Hamilton trat zum Tisch, auf den er den Schmuck und die telegraphische
Depesche legte, dann nahm er aus seiner Tasche die Liste der gestohlenen
Banknoten, die er mit den bei der jungen Dame gefundenen verglich und
einige roth anstrich, dann fügte er diesen noch ein anderes Papier
bei, die genaue Beschreibung des im Hause der Lady Clive gestohlenen
Schmucks, und als er damit fertig war, sagte er freundlich zu Burton:
»Dürfte ich Sie =jetzt= einmal bitten, Mr. Burton, sich diese kleine
Bescheerung anzusehen? Es wird interessant für Sie sein. -- Lassen Sie
den Gefangenen nur los, meine Herren.«
»Sie werden sich nie Ihres nichtswürdigen Betragens wegen entschuldigen
können,« sagte Burton finster, indem er aber doch der Aufforderung Folge
leistete.
»Auch dann nicht?« frug Hamilton, »wenn ich Sie überzeuge, daß Sie einer
großen -- einer recht großen Gefahr entgangen sind?« frug Hamilton.
»Einer Gefahr? -- wie so?«
»Der Gefahr, das Schlimmste zu erleben, was ein anständiger Mann, außer
dem Verlust seiner Ehre, erleben kann -- sich lächerlich zu machen.«
»Mr. Hamilton --«
»Bitte, lesen Sie hier die Depesche Ihres Herrn Vaters -- seine Antwort
auf meine Anfrage von heute Morgen. -- So -- und hier haben Sie die
Nummern der aufgefundenen Banknoten -- und hier endlich die genaue
Beschreibung des Schmucks, von Lady Clives eigener, sehr zierlicher
Hand. Zweifeln Sie =jetzt= noch daran, daß Sie es nicht mit einer Miss
Jenny Benthouse, sondern mit der leichtfertigen Lucy Fallow zu thun
hatten? -- Pst -- lieber Freund, die Sache ist abgemacht« -- sagte
aber der Agent, als er sah, wie bestürzt der junge Burton diesen nicht
wegzuläugnenden Beweisen gegenüber stand. -- »Nur noch einen Blick
werfen Sie jetzt auf die junge Dame,« fuhr er dabei fort, während er
zugleich die Thür aufstieß und nach der trotzig und wild dastehenden
Gestalt des Mädchens zeigte. -- »Glauben Sie, das =jene= Dame Ihnen bis
London gefolgt wäre, und nicht vorher Mittel und Wege gefunden hätte,
Ihnen unterwegs zu entschlüpfen? Uebrigens habe ich schon von Ems aus,
so wie ich Korniks Geständniß erhielt, nach London an Lady Clive
telegraphirt und sie gebeten, mir Jemanden zur Recognoscirung des jungen
Frauenzimmers herzusenden. Der kann schon, wenn sie ihn rasch befördert
hat, morgen Mittag eintreffen, und dann, nachdem jeder Vorsicht Genüge
geleistet und die äußerste Rücksicht genommen ist, um nicht eine
Unschuldige zu belästigen, werden Sie mir doch zugeben, Mr. Burton, daß
ich meine Pflicht erfüllt habe.«
James Burton schwieg und sah ein Paar Secunden still vor sich nieder;
aber sein besseres Gefühl gewann doch die Oberhand. Er sah ein, daß er
sich von einer Betrügerin hatte täuschen lassen, und Hamilton die Hand
reichend, sagte er herzlich:
»Ich danke Ihnen, Sir -- ich werde Ihnen das nie vergessen.«
»Ein desto schlechteres Gedächtniß werde =ich= dann für unser letztes
kleines Intermezzo haben,« lachte der Polizeiagent, die dargebotene Hand
derb schüttelnd, »und nun, mein lieber Mr. Burton, reisen Sie, wenn Sie
=meinem= Rath folgen wollen, so rasch Sie mögen, nach England zurück.
Für die beiden Schuldigen werde ich schon Sorge tragen, und in sehr
kurzer Zeit denke ich Ihnen nachzufolgen.«
Dem Commissär erklärte Hamilton bald den Zusammenhang der Verhaftung Mr.
Burtons, den er dadurch nur hatte so lange aufhalten wollen, bis er die
Beweise von der Schuld jener Person beischaffte -- das war geschehen und
er selber brachte jetzt die an dem Morgen von Burton zerrissene und von
ihm wieder sorgfältig zusammengeklebte Vollmacht zum Vorschein, die als
beste Legitimation für ihn dienen konnte.
Am nächsten Tag traf richtig ein Polizeibeamter, der Miss Lucy
Fallow persönlich kannte, in Frankfurt ein, und Hamilton erhielt die
Genugthuung, seinen ersten Verdacht völlig bestätigt zu finden. Gleich
danach reiste James Burton allein ab, während Hamilton noch einige Tage
brauchte, bis er die Uebersendung der Wertpapiere und Banknoten durch
die Nassauische Regierung nach England reguliren konnte. Dann erst
folgte er mit seinen Gefangenen nach England, von denen er aber nur das
Mädchen hinüberbrachte.
Kornik machte unterwegs einen verzweifelten Fluchtversuch und sprang,
während der Zug im vollen Gange war, zwischen Lüttich und Namür aus dem
Fenster des Waggons; aber er verletzte sich dabei so furchtbar, daß er
starb, ehe man ihn auf die nächste Station transportiren konnte.
Eine Heimkehr aus der weiten Welt.
Was auch Andere dagegen sagen mögen; es ist schon der Mühe werth eine
größere Reise zu unternehmen, nur um wieder zu kommen.
Manche Freude, manches Glück blüht uns »armen Sterblichen« hier auf
dieser schönen Welt, keine aber so voll und reich und herrlich, als die
Freude des Wiedersehens nach langer Trennung -- keine so rein und selig,
als die Rückkehr in das Vaterland. Soll ich dir deshalb, lieber Leser,
erzählen wie mir zu Muthe war, als ich nach einer Abwesenheit von 39
Monden von Weib und Kind, zurück in die Heimath kehrte? -- Ich will's
versuchen.
Ich kam damals -- im Juni 52 -- nach einer ununterbrochenen Seereise von
129 Tagen direct von Batavia. Siebzehn von den 129 hatten wir uns allein
bei faulem Wetter in Canal und Nordsee herumgetrieben -- 17 Tage auf
einer Strecke, die wir recht gut hätten in =dreien= zurücklegen können.
Und so dicht dabei an der heimischen Küste; es war eine verzweifelte
Zeit; doch sie ging auch vorbei, und endlich, endlich rasselte der Anker
in die Tiefe.
Das ist ein wunderbar ergreifender Ton, den man nicht allein =hört=,
sondern auch =fühlt=, denn das ganze Schiff rasselt und zittert mit, und
wie die Eisenschaufel nur den Boden berührt und mit einem Ruck festhakt,
fühlt man sich auch daheim.
=Ich war daheim!= ob Bremen, ob Sachsen, ob Oestreich, solchen
Unterschied kennt man nur innerhalb der verschiedenen Grenzpfähle: für
uns Deutsche da draußen ist alles nur ein Deutschland, ein Vaterland,
und wie die Matrosen nach oben liefen, die Segel festzumachen, und
die Kette indessen, soweit das anging, eingezogen und um die Winde
geschlagen wurde, hing mein Blick an dem grünen Ufer des Weserstrandes,
an dem Mastenwald des nicht fernen Bremerhafens, und konnte sich nicht
losreißen von dem lieben, lieben Bild.
Aber nicht lange sollte mir Zeit zum Schauen bleiben. Der Lootse
hatte uns schon gesagt, daß wir wahrscheinlich noch zeitig genug nach
Bremerhafen kämen, um das Nachmittags-Dampfboot nach Bremen zu benutzen.
Alle unsere Sachen waren gepackt. Jetzt dampfte das Boot aus dem Hafen
heraus und legte bei -- jetzt kam ein kleines Boot vom Ufer ab, uns
hinüber zu führen. Kisten und Koffer wurden Hals über Kopf hinunter
gehoben, kaum blieb mir noch Zeit, den Seeleuten, mit denen ich so lange
Monde als einziger Passagier verlebt, die Hand zu schütteln, und schon
glitten wir über den stillen Strom, dem, unserer harrenden, Dampfer zu.
An Bord fanden wir eine große Gesellschaft von Herren und Damen und hier
zum ersten Mal dachte ich daran, daß ich ja in Bremerhafen, ehe ich
die »Stadt« selber betrat, meine etwas sehr mitgenommene Toilette hatte
erneuen wollen. Mein Schuhwerk besonders befand sich in höchst
traurigen Umständen, und meine =besten= Schuh waren querüber vollständig
aufgeplatzt. Aber das ging jetzt nicht mehr an -- wer kannte mich auch
und wo behielt ich Zeit mich jetzt um =solche= Dinge zu bekümmern? --
Den Strom hinauf glitten wir, der für mich der Erinnerungen so viele
trug, und wie Dorf nach Dorf hinter uns blieb, wie die Sonne tiefer und
tiefer sank, und hie und da schon einzelne Hügel aus dem flachen Land
hervorschauten, grüßten mich die Nachtigallen, die lieben Waldsänger
unserer Heimath mit ihrem zaubrisch süßen Sang.
Und weiter flog das Boot; hinter dem Rad stand ich, aus dem die Wellen
schäumten, horchte den Nachtigallen am Ufer, und schaute nach den alten
gemüthlichen Dorfkirchthürmen hinüber, bis von weitem, aber schon mit
einbrechender Dunkelheit, die Thürme der alten Handelsstadt Bremen
herüber blickten.
Jetzt hielt das Boot; dicht unter den dunkeln Häusermassen lagen wir, in
welche nur schmale schräge Einschnitte -- kleine Gäßchen, die zum Ufer
hinunterführen -- einliefen; Karrenführer kamen an Bord, denen ich mein
Gepäck übergab, und wenige Secunden später stand ich zum ersten Mal
wieder nach 129 Tagen draußen auf =Pflaster=, auf =deutschem= Grund
und Boden, und es war mir zu Muthe, als ob ich hätte über den Boden
=fliegen= können.
Von da an war jeder Schritt, den ich weiter that, ein =Genuß= für mich
und langsam, ganz langsam verfolgte ich im Anfang meinen Weg, den frohen
Becher nun auch ordentlich auszukosten.
In vielen Häusern war schon Licht angezündet, und die Leute saßen drin
bei ihrem Abendbrod, hie und da aber standen sie auch noch plaudernd,
und sich des schönen Sommerabends freuend, in den Thüren -- auch
=deutsch= sprachen sie, gutes ehrliches deutsch, nicht mehr malayisch
oder holländisch, oder englisch, französisch, spanisch oder was sonst
noch, was ich seit den letzten Jahren gewohnt war, vor fremden Thüren zu
hören -- die Männer rauchten lange Pfeifen, die Frauen strickten lange
Strümpfe, und die Kinder hetzten sich über den Weg hinüber und herüber,
und lachten und jubelten.
So wanderte ich mitten zwischen ihnen durch, noch ein Fremder und
Heimathloser in der weiten Stadt, und doch vielleicht der glücklichste
Mensch, den in diesem Augenblick ganz Bremen umschloß.
Jetzt hatte ich endlich das Handlungshaus erreicht, in dem ich Briefe
für mich von daheim finden sollte. -- Die ersten wieder seit langer,
langer Zeit, denn die =letzten= Briefe, die ich vor sechs Monaten in
Batavia erhalten, waren noch außerdem über sechs Monate alt gewesen.
Der Chef war nicht zu Haus, aber ein junger Mann vom Geschäft, dem ich
meinen Namen nannte, sagte: »er glaube, daß ein Brief für mich oben
liegen müsse,« und wie entsetzlich langsam ging er die Treppe hinauf,
danach zu suchen. -- Endlich waren wir oben -- zwei, drei Gefache suchte
er durch -- da war er richtig -- ich hielt ihn fest in der Hand und weiß
wahrhaftig nicht, wie ich wieder aus dem Haus und durch die Stadt in
mein Hotel gekommen bin; aber ich sah die Leute nicht mehr, die vor den
Häusern standen, oder an ihren hellerleuchteten Tischen saßen. So rasch
mich meine Füße trugen, eilte ich in den Lindenhof, ließ mir ein Zimmer
geben, bestellte Licht und Thee und saß kaum zehn Minuten später am
geöffneten Fenster vor den lieben, lieben Zeilen, die mir Kunde von den
Meinen brachten. -- Dann erst gab ich mich den übrigen Genüssen hin, und
wer nicht selber einmal solang von daheim fort und besonders so viele
Wochen, ja Monate hintereinander auf See gewesen, wird schwer begreifen
können, mit welch behaglichem Gefühl den seemüden Wanderer alle jene
tausend Kleinigkeiten erfüllen, die wir im gewöhnlichen Leben gar nicht
mehr beachten, und deren =Dasein= wir oft nur bemerken, wenn sie einmal
=fehlen=.
Erstlich die Annehmlichkeit von frischem =Fleisch=, frischer =Butter=,
=Milch= und =Eiern= -- dann das Bewußtsein, daß das Theezeug =fest= auf
dem Tisch stand, und nicht brauchte in hölzerne Gestelle eingestemmt
zu werden -- und doch war ich mit meiner Tasse noch im Anfang
außerordentlich vorsichtig. Dazu das Geräusch rollender Wagen auf dem
Pflaster unten, das Schlagen der großen Thurmuhren, das ich in einer
Ewigkeit nicht gehört, das Lachen und Plaudern der Menschen unten
auf dem großen freien Platz, und kein Schaukeln dabei, kein Hin- und
Wiederwerfen -- Alles das genoß ich einzeln und mit vollem geizenden
Bewußtsein dieser wenigen Momente, und wenn es mir auch im Anfang noch
manchmal so vorkommen wollte, als ob der Lehnstuhl auf dem ich saß leise
hin und herschwankte, -- das alte Gefühl noch von dem Schiffe her --
überzeugte ich mich doch bald, daß das nur Täuschung sei.
Indessen war es dunkel und still draußen in der Stadt geworden; wieder
und wieder hatte ich den Brief gelesen und lag jetzt in meinem Stuhl am
offenen Fenster, eine ganze Welt voll Seligkeit im Herzen.
Unten wurden murmelnde Menschenstimmen laut -- ich hatte sie schon eine
Weile wie im Traum gehört, aber nicht darauf geachtet; auch ein paar
Laternen sah ich über den Platz kommen. Da plötzlich klangen von vier
kräftigen Männerstimmen die Töne des herrlichen Mendelssohn'schen
Liedes:
»Wer hat dich, du schöner Wald,
Aufgestellt so hoch da droben ...«
zu mir herauf, das =erste= deutsche Lied und Männerchor wieder, das
ich seit langen Jahren hörte, und wie hatte ich mich danach gesehnt. --
Neben mir öffnete sich ein Fenster -- es fiel mir jetzt wieder ein,
daß eine berühmte Opernsängerin meine Nachbarin war, die hier in Bremen
gastirt hatte und morgen früh wieder abreiste. Der Kellner hatte mir
davon gesprochen, als er das Theegeschirr hinausnahm.
Und jetzt verklangen die Töne, um wieder mit einem anderen, lebendigeren
Liede zu beginnen; aber voll und weich klangen sie zu mir herauf --
voll und weich war mir das Herz dabei geworden und -- ich brauche mich
deshalb nicht zu schämen, daß mir die hellen Thränen in den Bart liefen.
Noch immer saß ich so, und die Sänger waren schon lange fortgezogen; die
Uhren in der Stadt brummten die zehnte Stunde, als ein anderer, nicht so
harmonischer Ton all' die schwermüthigen Gedanken im Nu verscheuchte.
»Tuht!« blies der Nachtwächter unten und sang sein melancholisch Lied,
und ich sah den dunklen Schatten des Mannes unten mit schwerem Schritt
über den Platz schreiten, folgte ihm mit den Augen so weit ich konnte,
und horchte auf die, aus ferneren Stadttheilen herüberschallenden
Antworten noch lange, lange. -- Und dann kamen Nachtschwärmer, die
einen Hausschlüssel hatten und ich hörte wie die Thüren auf- und wieder
zugemacht wurden -- und dann schlugen die Uhren wieder ein Viertel,
Halb, drei Viertel und Elf. Immer konnte ich mich noch nicht losreißen
von dem Platz am Fenster, bis ich endlich lange nach elf mein
weiches Lager suchte. Und wie herrlich schlief ich, denn meine alte
Seegras-Matratze an Bord hatte ich in den vier Monaten so hart wie ein
Bret gelegen, und das weiche Roßhaarbett bot einen neuen Genuß.
Am nächsten Morgen war ich früh auf den Füßen, Manches zu besorgen,
meine mitgebrachten Kisten auf die Fracht zu geben und liebe Freunde zu
besuchen. Eine Zeitung hatte ich noch nicht in die Hand bekommen und
das Einzige, was ich bis jetzt von einer politischen Neugestaltung der
letzten 8 Monate wußte, war die Wahl Louis Napoleons zum Präsidenden der
Republik. Ein Fischerboot im Canal, das wir wegen Zeitungen anriefen,
hatte uns ein altes Stück englischer Zeitung -- halb durchgerissen, mit
einer tüchtigen Steinkohle als Gewicht hineingewickelt -- zugeworfen
-- darauf fanden wir einen Theil der Einzugsfeierlichkeiten des neuen
Präsidenten beschrieben -- das war Alles was wir von Europa überhaupt
erfuhren -- und sonderbarer Weise gleich das Wichtigste.
Freund Andree, den ich in Bremen antraf, ersetzte mir aber alle
Zeitungen, denn mit kurzen bündigen Worten gab er mir einen flüchtigen,
aber vortrefflichen Ueberblick des Geschehenen -- du lieber Gott, es war
wenig Tröstliches, das ich erfuhr -- wie traurig sah es in dem armen
Deutschland aus, und was war aus der Freiheit, aus den Freiheiten
geworden, die wir 48 erträumt. Der alte Fluch der Uneinigkeit hatte
wieder seine giftigen Früchte getragen, und Alles was ich aus dem
Sturm der letzten Jahre gerettet fand -- und das überhaupt der Mühe
des Aufhebens lohnte, war: die =Erinnerung= an das Parlament; das
Bewußtsein, daß wir ein solches wirklich =gehabt= hatten, daß es also
nicht zu den Schattenbildern gehörte und uns einmal, es möchte nun
dauern so lange es wollte, wieder werden =mußte=. -- Jetzt freilich
feierte der Bundestag wieder seine Ferien wie vordem -- ein Dorn im
Fleisch der Deutschen, ein Spott und Hohn für das Ausland. -- Die
=deutschen= Schiffe, die noch draußen auf der Rhede von Bremerhafen
unter der schwarz-roth-goldenen Flagge lagen, warteten auf den Hammer
des Auctionators, die Schmach von Schleswig-Holstein und Olmütz brannte
auf unserem Herzen und -- was ich außerdem von Bekannten und Freunden
hatte, saß im Zuchthaus oder war verbannt. Tröstliche Nachrichten für
einen Heimkehrenden; aber es überraschte mich kaum. Als ich Deutschland
im März 49 verließ, saß der mit den deutschen Farben bewimpelte
Staatskarren schon fest im Schlamm, und man brauchte damals kein Prophet
zu sein, ihm sein Schicksal vorher zu sagen. Das Alles hatte sich jetzt
erfüllt, die Reaction grünte und blühte, und wie in der Argentinischen
Republik, that es den würdigen Staatsmännern nur leid, daß sie nicht
auch Wald und Himmel mit ihren respectiven Landesfarben schwarz und weiß
oder schwarz und gelb oder weiß und blau anstreichen konnten.
Was half's! Es mußte ertragen werden, und nur die =Hoffnung= konnte uns
selbst unser damaliger Zustand nicht rauben.
In Bremen besorgte ich so rasch als möglich was ich zu besorgen hatte,
fuhr dann nach Hamburg hinüber, dort einige von Sidney herübergeschickte
Sachen, meist Indianische Waffen, in Empfang zu nehmen, und eilte nun,
so rasch mich Dampf und Eisenschienen bringen konnten, nach Leipzig,
meine damals in Wien lebende Familie wieder zu sehen.
Unterwegs mußte ich erst noch an der Preußischen Grenze eine
Paßplackerei überwinden. Mein Paß war seit drei Monaten verfallen und
außerdem in einem Zustand, wie ihn ein Preußischer Grenzbeamter
wohl kaum je unter Händen gehabt. In Brasilien und besonders in der
Argentinischen Republik wie in Batavia, selbst von den französischen
Behörden auf Tahiti war freilich allen Anforderungen, die selbst
ein deutsches Postbüreau stellen konnte, genügt; an allen übrigen
Landungsplätzen hatte sich aber kein Mensch um einen Paß bekümmert, und
ich war nicht leichtsinnig genug gewesen, mir unnöthige Laufereien und
Geldausgaben zu machen. Nur um die ganze Route auf dem Paß zu haben
visirte ich ihn mir, aus angeborenem Pflichtgefühl, dort selbst, und
diese Mißachtung eines =officiellen= Visum schien die Polizeibeamten am
meisten zu erschüttern. Trotzdem behandelten sie mich humaner als ich
erwartet hatte, und mit einem sanften Verweis über mein rücksichtsloses
Handeln: »Aber lieber Herr, Sie reisen in der ganzen Welt herum und
lassen nirgends visiren,« wurde mir erlaubt, meine Reise ungehindert
fortzusetzen.
In Leipzig, wo ich einen Tag bleiben mußte, kam ich Abends spät an,
und wollte noch meinen dort wohnenden Schwager aufsuchen. Seine Adresse
hatte ich; ich wußte nämlich die Straße und Hausnummer, es war aber
schon so dunkel, daß ich die Nummer nicht mehr erkennen konnte, und die
vollkommen menschenleere Quergasse langsam niederschreitend, hoffte ich
an irgend einem Haus einen Menschen zu finden, den ich fragen konnte.
Da verließ Jemand vor mir eine Thür und ging die Straße hinab; es war
ein Mann in Hemdsärmeln, jedenfalls ein Markthelfer, mehr konnte ich in
der Dunkelheit nicht erkennen. Als ich ihn eingeholt, frug ich ihn, ob
er nicht zufällig wisse, in welcher Gegend hier Nr. 22 liege.
»Ja wohl, Herr Gerstäcker,« sagte der Mann so ruhig, als ob er mir noch
gestern und alle Tage hier in derselben Straße begegnet wäre, und wir
jetzt hellen Sonnenschein und nicht finstere Nacht gehabt hätten. Es
lag ordentlich etwas Geisterhaftes in dieser Nennung meines Namens unter
solchen Umständen, und unwillkührlich frug ich, »aber kennen Sie mich
denn?« -- »Na, werd' ich =Sie= nicht kennen,« sagte der Mann -- »da
drüben ist gleich das Haus.« -- Incognito hätte ich =hier= nicht reisen
können.
Den nächsten Tag verbrachte ich, wie schon gesagt, in Leipzig, um vor
allen Dingen einen neuen Paß nach Oestreich zu bekommen. Ein
merkwürdiges Gefühl war es mir aber dabei, durch die alten bekannten
Straßen zu gehen und in den Läden, in den Fenstern die nämlichen
Menschen mit der nämlichen Beschäftigung zu sehen, wie ich sie vor
langen Jahren verlassen hatte. Die waren nicht fort gewesen in der
ganzen Zeit; die hatten Tag für Tag ihrem Beruf an derselben Stelle
obgelegen und während mir eine Fluth von Erinnerungen durch die Seele
ging, kannte die ihre kein anderes Bild, als diese selben engen Straßen
boten.
So sitzen hier Leute, die ich mich besinnen kann auf der nämlichen
Stelle gesehen zu haben, als ich noch, ein Knabe, da in die Schule ging.
Sie kamen mir damals schon alt und ehrwürdig vor und sahen heute genau
noch so aus; nur daß sie früher keine grauen Haare hatten. Dieselben
Menschen sind immer dageblieben, und wo bin ich indessen herumgewandert
-- was hab' ich erlebt -- was gesehen -- und wie drängt es mich noch
immer neuen Scenen entgegen zu eilen, während diese still und genügsam
in dem engen Kreise sich bewegen, den ihnen die eigene Wahl oder das
Schicksal angewiesen. Und wenn wir sterben, ruhen wir vielleicht neben
einander, und die Erinnerung ist todt und fort.
Und soll ich dir, freundlicher Leser, jetzt erzählen, wie ich nach Brünn
kam, bis wohin mir meine Frau mit dem Kind entgegen fahren wollte -- wie
ich mich von Nachtfahrten und übermäßiger Anstrengung zum Tod erschöpft
in meinen Kleidern auf das Bett geworfen hatte, den um Mitternacht
eintreffenden Zug dann zu erwarten? Wie mich der Kellner nicht geweckt,
und plötzlich mitten in der Nacht Frau und Kind, die ich in 39
Monden nicht gesehen, im Zimmer standen, und wie der kleine, indessen
vierjährig gewordene Bursch, seine Aermchen um meinen Nacken legte und
mit seiner lieben Stimme flüsterte: »du weggelaufener Papa?« -- Es geht
nicht -- es geht wahrhaftig nicht, Worte sind nicht im Stande das zu
beschreiben; das muß erlebt, empfunden sein, und -- ich möchte gleich
wieder auf Reisen gehen, nur um =den= Augenblick noch einmal zu erleben.
Wenn wir einmal sterben.
Oft, wenn ich in meinem Zimmer sitze und mein Blick über die aus allen
Welttheilen zusammengetragenen Gegenstände schweift, die mir so lieb
sind, weil sich an jedes einzelne eine, oft freudige, oft bittere
Erinnerung knüpft, fällt mir eine Scene aus früherer Zeit ein.
In einem großen alten Hause in ** hatte ein alter Herr viele lange Jahre
hindurch so abgeschlossen gelebt, daß er mit Niemandem da draußen --
wenigstens nie direkt -- in Berührung kam. Eine alte Haushälterin und
ein alter Gärtner besorgten seine Arbeiten, und nur Abends, wenn in
dem obersten Erkerstübchen, wo die alte Haushälterin schlief, Licht
angezündet wurde, sah man, daß die Leute drinnen noch lebten, denn
sonst ließ sich den ganzen Tag keine Seele, weder an einem der dicht
verhangenen Fenster noch in der Thür blicken.
Der Eigenthümer selber verließ seine Wohnung nie -- einen Tag im Jahre
ausgenommen -- am ersten Weihnachtsfeiertag, und dann auch nur -- mochte
es wettern und stürmen, wie es wollte -- um hinaus auf den Gottesacker
zu gehen und daselbst ein Grab zu besuchen. Allerdings hatten sich
die Müßiggänger in der Stadt schon die größte Mühe gegeben, um
herauszubekommen, wer unter dem kleinen einfachen Hügel ruhe, an dem
der Greis eine volle Stunde betete -- aber vergebens. Kein Kreuz, keine
Tafel kündete den Namen. Der frühere Todtengräber war gestorben, aus
dem Buch, das er mit wunderlichen Zeichen und Figuren geführt, ließ sich
nichts Bestimmtes mehr herausfinden, und die Leute sahen sich gezwungen,
ihre eigenen Geschichten darüber zu ersinnen. Es läßt sich denken, daß
die abenteuerlichsten Gerüchte die Stadt durchliefen -- aber auch nur
eine Zeit lang. Wie der alte Herr Jahr nach Jahr das nämliche trieb,
dabei Niemandem etwas in den Weg legte, wurde man es endlich müde,
sich um ihn zu bekümmern, und erst sein Tod erweckte die schon fast
vergessenen Gerüchte von Neuem -- allein auch sein Tod brachte keine
Aufklärung über sein früheres Leben.
Wie es mit dem Testament gewesen war, weiß ich nicht mehr, nur soviel
erinnere ich mich, daß die Erben keineswegs zufrieden sein mußten,
denn große Legate waren den Dienern vermacht, und die außerordentlich
einfache und dadurch fast werthlose Einrichtung des Hauses sollte in
dessen Räumen selber öffentlich versteigert werden.
Nach alle dem läßt es sich denken, daß ein großer Theil der Bewohner
von ** neugierig war, die Räume zu betreten, die bis jetzt von dem alten
wunderlichen Mann als unnahbares Heiligthum verschlossen und verriegelt
gehalten waren. Die von dem Magistrat herbeorderten Beamten hatten
wirklich ihre Noth, die zudringlichen Gaffer in ihren Schranken zu
halten, damit sich im Gedränge nicht auch verworfenes Gesindel mit
einschlich und die Hand an fremdes Eigenthum legte.
Stube nach Stube wurde deshalb nur derart geöffnet, daß man eine andere
erst aufschloß, wenn die in der einen befindlichen Gegenstände verkauft
und ihren jetzigen Besitzern überwiesen waren. Dadurch bekamen es die
Neugierigen endlich satt, sich nur herumstoßen und drängen zu lassen,
ohne weiter etwas zu sehen, als öde Zimmer und altmodische Möbel und
Schränke. Nach und nach verliefen sich die Meisten und es blieben fast
nur Solche zurück, die wirklich Lust zu kaufen hatten.
So gelangten wir endlich, nachdem eine Masse von Schränken, Tischen,
Stühlen, alten Bildern, zu Spinneweb gewaschenen Gardinen und hundert
andern Kleinigkeiten verkauft oder vielmehr um einen Spottpreis
verschleudert waren, in die Studirstube des alten Mannes -- wenn
ein Platz so genannt werden kann, in dem ein nur wenig benutzter
Schreibtisch und ein kleines dürftiges Regal mit einigen zwanzig, meist
französischen und holländischen Büchern stand.
Der Verstorbene war augenscheinlich kein Gelehrter gewesen, das aber
hier jedenfalls der Platz, wo er seine meiste Zeit, die langen Jahre
seiner Einsamkeit, träumend und durch nichts gestört verbracht, und
es überkam mich ein eigenes und drückendes Gefühl, als ich die kalten,
gleichgültigen Gesichter sah, die sich hier jetzt mit prüfenden Blicken
in dem engen Raum umschauten und die Gegenstände taxirten. Es war mir,
als ob ein Grab entweiht würde, das Grab einer Seele, deren Träume bis
jetzt hier eingesargt gewesen.
Aber was kümmerte das die Käufer oder den Auctionator, der Stück nach
Stück ruhig und gleichmüthig unter den Hammer brachte! Vor dem Tische
stand ein alter, mit Leder überzogener Lehnstuhl, über dem Tisch hing
ein kleines, ziemlich mittelmäßig ausgeführtes Bild, eine Landschaft
mit einer alten knorrigen Eiche im Vordergrund, die an dem Ufer eines
Weihers stand. Unter der Eiche lag ein Frauenhut und ein Brief. In
dem Lehnstuhl war der alte Mann gestorben, und auf dem Tisch stand ein
kleines flaches Mahagonikästchen.
Ein Jude kaufte den Tisch, den Lehnstuhl und nachher das Kästchen auch,
das Bild, da Niemand darauf bieten wollte, bekam er zu. In dem Kästchen
stak der Schlüssel, er öffnete es, es lagen einige Sachen darin, und er
wühlte mit der Hand darin herum. Als ihm das Kästchen zugeschlagen war,
drehte er es um und schüttete den Inhalt auf den Boden. Es enthielt
auch nichts Aufhebenswerthes: ein paar trockene, schon fast verkrümelte
Blumen, ein Stückchen Holz mit ein paar dürren Blättern, ein paar
Streifen vergilbtes Papier mit unleserlichen Zügen, ein kleines
blauseidenes Band, einen zerschnittenen Handschuh und noch eine Anzahl
anderer, eben so werthloser verwitterter Dinge. Was sollte der Käufer
mit dem Plunder machen? er wurde später mit dem übrigen Staub und
Gerumpel hinaus gekehrt, und doch war er das Heiligthum eines ganzen
Lebens gewesen.
Und wenn =wir= einmal sterben?
In meinem Zimmer hängen eine Unmasse von werthlosen Dingen, Waffen aus
allen Welttheilen von Stein, Holz, Stahl, Wallroß- und Haifischzähnen,
und wenn ich einmal sterbe, finden sie vielleicht ihren Weg in ein
Naturaliencabinet, wo dann der Aufseher mit Hülfe des Katalogs den
Besuchern erklären kann: das Stück stammt dort, jenes von da her,
diese Waffen führen die australischen Eingebornen, jene sind auf den
Südseeinseln, in Afrika, in Californien, in Südamerika, in China, in
Java daheim -- das bleibt Alles, denn die Erinnerung ist todt, die ihnen
jetzt Leben verleiht.
Jenes alte lederne Jagdhemd, mit seinen indianischen Ausfranzungen,
habe ich aus selbsterlegten Hirschdecken auch selber gegerbt und genäht
und manches lange Jahr getragen; jenes alte Messer führte ich
zweiundzwanzig Jahr in Freud und Leid; jene Bolas holte ich mir aus den
chilenischen Cordilleren, und wie der Blick darauf fällt, sitze ich
wieder bei dem tollen Trinkgelage jener Stämme, sehe die mit trübem
Aepfelwein gefüllten Kuhhörner im Kreis herumgehen und die junge dicke
Kazikentochter mir gegenüber, die mir jenes Diadem von bunten Perlen
gab. Die Lanze dort schleuderte einst ein australischer Wilder nach mir;
jene Mumienhand steckte mir ein junger ägyptischer Epigone unter den
Tempelsäulen von Karnak in die Tasche, da ich sie ihm nicht um den
üblichen Sixpence abkaufen wollte; jenen Bogen erhandelte ich von einem
californischen Indianer um selbstgegrabenes Gold aus seinen Bergen. Mit
diesen Stücken trockenen Guiavenholzes rieb sich ein bildschönes Mädchen
auf Tahiti einst Feuer, um ihre Cigarre daran anzuzünden; jenen
Wallfischzahn brach ich selber aus dem Kiefer eines frischgefangenen
Cachelot; den Tabaksbeutel aus dem Fuß eines Albatroß arbeitete ich mir
inmitten eines furchtbaren Sturmes am Cap Horn; das Hirschgeweih da oben
holte ich mir aus der Bandong-Ebene in Java, und jene kleinen
ungeschickt geschnittenen Figuren aus vegetablischem Elfenbein kaufte
ich auf dem Markt zu Quito.
Und welche Unzahl von Kleinigkeiten, die ein Anderer unbedingt zum
Kehrichthaufen verdammen würde, bilden die Schätze, die ich um mich her
aufgehäuft! Vier Steinbrocken, die jeder Geologe verächtlich bei Seite
werfen würde: ein gewöhnliches Stück Kalkstein mit ein paar dunklen
Flecken darauf -- die Schweißtropfen meines ersten starken Gemsbocks,
den ich hoch am Karwendelgebirg in Tyrol in voller Flucht durch's Herz
schoß; ein gewöhnlicher Kieselstein, aus den Wassern des Pozuzu in Peru
-- die Erinnerung an den Uebergang jenes reißenden Bergstromes, an einer
einzelnen wilden Rebe; ein kleines Stück Granit vom 16,000 Fuß hohen
Gipfel der Cordilleren in Peru; ein anderes verwittertes Gestein vom
höchsten Paß der La Plata-Staaten nach Chile; eine gelbe Feder vom
Kopf eines Kakadu, des ersten, leider nicht des einzigen, den ich im
australischen Wald erlegen und verzehren mußte, um nicht zu verhungern;
ein langes Stück Koralle, das ein australisches Mädchen als einzigen
Schmuck und Kleidungsstück durch den Nasenknorpel trug; ein rothes Band,
das ich, in dem jetzt verschütteten Mendoza, im Knopfloch führen mußte,
um unter Rosa's Regierung einen Paß auf der Polizei zu bekommen; der
alte hölzerne Quirl und Löffel, mit dem ich in Ecuador tagtäglich, lange
Monate hindurch meine Chocolade quirlte und rührte; selbstgewaschenes
Gold aus Californien; Silber aus Cerro de Pasco, der höchsten Stadt der
Welt; Wüstensand aus Aegypten; künstliche Federblumen aus Brasilien, und
was mein Schreibtisch an geheimen Schätzen birgt, an trockenen Blumen
und an Liebeszeichen aus der Jugendzeit, Du lieber Gott, was Anderes
ist das, als was der Trödler dort in dem alten Haus, aus jenem
Mahagonikasten auf die Erde schüttete: -- und doch ein Lebensalter
hindurch mit dem eigenen Herzblut erkauft und gehegt und gepflegt!
Und wer von uns Allen hat nicht solche Liebeszeichen, wem von uns Allen
ruft nicht ein Band, ein trocknes Blatt, ein alter, wieder und wieder
gelesener Brief alte Liebe und, wenn auch schmerzliche, Erinnerungen
der Seele wach? und wenn wir einmal sterben? dann kommen rauhe Hände
und zerstören diese »Leichen unserer Erinnerung,« denn das Leben fehlt
ihnen, was ihnen diese für uns eingehaucht.
Und können wir uns deshalb von ihnen trennen? Nein, es ist nicht
möglich, denn sie bilden einen Theil, und zwar den edelsten Theil
unseres Selbst; sie sind die kleinen unscheinbaren, aber trotzdem
unzerreißbaren Glieder jener Kette, die uns an die Heimath binden.
Sie sind die Tröster in mancher bitteren, sorgenschweren Stunde, die
Märchenerzähler unserer eigenen Jugend, und wie der Mensch, wenn ihm
die Hoffnung genommen würde, zum Selbstmörder werden müßte, und wie
er deshalb die Hoffnung hegt und pflegt, weil er mit ihr die Brücke zu
seiner Zukunft baut, so hält er auch die kleinen Zeichen fest als theure
Gaben der Vergangenheit.
Wohl wäre es besser, wir selber vernichteten diese kleinen unscheinbaren
Liebesboten, wenn wir einmal fühlen, daß unser Ende naht; aber wer fühlt
das? Wer mag es sich bis zum letzten entscheidenden Augenblick wohl
eingestehen: Jetzt ist vorbei, jetzt weist der Zeiger auf die letzte
Stunde? Nicht Einer aus Tausenden. Noch mit zitternder Hand, mit
schon halbgebrochenem Auge fällt unser Blick darauf, und wenn wir dann
sterben, dann fliegt mit unsrer Seele auch die Seele unserer Reliquien
-- Gott nur weiß wohin, und unsere Leichen werden Staub.
[Hinweise zur Transkription
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