Dieser ernste, gesammelte Arbeiter, der nie nach Stoffen gesucht

hatte und keine andere Erfüllung wollte als die, welche seinem immer

reiferen Werkzeug erreichbar war, kam auf diesem Wege durch alle Dramen

des Lebens: jetzt tat sich ihm die Tiefe der Liebesnächte auf, die

dunkle lust- und kummervolle Weite, in der es, wie in einer noch immer

heroischen Welt, keine Kleider gab, in der die Gesichter verlöscht

waren und die Leiber galten. Er kam mit weißglühenden Sinnen, als ein

Suchender des Lebens, in die große Wirrnis dieses Ringens, und was

er sah, war: Leben. Es wurde nicht eng um ihn, klein und schwül.

Es wurde weit. Die Atmosphäre der Alkoven war fern. Hier war das

Leben, war tausendmal in jeder Minute, war in Sehnsucht und Weh, in

Wahnsinn und Angst, in Verlust und Gewinn. Hier war ein Verlangen, das

unermeßlich war, ein Durst so groß, daß alle Wasser der Welt in ihm

wie ein Tropfen vertrockneten, hier war kein Lügen und Verleugnen,

und die Gebärden von Geben und Nehmen, hier waren sie echt und groß.

Hier waren die Laster und die Lästerungen, die Verdammnisse und die

Seligkeiten, und man begriff auf einmal, daß eine Welt arm sein mußte,

die das alles verbarg und vergrub und tat, als ob es nicht wäre. Es

war. Neben der ganzen Geschichte der Menschheit ging diese andere

Historie her, die keine Verkleidungen kannte, keine Konventionen, keine

Unterschiede und Stände--nur Kampf. Auch sie hatte ihre Entwickelung

gehabt. Sie war aus einem Trieb eine Sehnsucht geworden, aus einer

Begierde zwischen Mann und Weib ein Begehren von Mensch zu Mensch.

Und so erscheint sie im Werke Rodins. Noch ist es die ewige Schlacht

der Geschlechter, aber das Weib ist nicht mehr das überwältigte oder

das willige Tier. Sie ist sehnsüchtig und wach wie der Mann, und es

ist, als hätten sie sich zusammengetan, um beide nach ihrer Seele zu

suchen. Der Mensch, der nachts aufsteht und leise zu einem anderen

geht, ist wie ein Schatzgräber, der das große Glück, das so notwendig

ist, ergraben will am Kreuzweg des Geschlechts. Und in allen Lastern,

in allen Lüsten wider die Natur, in allen diesen verzweifelten und

verlorenen Versuchen, dem Dasein einen unendlichen Sinn zu finden, ist

etwas von jener Sehnsucht, die die großen Dichter macht. Hier hungert

die Menschheit über sich hinaus. Hier strecken sich Hände aus nach der

Ewigkeit. Hier öffnen sich Augen, schauen den Tod und fürchten ihn

nicht; hier entfaltet sich ein hoffnungsloses Heldentum, dessen Ruhm

wie ein Lächeln kommt und geht und wie eine Rose blüht und bricht. Hier

sind die Stürme des Wunsches und die Windstillen der Erwartung; hier

sind Träume, die zu Taten werden, und Taten, die in Träumen vergehen.

Hier wird, wie in einer Riesenspielbank, ein Vermögen von Kraft

gewonnen oder verloren. Das alles steht in dem Werke Rodins. Er, der

schon durch soviel Leben gegangen war, hier fand er des Lebens Fülle

und Überfluß. Die Körper, an denen jede Stelle Wille war, die Munde,

die die Form von Schreien hatten, welche aus den Tiefen der Erde zu

steigen schienen. Er fand die Gebärden der Urgötter, die Schönheit und

Geschmeidigkeit der Tiere, den Taumel alter Tänze und die Bewegungen

vergessener Gottesdienste seltsam verbunden mit den neuen Gebärden,

die entstanden waren in der langen Zeit, während welcher die Kunst

abgewendet war und allen diesen Offenbarungen blind. Diese neuen

Gebärden waren ihm besonders interessant. Sie waren ungeduldig. Wie

einer, der lange nach einem Gegenstand sucht, immer ratloser wird,

zerstreuter und eiliger, und um sich herum eine Zerstörung schafft,

eine Anhäufung von Dingen, die er aus ihrer Ordnung zieht, als wollte

er sie zwingen mitzusuchen, so sind die Gebärden der Menschheit, die

ihren Sinn nicht finden kann, ungeduldiger geworden, nervöser, rascher

und hastiger. Und alle die durchwühlten Fragen des Daseins liegen um

sie her. Aber ihre Bewegungen sind zugleich auch wieder zögernder

geworden. Sie haben nicht mehr die gymnastische und entschlossene

Geradheit, mit der frühere Menschen nach allem gegriffen haben. Sie

gleichen nicht jenen Bewegungen, die in den alten Bildwerken aufbewahrt

sind, den Gesten, bei denen nur der Ausgangspunkt und der Endpunkt

wichtig war. Zwischen diese beiden einfachen Momente haben sich

unzählige Übergänge eingeschoben, und es zeigte sich, daß gerade in

diesen Zwischen-Zuständen das Leben des heutigen Menschen verging,

sein Handeln und sein Nicht-handeln-Können. Das Ergreifen war anders

geworden, das Winken, das Loslassen und das Halten. In allem war viel

mehr Erfahrung und zugleich auch wieder mehr Unwissenheit; viel mehr

Mutlosigkeit und ein fortwährendes Angehen gegen Widerstände; viel

mehr Trauer um Verlorenes, viel mehr Abschätzung, Urteil, Erwägung und

weniger Willkür. Rodin schuf diese Gebärden. Er machte sie aus einer

oder aus mehreren Gestalten, formte sie zu Dingen in seiner Art. Er gab

Hunderten und Hunderten von Figuren, die nur ein wenig größer waren

als seine Hände, das Leben aller Leidenschaften zu tragen, das Blühen

aller Lüste und aller Laster Last. Er schuf Körper, die sich überall

berührten und zusammenhielten wie ineinander verbissene Tiere, die als

ein Ding in die Tiefe fallen; Leiber, die horchten wie Gesichter und

ausholten wie Arme; Ketten von Leibern, Gewinde und Ranken, und schwere

Trauben von Gestalten, in welche der Sünde Süße stieg aus den Wurzeln

des Schmerzes. Gleich machtvoll und überlegen hat nur Lionardo Menschen

zusammengefügt in seiner grandiosen Beschreibung des Weltuntergangs.

Wie dort, gab es auch hier solche, die sich in den Abgrund warfen,

um das große Weh vergessen zu können, und solche, die ihren Kindern

die Köpfe zerschlugen, damit sie nicht hineinwüchsen in das große

Weh.--Das Heer dieser Figuren war viel zu zahlreich geworden, um in

den Rahmen und die Türflügel des _Höllentores_ hineinzupassen. Rodin

wählte und wählte. Er schied alles aus, was zu einsam war, um sich

der großen Gesamtheit zu unterwerfen, alles, was nicht ganz notwendig

war in diesem Zusammenhang. Er ließ die Gestalten und Gruppen selbst

sich ihren Platz finden; er beobachtete das Leben des Volkes, das er

geschaffen hatte, belauschte es und tat jedem seinen Willen.

So erwuchs allmählich die Welt dieses Tores. Seine Fläche, an welche

die plastischen Formen angefügt wurden, begann sich zu beleben; mit

immer leiser werdenden Reliefs verhallte die Erregung der Figuren in

die Fläche hinein. Im Rahmen ist von beiden Seiten ein Aufsteigen, ein

Sich-empor-Ziehen und Hochheben, in den Flügeln des Tores ein Fallen,

Gleiten und Stürzen die herrschende Bewegung. Die Flügel treten ein

wenig zurück, und ihr oberer Rand ist von dem vorspringenden Rand

des Querrahmens noch durch eine ziemlich große Fläche getrennt. Vor

diese, in den still geschlossenen Raum, ist die Gestalt des _Denkers_

gesetzt, des Mannes, der die ganze Größe und alle Schrecken dieses

Schauspieles sieht, weil er es denkt. Er sitzt versunken und stumm,

schwer von Bildern und Gedanken, und alle seine Kraft (die die Kraft

eines Handelnden ist) denkt. Sein ganzer Leib ist Schädel geworden und

alles Blut in seinen Adern Gehirn. Er ist der Mittelpunkt des Tores,

obwohl noch über ihm auf der Höhe des Rahmens drei Männer stehen. Die

Tiefe wirkt auf sie und formt sie aus der Ferne. Sie haben ihre Köpfe

zusammengebogen, ihre drei Arme sind vorgestreckt, laufen zusammen

und zeigen hinunter auf dieselbe Stelle, in denselben Abgrund, welcher

sie niederzieht mit seiner Schwere. Der Denker aber muß sie in sich

tragen. Unter den Gruppen und Bildwerken, die aus Anlaß dieses Tores

entstanden sind, gibt es viele von großer Schönheit. Es ist unmöglich,

sie alle aufzuzählen, wie es unmöglich ist, sie zu beschreiben. Rodin

selbst hat einmal gesagt, er müßte ein Jahr reden, um eines seiner

Werke mit Worten zu wiederholen. Man kann nur sagen, daß diese kleinen

Bildwerke, welche in Gips, Bronze und Stein erhalten sind, ähnlich

wie manche von den kleinen Tierfiguren der Antike, den Eindruck ganz

großer Dinge machen. Es gibt in Rodins Atelier den Abguß eines kaum

handgroßen Panthers griechischer Arbeit (das Original befindet sich im

Medaillen-Kabinett der Pariser National-Bibliothek); wenn man unter

seinem Leibe durch von vorn in den Raum blickt, der von den vier

geschmeidig-starken Tatzen gebildet wird, kann man glauben, in die

Tiefe eines indischen Felsentempels zu sehen; so wächst dieses Werk

und weitet sich zur Größe seiner Maße. Ähnlich ist es bei den kleinen

Plastiken Rodins. Indem er ihnen viele Stellen gibt, unzählbar viele,

vollkommene und bestimmte Flächen, macht er sie groß. Die Luft ist um

sie wie um Felsen. Wenn in ihnen ein Aufstehen ist, dann scheint es,

als hüben sie die Himmel empor, und die Flucht ihres Falles reißt die

Sterne mit.

Vielleicht ist damals auch die _Danaïde_ entstanden, die sich aus dem

Knien niedergeworfen hat in ihr fließendes Haar. Es ist wunderbar,

um diesen Marmor langsam herumzugehen: den langen, langen Weg um die

reichentfaltete Rundung dieses Rückens, zu dem sich im Stein wie in

einem großen Weinen verlierenden Gesicht, zu der Hand, die, wie eine

letzte Blume, noch einmal leise vom Leben spricht, tief im ewigen

Eise des Blockes. Und die _Illusion, die Tochter des Ikarus_, diese

blendende Dingwerdung eines langen hilflosen Falles. Und die schöne

Gruppe, die _L'homme et sa pensée_ genannt worden ist. Die Darstellung

eines Mannes, der kniet und, mit seiner Stirne Berührung, aus dem

Stein vor ihm die leisen Formen eines Weibes weckt, die an den Stein

gebunden bleiben; wenn man hier auslegen will, so mag man sich freuen

über den Ausdruck dieser Untrennbarkeit, mit der der Gedanke an des

Mannes Stirne haftet: denn es ist immer nur sein Gedanke, der lebt und

vor ihm steht; gleich dahinter ist Stein. Verwandt damit ist auch der

Kopf, der sich sinnend und still bis zum Kinn, aus einem großen Steine

löst, der _Gedanke_, dieses Stück Klarheit, Sein und Gesicht, das

sich langsam aus dem schweren Schlafe des dumpf Dauernden erhebt. Und

dann die _Karyatide._ Nicht mehr die aufrechte Figur, die leicht oder

schwer das Tragen eines Steines erträgt, unter den sie sich doch nur

gestellt hat, als er schon hielt; ein weiblicher Akt, kniend, gebeugt,

in sich hineingedrückt und ganz geformt von der Hand der Last, deren

Schwere wie ein fortwährender Fall in alle Glieder sinkt. Auf jedem

kleinsten Teile dieses Leibes liegt der ganze Stein wie ein Wille, der

größer war, älter und mächtiger, und doch hat seines Tragens Schicksal

nicht aufgehört. Er trägt, wie man im Traum das Unmögliche trägt, und

findet keinen Ausweg. Und sein Zusammengesunkensein und Versagen ist

immer noch Tragen geblieben, und wenn die nächste Müdigkeit kommt und

den Körper ganz niederzwingt ins Liegen, so wird auch das Liegen noch

Tragen sein, Tragen ohne Ende. So ist die _Karyatide._

Man kann, wenn man will, die meisten Werke Rodins mit Gedanken

begleiten, erklären und umgeben. Für alle, denen das einfache Schauen

ein zu ungewohnter und schwerer Weg zur Schönheit ist, gibt es andere

Wege, Umwege über Bedeutungen, die edel sind, groß und voll Gestalt.

Es ist, als ob das unendliche Gut- und Richtig-sein dieser Akte, das

vollkommene Gleichgewicht aller ihrer Bewegungen, die wunderbare innere

Gerechtigkeit ihrer Verhältnisse, ihr Vom-Leben-durchdrungen-Sein, als

ob alles das, was sie zu schönen Dingen macht, ihnen auch die Kraft

verliehe, unübertreffliche Verwirklichungen der Stoffe zu sein, die der

Meister in die Nähe rief, da er sie benannte. Nie ist ein Stoff bei

Rodin an ein Kunstding gebunden, wie ein Tier an einen Baum. Er lebt

irgendwo in der Nähe des Dinges und lebt von ihm, etwa wie der Kustos

einer Sammlung. Man erfährt manches, wenn man ihn ruft; wenn man es

aber versteht, ohne ihn auszukommen, ist man mehr allein und ungestört

und erfährt noch mehr.

Wo die erste Anregung vom Stofflichen ausging, wo eine antike

Sage, die Stelle eines Gedichtes, eine historische Szene oder eine

wirkliche Person Schaffensanlaß war, da übersetzt sich, wenn Rodin

beginnt, während der Arbeit das Stoffliche immer mehr in Sachliches

und Namenloses: in die Sprache der Hände übertragen, haben die

Anforderungen, die sich ergeben, alle einen neuen, ganz auf die

plastische Erfüllung bezüglichen Sinn.

In den Zeichnungen Rodins geht, vorbereitend, dieses Vergessen und

Verwandeln der stofflichen Anregung vor sich. Er hat auch in dieser

Kunst seine eigenen Ausdrucksmittel sich erzogen, und das macht diese

Blätter (es sind viele Hunderte) zu einer selbständigen und originellen

Offenbarung seiner Persönlichkeit.

Da sind zunächst, aus früherer Zeit, Tuschzeichnungen mit überraschend

starken Licht- und Schattenwirkungen, wie der berühmte _Homme au

Taureau_, bei dem man an Rembrandt denken möchte, wie der Kopf des

jungen Saint Jean-Baptiste oder die schreiende Maske für den Genius

des Krieges; lauter Notizen und Studien, welche dem Künstler das Leben

der Flächen erkennen halfen und ihr Verhältnis zur Atmosphäre. Dann

kommen Akte, die mit jagender Sicherheit gezeichnet sind, Formen,

ausgefüllt von allen ihren Konturen, modelliert mit vielen schnellen

Federstrichen, und andere, eingeschlossen in die Melodie eines einzigen

vibrierenden Umrisses, aus dem sich mit unvergeßlicher Reinheit

eine Gebärde erhebt. So sind die Zeichnungen, mit denen Rodin, auf

den Wunsch eines feinsinnigen Sammlers hin, ein Exemplar der "Fleurs

du mal" begleitet hat. Man sagt nichts, wenn man da von einem sehr

tiefen Verständnis Baudelairescher Verse spricht; man versucht

mehr zu sagen, wenn man sich erinnert, wie diese Gedichte in ihrem

Mit-sich-Gesättigt-sein keine Ergänzung zulassen und keine Steigerung

über sich hinaus: und daß man doch beides empfindet, Ergänzung und

Steigerung, wo Rodinsche Linien sich diesem Werke anschmiegen, das

ist ein Maßstab für die hinreißende Schönheit dieser Blätter. Die

Federzeichnung, die neben das Gedicht "La mort des pauvres" gestellt

ist, reicht mit einer Gebärde von so einfacher, fortwährend wachsender

Großheit über diese großen Verse hinaus, daß man meint, sie erfülle die

Welt von Aufgang nach Untergang.

Und so sind auch die Radierungen mit der kalten Nadel, in denen der

Lauf unendlich zarter Linien wie der äußerste Umriß eines schönen

gläsernen Dinges erscheint, der, in jedem Augenblicke genau bestimmt,

hinfließt über das Wesen einer Wirklichkeit.

Endlich aber entstanden auch jene seltsamen Dokumente des Momentanen,

des unmerklich Vorübergehenden. Rodin vermutete, daß unscheinbare

Bewegungen, die das Modell tut, wenn es sich unbeobachtet glaubt,

rasch zusammengefaßt, eine Stärke des Ausdrucks enthalten könnten,

die wir nicht ahnen, weil wir nicht gewohnt sind, sie mit gespannter

und tätiger Aufmerksamkeit zu begleiten. Indem er das Modell nicht aus

dem Auge verlor und seiner erfahrenen und raschen Hand ganz das Papier

überließ, zeichnete er eine Unmenge nie gesehener, immer versäumter

Gebärden auf, und es ergab sich, daß die Kraft des Ausdrucks, die von

ihnen ausging, ungeheuer war; Bewegungszusammenhänge, die noch nie als

Ganzes überschaut und erkannt worden waren, stellten sich dar, und

sie enthielten alle Unmittelbarkeit, Wucht und Wärme eines geradezu

animalischen Lebens. Ein Pinsel voll Ocker, schnell, mit wechselnder

Betonung durch diesen Kontur geführt, modellierte so unglaublich stark

die eingeschlossene Fläche, daß man meinte, plastische Figuren aus

gebrannter Erde zu sehen. Und wieder war eine ganz neue Weite entdeckt,

namenlosen Lebens voll; eine Tiefe, über die alle hallenden Schrittes

gegangen waren, gab ihre Wasser dem, in dessen Händen die Weidenrute

gewahrsagt hatte.

Auch wo es galt, Porträts zu geben, gehörte der zeichnerische Ausdruck

des Themas zu den Vorbereitungen, über welche Rodin, langsam und sich

sammelnd, zu dem fernen Werke geht. Denn, so unrecht man hat, in

seiner plastischen Kunst eine Art von Impressionismus zu sehen, so

ist doch die Menge präzis und kühn erfaßter Impressionen immer der

große Reichtum, aus welchem er schließlich das Wichtige und Notwendige

auswählt, um es in reifer Synthese zusammenzufassen. Wenn er von den

Körpern, die er erforscht und bildet, zu den Gesichtern kommt, muß es

ihm manchmal sein, als träte er aus einer windigen, bewegten Weite in

eine Stube, in welcher viele beisammen sind: hier ist alles gedrängt

und dunkel, und die Stimmung eines Interieurs herrscht unter den Bogen

der Brauen und im Schatten des Mundes. Während über den Leibern immer

Wechsel und Wellenschlag ist, Ebbe und Flut, steht in den Gesichtern

die Luft. Es ist wie in Zimmern, in denen sich viel ereignet hat,

Freudiges und Banges, Schweres und Erwartungsvolles. Und kein Ereignis

ist ganz vergangen, keins hat das andere ersetzt; eines ist neben das

andere gestellt worden und stehen-geblieben und welk geworden wie eine

Blume im Glase. Wer aber von draußen kommt, aus dem großen Wind, der

bringt Weite herein in die Stuben.

Die Maske des _Mannes mit der gebrochenen Nase_ war das erste Porträt,

das Rodin geschaffen hat. In diesem Werke ist seine Art, durch ein

Gesicht zu gehen, schon ganz ausgebildet, man fühlt seine unbegrenzte

Hingabe an das Vorhandene, seine Ehrfurcht vor jeder Linie, die das

Schicksal gezogen hat, sein Vertrauen zu dem Leben, das schafft, auch

wo es entstellt. In einer Art von blindem Glauben hatte er den _Homme

au nez cassé_ geschaffen, ohne zu fragen, wer der Mann war, dessen

Leben in seinen Händen noch einmal verging. Er hatte ihn gemacht,

wie Gott den ersten Menschen gemacht hat, ohne die Absicht, etwas

anderes zu wirken als das Leben selbst, namenloses Leben. Aber immer

wissender, immer erfahrener und größer kam er zu den Gesichtern der

Menschen zurück. Er konnte ihre Züge nicht mehr sehen, ohne an die

Tage zu denken, die daran gearbeitet hatten, an dieses ganze Heer

von Handwerkern, die fortwährend um ein Gesicht herumgehen, als

könnte es niemals fertig werden. Aus einer stillen und gewissenhaften

Wiederholung des Lebens wurde so in dem reifen Manne eine erst tastende

und versuchende, immer sicherer und kühner werdende Auslegung der

Schrift, mit der die Gesichter über und über bedeckt waren. Er gab

seiner Phantasie nicht Raum; er erfand nicht. Er verachtete nicht einen

Augenblick den schweren Gang seines Werkzeugs. Es wäre ja so leicht

gewesen, es auf irgendwelchen Flügeln zu überholen. Wie früher ging

er neben ihm einher, ging die ganzen weiten Strecken, die gegangen

sein mußten, ging wie der Pflüger hinter seinem Pflug. Aber während er

seine Furchen zog, dachte er über sein Land nach und über die Tiefe

seines Landes, über den Himmel, der darüber war, über den Gang der

Winde und über der Regen Fall, über alles das, was war und wehe tat und

verging und wiederkam und nicht aufhörte zu sein. Und er glaubte in

alledem jetzt, besser und weniger verwirrt von dem Vielen, das Ewige

zu erkennen, das, um dessentwillen auch das Leid gut und die Schwere

Mutterschaft war und der Schmerz schön.

Diese Auslegung, die bei den Porträts begann, wuchs von da immer

weiter in sein Werk hinein. Sie ist die letzte Stufe, der äußerste

Kreis seiner weiten Entwickelung. Sie fing langsam an. Mit unendlicher

Vorsicht betrat Rodin diesen neuen Weg. Wieder drang er von Fläche

zu Fläche vor, ging der Natur nach und hörte auf sie. Sie selbst

bezeichnete ihm gleichsam die Stellen, von denen er mehr wußte, als

zu sehen war. Wenn er dort einsetzte und aus kleinen Verworrenheiten

eine große Vereinfachung schuf, so tat er, was Christus den Leuten tat,

wenn er die unklar Fragenden mit einem erhabenen Gleichnis reinigte

von ihrer Schuld. Er erfüllte eine Intention der Natur. Er vollendete

etwas, was im Werden hilflos war, er deckte die Zusammenhänge auf, wie

der Abend eines Nebeltages die Berge aufdeckt, die in großen Wellen

sich fortpflanzen in die Ferne.

Voll von seines ganzen Wissens lebendiger Last, sah er wie ein

Zukünftiger in die Gesichter derer hinein, die um ihn lebten. Das

gibt seinen Porträts die ungemein klare Bestimmtheit, aber auch jene

prophetische Größe, die in den Bildern des Victor Hugo oder des Balzac

sich zu einer unbeschreiblichen Vollendung erhob. Ein Bildnis schaffen

hieß für ihn, in einem gegebenen Gesichte Ewigkeit suchen, jenes Stück

Ewigkeit, mit dem es teilnahm an dem großen Gange ewiger Dinge. Er

hat keinen gebildet, den er nicht ein wenig aus den Angeln gehoben

hätte in die Zukunft hinein; wie man ein Ding vor den Himmel hält, um

seine Formen reiner und einfacher zu verstehen. Das ist nicht, was man

verschönern heißt, und auch charakteristisch machen ist kein passender

Ausdruck dafür. Es ist mehr; es ist: das Dauernde vom Vergänglichen

scheiden, Gericht halten, gerecht sein.

Sein Porträtwerk umfaßt, auch wenn man von den Radierungen absieht,

eine sehr große Zahl vollendeter und meisterhafter Bildnisse. Es

gibt da Büsten in Gips, in Bronze, in Marmor und Sandstein, Köpfe in

gebranntem Ton und Masken, die man einfach hat eintrocknen lassen.

Frauenbildnisse kehren immer wieder zu allen Zeiten seines Werkes. Die

berühmte Büste des Luxembourg-Museums ist eines der frühesten. Sie ist

voll eigentümlichen Lebens, schön, von einem gewissen frauenhaften

Zauber, aber sie wird von vielen späteren Werken an Einfachheit und

Zusammenfassung der Flächen übertroffen. Sie ist vielleicht das einzige

unter Rodins Werken, dem nicht nur die diesem Bildhauer eigentümlichen

Tugenden seine Schönheit gegeben haben; dieses Porträt lebt zum Teil

auch durch die Gnade jener Grazie, die in der französischen Plastik

seit Jahrhunderten erblich ist. Es glänzt ein wenig mit der Eleganz,

die auch die schlechte Skulptur französischer Tradition immer noch

aufweist; es ist nicht ganz frei von jener galanten Auffassung der

belle femme, über welche der Ernst und die tief einsetzende Arbeit

Rodins so rasch hinauswuchs. Aber man tut gut, sich an dieser Stelle zu

erinnern, daß er auch dieses angestammte Gefühl zu überwinden hatte; er

mußte ein angeborenes Können unterdrücken, um ganz arm zu beginnen. Er

mußte deshalb nicht aufhören, Franzose zu sein: auch die Meister der

Kathedralen waren es.

Die späteren Frauenbildnisse haben eine andere, tiefer begründete

und weniger geläufige Schönheit. Dabei ist vielleicht zu sagen, daß

es meistens Ausländerinnen waren, Amerikanerinnen, deren Porträts

Rodin ausgeführt hat. Es gibt darunter solche von wunderbarer Arbeit,

Steine, die wie antike Kameen rein und unberührbar sind. Gesichter,

deren Lächeln nirgends befestigt ist und so schleierleise über den

Zügen spielt, daß es sich zu heben scheint bei jedem Atemholen.

Rätselhaft verschlossene Lippen und Augen, die, über alles fort, in

eine ewige Mondnacht schauen, traumhaft weit aufgetan. Und doch ist

es, als empfände Rodin das Angesicht des Weibes am liebsten als einen

Teil seines schönen Körpers, als wollte er, daß seine Augen Augen des

Leibes seien und der Mund seines Leibes Mund. Wo er es so im ganzen

erschafft und schaut, da erhält auch das Gesicht einen so starken und

ergreifenden Ausdruck unverkündeten Lebens, daß die Porträts von Frauen

(obwohl sie scheinbar "ausgeführter" sind) weit übertroffen werden.

Anders ist es bei den Männerbildnissen. Das Wesen eines Mannes kann man

sich leichter im Räume seines Gesichtes versammelt denken. Man kann

sich sogar vorstellen, daß es Augenblicke gibt (solche der Ruhe und

solche der inneren Erregung), in welchen alles Leben in sein Gesicht

eingetreten ist. Solche Augenblicke wählt Rodin, wo er ein männliches

Porträt geben will; oder besser: er schafft sie. Er holt weit aus.

Er gibt nicht dem ersten Eindruck recht, und nicht dem zweiten, und

von allen nächsten keinem. Er beobachtet und notiert. Er notiert

Bewegungen, die keines Wortes wert sind, Wendungen und Halbwendungen,

vierzig Verkürzungen und achtzig Profile. Er überrascht sein Modell

in seinen Gewohnheiten und Zufälligkeiten, bei Ausdrücken, die erst

im Entstehen sind, bei Müdigkeiten und Anstrengungen. Er kennt alle

Übergänge in seinen Zügen, weiß, woher das Lächeln kommt und wohin es

zurückfällt. Er erlebt das Gesicht des Menschen wie eine Szene, an der

er selbst teilnimmt, er steht mitten drin, und nichts, was passiert,

ist ihm gleichgültig oder entgeht ihm. Er läßt sich nichts von dem

Betreffenden erzählen, er will nichts wissen, als was er sieht. Aber er

sieht alles.

So vergeht über jeder Büste viel Zeit. Das Material wächst, zum

Teil in Zeichnungen, in ein paar Federstrichen und Tuschflecken

festgehalten, zum Teil im Gedächtnisse angesammelt; denn dieses hat

Rodin sich zu einem ebenso verläßlichen als bereiten Hilfsmittel

ausgebildet. Sein Auge sieht während der Sitzungsstunden viel mehr, als

er in dieser Zeit ausführen kann. Er vergißt nichts davon, und oft,

wenn das Modell ihn verlassen hat, beginnt für ihn das eigentliche

Arbeiten aus der Fülle seiner Erinnerung. Seine Erinnerung ist weit und

geräumig; die Eindrücke verändern sich nicht in ihr, aber sie gewöhnen

sich an ihre Wohnung, und wenn sie von da in seine Hände steigen, so

ist es, als wären sie natürliche Gebärden dieser Hände.

Diese Arbeitsweise führt zu gewaltigen Zusammenfassun-gen von hundert

und hundert Lebensmomenten: und so ist auch der Eindruck, den diese

Büsten machen. Die vielen fernen Kontraste und die unerwarteten

Übergänge, die einen Menschen bilden und eines Menschen fortwährende

Entwicklung, treffen einander hier in glücklichen Begegnungen

und halten aneinander mit einer inneren Adhäsionskraft fest. Aus

allen Weiten ihres Wesens sind diese Menschen zusammengeholt, alle

Klimaten ihres Temperamentes entfalten sich auf den Hemisphären ihres

Hauptes. Da ist der Bildhauer Dalou, in dem neben einer ausdauernden

und geizigen Energie eine nervöse Müdigkeit vibriert, da ist Henri

Rocheforts abenteuerliche Maske, da ist Octave Mirbeau, bei dem

hinter einem Tatmenschen eines Dichters Traum und Sehnsucht dämmert,

und Puvis de Chavannes und Victor Hugo, den Rodin so genau kennt,

und da ist vor allem die unbeschreiblich schöne Bronze, das Bildnis

des Malers Jean-Paul Laurens, von dem eine gute Abbildung diesem

Buch beigegeben wurde. Diese Büste ist vielleicht die schönste Sache

im Luxembourg-Museum. Sie ist von einer so tiefen und zugleich so

groß empfundenen Durchbildung der Oberfläche, so geschlossen in der

Haltung, so stark im Ausdruck, so bewegt und wach, daß man das Gefühl

nicht verliert, die Natur selbst habe dieses Werk aus den Händen des

Bildhauers genommen, um es zu halten wie eines ihrer liebsten Dinge.

Die prachtvolle Patina, deren rauchschwarzen Belag das Metall wie

Feuer, flammend und sprühend, durchbricht, trägt viel dazu bei, die

unheimliche Schönheit dieses Bildwerkes zu vollenden.

Auch eine Büste von Bastien-Lepage existiert, schön und melancholisch,

mit dem Ausdruck des Leidenden, dessen Arbeit ein fortwährender

Abschied von seinem Werke ist. Sie ist für Damvillers, das kleine

Heimatdorf des Malers, gemachtworden und ist dort auf dem Kirchhofe

aufgestellt. Sie ist also eigentlich ein Denkmal. Und die Büsten Rodins

in ihrer Vollständigkeit und ihrer ins Große gehenden Zusammenfassung

haben alle etwas vom Denkmal an sich. Es kommt bei diesem nur eine

weitere Vereinfachung der Flächen, eine noch strengere Auswahl

des Notwendigen und die Bedingung des Weithinsichtbaren dazu. Die

Denkmäler, die Rodin geschaffen hat, näherten sich immer mehr diesen

Ansprüchen. Er begann mit dem Denkmal des Claude Gelée für Nancy; und

es ist ein steiler Aufstieg von diesem ersten, interessanten Versuch

bis zu dem grandiosen Gelingen des _Balzac._

Auguste Rodin Mit 96 Vollbildern · 第 2 / 6 段