Hamiltons Rückkehr.
Den übrigen Theil des Tages verbrachte James Burton in einer
unbeschreiblichen Unruhe, denn immer und immer war es ihm, als wenn
er bei seiner jungen Schutzbefohlenen nachfragen müsse, ob ihr
nichts fehle, ob sie nicht noch irgend einen Wunsch habe, den er
ihr befriedigen könne, und ordentlich mit Gewalt mußte er sich davon
zurückhalten, sie nicht weiter zu belästigen.
Am allerliebsten hätte er auch in der Stadt eine Unmasse von Sachen für
sie eingekauft, um sie zu zerstreuen oder ihr eine Freude zu machen.
Aber das ging doch unmöglich an, denn das hätte jedenfalls ihr
Zartgefühl verletzt -- er durfte es nicht wagen. Eine ordentliche
Beruhigung gewährte es ihm aber, zu wissen, daß das arme verlassene
Wesen jetzt jemand habe, gegen den es sich aussprechen konnte, und
er begnügte sich an dem Tage nur einfach damit, die Hälfte der Zeit
vollkommen nutzlose Fensterpromenade zu machen, denn es ließ sich dort
niemand blicken, und die andere Hälfte unten im Haus und auf der Treppe
auf und ab zu laufen, um wenigstens ihre Thür anzusehen.
Wenn er es sich auch noch nicht gestehen wollte, so war er doch bis über
die Ohren in seine reizende Landsmännin verliebt.
Am nächsten Morgen war er allerdings zu früher Stunde wieder auf, aber
erst um zwölf Uhr wagte er es, sich zu erkundigen, wie Miß Benthouse
geschlafen hätte.
Sie empfing ihn mit einem freundlichen Lächeln, aber -- sie sah nicht
so wohl aus wie gestern. Ihre Wangen waren bleicher, ihre Augen zeigten,
wenn auch nur leicht schattirte Ringe -- sie schien auch zerstreut und
unruhig und Burton, voller Zartgefühl, glaubte darin nur eine Andeutung
zu finden, daß sie allein zu sein wünsche und empfahl sich bald wieder.
Vorher aber frug sie ihn noch, ob er keine Nachricht von Mr. Hamilton
erhalten habe, was er verneinen mußte.
Jetzt aber, mit der Furcht, daß sie erkranken könne -- und nach all den
letzten furchtbaren Aufregungen schien das wahrlich kein Wunder -- wich
er fast gar nicht mehr von ihrer Schwelle, und der Portier selber, der
eigentlich alles wissen soll, wußte nicht aus dem wunderlichen Fremden
klug zu werden.
Dieser ruhte auch nicht eher, bis er gegen Abend die neue
Gesellschafterin einmal auf dem Gange traf, um sie nach dem Befinden der
jungen Dame zu fragen.
»Sie scheint ungemein aufgeregt,« lautete die Antwort derselben --
»sie hat keinen Augenblick Ruhe, und wohl zehn Mal schon gesucht mich
fortzuschicken, um allein zu sein. Sie ist jedenfalls recht leidend und
ich werde eine unruhige Nacht mit ihr haben.«
»Mein liebes Fräulein,« sagte Burton, dadurch nur noch viel mehr
beunruhigt -- »ich bitte Sie recht dringend, sie nicht einen Augenblick
außer Acht zu lassen. Stoßen Sie sich nicht an das geringe Salär, was
Sie gefordert haben, es wird mir eine Freude sein, Ihnen jede Mühe nach
meinen Kräften zu vergüten.«
»Ich thue ja gern schon von selber, was in meinen Kräften steht,« sagte
das junge Mädchen freundlich -- »die Dame wird gewiß mit mir zufrieden
sein. Verlassen Sie sich auf mich -- ich werde treulich über sie
wachen.«
So verging der Abend und nur noch einmal schickte Miß Benthouse zu Mr.
Burton hinüber, um zu hören, ob er noch keine Nachricht bekommen habe.
Er mußte es wieder verneinen und wäre gern noch einmal zu ihr geeilt,
aber Elisa sagte ihm, daß sich die junge Dame aufs Bett gelegt hätte, um
besser ruhen zu können, und er durfte sie da nicht stören.
Es war zwölf Uhr geworden, und er wollte sich eben zu Bett begeben,
als es an seiner Thür pochte. Er öffnete rasch, denn er fürchtete eine
Botschaft, daß sich Jennys Krankheitszustand verschlimmert hätte, aber
es war nur der Diener des Telegraphenamtes, der ihm -- unter dem Namen,
mit dem er sich in das Fremdenbuch eingetragen -- eine Depesche brachte.
Sie mußte von Hamilton sein.
Er hatte sich nicht geirrt. Sie enthielt die wenigen, aber freilich
gewichtigen Worte, von Ems aus datirt:
»Ich habe ihn -- morgen früh komme ich -- Hamilton.«
»Gott sei Dank,« rief Burton jubelnd aus, »jetzt nehmen die Leiden
dieses armen Mädchens bald ein Ende.«
Am nächsten Morgen ließ er sich schon in aller Frühe erkundigen, wie
Miss Benthouse geschlafen hätte -- sie schlief noch, und Elise kam
selber heraus, um ihm das zu sagen. Gern hätte er sie auch jetzt die
Nachricht wissen lassen, die er noch gestern Nacht durch den Telegraphen
bekommen, aber er fürchtete, das durch eine Fremde zu thun -- er wollte
es ihr lieber selbst sagen, wenn er sie um zwölf Uhr wieder besuchte.
Um die Zeit bis dahin zu vertreiben, frühstückte er unten und las die
Zeitungen.
So war endlich die lang ersehnte Stunde herangerückt, und unzählige Mal
hatte er schon nach der Uhr gesehen. Er war in sein Zimmer gegangen,
um noch vorher Toilette zu machen und wollte eben hinuntergehen, als
es stark an seine Thür pochte, und auf sein lautes »_Walk in_« -- diese
sich öffnete und =Hamilton= auf der Schwelle stand.
»_Well Sir_,« lachte dieser, »_how are you?_«
»Mr. Hamilton,« rief Burton, fast ein wenig bestürzt über die so
plötzliche Erscheinung des Mannes. »Schon wieder zurück? -- das ist
fabelhaft schnell gegangen.«
»So? beim Himmel! Sie machen gerade ein Gesicht, Sir, als ob es Ihnen zu
schnell gegangen wäre,« lächelte Hamilton. »Aber ich habe wirklich Glück
gehabt -- die Einzelheiten erzähle ich Ihnen jedoch später und nur für
jetzt so viel, daß ich ihn in Ems beim Spiel erwischte und ihn dort auch
fest und sicher sitzen habe. Mit Ausnahme von etwa zweitausend Pfund,
die er verreist oder verspielt, oder zum Theil auch wohl hier seiner
Donna zurückgelassen hat, fand sich noch alles Geld glücklich bei ihm,
was jetzt unter Siegel bei den Gerichten deponirt ist -- Apropos -- die
Dame haben Sie doch noch hier?«
»Allerdings,« sagte Burton etwas verlegen, »aber Mr. Hamilton, mit der
Dame --«
»Machen wir natürlich keine Umstände,« unterbrach ihn Hamilton
gleichgültig, »und schaffen sie einfach nach England zurück. Dort mögen
die Gerichte dann das saubere Pärchen confrontiren. Mr. Burton, ich gebe
Ihnen mein Wort, ich wäre meines Lebens nie wieder froh geworden, wenn
ich diesen Hauptlump, diesen Kornik nicht erwischt hätte. Haben Sie denn
indessen bei der Person hier etwas gefunden, und hat sie nicht auch etwa
Lust gezeigt, durchzubrennen?«
»Mein lieber Mr. Hamilton,« sagte Burton jetzt noch verlegener als
vorher -- »ich habe -- während Sie abwesend waren, eine Entdeckung
anderer Art gemacht, die als ziemlich sicher feststellt, daß die --
junge Dame an der ganzen Sache vollkommen unschuldig ist.«
»Sie befindet sich doch noch hier im Hotel und in Nr. 7?« frug Hamilton
rasch und fast wie erschreckt.
»Allerdings,« bestätigte Burton, »aber nicht als Gefangene. Miss Jenny
Benthouse ist die Tochter eines englischen Geistlichen -- ihr Vater
wohnt in Islington -- sie wurde von jenem Burschen unter seinem falschen
Namen und unzähligen Lügen entführt, und ich -- werde sie jetzt ihren
Eltern zurückgeben.«
»So?« sagte Hamilton, der dem kurzen Bericht aufmerksam zugehört hatte,
während es aber wie ein verstecktes Lächeln um seine Lippen zuckte --
»aber bitte entschuldigen Sie einen Augenblick, ich bin gleich wieder
bei Ihnen. Apropos, Sie haben so vollständige Toilette gemacht. Wollten
Sie ausgehen?«
»Nein -- auf keinen Fall eher wenigstens, als bis wir uns über diesen
Punkt verständigt haben.«
»Gut, dann bin ich gleich wieder da« -- und mit den Worten glitt er zur
Thür hinaus und unten in den Thorweg, wo ein Paar Lohndiener standen.
»Sind Sie beschäftigt?« redete er den einen an.
»Ich stehe vollkommen zu Befehl.«
»Schön -- dann haben Sie die Güte und bleiben Sie bis auf weiteres in
der ersten Etage, wo Sie Nr. 7 und 6 scharf im Auge behalten. Sollte
dort eine Dame =ausgehen= wollen -- Sie verstehen mich -- so rufen Sie
mich, so rasch Sie möglicher Weise können, von Nr. 26 ab. Sie haben doch
begriffen, was ich von Ihnen verlange?«
»Vollkommen.«
»Gut -- es soll Ihr Schade nicht sein -- der Portier unten braucht
übrigens nichts davon zu wissen -- und indessen schicken Sie mir einmal
einen Kellner mit einer Flasche Sherry und zwei Gläsern und einigen
guten Cigarren auf Nr. 26.«
Mit den Worten stieg er selber wieder die Treppe hinauf, horchte einen
Augenblick an Nr. 7, wo er zu seinem Erstaunen Stimmen vernahm, und
kehrte dann zu Mr. Burton zurück, der mit untergeschlagenen Armen, und
offenbar sehr aufgeregt, in seinem Zimmer auf und ab ging.
»Unsere junge Dame da unten scheint Besuch zu haben,« sagte er -- »ich
hörte wenigstens eben Stimmen in ihrem Zimmer.«
»Bitte, setzen Sie sich, Mr. Hamilton,« bat ihn James Burton, »wir
müssen über diese Sache, die das höchste Zartgefühl erfordert, erst ins
Klare kommen, nachher ist alles andere, was wir zu thun haben,
Kleinigkeit.«
»Sehr gut,« sagte Hamilton -- »ah, da kommt auch schon der Wein. Bitte,
setzen Sie nur dorthin. Mr. Burton, Sie müssen mich entschuldigen, aber
ich habe unterwegs solch nichtswürdiges Zeug von Cigarren bekommen, daß
ich eine ordentliche Sehnsucht nach einem guten Blatt fühle -- nehmen
Sie nicht auch eine? -- und ein Glas Wein thut mir ebenfalls Noth, denn
ich habe die ganze Nacht keine drei Stunden geschlafen und überhaupt
eine abscheuliche Tour gehabt.«
»Und wie erwischten Sie diesen Kornik?«
»Das alles nachher -- jetzt bitte erzählen Sie mir einmal vor allen
Dingen, welche wichtige Entdeckung Sie hier indeß gemacht haben,« und
mit den Worten setzte er sich bequem in einem der Fauteuils zurecht,
zündete seine Cigarre an und sippte an seinem Wein.
Mr. Burton nahm ebenfalls eine Cigarre und es war fast, als ob er nicht
recht wisse, wie er eigentlich beginnen solle. Aber der Beamte =mußte=
alles erfahren, er =durfte= ihm nichts verschweigen, schon Jennys
wegen, und nach einigem Zögern erzählte er jetzt dem Agenten die ganzen
Umstände seines Zusammentreffens mit der jungen Dame, und gerieth
zuletzt dabei so in Feuer, daß er selbst die kleinsten Umstände mit
einer Lebendigkeit und Wahrheit wiedergab, die er sich selber gar nicht
zugetraut hätte.
Hamilton unterbrach ihn mit keinem Wort. Nur den Namen von Jennys Vater
ließ er sich genau angeben und notirte ihn, und während James
Burton weiter sprach, nahm er Dinte und Feder, schrieb etwas in sein
Taschenbuch und riß das Blatt dann heraus. Auf demselben stand nichts
weiter als eine telegraphische Depesche, die also lautete:
Burton und Burton, London. Existirt in Islington Reverend Benthouse --
religiöser Schriftsteller -- ist ihm kürzlich eine Tochter entführt --
Antwort gleich. Hamilton.
Mr. Burton dann um Entschuldigung bittend, daß er ihn einen Augenblick
unterbreche, stand er auf und verließ das Zimmer. Am Treppengeländer
rief er den Lohndiener an.
»Geben Sie diese Depesche an den Portier zur augenblicklichen Besorgung
auf das Telegraphenamt. Hier ist der Betrag dafür und das für den Boten.
Nichts bemerkt bis jetzt?«
»Nicht das Geringste.«
»Gut -- =Sie= bleiben auf Ihrem Posten.«
Als er in das Zimmer zu Mr. Burton zurückgekommen war, nahm er seinen
alten Platz wieder ein und ließ seinen Gefährten ruhig auserzählen,
ohne ihn auch nur mit einem Wort darin zu stören. Erst als er vollkommen
geendet hatte und der junge Mann ihn mit sichtlicher Erregung ansah, um
sein Urtheil über die Sache zu hören, sagte er ruhig:
»Und wissen Sie nun, _my dear Sir_, welches der gescheuteste Streich
war, den Sie in der ganzen Zeit meiner Abwesenheit gemacht haben?«
»Nun?« frug Burton gespannt.
»Daß Sie der jungen Dame eine Gesellschafterin gegeben haben.«
»Ich durfte sie nicht so lange allein und ohne weibliche Begleitung
lassen,« rief Burton rasch.
»Nein,« sagte Hamilton, und ein eigenes spöttisches Lächeln zuckte
um seine Lippen -- »sie wäre Ihnen sonst schon am ersten Tage
durchgebrannt, gerade wie ihr Begleiter mir.«
»Mr. Hamilton --«
»Mr. Burton,« sagte Hamilton ernst, »zürnen Sie mir nicht, wenn ich vom
Leben andere Anschauungen habe als Sie, glauben Sie einem Manne, der
in diesen Fach mehr Erfahrungen gesammelt hat, als Sie vielleicht für
möglich halten. Danken Sie aber auch Gott, daß ich gerade Ihnen
jetzt zur Seite stehe, denn Sie wären sonst von einer erzkoketten und
durchtriebenen Schwindlerin überlistet worden und hätten nachher, außer
dem Schaden, auch für den Spott nicht zu sorgen gebraucht.«
»Mr. Hamilton,« sagte Burton gereizt, »Sie mißbrauchen Ihre Stellung
gegen mich, wenn Sie unehrbietig von einer Dame sprechen, die
gegenwärtig unter =meinem= Schutze steht.«
»Mein lieber Mr. Burton,« sagte Hamilton vollkommen ruhig -- »lassen Sie
uns vor allen Dingen die Sache kaltblütig besprechen, denn die Polizei
darf, wie Sie mir zugestehen werden, keine Gefühlspolitik treiben.«
»Die Polizei ist gewohnt,« sagte Burton, »in jedem Menschen einen
Verbrecher zu suchen.«
»Bis er uns nicht wenigstens das Gegentheil beweisen kann,« lächelte
Hamilton -- »aber jetzt lassen Sie mich auch einmal reden, denn Sie
werden mir zugeben, daß ich =Ihrem= Bericht ebenfalls mit der größten
Aufmerksamkeit gefolgt bin.«
»So reden Sie, aber hoffen Sie nicht --«
»Bitte verschwören Sie nichts, bis Sie mich nicht gehört haben.« Und
ohne seines Begleiters Unmuth auch nur im Geringsten zu beachten,
erzählte er ihm jetzt seine Verfolgung des flüchtigen Verbrechers,
sein Auffinden desselben und dessen Gefangennahme. Er setzte hinzu,
daß Kornik, nachdem man die bedeutende Summe von Banknoten und andere
hinreichende Beweise für seine Schuld bei ihm gefunden, völlig gebrochen
gewesen war und alles gestanden hatte. Ebenso sagte er aus, daß er mit
einer jungen Dame, Lucy Fallow, von London geflüchtet sei, obgleich er
von dem Raub des Brillantschmucks nichts wissen wollte.
»Und legen Sie den geringsten Werth auf das Zeugniß eines solchen
Schurken?« frug Burton heftig.
»Was die Aussage über den Brillantschmuck betrifft, nein,« erwiederte
ruhig der Polizeimann, »denn ich bin fest davon überzeugt, =daß= er
darum gewußt hat, und erwartete sogar, denselben bei ihm zu finden. Er
fand sich aber auch nicht einmal in der Reisetasche, die der Herr, wie
sich später auswies, beim Portier des Kurhauses deponirt hatte. Die Dame
hat ihn also noch jedenfalls in Besitz.«
»Aber ich habe Ihnen ja schon dreimal gesagt, daß ich nicht allein
=ihren= Koffer, sondern auch den dieses Kornik bis auf den Boden
durchwühlt habe und nicht das geringste Schmuckähnliche hat sich
gefunden, als eine Korallenschnur mit einem kleinen Kreuz daran -- ein
Andenken ihrer verstorbenen Mutter.«
Hamilton pfiff leise und ganz wie in Gedanken durch die Zähne.
»Mein bester Mr. Burton,« sagte er dann, »auf Ihr Durchsuchen der
Koffer, in Gegenwart jener Sirene, gebe ich auch keinen rothen
Pfifferling -- ich werde das Ding selber besorgen.«
»Und ich erkläre ihnen, Mr. Hamilton,« sagte Burton mit finster
zusammengezogenen Brauen, »daß Sie das =nicht= thun werden. Sie haben
Ihren Auftrag erfüllt; der Verbrecher ist geständig in Ihren Händen, und
meine Gegenwart dabei nicht länger nöthig, so werde ich denn, noch heut
Nachmittag, in Begleitung der jungen Dame, die Rückreise nach England
antreten.«
»Mit der Vollmacht für ihre Verhaftung in der Tasche,« lächelte
Hamilton.
»Diese Vollmachten,« rief Burton leidenschaftlich, indem er die beiden
Papiere aus der Tasche nahm, in Stücke riß, und vor Hamilton niederwarf,
»sind auf eine =Verbrecherin= ausgestellt, nicht auf Miss Benthouse. Da
haben Sie die Fetzen und jetzt stehe ich frei und unabhängig hier und
will sehen, wer es wagen wird die junge Dame zu beleidigen.«
Hamilton erwiederte kein Wort. Schweigend erhob er sich, las die auf
den Boden geworfenen Stücke auf, legte sie in ein Packet zusammen und
steckte sie in seine Tasche.
»Ist das Ihr letztes Wort, Mr. Burton?« sagte er endlich, indem er vor
dem jungen Manne stehen blieb -- »wollen Sie sich nicht erst einmal
die Sache eine =Nacht= ruhig überlegen? Bedenken Sie, in welche höchst
fatale Lage Sie nur Ihrem Vater gegenüber kämen, -- von Lady Clive
und den englischen Gerichten gar nicht zu reden -- wenn es sich später
=doch= herausstellen sollte, daß Sie sich geirrt haben.«
»Es ist mein letztes Wort,« sagte der junge Mann bestimmt; »denn ich muß
meine Schutzbefohlene diesem schmähligen Verdacht entziehen, der auf ihr
lastet. Um 4 Uhr 20 geht der Schnellzug nach Köln ab; diesen werde
ich benutzen, und es versteht sich von selbst, daß ich auch jede
Verantwortung für diesen Schritt einzig und allein trage.«
Hamilton war aufgestanden und ging mit raschen Schritten in dem kleinen
Gemach auf und ab. Endlich sagte er ruhig:
»Sie wissen doch, Mr. Burton, welchen =Doppel=auftrag =ich= von London
mit bekommen habe und wie ich, wenn ich danach handle, nur meine Pflicht
thue.«
»Das weiß ich, Mr. Hamilton,« sagte Burton, durch den viel milderen Ton
des Polizeimannes auch rasch wieder versöhnend gestimmt, »und ich gebe
Ihnen mein Wort, daß ich Ihnen deshalb keinen Groll nachtragen werde.
Aber auch mir müssen Sie dafür zugestehen, daß ich -- wo mir keine
Pflicht weiter obliegt -- mein Herz sprechen lasse.«
»Es ist ein ganz verzweifeltes Ding, wenn das Herz mit dem Verstande
durchgeht« -- sagte Hamilton trocken.
»Haben Sie keine Furcht, daß das bei mir geschieht.«
»So erfüllen Sie mir wenigstens die Bitte,« wandte sich Hamilton noch
einmal an den jungen Mann, »den ersten Schnellzug nicht zu benutzen und
den Abend abzuwarten. Ich habe vorhin nach London telegraphirt -- warten
Sie erst die Antwort ab, Mr. Burton; es ist auch Ihres eigenen Selbst
wegen, daß ich Sie darum ersuche.«
»Ich bin alt genug, Mr. Hamilton,« lächelte James Burton, »auf mein
eigenes Selbst vollkommen gut Acht zu geben. Es thut mir leid, Ihren
Wunsch nicht erfüllen zu können, denn mir brennt der Boden hier unter
den Füßen. Um 4 Uhr 20 fahre ich und werde dann daheim meinem Vater
Bericht abstatten, mit welchem Eifer und günstigem Erfolg Sie hier
unsere Sache betrieben haben. In London hoffe ich Sie jedenfalls
wiederzusehen.«
Es lag eine so kalte, abweisende Höflichkeit in dem Ton, daß Hamilton
die Meinung der Worte nicht falsch verstehen konnte: Mr. Burton wünschte
allein zu sein und Hamilton sagte, ihn freundlich grüßend:
»Also auf Wiedersehen, Mr. Burton,« und verließ dann, ohne ein Wort
weiter, das Zimmer.