Die gerettete Unschuld.
Mr. Burton befand sich an dem Morgen in einer fast fieberhaften
Aufregung, denn wie er schon lange jeden Glauben an die Mitschuld des
armen -- oh so wunderbar schönen Weibes abgeschüttelt hatte, gingen ihm
andere Pläne wild und wirr durch den Kopf. Immer aufs neue malte er sich
den Augenblick aus, wo er sie in seinem Arm gehalten, wo seine Lippen
zum ersten Mal in Angst und Liebe die ihrigen berührt, und nur der
Gedanke quälte ihn noch, in welchem Verhältniß sie zu dem unwürdigen
Menschen gestanden haben, wie sie mit ihm bekannt werden konnte. Hatte
er sie unter seinem falschen Namen getäuscht? -- ihrer Familie heimlich
vielleicht entführt? -- alle ihre Klagen schienen darauf hinzudeuten,
wie verworfen mußte er dann -- wie elend sie, die arme Unschuldige,
Verrathene sein? und war es da nicht seine Pflicht, -- wo er wenn auch
selber unschuldiger Weise, all diesen Jammer über sie gebracht -- ihr
auch wieder zu helfen so gut er konnte? Er schien fest entschlossen,
und von dem Augenblick an fühlte er sich auch wieder ruhiger und
zufriedener.
James Burton, kaum zum Mannesalter herangereift, war ein seelensguter
Mensch mit weichem, für alles Gute und Schöne leicht empfänglichem
Herzen. Er hatte dabei -- in den glücklichsten und unabhängigsten
Verhältnissen erzogen -- noch nie Gelegenheit bekommen, den Täuschungen
und Wiederwärtigkeiten des Lebens zu begegnen. Weil er selber gut und
ohne Falsch war, hielt er alle Menschen für eben so rechtlich und brav,
und selbst an Korniks Schuld hatte er so lange nicht glauben mögen, bis
auch der letzte Zweifel zur Unmöglichkeit wurde. Wie leicht vertraute
er da diesen lieben treuen Augen -- wie glücklich fühlte er sich selbst,
daß es =ihm= verstattet gewesen, jenem holden Wesen den Schmerz und die
furchtbare Seelenqual erspart zu haben, von dem zwar geschickten und
tüchtigen, aber auch vollkommen rücksichtslosen Polizeimann examinirt zu
werden. Er schämte sich jetzt fast vor sich selber, daß er ihr auch nur
verstattet hatte, ihren Koffer auszupacken -- wie niedrig mußte sie
von ihm denken! -- aber er war ja auch gar nicht im Stande gewesen, sie
daran zu verhindern, so leidenschaftlich erregt zeigte sie sich nur bei
der Möglichkeit eines Verdachts. Aber natürlich -- wenn er =sich= in
=ihre= Stelle dachte, würde er genau so gehandelt haben.
Die Stunde, die sie erbeten hatte, um sich nur von den ersten
furchtbaren Eindrücken der über sie hereingebrochenen Catastrophe
zu sammeln, verging ihm in diesen Gedanken rascher, als er es selbst
geglaubt. Gewissenhaft aber bis zur letzten Minute ausharrend, stieg
er dann wieder zu ihr hinab, klopfte leise an, und sah sich dem
zauberischen Wesen noch einmal gegenüber.
Zeit zum Aufräumen schien sie allerdings noch nicht gefunden zu haben,
denn die umhergestreuten Sachen der beiden Koffer lagen noch immer
so wild und wirr durch einander, wie er sie verlassen hatte. Aber wer
mochte ihr das verdenken? Auch in ihrem leichten, reizenden Morgenanzug
war sie noch; -- wenn unsere Seele zerrissen ist, wie können wir da an
den Körper denken?
Trotzdem schien sie sich gesammelt zu haben. Sie sah etwas bleich aus,
aber sie war ruhiger geworden, und dem Eintretenden lächelnd die Hand
entgegenstreckend, sagte sie herzlich:
»Oh wie danke ich Ihnen, daß Sie, um den ich es wahrlich nicht verdient
habe, mir diese zarte Rücksicht gezeigt. In dem Gedanken fand ich auch
allein meinen Trost, daß Gott mich doch noch nicht verlassen haben
könnte, da er =Sie= mir zugeführt.«
»Verehrte -- =liebe= Frau,« sagte Burton bewegt, »sein Sie unbesorgt.
Wenn auch in einem fremden Lande, steht Ihnen doch jetzt ein Landsmann
zur Seite, und ich habe mir nur erlaubt, Sie jetzt noch einmal zu
stören, um mit Ihnen gemeinschaftlich zu berathen, welche Schritte wir
am besten thun können, um -- das Geschehene gerade nicht ungeschehen zu
machen, das ist nicht möglich, aber Sie doch jedenfalls aus einer Lage
zu befreien, die Ihrer unwürdig ist. Um mir das zu erleichtern, muß ich
Sie aber bitten, mir Ihr =volles= Vertrauen zu schenken. Nur dann bin
ich im Stande die Maßregeln zu ergreifen, die für Sie die zweckmäßigsten
sein würden. Daß es dabei nicht an meinem guten Willen fehlt, davon
können Sie sich versichert halten.«
»Mein =volles= Vertrauen soll Ihnen werden,« sagte die junge Frau,
leicht erröthend -- »aber bitte, setzen Sie sich zu mir, Sie sollen
alles erfahren -- und nun,« fuhr sie fort, während sich Burton neben ihr
auf dem Canapé niederließ, indem sie ihre Hand auf seinen Arm legte --
»erzählen Sie mir vorher ausführlich, wie Sie dem Verbrecher auf die
Spur gekommen sind, und welche Hoffnung Sie jetzt haben, ihn seiner
Strafe zu überliefern. Es ist das Einzige jetzt, worauf ich hoffen kann,
daß sein Geständniß Ihnen beweisen muß, wie doppelt nichtswürdig er an
mir selber dabei gehandelt.«
»Aber, verehrte Frau,« sagte Burton etwas verlegen -- »schon vorher
theilte ich Ihnen alles mit, und der Eindruck, den die traurige
Erzählung auf Sie machte --«
»Vorher,« sagte die junge Frau -- »und in der entsetzlichen Aufregung,
in der ich mich befand, tönten die Worte nur wie Donnerschläge an mein
Ohr -- ich begriff wohl ihre Furchtbarkeit, aber nicht ihren Sinn und
vieles ist mir dabei unklar geblieben -- besonders, welche Spur Sie
=jetzt= von dem Verbrecher haben, daß Sie hoffen können ihn einzuholen,
und wer der Herr ist, der ihn verfolgt.«
Der Bitte, während =diese= Augen so treu und vertrauend in die seinen
schauten, konnte Burton nicht wiederstehen. Es war ihm dabei sogar
Bedürfniß geworden, sich -- ihr gegenüber -- seines bisherigen eigenen
Verhaltens wegen zu rechtfertigen, wobei er hervorhob, daß er mit der
Verfolgung der Dame eigentlich gar nichts zu thun und Lady Clive im
Leben nicht gesprochen habe, noch persönlich kenne. Auch von dem
Schmuck selber wußte er nichts, als was ihm Hamilton darüber beiläufig
mitgetheilt.
»Und jetzt?« frug die junge Dame weiter, die der Erzählung mit der
gespanntesten Aufmerksamkeit gefolgt war -- »wo jener Betrüger -- dem
Gott verzeihen möge, was er an mir gethan, und wie er mich =doppelt=
verrathen hat -- wo jener Betrüger geflohen ist, haben Sie noch
Hoffnung, ihn wieder zu ereilen?«
»Allerdings,« sagte Burton -- »Mr. Hamilton, mein Begleiter, ist einer
der schlauesten und gewandtesten Detectivs Englands. Er spricht drei
oder vier verschiedene fremde Sprachen, und hat schon daheim die
scheinbar unmöglichsten Dinge ausgeführt. Dieser Kornik hatte außerdem
viel zu kurzen Vorsprung, um mich nicht fest glauben zu machen, daß ihn
Hamilton ereilt, da er noch dazu die unbegreifliche Unvorsichtigkeit
beging, von hier mit Extrapost zu fliehen. Wir finden das aber so oft im
Leben, daß schlechte Menschen irgend ein Verbrechen mit der größten
und raffinirtesten Schlauheit ausführen, und jede Kleinigkeit, jeden
möglichen Zufall dabei berücksichtigen, und nachher, wenn ihnen
alles nach Wunsch geglückt, sich selber auf die plumpste Weise dabei
verrathen.«
»Aber ehe er ihn eingeholt hat, kehrt er nicht hierher zurück?«
»Ich glaube kaum,« sagte Mr. Burton, »doch fehlt mir darüber jede
Gewißheit. Er wird mir unter allen Umständen in der nächsten Zeit schon
telegraphiren, denn ich habe ihm versprechen müssen, hier zu bleiben,
bis er zurückkehrt.«
»Und glauben Sie, daß er den Verbrecher, wenn er ihn einholen sollte --
mit hierher bringt?«
»Ich zweifle kaum -- aber auch darüber bin ich nicht im Stande, Ihnen
eine bestimmte Auskunft zu geben. Nur davon dürfen wir überzeugt sein,
daß Mr. Hamilton alles in der praktischsten Weise ausführen wird, denn
er versteht sein Fach aus dem Grunde. =Hat= er die Spur gefunden, so ist
Mr. Kornik auch verloren.«
Es schien fast, als ob die junge Dame um einen Schatten bleicher wurde
-- und wer konnte es ihr verdenken, daß ihr die Erinnerung an den Mann,
der sie so furchtbar hintergangen, entsetzlich war? Endlich sagte sie
leise:
»Wenn sich das alles bestätigt, was Sie mir erzählt, verehrter Herr --
und ich kann kaum mehr daran zweifeln, dann =verdient= er die Strafe,
die ihn erreichen wird, im vollem Maße. Aber wie er auch =Ihr= Haus
betrogen und hintergangen haben mag, es ist nichts im Vergleich mit dem,
was er an mir und meinem zukünftigen Leben verbrochen.«
»Aber wie konnte er Sie so lange täuschen?« frug Burton und erröthete
dabei fast selber über die Frage.
»Du lieber Gott,« seufzte die Unglückliche -- »was weiß ein armes
unerfahrenes Mädchen von der Welt? Er kam in meiner Eltern Haus, in das
ihn zuerst mein Bruder eingeführt -- es mögen jetzt zwei Monate sein --
und sein offenes, heiteres Wesen gewann ihm mein Herz -- sein angemaßter
Rang schmeichelte meiner Eitelkeit. Er erzählte mir dabei von seinen
Gütern in Polen, und wie glücklich -- wie selig ihn mein Besitz machen
würde, und ich -- war schwach genug, es ihm zu glauben. Aber mein Vater
verweigerte seine Einwilligung. Er kannte die Menschen besser, als
seine thörichte Jenny. Er verlangte von Kornikoff den Ausweis eines
hinreichenden Vermögens sowohl, wie die Erlaubniß seiner eigenen Eltern
zu unserer Verbindung, und dieser, ungeduldig und stürmisch, drang in
mich, mit ihm zu fliehen.«
Jenny barg beschämt ihr Antlitz in ihren Händen und James Burton hörte
der Erzählung mit einiger Verlegenheit schweigend zu. Er hätte das
liebliche Wesen so gern getröstet, aber es fielen ihm in diesem
Augenblick um die Welt keine passenden Worte dafür ein und es entstand
dadurch eine kurze peinliche Pause. Endlich fuhr die junge Frau, aber
jetzt tief erröthend, fort:
»Schon unterwegs fing ich an, an dem Charakter meines Bräutigams zu
zweifeln. Wir entkamen glücklich auf einem Dampfer, der nach Hamburg
bestimmt war, und er hatte mir versprochen, daß jenes Fahrzeug in
Helgoland anlegen würde, wo wir uns trauen lassen könnten -- aber es
legte nicht an, und in Hamburg, wo er ausging, um einen Geistlichen zu
suchen, wie er sagte, kehrte er ebenfalls unverrichteter Sache zurück,
versicherte mich aber, er habe bestimmt gehört, daß wir hier in
Frankfurt -- einer freien deutschen Stadt -- unser Ziel leicht erreichen
könnten. Ich folgte ihm auch hierher -- immer noch als Braut -- nicht
als Gattin« -- setzte sie mit leiser, kaum hörbarer Stimme hinzu -- »und
ich danke jetzt Gott, daß ich standhaft blieb und meinem guten Engel
mehr folgte als jenem Teufel.«
Es wäre unmöglich, die Gefühle zu schildern, die James Burtons Seele
bei dieser einfachen und doch so ergreifenden Erzählung bestürmten;
sein Herz schlug hörbar in der Brust, und fast seiner selbst unbewußt,
ergriff er mit zitterndem Arm die Hand seiner Nachbarin, die sie ihm
willenlos überließ.
»Gott sei Dank,« flüsterte er endlich mit bewegter Stimme -- »so brauche
ich mir auch länger keine Vorwürfe zu machen, denn unser Erscheinen hier
war ja dann nur zu Ihrem Heil.«
»=Ihnen= verdanke ich meine Rettung,« sagte da Jenny herzlich, und
wie sie sich halb dabei zu ihm überbog, umfaßte er mit seinem Arm die
bebende Gestalt des Mädchens. Aber nicht einmal auf ihre Stirn wagte er
einen Kuß zu drücken, aus Furcht sie zu beleidigen, und sich gewaltsam
aufrichtend, rief er leidenschaftlich bewegt aus:
»Dann ist auch noch alles, alles gut. Trocknen Sie Ihre Thränen, mein
liebes, liebes Fräulein -- die Versöhnung mit Ihren Eltern übernehme ich
-- übernimmt mein Vater, Sie kehren zu ihnen zurück und die Erinnerung
an das Vergangene soll eine fröhliche Zukunft Sie vergessen machen.«
»Und auch Sie wollen nach England zurück?« frug rasch die junge Fremde.
»Gewiß,« rief Burton -- »sobald ich nur Nachricht von Hamilton habe.
Aber noch heute schreibe ich nach Haus -- wie heißen Ihre Eltern, mein
bestes Fräulein -- was ist Ihr Vater? Halten Sie diese Fragen nicht für
bloße Neugierde; es giebt keinen Menschen auf der Welt, der jetzt ein
innigeres Interesse an Ihnen nähme, als ich selber.«
»Mein Vater,« sagte Jenny leise, »ist Geistlicher, der Reverend
Benthouse in Islington. Vielleicht ist Ihnen der Name bekannt. Er hat
viel geschrieben.«
»Das nicht,« sagte Hamilton erröthend, »denn ich muß leider zu meiner
Schande bekennen, daß ich mich bis jetzt, und in jugendlichem Leichtsinn
weniger mit einer religiösen Lectüre befaßt habe, als ich vielleicht
gesollt -- aber erlauben Sie, daß ich mir den Namen notire -- und
jetzt,« sagte er, als er sein Taschenbuch wieder einsteckte, »verlasse
ich Sie. Wir dürfen den müßigen Leuten hier im Hotel Nichts zu reden
geben -- schon Ihrer selbst wegen, aber Sie sollen von nun an auch nicht
mehr allein sein. Ich werde augenblicklich ein Kammermädchen für Sie
engagiren, die Ihnen zugleich Gesellschaft leisten kann. Junge
Mädchen, der englischen Sprache mächtig, sind gewiß genug in Frankfurt
aufzutreiben; der Wirth kann mir da jedenfalls Auskunft geben. Keine
Widerrede, Miß,« setzte er lächelnd hinzu, als sie sich -- wie es schien
mit dem Plan nicht ganz einverstanden zeigte -- »Sie stehen von nun
an, bis ich Sie Ihren Eltern wieder zurückführen kann, unter =meinem=
Schutz, und da müssen Sie sich schon eine kleine Tyrannei gefallen
lassen.«
»Aber wie kann ich Ihnen das, was Sie jetzt an mir thun, nur je im Leben
wieder danken,« sagte das junge Mädchen gerührt -- »womit habe ich das
alles verdient?«
»Durch Ihr Unglück,« erwiederte Burton herzlich, indem er ihre Hand an
seine Lippen hob, und wenige Minuten später fand er sich schon unten mit
dem Wirth in eifrigem Gespräch, um eine passende und anständige Person
herbeizuschaffen.
Das ging auch in der That weit rascher, als er selber vermuthet hatte.
Ganz unmittelbar in der Nähe des Hotels wohnte ein junges Mädchen, die
schon einige Jahre in England zugebracht und -- wenn sie sich auch nicht
auf längere Zeit binden konnte, doch gern erbötig war, die Stelle einer
Gesellschafterin für kurze Zeit zu übernehmen. Mr. Burton führte
sie selber der jungen Dame zu, und Elisa zeigte sich als ein so
liebenswürdiges, einfaches Wesen, daß ein Zurückweisen derselben zur
Unmöglichkeit wurde.