Mr. Hamilton, Telegraphenbureau Frankfurt a. M.«

Hamilton trat zum Tisch, auf den er den Schmuck und die telegraphische

Depesche legte, dann nahm er aus seiner Tasche die Liste der gestohlenen

Banknoten, die er mit den bei der jungen Dame gefundenen verglich und

einige roth anstrich, dann fügte er diesen noch ein anderes Papier

bei, die genaue Beschreibung des im Hause der Lady Clive gestohlenen

Schmucks, und als er damit fertig war, sagte er freundlich zu Burton:

»Dürfte ich Sie =jetzt= einmal bitten, Mr. Burton, sich diese kleine

Bescheerung anzusehen? Es wird interessant für Sie sein. -- Lassen Sie

den Gefangenen nur los, meine Herren.«

»Sie werden sich nie Ihres nichtswürdigen Betragens wegen entschuldigen

können,« sagte Burton finster, indem er aber doch der Aufforderung Folge

leistete.

»Auch dann nicht?« frug Hamilton, »wenn ich Sie überzeuge, daß Sie einer

großen -- einer recht großen Gefahr entgangen sind?« frug Hamilton.

»Einer Gefahr? -- wie so?«

»Der Gefahr, das Schlimmste zu erleben, was ein anständiger Mann, außer

dem Verlust seiner Ehre, erleben kann -- sich lächerlich zu machen.«

»Mr. Hamilton --«

»Bitte, lesen Sie hier die Depesche Ihres Herrn Vaters -- seine Antwort

auf meine Anfrage von heute Morgen. -- So -- und hier haben Sie die

Nummern der aufgefundenen Banknoten -- und hier endlich die genaue

Beschreibung des Schmucks, von Lady Clives eigener, sehr zierlicher

Hand. Zweifeln Sie =jetzt= noch daran, daß Sie es nicht mit einer Miss

Jenny Benthouse, sondern mit der leichtfertigen Lucy Fallow zu thun

hatten? -- Pst -- lieber Freund, die Sache ist abgemacht« -- sagte

aber der Agent, als er sah, wie bestürzt der junge Burton diesen nicht

wegzuläugnenden Beweisen gegenüber stand. -- »Nur noch einen Blick

werfen Sie jetzt auf die junge Dame,« fuhr er dabei fort, während er

zugleich die Thür aufstieß und nach der trotzig und wild dastehenden

Gestalt des Mädchens zeigte. -- »Glauben Sie, das =jene= Dame Ihnen bis

London gefolgt wäre, und nicht vorher Mittel und Wege gefunden hätte,

Ihnen unterwegs zu entschlüpfen? Uebrigens habe ich schon von Ems aus,

so wie ich Korniks Geständniß erhielt, nach London an Lady Clive

telegraphirt und sie gebeten, mir Jemanden zur Recognoscirung des jungen

Frauenzimmers herzusenden. Der kann schon, wenn sie ihn rasch befördert

hat, morgen Mittag eintreffen, und dann, nachdem jeder Vorsicht Genüge

geleistet und die äußerste Rücksicht genommen ist, um nicht eine

Unschuldige zu belästigen, werden Sie mir doch zugeben, Mr. Burton, daß

ich meine Pflicht erfüllt habe.«

James Burton schwieg und sah ein Paar Secunden still vor sich nieder;

aber sein besseres Gefühl gewann doch die Oberhand. Er sah ein, daß er

sich von einer Betrügerin hatte täuschen lassen, und Hamilton die Hand

reichend, sagte er herzlich:

»Ich danke Ihnen, Sir -- ich werde Ihnen das nie vergessen.«

»Ein desto schlechteres Gedächtniß werde =ich= dann für unser letztes

kleines Intermezzo haben,« lachte der Polizeiagent, die dargebotene Hand

derb schüttelnd, »und nun, mein lieber Mr. Burton, reisen Sie, wenn Sie

=meinem= Rath folgen wollen, so rasch Sie mögen, nach England zurück.

Für die beiden Schuldigen werde ich schon Sorge tragen, und in sehr

kurzer Zeit denke ich Ihnen nachzufolgen.«

Dem Commissär erklärte Hamilton bald den Zusammenhang der Verhaftung Mr.

Burtons, den er dadurch nur hatte so lange aufhalten wollen, bis er die

Beweise von der Schuld jener Person beischaffte -- das war geschehen und

er selber brachte jetzt die an dem Morgen von Burton zerrissene und von

ihm wieder sorgfältig zusammengeklebte Vollmacht zum Vorschein, die als

beste Legitimation für ihn dienen konnte.

Am nächsten Tag traf richtig ein Polizeibeamter, der Miss Lucy

Fallow persönlich kannte, in Frankfurt ein, und Hamilton erhielt die

Genugthuung, seinen ersten Verdacht völlig bestätigt zu finden. Gleich

danach reiste James Burton allein ab, während Hamilton noch einige Tage

brauchte, bis er die Uebersendung der Wertpapiere und Banknoten durch

die Nassauische Regierung nach England reguliren konnte. Dann erst

folgte er mit seinen Gefangenen nach England, von denen er aber nur das

Mädchen hinüberbrachte.

Kornik machte unterwegs einen verzweifelten Fluchtversuch und sprang,

während der Zug im vollen Gange war, zwischen Lüttich und Namür aus dem

Fenster des Waggons; aber er verletzte sich dabei so furchtbar, daß er

starb, ehe man ihn auf die nächste Station transportiren konnte.

Eine Heimkehr aus der weiten Welt.

Was auch Andere dagegen sagen mögen; es ist schon der Mühe werth eine

größere Reise zu unternehmen, nur um wieder zu kommen.

Manche Freude, manches Glück blüht uns »armen Sterblichen« hier auf

dieser schönen Welt, keine aber so voll und reich und herrlich, als die

Freude des Wiedersehens nach langer Trennung -- keine so rein und selig,

als die Rückkehr in das Vaterland. Soll ich dir deshalb, lieber Leser,

erzählen wie mir zu Muthe war, als ich nach einer Abwesenheit von 39

Monden von Weib und Kind, zurück in die Heimath kehrte? -- Ich will's

versuchen.

Ich kam damals -- im Juni 52 -- nach einer ununterbrochenen Seereise von

129 Tagen direct von Batavia. Siebzehn von den 129 hatten wir uns allein

bei faulem Wetter in Canal und Nordsee herumgetrieben -- 17 Tage auf

einer Strecke, die wir recht gut hätten in =dreien= zurücklegen können.

Und so dicht dabei an der heimischen Küste; es war eine verzweifelte

Zeit; doch sie ging auch vorbei, und endlich, endlich rasselte der Anker

in die Tiefe.

Das ist ein wunderbar ergreifender Ton, den man nicht allein =hört=,

sondern auch =fühlt=, denn das ganze Schiff rasselt und zittert mit, und

wie die Eisenschaufel nur den Boden berührt und mit einem Ruck festhakt,

fühlt man sich auch daheim.

=Ich war daheim!= ob Bremen, ob Sachsen, ob Oestreich, solchen

Unterschied kennt man nur innerhalb der verschiedenen Grenzpfähle: für

uns Deutsche da draußen ist alles nur ein Deutschland, ein Vaterland,

und wie die Matrosen nach oben liefen, die Segel festzumachen, und

die Kette indessen, soweit das anging, eingezogen und um die Winde

geschlagen wurde, hing mein Blick an dem grünen Ufer des Weserstrandes,

an dem Mastenwald des nicht fernen Bremerhafens, und konnte sich nicht

losreißen von dem lieben, lieben Bild.

Aber nicht lange sollte mir Zeit zum Schauen bleiben. Der Lootse

hatte uns schon gesagt, daß wir wahrscheinlich noch zeitig genug nach

Bremerhafen kämen, um das Nachmittags-Dampfboot nach Bremen zu benutzen.

Alle unsere Sachen waren gepackt. Jetzt dampfte das Boot aus dem Hafen

heraus und legte bei -- jetzt kam ein kleines Boot vom Ufer ab, uns

hinüber zu führen. Kisten und Koffer wurden Hals über Kopf hinunter

gehoben, kaum blieb mir noch Zeit, den Seeleuten, mit denen ich so lange

Monde als einziger Passagier verlebt, die Hand zu schütteln, und schon

glitten wir über den stillen Strom, dem, unserer harrenden, Dampfer zu.

An Bord fanden wir eine große Gesellschaft von Herren und Damen und hier

zum ersten Mal dachte ich daran, daß ich ja in Bremerhafen, ehe ich

die »Stadt« selber betrat, meine etwas sehr mitgenommene Toilette hatte

erneuen wollen. Mein Schuhwerk besonders befand sich in höchst

traurigen Umständen, und meine =besten= Schuh waren querüber vollständig

aufgeplatzt. Aber das ging jetzt nicht mehr an -- wer kannte mich auch

und wo behielt ich Zeit mich jetzt um =solche= Dinge zu bekümmern? --

Den Strom hinauf glitten wir, der für mich der Erinnerungen so viele

trug, und wie Dorf nach Dorf hinter uns blieb, wie die Sonne tiefer und

tiefer sank, und hie und da schon einzelne Hügel aus dem flachen Land

hervorschauten, grüßten mich die Nachtigallen, die lieben Waldsänger

unserer Heimath mit ihrem zaubrisch süßen Sang.

Und weiter flog das Boot; hinter dem Rad stand ich, aus dem die Wellen

schäumten, horchte den Nachtigallen am Ufer, und schaute nach den alten

gemüthlichen Dorfkirchthürmen hinüber, bis von weitem, aber schon mit

einbrechender Dunkelheit, die Thürme der alten Handelsstadt Bremen

herüber blickten.

Jetzt hielt das Boot; dicht unter den dunkeln Häusermassen lagen wir, in

welche nur schmale schräge Einschnitte -- kleine Gäßchen, die zum Ufer

hinunterführen -- einliefen; Karrenführer kamen an Bord, denen ich mein

Gepäck übergab, und wenige Secunden später stand ich zum ersten Mal

wieder nach 129 Tagen draußen auf =Pflaster=, auf =deutschem= Grund

und Boden, und es war mir zu Muthe, als ob ich hätte über den Boden

=fliegen= können.

Von da an war jeder Schritt, den ich weiter that, ein =Genuß= für mich

und langsam, ganz langsam verfolgte ich im Anfang meinen Weg, den frohen

Becher nun auch ordentlich auszukosten.

In vielen Häusern war schon Licht angezündet, und die Leute saßen drin

bei ihrem Abendbrod, hie und da aber standen sie auch noch plaudernd,

und sich des schönen Sommerabends freuend, in den Thüren -- auch

=deutsch= sprachen sie, gutes ehrliches deutsch, nicht mehr malayisch

oder holländisch, oder englisch, französisch, spanisch oder was sonst

noch, was ich seit den letzten Jahren gewohnt war, vor fremden Thüren zu

hören -- die Männer rauchten lange Pfeifen, die Frauen strickten lange

Strümpfe, und die Kinder hetzten sich über den Weg hinüber und herüber,

und lachten und jubelten.

So wanderte ich mitten zwischen ihnen durch, noch ein Fremder und

Heimathloser in der weiten Stadt, und doch vielleicht der glücklichste

Mensch, den in diesem Augenblick ganz Bremen umschloß.

Jetzt hatte ich endlich das Handlungshaus erreicht, in dem ich Briefe

für mich von daheim finden sollte. -- Die ersten wieder seit langer,

langer Zeit, denn die =letzten= Briefe, die ich vor sechs Monaten in

Batavia erhalten, waren noch außerdem über sechs Monate alt gewesen.

Der Chef war nicht zu Haus, aber ein junger Mann vom Geschäft, dem ich

meinen Namen nannte, sagte: »er glaube, daß ein Brief für mich oben

liegen müsse,« und wie entsetzlich langsam ging er die Treppe hinauf,

danach zu suchen. -- Endlich waren wir oben -- zwei, drei Gefache suchte

er durch -- da war er richtig -- ich hielt ihn fest in der Hand und weiß

wahrhaftig nicht, wie ich wieder aus dem Haus und durch die Stadt in

mein Hotel gekommen bin; aber ich sah die Leute nicht mehr, die vor den

Häusern standen, oder an ihren hellerleuchteten Tischen saßen. So rasch

mich meine Füße trugen, eilte ich in den Lindenhof, ließ mir ein Zimmer

geben, bestellte Licht und Thee und saß kaum zehn Minuten später am

geöffneten Fenster vor den lieben, lieben Zeilen, die mir Kunde von den

Meinen brachten. -- Dann erst gab ich mich den übrigen Genüssen hin, und

wer nicht selber einmal solang von daheim fort und besonders so viele

Wochen, ja Monate hintereinander auf See gewesen, wird schwer begreifen

können, mit welch behaglichem Gefühl den seemüden Wanderer alle jene

tausend Kleinigkeiten erfüllen, die wir im gewöhnlichen Leben gar nicht

mehr beachten, und deren =Dasein= wir oft nur bemerken, wenn sie einmal

=fehlen=.

Erstlich die Annehmlichkeit von frischem =Fleisch=, frischer =Butter=,

=Milch= und =Eiern= -- dann das Bewußtsein, daß das Theezeug =fest= auf

dem Tisch stand, und nicht brauchte in hölzerne Gestelle eingestemmt

zu werden -- und doch war ich mit meiner Tasse noch im Anfang

außerordentlich vorsichtig. Dazu das Geräusch rollender Wagen auf dem

Pflaster unten, das Schlagen der großen Thurmuhren, das ich in einer

Ewigkeit nicht gehört, das Lachen und Plaudern der Menschen unten

auf dem großen freien Platz, und kein Schaukeln dabei, kein Hin- und

Wiederwerfen -- Alles das genoß ich einzeln und mit vollem geizenden

Bewußtsein dieser wenigen Momente, und wenn es mir auch im Anfang noch

manchmal so vorkommen wollte, als ob der Lehnstuhl auf dem ich saß leise

hin und herschwankte, -- das alte Gefühl noch von dem Schiffe her --

überzeugte ich mich doch bald, daß das nur Täuschung sei.

Indessen war es dunkel und still draußen in der Stadt geworden; wieder

und wieder hatte ich den Brief gelesen und lag jetzt in meinem Stuhl am

offenen Fenster, eine ganze Welt voll Seligkeit im Herzen.

Unten wurden murmelnde Menschenstimmen laut -- ich hatte sie schon eine

Weile wie im Traum gehört, aber nicht darauf geachtet; auch ein paar

Laternen sah ich über den Platz kommen. Da plötzlich klangen von vier

kräftigen Männerstimmen die Töne des herrlichen Mendelssohn'schen

Liedes:

»Wer hat dich, du schöner Wald,

Aufgestellt so hoch da droben ...«

zu mir herauf, das =erste= deutsche Lied und Männerchor wieder, das

ich seit langen Jahren hörte, und wie hatte ich mich danach gesehnt. --

Neben mir öffnete sich ein Fenster -- es fiel mir jetzt wieder ein,

daß eine berühmte Opernsängerin meine Nachbarin war, die hier in Bremen

gastirt hatte und morgen früh wieder abreiste. Der Kellner hatte mir

davon gesprochen, als er das Theegeschirr hinausnahm.

Und jetzt verklangen die Töne, um wieder mit einem anderen, lebendigeren

Liede zu beginnen; aber voll und weich klangen sie zu mir herauf --

voll und weich war mir das Herz dabei geworden und -- ich brauche mich

deshalb nicht zu schämen, daß mir die hellen Thränen in den Bart liefen.

Noch immer saß ich so, und die Sänger waren schon lange fortgezogen; die

Uhren in der Stadt brummten die zehnte Stunde, als ein anderer, nicht so

harmonischer Ton all' die schwermüthigen Gedanken im Nu verscheuchte.

»Tuht!« blies der Nachtwächter unten und sang sein melancholisch Lied,

und ich sah den dunklen Schatten des Mannes unten mit schwerem Schritt

über den Platz schreiten, folgte ihm mit den Augen so weit ich konnte,

und horchte auf die, aus ferneren Stadttheilen herüberschallenden

Antworten noch lange, lange. -- Und dann kamen Nachtschwärmer, die

einen Hausschlüssel hatten und ich hörte wie die Thüren auf- und wieder

zugemacht wurden -- und dann schlugen die Uhren wieder ein Viertel,

Halb, drei Viertel und Elf. Immer konnte ich mich noch nicht losreißen

von dem Platz am Fenster, bis ich endlich lange nach elf mein

weiches Lager suchte. Und wie herrlich schlief ich, denn meine alte

Seegras-Matratze an Bord hatte ich in den vier Monaten so hart wie ein

Bret gelegen, und das weiche Roßhaarbett bot einen neuen Genuß.

Am nächsten Morgen war ich früh auf den Füßen, Manches zu besorgen,

meine mitgebrachten Kisten auf die Fracht zu geben und liebe Freunde zu

besuchen. Eine Zeitung hatte ich noch nicht in die Hand bekommen und

das Einzige, was ich bis jetzt von einer politischen Neugestaltung der

letzten 8 Monate wußte, war die Wahl Louis Napoleons zum Präsidenden der

Republik. Ein Fischerboot im Canal, das wir wegen Zeitungen anriefen,

hatte uns ein altes Stück englischer Zeitung -- halb durchgerissen, mit

einer tüchtigen Steinkohle als Gewicht hineingewickelt -- zugeworfen

-- darauf fanden wir einen Theil der Einzugsfeierlichkeiten des neuen

Präsidenten beschrieben -- das war Alles was wir von Europa überhaupt

erfuhren -- und sonderbarer Weise gleich das Wichtigste.

Freund Andree, den ich in Bremen antraf, ersetzte mir aber alle

Zeitungen, denn mit kurzen bündigen Worten gab er mir einen flüchtigen,

aber vortrefflichen Ueberblick des Geschehenen -- du lieber Gott, es war

wenig Tröstliches, das ich erfuhr -- wie traurig sah es in dem armen

Deutschland aus, und was war aus der Freiheit, aus den Freiheiten

geworden, die wir 48 erträumt. Der alte Fluch der Uneinigkeit hatte

wieder seine giftigen Früchte getragen, und Alles was ich aus dem

Sturm der letzten Jahre gerettet fand -- und das überhaupt der Mühe

des Aufhebens lohnte, war: die =Erinnerung= an das Parlament; das

Bewußtsein, daß wir ein solches wirklich =gehabt= hatten, daß es also

nicht zu den Schattenbildern gehörte und uns einmal, es möchte nun

dauern so lange es wollte, wieder werden =mußte=. -- Jetzt freilich

feierte der Bundestag wieder seine Ferien wie vordem -- ein Dorn im

Fleisch der Deutschen, ein Spott und Hohn für das Ausland. -- Die

=deutschen= Schiffe, die noch draußen auf der Rhede von Bremerhafen

unter der schwarz-roth-goldenen Flagge lagen, warteten auf den Hammer

des Auctionators, die Schmach von Schleswig-Holstein und Olmütz brannte

auf unserem Herzen und -- was ich außerdem von Bekannten und Freunden

hatte, saß im Zuchthaus oder war verbannt. Tröstliche Nachrichten für

einen Heimkehrenden; aber es überraschte mich kaum. Als ich Deutschland

im März 49 verließ, saß der mit den deutschen Farben bewimpelte

Staatskarren schon fest im Schlamm, und man brauchte damals kein Prophet

zu sein, ihm sein Schicksal vorher zu sagen. Das Alles hatte sich jetzt

erfüllt, die Reaction grünte und blühte, und wie in der Argentinischen

Republik, that es den würdigen Staatsmännern nur leid, daß sie nicht

auch Wald und Himmel mit ihren respectiven Landesfarben schwarz und weiß

oder schwarz und gelb oder weiß und blau anstreichen konnten.

Was half's! Es mußte ertragen werden, und nur die =Hoffnung= konnte uns

selbst unser damaliger Zustand nicht rauben.

In Bremen besorgte ich so rasch als möglich was ich zu besorgen hatte,

fuhr dann nach Hamburg hinüber, dort einige von Sidney herübergeschickte

Sachen, meist Indianische Waffen, in Empfang zu nehmen, und eilte nun,

so rasch mich Dampf und Eisenschienen bringen konnten, nach Leipzig,

meine damals in Wien lebende Familie wieder zu sehen.

Unterwegs mußte ich erst noch an der Preußischen Grenze eine

Paßplackerei überwinden. Mein Paß war seit drei Monaten verfallen und

außerdem in einem Zustand, wie ihn ein Preußischer Grenzbeamter

wohl kaum je unter Händen gehabt. In Brasilien und besonders in der

Argentinischen Republik wie in Batavia, selbst von den französischen

Behörden auf Tahiti war freilich allen Anforderungen, die selbst

ein deutsches Postbüreau stellen konnte, genügt; an allen übrigen

Landungsplätzen hatte sich aber kein Mensch um einen Paß bekümmert, und

ich war nicht leichtsinnig genug gewesen, mir unnöthige Laufereien und

Geldausgaben zu machen. Nur um die ganze Route auf dem Paß zu haben

visirte ich ihn mir, aus angeborenem Pflichtgefühl, dort selbst, und

diese Mißachtung eines =officiellen= Visum schien die Polizeibeamten am

meisten zu erschüttern. Trotzdem behandelten sie mich humaner als ich

erwartet hatte, und mit einem sanften Verweis über mein rücksichtsloses

Handeln: »Aber lieber Herr, Sie reisen in der ganzen Welt herum und

lassen nirgends visiren,« wurde mir erlaubt, meine Reise ungehindert

fortzusetzen.

In Leipzig, wo ich einen Tag bleiben mußte, kam ich Abends spät an,

und wollte noch meinen dort wohnenden Schwager aufsuchen. Seine Adresse

hatte ich; ich wußte nämlich die Straße und Hausnummer, es war aber

schon so dunkel, daß ich die Nummer nicht mehr erkennen konnte, und die

vollkommen menschenleere Quergasse langsam niederschreitend, hoffte ich

an irgend einem Haus einen Menschen zu finden, den ich fragen konnte.

Da verließ Jemand vor mir eine Thür und ging die Straße hinab; es war

ein Mann in Hemdsärmeln, jedenfalls ein Markthelfer, mehr konnte ich in

der Dunkelheit nicht erkennen. Als ich ihn eingeholt, frug ich ihn, ob

er nicht zufällig wisse, in welcher Gegend hier Nr. 22 liege.

»Ja wohl, Herr Gerstäcker,« sagte der Mann so ruhig, als ob er mir noch

gestern und alle Tage hier in derselben Straße begegnet wäre, und wir

jetzt hellen Sonnenschein und nicht finstere Nacht gehabt hätten. Es

lag ordentlich etwas Geisterhaftes in dieser Nennung meines Namens unter

solchen Umständen, und unwillkührlich frug ich, »aber kennen Sie mich

denn?« -- »Na, werd' ich =Sie= nicht kennen,« sagte der Mann -- »da

drüben ist gleich das Haus.« -- Incognito hätte ich =hier= nicht reisen

können.

Den nächsten Tag verbrachte ich, wie schon gesagt, in Leipzig, um vor

allen Dingen einen neuen Paß nach Oestreich zu bekommen. Ein

merkwürdiges Gefühl war es mir aber dabei, durch die alten bekannten

Straßen zu gehen und in den Läden, in den Fenstern die nämlichen

Menschen mit der nämlichen Beschäftigung zu sehen, wie ich sie vor

langen Jahren verlassen hatte. Die waren nicht fort gewesen in der

ganzen Zeit; die hatten Tag für Tag ihrem Beruf an derselben Stelle

obgelegen und während mir eine Fluth von Erinnerungen durch die Seele

ging, kannte die ihre kein anderes Bild, als diese selben engen Straßen

boten.

So sitzen hier Leute, die ich mich besinnen kann auf der nämlichen

Stelle gesehen zu haben, als ich noch, ein Knabe, da in die Schule ging.

Sie kamen mir damals schon alt und ehrwürdig vor und sahen heute genau

noch so aus; nur daß sie früher keine grauen Haare hatten. Dieselben

Menschen sind immer dageblieben, und wo bin ich indessen herumgewandert

-- was hab' ich erlebt -- was gesehen -- und wie drängt es mich noch

immer neuen Scenen entgegen zu eilen, während diese still und genügsam

in dem engen Kreise sich bewegen, den ihnen die eigene Wahl oder das

Schicksal angewiesen. Und wenn wir sterben, ruhen wir vielleicht neben

einander, und die Erinnerung ist todt und fort.

Und soll ich dir, freundlicher Leser, jetzt erzählen, wie ich nach Brünn

kam, bis wohin mir meine Frau mit dem Kind entgegen fahren wollte -- wie

ich mich von Nachtfahrten und übermäßiger Anstrengung zum Tod erschöpft

in meinen Kleidern auf das Bett geworfen hatte, den um Mitternacht

eintreffenden Zug dann zu erwarten? Wie mich der Kellner nicht geweckt,

und plötzlich mitten in der Nacht Frau und Kind, die ich in 39

Monden nicht gesehen, im Zimmer standen, und wie der kleine, indessen

vierjährig gewordene Bursch, seine Aermchen um meinen Nacken legte und

mit seiner lieben Stimme flüsterte: »du weggelaufener Papa?« -- Es geht

nicht -- es geht wahrhaftig nicht, Worte sind nicht im Stande das zu

beschreiben; das muß erlebt, empfunden sein, und -- ich möchte gleich

wieder auf Reisen gehen, nur um =den= Augenblick noch einmal zu erleben.

Wenn wir einmal sterben.

Oft, wenn ich in meinem Zimmer sitze und mein Blick über die aus allen

Welttheilen zusammengetragenen Gegenstände schweift, die mir so lieb

sind, weil sich an jedes einzelne eine, oft freudige, oft bittere

Erinnerung knüpft, fällt mir eine Scene aus früherer Zeit ein.

In einem großen alten Hause in ** hatte ein alter Herr viele lange Jahre

hindurch so abgeschlossen gelebt, daß er mit Niemandem da draußen --

wenigstens nie direkt -- in Berührung kam. Eine alte Haushälterin und

ein alter Gärtner besorgten seine Arbeiten, und nur Abends, wenn in

dem obersten Erkerstübchen, wo die alte Haushälterin schlief, Licht

angezündet wurde, sah man, daß die Leute drinnen noch lebten, denn

sonst ließ sich den ganzen Tag keine Seele, weder an einem der dicht

verhangenen Fenster noch in der Thür blicken.

Der Eigenthümer selber verließ seine Wohnung nie -- einen Tag im Jahre

ausgenommen -- am ersten Weihnachtsfeiertag, und dann auch nur -- mochte

es wettern und stürmen, wie es wollte -- um hinaus auf den Gottesacker

zu gehen und daselbst ein Grab zu besuchen. Allerdings hatten sich

die Müßiggänger in der Stadt schon die größte Mühe gegeben, um

herauszubekommen, wer unter dem kleinen einfachen Hügel ruhe, an dem

der Greis eine volle Stunde betete -- aber vergebens. Kein Kreuz, keine

Tafel kündete den Namen. Der frühere Todtengräber war gestorben, aus

dem Buch, das er mit wunderlichen Zeichen und Figuren geführt, ließ sich

nichts Bestimmtes mehr herausfinden, und die Leute sahen sich gezwungen,

ihre eigenen Geschichten darüber zu ersinnen. Es läßt sich denken, daß

die abenteuerlichsten Gerüchte die Stadt durchliefen -- aber auch nur

eine Zeit lang. Wie der alte Herr Jahr nach Jahr das nämliche trieb,

dabei Niemandem etwas in den Weg legte, wurde man es endlich müde,

sich um ihn zu bekümmern, und erst sein Tod erweckte die schon fast

vergessenen Gerüchte von Neuem -- allein auch sein Tod brachte keine

Aufklärung über sein früheres Leben.

Wie es mit dem Testament gewesen war, weiß ich nicht mehr, nur soviel

erinnere ich mich, daß die Erben keineswegs zufrieden sein mußten,

denn große Legate waren den Dienern vermacht, und die außerordentlich

einfache und dadurch fast werthlose Einrichtung des Hauses sollte in

dessen Räumen selber öffentlich versteigert werden.

Nach alle dem läßt es sich denken, daß ein großer Theil der Bewohner

von ** neugierig war, die Räume zu betreten, die bis jetzt von dem alten

wunderlichen Mann als unnahbares Heiligthum verschlossen und verriegelt

gehalten waren. Die von dem Magistrat herbeorderten Beamten hatten

wirklich ihre Noth, die zudringlichen Gaffer in ihren Schranken zu

halten, damit sich im Gedränge nicht auch verworfenes Gesindel mit

einschlich und die Hand an fremdes Eigenthum legte.

Stube nach Stube wurde deshalb nur derart geöffnet, daß man eine andere

erst aufschloß, wenn die in der einen befindlichen Gegenstände verkauft

und ihren jetzigen Besitzern überwiesen waren. Dadurch bekamen es die

Neugierigen endlich satt, sich nur herumstoßen und drängen zu lassen,

ohne weiter etwas zu sehen, als öde Zimmer und altmodische Möbel und

Schränke. Nach und nach verliefen sich die Meisten und es blieben fast

nur Solche zurück, die wirklich Lust zu kaufen hatten.

So gelangten wir endlich, nachdem eine Masse von Schränken, Tischen,

Stühlen, alten Bildern, zu Spinneweb gewaschenen Gardinen und hundert

andern Kleinigkeiten verkauft oder vielmehr um einen Spottpreis

verschleudert waren, in die Studirstube des alten Mannes -- wenn

ein Platz so genannt werden kann, in dem ein nur wenig benutzter

Schreibtisch und ein kleines dürftiges Regal mit einigen zwanzig, meist

französischen und holländischen Büchern stand.

Der Verstorbene war augenscheinlich kein Gelehrter gewesen, das aber

hier jedenfalls der Platz, wo er seine meiste Zeit, die langen Jahre

seiner Einsamkeit, träumend und durch nichts gestört verbracht, und

es überkam mich ein eigenes und drückendes Gefühl, als ich die kalten,

gleichgültigen Gesichter sah, die sich hier jetzt mit prüfenden Blicken

in dem engen Raum umschauten und die Gegenstände taxirten. Es war mir,

als ob ein Grab entweiht würde, das Grab einer Seele, deren Träume bis

jetzt hier eingesargt gewesen.

Aber was kümmerte das die Käufer oder den Auctionator, der Stück nach

Stück ruhig und gleichmüthig unter den Hammer brachte! Vor dem Tische

stand ein alter, mit Leder überzogener Lehnstuhl, über dem Tisch hing

ein kleines, ziemlich mittelmäßig ausgeführtes Bild, eine Landschaft

mit einer alten knorrigen Eiche im Vordergrund, die an dem Ufer eines

Weihers stand. Unter der Eiche lag ein Frauenhut und ein Brief. In

dem Lehnstuhl war der alte Mann gestorben, und auf dem Tisch stand ein

kleines flaches Mahagonikästchen.

Ein Jude kaufte den Tisch, den Lehnstuhl und nachher das Kästchen auch,

das Bild, da Niemand darauf bieten wollte, bekam er zu. In dem Kästchen

stak der Schlüssel, er öffnete es, es lagen einige Sachen darin, und er

wühlte mit der Hand darin herum. Als ihm das Kästchen zugeschlagen war,

drehte er es um und schüttete den Inhalt auf den Boden. Es enthielt

auch nichts Aufhebenswerthes: ein paar trockene, schon fast verkrümelte

Blumen, ein Stückchen Holz mit ein paar dürren Blättern, ein paar

Streifen vergilbtes Papier mit unleserlichen Zügen, ein kleines

blauseidenes Band, einen zerschnittenen Handschuh und noch eine Anzahl

anderer, eben so werthloser verwitterter Dinge. Was sollte der Käufer

mit dem Plunder machen? er wurde später mit dem übrigen Staub und

Gerumpel hinaus gekehrt, und doch war er das Heiligthum eines ganzen

Lebens gewesen.

Und wenn =wir= einmal sterben?

In meinem Zimmer hängen eine Unmasse von werthlosen Dingen, Waffen aus

allen Welttheilen von Stein, Holz, Stahl, Wallroß- und Haifischzähnen,

und wenn ich einmal sterbe, finden sie vielleicht ihren Weg in ein

Naturaliencabinet, wo dann der Aufseher mit Hülfe des Katalogs den

Besuchern erklären kann: das Stück stammt dort, jenes von da her,

diese Waffen führen die australischen Eingebornen, jene sind auf den

Südseeinseln, in Afrika, in Californien, in Südamerika, in China, in

Java daheim -- das bleibt Alles, denn die Erinnerung ist todt, die ihnen

jetzt Leben verleiht.

Jenes alte lederne Jagdhemd, mit seinen indianischen Ausfranzungen,

habe ich aus selbsterlegten Hirschdecken auch selber gegerbt und genäht

und manches lange Jahr getragen; jenes alte Messer führte ich

zweiundzwanzig Jahr in Freud und Leid; jene Bolas holte ich mir aus den

chilenischen Cordilleren, und wie der Blick darauf fällt, sitze ich

wieder bei dem tollen Trinkgelage jener Stämme, sehe die mit trübem

Aepfelwein gefüllten Kuhhörner im Kreis herumgehen und die junge dicke

Kazikentochter mir gegenüber, die mir jenes Diadem von bunten Perlen

gab. Die Lanze dort schleuderte einst ein australischer Wilder nach mir;

jene Mumienhand steckte mir ein junger ägyptischer Epigone unter den

Tempelsäulen von Karnak in die Tasche, da ich sie ihm nicht um den

üblichen Sixpence abkaufen wollte; jenen Bogen erhandelte ich von einem

californischen Indianer um selbstgegrabenes Gold aus seinen Bergen. Mit

diesen Stücken trockenen Guiavenholzes rieb sich ein bildschönes Mädchen

auf Tahiti einst Feuer, um ihre Cigarre daran anzuzünden; jenen

Wallfischzahn brach ich selber aus dem Kiefer eines frischgefangenen

Cachelot; den Tabaksbeutel aus dem Fuß eines Albatroß arbeitete ich mir

inmitten eines furchtbaren Sturmes am Cap Horn; das Hirschgeweih da oben

holte ich mir aus der Bandong-Ebene in Java, und jene kleinen

ungeschickt geschnittenen Figuren aus vegetablischem Elfenbein kaufte

ich auf dem Markt zu Quito.

Und welche Unzahl von Kleinigkeiten, die ein Anderer unbedingt zum

Kehrichthaufen verdammen würde, bilden die Schätze, die ich um mich her

aufgehäuft! Vier Steinbrocken, die jeder Geologe verächtlich bei Seite

werfen würde: ein gewöhnliches Stück Kalkstein mit ein paar dunklen

Flecken darauf -- die Schweißtropfen meines ersten starken Gemsbocks,

den ich hoch am Karwendelgebirg in Tyrol in voller Flucht durch's Herz

schoß; ein gewöhnlicher Kieselstein, aus den Wassern des Pozuzu in Peru

-- die Erinnerung an den Uebergang jenes reißenden Bergstromes, an einer

einzelnen wilden Rebe; ein kleines Stück Granit vom 16,000 Fuß hohen

Gipfel der Cordilleren in Peru; ein anderes verwittertes Gestein vom

höchsten Paß der La Plata-Staaten nach Chile; eine gelbe Feder vom

Kopf eines Kakadu, des ersten, leider nicht des einzigen, den ich im

australischen Wald erlegen und verzehren mußte, um nicht zu verhungern;

ein langes Stück Koralle, das ein australisches Mädchen als einzigen

Schmuck und Kleidungsstück durch den Nasenknorpel trug; ein rothes Band,

das ich, in dem jetzt verschütteten Mendoza, im Knopfloch führen mußte,

um unter Rosa's Regierung einen Paß auf der Polizei zu bekommen; der

alte hölzerne Quirl und Löffel, mit dem ich in Ecuador tagtäglich, lange

Monate hindurch meine Chocolade quirlte und rührte; selbstgewaschenes

Gold aus Californien; Silber aus Cerro de Pasco, der höchsten Stadt der

Welt; Wüstensand aus Aegypten; künstliche Federblumen aus Brasilien, und

was mein Schreibtisch an geheimen Schätzen birgt, an trockenen Blumen

und an Liebeszeichen aus der Jugendzeit, Du lieber Gott, was Anderes

ist das, als was der Trödler dort in dem alten Haus, aus jenem

Mahagonikasten auf die Erde schüttete: -- und doch ein Lebensalter

hindurch mit dem eigenen Herzblut erkauft und gehegt und gepflegt!

Und wer von uns Allen hat nicht solche Liebeszeichen, wem von uns Allen

ruft nicht ein Band, ein trocknes Blatt, ein alter, wieder und wieder

gelesener Brief alte Liebe und, wenn auch schmerzliche, Erinnerungen

der Seele wach? und wenn wir einmal sterben? dann kommen rauhe Hände

und zerstören diese »Leichen unserer Erinnerung,« denn das Leben fehlt

ihnen, was ihnen diese für uns eingehaucht.

Und können wir uns deshalb von ihnen trennen? Nein, es ist nicht

möglich, denn sie bilden einen Theil, und zwar den edelsten Theil

unseres Selbst; sie sind die kleinen unscheinbaren, aber trotzdem

unzerreißbaren Glieder jener Kette, die uns an die Heimath binden.

Sie sind die Tröster in mancher bitteren, sorgenschweren Stunde, die

Märchenerzähler unserer eigenen Jugend, und wie der Mensch, wenn ihm

die Hoffnung genommen würde, zum Selbstmörder werden müßte, und wie

er deshalb die Hoffnung hegt und pflegt, weil er mit ihr die Brücke zu

seiner Zukunft baut, so hält er auch die kleinen Zeichen fest als theure

Gaben der Vergangenheit.

Wohl wäre es besser, wir selber vernichteten diese kleinen unscheinbaren

Liebesboten, wenn wir einmal fühlen, daß unser Ende naht; aber wer fühlt

das? Wer mag es sich bis zum letzten entscheidenden Augenblick wohl

eingestehen: Jetzt ist vorbei, jetzt weist der Zeiger auf die letzte

Stunde? Nicht Einer aus Tausenden. Noch mit zitternder Hand, mit

schon halbgebrochenem Auge fällt unser Blick darauf, und wenn wir dann

sterben, dann fliegt mit unsrer Seele auch die Seele unserer Reliquien

-- Gott nur weiß wohin, und unsere Leichen werden Staub.

[Hinweise zur Transkription

Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. Offensichtliche

Satzfehler wurden korrigiert, bei Zweifeln der Originaltext beibehalten.

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Änderungen der Zeichensetzung sind nicht aufgeführt.

Unter Palmen und Buchen. Erster Band. Unter Buchen. Gesammelte Erzählungen. · 第 17 / 18 题