IX.

Die Catastrophe.

James Burton sah nach seiner Uhr -- es war schon fast zwei geworden,

ohne daß er Jenny gesehen -- was mußte sie von ihm denken? Aber jetzt

konnte er ihr auch gute Nachricht bringen, und ohne einen Moment länger

zu säumen, griff er nach seinem Hut und eilte hinab.

Auf dem Gang wanderte ein Lohndiener hin und her, der stehen blieb,

als er auf die Thür zuging. Er hielt aber einen Moment davor, ehe er

anklopfte, denn er hörte eine ziemlich heftige Stimme, die in Aerger zu

sein schien. War das Jenny? -- hatte vielleicht Hamilton gewagt? -- er

klopfte rasch an. Es war jetzt plötzlich alles ruhig da drinnen. Da ging

die Thür auf und Elise schaute heraus, um erst zu sehen wer klopfe. Sie

öffnete, als sie den jungen Mann erkannte.

Jenny stand an ihrem Koffer, emsig mit Packen beschäftigt, als er

das Zimmer betrat, und erröthete leicht, aber sie begrüßte ihn desto

freundlicher und gab auch über ihr Befinden hinlänglich befriedigende

Antwort.

Elise zog sich in die Nebenstube zurück und Jenny frug jetzt, mit ihrem

alten, gewinnenden Lächeln:

»Und so lange haben Sie mich auf Ihren Besuch warten lassen? Ich wußte

vor langer Weile gar nicht, was =ich= angeben sollte und habe deshalb

meine Sachen wieder zusammengepackt.«

»Aber nicht meine eigene Unachtsamkeit hielt mich von Ihnen entfernt,

Miss Jenny,« sagte Burton herzlich, »sondern eine wichtige Verhandlung,

die ich mit unserem Agenten hatte. Mr. Hamilton ist zurückgekehrt.«

»In der That?« sagte die junge Dame, aber jeder Blutstropfen wich dabei

aus ihrem Gesicht, und so vielen Zwang sie sich anthat, mußte sie doch

die Stuhllehne ergreifen, um nicht umzusinken.

»Aber weshalb erschreckt Sie das?« sagte Burton erstaunt. »Die

Erinnerung an jenen Elenden, den jetzt seine gerechte Strafe ereilen

wird, mag Ihnen peinlich sein, aber sie darf nie wieder als Schreckbild

vor Ihre Seele treten.«

»Und er hat ihn gefunden?« sagte Jenny, sich gewaltsam sammelnd -- »oh,

wenn ich nur das Schreckliche vergessen könnte?«

»Er hat ihn nicht nur gefunden,« bestätigte der junge Mann, »sondern der

Unglückliche hat auch sein ganzes Verbrechen eingestanden. Was half

ihm auch Leugnen seiner Schuld, wo man die Beweise derselben in seinem

Besitz fand?«

»Und jetzt?«

»Lassen wir den Elenden,« sagte Burton freundlich, »Mr. Hamilton,

der mit allen nöthigen Papieren dazu versehen ist, wird seine

Weiterbeförderung nach England übernehmen. Ich selbst reise heute

Nachmittag mit dem Schnellzug nach London ab, und da Sie Ihren Koffer

schon gepackt haben,« setzte er lächelnd hinzu -- »so biete ich Ihnen,

mein werthes Fräulein, an, in meiner Begleitung und unter meinem Schutz

nach England zurückzukehren.«

»Sie wollten --«

»Sie dürfen sich mir wie einem Bruder anvertrauen,« sagte James Burton

herzlich, »und ich bürge Ihnen dafür, daß ich durchführe, was ich

unternommen -- trotz allen Hamiltons der Welt,« setzte er mit leisem

Trotz hinzu.

»So wiedersetzte sich der Herr dem, daß ich Sie begleiten dürfe?« fragte

rasch und mißtrauisch die Fremde.

»Lassen wir das,« lächelte aber Burton, »ich bin mein eigener Herr und

in =meiner= Begleitung steht Niemandem ein Recht zu, Sie auch nur nach

Paß oder Namen zu fragen. Und Sie gehen mit?«

»Wie könnte und dürfte ich einer solchen Großmuth entgegenstreben?«

sagte das junge Mädchen demüthig -- »ich vertraue Ihnen ganz.«

»Herzlichen, herzlichen Dank dafür,« rief Burton bewegt, »und Sie sollen

es nicht bereuen. Jetzt aber lasse ich Sie allein, um noch alles Nöthige

zu ordnen, denn ich muß selbst noch packen und die Wirthsrechnung, wie

Ihrer Gesellschafterin Honorar, in Ordnung bringen. Sie müssen mir auch

schon gestatten, für die kurze Zeit unserer Reise Ihren Cassirer zu

spielen. Beruhigen Sie sich,« setzte er lächelnd hinzu, als er ihre

Verlegenheit bemerkte -- »ich gleiche das später schon alles mit Ihrem

Herrn Vater wieder aus, und werde Sorge tragen, daß ich nicht zu Schaden

komme. Also auf Wiedersehen, Miss -- aber beeilen Sie sich ein wenig,

denn wir haben kaum noch anderthalb Stunden Zeit bis zu Abgang des

Zuges,« und ihre Hand leicht an seine Lippen hebend, verließ er rasch

das Zimmer.

Sobald er unten mit dem Wirth abgerechnet und seine Sachen gepackt

hatte, wollte er noch einmal Hamilton aufsuchen, um von diesem Abschied

zu nehmen. Es that ihm fast leid, ihn so rauh behandelt zu haben. Der

Polizeiagent war aber, gleich nachdem er ihn verlassen, ausgegangen und

noch nicht zurückgekehrt.

Eigentlich war ihm das lieb, denn er fühlte sich ihm gegenüber nicht

recht behaglich; zu reden hatte er überdies weiter nichts mit ihm, und

was Kornik betraf, so besaß er ja selber alle die nöthigen Instruktionen

und Vollmachten. Er hatte ja nur die Reise nach dem Continent

mitgemacht, um die Identität seiner Person zu bestätigen -- jetzt, mit

all den vorliegenden Beweisen und dem eigenen Geständniß des Verbrechens

war seine Anwesenheit unnöthig geworden.

Die Zeit bis halb vier Uhr verging ihm auch mit den nöthigen

Vorrichtungen rasch genug -- jetzt war alles abgemacht und in Ordnung,

und ebenso fand er Jenny schon in ihrem Reisekleid, aber in merkwürdig

erregter Stimmung. Sie sah bleich und angegriffen aus, und drehte sich

rasch und fast erschreckt um, als er die Thür öffnete.

»Sind Sie fertig?«

»Und gehen wir wirklich?«

»Zweifeln Sie daran? Es ist alles bereit, und bis wir am Bahnhof

sind und unser Gepäck aufgegeben haben, wird die Zeit auch ziemlich

verflossen sein -- Miss Elise,« wandte er sich dann an das junge

Mädchen, indem er ihr ein kleines Packet überreichte -- »Ihre

Anwesenheit ist auf kürzere Zeit in Anspruch genommen, als ich selbst

vermuthete, so bitte ich denn, dieses für Ihre Mühe als Erinnerung

an uns zu betrachten. Und nun,« fuhr Burton fort, als sich das junge

Mädchen dankend und erröthend verbeugte -- indem er die Klingelschnur

zog -- »mag der Hausknecht Ihr Gepäck hinunterschaffen. Eine Droschke

wartet schon auf uns, und ich will selber recht von Herzen froh sein,

wenn wir erst unterwegs sind.«

Draußen wurden Schritte laut -- es klopfte an.

»Herein!« rief Burton -- die Thür öffnete sich und auf der Schwelle,

seinen Hut auf dem Kopf, stand -- Hamilton und warf einen ruhigen,

forschenden Blick über die Gruppe.

Er sah den Ausdruck der Ueberraschung in Burtons Zügen, aber sein Auge

haftete jetzt fest auf der jungen Dame an seiner Seite, deren Antlitz

eine Aschfarbe überzog.

»Sie entschuldigen, meine Herrschaften,« sagte der Polizist mit eisiger

Kälte, »wenn ich hier vielleicht ungerufen oder ungewünscht erscheinen

sollte, aber meine Pflicht schreibt es mir so vor. Mein Herr -- Sie sind

mein Gefangener, im Namen der Königin!«

»=Ihr= Gefangener?« lachte Burton trotzig auf, aber Hamilton trat zur

Seite und drei Polizeidiener standen hinter ihm, während er auf Burton

zeigend, zu diesen gewandt, fortfuhr:

»Den Herrn da verhaften Sie und führen ihn auf sein Zimmer oder bewachen

ihn hier, bis Ihr Commissär kommt. Er wird sich nicht wiedersetzen,

denn er weiß, daß er der Gewalt weichen muß -- im schlimmsten Fall aber

brauchen =Sie= Gewalt, und jene Dame dort --«

Die junge Fremde hatte mit starrem Entsetzen den Eintritt des nur zu

rasch wiedererkannten Reisegefährten bemerkt, und im ersten Moment

war es wirklich, als ob der Schreck sie gelähmt und zu jeder Bewegung

unfähig gemacht hätte. Wie aber des Furchtbaren Blicke auf sie fielen,

schien es auch, als ob sie erst dadurch wieder Leben gewönne, und ehe

sie Jemand daran verhindern konnte, glitt sie in das Nebenzimmer, neben

dessen Thür sie stand, warf diese zu und schob den Riegel vor.

»Einer von Ihnen auf Posten draußen, daß sie uns nicht entwischt,« rief

Hamilton rasch, indem er nach der Thür sprang, aber sie schon nicht mehr

öffnen konnte -- »und alarmiren Sie die Leute unten, daß sie vor den

Fenstern von Nr. 6 Wache halten.«

»Mr. Hamilton, Sie werden mir für dieses Betragen Rede stehen!« rief

Burton außer sich »-- =wer= giebt Ihnen ein Recht, mich zu verhaften?«

»Mein bester Herr«, rief Hamilton, indem er vergebens versuchte, die

Thür aufzudrücken -- »von einem =Recht= ist hier vorläufig gar keine

Rede. Sie weichen nur der Gewalt. Alles andere machen wir später ab.«

»Aber ich dulde nicht --« rief Burton und wollte sich zwischen ihn und

die Thüre werfen, um die Geliebte zu schützen.

»Halt, mein Herzchen!« riefen aber die Polizeidiener, ein Paar

baumstarke Burschen, indem sie ihn mit ihren Fäusten packten -- »nicht

von der Stelle, oder es setzt was.«

»Um Gottes Willen«, rief Elise, zum Tod erschreckt, »was geht hier vor?«

»Mein liebes Fräulein,« sagte Hamilton, sich an sie wendend in deutscher

Sprache -- »beunruhigen Sie sich nicht -- gar nichts was =Sie= betreffen

könnte. Gehen Sie ruhig nach Hause, Sie haben nicht die geringste

Belästigung zu fürchten. Soviel kann ich Ihnen aber sagen, daß jene

Dame =keine= Begleitung weiter nach England braucht, da ich das selber

übernehmen werde. -- Ah, da ist der Herr Commissär -- Sie kommen wie

gerufen, verehrter Herr -- das hier,« fuhr er fort, indem er auf James

Burton zeigte -- »ist jener Kornik, von dem ich Ihnen sagte, und seine

Dulcinea hat sich eben in dies Zimmer geflüchtet, von wo aus sie uns

aber ebenfalls nicht mehr entwischen kann.«

»Kornik? -- ich?« rief Burton, indem er sich wie rasend unter dem Griff

der Polizeidiener wand -- »Schuft Du -- ich selber bin hergekommen,

jenen Kornik zu verhaften.«

»Und wo haben Sie die Beweise?« sagte Hamilton ruhig in englischer

Sprache.

»In Deiner eigenen Tasche sind sie,« schrie Burton wie außer sich --

»das Papier, das ich Dir vor die Füße warf.«

Hamilton achtete gar nicht auf ihn.

»Herr Commissär,« sagte er, sich an den Polizeibeamten wendend -- »jener

Herr da, dem ich von England aus nachgesetzt bin, hat sich schon unter

fremdem Namen in das hiesige Gasthofsbuch geschrieben. Sie haben meine

Instruktionen und Vollmachten gelesen. Sie werden Sorge dafür

tragen, daß er uns nicht entwischt, während ich jetzt die =Dame=

herbeizuschaffen suche.« Und ohne weiter ein Wort zu verlieren nahm er

den dicht neben ihm stehenden kleinen Koffer und stieß ihn mit solcher

Kraft und Gewalt gegen die Füllung der Thür, daß diese vor dem schweren

Stoß zusammenbrach. Im nächsten Moment griff er durch die gemachte

Oeffnung hindurch und schloß die Thür von innen auf.

Wie es schien, hatte aber die junge Fremde gar keinen Versuch zur Flucht

gemacht. Sie stand, ihre Mantille fest um sich her geschlungen, mitten

in der Stube, und den Verhaßten mit finsterem Trotz messend, sagte sie:

»Betragen Sie sich wie ein Gentleman, daß Sie zu einer Lady auf solche

Art ins Zimmer brechen?«

»Miss«, erwiederte der Polizeibeamte kalt, »ich bin noch nicht fest

überzeugt, ob ich es hier wirklich mit einer =Lady= zu thun habe. Vor

der Hand sind Sie meine Gefangene. Im Namen der Königin, Miss Lucy

Fallow, verhafte ich Sie hier auf Anklage eines Juwelendiebstahls.«

»Und welche Beweise haben Sie für eine so freche Lüge?« rief das junge

Mädchen verächtlich.

»Danach suchen wir eben«, lachte Hamilton, jetzt, da ihm der Ueberfall

gelungen war, wieder ganz in seinem Element -- »Herr Commissär, haben

Sie die Güte gehabt, die Frauen mitzubringen?«

»Sie stehen draußen.«

»Bitte, rufen Sie die beiden herein -- ich wünsche die Gefangene

=genau= durchsucht zu haben, ob sie den bewußten Schmuck an ihrem Körper

vielleicht verborgen hat. Wir beide werden indeß die Koffer revidiren.«

Eine handfeste Frau -- die Gattin eines der Polizeidiener, trat jetzt

ein, von einem anderen jungen Mädchen, wahrscheinlich ihrer Tochter,

gefolgt, beide aber von einer Statur, die für einen solchen Zweck nichts

zu wünschen übrig ließ, und Hamilton betrat jetzt wieder das Zimmer,

in dem Burton dem englisch sprechenden Commissär seine eigene Stellung

erklärte und ihn dringend aufforderte, nicht zu dulden, daß =zwei=

unschuldige Menschen in so niederträchtiger Weise behandelt würden.

Seine Erklärung aber, die er dabei gab, daß er seine Vollmacht selber

zerrissen habe, der falsche Namen, unter dem er selber zugestand sich

in das Fremdenbuch eingetragen zu haben, und die Thatsache, die er nicht

läugnen konnte oder wollte, daß Hamilton wirklich ein hochgestellter

Polizeibeamter in England sei, sprachen zu sehr gegen ihn. Der Commissär

zuckte die Achseln, bedauerte, nur nach den Instruktionen handeln zu

können, die er von oben empfinge, und ersuchte Mr. Burton dann in seinem

eigenen Interesse, sich seinen Anordnungen geduldig zu fügen, da sonst

für ihn daraus die größten Unannehmlichkeiten entstehen könnten.

Er wollte ihn jetzt auch auf sein eigenes Zimmer führen lassen, als

Hamilton zurückkehrte und den Commissar ersuchte, dem Herrn zu erlauben,

hier zu bleiben. Er wünsche, daß er Zeuge der Verhandlung sei.

Ohne weiteres ging er jetzt daran, den Koffer der Dame auf das genaueste

zu revidiren; obgleich sich aber, in einem geheimen Gefach darin, eine

Menge der verschiedensten Schmuck- und Werthsachen vorfanden, waren die

gesuchten Brillanten doch nicht dabei. Auch in Korniks Koffer ließ sich

keine Spur davon entdecken. Fortgebracht konnte sie dieselben aber nicht

haben, da sie ja gerade, im Begriff abzureisen, überrascht war, also

gewiß auch alles werthvolle Besitzthum bei sich trug. Außerdem wußte

Hamilton genau, daß sie -- wenigstens seitdem er zurückgekehrt war --

kein Packet auf die Post gegeben hatte, also trug sie es wahrscheinlich

am Körper versteckt.

Aber auch diese Vermuthung erwies sich als falsch. Die Frau kehrte,

während der Gefangenen unter Aufsicht des jungen Mädchens gestattet

wurde, wieder ihre Toilette zu machen, in das Zimmer zurück, und brachte

nur ein kleines weiches Päckchen mit, das sie bei ihr verborgen gefunden

hatten. Sie überreichte es dem Commissär, der es öffnete und englische

Banknoten zum Werth von etwa achthundert Pfund darin fand. Vier Noten

von 100 Pfund Sterling waren darunter.

»Da bekommen wir Licht,« rief aber Hamilton rasch, als er sie erblickte

-- »von den Hundert Pfund-Noten habe ich die Nummern, und die wollen

wir nachher einmal vergleichen. Vorher aber werden wir das Zimmer

untersuchen müssen, in daß sich Madame geflüchtet hat. Möglich doch, daß

sie die Zeit benutzte, in der sie dort eingeschlossen war, um ein oder

das andere in Sicherheit zu bringen.«

»Ich habe alles genau nachgesehen,« sagte die Frau des Polizeidieners

kopfschüttelnd -- »in alle Polster hineingefühlt und die Gardinen

ausgeschüttelt, selbst in den Ofen gefühlt und den Teppich genau

nachgesehen. Es steckt nirgends was.«

»Kann ich eintreten?« rief Hamilton an die Thür klopfend, denn er war

nicht gewohnt sich auf die Aussagen Anderer zu verlassen. Das junge

Mädchen, das zur Wache dort geblieben war, öffnete. Die junge Fremde

stand fertig angezogen, aber todtenbleich, wieder mitten im Zimmer

und ihre Augen funkelten dem Polizeibeamten in Zorn und Haß entgegen.

Hamilton war aber nicht der Mann, davon besondere Notiz zu nehmen. Das

erste, was er that, war, die Jalousieen aufzustoßen, um hinreichend

Licht zu bekommen, dann untersuchte er Tapeten und Bilder -- auch hinter

den Spiegel sah er, rückte sich den Tisch zu den Fenstern und stieg

hinauf, um oben auf die Gardinen zu fühlen. Er fand nichts, aber

er ruhte auch nicht -- der Teppich zeigte nicht die geringsten

Unebenheiten. -- Er rückte das Sopha ab und fühlte daran hin -- aber es

ließ sich kein harter Gegenstand bemerken.

Wie seine Hand an der mit grobem Kattun bezogenen Hinterwand des Sophas

hinfuhr, gerieth sein Finger in eine nur wenig geöffnete Nath. Er zog

das Sopha jetzt ganz zum Licht, die Rückseite dem Fenster zugewandt,

nahm sein Messer heraus und trennte ohne Weiteres die Nath bis hinunter

auf. Während er mit dem rechten Arm in die gemachte Oeffnung hineinfuhr,

streifte sein Blick die Gestalt der Gefangenen, die augenblicklich

gleichgiltig auszusehen suchte, aber es konnte ihm nicht entgehen, daß

sie seinen Bewegungen mit der gespanntesten Aufmerksamkeit folgte.

»Ah, Mylady,« rief er da plötzlich, indem seine Finger einen

fremdartigen Gegenstand trafen -- »ob ich es mir nicht gedacht habe,

daß Sie die Ihnen verstattete Zeit hier im Zimmer auf geschickte Weise

benutzen würden. Sie sehen mir gerade danach aus, als ob Sie nicht zu

den »Grünen« gehörten -- was haben wir denn da? -- eine reizende Kette

und da hängt auch ein Ohrring darin -- da wird der andere ja wohl auch

nicht weit sein -- es kann nichts helfen, der Tapezierer muß wieder

gut machen, was ich jetzt hier verderbe« -- und er riß, ohne weitere

Rücksicht auf den Schaden, den er anrichtete, Werg und Kuhhaare heraus,

bis er den gesuchten Ohrring, der etwas weiter hinabgefallen war, fand.

Auch eine Broche, aus einem einzigen großen Brillant bestehend, kam mit

dem Werg zu Tag.

»Leugnen Sie jetzt =noch=, Madame?« sagte Hamilton, indem er sich

aufrichtete und der Verbrecherin das gefundene Geschmeide entgegenhielt.

Aber die Gefragte würdigte ihn keines Blicks; schweigend und finster,

wie er sie damals im Coupé gesehen, starrte sie vor sich nieder, und nur

die rechte Hand hielt sie krampfhaft geballt, die Zähne fest und wild

zusammengebissen und die Augen, die von solchem Liebesreiz strahlen

konnten, sprühten Feuer.

»Haben Sie etwas gefunden?« rief ihm der Commissär entgegen.

»Alles was wir suchen,« erwiederte Hamilton ruhig -- »aber ist denn der

Lohndiener noch nicht vom Telegraphenamt zurück?«

»Eben gekommen. Er wartet im anderen Zimmer auf Sie.«

»Gott sei Dank -- jetzt treffen alle Beweise zusammen,« rief Hamilton

aus. »Ich ersuche Sie indeß, Herr Commissär, diese junge Dame in =sehr=

gute Obhut zu nehmen, denn sie ist mit allen Hunden gehetzt.«

»Haben Sie keine Angst -- wir werden das saubere Pärchen sicher

verwahren.«

»Den =Herrn= kann ich Ihnen vielleicht abnehmen,« lächelte der

Polizeiagent, indem er in das benachbarte Zimmer trat und dort die für

ihn eingetroffene Depesche in Empfang nahm. Er erbrach sie und las die

Worte:

»In Islington giebt es keinen Geistlichen Benthouse. -- In ganz London

nicht.

Burton.

Unter Palmen und Buchen. Erster Band. Unter Buchen. Gesammelte Erzählungen. · 第 16 / 18 题