Man fühlt, was Rodin anregte, diesen Kopf zu formen, den Kop

Auguste Rodin

von

Rainer Maria Rilke

Mit 96 Vollbildern

Im Insel-Verlag zu Leipzig

1920

ERSTER TEIL

(1903)

DIE SCHRIFTSTELLER WIRKEN DURCH WORTE ...

DIE BILDHAUER ABER DURCH TATEN.

_POMPONIUS GAURICUS,_

"DE SCULPTURA." (UM 1504.)

THE HERO IS HE WHO IS IMMOVABLY CENTRED.

_EMERSON._

Rodin war einsam vor seinem Ruhme. Und der Ruhm, der kam, hat ihn

vielleicht noch einsamer gemacht. Denn Ruhm ist schließlich nur der

Inbegriff aller Mißverständnisse, die sich um einen neuen Namen sammeln.

Es sind ihrer sehr viele um Rodin, und es wäre eine lange und mühsame

Aufgabe, sie aufzuklären. Es ist auch nicht nötig; sie stehen um den

Namen, nicht um das Werk, das weit über dieses Namens Klang und Rand

hinausgewachsen und namenlos geworden ist, wie eine Ebene namenlos ist,

oder ein Meer, das nur auf der Karte einen Namen hat, in den Büchern

und bei den Menschen, in Wirklichkeit aber nur Weite ist, Bewegung und

Tiefe.

Dieses Werk, von dem hier zu reden ist, ist gewachsen seit Jahren und

wächst an jedem Tage wie ein Wald und verliert keine Stunde. Man geht

unter seinen tausend Dingen umher, überwältigt von der Fülle der Funde

und Erfindungen, die es umfaßt, und man sieht sich unwillkürlich nach

den zwei Händen um, aus denen diese Welt erwachsen ist. Man erinnert

sich, wie klein Menschenhände sind, wie bald sie müde werden und

wie wenig Zeit ihnen gegeben ist, sich zu regen. Und man verlangt

die Hände zu sehen, die gelebt haben wie hundert Hände, wie ein Volk

von Händen, das vor Sonnenaufgang sich erhob zum weiten Wege dieses

Werkes, Man fragt nach dem, der diese Hände beherrscht. Wer ist dieser

Mann? Es ist ein Greis. Und sein Leben ist eines von denen, die sich

nicht erzählen lassen. Dieses Leben hat begonnen, und es geht, es

geht tief in ein großes Alter hinein, und es ist für uns, als ob es

vor vielen hundert Jahren vergangen wäre. Wir wissen nichts davon. Es

wird eine Kindheit gehabt haben, irgendeine, eine Kindheit in Armut,

dunkel, suchend und ungewiß. Und es hat diese Kindheit vielleicht

noch, denn--, sagt der heilige Augustinus einmal, wohin sollte sie

gegangen sein? Es hat vielleicht alle seine vergangenen Stunden, die

Stunden der Erwartung und der Verlassenheit, die Stunden des Zweifels

und die langen Stunden der Not, es ist ein Leben, das nichts verloren

und vergessen hat, ein Leben, das sich versammelte, da es verging.

Vielleicht, wir wissen nichts davon. Aber nur aus einem solchen Leben,

glauben wir, kann eines solchen Wirkens Fülle und Überfluß entstanden

sein, nur ein solches Leben, in dem alles gleichzeitig ist und wach und

nichts vergangen, kann jung und stark bleiben und sich immer wieder

zu hohen Werken erheben. Es wird vielleicht eine Zeit kommen, da man

diesem Leben seine Geschichte erfinden wird, seine Verwickelungen,

seine Episoden und Einzelheiten. Sie werden erfunden sein. Man wird

von einem Kinde erzählen, das oft zu essen vergaß, weil es ihm

wichtiger schien, mit einem schlechten Messer Dinge in geringes Holz

zu schneiden, und man wird in die Tage des jungen Menschen irgendeine

Begegnung setzen, die eine Verheißung zukünftiger Größe, eine von

jenen nachträglichen Prophezeiungen enthält, die so volkstümlich und

rührend sind. Es könnten ganz gut die Worte sein, die irgendein Mönch

vor fast fünfhundert Jahren dem jungen Michel Colombe gesagt haben

soll, diese Worte: "Travaille, petit, regarde tout ton saoul et le

clocher à jour de Saint-Pol, et les belles oeuvres des compaignons,

regarde, aime le bon Dieu, et tu auras la grâce des grandes choses."

"Und du wirst die Gnade der großen Dinge haben." Vielleicht hat ein

inneres Gefühl so, nur unendlich viel leiser als der Mund des Mönches,

zu dem jungen Menschen gesprochen an einem der Kreuzwege seines

Anbeginns. Denn gerade das suchte er: die Gnade der großen Dinge.

Da war das Louvre mit den vielen lichten Dingen der Antike, die an

südliche Himmel erinnerten und an die Nähe des Meeres, und dahinter

erhoben sich andere, schwere steinerne Dinge, aus undenklichen Kulturen

hinüberdauernd in noch nicht gekommene Zeiten. Da waren Steine, die

schliefen, und man fühlte, daß sie erwachen würden bei irgendeinem

Jüngsten Gericht, Steine, an denen nichts Sterbliches war, und andere,

die eine Bewegung trugen, eine Gebärde, die so frisch geblieben war,

als sollte sie hier nur aufbewahrt und eines Tages irgendeinem Kinde

gegeben werden, das vorüberkam. Und nicht allein in den berühmten

Werken und den weithin sichtbaren war dieses Lebendigsein; das

Unbeachtete, Kleine, das Namenlose und Überzählige war nicht weniger

erfüllt von dieser tiefen, innerlichen Erregtheit, von dieser reichen

und überraschenden Unruhe des Lebendigen. Auch die Stille, wo Stille

war, bestand aus hundert und hundert Bewegungsmomenten, die sich im

Gleichgewicht hielten. Es gab kleine Figuren da, Tiere besonders, die

sich bewegten, streckten oder zusammenzogen, und wenn ein Vogel saß,

so wußte man doch, daß es ein Vogel war, ein Himmel wuchs aus ihm

heraus und blieb um ihn stehen, eine Weite war zusammengefaltet auf

jede seiner Federn gelegt, und man konnte sie aufspannen und ganz groß

machen. Und ganz ähnlich war es mit den Tieren, die auf den Kathedralen

standen und saßen oder unter den Konsolen kauerten, verkümmert und

gekrümmt und zu träge zum Tragen. Da waren Hunde und Eichhörnchen,

Spechte und Eidechsen, Schildkröten, Ratten und Schlangen. Wenigstens

eines von jeder Art. Diese Tiere schienen draußen eingefangen worden zu

sein in den Wäldern und auf den Wegen, und der Zwang, unter steinernen

Ranken, Blumen und Blättern zu leben, mußte sie selbst langsam

verwandelt haben zu dem, was sie nun waren und immer bleiben sollten.

Aber es fanden sich auch Tiere, die schon in dieser versteinerten

Umgebung geboren waren, ohne Erinnerung an ein anderes Dasein. Sie

waren schon ganz die Bewohner dieser aufrechten, ragenden, steil

steigenden Welt. Unter ihrer fanatischen Magerkeit standen spitzbogige

Skelette. Ihre Münder waren weit und schreiend wie bei Tauben, denn

die Nähe der Glocken hatte ihr Gehör zerstört. Sie trugen nicht, sie

streckten sich und halfen so den Steinen steigen. Die Vogelhaften

hockten oben auf den Balustraden, als wären sie eigentlich unterwegs

und wollten nur ein paar Jahrhunderte lang ausruhen und hinunterstarren

auf die wachsende Stadt. Andere, die von Hunden abstammten, stemmten

sich wagerecht vom Rand der Traufen in die Luft, bereit, das Wasser

der Regen aus ihren vom Speien angeschwollenen Rachen zu werfen. Alle

hatten sich umgebildet und angepaßt, aber sie hatten nichts an Leben

verloren, im Gegenteil, sie lebten stärker und heftiger, lebten für

ewig das inbrünstige und ungestüme Leben jener Zeit, die sie hatte

erstehen lassen.

Und wer diese Gebilde sah, der empfand, daß sie nicht aus einer Laune

geboren waren, nicht aus einem spielerischen Versuch, neue, unerhörte

Formen zu finden. Die Not hatte sie geschaffen. Aus der Angst vor

den unsichtbaren Gerichten eines schweren Glaubens hatte man sich zu

diesem Sichtbaren gerettet, vor dem Ungewissen flüchtete man zu dieser

Verwirklichung. Noch suchte man sie in Gott, nicht mehr, indem man ihm

Bilder erfand und versuchte, sich den Vielzufernen vorzustellen: indem

man alle Angst und Armut, alles Bangsein und die Gebärden der Geringen

in sein Haus trug, in seine Hand legte, auf sein Herz stellte, war

man tromm. Das war besser als malen; denn die Malerei war auch eine

Täuschung, ein schöner und geschickter Betrug; man sehnte sich nach

Wirklicherem und Einfachem. So entstand die seltsame Skulptur der

Kathedralen, dieser Kreuzzug der Beladenen und der Tiere.

Und wenn man von der Plastik des Mittelalters zurücksah zur Antike und

wieder über die Antike hinaus in den Anfang unsagbarer Vergangenheiten,

schien es da nicht, als verlangte die menschliche Seele immer wieder an

lichten oder bangen Wendepunkten nach dieser Kunst, die mehr gibt als

Wort und Bild, mehr als Gleichnis und Schein: nach dieser schlichten

Dingwerdung ihrer Sehnsüchte oder Ängste? Zuletzt in der Renaissance

gab es eine große plastische Kunst; damals, als das Leben sich erneut

hatte, als man das Geheimnis der Gesichter fand und die große Gebärde,

die im Wachsen war.

Und jetzt? War nicht wieder eine Zeit gekommen, die nach diesem

Ausdruck drängte, nach dieser starken und eindringlichen Auslegung

dessen, was in ihr unsagbar war, wirr und rätselhaft? Die Künste hatten

sich irgendwie erneut, Eifer und Erwartung erfüllte und belebte sie;

aber vielleicht sollte gerade diese Kunst, die Plastik, die noch in der

Furcht einer großen Vergangenheit zögerte, berufen sein, zu finden,

wonach die anderen tastend und sehnsüchtig suchten? Sie mußte einer

Zeit helfen können, deren Qual es war, daß fast alle ihre Konflikte

im Unsichtbaren lagen. Ihre Sprache war der Körper. Und diesen Körper,

wann hatte man ihn zuletzt gesehen? Schichte um Schichte hatten

sich die Trachten darüber gelegt, wie ein immer erneuter Anstrich,

aber unter dem Schutz dieser Krusten hatte die wachsende Seele ihn

verändert, während sie atemlos an den Gesichtern arbeitete. Er war ein

anderer geworden. Wenn man ihn jetzt aufdeckte, vielleicht enthielt

er tausend Ausdrücke für alles Namenlose und Neue, das inzwischen

entstanden war, und für jene alten Geheimnisse, die, aufgestiegen aus

dem Unbewußten, wie fremde Flußgötter ihre triefenden Gesichter aus dem

Rauschen des Blutes hoben. Und dieser Körper konnte nicht weniger schön

sein als der der Antike, er mußte von noch größerer Schönheit sein.

Zwei Jahrtausende länger hatte das Leben ihn in den Händen behalten

und hatte an ihm gearbeitet, gehorcht und gehämmert Tag und Nacht. Die

Malerei träumte von diesem Körper, sie schmückte ihn mit Licht und

durchdrang ihn mit Dämmerung, sie umgab ihn mit aller Zärtlichkeit und

allem Entzücken, sie befühlte ihn wie ein Blumenblatt und ließ sich

tragen von ihm wie von einer Welle--aber die Plastik, der er gehörte,

kannte ihn noch nicht.

Hier war eine Aufgabe, groß wie die Welt. Und der vor ihr stand und sie

sah, war ein Unbekannter, dessen Hände nach Brot gingen, in Dunkelheit.

Er war ganz allein, und wenn er ein richtiger Träumer gewesen wäre, so

hätte er einen schönen und tiefen Traum träumen dürfen, einen Traum,

den niemand verstanden hätte, einen von jenen langen, langen Träumen,

über denen ein Leben hingehen kann wie ein Tag. Aber dieser junge

Mensch, der in der Manufaktur von Sèvres seinen Verdienst hatte, war

ein Träumer, dem der Traum in die Hände stieg, und er begann gleich mit

seiner Verwirklichung. Er fühlte, wo man anfangen mußte; eine Ruhe, die

in ihm war, zeigte ihm den weisen Weg. An dieser Stelle offenbart sich

schon Rodins tiefe Übereinstimmung mit der Natur, von der der Dichter

Georges Rodenbach, der ihn geradezu eine Naturkraft nennt, so schöne

Worte zu sagen wußte. Und in der Tat, es ist eine dunkle Geduld in

Rodin, die ihn beinahe namenlos macht, eine stille, überlegene Langmut,

etwas von der großen Geduld und Güte der Natur, die mit einem Nichts

beginnt, um still und ernst den weiten Weg zum Überfluß zu gehen. Auch

Rodin vermaß sich nicht, Bäume machen zu wollen. Er fing mit dem Keim

an, unter der Erde gleichsam. Und dieser Keim wuchs nach unten, senkte

Wurzel um Wurzel abwärts, verankerte sich, ehe er anfing, einen kleinen

Trieb nach oben zu tun. Das brauchte Zeit und Zeit. "Man muß sich nicht

eilen", sagte Rodin den wenigen Freunden, die um ihn waren, wenn sie

ihn drängten.

Damals kam der Krieg, und Rodin ging nach Brüssel und arbeitete,

wie der Tag es befahl. Er führte einige Figuren an Privathäusern aus

und mehrere von den Gruppen auf dem Börsengebäude und schuf die vier

großen Eckfiguren bei dem Denkmal des Bürgermeisters Loos im Parc

d'Anvers. Das waren Aufträge, die er gewissenhaft ausführte, ohne seine

wachsende Persönlichkeit zu Worte kommen zu lassen. Seine eigentliche

Entwickelung ging nebenher, zusammengedrängt in die Pausen, in die

Abendstunden, ausgebreitet in der einsamen Stille der Nächte, vor sich,

und er mußte diese Teilung seiner Energie jahrelang ertragen. Er besaß

die Kraft derjenigen, auf die ein großes Werk wartet, die schweigsame

Ausdauer derer, die notwendig sind.

Während er an der Börse von Brüssel beschäftigt war, mochte er fühlen,

daß es keine Gebäude mehr gab, die die Werke der Skulptur um sich

versammelten, wie es die Kathedralen getan hatten, diese großen Magnete

der Plastik einer vergangenen Zeit. Das Bildwerk war allein, wie das

Bild allein war, das Staffelei-Bild, aber es bedurfte ja auch keiner

Wand wie dieses. Es brauchte nicht einmal ein Dach. Es war ein Ding,

das für sich allein bestehen konnte, und es war gut, ihm ganz das Wesen

eines Dinges zu geben, um das man herumgehen und das man von allen

Seiten betrachten konnte. Und doch mußte es sich irgendwie von den

anderen Dingen unterscheiden, den gewöhnlichen Dingen, denen jeder

ins Gesicht greifen konnte. Es mußte irgendwie unantastbar werden,

sakrosankt, getrennt vom Zufall und von der Zeit, in der es einsam und

wunderbar wie das Gesicht eines Hellsehers aufstand. Es mußte seinen

eigenen, sicheren Platz erhalten, an den nicht Willkür es gestellt

hatte, und es mußte eingeschaltet werden in die stille Dauer des Raumes

und in seine großen Gesetze. In die Luft, die es umgab, mußte man es

wie in eine Nische hineinpassen und ihm so eine Sicherheit geben, einen

Halt und eine Hoheit, die aus seinem einfachen Dasein, nicht aus seiner

Bedeutung kam.

Rodin wußte, daß es zunächst auf eine unfehlbare Kenntnis des

menschlichen Körpers ankam. Langsam, forschend war er bis zu seiner

Oberfläche vorgeschritten, und nun streckte sich von außen eine Hand

entgegen, welche diese Oberfläche von der anderen Seite ebenso genau

bestimmte und begrenzte, wie sie es von innen war. Je weiter er ging

auf seinem entlegenen Wege, desto mehr blieb der Zufall zurück, und

ein Gesetz führte ihn dem anderen zu. Und schließlich war es diese

Oberfläche, auf die seine Forschung sich wandte. Sie bestand aus

unendlich vielen Begegnungen des Lichtes mit dem Dinge, und es zeigte

sich, daß jede dieser Begegnungen anders war und jede merkwürdig. An

dieser Stelle schienen sie einander aufzunehmen, an jener sich zögernd

zu begrüßen, an einer dritten fremd aneinander vorbeizugehen; und es

gab Stellen ohne Ende und keine, auf der nicht etwas geschah. Es gab

keine Leere.

In diesem Augenblick hatte Rodin das Grundelement seiner Kunst

entdeckt, gleichsam die Zelle seiner Welt, Das war die Fläche, diese

verschieden große, verschieden betonte, genau bestimmte Fläche, aus

der alles gemacht werden mußte. Von da ab war sie der Stoff seiner

Kunst, das, worum er sich mühte, wofür erwachte und litt. Seine Kunst

baute sich nicht auf eine große Idee auf, sondern auf eine kleine

gewissenhafte Verwirklichung, auf das Erreichbare, auf ein Können.

Es war kein Hochmut in ihm. Er schloß sich an diese unscheinbare und

schwere Schönheit an, an die, die er noch überschauen, rufen und

richten konnte. Die andere, die große, mußte kommen, wenn alles fertig

war, so wie die Tiere zur Tränke kommen, wenn die Nacht sich vollendet

hat und nichts Fremdes mehr an dem Walde haftet.

Mit dieser Entdeckung begann Rodins eigenste Arbeit. Nun erst waren

alle die herkömmlichen Begriffe der Plastik für ihn wertlos geworden.

Es gab weder Pose, noch Gruppe, noch Komposition. Es gab nur unzählbar

viele lebendige Flächen, es gab nur Leben, und das Ausdrucksmittel,

das er sich gefunden hatte, ging gerade auf dieses Leben zu. Nun hieß

es, seiner und seiner Fülle mächtig zu werden. Rodin erfaßte das

Leben, das überall war, wohin er sah. Er erfaßte es an den kleinsten

Stellen, er beobachtete es, er ging ihm nach. Er erwartete es an den

Übergängen, wo es zögerte, er holte es ein, wo es lief, und er fand

es an allen Orten gleich groß, gleich mächtig und hinreißend. Da war

kein Teil des Körpers unbedeutend oder gering: er lebte. Das Leben,

das in den Gesichtern wie auf Zifferblättern stand, leicht ablesbar

und voll Bezug auf die Zeit,--in den Körpern war es zerstreuter,

größer, geheimnisvoller und ewiger. Hier verstellte es sich nicht, hier

ging es nachlässig, wo es nachlässig war, und stolz bei den Stolzen;

zurücktretend von der Bühne des Angesichtes, hatte es die Maske

abgenommen und stand, wie es war, hinter den Kulissen der Kleider.

Hier fand er die Welt seiner Zeit, wie er jene des Mittelalters an

den Kathedralen erkannt hatte: versammelt um ein geheimnisvolles

Dunkel, zusammengehalten von einem Organismus, an ihn angepaßt und

ihm dienstbar gemacht. Der Mensch war zur Kirche geworden, und es

gab tausend und tausend Kirchen, keine der anderen gleich und jede

lebendig. Aber es galt zu zeigen, daß sie alle eines Gottes waren.

Jahre und Jahre ging Rodin auf den Wegen dieses Lebens als ein

Lernender und Demütiger, der sich als Anfänger fühlte. Niemand wußte

von seinen Versuchen, er hatte keinen Vertrauten und wenig Freunde.

Hinter der Arbeit, die ihn nährte, verbarg sich sein werdendes Werk und

erwartete seine Zeit. Er las viel. Man war gewohnt, ihn in Brüssels

Straßen immer mit einem Buche in der Hand zu sehen, aber vielleicht

war dieses Buch oft nur ein Vorwand für das Vertieftsein in sich

selbst, in die ungeheuere Aufgabe, die ihm bevorstand. Wie allen

Tätigen war auch ihm das Gefühl, eine unabsehbare Arbeit vor sich zu

haben, ein Antrieb, etwas, was seine Kräfte vermehrte und versammelte.

Und kamen Zweifel, kamen Ungewißheiten, kam die große Ungeduld der

Werdenden zu ihm, die Furcht eines frühen Todes oder die Drohung

der täglichen Not, so fand das alles in ihm schon einen stillen,

aufrechten Widerstand, einen Trotz, eine Stärke und Zuversicht, alle

die noch nicht entfalteten Fahnen eines großen Sieges. Vielleicht war

es die Vergangenheit, die in solchen Momenten auf seine Seite trat,

die Stimme der Kathedralen, die er immer wieder hören ging. Auch aus

den Büchern kam vieles, was ihm zustimmte. Er las zum ersten Male

Dantes Divina Commedia. Es war eine Offenbarung. Er sah die leidenden

Leiber eines anderen Geschlechtes vor sich, sah, über alle Tage fort

ein Jahrhundert, dem die Kleider abgerissen waren, sah das große und

unvergeßliche Gericht eines Dichters über seine Zeit. Da waren Bilder,

die ihm recht gaben, und wenn er von den weinenden Füßen Nikolaus' des

Dritten las, so wußte er schon, daß es weinende Füße gab, daß es ein

Weinen gab, das überall war, über einem ganzen Menschen, und Tränen,

die aus allen Poren traten. Und von Dante kam er zu Baudelaire. Hier

war kein Gericht, kein Dichter, der an der Hand eines Schattens zu

den Himmeln stieg, ein Mensch, einer von den Leidenden hatte seine

Stimme erhoben und hielt sie hoch über die Häupter der anderen empor,

wie um sie zu retten vor einem Untergang. Und in diesen Versen gab

es Stellen, die heraustraten aus der Schrift, die nicht geschrieben,

sondern geformt schienen, Worte und Gruppen von Worten, die geschmolzen

waren in den heißen Händen des Dichters, Zeilen, die sich wie Reliefs

anfühlten, und Sonette, die wie Säulen mit verworrenen Kapitalen die

Last eines bangen Gedankens trugen. Er fühlte dunkel, daß diese Kunst,

wo sie jäh aufhörte, an den Anfang einer anderen stieß, und daß sie

sich nach dieser anderen gesehnt hatte; er fühlte in Baudelaire einen,

der ihm vorangegangen war, einen, der sich nicht von den Gesichtern

hatte beirren lassen und der nach den Leibern suchte, in denen das

Leben größer war, grausamer und ruheloser.

Seit jenen Tagen blieben diese beiden Dichter ihm immer nah, er dachte

über sie hinaus und kehrte zu ihnen zurück. In jener Zeit, wo seine

Kunst sich formte und vorbereitete, wo alles Leben, das sie lernte,

namenlos war und nichts bedeutete, gingen Rodins Gedanken in den

Büchern der Dichter umher und holten sich dort eine Vergangenheit.

Später, als er als Schaffender diese Stoffkreise wieder berührte, da

stiegen ihre Gestalten wie Erinnerungen aus seinem eigenen Leben, weh

und wirklich, in ihm auf und gingen in sein Werk wie in eine Heimat

ein. Endlich, nach Jahren einsamer Arbeit, machte er den Versuch, mit

einem Werke hervorzutreten. Es war eine Frage an die Öffentlichkeit.

Die Öffentlichkeit antwortete verneinend. Und Rodin verschloß sich

abermals für dreizehn Jahre. Es waren die Jahre, in denen er, immer

noch als Unbekannter, zum Meister ausreifte, zum unumschränkten

Beherrscher seiner eigenen Mittel, immerfort arbeitend, denkend,

versuchend, unbeeinflußt von der Zeit, die an ihm nicht teilnahm.

Vielleicht gab ihm der Umstand, daß seine ganze Entwickelung in dieser

ungestörten Stille vor sich gegangen war, später, als man um ihn

stritt, als man seinem Werk widersprach, jene gewaltige Sicherheit.

Da, als man anfing, an ihm zu zweifeln, hatte er keinen Zweifel mehr

an sich selbst. Das alles lag hinter ihm. Nicht mehr von dem Zuruf und

dem Urteil der Menge hing sein Schicksal ab, es war schon entschieden,

als man meinte, es mit Spott und Feindseligkeit vernichten zu können.

In der Zeit, als er wurde, klang keine fremde Stimme zu ihm, kein Lob,

das ihn hätte irremachen, kein Tadel, der ihn hätte verwirren können.

Wie Parzival heranwächst, so wuchs sein Werk in Reinheit heran, allein

mit sich und mit einer großen ewigen Natur. Nur seine Arbeit sprach zu

ihm. Sie sprach zu ihm des Morgens beim Erwachen, und des Abends klang

sie lange in seinen Händen nach wie in einem fortgelegten Instrumente.

Darum war sein Werk so unüberwindlich: weil es erwachsen zur Welt kam;

nicht mehr als werdendes erschien es, das um seine Berechtigung bat,

sondern als Wirklichkeit, die sich durchgesetzt hat, die da ist, mit

der man rechnen muß. Wie ein König, der hört, daß in seinem Reiche eine

Stadt gebaut werden soll, überlegt, ob es gut sei, das Privileg zu

gewähren, zögert und endlich aufbricht, die Stelle zu besehen; er kommt

hin und findet eine große gewaltige Stadt, die fertig ist, steht, steht

wie von Ewigkeit her mit Mauern, Türmen und Toren: so kam die Menge,

als man sie schließlich rief, zu dem Werke Rodins, das fertig war.

Diese Periode des Reifwerdens ist begrenzt durch zwei Werke. An ihrem

Anfang steht der Kopf des _Mannes mit der gebrochenen Nase_, an ihrem

Ende die Gestalt des jungen Mannes, des _Mannes der ersten Zeiten_, wie

Rodin ihn genannt hat. Der _Homme au nez cassé_ wurde im Jahre 1864 vom

"Salon" zurückgewiesen. Man begreift das sehr gut, denn man fühlt, daß

in diesem Werke Rodins Art schon ganz ausgereift war, ganz vollendet

und sicher; mit der Rücksichtslosigkeit eines großen Bekenntnisses

widersprach es den Anforderungen der akademischen Schönheit, die noch

immer die allein herrschende war. Umsonst hatte Rude seiner Göttin des

Aufruhrs auf dem Triumphtor der place de l'Etoile die wilde Gebärde

gegeben und den weiten Schrei, umsonst hatte Barye seine geschmeidigen

Tiere geschaffen, und den "Tanz" Carpeaux' hatte man nur verhöhnt, um

sich schließlich so weit an ihn zu gewöhnen, daß man ihn nicht mehr

sah. Es war alles beim alten geblieben. Die Plastik, die betrieben

wurde, war immer noch die der Modelle, der Posen und der Allegorien,

das leichte, billige und gemächliche Metier, das mit der mehr oder

weniger geschickten Wiederholung von einigen sanktionierten Gebärden

auskam. In dieser Umgebung hätte schon der Kopf des _Mannes mit der

gebrochenen Nase_ jenen Sturm erregen müssen, der erst bei späteren

Werken Rodins losbrach. Aber wahrscheinlich hat man ihn, als die Arbeit

eines Unbekannten, fast unbesehen wieder zurückgeschickt.

Man fühlt, was Rodin anregte, diesen Kopf zu formen, den Kopf eines

alternden, häßlichen Mannes, dessen gebrochene Nase den gequälten

Ausdruck des Gesichtes noch verstärken half; es war die Fülle von

Leben, die in diesen Zügen versammelt war; es war der Umstand, daß es

auf diesem Gesichte gar keine symmetrischen Flächen gab, daß nichts

sich wiederholte, daß keine Stelle leer geblieben war, stumm oder

gleichgültig. Dieses Gesicht war nicht vom Leben berührt worden, es

war um und um davon angetan, als hätte eine unerbittliche Hand es in

das Schicksal hineingehalten, wie in die Wirbel eines waschenden,

nagenden Wassers. Wenn man diese Maske in Händen hält und dreht, ist

man überrascht über den fortwährenden Wechsel der Profile, von denen

keines zufällig ist, ratend oder unbestimmt. Es gibt an diesem Kopf

keine Linie, keine Überschneidung, keinen Kontur, den Rodin nicht

gesehen und gewollt hat. Man glaubt zu fühlen, wie einige von diesen

Furchen früher kamen, andere später, wie zwischen dem und jenem Riß,

der durch die Züge geht, Jahre liegen, bange Jahre, man weiß, daß von

den Zeichen dieses Gesichtes einige langsam eingeschrieben wurden,

gleichsam zögernd, daß andere erst leise vorgezeichnet waren und von

einer Gewohnheit oder einem Gedanken, der immer wieder kam, nachgezogen

wurden, und man erkennt jene scharfen Scharten, die in einer Nacht

entstanden sein mußten, wie vom Schnabel eines Vogels hineingehackt in

die überwache Stirne eines Schlaflosen. Man muß sich mühsam erinnern,

daß alles das auf dem Räume eines Gesichtes steht, so viel schweres,

namenloses Leben erhebt sich aus diesem Werke. Legt man die Maske vor

sich nieder, so meint man auf der Höhe eines Turmes zu stehen und auf

ein unebenes Land herabzusehen, über dessen wirre Wege viele Völker

gezogen sind. Und hebt man sie wieder auf, so hält man ein Ding, das

man schön nennen muß um seiner Vollendung willen. Aber nicht aus der

unvergleichlichen Durchbildung allein ergibt sich diese Schönheit. Sie

entsteht aus der Empfindung des Gleichgewichts, des Ausgleichs aller

dieser bewegten Flächen untereinander, aus der Erkenntnis dessen,

daß alle diese Erregungsmomente in dem Dinge selbst ausschwingen und

zu Ende gehen. War man eben noch ergriffen von der vielstimmigen

Qual dieses Angesichtes, so fühlt man gleich darauf, daß keine

Anklage davon ausgeht. Es wendet sich nicht an die Welt; es scheint

seine Gerechtigkeit in sich zu tragen, die Aussöhnung aller seiner

Widersprüche und eine Geduld, groß genug für alle seine Schwere.

Als Rodin diese Maske schuf, hatte er einen ruhig sitzenden Menschen

vor sich und ein ruhiges Gesicht. Aber es war das Gesicht eines

Lebendigen, und als er es durchforschte, da zeigte sich, daß es voll

von Bewegung war, voll von Unruhe und Wellenschlag. In dem Verlauf

der Linien war Bewegung, Bewegung war in der Neigung der Flächen,

die Schatten rührten sich wie im Schlafe, und leise schien das Licht

an der Stirne vorbeizugehen. Es gab also keine Ruhe, nicht einmal im

Tode; denn mit dem Verfall, der auch Bewegung ist, war selbst das

Tote dem Leben noch untergeordnet. Es gab nur Bewegung in der Natur;

und eine Kunst, die eine gewissenhafte und gläubige Auslegung des

Lebens geben wollte, durfte nicht jene Ruhe, die es nirgends gab,

zu ihrem Ideale machen. In Wirklichkeit hat auch die Antike nichts

von einem solchen Ideal gewußt. Man mußte nur an die Nike denken.

Diese Skulptur hat uns nicht nur die Bewegung eines schönen Mädchens

überliefert, das seinem Geliebten entgegengeht, sie ist zugleich ein

ewiges Bildnis griechischen Windes, seiner Weite und Herrlichkeit.

Und sogar die Steine älterer Kulturen waren nicht ruhig. In die

hieratisch verhaltene Gebärde uralter Kulte war die Unruhe lebendiger

Flächen eingeschlossen, wie Wasser in die Wände des Gefäßes. Es waren

Strömungen in den verschlossenen Göttern, welche saßen, und in den

stehenden war eine Gebärde, die wie eine Fontäne aus dem Steine stieg

und wieder in denselben zurückfiel, ihn mit vielen Wellen erfüllend.

Nicht die Bewegung war es, die dem Sinne der Skulptur (und das heißt

einfach dem Wesen des Dinges) widerstrebte; es war nur die Bewegung,

die nicht zu Ende geht, die nicht von anderen im Gleichgewicht gehalten

wird, die hinausweist über die Grenzen des Dinges. Das plastische Ding

gleicht jenen Städten der alten Zeit, die ganz in ihren Mauern lebten:

die Bewohner hielten deshalb nicht ihren Atem an, und die Gebärden

ihres Lebens brachen nicht ab. Aber nichts drang über die Grenzen

des Kreises, der sie umgab, nichts war jenseits davon, nichts zeigte

aus den Toren hinaus, und keine Erwartung war offen nach außen. Wie

groß auch die Bewegung eines Bildwerkes sein mag, sie muß, und sei es

aus unendlichen Weiten, sei es aus der Tiefe des Himmels, sie muß zu

ihm zurückkehren, der große Kreis muß sich schließen, der Kreis der

Einsamkeit, in der ein Kunst-Ding seine Tage verbringt. Da war das

Gesetz, welches, ungeschrieben, lebte in den Skulpturen vergangener

Zeiten. Rodin erkannte es. Was die Dinge auszeichnet, dieses

Ganz-mit-sich-Beschäftigtsein, das war es, was einer Plastik ihre Ruhe

gab; sie durfte nichts von außen verlangen oder erwarten, sich auf

nichts beziehen, was draußen lag, nichts sehen, was nicht in ihr war.

Ihre Umgebung mußte in ihr liegen. Es war der Bildhauer Lionardo, der

der Gioconda die Unnahbarkeit gegeben hat, diese Bewegung, die nach

innen geht, dieses Schauen, dem man nicht begegnen kann. Wahrscheinlich

wird sein Francesco Sforza ebenso gewesen sein, von einer Gebärde

bewegt, die, gleich einem stolzen Gesandten seines Staates nach

vollbrachtem Auftrag, zu ihm zurückkehrte.

In den langen Jahren, die zwischen der Maske des _Homme au nez cassé_

und jener Figur des _Mannes der ersten Zeiten_ vergingen, vollzogen

sich viele stille Entwickelungen in Rodin. Neue Beziehungen verbanden

ihn fester mit der Vergangenheit seiner Kunst. Diese Vergangenheit

und ihre Größe, an der so viele wie an einer Last getragen hatten,

ihm wurde sie der Flügel, der ihn trug. Denn wenn er in jener Zeit je

eine Zustimmung empfangen hat, eine Bestärkung dessen, was er wollte

und suchte, so kam sie von den Dingen der Antike und aus dem faltigen

Dunkel der Kathedralen. Menschen redeten nicht zu ihm. Steine sprachen.

Der _Homme au nez cassé_ hatte geoffenbart, wie Rodin den Weg durch

ein Gesicht zu gehen wußte, der _Mann der ersten Zeiten_ bewies

seine unumschränkte Herrschaft über den Körper. "Souverain tailleur

d'ymaiges", dieser Titel, den die Meister des Mittelalters einander in

neidloser ernster Wertung gaben, kam ihm zu. Hier war ein lebensgroßer

Akt, auf dessen allen Stellen das Leben nicht nur gleich mächtig war,

es schien auch überall zur Höhe desselben Ausdrucks erhoben zu sein.

Was im Gesichte stand, dieselbe Schmerzhaftigkeit eines schweren

Erwachens und zugleich diese Sehnsucht nach dem Schweren, war auf dem

kleinsten Teil dieses Körpers geschrieben; jede Stelle war ein Mund,

der es sagte, in seiner Art. Das strengste Auge konnte an dieser Figur

keinen Platz entdecken, der weniger lebendig, weniger bestimmt und

klar gewesen wäre. Es war, als stiege in die Adern dieses Mannes Kraft

aus den Tiefen der Erde. Das war die Silhouette eines Baumes, der die

Märzstürme noch vor sich hat und bange ist, weil die Frucht und Fülle

seines Sommers nicht mehr in den Wurzeln wohnt, sondern schon, langsam

steigend, im Stamme steht, um den die großen Winde jagen werden.

Diese Gestalt ist auch noch in anderem Sinne bedeutsam. Sie bezeichnet

im Werke Rodins die Geburt der Gebärde. Jene Gebärde, die wuchs und

sich allmählich zu solcher Größe und Gewalt entwickelte, hier entsprang

sie wie eine Quelle, welche leise an diesem Leibe niederrann. Sie

erwachte im Dunkel der ersten Zeiten, und sie scheint, in ihrem

Wachsen, durch die Weite dieses Werkes wie durch alle Jahrtausende

zu gehen, weit über uns hinaus zu denen, die kommen werden. Zögernd

entfaltet sie sich in den erhobenen Armen; und diese Arme sind noch so

schwer, daß die Hand des einen schon wieder ausruht auf der Höhe des

Hauptes. Aber sie schläft nicht mehr, sie sammelt sich; ganz hoch oben

auf dem Gipfel des Gehirnes, wo es einsam ist, bereitet sie sich vor

auf die Arbeit, auf die Arbeit der Jahrhunderte, die nicht Absehn noch

Ende hat. Und in dem rechten Fuße steht wartend ein erster Schritt.

Man könnte von dieser Gebärde sagen, daß sie wie in einer harten Knospe

eingeschlossen ruht. Eines Gedankens Glut und ein Sturm im Willen:

sie öffnet sich, und es entsteht jener _Johannes_ mit den redenden,

erregten Armen, mit dem großen Gehen dessen, der einen anderen hinter

sich kommen fühlt. Der Körper dieses Mannes ist nicht mehr unerprobt:

die Wüsten haben ihn durchglüht, der Hunger hat ihm weh getan, und

alle Dürste haben ihn geprüft. Er hat bestanden und ist hart geworden.

Sein hagerer Asketenleib ist wie ein Holzgriff, in dem die weite Gabel

seines Schrittes steckt. Er geht. Er geht, als wären alle Weiten der

Welt in ihm und als teilte er sie aus mit seinem Gehen. Er geht.

Seine Arme sagen von diesem Gang, und seine Finger spreizen sich und

scheinen in der Luft das Zeichen des Schreitens zu machen.

Dieser _Johannes_ ist der erste Gehende im Werke Rodins. Es kommen

viele nach. Es kommen die _Bürger von Calais,_ die ihren schweren

Gang beginnen, und alles Gehen scheint vorzubereiten auf den großen

herausfordernden Schritt des _Balzac._

Aber auch die Gebärde des Stehenden entwickelt sich weiter, sie

schließt sich, sie rollt sich zusammen wie brennendes Papier, sie

wird stärker, geschlossener, erregter. So ist jene Figur der Eva,

die ursprünglich bestimmt war, über dem _Höllentor_ zu stehen. Der

Kopf senkt sich tief in das Dunkel der Arme, die sich über der Brust

zusammenziehen wie bei einer Frierenden. Der Rücken ist gerundet, der

Nacken fast horizontal, die Haltung vorgebogen wie zu einem Lauschen

über dem eigenen Leibe, in dem eine fremde Zukunft sich zu rühren

beginnt. Und es ist, als wirkte die Schwerkraft dieser Zukunft auf die

Sinne des Weibes und zöge sie herab aus dem zerstreuten Leben in den

tiefen demütigen Knechtdienst der Mutterschaft.

Immer und immer wieder kam Rodin bei seinen Akten auf dieses

Sich-nach-innen-Biegen zurück, auf dieses angestrengte Horchen in die

eigene Tiefe; so ist die wundervolle Gestalt, die er _La Méditation_

genannt hat, so ist jene unvergeßliche _Voix intérieure_, die leiseste

Stimme Viktor Hugoscher Gesänge, die auf dem Denkmal des Dichters

fast verborgen unter der Stimme des Zornes steht. Niemals ist ein

menschlicher Körper so um sein Inneres versammelt gewesen, so gebogen

von seiner eigenen Seele und wieder zurückgehalten von seines Blutes

elastischer Kraft. Und wie auf dem tief seitwärts gesenkten Leibe der

Hals sich ein wenig aufrichtet und streckt und den horchenden Kopf über

das ferne Rauschen des Lebens hält, das ist so eindringlich und groß

empfunden, daß man sich keiner ergreifenderen und verinnerlichteren

Gebärde zu erinnern weiß. Es fällt auf, daß die Arme fehlen. Rodin

empfand sie in diesem Fall als eine zu leichte Lösung seiner Aufgabe,

als etwas, was nicht zu dem Körper gehört, der sich in sich selber

hüllen wollte, ohne fremde Hilfe. Man kann an die Duse denken, wie

sie in einem Drama d'Annunzios, schmerzhaft verlassen, ohne Arme zu

umarmen versucht und zu halten ohne Hände. Diese Szene, in der ihr

Körper eine Liebkosung lernte, die weit über ihn hinausging, gehört

zu den Unvergeßlichkeiten ihres Spieles. Es vermittelte den Eindruck,

daß die Arme ein Überfluß waren, ein Schmuck, eine Sache der Reichen

und der Unmäßigen, die man von sich werfen konnte, um ganz arm zu

sein. Nicht als hätte sie Wichtiges eingebüßt, wirkte sie in diesem

Augenblick; eher wie einer, der seinen Becher verschenkt, um aus dem

Bache zu trinken, wie ein Mensch, der nackt ist und noch ein wenig

hilflos in seiner tiefen Blöße. So ist es auch bei den armlosen

Bildsäulen Rodins; es fehlt nichts Notwendiges. Man steht vor ihnen als

vor etwas Ganzem, Vollendetem, das keine Ergänzung zuläßt. Nicht aus

dem einfachen Schauen kommt das Gefühl des Unfertigen, sondern aus der

umständlichen Überlegung, aus der kleinlichen Pedanterie, welche sagt,

daß zu einem Körper Arme gehören und daß ein Körper ohne Arme nicht

ganz sein könne, auf keinen Fall. Es ist nicht lange her, da lehnte

man sich in derselben Weise gegen die vom Bildrande abgeschnittenen

Bäume der Impressionisten auf; man hat sich sehr rasch an diesen

Eindruck gewöhnt, man hat, für den Maler wenigstens, einsehen und

glauben gelernt, daß ein künstlerisches Ganzes nicht notwendig mit dem

gewöhnlichen Ding-Ganzen zusammenfallen muß, daß, unabhängig davon,

innerhalb des Bildes neue Einheiten entstehen, neue Zusammenschlüsse,

Verhältnisse und Gleich-gewichte. Es ist in der Skulptur nicht anders.

Dem Künstler steht es zu, aus vielen Dingen eines zu machen und aus dem

kleinsten Teil eines Dinges eine Welt. Es gibt im Werke Rodins Hände,

selbständige, kleine Hände, die, ohne zu irgendeinem Körper zu gehören,

lebendig sind. Hände, die sich aufrichten, gereizt und böse, Hände,

deren fünf gesträubte Finger zu bellen scheinen, wie die fünf Hälse

eines Höllenhundes. Hände, die gehen, schlafende Hände, und Hände,

welche erwachen; verbrecherische, erblich belastete Hände und solche,

die müde sind, die nichts mehr wollen, die sich niedergelegt haben in

irgendeinen Winkel, wie kranke Tiere, welche wissen, daß ihnen niemand

helfen kann. Aber Hände sind schon ein komplizierter Organismus, ein

Delta, in dem viel fernherkommendes Leben zusammenfließt, um sich

in den großen Strom der Tat zu ergießen. Es gibt eine Geschichte

der Hände, sie haben tatsächlich ihre eigene Kultur, ihre besondere

Schönheit; man gesteht ihnen das Recht zu, eine eigene Entwickelung

zu haben, eigene Wünsche, Gefühle, Launen und Liebhabereien. Rodin

aber, der durch die Erziehung, die er sich gegeben hat, weiß, daß der

Körper aus lauter Schauplätzen des Lebens besteht, eines Lebens, das

auf jeder Stelle individuell und groß werden kann, hat die Macht,

irgendeinem Teil dieser weiten schwingenden Fläche die Selbständigkeit

und Fülle eines Ganzen zu geben. Wie der menschliche Körper für Rodin

nur so lange ein Ganzes ist, als eine gemeinsame (innere oder äußere)

Aktion alle seine Glieder und Kräfte im Aufgebot hält, so ordnen sich

ihm andererseits auch Teile verschiedener Leiber, die aus innerer

Notwendigkeit aneinander haften, zu einem Organismus ein. Eine Hand,

die sich auf eines anderen Schulter oder Schenkel legt, gehört nicht

mehr ganz zu dem Körper, von dem sie kam: aus ihr und dem Gegenstand,

den sie berührt oder packt, entsteht ein neues Ding, ein Ding mehr,

das keinen Namen hat und niemandem gehört; und um dieses Ding, das

seine bestimmten Grenzen hat, handelt es sich nun. Diese Erkenntnis

ist die Grundlage für die Gruppierung der Gestalten bei Rodin; aus

ihr kommt jenes unerhörte Aneinandergebunden-Sein der Figuren, jenes

Zusammenhalten der Formen, jenes Sich-nicht-Loslassen, um keinen Preis.

Er geht nicht von den Figuren aus, die sich umfassen, er hat keine

Modelle, die er anordnet und zusammenstellt. Er fängt bei den Stellen

der stärksten Berührung als bei den Höhepunkten des Werkes an; dort,

wo etwas Neues entsteht, setzt er ein und widmet alles Wissen seines

Werkzeugs den geheimnisvollen Erscheinungen, die das Werden eines

neuen Dinges begleiten. Er arbeitet gleichsam beim Schein der Blitze,

die an diesen Punkten entstehen, und sieht nur diejenigen Teile der

ganzen Körper, die beschienen sind. Der Zauber der großen Gruppe des

Mädchens und des Mannes, die _Der Kuß_ genannt wird, liegt in dieser

weisen und gerechten Verteilung des Lebens; man hat das Gefühl, als

gingen hier von allen Berührungsflächen Wellen in die Körper hinein,

Schauer von Schönheit, Ahnung und Kraft. Daher kommt es, daß man die

Seligkeit dieses Kusses überall auf diesen Leibern zu schauen glaubt;

er ist wie eine Sonne, die aufgeht, und sein Licht liegt überall. Aber

noch wunderbarer ist jener andere Kuß, um den sich, wie die Mauer um

einen Garten, jenes Werk erhebt, welches _Eternelle Idole_ heißt. Eine

der Wiederholungen dieses Marmors war im Besitze Eugène Carrières, und

in der stillen Dämmerung seines Hauses lebte dieser klare Stein wie

ein Quell, in dem immer dieselbe Bewegung ist, derselbe Aufstieg und

Niederfall verzauberter Kraft. Ein Mädchen kniet. Ihr schöner Leib

hat sich sanft zurückgelehnt. Ihr rechter Arm hat sich nach hinten

gestreckt, und ihre Hand hat tastend ihren Fuß gefunden. In diese drei

Linien, aus denen kein Weg hinausführt in die Welt, schließt sich ihr

Leben mit seinem Geheimnis ein. Der Stein unter ihr hebt sie empor,

wie sie so kniet. Und man glaubt plötzlich in der Haltung, in die

dieses junge Mädchen aus Trägheit, aus Träumerei oder aus Einsamkeit

verfiel, eine uralte heilige Gebärde zu erkennen, in welche die Göttin

ferner, grausamer Kulte versunken war. Der Kopf dieses Weibes neigt

sich ein wenig vor; mit einem Ausdruck von Nachsicht, Hoheit und Geduld

sieht sie, wie aus der Höhe einer stillen Nacht, auf den Mann hinab,

der sein Gesicht in ihre Brust versenkt wie in viele Blüten. Auch er

kniet, aber tiefer, tief im Stein. Seine Hände liegen hinter ihm, wie

wertlose und leere Dinge, Die Rechte ist offen; man sieht hinein. Von

dieser Gruppe geht eine geheimnisvolle Größe aus. Man wagt (wie so oft

bei Rodin) nicht, ihr eine Bedeutung zu geben. Sie hat tausende. Wie

Schatten gehen die Gedanken über sie, und hinter jedem steigt sie neu

und rätselhaft auf in ihrer Klarheit und Namenlosigkeit.

Etwas von der Stimmung eines Purgatorio lebt in diesem Werke. Ein

Himmel ist nah, aber er ist noch nicht erreicht; eine Hölle ist nah,

aber sie ist noch nicht vergessen. Auch hier strahlt aller Glanz von

der Berührung aus, von der Berührung der beiden Körper und von der

Berührung des Weibes mit sich selbst.

Und nichts anderes als eine immer neue Ausgestaltung des Themas von

der Berührung lebendiger und bewegter Flächen ist jene gewaltige

_Porte de l'Enfer_, an der Rodin seit zwanzig Jahren einsam gearbeitet

hat und deren Guß immer noch bevorsteht. Gleichzeitig im Erforschen

der Bewegung von Flächen und ihrer Vereinigung fortschreitend, kam

Rodin dazu, Körper zu suchen, die sich mit vielen Stellen berührten,

Körper, deren Berührungen heftiger waren, stärker, ungestümer. Je

mehr Berührungspunkte zwei Körper einander boten, je ungeduldiger

sie aufeinander zustürzten, gleich chemischen Stoffen von großer

Verwandtschaft, desto fester und organischer hielt das neue Ganze, das

sie bildeten, zusammen. Erinnerungen aus Dante tauchten auf. Ugolino

und die Wandernden selbst. Dante und Virgil aneinandergedrängt, das

Gewühl der Wollüstigen, aus dem, wie ein verdorrter Baum, die greifende

Gebärde des Geizigen ragte. Die Zentauren, die Riesen und Ungeheuer,

Sirenen, Faune und Weiber von Faunen, alle die wilden und reißenden

Gott-Tiere des vorchristlichen Waldes kamen auf ihn zu. Und er schuf.

Er verwirklichte alle die Gestalten und Formen des Dantischen Traumes,

hob sie empor wie aus der bewegten Tiefe eigener Erinnerungen und gab

ihnen, einem nach dem anderen, des Dingseins leise Erlösung. Hunderte

von Figuren und Gruppen entstanden auf diese Art. Aber die Bewegungen,

die er in den Worten des Dichters fand, gehörten einer anderen Zeit;

sie erweckten in dem Schaffenden, der sie auferstehen ließ, das Wissen

von tausend anderen Gebärden, Gebärden des Greifens, Verlierens,

Leidens und Lassens, die inzwischen entstanden waren, und seine Hände,

die keine Ermüdung kannten, gingen weiter und weiter, über die Welt des

Florentiners hinaus zu immer neuen Gesten und Gestalten.

Auguste Rodin Mit 96 Vollbildern · 第 1 / 6 段