VII.

Die gerettete Unschuld.

Mr. Burton befand sich an dem Morgen in einer fast fieberhaften

Aufregung, denn wie er schon lange jeden Glauben an die Mitschuld des

armen -- oh so wunderbar schönen Weibes abgeschüttelt hatte, gingen ihm

andere Pläne wild und wirr durch den Kopf. Immer aufs neue malte er sich

den Augenblick aus, wo er sie in seinem Arm gehalten, wo seine Lippen

zum ersten Mal in Angst und Liebe die ihrigen berührt, und nur der

Gedanke quälte ihn noch, in welchem Verhältniß sie zu dem unwürdigen

Menschen gestanden haben, wie sie mit ihm bekannt werden konnte. Hatte

er sie unter seinem falschen Namen getäuscht? -- ihrer Familie heimlich

vielleicht entführt? -- alle ihre Klagen schienen darauf hinzudeuten,

wie verworfen mußte er dann -- wie elend sie, die arme Unschuldige,

Verrathene sein? und war es da nicht seine Pflicht, -- wo er wenn auch

selber unschuldiger Weise, all diesen Jammer über sie gebracht -- ihr

auch wieder zu helfen so gut er konnte? Er schien fest entschlossen,

und von dem Augenblick an fühlte er sich auch wieder ruhiger und

zufriedener.

James Burton, kaum zum Mannesalter herangereift, war ein seelensguter

Mensch mit weichem, für alles Gute und Schöne leicht empfänglichem

Herzen. Er hatte dabei -- in den glücklichsten und unabhängigsten

Verhältnissen erzogen -- noch nie Gelegenheit bekommen, den Täuschungen

und Wiederwärtigkeiten des Lebens zu begegnen. Weil er selber gut und

ohne Falsch war, hielt er alle Menschen für eben so rechtlich und brav,

und selbst an Korniks Schuld hatte er so lange nicht glauben mögen, bis

auch der letzte Zweifel zur Unmöglichkeit wurde. Wie leicht vertraute

er da diesen lieben treuen Augen -- wie glücklich fühlte er sich selbst,

daß es =ihm= verstattet gewesen, jenem holden Wesen den Schmerz und die

furchtbare Seelenqual erspart zu haben, von dem zwar geschickten und

tüchtigen, aber auch vollkommen rücksichtslosen Polizeimann examinirt zu

werden. Er schämte sich jetzt fast vor sich selber, daß er ihr auch nur

verstattet hatte, ihren Koffer auszupacken -- wie niedrig mußte sie

von ihm denken! -- aber er war ja auch gar nicht im Stande gewesen, sie

daran zu verhindern, so leidenschaftlich erregt zeigte sie sich nur bei

der Möglichkeit eines Verdachts. Aber natürlich -- wenn er =sich= in

=ihre= Stelle dachte, würde er genau so gehandelt haben.

Die Stunde, die sie erbeten hatte, um sich nur von den ersten

furchtbaren Eindrücken der über sie hereingebrochenen Catastrophe

zu sammeln, verging ihm in diesen Gedanken rascher, als er es selbst

geglaubt. Gewissenhaft aber bis zur letzten Minute ausharrend, stieg

er dann wieder zu ihr hinab, klopfte leise an, und sah sich dem

zauberischen Wesen noch einmal gegenüber.

Zeit zum Aufräumen schien sie allerdings noch nicht gefunden zu haben,

denn die umhergestreuten Sachen der beiden Koffer lagen noch immer

so wild und wirr durch einander, wie er sie verlassen hatte. Aber wer

mochte ihr das verdenken? Auch in ihrem leichten, reizenden Morgenanzug

war sie noch; -- wenn unsere Seele zerrissen ist, wie können wir da an

den Körper denken?

Trotzdem schien sie sich gesammelt zu haben. Sie sah etwas bleich aus,

aber sie war ruhiger geworden, und dem Eintretenden lächelnd die Hand

entgegenstreckend, sagte sie herzlich:

»Oh wie danke ich Ihnen, daß Sie, um den ich es wahrlich nicht verdient

habe, mir diese zarte Rücksicht gezeigt. In dem Gedanken fand ich auch

allein meinen Trost, daß Gott mich doch noch nicht verlassen haben

könnte, da er =Sie= mir zugeführt.«

»Verehrte -- =liebe= Frau,« sagte Burton bewegt, »sein Sie unbesorgt.

Wenn auch in einem fremden Lande, steht Ihnen doch jetzt ein Landsmann

zur Seite, und ich habe mir nur erlaubt, Sie jetzt noch einmal zu

stören, um mit Ihnen gemeinschaftlich zu berathen, welche Schritte wir

am besten thun können, um -- das Geschehene gerade nicht ungeschehen zu

machen, das ist nicht möglich, aber Sie doch jedenfalls aus einer Lage

zu befreien, die Ihrer unwürdig ist. Um mir das zu erleichtern, muß ich

Sie aber bitten, mir Ihr =volles= Vertrauen zu schenken. Nur dann bin

ich im Stande die Maßregeln zu ergreifen, die für Sie die zweckmäßigsten

sein würden. Daß es dabei nicht an meinem guten Willen fehlt, davon

können Sie sich versichert halten.«

»Mein =volles= Vertrauen soll Ihnen werden,« sagte die junge Frau,

leicht erröthend -- »aber bitte, setzen Sie sich zu mir, Sie sollen

alles erfahren -- und nun,« fuhr sie fort, während sich Burton neben ihr

auf dem Canapé niederließ, indem sie ihre Hand auf seinen Arm legte --

»erzählen Sie mir vorher ausführlich, wie Sie dem Verbrecher auf die

Spur gekommen sind, und welche Hoffnung Sie jetzt haben, ihn seiner

Strafe zu überliefern. Es ist das Einzige jetzt, worauf ich hoffen kann,

daß sein Geständniß Ihnen beweisen muß, wie doppelt nichtswürdig er an

mir selber dabei gehandelt.«

»Aber, verehrte Frau,« sagte Burton etwas verlegen -- »schon vorher

theilte ich Ihnen alles mit, und der Eindruck, den die traurige

Erzählung auf Sie machte --«

»Vorher,« sagte die junge Frau -- »und in der entsetzlichen Aufregung,

in der ich mich befand, tönten die Worte nur wie Donnerschläge an mein

Ohr -- ich begriff wohl ihre Furchtbarkeit, aber nicht ihren Sinn und

vieles ist mir dabei unklar geblieben -- besonders, welche Spur Sie

=jetzt= von dem Verbrecher haben, daß Sie hoffen können ihn einzuholen,

und wer der Herr ist, der ihn verfolgt.«

Der Bitte, während =diese= Augen so treu und vertrauend in die seinen

schauten, konnte Burton nicht wiederstehen. Es war ihm dabei sogar

Bedürfniß geworden, sich -- ihr gegenüber -- seines bisherigen eigenen

Verhaltens wegen zu rechtfertigen, wobei er hervorhob, daß er mit der

Verfolgung der Dame eigentlich gar nichts zu thun und Lady Clive im

Leben nicht gesprochen habe, noch persönlich kenne. Auch von dem

Schmuck selber wußte er nichts, als was ihm Hamilton darüber beiläufig

mitgetheilt.

»Und jetzt?« frug die junge Dame weiter, die der Erzählung mit der

gespanntesten Aufmerksamkeit gefolgt war -- »wo jener Betrüger -- dem

Gott verzeihen möge, was er an mir gethan, und wie er mich =doppelt=

verrathen hat -- wo jener Betrüger geflohen ist, haben Sie noch

Hoffnung, ihn wieder zu ereilen?«

»Allerdings,« sagte Burton -- »Mr. Hamilton, mein Begleiter, ist einer

der schlauesten und gewandtesten Detectivs Englands. Er spricht drei

oder vier verschiedene fremde Sprachen, und hat schon daheim die

scheinbar unmöglichsten Dinge ausgeführt. Dieser Kornik hatte außerdem

viel zu kurzen Vorsprung, um mich nicht fest glauben zu machen, daß ihn

Hamilton ereilt, da er noch dazu die unbegreifliche Unvorsichtigkeit

beging, von hier mit Extrapost zu fliehen. Wir finden das aber so oft im

Leben, daß schlechte Menschen irgend ein Verbrechen mit der größten

und raffinirtesten Schlauheit ausführen, und jede Kleinigkeit, jeden

möglichen Zufall dabei berücksichtigen, und nachher, wenn ihnen

alles nach Wunsch geglückt, sich selber auf die plumpste Weise dabei

verrathen.«

»Aber ehe er ihn eingeholt hat, kehrt er nicht hierher zurück?«

»Ich glaube kaum,« sagte Mr. Burton, »doch fehlt mir darüber jede

Gewißheit. Er wird mir unter allen Umständen in der nächsten Zeit schon

telegraphiren, denn ich habe ihm versprechen müssen, hier zu bleiben,

bis er zurückkehrt.«

»Und glauben Sie, daß er den Verbrecher, wenn er ihn einholen sollte --

mit hierher bringt?«

»Ich zweifle kaum -- aber auch darüber bin ich nicht im Stande, Ihnen

eine bestimmte Auskunft zu geben. Nur davon dürfen wir überzeugt sein,

daß Mr. Hamilton alles in der praktischsten Weise ausführen wird, denn

er versteht sein Fach aus dem Grunde. =Hat= er die Spur gefunden, so ist

Mr. Kornik auch verloren.«

Es schien fast, als ob die junge Dame um einen Schatten bleicher wurde

-- und wer konnte es ihr verdenken, daß ihr die Erinnerung an den Mann,

der sie so furchtbar hintergangen, entsetzlich war? Endlich sagte sie

leise:

»Wenn sich das alles bestätigt, was Sie mir erzählt, verehrter Herr --

und ich kann kaum mehr daran zweifeln, dann =verdient= er die Strafe,

die ihn erreichen wird, im vollem Maße. Aber wie er auch =Ihr= Haus

betrogen und hintergangen haben mag, es ist nichts im Vergleich mit dem,

was er an mir und meinem zukünftigen Leben verbrochen.«

»Aber wie konnte er Sie so lange täuschen?« frug Burton und erröthete

dabei fast selber über die Frage.

»Du lieber Gott,« seufzte die Unglückliche -- »was weiß ein armes

unerfahrenes Mädchen von der Welt? Er kam in meiner Eltern Haus, in das

ihn zuerst mein Bruder eingeführt -- es mögen jetzt zwei Monate sein --

und sein offenes, heiteres Wesen gewann ihm mein Herz -- sein angemaßter

Rang schmeichelte meiner Eitelkeit. Er erzählte mir dabei von seinen

Gütern in Polen, und wie glücklich -- wie selig ihn mein Besitz machen

würde, und ich -- war schwach genug, es ihm zu glauben. Aber mein Vater

verweigerte seine Einwilligung. Er kannte die Menschen besser, als

seine thörichte Jenny. Er verlangte von Kornikoff den Ausweis eines

hinreichenden Vermögens sowohl, wie die Erlaubniß seiner eigenen Eltern

zu unserer Verbindung, und dieser, ungeduldig und stürmisch, drang in

mich, mit ihm zu fliehen.«

Jenny barg beschämt ihr Antlitz in ihren Händen und James Burton hörte

der Erzählung mit einiger Verlegenheit schweigend zu. Er hätte das

liebliche Wesen so gern getröstet, aber es fielen ihm in diesem

Augenblick um die Welt keine passenden Worte dafür ein und es entstand

dadurch eine kurze peinliche Pause. Endlich fuhr die junge Frau, aber

jetzt tief erröthend, fort:

»Schon unterwegs fing ich an, an dem Charakter meines Bräutigams zu

zweifeln. Wir entkamen glücklich auf einem Dampfer, der nach Hamburg

bestimmt war, und er hatte mir versprochen, daß jenes Fahrzeug in

Helgoland anlegen würde, wo wir uns trauen lassen könnten -- aber es

legte nicht an, und in Hamburg, wo er ausging, um einen Geistlichen zu

suchen, wie er sagte, kehrte er ebenfalls unverrichteter Sache zurück,

versicherte mich aber, er habe bestimmt gehört, daß wir hier in

Frankfurt -- einer freien deutschen Stadt -- unser Ziel leicht erreichen

könnten. Ich folgte ihm auch hierher -- immer noch als Braut -- nicht

als Gattin« -- setzte sie mit leiser, kaum hörbarer Stimme hinzu -- »und

ich danke jetzt Gott, daß ich standhaft blieb und meinem guten Engel

mehr folgte als jenem Teufel.«

Es wäre unmöglich, die Gefühle zu schildern, die James Burtons Seele

bei dieser einfachen und doch so ergreifenden Erzählung bestürmten;

sein Herz schlug hörbar in der Brust, und fast seiner selbst unbewußt,

ergriff er mit zitterndem Arm die Hand seiner Nachbarin, die sie ihm

willenlos überließ.

»Gott sei Dank,« flüsterte er endlich mit bewegter Stimme -- »so brauche

ich mir auch länger keine Vorwürfe zu machen, denn unser Erscheinen hier

war ja dann nur zu Ihrem Heil.«

»=Ihnen= verdanke ich meine Rettung,« sagte da Jenny herzlich, und

wie sie sich halb dabei zu ihm überbog, umfaßte er mit seinem Arm die

bebende Gestalt des Mädchens. Aber nicht einmal auf ihre Stirn wagte er

einen Kuß zu drücken, aus Furcht sie zu beleidigen, und sich gewaltsam

aufrichtend, rief er leidenschaftlich bewegt aus:

»Dann ist auch noch alles, alles gut. Trocknen Sie Ihre Thränen, mein

liebes, liebes Fräulein -- die Versöhnung mit Ihren Eltern übernehme ich

-- übernimmt mein Vater, Sie kehren zu ihnen zurück und die Erinnerung

an das Vergangene soll eine fröhliche Zukunft Sie vergessen machen.«

»Und auch Sie wollen nach England zurück?« frug rasch die junge Fremde.

»Gewiß,« rief Burton -- »sobald ich nur Nachricht von Hamilton habe.

Aber noch heute schreibe ich nach Haus -- wie heißen Ihre Eltern, mein

bestes Fräulein -- was ist Ihr Vater? Halten Sie diese Fragen nicht für

bloße Neugierde; es giebt keinen Menschen auf der Welt, der jetzt ein

innigeres Interesse an Ihnen nähme, als ich selber.«

»Mein Vater,« sagte Jenny leise, »ist Geistlicher, der Reverend

Benthouse in Islington. Vielleicht ist Ihnen der Name bekannt. Er hat

viel geschrieben.«

»Das nicht,« sagte Hamilton erröthend, »denn ich muß leider zu meiner

Schande bekennen, daß ich mich bis jetzt, und in jugendlichem Leichtsinn

weniger mit einer religiösen Lectüre befaßt habe, als ich vielleicht

gesollt -- aber erlauben Sie, daß ich mir den Namen notire -- und

jetzt,« sagte er, als er sein Taschenbuch wieder einsteckte, »verlasse

ich Sie. Wir dürfen den müßigen Leuten hier im Hotel Nichts zu reden

geben -- schon Ihrer selbst wegen, aber Sie sollen von nun an auch nicht

mehr allein sein. Ich werde augenblicklich ein Kammermädchen für Sie

engagiren, die Ihnen zugleich Gesellschaft leisten kann. Junge

Mädchen, der englischen Sprache mächtig, sind gewiß genug in Frankfurt

aufzutreiben; der Wirth kann mir da jedenfalls Auskunft geben. Keine

Widerrede, Miß,« setzte er lächelnd hinzu, als sie sich -- wie es schien

mit dem Plan nicht ganz einverstanden zeigte -- »Sie stehen von nun

an, bis ich Sie Ihren Eltern wieder zurückführen kann, unter =meinem=

Schutz, und da müssen Sie sich schon eine kleine Tyrannei gefallen

lassen.«

»Aber wie kann ich Ihnen das, was Sie jetzt an mir thun, nur je im Leben

wieder danken,« sagte das junge Mädchen gerührt -- »womit habe ich das

alles verdient?«

»Durch Ihr Unglück,« erwiederte Burton herzlich, indem er ihre Hand an

seine Lippen hob, und wenige Minuten später fand er sich schon unten mit

dem Wirth in eifrigem Gespräch, um eine passende und anständige Person

herbeizuschaffen.

Das ging auch in der That weit rascher, als er selber vermuthet hatte.

Ganz unmittelbar in der Nähe des Hotels wohnte ein junges Mädchen, die

schon einige Jahre in England zugebracht und -- wenn sie sich auch nicht

auf längere Zeit binden konnte, doch gern erbötig war, die Stelle einer

Gesellschafterin für kurze Zeit zu übernehmen. Mr. Burton führte

sie selber der jungen Dame zu, und Elisa zeigte sich als ein so

liebenswürdiges, einfaches Wesen, daß ein Zurückweisen derselben zur

Unmöglichkeit wurde.

Unter Palmen und Buchen. Erster Band. Unter Buchen. Gesammelte Erzählungen. · 第 14 / 18 题