Die Catastrophe.
James Burton sah nach seiner Uhr -- es war schon fast zwei geworden,
ohne daß er Jenny gesehen -- was mußte sie von ihm denken? Aber jetzt
konnte er ihr auch gute Nachricht bringen, und ohne einen Moment länger
zu säumen, griff er nach seinem Hut und eilte hinab.
Auf dem Gang wanderte ein Lohndiener hin und her, der stehen blieb,
als er auf die Thür zuging. Er hielt aber einen Moment davor, ehe er
anklopfte, denn er hörte eine ziemlich heftige Stimme, die in Aerger zu
sein schien. War das Jenny? -- hatte vielleicht Hamilton gewagt? -- er
klopfte rasch an. Es war jetzt plötzlich alles ruhig da drinnen. Da ging
die Thür auf und Elise schaute heraus, um erst zu sehen wer klopfe. Sie
öffnete, als sie den jungen Mann erkannte.
Jenny stand an ihrem Koffer, emsig mit Packen beschäftigt, als er
das Zimmer betrat, und erröthete leicht, aber sie begrüßte ihn desto
freundlicher und gab auch über ihr Befinden hinlänglich befriedigende
Antwort.
Elise zog sich in die Nebenstube zurück und Jenny frug jetzt, mit ihrem
alten, gewinnenden Lächeln:
»Und so lange haben Sie mich auf Ihren Besuch warten lassen? Ich wußte
vor langer Weile gar nicht, was =ich= angeben sollte und habe deshalb
meine Sachen wieder zusammengepackt.«
»Aber nicht meine eigene Unachtsamkeit hielt mich von Ihnen entfernt,
Miss Jenny,« sagte Burton herzlich, »sondern eine wichtige Verhandlung,
die ich mit unserem Agenten hatte. Mr. Hamilton ist zurückgekehrt.«
»In der That?« sagte die junge Dame, aber jeder Blutstropfen wich dabei
aus ihrem Gesicht, und so vielen Zwang sie sich anthat, mußte sie doch
die Stuhllehne ergreifen, um nicht umzusinken.
»Aber weshalb erschreckt Sie das?« sagte Burton erstaunt. »Die
Erinnerung an jenen Elenden, den jetzt seine gerechte Strafe ereilen
wird, mag Ihnen peinlich sein, aber sie darf nie wieder als Schreckbild
vor Ihre Seele treten.«
»Und er hat ihn gefunden?« sagte Jenny, sich gewaltsam sammelnd -- »oh,
wenn ich nur das Schreckliche vergessen könnte?«
»Er hat ihn nicht nur gefunden,« bestätigte der junge Mann, »sondern der
Unglückliche hat auch sein ganzes Verbrechen eingestanden. Was half
ihm auch Leugnen seiner Schuld, wo man die Beweise derselben in seinem
Besitz fand?«
»Und jetzt?«
»Lassen wir den Elenden,« sagte Burton freundlich, »Mr. Hamilton,
der mit allen nöthigen Papieren dazu versehen ist, wird seine
Weiterbeförderung nach England übernehmen. Ich selbst reise heute
Nachmittag mit dem Schnellzug nach London ab, und da Sie Ihren Koffer
schon gepackt haben,« setzte er lächelnd hinzu -- »so biete ich Ihnen,
mein werthes Fräulein, an, in meiner Begleitung und unter meinem Schutz
nach England zurückzukehren.«
»Sie wollten --«
»Sie dürfen sich mir wie einem Bruder anvertrauen,« sagte James Burton
herzlich, »und ich bürge Ihnen dafür, daß ich durchführe, was ich
unternommen -- trotz allen Hamiltons der Welt,« setzte er mit leisem
Trotz hinzu.
»So wiedersetzte sich der Herr dem, daß ich Sie begleiten dürfe?« fragte
rasch und mißtrauisch die Fremde.
»Lassen wir das,« lächelte aber Burton, »ich bin mein eigener Herr und
in =meiner= Begleitung steht Niemandem ein Recht zu, Sie auch nur nach
Paß oder Namen zu fragen. Und Sie gehen mit?«
»Wie könnte und dürfte ich einer solchen Großmuth entgegenstreben?«
sagte das junge Mädchen demüthig -- »ich vertraue Ihnen ganz.«
»Herzlichen, herzlichen Dank dafür,« rief Burton bewegt, »und Sie sollen
es nicht bereuen. Jetzt aber lasse ich Sie allein, um noch alles Nöthige
zu ordnen, denn ich muß selbst noch packen und die Wirthsrechnung, wie
Ihrer Gesellschafterin Honorar, in Ordnung bringen. Sie müssen mir auch
schon gestatten, für die kurze Zeit unserer Reise Ihren Cassirer zu
spielen. Beruhigen Sie sich,« setzte er lächelnd hinzu, als er ihre
Verlegenheit bemerkte -- »ich gleiche das später schon alles mit Ihrem
Herrn Vater wieder aus, und werde Sorge tragen, daß ich nicht zu Schaden
komme. Also auf Wiedersehen, Miss -- aber beeilen Sie sich ein wenig,
denn wir haben kaum noch anderthalb Stunden Zeit bis zu Abgang des
Zuges,« und ihre Hand leicht an seine Lippen hebend, verließ er rasch
das Zimmer.
Sobald er unten mit dem Wirth abgerechnet und seine Sachen gepackt
hatte, wollte er noch einmal Hamilton aufsuchen, um von diesem Abschied
zu nehmen. Es that ihm fast leid, ihn so rauh behandelt zu haben. Der
Polizeiagent war aber, gleich nachdem er ihn verlassen, ausgegangen und
noch nicht zurückgekehrt.
Eigentlich war ihm das lieb, denn er fühlte sich ihm gegenüber nicht
recht behaglich; zu reden hatte er überdies weiter nichts mit ihm, und
was Kornik betraf, so besaß er ja selber alle die nöthigen Instruktionen
und Vollmachten. Er hatte ja nur die Reise nach dem Continent
mitgemacht, um die Identität seiner Person zu bestätigen -- jetzt, mit
all den vorliegenden Beweisen und dem eigenen Geständniß des Verbrechens
war seine Anwesenheit unnöthig geworden.
Die Zeit bis halb vier Uhr verging ihm auch mit den nöthigen
Vorrichtungen rasch genug -- jetzt war alles abgemacht und in Ordnung,
und ebenso fand er Jenny schon in ihrem Reisekleid, aber in merkwürdig
erregter Stimmung. Sie sah bleich und angegriffen aus, und drehte sich
rasch und fast erschreckt um, als er die Thür öffnete.
»Sind Sie fertig?«
»Und gehen wir wirklich?«
»Zweifeln Sie daran? Es ist alles bereit, und bis wir am Bahnhof
sind und unser Gepäck aufgegeben haben, wird die Zeit auch ziemlich
verflossen sein -- Miss Elise,« wandte er sich dann an das junge
Mädchen, indem er ihr ein kleines Packet überreichte -- »Ihre
Anwesenheit ist auf kürzere Zeit in Anspruch genommen, als ich selbst
vermuthete, so bitte ich denn, dieses für Ihre Mühe als Erinnerung
an uns zu betrachten. Und nun,« fuhr Burton fort, als sich das junge
Mädchen dankend und erröthend verbeugte -- indem er die Klingelschnur
zog -- »mag der Hausknecht Ihr Gepäck hinunterschaffen. Eine Droschke
wartet schon auf uns, und ich will selber recht von Herzen froh sein,
wenn wir erst unterwegs sind.«
Draußen wurden Schritte laut -- es klopfte an.
»Herein!« rief Burton -- die Thür öffnete sich und auf der Schwelle,
seinen Hut auf dem Kopf, stand -- Hamilton und warf einen ruhigen,
forschenden Blick über die Gruppe.
Er sah den Ausdruck der Ueberraschung in Burtons Zügen, aber sein Auge
haftete jetzt fest auf der jungen Dame an seiner Seite, deren Antlitz
eine Aschfarbe überzog.
»Sie entschuldigen, meine Herrschaften,« sagte der Polizist mit eisiger
Kälte, »wenn ich hier vielleicht ungerufen oder ungewünscht erscheinen
sollte, aber meine Pflicht schreibt es mir so vor. Mein Herr -- Sie sind
mein Gefangener, im Namen der Königin!«
»=Ihr= Gefangener?« lachte Burton trotzig auf, aber Hamilton trat zur
Seite und drei Polizeidiener standen hinter ihm, während er auf Burton
zeigend, zu diesen gewandt, fortfuhr:
»Den Herrn da verhaften Sie und führen ihn auf sein Zimmer oder bewachen
ihn hier, bis Ihr Commissär kommt. Er wird sich nicht wiedersetzen,
denn er weiß, daß er der Gewalt weichen muß -- im schlimmsten Fall aber
brauchen =Sie= Gewalt, und jene Dame dort --«
Die junge Fremde hatte mit starrem Entsetzen den Eintritt des nur zu
rasch wiedererkannten Reisegefährten bemerkt, und im ersten Moment
war es wirklich, als ob der Schreck sie gelähmt und zu jeder Bewegung
unfähig gemacht hätte. Wie aber des Furchtbaren Blicke auf sie fielen,
schien es auch, als ob sie erst dadurch wieder Leben gewönne, und ehe
sie Jemand daran verhindern konnte, glitt sie in das Nebenzimmer, neben
dessen Thür sie stand, warf diese zu und schob den Riegel vor.
»Einer von Ihnen auf Posten draußen, daß sie uns nicht entwischt,« rief
Hamilton rasch, indem er nach der Thür sprang, aber sie schon nicht mehr
öffnen konnte -- »und alarmiren Sie die Leute unten, daß sie vor den
Fenstern von Nr. 6 Wache halten.«
»Mr. Hamilton, Sie werden mir für dieses Betragen Rede stehen!« rief
Burton außer sich »-- =wer= giebt Ihnen ein Recht, mich zu verhaften?«
»Mein bester Herr«, rief Hamilton, indem er vergebens versuchte, die
Thür aufzudrücken -- »von einem =Recht= ist hier vorläufig gar keine
Rede. Sie weichen nur der Gewalt. Alles andere machen wir später ab.«
»Aber ich dulde nicht --« rief Burton und wollte sich zwischen ihn und
die Thüre werfen, um die Geliebte zu schützen.
»Halt, mein Herzchen!« riefen aber die Polizeidiener, ein Paar
baumstarke Burschen, indem sie ihn mit ihren Fäusten packten -- »nicht
von der Stelle, oder es setzt was.«
»Um Gottes Willen«, rief Elise, zum Tod erschreckt, »was geht hier vor?«
»Mein liebes Fräulein,« sagte Hamilton, sich an sie wendend in deutscher
Sprache -- »beunruhigen Sie sich nicht -- gar nichts was =Sie= betreffen
könnte. Gehen Sie ruhig nach Hause, Sie haben nicht die geringste
Belästigung zu fürchten. Soviel kann ich Ihnen aber sagen, daß jene
Dame =keine= Begleitung weiter nach England braucht, da ich das selber
übernehmen werde. -- Ah, da ist der Herr Commissär -- Sie kommen wie
gerufen, verehrter Herr -- das hier,« fuhr er fort, indem er auf James
Burton zeigte -- »ist jener Kornik, von dem ich Ihnen sagte, und seine
Dulcinea hat sich eben in dies Zimmer geflüchtet, von wo aus sie uns
aber ebenfalls nicht mehr entwischen kann.«
»Kornik? -- ich?« rief Burton, indem er sich wie rasend unter dem Griff
der Polizeidiener wand -- »Schuft Du -- ich selber bin hergekommen,
jenen Kornik zu verhaften.«
»Und wo haben Sie die Beweise?« sagte Hamilton ruhig in englischer
Sprache.
»In Deiner eigenen Tasche sind sie,« schrie Burton wie außer sich --
»das Papier, das ich Dir vor die Füße warf.«
Hamilton achtete gar nicht auf ihn.
»Herr Commissär,« sagte er, sich an den Polizeibeamten wendend -- »jener
Herr da, dem ich von England aus nachgesetzt bin, hat sich schon unter
fremdem Namen in das hiesige Gasthofsbuch geschrieben. Sie haben meine
Instruktionen und Vollmachten gelesen. Sie werden Sorge dafür
tragen, daß er uns nicht entwischt, während ich jetzt die =Dame=
herbeizuschaffen suche.« Und ohne weiter ein Wort zu verlieren nahm er
den dicht neben ihm stehenden kleinen Koffer und stieß ihn mit solcher
Kraft und Gewalt gegen die Füllung der Thür, daß diese vor dem schweren
Stoß zusammenbrach. Im nächsten Moment griff er durch die gemachte
Oeffnung hindurch und schloß die Thür von innen auf.
Wie es schien, hatte aber die junge Fremde gar keinen Versuch zur Flucht
gemacht. Sie stand, ihre Mantille fest um sich her geschlungen, mitten
in der Stube, und den Verhaßten mit finsterem Trotz messend, sagte sie:
»Betragen Sie sich wie ein Gentleman, daß Sie zu einer Lady auf solche
Art ins Zimmer brechen?«
»Miss«, erwiederte der Polizeibeamte kalt, »ich bin noch nicht fest
überzeugt, ob ich es hier wirklich mit einer =Lady= zu thun habe. Vor
der Hand sind Sie meine Gefangene. Im Namen der Königin, Miss Lucy
Fallow, verhafte ich Sie hier auf Anklage eines Juwelendiebstahls.«
»Und welche Beweise haben Sie für eine so freche Lüge?« rief das junge
Mädchen verächtlich.
»Danach suchen wir eben«, lachte Hamilton, jetzt, da ihm der Ueberfall
gelungen war, wieder ganz in seinem Element -- »Herr Commissär, haben
Sie die Güte gehabt, die Frauen mitzubringen?«
»Sie stehen draußen.«
»Bitte, rufen Sie die beiden herein -- ich wünsche die Gefangene
=genau= durchsucht zu haben, ob sie den bewußten Schmuck an ihrem Körper
vielleicht verborgen hat. Wir beide werden indeß die Koffer revidiren.«
Eine handfeste Frau -- die Gattin eines der Polizeidiener, trat jetzt
ein, von einem anderen jungen Mädchen, wahrscheinlich ihrer Tochter,
gefolgt, beide aber von einer Statur, die für einen solchen Zweck nichts
zu wünschen übrig ließ, und Hamilton betrat jetzt wieder das Zimmer,
in dem Burton dem englisch sprechenden Commissär seine eigene Stellung
erklärte und ihn dringend aufforderte, nicht zu dulden, daß =zwei=
unschuldige Menschen in so niederträchtiger Weise behandelt würden.
Seine Erklärung aber, die er dabei gab, daß er seine Vollmacht selber
zerrissen habe, der falsche Namen, unter dem er selber zugestand sich
in das Fremdenbuch eingetragen zu haben, und die Thatsache, die er nicht
läugnen konnte oder wollte, daß Hamilton wirklich ein hochgestellter
Polizeibeamter in England sei, sprachen zu sehr gegen ihn. Der Commissär
zuckte die Achseln, bedauerte, nur nach den Instruktionen handeln zu
können, die er von oben empfinge, und ersuchte Mr. Burton dann in seinem
eigenen Interesse, sich seinen Anordnungen geduldig zu fügen, da sonst
für ihn daraus die größten Unannehmlichkeiten entstehen könnten.
Er wollte ihn jetzt auch auf sein eigenes Zimmer führen lassen, als
Hamilton zurückkehrte und den Commissar ersuchte, dem Herrn zu erlauben,
hier zu bleiben. Er wünsche, daß er Zeuge der Verhandlung sei.
Ohne weiteres ging er jetzt daran, den Koffer der Dame auf das genaueste
zu revidiren; obgleich sich aber, in einem geheimen Gefach darin, eine
Menge der verschiedensten Schmuck- und Werthsachen vorfanden, waren die
gesuchten Brillanten doch nicht dabei. Auch in Korniks Koffer ließ sich
keine Spur davon entdecken. Fortgebracht konnte sie dieselben aber nicht
haben, da sie ja gerade, im Begriff abzureisen, überrascht war, also
gewiß auch alles werthvolle Besitzthum bei sich trug. Außerdem wußte
Hamilton genau, daß sie -- wenigstens seitdem er zurückgekehrt war --
kein Packet auf die Post gegeben hatte, also trug sie es wahrscheinlich
am Körper versteckt.
Aber auch diese Vermuthung erwies sich als falsch. Die Frau kehrte,
während der Gefangenen unter Aufsicht des jungen Mädchens gestattet
wurde, wieder ihre Toilette zu machen, in das Zimmer zurück, und brachte
nur ein kleines weiches Päckchen mit, das sie bei ihr verborgen gefunden
hatten. Sie überreichte es dem Commissär, der es öffnete und englische
Banknoten zum Werth von etwa achthundert Pfund darin fand. Vier Noten
von 100 Pfund Sterling waren darunter.
»Da bekommen wir Licht,« rief aber Hamilton rasch, als er sie erblickte
-- »von den Hundert Pfund-Noten habe ich die Nummern, und die wollen
wir nachher einmal vergleichen. Vorher aber werden wir das Zimmer
untersuchen müssen, in daß sich Madame geflüchtet hat. Möglich doch, daß
sie die Zeit benutzte, in der sie dort eingeschlossen war, um ein oder
das andere in Sicherheit zu bringen.«
»Ich habe alles genau nachgesehen,« sagte die Frau des Polizeidieners
kopfschüttelnd -- »in alle Polster hineingefühlt und die Gardinen
ausgeschüttelt, selbst in den Ofen gefühlt und den Teppich genau
nachgesehen. Es steckt nirgends was.«
»Kann ich eintreten?« rief Hamilton an die Thür klopfend, denn er war
nicht gewohnt sich auf die Aussagen Anderer zu verlassen. Das junge
Mädchen, das zur Wache dort geblieben war, öffnete. Die junge Fremde
stand fertig angezogen, aber todtenbleich, wieder mitten im Zimmer
und ihre Augen funkelten dem Polizeibeamten in Zorn und Haß entgegen.
Hamilton war aber nicht der Mann, davon besondere Notiz zu nehmen. Das
erste, was er that, war, die Jalousieen aufzustoßen, um hinreichend
Licht zu bekommen, dann untersuchte er Tapeten und Bilder -- auch hinter
den Spiegel sah er, rückte sich den Tisch zu den Fenstern und stieg
hinauf, um oben auf die Gardinen zu fühlen. Er fand nichts, aber
er ruhte auch nicht -- der Teppich zeigte nicht die geringsten
Unebenheiten. -- Er rückte das Sopha ab und fühlte daran hin -- aber es
ließ sich kein harter Gegenstand bemerken.
Wie seine Hand an der mit grobem Kattun bezogenen Hinterwand des Sophas
hinfuhr, gerieth sein Finger in eine nur wenig geöffnete Nath. Er zog
das Sopha jetzt ganz zum Licht, die Rückseite dem Fenster zugewandt,
nahm sein Messer heraus und trennte ohne Weiteres die Nath bis hinunter
auf. Während er mit dem rechten Arm in die gemachte Oeffnung hineinfuhr,
streifte sein Blick die Gestalt der Gefangenen, die augenblicklich
gleichgiltig auszusehen suchte, aber es konnte ihm nicht entgehen, daß
sie seinen Bewegungen mit der gespanntesten Aufmerksamkeit folgte.
»Ah, Mylady,« rief er da plötzlich, indem seine Finger einen
fremdartigen Gegenstand trafen -- »ob ich es mir nicht gedacht habe,
daß Sie die Ihnen verstattete Zeit hier im Zimmer auf geschickte Weise
benutzen würden. Sie sehen mir gerade danach aus, als ob Sie nicht zu
den »Grünen« gehörten -- was haben wir denn da? -- eine reizende Kette
und da hängt auch ein Ohrring darin -- da wird der andere ja wohl auch
nicht weit sein -- es kann nichts helfen, der Tapezierer muß wieder
gut machen, was ich jetzt hier verderbe« -- und er riß, ohne weitere
Rücksicht auf den Schaden, den er anrichtete, Werg und Kuhhaare heraus,
bis er den gesuchten Ohrring, der etwas weiter hinabgefallen war, fand.
Auch eine Broche, aus einem einzigen großen Brillant bestehend, kam mit
dem Werg zu Tag.
»Leugnen Sie jetzt =noch=, Madame?« sagte Hamilton, indem er sich
aufrichtete und der Verbrecherin das gefundene Geschmeide entgegenhielt.
Aber die Gefragte würdigte ihn keines Blicks; schweigend und finster,
wie er sie damals im Coupé gesehen, starrte sie vor sich nieder, und nur
die rechte Hand hielt sie krampfhaft geballt, die Zähne fest und wild
zusammengebissen und die Augen, die von solchem Liebesreiz strahlen
konnten, sprühten Feuer.
»Haben Sie etwas gefunden?« rief ihm der Commissär entgegen.
»Alles was wir suchen,« erwiederte Hamilton ruhig -- »aber ist denn der
Lohndiener noch nicht vom Telegraphenamt zurück?«
»Eben gekommen. Er wartet im anderen Zimmer auf Sie.«
»Gott sei Dank -- jetzt treffen alle Beweise zusammen,« rief Hamilton
aus. »Ich ersuche Sie indeß, Herr Commissär, diese junge Dame in =sehr=
gute Obhut zu nehmen, denn sie ist mit allen Hunden gehetzt.«
»Haben Sie keine Angst -- wir werden das saubere Pärchen sicher
verwahren.«
»Den =Herrn= kann ich Ihnen vielleicht abnehmen,« lächelte der
Polizeiagent, indem er in das benachbarte Zimmer trat und dort die für
ihn eingetroffene Depesche in Empfang nahm. Er erbrach sie und las die
Worte:
»In Islington giebt es keinen Geistlichen Benthouse. -- In ganz London
nicht.
Burton.