig; nur so konnte es sich der Welt bemächtigen.
Zu arbeiten, wie die Natur arbeitet, nicht wie Menschen, das war seine
Bestimmung.
Vielleicht hat das Sebastian Melmoth empfunden, als er einsam, an
einem seiner traurigen Nachmittage hinausgegangen war, die _Porte de
l'Enfer_ zu sehen. Vielleicht hat die Hoffnung, neu anzufangen, noch
einmal in seinem halbzerstörten Herzen gezuckt. Vielleicht hätte er,
wenn es möglich gewesen wäre, den Mann, als er mit ihm allein war,
fragen mögen: Wie ist Ihr Leben gewesen?
Und Rodin hätte geantwortet: Gut.
Haben Sie Feinde gehabt?
Sie haben mich nicht am Arbeiten hindern können.
Und der Ruhm?
Hat mich verpflichtet, zu arbeiten.
Und die Freunde?
Haben Arbeit von mir verlangt.
Und die Frauen?
In der Arbeit hab ich sie bewundern gelernt.
Aber Sie sind jung gewesen?
Da war ich irgendeiner. Man begreift nichts, wenn man jung ist; das
kommt später, langsam.
Was Sebastian Melmoth nicht gefragt hat, vielleicht hat es mancher
gedacht, wenn er zu dem Meister hinübersah, immer wieder, erstaunt
über die dauerhafte Kraft des fast Siebzigjährigen, über diese Jugend
in ihm, die nichts Konserviertes hat, die frisch ist, als käme sie ihm
immer wieder aus der Erde zu.
Und Sie selbst fragen, ungeduldiger, nochmals: Wie ist sein Leben
gewesen?
Wenn ich zögere, es Ihnen zu erzählen, der Zeit nach, wie man
Lebensläufe berichtet, so ist es, weil es mir scheint, als ob alle
Daten, die man kennt (und es sind nur sehr vereinzelte), wenig
persönlich und recht allgemein wären im Vergleich zu dem, was dieser
Mann aus ihnen gemacht hat. Von allem, was vorher war, abgetrennt
durch das ungangbare Gebirge des gewaltigen Werkes, hat man es schwer,
Vergangenes zu erkennen; man ist auf das angewiesen, was der Meister
selbst gelegentlich erzählt hat und was von anderen wiedererzählt
worden ist.
Von der Kindheit hat man nur erfahren, daß der Knabe frühzeitig aus
Paris in eine kleine Pension nach Beauvais gebracht worden ist, wo
er das Haus entbehrt und, zart und empfindsam, unter denen leidet,
die ihn mit Fremdheit und Rücksichtslosigkeit umgeben. Er kommt
als Vierzehnjähriger zurück nach Paris und lernt in einer kleinen
Zeichenschule zuerst den Ton kennen, den er am liebsten nicht wieder
aus den Händen ließe: so sehr sagt dieses Material ihm zu. Wie
überhaupt alles ihm gefällt, was Arbeit ist: er arbeitet sogar während
des Essens, er liest, er zeichnet. Er zeichnet unterwegs auf der Straße
und ganz früh am Morgen, im Jardin des Plantes, die verschlafenen
Tiere. Und wozu ihn die Lust nicht verlockt, dazu treibt ihn die Armut.
Die Armut, ohne die sein Leben nicht denkbar wäre, und der er es nie
vergißt, daß sie ihn mit Tieren und Blumen gehalten hat, besitzlos
unter all dem Besitzlosen, das von Gott abhängt und nur von ihm.
Mit siebzehn Jahren tritt er bei einem Dekorateur ein und arbeitet
für ihn, wie später an der Manufaktur von Sèvres für Carrier-Belleuse
und für van Rasbourg in Antwerpen und in Brüssel. Sein eigentliches,
selbständiges Leben beginnt, der Öffentlichkeit gegenüber, etwa um
das Jahr 1877. Es beginnt damit, daß man ihn anklagt, die damals
ausgestellte Statue des _Âge d'airain_ durch Naturabguß verfertigt
zu haben. Es beginnt damit, daß man ihn anklagt. Er wüßte es jetzt
vielleicht kaum mehr, wenn nicht die öffentliche Meinung so ausdauernd
dabei geblieben wäre, ihn anzuklagen und abzuwehren. Er beklagt sich
nicht darüber; nur daß sich unter dem Einfluß der Feindseligkeit,
die nicht nachließ, ein gutes Gedächtnis für böse Erfahrungen in ihm
ausgebildet hat, das er sonst, mit seinem Sinn für das Wesentliche,
hätte verkümmern lassen. Sein Können war schon enorm zu jener Zeit, war
es schon im Jahre 1864, als die Maske des _Mannes mit der gebrochenen
Nase_ entstand. Er hatte sehr viel in seiner Abhängigkeit gearbeitet,
aber was da war, war von anderen Händen entstellt und trug nicht
seinen Namen. Die Modelle, die er für Sèvres ausgeführt hatte, fand
später Mr. Roger-Marx und erwarb sie; man hatte sie in der Fabrik als
unbrauchbar zu Scherben geworfen. Zehn Masken, für eines der Bassins
am Trocadero bestimmt, verschwanden, gleich nachdem sie angebracht
worden waren, von ihrem Platz und sind noch nicht wieder aufgefunden
worden. Die _Bürger von Calais_ bekamen nicht die Aufstellung, die der
Meister vorgeschlagen hatte; niemand wollte sich an der Enthüllung
dieses Denkmals beteiligen. In Nancy zwang man Rodin, am Sockel des
Standbildes Claude Lorrains Veränderungen vorzunehmen, die gegen seine
Überzeugung waren. Sie erinnern sich noch der unerhörten Ablehnung des
_Balzac von_ Seiten seiner Besteller, mit der Begründung, die Statue
wäre nicht ähnlich genug. Vielleicht haben Sie es in den Zeitungen
übersehen, daß noch vor zwei Jahren der probeweise vor dem Pantheon
aufgerichtete Gipsabguß des _Denkers_ durch Axthiebe zertrümmert
worden ist. Aber es ist möglich, daß Ihnen heut oder morgen eine
ähnliche Notiz auffällt, falls es wieder zum öffentlichen Ankauf
eines Rodinschen Werkes kommen sollte. Denn diese Liste, die nur eine
Auswahl der Kränkungen enthält, die man unablässig zu vermehren bemüht
war, wird wohl kaum abgeschlossen sein.
Es wäre denkbar, daß ein Künstler schließlich diesen immer wieder
erklärten Krieg angenommen hätte; Unwillen und Ungeduld hätten den
und jenen hinreißen können; aber wie sehr wäre er, auf den Kampfplatz
tretend, von seinem Werke entfernt worden. Es ist Rodins Sieg, daß
er in dem seinen ausharrte und Zerstörung in der Art der Natur
beantwortete: mit einem neuen Anfang und zehnfacher Fruchtbarkeit.
Wer sich scheut, den Vorwurf der Übertreibung auf sich zu nehmen, hat
überhaupt kein Mittel, Ihnen die Tätigkeit Rodins nach seiner Rückkehr
aus Belgien zu schildern. Der Tag begann für ihn mit der Sonne, aber
er endete nicht mit ihr; denn da wurde noch ein langer Streifen
Lampenlicht angefügt an die vielen hellen Stunden. Spät nachts, wenn
kein Modell mehr zu haben war, war die Frau, die sein Leben schon lange
mit rührender Hilfe und Hingabe teilte, immer bereit, die Arbeit in
dem dürftigen Zimmer zu ermöglichen. Sie war unscheinbar als Gehilfin,
ganz verschwindend in den vielen geringen Diensten, die ihr zufielen,
aber daß sie auch schön sein konnte, das läßt die _La Bellone_
genannte Büste nicht vergessen, und auch das schlichte spätere Bildnis
spricht davon. War auch sie schließlich müde, so erwies sich, daß das
Gedächtnis des Arbeitenden mit Formerinnerungen so sehr angefüllt war,
daß er keinen Grund hatte, die Arbeit zu unterbrechen.
Damals entstehen die Fundamente des ganzen unermeßlichen Werkes,
fast alle Arbeiten, die man kennt, setzen in jenen Tagen mit
einer verwirrenden Gleichzeitigkeit ein. Als wäre der Beginn der
Verwirklichung die einzige Gewähr, daß es möglich sein wird, so
Ungeheures durchzuführen. Und Jahre und Jahre hielt diese überlegene
Kraft unvermindert vor, und als endlich eine gewisse Erschöpfung
eintrat, war es nicht die Arbeit, die sie verschuldete, sondern
viel eher die ungesunden Verhältnisse der sonnenlosen Wohnung (in
der rue des Grands-Augustins), die Rodin lange gar nicht beachtet
hatte. Freilich, die Natur hatte er oft entbehrt, und manchmal an
Sonntagnachmittagen war man aufgebrochen; aber gewöhnlich war es Abend,
ehe man, gehend unter den vielen Gehenden (denn an die Benutzung
eines Omnibus war nicht zu denken jahrelang), an den Fortifications
angekommen war, vor denen, ungewiß und schon dämmernd, das Land begann,
nicht zu erreichen. Nun aber war es endlich möglich geworden, den alten
Wunsch auszuführen und ganz aufs Land zu ziehen; zuerst nach Bellevue
in das kleine Landhaus, in dem Scribe gewohnt hatte, und später auf die
Höhen von Meudon.
Dort war das Leben um vieles geräumiger geworden; das Haus (die
einstöckige Villa des Brillants mit dem hohen Louis-treize-Dach) war
klein und ist seither nicht vergrößert worden. Aber nun war ein Garten
da, der mit seinem heiteren Beschäftigtsein teilnahm an allem, was
geschah, und die Ferne war vor den Fenstern. Was sich nun in den neuen
Verhältnissen ausbreitete und immer wieder Zubauten beanspruchte, das
war nicht der Herr dieses Hauses, das waren seine geliebten Dinge,
die nun verwöhnt werden sollten. Für sie ist alles getan worden;
noch vor sechs Jahren hat er--Sie werden sich dessen erinnern--den
Ausstellungs-Pavillon vom Pont de l'Alma nach Meudon überführt und
diesen hellen hohen Raum draußen den Dingen überlassen, die ihn nun zu
Hunderten erfüllen.
Neben diesem "Musée Rodin" ist nach und nach ein sehr persönlich
ausgewähltes Museum antiker Statuen und Fragmente erwachsen, das Werke
griechischer und ägyptischer Arbeit enthält, von denen einzelne in
den Sälen des Louvre auffallen würden. In einem anderen Raum stehen
hinter attischen Vasen Bilder, denen man, auch ohne die Signatur
zu suchen, die richtigen Namen gibt: Ribot, Monet, Carrière, van
Gogh, Zuloaga, und unter Bildern, die man nicht zu nennen weiß, ein
paar, die auf Falguière zurückgehen, der ein großer Maler war. Es
ist natürlich, daß es nicht an Widmungen fehlt: die Bücher allein
bilden eine umfangreiche Bibliothek und eine seltsam selbständige,
unabhängig von der Wahl ihres Besitzers und doch nicht zufällig um
ihn gestellt. Alle diese Gegenstände sind von Sorgfalt umgeben und in
Ehren gehalten, aber niemand erwartet von ihnen, daß sie Annehmlichkeit
oder Stimmung verbreiten sollen. Fast hat man das Gefühl, Kunstdinge
verschiedenster Art und Zeit nie in so starker, unverminderter
Einzelwirkung erlebt zu haben, wie hier, wo sie nicht ehrgeizig
aussehen wie in einer Sammlung, und auch nicht gezwungen sind, aus dem
Vermögen ihrer Schönheit zu einem allgemeinen, von ihnen absehenden
Behagen beizutragen. Jemand hat einmal gesagt, daß sie gehalten wären
wie schöne Tiere, und er hat damit wirklich Rodins Beziehung zu den
Dingen, die ihn umgeben, festgestellt; denn wenn er, oft nachts noch,
unter ihnen herumgeht, vorsichtig, wie um nicht alle zu wecken, und
mit einem kleinen Licht schließlich zu einem antiken Marmor tritt,
der sich rührt, aufwacht und plötzlich aufsteht: so ist es das Leben,
das er suchen gegangen ist und das er nun bewundert: "La vie, cette
merveille", wie er einmal schrieb.
Dieses Leben hat er hier in der ländlichen Einsamkeit seiner Wohnung
mit noch gläubigerer Liebe umfassen gelernt. Es zeigt sich ihm jetzt
wie einem Eingeweihten, es verbirgt sich ihm nirgends mehr, es hat
kein Mißtrauen ihm gegenüber. Er erkennt es im Kleinen und im Großen;
im kaum mehr Sichtbaren und im Unermeßlichen. Im Aufstehen und im
Schlafengehen ist es, und es ist im Nachtwachen; die schlichten
altmodischen Mahlzeiten sind erfüllt davon, das Brot, der Wein; in der
Freude der Hunde ist es, in den Schwänen und im glänzenden Kreisen der
Tauben. In jeder kleinen Blume ist es ganz, und hundertmal in jeder
Frucht. Irgendein Kohlblatt aus dem Küchengarten brüstet sich damit und
mit wieviel Recht. Wie gerne schimmert es im Wasser, und wie glücklich
ist es in den Bäumen. Und wie nimmt es, wo es kann, das Dasein der
Menschen in Besitz, wenn sie sich nicht sträuben. Wie stehn da drüben
die kleinen Häuser gut, genau wo sie stehen müssen, in den richtigen
Ebenen. Und wie prachtvoll springt bei Sèvres die Brücke über den Fluß,
absetzend, ruhend, ausholend und wieder springend, dreimal. Und ganz
dahinter der Mont-Valerien mit seinen Befestigungen, wie eine große
Plastik, wie eine Akropolis, wie ein antiker Altar. Und auch das hier
haben Menschen gemacht, die dem Leben nahestanden: diesen Apollo,
diesen ruhenden Buddha auf der offenen Blume, diesen Sperber und,
hier, diesen knappen Knabentorso, an dem keine Lüge ist. Auf solchen
Einsichten, die Nahes und Entferntes ihm fortwährend bestätigt, ruhen
die Arbeitstage des Meisters von Meudon. Arbeitstage sind es geblieben,
einer wie der andere, nur daß jetzt auch das mit zur Arbeit gehört,
dieses Hinausschauen und Mitallemsein und Verstehen. Je commence à
comprendre--sagt er manchmal nachdenklich und dankbar. "Und das kommt,
weil ich mich um eine Sache ernstlich bemüht habe; wer Eines versteht,
der versteht überhaupt; denn in allem sind dieselben Gesetze. Ich habe
die Skulptur gelernt, und ich wußte wohl, daß das etwas Großes ist.
Ich erinnere mich jetzt, daß ich einmal in der 'Nachfolge Christi', im
dritten Buch besonders, überall statt Gott Skulptur gesetzt hatte, und
es war richtig und stimmte--."
Sie lächeln, und es ist ganz in der Ordnung, bei dieser Stelle zu
lächeln; ihr Ernst ist so unbeschützt, daß man das Gefühl hat, ihn
verbergen zu müssen. Aber Sie merken schon, daß Worte, wie dieses,
nicht gemacht sind, um so laut gesprochen zu werden, wie ich hier
sprechen muß. Sie erfüllen vielleicht auch ihre Mission, wenn die
Einzelnen, die sie selbst empfangen haben, versuchen, ihr Leben danach
einzurichten.
Übrigens ist Rodin schweigsam wie alle Handelnden. Er gibt sich auch
selten das Recht, seine Einsichten in Worten zu verwenden, weil das des
Dichters ist; und der Dichter steht seiner Bescheidenheit weit über dem
Bildhauer, der, wie er einmal vor seiner schönen Gruppe _Le sculpteur
et sa muse_ mit verzichtendem Lächeln gesagt hat, "sich unbeschreiblich
anstrengen muß, in seiner Schwerfälligkeit, die Muse zu verstehen".
Trotzdem gilt, was von seiner Rede gesagt worden ist: "quelle
impression de bon repas, de nourriture enrichissante--"; denn hinter
jedem Wort seines Gesprächs steht, massiv und beruhigend, die schlichte
Wirklichkeit seiner erfahrenen Tage.
Sie können jetzt begreifen, daß diese Tage ausgefüllt sind. Der
Vormittag vergeht in Meudon; oft werden in den verschiedenen Ateliers
mehrere begonnene Arbeiten nacheinander vorgenommen und jede ein wenig
gefördert; dazwischen drängt sich, lästig und unabweisbar, der ganze
geschäftliche Verkehr, dessen Sorge und Mühsal dem Meister nicht
erspart bleibt, da fast keines seiner Werke durch den Kunsthandel
geht. Meistens schon um zwei Uhr wartet ein Modell in der Stadt, ein
Porträt-besteller oder ein Berufsmodell, und nur im Sommer erreicht es
Rodin, vor Einbruch der Dämmerung wieder in Meudon zu sein. Der Abend
draußen ist kurz und immer derselbe; denn um neun Uhr begibt man sich
regelmäßig zur Ruhe.
Und fragen Sie nach den Zerstreuungen, den Ausnahmen: es gibt im
Grunde keine; Renans "travailler, ça repose" hat vielleicht noch nie
so tägliche Gültigkeit angenommen wie hier. Aber die Natur erweitert
manchmal unversehens diese äußerlich so gleichen Tage und fügt Zeiten
ein, ganze Ferien, die vor dem Tagwerk liegen; sie läßt ihren Freund
nichts versäumen. Morgen, die sich glücklich fühlen, wecken ihn, und
er teilt mit ihnen. Er sieht seinem Garten zu, oder er kommt nach
Versailles zu dem prunkvollen Aufstehen der Parke, wie man zum Lever
des Königs kam. Er liebt die Unberührtheit dieser ersten Stunden.
"On voit les animaux et les arbres chez eux", sagt er heiter, und er
bemerkt alles, was am Wege steht und sich freut. Er hebt einen Pilz
auf, entzückt, und zeigt ihn Madame Rodin, die, gleich ihm, diese
frühen Wege nicht aufgegeben hat: "Sieh," sagt er angeregt, "und das
braucht nur eine Nacht; in einer Nacht ist das gemacht, alle diese
Lamellen. Das arbeitet gut."
Am Rande des Parkes dehnt sich die ländliche Landschaft. Ein
Viergespann pflügender Rinder wendet langsam und bewegt sich gewichtig
in dem frischen Feld. Rodin bewundert die Langsamkeit, das Ausführliche
im Langsamen, seine Fülle. Und dann: "C'est toute obéissance." Seine
Gedanken gehen ähnlich durch die Arbeit. Er versteht dieses Bild, wie
er die Bilder bei den Dichtern begreift, mit denen er sich manchmal
am Abend beschäftigt. (Das ist nicht mehr Baudelaire, Rousseau ist
es noch ab und zu, sehr oft ist es Platon.) Aber als jetzt von den
Übungsplätzen drüben aus Saint-Cyr über die ruhige Feldarbeit die
Hörner herüberrufen, aufrührerisch und rasch--, da lächelt er: er
sieht den Schild des Achill.
Und an der nächsten Biegung liegt die Landstraße vor ihm, "la belle
route", eben und lang und wie das Gehen selbst. Und auch das Gehen ist
ein Glück. Das hat ihn die belgische Zeit gelehrt. Sehr gewandt im
Arbeiten und von seinem damaligen Kompagnon aus verschiedenen Gründen
nur halb in Anspruch genommen, gewann er ganze Tage, um sie draußen zu
verbringen. Ein Malkasten war zwar mit, aber er wurde immer seltener
gebraucht, weil Rodin einsah, daß die Beschäftigung mit einer Stelle
ihn von der Freude an tausend anderen Dingen ablenkte, die er noch
so wenig kannte. So wurde es eine Zeit des Schauens. Rodin nennt
sie seine reichste. Die großen Buchenwälder von Soignes, die blanken
langen Straßen, die aus ihnen hinaus dem weiten Wind der Ebenen
entgegenlaufen, die klaren Estaminets, in denen Rast und Mahlzeit etwas
Festliches hatten bei aller Schlichtheit (gewöhnlich nur Brot in Wein
getaucht: "une trempête"): dieses war lange der Kreis seiner Eindrücke,
in den jedes einfache Ereignis eintrat wie mit einem Engel; denn er
erkannte hinter jedem die Flügel einer Herrlichkeit.
Er hat sicher recht, wenn er an dieses jahrelange Gehen und Schauen mit
einer Dankbarkeit ohnegleichen zurückdenkt. Es war seine Vorbereitung
auf die kommende Arbeit; es war ihre Vorbedingung in jedem Sinn; denn
damals nahm auch seine Gesundheit die endgültige dauernde Festigkeit
an, mit der er später rücksichtslos rechnen mußte.
Wie er aus jenen Jahren unerschöpfliche Frische mitbrachte, so kehrt
er jetzt noch jedesmal gestärkt und voll Arbeitslust von einem weiten
morgendlichen Wege zurück. Glücklich, wie mit guten Nachrichten, tritt
er bei seinen Dingen ein und geht auf eines zu, als hätte er ihm etwas
Schönes mitgebracht. Und ist im nächsten Augenblick vertieft, als
arbeite er seit Stunden. Und fängt an und ergänzt und verändert hier
und dort, als ginge er, durch das Gedränge, dem Ruf der Dinge nach, die
ihn nötig haben. Keines ist vergessen; die zurückgerückten warten auf
ihre Stunde und haben Zeit. Auch in einem Garten wächst nicht alles
zugleich. Blüten stehen neben Früchten, und irgendein Baum ist noch bei
den Blättern. Sagte ich nicht, daß es im Wesen dieses Gewaltigen liegt,
Zeit zu haben wie die Natur und hervorzubringen wie sie?
Ich wiederhole es, undesscheint mir immer noch wunderbar, daß es
einen Menschen gibt, dessen Arbeit zu solchen Maßen angewachsen ist.
Aber ich kann doch nicht den erschreckten Blick vergessen, der mich
einmal abwehrte, als ich in einem kleinen Kreise mich dieses Ausdrucks
bediente, um die ganze Größe Rodinschen Genies für einen Moment
gleichzeitig heraufzurufen. Eines Tages begriff ich diesen Blick.
Ich ging in Gedanken durch die ungeheuren Werkstätten, und ich
sah, daß alles im Werden war und nichts eilte. Da stand, riesig
zusammengeballt, der _Denker_, in Bronze, vollendet; aber er gehörte ja
in den immer noch wachsenden Zusammenhang des _Höllentors_. Da wuchs
das eine Denkmal für Victor Hugo heran, langsam, immerfort beobachtet,
vielleicht noch Abänderungen ausgesetzt, und weiterhin standen die
anderen Entwürfe, werdend. Da lag, wie ausgegrabenes Wurzelwerk
einer uralten Eiche, die Gruppe des Ugolino und wartete. Da wartete
das merkwürdige Denkmal für Puvis de Chavannes mit dem Tisch, dem
Apfelbaum und dem herrlichen Genius der ewigen Ruhe. Das da drüben
wird ein Denkmal für Whistler sein, und hier diese ruhende Gestalt
wird vielleicht einmal das Grab eines Unbekannten berühmt machen.
Es ist kaum durchzukommen; aber schließlich bin ich wieder vor dem
kleinen Gipsmodell der _Tour du Travail,_ das nun in seiner endgültigen
Anordnung nur des Bestellers harrt, der das riesige Beispiel seiner
Bilder aufrichten hilft unter den Menschen.
Aber da ist neben mir ein anderes Ding, ein stilles Gesicht, zu dem
eine leidende Hand gehört, und der Gips hat jene durchscheinende Weiße,
die er nur unter Rodins Werkzeug annimmt. Auf dem Gestell steht,
vorläufig vorgemerkt und schon wieder durchgestrichen: _Convalescente._
Und nun finde ich mich unter lauter namenlosen neuen werdenden Dingen;
sie sind gestern begonnen oder vorgestern oder vor Jahren; aber sie
haben dieselbe Unbekümmertheit wie jene anderen. Sie rechnen nicht.
Und da fragte ich mich zum ersten Male: Wie ist es möglich, daß sie
nicht rechnen? Warum ist dieses immense Werk immer noch im Ansteigen,
und wohin steigt es? Denkt es nicht mehr an seinen Meister? Glaubt
es wirklich in den Händen der Natur zu sein wie die Felsen, an denen
tausend Jahre hingehen wie ein Tag?