Mehrere von den Denkmälern Rodins sind nach Amerika gegangen, und das

reifste von diesen ist bei den Unruhen in Chile zerstört worden, noch

ehe es an seinen Platz gebracht worden war. Es war das Reiterstandbild

des Generals Lynch. Gleich dem verlorenen Meisterwerke Lionardos,

dem es sich vielleicht durch die Macht des Ausdrucks und durch die

wundervoll beseelte Einheit von Mann und Roß näherte, sollte auch

diese Statue nicht erhalten bleiben. Nach einem kleinen Gipsmodell im

Musée Rodin in Meudon muß man schließen, daß sie das plastische Bild

eines mageren Mannes war, der sich gebietend im Sattel aufrichtete,

nicht in der brutalen Herrenart eines Kondottiere, sondern nervöser

und erregter, mehr wie einer, der die Macht zu befehlen nur ausübt

als Amt und sie nicht als Leben lebt. Hier schon erhob sich übrigens

die vorwärtsweisende Hand des Generals aus der ganzen Masse des

Standbildes, aus Mensch und Tier; und dieser Umstand ist es auch,

welcher der Gebärde Victor Hugos ihre unvergeßliche Hoheit, dieses

Weit-Herkommende gibt, diese Macht, an die man glaubt, auf den ersten

Blick. Die große, lebendige Greisenhand, die mit dem Meere redet, kommt

nicht aus dem Dichter allein; sie steigt herab von dem Gipfel der

ganzen Gruppe wie von einem Berge, auf dem sie betete, ehe sie sprach.

Victor Hugo ist hier der Verbannte, der Einsame von Guernsey, und es

ist eines von den Wundern dieses Denkmales, daß die Musen, die ihn

umgeben, nicht wie Gestalten wirken, die den Verlassenen heimsuchen:

sie sind, im Gegenteil, seine sichtbar gewordene Einsamkeit. Durch

die Verinnerlichung der einzelnen Figuren und die Konzentration, man

möchte sagen: um das Innere des Dichters, hat Rodin diesen Eindruck

erreicht; indem er auch hier wieder von einer Individualisierung der

Berührungsstellen ausging, ist es ihm gelungen, die wundervoll bewegten

Akte gleichsam zu Organen des sitzenden Mannes zu machen. Sie sind

um ihn wie große Gebärden, die er einmal getan hat, Gebärden, die so

schön und jung waren, daß ihnen eine Göttin die Gnade verlieh, nicht

zu vergehen und in der Gestalt schöner Frauen immer zu dauern. Für die

Figur des Dichters selbst hat Rodin viele Studien gemacht. Während

der Empfänge im Hôtel Lusignan beobachtete und notierte er, von einer

Fensternische aus, hundert und hundert Bewegungen des Greises und

alle Ausdrücke seines belebten Gesichtes. Aus diesen Vorbereitungen

entstanden die Porträts Hugos, die Rodin geschaffen hat. Für das

Denkmal bedurfte es einer noch weiteren Vertiefung. Er drängte alle die

Einzeleindrücke zurück, faßte sie in der Ferne zusammen, und, wie man

vielleicht aus einer Reihe von Rhapsoden eine Gestalt gebildet hat:

Homer, so schuf er aus allen Bildern seiner Erinnerung dieses eine.

Und diesem einen, letzten Bilde gab er die Größe des Sagenhaften; als

könnte das alles am Ende nur ein Mythos gewesen sein und zurückgehen

auf einen phantastisch ragenden Felsen am Meer, in dessen seltsamen

Formen entfernte Völker eine Gebärde schlafen sahen.

Diese Macht, Vergangenes zum Unvergänglichen zu erheben, offenbarte

Rodin immer, wenn historische Stoffe oder Gestalten in seiner Kunst

aufzuleben verlangten; am überlegensten vielleicht in den _Bürgern von

Calais_. Was hier Stoff war, beschränkte sich auf einige Spalten in der

Chronik des Froissart. Es war die Geschichte, wie die Stadt Calais von

Eduard III., dem englischen Könige, belagert wird; wie der König der in

der Furcht des Hungers verzagenden Stadt nicht Gnade geben will; wie

derselbe König endlich einwilligt, von der Stadt abzulassen, wenn sechs

ihrer vornehmsten Bürger sich in seine Hände geben, "damit er mit ihnen

tue nach seinem Willen". Und er verlangt, daß sie die Stadt verlassen

sollen, barhaupt, nur mit dem Hemde bekleidet, einen Strick um den Hals

und die Schlüssel von Stadt und Kastell in der Hand. Der Chronist

erzählt nun die Szene in der Stadt; er berichtet, wie der Bürgermeister

Messire Jean de Vienne die Glocken läuten läßt, und wie die Bürger sich

auf dem Marktplatze versammeln. Sie haben die bange Botschaft gehört

und warten und schweigen. Aber schon stehen unter ihnen die Helden auf,

die Auserwählten, die den Beruf in sich fühlen, zu sterben. Hier drängt

sich durch die Worte des Chronisten das Schreien und Weinen der Menge.

Er selbst scheint eine Weile ergriffen zu sein und mit zitternder

Feder zu schreiben. Aber er sammelt sich wieder. Er nennt vier von den

Helden beim Namen, zwei vergißt er. Er sagt von dem einen, daß er der

reichste Bürger der Stadt war, von dem zweiten, daß er Ansehen und

Vermögen besaß und "zwei schöne Fräulein zu Töchtern hatte", von dem

dritten weiß er nur, daß er reich an Besitz und Erbschaft war, und

von dem vierten, daß er des dritten Bruder gewesen ist. Er berichtet,

daß sie sich bis auf das Hemde entkleideten, daß sie Stricke um ihren

Hals banden und daß sie so aufbrachen, mit den Schlüsseln von Stadt

und Kastell. Er erzählt, wie sie in das Lager des Königs kamen; er

schildert, wie hart sie der König empfing und wie der Henker schon

neben ihnen stand, als der Fürst, auf die Bitten der Königin hin, ihnen

das Leben schenkte. "Er hörte auf seine Gemahlin"--sagt Froissart,

"weil sie sehr schwanger war." Mehr enthält die Chronik nicht.

Für Rodin aber war das Stoff genug. Er fühlte sofort, daß es in dieser

Geschichte einen Augenblick gab, wo etwas Großes geschah, etwas, was

von Zeit und Namen nicht wußte, etwas Unabhängiges und Einfaches. Er

wandte alle Aufmerksamkeit dem Moment des Aufbruchs zu. Er sah, wie

diese Männer ihren Gang begannen; er fühlte, wie in jedem noch einmal

das ganze Leben war, das er gehabt hatte, wie jeder, beladen mit seiner

Vergangenheit, dastand, bereit, sie hinauszutragen aus der alten Stadt.

Sechs Männer tauchten vor ihm auf, von denen keiner dem anderen glich;

nur zwei Brüder waren unter ihnen, zwischen denen vielleicht eine

gewisse Ähnlichkeit bestand. Aber jeder einzelne hatte auf seine Art

den Entschluß gefaßt und lebte diese letzte Stunde auf seine Weise,

feierte sie mit seiner Seele und litt sie an seinem Leibe, der am

Leben hing. Und dann sah er auch die Gestalten nicht mehr. In seiner

Erinnerung stiegen Gebärden auf, Gebärden der Absage, des Abschiedes,

des Verzichts. Gebärden über Gebärden. Er sammelte sie. Er bildete sie

alle. Sie flössen ihm aus der Fülle seines Wissens zu. Es war, als

stünden in seinem Gedächtnis hundert Helden auf und drängten sich zu

dem Opfer. Und er nahm alle hundert an und machte aus ihnen sechs. Er

bildete sie nackt, jeden für sich, in der ganzen Gesprächigkeit ihrer

fröstelnden Leiber. Überlebensgroß: in der natürlichen Größe ihres

Entschlusses.

Er schuf den alten Mann mit den hängenden Armen, die in den Gelenken

gelockert sind; und er gab ihm den schweren, schleppenden Schritt, den

abgenützten Gang der Greise, und einen Ausdruck von Müdigkeit, der über

sein Gesicht fließt bis in den Bart.

Er schuf den Mann, welcher den Schlüssel trägt. In ihm ist Leben noch

für viele Jahre und alles in die plötzliche letzte Stunde gedrängt. Er

erträgt es kaum. Seine Lippen sind zusammengepreßt, seine Hände beißen

in den Schlüssel. Er hat Feuer an seine Kraft gelegt, und sie verbrennt

in ihm, in seinem Trotze. Er schuf den Mann, der den gesenkten Kopf mit

beiden Händen hält, wie um sich zu sammeln, um noch einen Augenblick

allein zu sein.

Er schuf die beiden Brüder, von denen der eine noch zurückschaut,

während der andere mit einer Bewegung der Entschlossenheit und Ergebung

das Haupt neigt, als hielte er's schon dem Henker hin.

Und er schuf die vage Gebärde jenes Mannes, der "durch das Leben geht".

"Le Passant" hat Gustave Geffroy ihn genannt. Er geht schon, aber

er wendet sich noch einmal zurück, nicht zu der Stadt, nicht zu den

Weinenden und nicht zu denen, die mit ihm gehen. Er wendet sich zurück,

zu sich selbst. Sein rechter Arm hebt sich, biegt sich, schwankt;

seine Hand tut sich auf in der Luft und läßt etwas los, etwa so, wie

man einem Vogel die Freiheit gibt. Es ist ein Abschied von allem

Ungewissen, von einem Glück, das noch nicht war, von einem Leid, das

nun umsonst warten wird, von Menschen, die irgendwo leben und denen man

vielleicht einmal begegnet wäre, von allen Möglichkeiten aus morgen und

übermorgen, und auch von jenem Tod, den man sich fern dachte, milde und

still, und am Ende einer langen, langen Zeit. Diese Gestalt, allein in

einen alten, dunklen Garten gestellt, könnte ein Denkmal sein für alle

Jungverstorbenen.

Und so hat Rodin jedem dieser Männer ein Leben gegeben in dieses Lebens

letzter Gebärde.

Die einzelnen Figuren wirken erhaben in ihrer einfachen Größe. Man

denkt an Donatello und vielleicht noch mehr an Claux Sluter und seine

Propheten in der Chartreuse von Dijon.

Es scheint zunächst, als hätte Rodin nichts weiter getan, sie

zusammenzufassen. Er hat ihnen die gemeinsame Tracht gegeben, das Hemd

und den Strick, und hat sie nebeneinandergestellt in zwei Reihen; die

drei, welche schon im Schreiten begriffen sind, in die erste Reihe,

die anderen, mit einer Wendung nach rechts, dahinter, als ob sie sich

anschlössen. Der Platz, für den das Denkmal bestimmt war, war der

Markt von Calais, dieselbe Stelle, auf der einst der schwere Gang

begonnen hatte. Dort sollten jetzt die stillen Bilder stehen, von einer

niedrigen Stufe nur wenig emporgehoben über den Alltag, so als stünde

der bange Aufbruch immer bevor, mitten in jeder Zeit.

Man weigerte sich aber in Calais, einen niedrigen Sockel zu nehmen,

weil es der Gewohnheit widersprach. Und Rodin schlug eine andere

Aufstellungsart vor. Man sollte, verlangte er, hart am Meer einen Turm

bauen, viereckig, im Umfange der Basis, mit schlichten, behauenen

Wänden und zwei Stockwerke hoch, und dort oben sollte man die sechs

Bürger aufstellen in der Einsamkeit des Windes und des Himmels. Es war

vorauszusehen, daß auch dieser Vorschlag abgelehnt wurde. Und doch lag

er im Wesen des Werkes. Hätte man den Versuch gemacht, man hätte eine

unvergleichliche Gelegenheit gehabt, die Geschlossenheit dieser Gruppe

zu bewundern, die aus sechs Einzelfiguren bestand und doch so fest

zusammenhielt, als wäre sie nur ein einziges Ding. Und dabei berührten

die einzelnen Gestalten einander nicht, sie standen nebeneinander wie

die letzten Bäume eines gefällten Waldes, und was sie vereinte, war

nur die Luft, die an ihnen teilnahm in einer besonderen Art. Ging man

um diese Gruppe herum, so war man überrascht, zu sehen, wie aus dem

Wellenschlag der Konturen rein und groß die Gebärden stiegen, sich

erhoben, standen und zurückfielen in die Masse, wie Fahnen, die man

einzieht. Da war alles klar und bestimmt. Für einen Zufall schien

nirgends Raum zu sein. Wie alle Gruppen des Rodinschen Werkes war

auch diese in sich selbst verschlossen, eine eigene Welt, ein Ganzes,

erfüllt von einem Leben, das kreiste und sich nirgends ausströmend

verlor. An Stelle der Berührungen waren hier die Überschneidungen

getreten, die ja auch eine Art von Berührung waren, unendlich

abgeschwächt durch das Medium der Luft, die dazwischen lag, beeinflußt

von ihr und verändert. Berührungen aus der Ferne waren entstanden,

Begegnungen, ein Übereinander-Hinziehen der Formen, wie man es manchmal

bei Wolkenmassen sieht oder bei Bergen, wo auch die dazwischengelagerte

Luft kein Abgrund ist, der trennt, vielmehr eine Leitung, ein leise

abgestufter Übergang.

Für Rodin war immer schon die Teilnahme der Luft von großer Bedeutung.

Er hatte alle seine Dinge, Fläche für Fläche, in den Raum gepaßt, und

das gab ihnen diese Größe und Selbständigkeit, dieses unbeschreibliche

Erwachsensein, das sie von allen Dingen unterschied. Nun aber, da er,

die Natur auslegend, allmählich dazu gekommen war, einen Ausdruck

zu verstärken, zeigte es sich, daß er damit auch das Verhältnis der

Atmosphäre zu seinem Werke steigerte, daß sie die zusammengefaßten

Flächen bewegter, gleichsam leidenschaftlicher umgab. Hatten seine

Dinge früher im Räume gestanden, so war es jetzt, als risse er sie zu

sich her. Nur bei einzelnen Tieren auf den Kathedralen konnte man

Ähnliches beobachten. Auch an ihnen nahm die Luft in eigentümlicher

Weise teil: es schien, als würde sie Stille oder Wind, je nachdem

sie über betonte oder über leise Stellen ging. Und in der Tat, wenn

Rodin die Oberfläche seiner Werke in Höhepunkten zusammenfaßte, wenn

er Erhabenes erhöhte und einer Höhlung größere Tiefe gab, verfuhr er

ähnlich mit seinem Werke, wie die Atmosphäre mit jenen Dingen verfahren

war, die ihr preisgegeben waren seit Jahrhunderten. Auch sie hatte

zusammengefaßt, vertieft und Staub abgesetzt, hatte mit Regen und

Frost, mit Sonne und Sturm diese Dinge erzogen für ein Leben, das

langsamer verging in Ragen, Dunkeln und Dauern. Schon bei den _Bürgern

von Calais_ war Rodin auf seinem eigenen Wege zu dieser Wirkung

gekommen; in ihr lag das monumentale Prinzip seiner Kunst. Mit solchen

Mitteln konnte er weithin sichtbare Dinge schaffen, Dinge, die nicht

nur von der allernächsten Luft umgeben waren, sondern von dem ganzen

Himmel. Er konnte mit einer lebendigen Fläche, wie mit einem Spiegel,

die Fernen fangen und bewegen, und er konnte eine Gebärde, die ihm groß

schien, formen und den Raum zwingen, daran teilzunehmen.

So ist jener schmale Jüngling, der kniet und seine Arme emporwirft und

zurück in einer Geste der Anrufung ohne Grenzen. Rodin hat diese Figur

_Der verlorene Sohn_ genannt, aber sie hat, man weiß nicht woher, auf

einmal den Namen _Prière_. Und sie wächst auch über diesen hinaus. Das

ist nicht ein Sohn, der vor dem Vater kniet. Diese Gebärde macht einen

Gott notwendig, und in dem, der sie tut, sind alle, die ihn brauchen.

Diesem Stein gehören alle Weiten; er ist allein auf der Welt.

Und so ist auch der _Balzac_. Rodin hat ihm eine Größe gegeben, die

vielleicht die Gestalt dieses Schriftstellers überragt. Er hat ihn im

Grunde seines Wesens erfaßt, aber er hat an den Grenzen dieses Wesens

nicht haltgemacht; um seine äußersten und fernsten Möglichkeiten, um

sein Unerreichtes hat er diesen mächtigen Kontur gezogen, der in den

Grabsteinen fernvergangener Völker vorgebildet scheint. Jahre und Jahre

hat er ganz in dieser Gestalt gelebt. Er hat Balzacs Heimat besucht,

die Landschaften der Touraine, die in seinen Büchern immer wieder

aufsteigen, er hat Briefe von ihm gelesen, er hat die Bilder studiert,

die von Balzac existieren, und er ist durch sein Werk gegangen, wieder

und wieder; auf allen den verzweigten und verschlungenen Wegen dieses

Werkes begegneten ihm die Balzacschen Menschen, ganze Familien und

Generationen, eine Welt, die immer noch an das Dasein ihres Schöpfers

zu glauben, aus ihm zu leben und ihn zu schauen schien. Er sah, daß

alle diese tausend Figuren, mochten sie tun, was sie wollten, doch

ganz mit dem Einen beschäftigt waren, der sie gemacht hatte. Und wie

man vielleicht aus den vielen Mienen eines Zuschauerraumes das Drama

erraten kann, das sich auf der Bühne vollzieht, so suchte er in allen

diesen Gesichtern nach dem, der für sie noch nicht vergangen war. Er

glaubte, wie Balzac, an die Wirklichkeit dieser Welt, und es gelang

ihm eine Weile, sich ihr einzuordnen. Er lebte, als ob Balzac auch

ihn geschaffen hätte, unauffällig gemischt unter die Menge seiner

Existenzen. So kam er zu den besten Erfahrungen. Was sonst da war,

schien bei weitem weniger beredt. Die Daguerreotypien boten nur ganz

allgemeine Anhaltspunkte und nichts Neues. Man kannte dieses Gesicht,

das sie darstellten, schon von der Schulzeit her. Nur die eine, die

im Besitze Stephan Mallarmes gewesen war und Balzac ohne Rock mit

Hosenträgern zeigte, war charakteristischer. Und dann mußten die

Aufzeichnungen der Zeitgenossen helfen. Théophile Gautiers Worte, die

Notizen der Goncourts und das schöne Porträt Balzacs, das Lamartine

geschrieben hatte. Außerdem war nur noch die Büste von David da in der

Comédie-Française und ein kleines Bildnis von Louis Boulanger.--Ganz

vom Geiste Balzacs erfüllt, ging Rodin mit diesen Hilfsmitteln nun

daran, seine äußere Erscheinung aufzurichten. Er benutzte lebende

Modelle von ähnlichen Körperverhältnissen und bildete in verschiedenen

Stellungen sieben vollkommen ausgeführte Akte. Es waren dicke,

gedrungene Männer mit schwerfälligen Gliedern und kurzen Armen,

deren er sich bediente, und er schuf nach diesen Vorarbeiten einen

Balzac, ungefähr in der Auffassung, wie die Nadarsche Daguerreotypie

ihn überlieferte. Aber er fühlte, daß damit noch nichts Endgültiges

gegeben war. Er kehrte zu der Beschreibung Lamartines zurück. Dort

stand: "Er hatte das Gesicht eines Elementes" und: "Er besaß so viel

Seele, daß sie seinen schweren Körper trug wie nichts." Rodin fühlte,

daß in diesen Sätzen ein großer Teil der Aufgabe lag. Er kam ihrer

Lösung näher, indem er allen den sieben Akten Mönchskutten anzulegen

versuchte, von der Art, wie Balzac sie bei der Arbeit zu tragen

pflegte. Es entstand hierauf ein Balzac in Kapuze, viel zu intim, zu

sehr zurückgezogen in die Stille seiner Verkleidung. Aber langsam

wuchs Rodins Vision von Form zu Form. Und endlich sah er ihn. Er sah

eine breite, ausschreitende Gestalt, die an des Mantels Fall all ihre

Schwere verlor. Auf den starken Nacken stemmte sich das Haar, und

in das Haar zurückgelehnt lag ein Gesicht, schauend, im Rausche des

Schauens, schäumend von Schaffen: das Gesicht eines Elementes. Das

war Balzac in der Fruchtbarkeit seines Überflusses, der Gründer von

Generationen, der Verschwender von Schicksalen. Das war der Mann,

dessen Augen keiner Dinge bedurften; wäre die Welt leer gewesen: seine

Blicke hätten sie eingerichtet. Das war der, der durch sagenhafte

Silberminen reich werden wollte und glücklich durch eine Fremde. Das

war das Schaffen selbst, das sich der Form Balzacs bediente, um zu

erscheinen; des Schaffens Überhebung, Hochmut, Taumel und Trunkenheit.

Der Kopf, der zurückgeworfen war, lebte auf dem Gipfel dieser Gestalt

wie jene Kugeln, die auf den Strahlen von Fontänen tanzen. Alle Schwere

war leicht geworden, stieg und fiel.

So hatte Rodin in einem Augenblick ungeheuerer Zusammenfassung und

tragischer Übertreibung seinen Balzac gesehen, und so machte er ihn.

Die Vision verging nicht; sie verwandelte sich.

Diese Entwickelung Rodins, welche die großen und monumentalen Dinge

seines Werkes mit Weite umgab, beschenkte auch die anderen mit einer

neuen Schönheit. Sie gab ihnen eine eigene Nähe. Es gibt unter den

neueren Werken kleine Gruppen, die durch ihre Geschlossenheit wirken

und durch die wunderbar sanfte Behandlung des Marmors. Diese Steine

behalten auch mitten im Tage jenes geheimnisvolle Schimmern, das weiße

Dinge ausströmen, wenn es dämmert. Das kommt nicht allein von der

Belebtheit der Berührungsstellen her; es zeigt sich, daß auch sonst

zwischen den Figuren und zwischen ihren einzelnen Teilen hier und da

flache Steinbänder stehengeblieben sind, Stege gleichsam, die in der

Tiefe eine Form mit der anderen verbinden. Das ist kein Zufall Diese

Füllungen verhüten das Entstehen wertloser Durchblicke, die aus dem

Dinge hinausführen in leere Luft; sie bewirken, daß die Ränder der

Formen, die vor solchen Lücken immer scharf und abgeschliffen scheinen,

ihre Rundung behalten, sie sammeln das Licht wie Schalen und fließen

fortwährend leise über. Wenn Rodin das Bestreben hatte, die Luft so

nahe als möglich an die Oberfläche seiner Dinge heranzuziehen, so

ist es, als hätte er hier den Stein geradezu in ihr aufgelöst: der

Marmor scheint nur der feste, fruchtbare Kern zu sein und sein letzter

leisester Kontur schwingende Luft. Das Licht, welches zu diesem Steine

kommt, verliert seinen Willen; es geht nicht über ihn hin zu anderen

Dingen; es schmiegt sich ihm an, es zögert, es verweilt, es wohnt in

ihm. Dieses Verschlossenlassen unwesentlicher Durchblicke war eine Art

von Annäherung an das Relief. Und in der Tat plant Rodin ein großes

Reliefwerk, bei dem alle die Wirkungen des Lichtes, die er mit den

kleinen Gruppen erreichte, zusammengefaßt werden sollen. Er denkt

daran, eine hohe Säule zu schaffen, um die ein breites Reliefband

sich aufwärts windet. Neben diesen Windungen wird eine gedeckte

Treppe hergehen, die nach außen durch Arkaden abgeschlossen ist. In

diesem Gange werden die Gestalten an den Wänden, wie in ihrer eigenen

Atmosphäre, leben; eine Plastik wird entstehen, die das Geheimnis

des Helldunkels kennt, eine Skulptur der Dämmerung, verwandt jenen

Bildwerken, die in den Vorhallen alter Kathedralen stehen.

So wird das _Denkmal der Arbeit_ sein. Auf diesen langsam aufsteigenden

Reliefs wird eine Geschichte der Arbeit sich entwickeln. In einer

Krypta wird das lange Band beginnen, mit den Bildern derer, die in

den Bergwerken altern, und es wird sich in seinem weiten Weg durch

alle Gewerbe ziehen, von den lärmenden und bewegten zu den immer

leiseren Werken, von den Hochöfen zu den Herzen, von den Hämmern zu den

Gehirnen. Am Eingang sollen zwei Gestalten aufragen: Tag und Nacht, und

auf dem Gipfel werden zwei geflügelte Genien stehen, die Segnungen,

die sich aus hellen Höhen zu diesem Turme niederließen. Denn dieses

Denkmal der Arbeit wird ein Turm sein. Nicht in einer großen Gestalt

oder Gebärde versuchte Rodin die Arbeit darzustellen; sie ist nicht das

weithin Sichtbare. Sie geht in den Werkstätten vor sich, in den Stuben,

in den Köpfen; im Dunkel.

Er weiß es, denn auch seine Arbeit ist so; und er arbeitet

unaufhörlich. Sein Leben geht wie ein einziger Arbeitstag.

Er hat mehrere Ateliers; bekanntere, in denen ihn Besuche und Briefe

finden, und andere, entlegene, von denen niemand weiß. Da sind Zellen,

kable, ärmliche Räume voll Staub und Grau. Aber ihre Armut ist wie jene

große graue Armut Gottes, in der im März die Bäume aufwachen. Etwas von

einem Frühlingsanfang ist darin: eine leise Verheißung und ein tiefer

Ernst.

Vielleicht wächst in einer dieser Werkstätten eines Tages der Turm

der Arbeit auf. Jetzt, da seine Verwirklichung noch bevorsteht, mußte

man von seiner Bedeutung reden; und sie schien im Stofflichen zu

liegen. Wenn dieses Denkmal aber einmal erstanden sein wird, wird man

fühlen, daß Rodin auch mit diesem Werke nichts gewollt hat über seine

Kunst hinaus. Der arbeitende Körper hat sich ihm gezeigt, wie früher

der liebende. Es war eine neue Offenbarung des Lebens. Aber dieser

Schaffende lebt so sehr unter seinen Dingen, ganz in der Tiefe seines

Werkes, daß er Offenbarungen gar nicht anders empfangen kann, als nur

mit den schlichten Mitteln seiner Kunst. Neues Leben heißt für ihn

letzten Sinnes nur: neue Oberflächen, neue Gebärden. So ist es einfach

um ihn geworden. Er kann nicht mehr irren.

Mit dieser Entwickelung hat Rodin allen Künsten ein Zeichen gegeben in

dieser ratlosen Zeit.

Man wird einmal erkennen, was diesen großen Künstler so groß gemacht

hat: daß er ein Arbeiter war, der nichts ersehnte, als ganz, mit allen

seinen Kräften, in das niedrige und harte Dasein seines Werkzeuges

einzugehen. Darin lag eine Art von Verzicht auf das Leben; aber gerade

mit dieser Geduld gewann er es: denn zu seinem Werkzeug kam die Welt.

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EIN VORTRAG

(1907)

Es gibt ein paar große Namen, die, in diesem Augenblick ausgesprochen,

eine Freundschaft zwischen uns stiften würden, eine Wärme, eine

Einigkeit, die es mit sich brächte, daß ich--nur scheinbar

abgesondert--mitten unter Ihnen spräche: aus Ihnen heraus wie eine

Ihrer Stimmen. Der Name, der weit, wie ein Sternbild aus fünf großen

Sternen über diesem Abend steht, kann nicht ausgesprochen werden. Nicht

jetzt. Er würde Unruhe über Sie bringen, Strömungen würden in Ihnen

entstehen, Zuneigung und Abwehr, während ich Ihre Stille brauche und

die ungetrübte Oberfläche Ihrer gutwilligen Erwartung.

Ich bitte die, die es noch können, den Namen zu vergessen, um den es

sich handelt, und ich mache an alle den Anspruch eines noch breiteren

Vergessens. Sie sind es gewohnt, daß man Ihnen von Kunst spricht, und

wer dürfte verschweigen, daß Ihre Geneigtheit immer williger den Worten

entgegenkommt, die sich in solchem Sinne an Sie wenden? Eine gewisse

schöne und starke Bewegung, die sich nicht länger verbergen ließ, hat,

wie eines großen Vogels Flug, Ihre Blicke ergriffen--: nun aber mutet

man Ihnen zu, Ihre Augen zu senken für die Weile eines Abends. Denn

nicht dorthin, nicht in die Himmel ungewisser Entwickelungen will ich

Ihre Aufmerksamkeit versammeln, nicht aus dem Vogelflug der neuen Kunst

will ich Ihnen wahrsagen.

Mir ist zumute wie einem, der Sie an Ihre Kindheit erinnern soll.

Nein, nicht nur an Ihre: an alles, was je Kindheit war. Denn es gilt,

Erinnerungen in Ihnen aufzuwecken, die nicht die Ihren sind, die älter

sind als Sie; Beziehungen sind wiederherzustellen und Zusammenhänge zu

erneuern, die weit vor Ihnen liegen.

Auguste Rodin Mit 96 Vollbildern · 第 3 / 6 段