Hätte ich Ihnen von Menschen zu sprechen, so könnte ich dort anfangen,

wo Sie eben aufgehört haben, da Sie hier eintraten; in Ihre Gespräche

einfallend, würde ich, wie von selbst, zu allem kommen--, getragen,

mitgerissen von dieser bewegten Zeit, an deren Ufern alles Menschliche

zu liegen scheint, überschwemmt von ihr und auf eine unerwartete Weise

gespiegelt. Aber, da ich es versuche, meine Aufgabe zu überschauen,

wird mir klar, daß ich Ihnen nicht von Menschen zu reden habe, sondern

von Dingen.

DINGE.

Indem ich das ausspreche (hören Sie?), entsteht eine Stille; die

Stille, die um die Dinge ist. Alle Bewegung legt sich, wird Kontur, und

aus vergangener und künftiger Zeit schließt sich ein Dauerndes: der

Raum, die große Beruhigung der zu nichts gedrängten Dinge.

Aber nein: so fühlen Sie die Stille noch nicht, die da entsteht. Das

Wort: Dinge geht an Ihnen vorüber, es bedeutet Ihnen nichts: zu Vieles

und zu Gleichgültiges. Und da bin ich froh, daß ich die Kindheit

angerufen habe; vielleicht kann sie mir helfen, Ihnen dieses Wort ans

Herz zu legen als ein liebes, das mit vielen Erinnerungen zusammenhängt.

Wenn es Ihnen möglich ist, kehren Sie mit einem Teile Ihres entwöhnten

und erwachsenen Gefühls zu irgendeinem Ihrer Kinderdinge zurück, mit

dem Sie viel umgingen. Gedenken Sie, ob es irgend etwas gab, was

Ihnen näher, vertrauter und nötiger war, als so ein Ding. Ob nicht

alles--außer ihm--imstande war, Ihnen weh oder unrecht zu tun, Sie mit

einem Schmerz zu erschrecken oder mit einer Ungewißheit zu verwirren?

Wenn Güte unter Ihren ersten Erfahrungen war und Zutrauen und

Nichtalleinsein--verdanken Sie es nicht ihm? War es nicht ein Ding, mit

dem Sie zuerst Ihr kleines Herz geteilt haben wie ein Stück Brot, das

reichen mußte für zwei?

In den Legenden der Heiligen haben Sie später eine fromme Freudigkeit

gefunden, eine selige Demut, eine Bereitschaft, alles zu sein, die

Sie schon kannten, weil irgendein kleines Stück Holz alles das einmal

für Sie getan und auf sich genommen und getragen hatte. Dieser kleine

vergessene Gegenstand, der alles zu bedeuten bereit war, machte Sie mit

Tausenden vertraut, indem er tausend Rollen spielte, Tier war und Baum

und König und Kind,--und als er zurücktrat, war das alles da. Dieses

Etwas, so wertlos es war, hat Ihre Beziehungen zur Welt vorbereitet, es

hat Sie ins Geschehen und unter die Menschen geführt, und mehr noch:

Sie haben an ihm, an seinem Dasein, an seinem Irgendwie-Aussehn, an

seinem endlichen Zerbrechen oder seinem rätselhaften Entgleiten alles

Menschliche erlebt bis tief in den Tod hinein.

Sie erinnern sich dessen kaum mehr, und es wird Ihnen selten bewußt,

daß Sie auch jetzt noch Dinge nötig haben, die, ähnlich wie jene Dinge

aus der Kindheit, auf Ihr Vertrauen warten, auf Ihre Liebe, auf Ihre

Hingabe. Wie kommen diese Dinge dazu? Wodurch sind überhaupt Dinge mit

uns verwandt? Welches ist ihre Geschichte?

Sehr frühe schon hat man Dinge geformt, mühsam, nach dem Vorbild der

vorgefundenen natürlichen Dinge; man hat Werkzeuge gemacht und Gefäße,

und es muß eine seltsame Erfahrung gewesen sein, Selbstgemachtes so

anerkannt zu sehen, so gleichberechtigt, so wirklich neben dem, was

war. Da entstand etwas, blindlings, in wilder Arbeit und trug an sich

die Spuren eines bedrohten offenen Lebens, war noch warm davon,--aber

kaum war es fertig und fortgestellt, so ging es schon ein unter die

Dinge, nahm ihre Gelassenheit an, ihre stille Würde und sah nur noch

wie entrückt mit wehmütigem Einverstehen aus seinem Dauern herüber.

Dieses Erlebnis war so merkwürdig und so stark, daß man begreift,

wenn es auf einmal Dinge gab, die nur um seinetwillen gemacht waren.

Denn vielleicht waren die frühesten Götterbilder Anwendungen dieser

Erfahrung, Versuche, aus Menschlichem und Tierischem, das man sah, ein

Nichtmitsterbendes zu formen, ein Dauerndes, ein Nächsthöheres: ein

Ding.

Was für ein Ding? Ein schönes? Nein. Wer hätte gewußt, was Schönheit

ist? Ein ähnliches. Ein Ding, darin man das wiedererkannte, was man

liebte, und das, was man fürchtete, und das Unbegreifliche in alledem.

Erinnern Sie sich solcher Dinge? Da ist vielleicht eines, das Ihnen

lange nur lächerlich erschien. Aber eines Tages fiel Ihnen seine

Inständigkeit auf, der eigentümliche, fast verzweifelte Ernst, den

sie alle haben; und merkten Sie da nicht, wie über dieses Bild, gegen

seinen Willen beinah, eine Schönheit kam, die Sie nicht für möglich

gehalten hätten?

Wenn es einen solchen Augenblick gegeben hat, so will ich mich jetzt

auf ihn berufen. Es ist derjenige, mit dem die Dinge wieder in Ihr

Leben eintreten. Denn es kann keines an Sie rühren, wenn Sie ihm nicht

gestatten, Sie mit einer Schönheit zu überraschen, die nicht abzusehen

war. Schönheit ist immer etwas Hinzugekommenes, und wir wissen nicht

was.

Daß es eine ästhetische Meinung gab, die die Schönheit zu fassen

glaubte, hat Sie irregemacht und hat Künstler hervorgerufen, die ihre

Aufgabe darin sahen, Schönheit zu schaffen. Und es ist immer noch nicht

überflüssig geworden, zu wiederholen, daß man Schönheit nicht "machen"

kann. Niemand hat je Schönheit gemacht. Man kann nur freundliche oder

erhabene Umstände schaffen für das, was manchmal bei uns verweilen

mag: einen Altar und Früchte und eine Flamme--. Das andere steht nicht

in unserer Macht. Und das Ding selbst, das, ununterdrückbar, aus den

Händen eines Menschen hervorgeht, ist wie der Eros des Sokrates, ist

ein Daimon, ist zwischen Gott und Mensch, selber nicht schön, aber

lauter Liebe zur Schönheit und lauter Sehnsucht nach ihr.

Nun stellen Sie sich vor, wie diese Einsicht, wenn sie einem

Schaffenden kommt, alles verändern muß. Der Künstler, den diese

Erkenntnis lenkt, hat nicht an die Schönheit zu denken; er weiß

ebensowenig wie die anderen, worin sie besteht. Gelenkt von dem Drang

nach der Erfüllung über ihn hinausreichender Nützlichkeiten, weiß er

nur, daß es gewisse Bedingungen gibt, unter denen sie vielleicht zu

seinem Dinge zu kommen geruht. Und sein Beruf ist, diese Bedingungen

kennen zu lernen und die Fähigkeit zu erwerben, sie herzustellen.

Wer aber diese Bedingungen aufmerksam bis an ihr Ende verfolgt, dem

zeigt sich, daß sie nicht über die Oberfläche hinaus und nirgends

in das Innere des Dinges hineingehn; daß alles, was man machen

kann, ist: eine auf bestimmte Weise geschlossene, an keiner Stelle

zufällige Oberfläche herzustellen, eine Oberfläche, die, wie diejenige

der natürlichen Dinge, von der Atmosphäre umgeben, beschattet und

beschienen ist, nur diese Oberfläche,--sonst nichts. Aus allen den

großen anspruchsvollen und launenhaften Worten scheint die Kunst

auf einmal ins Geringe und Nüchterne gestellt, ins Alltägliche, ins

Handwerk. Denn was heißt das: eine Oberfläche machen?

Aber lassen Sie uns einen Augenblick überlegen, ob nicht alles

Oberfläche ist, was wir vor uns haben und wahrnehmen und auslegen und

deuten? Und was wir Geist und Seele und Liebe nennen: ist das nicht

alles nur eine leise Veränderung auf der kleinen Oberfläche eines nahen

Gesichts? Und wer uns das geformt geben will, muß er sich nicht an das

Greifbare halten, das seinen Mitteln entspricht, an die Form, die er

fassen und nachfühlen kann? Und wer alle Formen zu sehen und zu geben

vermöchte, würde der uns nicht (fast ohne es zu wissen) alles Geistige

geben? Alles, was je Sehnsucht oder Schmerz oder Seligkeit genannt war

oder gar keinen Namen haben kann in seiner unsagbaren Geistigkeit?

Denn alles Glück, von dem je Herzen gezittert haben; alle Größe, an

die zu denken uns fast zerstört; jeder von den weiten umwandelnden

Gedanken--: es gab einen Augenblick, da sie nichts waren als das

Schürzen von Lippen, das Hochziehn von Augenbrauen, schattige Stellen

auf Stirnen: und dieser Zug um den Mund, diese Linie über den Lidern,

diese Dunkelheit auf einem Gesicht,--vielleicht waren sie genau so

schon vorher da: als Zeichnung auf einem Tier, als Furche in einem

Felsen, als Vertiefung auf einer Frucht....

Es gibt nur eine einzige, tausendfältig bewegte und abgewandelte

Oberfläche. In diesem Gedanken konnte man einen Moment die ganze Welt

denken, und sie wurde einfach und als Aufgabe dem in die Hände gelegt,

der diesen Gedanken dachte. Denn ob etwas ein Leben werden kann, das

hängt nicht von den großen Ideen ab, sondern davon, ob man sich aus

ihnen ein Handwerk schafft, ein Tägliches, Etwas, was bei einem aushält

bis ans Ende.

Ich wage es jetzt, Ihnen den Namen zu nennen, der sich nicht länger

verschweigen läßt: Rodin. Sie wissen, es ist der Name unzähliger Dinge.

Sie fragen nach ihnen, und es verwirrt mich, daß ich Ihnen keines

zeigen kann. Aber mir ist, als sah ich eines und noch eines in Ihrer

Erinnerung, und als könnt ich sie dort herausheben, um sie mitten unter

uns zu stellen:

diesen Mann mit der gebrochenen Nase, unvergeßlich wie eine plötzlich

erhobene Faust;

diesen Jüngling, dessen aufrechte dehnende Bewegung Ihnen so nahe ist

wie das eigene Erwachen;

diesen Gehenden, der wie ein neues Wort für Gehen in dem Wortschatz

Ihres Gefühles steht;

und den, der sitzt, denkend mit dem ganzen Körper, sich einsaugend in

sich selbst;

und den Bürger mit dem Schlüssel, wie ein großer Schrank, in dem lauter

Schmerz eingeschlossen ist.

Und die Eva, wie von weit in die Arme hineingebogen, deren nach

auswärts gewendete Hände alles abwehren möchten, auch den eigenen,

sich verwandelnden Leib. Und die süße leise innere Stimme, armlos wie

Inneres und wie ein Organ ausgelöst aus dem Kreislauf jener Gruppe.

Und irgendein kleines Ding, dessen Namen Sie vergessen haben,

gemacht aus einer weißen, schimmernden Umarmung, die wie ein Knoten

zusammenhält; und jenes andere, das vielleicht Paolo und Francesca

heißt, und kleinere noch, die Sie in sich finden wie Früchte mit ganz

dünner Schale--

und: da werfen Ihre Augen, wie die Linsen einer Laterna magica, über

mich fort, einen riesigen Balzac an die Wand. Das Bild eines Schöpfers

in seinem Hochmut, stehend in seiner eigenen Bewegung wie in einem

Sturmwirbel, der die ganze Welt hinaufreißt in dieses kreißende Haupt.

Soll ich neben die Dinge aus Ihrer Erinnerung, nun, da sie da sind,

andere von diesen hundert und hundert Dingen stellen? Diesen Orpheus,

diesen Ugolino, diese heilige Therese, die die Wundenmale empfängt,

diesen Victor Hugo mit seiner großen, schrägen, beherrschenden Gebärde,

und jenen anderen, ganz hingegeben an Einflüsterungen, und einen

dritten noch, den drei Mädchenmunde von unten ansingen, wie eine um

seinetwillen aus der Erde brechende Quelle? Und ich fühle schon, wie

mir der Name im Munde zerfließt, wie das alles nur mehr der Dichter

ist, derselbe Dichter, der Orpheus heißt, wenn sein Arm auf einem

Ungeheuern Umweg über alle Dinge zu den Saiten geht, derselbe, der

krampfhaft, schmerzvoll die Füße der fliehenden Muse faßt, die sich

entzieht; derselbe, der endlich stirbt, das steil aufgestellte Gesicht

im Schatten seiner in der Welt weitersingenden Stimmen, und so stirbt,

daß dieselbe kleine Gruppe manchmal auch Auferstehung heißt.--

Wer aber vermag nun die Welle der Liebenden aufzuhalten, die sich

draußen aufhebt auf dem Meere dieses Werkes? Mit diesen unerbittlich

verbundenen Gestalten kommen Schicksale heran und süße und trostlose

Namen--: aber auf einmal sind sie fort, wie ein Glanz, der sich

zurückzieht--und man sieht den Grund. Man sieht Männer und Frauen,

Männer und Frauen, immer wieder Männer und Frauen. Und je länger man

hinsieht, desto mehr vereinfacht sich auch dieser Inhalt, und man

sieht: Dinge.

Hier werden meine Worte machtlos und kehren zu der großen Einsicht

zurück, auf die ich Sie schon vorbereitet habe, zu dem Wissen von der

einen Oberfläche, mit welchem dieser Kunst die ganze Welt angeboten

war. Angeboten, noch nicht gegeben. Um sie zu nehmen, bedurfte es

(bedarf es immer noch) unendlicher Arbeit. Bedenken Sie, wie der

arbeiten mußte, der aller Oberfläche mächtig werden wollte; da doch

kein Ding dem andern gleich ist. Einer, dem es nicht darum zu tun

war, den Leib im allgemeinen kennen zu lernen, das Gesicht, die Hand

(das alles gibt es nicht); sondern alle Leiber, alle Gesichter, alle

Hände. Was für eine Aufgabe erhebt sich da! Und wie schlicht und ernst

ist sie; wie ganz ohne Anlockung und Versprechung; wie ganz ohne

Phrase. Ein Handwerk entsteht, aber es scheint ein Handwerk für einen

Unsterblichen zu sein, so weit ist es, so ohne Absehn und Ende und

so sehr auf Immer-noch-Lernen angelegt. Und wo war eine Geduld, die

solchem Handwerk gewachsen war?

Sie war in der Liebe dieses Arbeitenden, sie erneute sich unaufhörlich

aus ihr. Denn das ist vielleicht das Geheimnis dieses Meisters, daß

er ein Liebender war, dem nichts widerstehen konnte. Sein Verlangen

war so lang und leidenschaftlich und ununterbrochen, daß alle Dinge

ihm nachgaben: die natürlichen Dinge und alle die rätselhaften Dinge

aller Zeiten, in denen Menschliches sich sehnte, Natur zu sein.

Er blieb nicht bei denen stehen, die leicht zu bewundern sind. Er

wollte das Bewundern ganz erlernen bis ans Ende. Er nahm die schweren

verschlossenen Dinge auf sich und trug sie, und sie drückten ihn mehr

und mehr in sein Handwerk hinein mit ihrer Last. Unter ihrem Drucke

muß ihm klar geworden sein, daß es bei den Kunstdingen, genau wie bei

einer Waffe oder einer Wage, nicht darauf ankommt, irgendwie auszusehen

und durch das Aussehn zu "wirken", sondern daß es sich vielmehr darum

handelt, gut gemacht zu sein.

Dieses Gut-Machen, dieses Arbeiten mit reinstem Gewissen, war alles.

Ein Ding nachformen, das hieß: über jede Stelle gegangen sein, nichts

verschwiegen, nichts übersehen, nirgends betrogen haben; alle die

hundert Profile kennen, alle die Aufsichten und Untersichten, jede

Überschneidung. Erst dann war ein Ding da, erst dann war es Insel,

überall abgelöst von dem Kontinent des Ungewissen.

Diese Arbeit (die Arbeit am Modelé) war die gleiche bei allem, was man

machte, und sie mußte so demütig, so dienend, so hingegeben getan sein,

so ohne Wahl an Gesicht und Hand und Leib, daß nichts Benanntes mehr da

war, daß man nur formte, ohne zu wissen, was gerade entstand, wie der

Wurm, der seinen Gang macht im Dunkel von Stelle zu Stelle. Denn wer

ist noch unbefangen Formen gegenüber, die einen Namen haben? Wer wählt

nicht schon aus, wenn er etwas Gesicht nennt? Der Schaffende aber hat

nicht das Recht zu wählen. Seine Arbeit muß von gleichmäßigem Gehorsam

durchdrungen sein. Uneröffnet gleichsam, wie Anvertrautes, müssen die

Formen durch seine Finger gehen, um rein und heil in seinem Werke zu

sein.

Und das sind die Formen in Rodins Werk: rein und heil; ohne zu fragen,

hat er sie weitergegeben an seine Dinge, die wie nie berührt sind, wenn

er sie verläßt. Licht und Schatten wird leiser über ihnen wie über ganz

frischen Früchten und bewegter, wie vom Morgenwind darüber hingeführt.

Hier muß von der Bewegung gesprochen werden; nicht in dem Sinne

allerdings, in dem es oft und vorwurfsvoll geschah; denn die Bewegtheit

der Gebärden, die in dieser Skulptur viel bemerkt worden ist, geht

innerhalb der Dinge vor sich, gleichsam als ein innerer Kreislauf, und

stört niemals ihre Ruhe und die Stabilität ihrer Architektur. Es wäre

auch keine Neuerung gewesen, Bewegtheit in die Plastik einzuführen.

Neu ist die Art von Bewegung, zu der das Licht gezwungen wird durch

die eigentümliche Beschaffenheit dieser Oberflächen, deren Gefälle so

vielfach abgewandelt ist, daß es da langsam fließt und dort stürzt,

bald seicht und bald tief erscheint, spiegelnd oder matt. Das Licht,

das eines dieser Dinge berührt, ist nicht mehr irgendein Licht, es

hat keine zufälligen Wendungen mehr; das Ding nimmt von ihm Besitz und

gebraucht es wie sein eigenes.

Diese Erwerbung und Aneignung des Lichts als Folge einer ganz klar

bestimmten Oberfläche hat Rodin als eine wesentliche Eigenschaft

plastischer Dinge wiedererkannt. Die Antike und die Gotik hatten,

jede auf ihre Art, Lösungen dieser plastischen Aufgabe gesucht, und

er hat sich in uralte Traditionen gestellt, indem er die Gewinnung

des Lichtes zu einem Teil seiner Entwickelung machte. Es gibt da

wirklich Steine mit eigenem Licht, wie das gesenkte Gesicht auf

dem Block im Luxembourg-Museum, _La Pensée_, das, vorgeneigt bis

zum Schattigsein, über das weiße Schimmern seines Steines gehalten

ist, unter dessen Einfluß die Schatten sich auflösen und in ein

durchsichtiges Helldunkel übergehen. Und wer denkt nicht mit Entzücken

an eine der kleinen Gruppen, wo zwei Leiber eine Dämmerung schaffen, um

sich darin leise, mit verhaltenem Licht zu begegnen? Und ist es nicht

merkwürdig, das Licht über den liegenden Rücken der Danaïde gehen zu

sehen: langsam, als ob es kaum vorwärts käme seit Stunden. Und wußte

noch jemand von dieser ganzen Skala der Schatten bis hinauf zu jenem

leicht verscheuchten dünnen Dunkel, wie es manchmal um den Nabel

kleiner Antiken huscht, und das wir nur mehr aus der Rundung hohler

Rosenblätter kannten?

In solchen--kaum sagbaren--Fortschritten liegt die Steigerung in Rodins

Werk. Mit der Unterwerfung des Lichts begann auch schon die nächste

große Überwindung, der seine Dinge ihre Gestalt verdanken, jene Art

Groß-sein, die unabhängig ist von allen Maßen. Ich meine die Erwerbung

des Raumes.

Wieder waren es die Dinge, die sich seiner annahmen, wie schon oft,

die Dinge draußen in der Natur und einzelne Kunstdinge von erhabener

Abstammung, die er immer wieder befragen kam. Sie wiederholten ihm

jedesmal eine Gesetzmäßigkeit, von der sie erfüllt waren und die

er nach und nach begriff. Sie gewährten ihm einen Blick in eine

geheimnisvolle Geometrie des Raumes, die ihn einsehen ließ, daß die

Konturen eines Dinges in der Richtung einiger gegeneinander geneigter

Ebenen sich ordnen müssen, damit dieses Ding vom Räume wirklich

aufgenommen, gleichsam von ihm anerkannt sei in seiner kosmischen

Selbständigkeit.

Es ist schwer, diese Erkenntnis präzise auszusprechen. Aber am Werke

Rodins läßt sich zeigen, wie er sie verwendet. Immer energischer und

sicherer werden die vorhandenen Details in starken Flächeneinheiten

zusammengefaßt, und endlich stellen sie sich, wie unter dem Einfluß

rotierender Kräfte, in einigen großen Ebenen auf, richten sich aus,

sozusagen, und man meint zu sehen, wie diese Ebenen zum Himmelsglobus

gehören und ins Unendliche sich fortsetzen lassen.

Da ist der _Jüngling des Âge d'airain_, der noch wie in einem

Innenraum steht, um den _Johannes_ weicht es schon auf allen Seiten

zurück, um den _Balzac_ ist die ganze Atmosphäre--aber ein paar

hauptlose Akte, der neue ungeheuere Gehende vor allem, sind wie über

uns hinausgestellt, wie ins All, wie unter die Sterne in ein weites

unbeirrbares Kreisen.

Aber wie in einem Märchen das Übergroße, wenn es einmal bewältigt

ist, sich klein macht für seinen Überwinder, um ihm ganz zu gehören,

so hat der Meister diesen von seinen Dingen gewonnenen Raum wirklich

in Besitz nehmen dürfen als sein Eigentum. Denn er ist ganz, mit

aller Unermeßlichkeit, in den seltsamen Blättern, von denen man immer

wieder meinen möchte, daß sie das Äußerste dieses Werkes sind. Diese

Zeichnungen aus den letzten zehn Jahren sind nicht, wofür manche sie

nehmen wollten, rasche Anmerkungen, Vorbereitendes, Vorläufiges; sie

enthalten das Endgültigste einer langen ununterbrochenen Erfahrung.

Und sie enthalten es, wie durch ein fortwährendes Wunder, in einem

Nichts, in einem raschen Umriß, in einem atemlos der Natur abgenommenen

Kontur, in dem Kontur eines Konturs, den sie selber abgelegt zu

haben scheint, weil er ihr zu zart und zu kostbar war. Niemals sind

Linien, auch in den seltensten japanischen Blättern nicht, von solcher

Ausdrucksfähigkeit gewesen und zugleich so absichtslos. Denn hier ist

nichts Dargestelltes, nichts Gemeintes, keine Spur von einem Namen.

Und doch, was ist hier nicht? Welches Halten oder Loslassen oder

Nichtmehr-Haltenkönnen, welches Neigen und Strecken und Zusammenziehen,

welches Fallen oder Fliegen sah oder ahnte man je, das hier nicht

wieder vorkommt? Und wenn es irgendwo vorkam, so verlor man es: denn es

war so flüchtig und fein, so wenig für einen bestimmt, daß man nicht

fähig war, ihm einen Sinn zu geben. Jetzt erst, da man es unvermutet

in diesen Blättern wiedersieht, weiß man seine Bedeutung: das Äußerste

von Lieben und Leiden und Trostlos- und Seligsein geht von ihnen aus,

man begreift nicht warum. Da sind Gestalten, die aufsteigen, und

dieses Aufsteigen ist so hinreißend, wie nur ein Morgen es sein kann,

wenn die Sonne ihn auseinanderdrängt. Und da sind leichte, sich rasch

entfernende Gestalten, die, indem sie fortgehen, einen mit Bestürzung

erfüllen, als könnte man sie nicht entbehren. Da sind Liegende, um die

herum Schlaf entsteht und geballte Träume; und Träge, ganz schwer von

Trägheit, die warten; und Lasterhafte, die nicht mehr warten wollen.

Und man sieht ihr Laster, und es ist wie das Wachsen einer Pflanze,

die im Wahnsinn wächst, weil sie nicht anders kann; man begreift,

wieviel vom Neigen einer Blume auch noch in dieser sich Neigenden

ist, und daß alles das Welt ist, auch noch diese Figur, die, wie ein

Sternbild im Tierkreis, für immer entrückt ist und festgehalten in

ihrer leidenschaftlichen Vereinsamung.

Wenn aber eine von den bewegten Gestalten unter ein wenig grüner Farbe

sichtbar wird, so ist es das Meer oder der Meeresgrund, und sie rührt

sich anders, mühsamer, unter dem Wasser; und es genügt ein Wink mit

Blau hinter einer fallenden Figur, so stürzt sich der Raum auf allen

Seiten in das Blatt hinein und umgibt sie mit so viel Nichts, daß einen

der Schwindel nimmt und man unwillkürlich nach der Hand des Meisters

greift, die, mit einer zärtlich gebenden Wendung, die Zeichnung hinhält.

Nun hab ich Sie, merk ich, eine Gebärde des Meisters sehen lassen.

Sie verlangen andere. Sie fühlen sich vorbereitet genug, um Äußeres

und Äußerliches sogar ergänzend einordnen zu können, daß es zum Zuge

würde im persönlichen Bilde. Sie verlangen den Wortlaut eines Satzes

zu hören, wie er gesprochen worden ist; sie wollen Orte und Daten

eintragen in die Berg- und Flußkarte dieses Werkes.

Da ist eine nach einem Ölbild hergestellte Photographie. Sie zeigt

undeutlich einen jungen Mann aus dem Ende der sechziger Jahre. Die

einfachen Linien in dem bartlosen Gesicht sind nahezu hart, aber die

klar im Dunkel stehenden Augen verbinden das Einzelne zu einem milden,

fast träumerischen Ausdruck, wie ihn junge Menschen unter dem Einfluß

der Einsamkeit bekommen; es ist fast das Antlitz von einem, der gelesen

hat bis zum Dunkel-werden.

Aber da ist ein anderes Bild; um 1880. Da sieht man einen Mann, geprägt

von Tätigkeit. Das Gesicht ist abgemagert, der lange Bart läßt sich

nachlässig hinabgleiten auf die breitschultrig angelegte Büste, über

der der Rock zu weit geworden ist. In den aschblonden, verblaßten Tönen

der Photographie meint man zu erkennen, daß die Lider gerötet sind,

aber der Blick tritt sicher und entschlossen aus den überanstrengten

Augen, und in der Haltung ist eine elastische Spannung, die nicht

brechen wird.

Und mit einemmal, nach ein paar Jahren, scheint das alles umgewandelt.

Aus dem Vorläufigen und Unbestimmten ist ein Endgültiges geworden, das

gemacht ist, lange zu dauern. Auf einmal ist diese Stirne da, "felsig"

und steil, aus der die gerade starke Nase entspringt, deren Flügel

leicht und empfindlich sind. Wie unter alten steinernen Bogen liegen

die Augen weitsichtig nach außen und innen. Der Mund einer faunischen

Maske, halb verborgen und vermehrt um das sinnliche Schweigen neuer

Jahrhunderte, und darunter der Bart, wie zu lange zurückgehalten,

hervorstürzend in einer einzigen weißen Welle. Und die Gestalt, die

dieses Haupt trägt, wie nicht von der Stelle zu rücken.

Auguste Rodin Mit 96 Vollbildern · 第 4 / 6 段