Im Kursaal.
Es war ein verzweifelter Moment, aber Hamilton nicht der Mann, sich
dadurch beirren zu lassen. Daß Kornik =diesen= Zug benutzt hatte, daran
zweifelte er keinen Augenblick, sowie er nur auf dem Bahnhof anfuhr und
ihn nicht traf. Zum Ueberfluß fanden sie aber auch noch die Extrapost,
die ihn hierher gebracht, und der Postillon derselben bestätigte,
daß der Herr, den er gefahren, mit dem letzten Zug »nach dem Rhein«
abgegangen sei.
Es war 5 Uhr 55 -- der nächste Zug ging 6 Uhr 30 -- also noch eine
halbe Stunde Zeit. Hamilton fuhr mit seinem Wagen gleich vor dem
Polizeigebäude vor, die Herrn hatten es sich aber schon bequem
gemacht, und er fand nur noch einen Aktuar, der Schriftstücke in einer
Privatsache durchsah.
Glücklicherweise schien dies ein ziemlich intelligenter Mann, der seinen
Bericht aufmerksam anhörte. Als er ihn beendigt hatte, sagte er:
»Mein lieber Herr -- dieser Zug, der eben Limburg verlassen hat, geht
allerdings heute Abend noch nach Coblenz, aber ich weiß nicht, ob
der Herr, dem Sie nachsetzen, gerade ein Interresse daran haben kann,
Coblenz diese Nacht zu erreichen. Er kann natürlich nicht ahnen, daß
Sie ihm so dicht auf den Fersen sitzen -- vorausgesetzt nämlich, daß es
wirklich der Richtige ist, und wenn Sie =meinem= Rath folgen wollen, so
thun Sie, was ich Ihnen jetzt sage. Fahren Sie mit dem nächsten Zug
nach Ems -- nicht weiter -- besuchen Sie dort heute Abend -- mit jeder
nöthigen Vorsicht natürlich, den Spielsaal, und finden Sie dann -- was
ich aber bezweifele -- Ihren Mann =nicht=, dann nehmen Sie heute Abend
noch in Ems einen Wagen, den Sie für Geld überall bekommen können,
fahren direkt nach Coblenz, und passen morgen früh an den Bahnzügen
auf. Ich wenigstens, wenn ich an Ihrer Stelle einen solchen Patron zu
verfolgen hätte, würde genau so handeln, und wenn ich nicht sehr irre,
gut dabei fahren.«
»Ems ist nassauisch, nicht wahr?« frug Hamilton.
»Allerdings,« sagte der Aktuar.
»Könnten Sie dann,« fuhr Hamilton fort, indem er seine
Legitimationspapiere aus der Tasche holte, »mir auf Grundlage dieser
Schriftstücke einen Verhaftsbefehl für das betreffende Individuum
ausstellen?«
Der Aktuar sah die Papiere, bei denen sich eine in Hamburg beglaubigte
Uebersetzung befand, aufmerksam durch und sagte dann lächelnd:
»Eigentlich, und nach unserem gewöhnlichen Gerichtsverfahren würde die
Sache mehr Umstände machen, und nicht so rasch beseitigt werden
können, unter den obwaltenden Verhältnissen aber denke ich, daß ich die
Verantwortlichkeit auf mich nehmen kann. Sie =müssen= mit dem nächsten
Zug fort, wenn Sie den Gesuchten nicht versäumen wollen. Setzen Sie
sich einen Augenblick; ich denke, wir können das alles noch in Ordnung
bringen.«
Der alte Aktuar war ein wahres Juwel. Hamilton hätte sich an keinen
besseren Menschen wenden können. In kaum zehn Minuten hatte er einen
Verhaftsbefehl für die Nassauischen Lande gegen jenen Mr. Kornik
ausgestellt. Und nicht einmal einen Kreuzer mehr als die üblichen und
nicht zu vermeidenden Sporteln wollte er dafür nehmen, und wie gern
hätte ihm der junge Mann seine Arbeit zehn- und zwanzigfach bezahlt!
Jetzt war alles in Ordnung -- Hamilton beschloß, den ihm gegebenen
Rath gewissenhaft zu befolgen, und dem alten Herrn auf das herzlichste
dankend, eilte er so rasch er konnte nach dem Bahnhof zurück.
Seine Zeit war ihm auch nur eben knapp genug zugemessen; kaum hatte er
dort sein Billet gelöst, so wurde der Zug schon signalirt; zehn Minuten
später braußte er heran, hielt, nahm seine wenigen Passagiere auf und
keuchte in ruheloser Hast weiter, das freundliche Lahnthal hinab.
Aber Hamilton hatte kein Auge für die liebliche Scenerie, die ihn umgab
-- so war er in seine eigenen Gedanken vertieft, daß er ordentlich
emporschrak als sie in den ersten Tunnel eintauchten. Nur das Bild des
Flüchtigen schwebte vor seiner Seele, und selbst daß er Schlaf und Ruhe
entbehrt hatte, um diesen zu erreichen und einzuholen, fühlte er nicht.
Der Zug flog mit reißender Schnelle dahin, aber ihm kam es noch immer
vor, als ob er in seinem Leben nicht so langsam gefahren wäre. Jetzt
glitten sie an den grünen Hängen des freundlichen Thales dahin -- jetzt
wieder öffnete der Berg seinen Schlund, um sie in seine düstere Tiefe
aufzunehmen, und aufs neue schossen sie hinaus in den dämmernden Abend.
Aber Hamiltons Augen schienen für das alles keine Sehkraft zu haben, so
theilnahmlos, so unbewußt selbst streifte sein Blick darüber hin, bis
endlich der schrille Pfiff der Locomotive die Nähe der Station Ems
anzeigte und eine Masse Spaziergänger, Herren zu Fuß und Damen und
Kinder auf Eseln, in der unmittelbaren Nähe der Bahn sichtbar wurden. Es
war spät geworden und die Leute eilten jetzt nach Haus, denn so heiß die
Tage auch sein mochten, die Nächte blieben kühl und frisch genug.
Aber diese kümmerten den Polizeimann nicht, der recht gut wußte, daß
der, den =er= suchte, sich nicht unter ihnen befand, selbst =wenn= es
noch hell genug gewesen wäre, einzelne Physiognomien der da draußen
Wandernden zu erkennen, an denen sich nur die lichten Kleider
unterscheiden ließen.
Der Zug hielt, aber selbst jetzt noch war Hamilton einen Augenblick
unschlüssig, ob er nicht lieber sitzen bleiben und bis nach
Oberlahnstein und Coblenz mitfahren solle; denn ließ es sich denken,
daß der Flüchtige gerade hier ausgestiegen sei? Derartige Menschen sind
allerdings furchtbar leichtsinnig, und der alte Aktuar hatte am Ende
doch Recht gehabt, wenn er ihm rieth, die Spielbank jedenfalls einmal
ein Paar Stunden zu besuchen. Verloren war immer kaum viel Zeit dabei,
denn kam er jetzt auch nach Coblenz, so mußte er doch die Nacht dort
liegen bleiben, um bei dem Abgang des ersten Morgen-Zuges erst am
Bahnhof zu sein. Er folgte also dem Rath des alten Mannes, stieg aus und
ging in das dicht am Bahnhof gelegene Hotel zum Guttenberg, um dort erst
etwas andere Toilette zu machen. Er wollte sich nämlich nicht der Gefahr
aussetzen, daß er von dem schlauen Verbrecher zuerst erkannt würde, denn
er zweifelte keinen Augenblick daran, daß Kornik ihn an jenem Abend eben
so gut bemerkt habe, wie seinen Begleiter Burton, und ihm deshalb jetzt
eben so rasch ausweichen würde, wie jenem.
In seiner Tasche trug er einen leichten hellen Sommerrock, den zog er
an, setzte eine hellgrüne Brille auf und borgte sich noch außerdem vom
Kellner einen Cylinderhut. Mit dieser ganz geringen Veränderung seiner
Toilette, die er dadurch vervollständigte, daß er ein weißes Halstuch
statt seines bisher getragenen schwarzen nahm, fühlte er sich ziemlich
sicher, wenigstens nicht gleich auf den ersten Blick erkannt zu werden.
Kornik hatte ihn ja überhaupt nur die kurze Zeit im Coupé gesehen, und
ihn dabei keineswegs seiner Beachtung so besonders werth gehalten.
Dann aß er etwas und hielt es nun an der Zeit, das jetzt besonders
frequentirte Kurhaus zu besuchen.
Es war indessen völlig Nacht geworden; unterwegs traf er nur noch
einzelne Leute, die vom Kurhaus weg über die Brücke in ihre am andern
Ufer liegende Quartiere gingen, das Kurhaus selber aber war noch hell
und brillant erleuchtet und auch in der That der einzige Platz in dem
ganzen Badeort, den man Abends besuchen konnte und wo man Gesellschaft
fand. Die anderen zahllosen Hotels schienen nur zum Essen zu dienen,
denn in ihren Sälen versetzten riesige Tische, deren Zwischenraum
vollständig mit Stühlen ausgefüllt war, jeden nur einigermaßen möglichen
Platz. Man konnte sich in keinen von ihnen wohnlich fühlen.
Das Kurhaus dagegen vereinigte alles, was sich von Pracht und Eleganz
nur denken ließ -- ein reichhaltiges Lesezimmer mit bequemen Fauteuils,
einen prachtvollen Saal zu Concerten oder Spiel- und Tanzplätzen der
Kinder und Damen, und dann den unheilvollen Magnet für die Spieler, die
grünen Tische, von denen der verführerische Klang des Metalls in
alle harmlosen Spiele und Vergnügungen hinübertönte, und seine Opfer
erbarmungslos an- und nachher auszog.
Es ist eine Schmach für Deutschland, daß wir noch diese vergoldeten
Schandhöhlen in unseren Gauen dulden -- es ist eine doppelte Schmach für
die Regierungen, die sie begünstigen und gestatten, und alle die Opfer,
die jährlich fallen, müssen einst auf ihren Seelen brennen.
Napoleon III. hat die Spielhöllen aus seinem Reich verbannt, und die
Spieler damit über die Grenzen getrieben. Geschah das aber nur deshalb,
daß sie in =Deutschland= ihre gesetzliche Aufnahme finden sollten?
und müssen wir nicht vor Scham erröthen, wenn wir dieses französische
Unwesen mit französischen Marken und Marqueuren im Herzen unseres
Vaterlandes eingenistet finden? Aber es =ist= so. Trotz der gerechten
Entrüstung, die allgemein darüber herrscht, müssen wir jetzt geschehen
lassen, daß andere Nationen die Achseln darüber zucken und uns bedauern
oder -- verachten, =müssen= wir es geschehen lassen, sage ich, denn
»wollten wir alle zusammen schmeißen
wir könnten sie doch nicht Lügner heißen.«
Wenn wir es denn aber trotz allem und allem unter unseren Augen so frech
fortgeführt sehen, so gehört es sich, daß sich jeder =rechtliche=
Mann wenigstens dagegen verwahrt, diese Schandbuden gut zu heißen.
Das Ausland möge erfahren, daß die =deutsche Nation= unschuldig ist an
diesem Werk, und keinen Silberling von dem Blutgeld verlangt, das es
einzelnen Fürsten einbringen mag. Hammerschlag auf Hammerschlag folge
auf das Gewissen der Vertreter deutscher Nation, bis sie endlich wach
gerüttelt werden -- sie sollen sich wenigstens nicht beklagen dürfen,
daß man sie nicht geweckt hätte.
Hamilton dachte freilich an nichts derartiges, als er das hell
erleuchtete Portal betrat, an welchem ein gallonirter Portier und ein
sehr einfach gekleideter Polizeidiener -- zur Wache, daß das heilige
Spiel nicht etwa gestört würde -- auf Posten standen. Der Portier wollte
übrigens Schwierigkeiten machen, als er Hamiltons hellen Rock sah --
er schien ihm für die Spielhölle nicht anständig genug gekleidet, aber
neben ihm schritt eine bis auf den halben Busen decoltirte Französin
frech vorüber, welcher der Lakai eine tiefe, ehrfurchtsvolle Verbeugung
machte. Hamilton wußte indessen, welchen Zauber in einem solchen Fall
ein Guldenstück ausüben würde, und der augenblicklich zahm gewordene
Portier schmunzelte auch so vergnügt darüber hinweg, daß seinem Eintritt
nichts weiter im Wege stand.
Wenige Secunden später befand er sich, von dem jetzt dienstbaren Geist
willig geleitet, im Lesecabinet, aus dem eine Thür unmittelbar in den
großen Spielsaal führte.
Dort saßen nur ihm vollkommen fremde Menschen, ein langbeiniger
Engländer, der gewissenhaft die Times durcharbeitete, ein kleiner
beweglicher Franzose, der über dem Charivari schmunzelte, und ein Paar
andere Badegäste, die gleichgültig und aus Langeweile die verschiedenen
continentalen Zeitungen durchblätterten.
Er hielt sich dort nicht auf und öffnete die Thür, die in den Spielsalon
führte, aber anfangs nur halb, um erst einen Ueberblick über die
verschiedenen Gestalten zu gewinnen, und nicht früher gesehen zu werden,
als er selber sah. Aber es hätte dieser Vorsicht nicht einmal bedurft,
denn die dort Befindlichen hatten nur Ohr für den monotonen Ruf des
Croupiers, nur Auge für den grünen Tisch, und die darauf genähten bunten
Lappen. Wer kümmerte sich von allen denen um den einzelnen Fremden, wenn
er nicht selber als stark Spielender -- mit Glück oder Unglück blieb
sich gleich -- ihr Interesse für einen Augenblick in Anspruch nahm.
Hamilton trat an die Spieler dicht hinan, um die einzelnen Gesichter
derselben mustern zu können -- aber er fand kein bekanntes darunter.
Es war ein buntes Gemisch von leidenschaftlich erregten, abstoßenden
Physiognomien, unter denen sich nur hie und da die kalten speculirenden
Züge alter abgefeimter, und ruhig ihre Zeit abwartender Spieler,
auszeichneten. Auch viele »Damen« standen dicht von den Uebrigen
gedrängt am Tisch, wenn solche Frauenzimmer den Namen von Damen
überhaupt verdienen. Eine von diesen saß sogar neben dem Croupier -- es
war der Lockvogel der Gesellschaft, ein junges, üppiges Weib, tief
decoltirt, mit dunklen vollen Locken und reichem Brillantschmuck; andere
drängten, jede Weiblichkeit bei Seite lassend, zwischen die ihnen nur
unwillig Raum gebenden Zuschauer hinein, um ihr Geld in wilder Hast auf
eine Nummer zu schieben.
Hamiltons Blick streifte gleichgültig darüber hin, und wie er
sich langsam selber um den Tisch bewegte, entging kein irgendwo
eingeschobener Kopf seinem forschendem Auge. Da hörte er auch in einem
kleineren Nebenzimmer das Klimpern des Geldes und die monotonen Worte:
»_le jeu est fait_« -- denen lautlose Stille folgte, und wollte eben
auch jenes Gemach betreten, als er wie festgewurzelt auf der Schwelle
blieb, denn =dort= stand Kornik -- bleich wohl jetzt, von der Erregung
des Spiels, und mit gierigem Blick an der abgezogenen Karte hängend --
aber unverkennbar derselbe, mit dem er an jenem Tag gefahren. Er
hatte es auch nicht einmal für nöthig gehalten, den verrätherischen
Schnurrbart abzurasiren, oder sein Haar anders zu tragen, er mußte sich
heute Abend hier vollkommen sicher fühlen. Nur die blaue Brille fehlte.
Im ersten Moment fürchtete Hamilton fast sich zu bewegen, daß nicht
der Blick des Verbrechers ihn vor der Zeit traf. Aber es war das eine
vollkommen nutzlose Angst, denn der =Spieler= hatte nur Augen für die
vor ihm abgezogenen Karten -- weiter existirte in diesem Moment keine
Welt für ihn. Vorsichtig zog sich der Polizeiagent deshalb wieder
zurück, bis er sich im Nebenzimmer gedeckt wußte, schritt dann durch den
Saal und auf den dort stationirten Polizeidiener zu.
Mit wenigen Worten machte er diesem auch begreiflich was er wollte --
derartige kleine Zwischenfälle kamen gar nicht etwa so selten in
diesen Spielhöllen vor -- und überraschte dabei den Portier auf das
angenehmste, indem er ihm zwei große Silberstücke -- er sah gar nicht
nach, was -- in die Hand drückte, mit dem Auftrag, so rasch als irgend
möglich Polizeimannschaft zur Hülfe herbeizuholen. Die befand sich
übrigens stets in der Nähe. Ein verzweifelter Spieler hatte sich wohl
schon dann und wann einmal, zum Letzten und Aeußersten getrieben, an der
heiligen Kasse selber vergriffen und nachher sein Heil in rascher Flucht
gesucht, und dagegen mußten die Herren freilich geschützt werden. Wenn
auch ein =Raub=, war das Geld doch ein =gesetzlich= gewonnener, und die
Regierung fühlte sich verpflichtet, dessen Schutz zu überwachen.
Hamilton traute indessen seinem Mann da drinnen noch lange nicht genug,
um ihn länger, als unumgänglich nöthig war, sich selber zu überlassen;
er war ihm damals in Frankfurt auf zu schlaue Weise durch die Finger
geschlüpft, während er ihn eben so sicher geglaubt wie gerade jetzt.
Aber er selber kannte die Leidenschaft des Spiels noch viel zu wenig,
um zu wissen, daß er in diesem einen viel sicheren Bundesgenossen hatte,
als in einem schönen Weibe, und als er in Begleitung des Polizeidieners
jenes Zimmer wieder betrat, stand Kornik noch eben so fest und
regungslos, eben so nur in dem einen Gedanken der Karten absorbirt, an
seinem Tisch, wie er ihn vorhin verlassen.
Der Polizeibeamte übereilte sich aber jetzt nicht im geringsten. Er
wußte, daß ihm sein Opfer nicht mehr entgehen konnte, und hielt es
für viel gerathener, den Herrn nicht früher zu beunruhigen, als er der
herbeigerufenen Hilfe sicher war. Nur seine grüne Brille nahm er ab.
»Welcher ist es denn?« flüsterte ihm der dicht hinter ihm gehende
Polizeidiener zu. Hamilton machte eine beschwichtigende Bewegung mit der
Hand und trat dann, von jenem gefolgt, an Kornik hinan. Er stand jetzt
so nahe bei ihm, daß seine Schulter die des Polen berührte, der aber
nicht daran dachte, auch nur den Kopf nach ihm umzudrehen.
Jetzt hatte derselbe gerade gewonnen; es standen vielleicht 40 oder 50
Louisd'or auf dem grünen Tisch -- er ließ den Satz stehen, die Karten
fielen und der Croupier zog mit seiner hölzernen Schaufel das Gold ein.
Mit einem leisen, zwischen den Lippen gemurmelten Fluch schob sich
Kornik seine Geldtasche vor, um wahrscheinlich neue Summen auf die
trügerischen Blätter zu setzen, als er eine Hand auf seiner Schulter
fühlte und Hamilton mit ruhiger, aber absichtlich lauter Stimme sagte:
»Sie sind mein Gefangener, im Namen der Königin.«
Der Pole wandte ihm jetzt rasch und erschreckt sein Antlitz zu und
Leichenblässe deckte im Nu seine Züge, als er das nur zu wohl gemerkte
Gesicht des Mannes aus Frankfurt neben sich sah. Aber auch nicht für ein
Moment verlor er seine Geistesgegenwart, und dem Blick desselben kalt
und ruhig begegnend, sagte er:
»Das Spiel hat Ihnen wohl den Verstand verwirrt -- stören Sie mich
nicht,« und in die Geldtasche greifend, wollte er, ohne den Fremden
weiter zu beachten, sich wieder über den Tisch beugen, als sich Hamilton
aber, seiner Sache zu gewiß, an den Polizeidiener wandte und sagte:
»Verhaften Sie den Herrn -- ich werde Sie augenblicklich auf das Bureau
begleiten.«
»Keine Störung hier, meine Herren, wenn ich bitten darf,« rief plötzlich
ein kleines hageres Männchen, das schon bei den ersten Worten an den
Spieltisch getreten war. »Wenn Sie etwas mit einander auszumachen haben,
ersuche ich Sie, in ein Nebenzimmer zu treten.«
»Ich werde =Sie= nicht um Erlaubniß fragen, wenn ich Ihre Wirthschaft
hier für einen Augenblick unterbreche,« sagte Hamilton trotzig -- »ich
habe ein Recht diesen Mann zu verhaften, wo ich ihn finde.«
»Dann führen Sie ihn ab, Polizeidiener,« sagte der Kleine in seinem
braunen Rock ruhig -- »oder ich mache Sie für jede Unordnung hier
verantwortlich.«
»Ich habe mit den Herrn nichts zu thun,« rief der Pole trotzig, »was
wollen Sie von mir? -- lassen Sie mich los.«
Eine Anzahl von Menschen sammelte sich um die beiden, und die Spieler
zogen ihr Geld ein, weil sie vielleicht einen Kampf und dadurch die
Sicherheit ihrer Bank gefährdet fürchteten, denn es gab leider eine
Menge von Menschen, die das dort aufgethürmte Geld für =gestohlen=
hielten, und sich wenig Gewissen daraus gemacht hätten, es fortzuraffen.
»Bitte, meine Herren, gehen Sie in ein Nebenzimmer,« drängte aber jetzt
nochmals der kleine Braune, »Sie sind dort vollkommen ungestört -- Jean,
Bertrand hierher -- sorgen Sie für Ordnung.«
Der Pole warf den Blick umher; er sah sich augenscheinlich nach einem
Weg zur Flucht um, aber Hamiltons Hand hatte seinen Arm wie eine
Schraube gefaßt und der Polizeiagent sagte mit leiser, aber drohender
Stimme:
»Es hilft Ihnen nichts. Flucht ist für Sie unmöglich. Sie sind mein
Gefangener; ergeben Sie sich gutwillig, Sie haben keinen Ausweg mehr,
und Wiederstand kann Ihre Lage nur verschlimmern.«
Es war einen Augenblick, als ob sich der Pole den drohenden Worten nicht
fügen wolle, und fast unwillkürlich zuckte er mit der Hand empor. Aber
ein umhergeworfener Blick mußte ihn überzeugen, daß er mit Gewalt
nichts ausrichten könne, denn eine Menge von Neugierigen, die sich im
benachbarten Salon umhergetrieben, hörten kaum die in einem Spielsaal
ganz ungewohnten, lauten Stimmen, als sie hereindrängten, und den
einzigen Ausgang vollständig verstopften.
Der eine Blick genügte, und verächtlich lächelnd aber mit voller Ruhe
sagte der Mann:
»Hier herrscht jedenfalls ein Irrthum. Ich bin Graf Kornikoff, hier ist
mein russischer Paß, und ich stelle mich damit unter den Schutz unseres
Gesandten. Nassau ist mit dem russischen Thron verwandt und wird dessen
Unterthanen nicht ungestraft beleidigen lassen.«
Mit den Worten nahm er ein Papier aus seiner Brusttasche und hielt es
Hamilton vor.
»Es kann sein,« sagte dieser, »daß Ihr Paß in Ordnung ist. Die
gefährlichsten Charaktere haben gewöhnlich die besten Pässe. In dem
Falle werden Sie sich aber um so weniger weigern mir zu folgen, da ich
bereit bin, Ihnen vollständige Genugthuung zu geben, wenn ich Sie ohne
hinreichenden Grund verhaftet habe. Die Herren hier werden mir aber
zugeben, daß man, auch selbst mit einem guten Paß versehen, doch stehlen
kann, und auf die Klage eines Diebstahls verhafte ich Sie hiermit.«
»Gut denn, führen Sie ihn fort und übernehmen dabei die Verantwortung
für alle Folgen,« sagte der kleine Herr mit dem braunen Rock ungeduldig
-- »aber Sie sehen doch ein, daß Sie hier das Spiel und Vergnügen völlig
dabei unbetheiligter Herren und Damen nicht länger stören dürfen. Herr
Polizeicommissar, ich bitte Sie, daß Sie diesem Unfug ein Ende machen,
oder ich werde mich morgen ernstlich bei der Behörde deshalb beklagen.«
Der Polizeicommissar war in der That herbeigekommen, und Hamilton, der
ihn an seiner Uniform erkannte, frug ihn leise:
»Wer ist denn dieser kleine Tyrann?«
»Einer der Spielpächter,« sagte der Mann mit einem verächtlichen Blick
auf den Braunen, und setzte dann laut hinzu, »beklagen Sie sich bei
wem Sie wollen, Monsieur, Sie werden uns aber hier wohl noch erlauben,
unsere Schuldigkeit zu thun, selbst =wenn= Ihre achtbare Gesellschaft
einen Augenblick gestört werden solle. Und Sie, mein Herr,« wandte er
sich an den Gefangenen, »folgen Sie uns jetzt auf das Bureau -- ich
werde die Sache dort untersuchen.«
»Sie werden mir bezeugen, daß ich nicht den geringsten Wiederstand
geleistet habe,« sagte der Pole ruhig -- »kommen Sie, meine Herren. Ich
wünsche noch an dem Spiel hier Theil zu nehmen, und je eher wir diese
fatale Sache beendigen, desto besser.«
Damit wandte er sich entschlossen dem Ausgang zu -- die Leute gaben ihm
Raum und wenige Secunden später standen sie am Ausgang des Kurhauses.
»Es wäre besser, wir legten ihm Handschellen an,« sagte Hamilton, sich
zu dem Polizeicommissar überbiegend.
»Er kann uns hier nicht entschlüpfen,« erwiederte dieser kopfschüttelnd
-- »und ich möchte keine Gewaltmaßregeln gebrauchen, bis ich die Sache
näher untersucht habe.«
Der Pole schritt ruhig und festen Schrittes zwischen zwei Polizisten
dahin -- dicht hinter ihm folgte Hamilton mit dem Commissar, und eine
Anzahl von Neugierigen schloß sich dem Zuge an, um zu sehen, was die
Sache für ein Ende nähme. So schritten sie langsam durch den Kurgarten
dem kleinen viereckigen Regierungsgebäude zu, das dicht an der Brücke
liegt, und der Gefangene schien selber nichts sehnlicheres zu wünschen,
als diese Scene bald zu Ende gebracht zu sehen.
»Haben wir noch weit?« frug er einen der ihn escortirenden Leute.
»Oh bewahre,« sagte dieser, indem er mit dem ausgestreckten Arm auf
das vor ihnen liegende Gebäude zeigte, »das ist das Haus.« In demselben
Moment stieß er aber auch einen Schrei aus, denn ein schwerer Schlag,
jedenfalls mit einem sogenannten »_life preserver_« geführt, schmetterte
ihn bewußtlos zu Boden, während der Gefangene mit flüchtigen Sätzen über
die schmale Brücke hinüber eilte.
Aber er hatte flüchtigere Füße hinter sich. Wie ein Tiger auf seine
Beute, so schoß Hamilton hinter ihm drein, und noch ehe er das Ende der
Brücke erreichte, streckte er schon den Arm aus, um ihn am Kragen zu
packen. Da wandte sich der zur Verzweiflung getriebene Verbrecher, und
einen Revolver vorreißend, drückte er ihn gerade auf die Brust seines
Verfolgers ab.
Hamilton wäre verloren gewesen, aber zu seinem Glück versagte
die Schußwaffe, und ehe Kornik zum zweiten Male abdrücken konnte,
schmetterte ihn der Schlag des Polizeimanns zu Boden. Aber selbst
damit begnügte sich dieser nicht, und mit einer ganz außerordentlichen
Gewandtheit faßte er ihm beide Hände, legte sie zusammen und wenige
Secunden später knackten die vortrefflichen Darbies oder Handschellen in
ihr Schloß und er wußte jetzt, daß er seinen Gefangenen sicher hatte.
»Alle Wetter,« sagte der nachkeuchende Polizeicommissar, »das war doch
gut, daß Sie schneller laufen konnten.«
»Wenn Sie =meinem= Rath gefolgt wären, konnte uns das erspart werden,«
meinte Hamilton finster, »denn ich verdanke mein Leben jetzt nur einem
schlechten Zündhütchen.«
»Er hat schießen wollen?«
»Dort liegt der Revolver -- Sie sehen, daß Sie es hier mit einem
gefährlichen Verbrecher zu thun haben.«
»Da wollen wir ihn doch lieber binden.«
»Bitte, bemühen Sie sich nicht weiter -- er ist fest und sicher. Sein
Sie nur so gut und lassen ihn jetzt durch Ihre Leute in festen Gewahrsam
bringen.«