Die Verfolgung.
Hamilton warf sich an dem Morgen, nachdem er sechs verschiedene
telegraphische Depeschen aufgegeben, in einer ganz verzweifelten
Stimmung in sein Coupé, denn von dem zurückgekehrten Postillon hatte er
erfahren, daß dieser den Passagier um 4 Uhr heute Morgen in =Soden=
vor der Post abgesetzt, und er konnte jetzt den Zug benutzen, um diesen
Platz so rasch als möglich zu erreichen. Aber wieder und wieder machte
er sich selber dabei die bittersten Vorwürfe, daß er die Flucht des
schon ganz sicher geglaubten Verbrechers nur seinem eigenen Leichtsinn,
seiner eigenen bodenlosen Unachtsamkeit verdanke, denn wie dieser einmal
Mr. Burton selber begegnet sei, =mußte= er wissen, daß er sich verrathen
sah und deshalb keinen Augenblick versäumen dürfe, um sich der ihm
drohenden Gefahr zu entziehen. Und =das= hatte er übersehen -- er, der
sich selber für so schlau und in seinem Fach geschickt gehalten -- auf
so plumpe Weise, nur durch die Geistesgegenwart des Diebes, der durch
keine Bewegung verrathen, daß er seinen Verfolger erkannt habe, hatte er
sich täuschen und überlisten lassen.
Und wie war es jetzt möglich, in diesem Gewühl von Fremden einen
einzelnen Menschen wieder ausfindig zu machen, der weiter nichts zu
thun brauchte, als sich einen anderen Rock zu kaufen, die blaue Brille
abzulegen, den schwarzen Schnurrbart zu rasiren, um aufs neue völlig
unkenntlich zu sein; und daß er derartige Vorsicht =nicht= versäumen
würde, darüber durfte er kaum in Zweifel sein.
Das Einzige, was ihn noch einigermaßen beruhigte, war, daß sie
wenigstens die Dame unter sicherer Aufsicht hatten; denn es schien nicht
wahrscheinlich, daß sich der Flüchtling so leicht und für immer von dem
schönen, verführerischen Wesen getrennt haben sollte, nur um sich selber
in Sicherheit zu bringen. In irgend einer Verbindung mit ihr blieb
er gewiß, oder suchte eine solche auf eine oder die andere Art
wieder anzuknüpfen, und wenn dann Mr. Burton nur einigermaßen seine
Schuldigkeit that, so lief er ihnen schon dadurch wieder ins Netz.
Allerdings hätte Kornik die Dame schon recht gut in dieser Nacht
entführen können -- es wäre das eben so leicht gewesen als allein zu
entfliehen, aber er mußte auch wissen, daß er den Verfolger dann dicht
auf den Hacken gehabt hätte und so leicht er =jetzt= hoffen konnte, ihn
über die Richtung zu täuschen, die er genommen, so ganz unmöglich wäre
das in der Begleitung seiner Frau gewesen, die seine Bewegung nicht
allein hemmte, sondern auch eine viel breitere und leichter erkennbare
Spur hinterließ. Schon mit all dem Gepäck wäre er nicht von der Stelle
gekommen.
Das alles aber machte es, je mehr er darüber nachdachte, nur soviel
wahrscheinlicher, daß er Deutschland nicht schon verlassen habe. Nur aus
dem Weg mußte er sich für kurze Zeit halten, und wo konnte er das
besser thun, gerade in der Saison, als in irgend einem der zahllosen
Seitenthäler des Rheins oder der benachbarten Gebirge, wo eine Unmasse
von Fremden herüber und hinüber strömte, und ein einzelner Mann völlig
unbeachtet in der Menge verschwand.
Aber trotzalledem gab Hamilton die Hoffnung nicht auf. Das gehetzte Wild
hatte allerdings einen Vorsprung gewonnen, aber die Fährte war doch
noch warm -- es lag keine Nacht darauf und er selber war gerade der Mann
dazu, ihr mit allem nur erdenkbaren Eifer zu folgen. Es stand ja auch
nicht allein ein reicher Lohn auf dem Erfolg, nein, seine Ehre als
Detective auf dem Spiel, den schon gehaltenen Verbrecher nicht wieder
entschlüpfen zu lassen, und er gab sich selber das Wort, nicht Mühe
nicht Kosten zu scheuen, um ihn wieder zurück zu bringen.
In Soden angekommen erkundigte er sich aber vergebens auf dem Bahnhof
nach einem Herrn, der nur irgend zu seiner Beschreibung paßte. Es war
freilich auch nicht wahrscheinlich, daß er sich dort gezeigt habe,
denn nach Frankfurt würde er nicht so rasch zurückkehren, aber Hamilton
wollte sich von jetzt an keine Vorwürfe mehr machen, auch nur das
Geringste versäumt zu haben. Einquartirt hatte sich der Herr aber dort
=nicht=, so viel lag außer Zweifel; mit dem Mustern der Gasthäuser
brauchte er deshalb keine Zeit zu verlieren und das Wichtigste blieb,
die Straßen zu untersuchen, die von hier aus in die Berge und besonders
nach dem Rhein zu führten.
Das aber zeigte sich bald als ein sehr schwierig Stück Arbeit, denn es
hielten sich viele Fremde in Soden auf, und bei dem wundervollen
Wetter besuchte ein großer Theil derselben in früher Morgenstunde die
benachbarten Berge. Wer wollte da den Einzelnen controlliren, der sich
zwischen ihnen befunden hatte? Außerdem gab es eine Legion von
Führern in dem Badeort, die sich theilweis unterwegs, oder da und
dort einquartirt befanden; es wäre rein unmöglich gewesen, sie alle
aufzusuchen und einzeln auszufragen.
Hamilton ließ aber deshalb den Muth nicht sinken. Unermüdlich streifte
er Straße auf, Straße ab und frug bald da, bald dort in den Häusern. Nur
in einem, in dem letzten Häuschen, das auf dem Weg nach Königstein lag,
hörte er, daß ein einzelner Herr dort sehr früh vorbeigegangen sei,
ob er aber einen Schnurrbart gehabt oder eine blaue Brille und Gepäck
getragen, wer sollte das jetzt noch wissen? Ein Führer hatte ihn nicht
begleitet.
Das war keine Spur und Hamilton wollte sich schon kopfschüttelnd
abwenden, um in Soden erst etwas zu Mittag zu essen und dann seine
Versuche zu erneuern, als ein kleines Mädchen, das dabei gestanden
hatte, sagte:
»Ja, en Schnorres hat er schon gehat, un en Täschche aa ungerm Arm
getrage.«
»Einen Schnorres? was ist das?« frug Hamilton.
»Nu Hoor unner der Nas,« sagte die Frau.
»Ja un ganz schwarz war er« -- sagte die Kleine.
»So mein Kind,« sagte Hamilton, der sie aufmerksam betrachtete, »also
ein Täschchen hat er unter dem Arm getragen? groß?«
»Na -- kleen -- vun =Ledder= -- en hibsch Täschche.«
»Und der ist dort hinaus zu gegangen?«
Die Frau bestätigte das -- eine Brille schien er aber nicht aufgehabt
zu haben; das Kind wollte wenigstens nichts derartiges bemerkt haben und
eine blaue Brille wäre ihm gewiß aufgefallen.
Das war allerdings eine Spur, wenn auch nur eine außerordentlich
schwache, Hamilton beschloß aber doch, ihr zu folgen und ohne weiter
einen Moment Zeit zu verlieren, drückte er dem Kinde ein Geldstück in
die Hand und eilte dann so rasch er konnte nach Soden wieder auf die
Post, um dort Extrapost nach Königstein zu nehmen. Nur so viel Zeit
gönnte er sich, um etwas zu essen und zu trinken, so lange die Pferde
angespannt wurden -- dann ging es vorwärts, was die Thiere laufen
konnten.
In Königstein selber -- denn unterwegs, so oft er sich auch nach
dem Gesuchten erkundigte, erhielt er doch keine Auskunft -- war die
Nachforschung nicht so schwer. Es gab dort nur zwei halbwegs anständige
Wirthshäuser und in dem einen erfuhr er denn auch, daß ein einzelner
Herr mit einem sehr schwarzen Schnurrbart und etwas brauner
Gesichtsfarbe da gefrühstückt habe, dann aber weiter =gegangen= sei,
ohne daß sich natürlich irgend Jemand um ihn bekümmert hätte. Eine
lederne kleine Reisetasche mit Stahlbügel führte er bei sich, eine
Geldtasche hatte er umhängen, und auch noch einen Riemen umgeschnallt
gehabt -- das wollte der Wirth deutlich gesehen haben -- weiter wußte er
nichts.
»In was für Geld hat er seine Zeche bezahlt?«
»In Gulden und Kreuzern -- der Landesmünze.«
Hamilton war nicht halb sicher, daß er wirklich auf der Spur des
Gesuchten sei, aber was blieb ihm jetzt anderes übrig, als ihr, da er
sie einmal aufgenommen, auch weiter zu folgen, er würde sich sonst immer
wieder Vorwürfe gemacht haben, eine wahrscheinliche Bahn aufgegeben zu
haben, um dafür wild und verloren in der Welt herumzusuchen.
Von hier aus schien der Flüchtling aber wirklich den Waldweg
eingeschlagen zu haben, denn auf keiner Straße war er mehr gesehen
worden, auch konnte er sich keinen Führer genommen haben, denn das
hätte sich jedenfalls ausgesprochen. Wohin jetzt? Es war bald Abend, als
Hamilton erschöpft in das Gasthaus zurückkehrte, wo er mit einer Flasche
Wein und der Eisenbahnkarte vor sich, seinen weiteren Schlachtplan
überlegte. Er fühlte dabei recht gut, daß er von jetzt an auf gut Glück
weiter suchen müsse. Nur eine Andeutung seines zukünftigen Weges fand er
in der Richtung, in welcher Königstein von Soden lag -- direkt nach dem
Lahnthal zu, und der beschloß er auch jetzt zu folgen. Allerdings mochte
sich der Flüchtige rechts oder links abgewandt haben, um entweder
Gießen oder den Rhein zu erreichen. Das letztere blieb aber immer das
Wahrscheinlichste.
Zu Fuß gedachte er aber die Tour nicht zu verfolgen, und er beschloß
deshalb, hier zu übernachten, und am nächsten Morgen mit einem
Einspänner, womöglich noch vor Tag, aufzubrechen. Dazu war es aber
nöthig, noch heute Abend einen Wagen zu bestellen. Ein Mann wurde ihm
da bezeichnet, der einen Einspänner zu vermiethen hätte. Zu dem ging er
ungesäumt und erkundigte sich.
»Ja, mein lieber Herr,« sagte dieser achselzuckend, »wenn Sie ein paar
Stunden früher gekommen wären, so hätten Sie mit einem andern Herrn
fahren können, der dieselbe Tour macht. Der hat aber meinen
einzigen Einspänner mitgenommen. Das Pferd hätte Sie beide prächtig
fortgebracht.«
»Ein einzelner Herr?« frug Hamilton rasch, »heute Mittag?«
»Jawohl -- etwa um elf Uhr.«
»Und wie sah er aus?«
»Ja, lieber Gott, wie sah er aus -- wie ein Berliner, mit einem
schwarzen Schnurrbart und einer Reisetasche.«
»Und haben Sie nicht einen zweispännigen Wagen?«
»Thut mir leid -- die Pferde sind jetzt alle draußen. Wenn Sie aber das
dran wenden wollen, warum nehmen Sie nicht Postpferde?«
»Ist denn eine Poststation hier im Ort? Ich hatte keine Ahnung davon,
denn ich bin im Gasthaus vorgefahren.«
»Ja gewiß, und die =müssen= Ihnen Pferde schaffen.«
Hamilton hörte nichts weiter und saß, kaum eine Viertelstunde später
wieder in seiner Extrapost. Jetzt zweifelte er auch keinen Augenblick
mehr, daß er auf der richtigen Spur sei und versprach dem Postillon ein
tüchtiges Trinkgeld, wenn er ordentlich zufahren würde.
Auf der nächsten Station fand er aber seine Nachtfahrt schon
unterbrochen. Die Wege kreuzten sich hier, und er =durfte= nicht weiter
fahren, aus Furcht, die falsche Straße einzuschlagen. Er mußte dort
übernachten, aber schon vor Tag war er wieder auf, und wie er nun
die Gewißheit erlangte, daß der Flüchtige die Straße nach Norden
eingeschlagen, folgte er derselben mit Extrapost und versprach dem
Postillon ein fürstliches Trinkgeld, wenn er den Gesuchten einholte, ehe
er die Eisenbahn erreichte.
Das wäre freilich nicht möglich gewesen, wenn Kornik sich verfolgt
gewußt und dann keine Zeit versäumt hätte. Er schien sich aber
vollkommen sicher zu fühlen, denn als sie nach Camburg kamen, hörten
sie daß er dort geschlafen hätte und ziemlich spät Morgens wieder
aufgebrochen sei.
Jetzt galt es, ihm den Vorsprung abzugewinnen und näher und näher
rückten sie auch hinan, bis sie dicht vor Limburg einem rückreitenden
Postillon begegneten, der ihnen sagte, daß sie die Extrapost voraus
vielleicht noch vor der Stadt einholen könnten, wenn sie die Pferde
nicht schonten.
Und wahrlich sie schonten die Pferde nicht, was sie laufen konnten,
liefen sie. Aber nach der Bahn zu führte der Weg steil thalab, der
unglückselige Wagen hatte keinen Hemmschuh und mußte mit der Kette
eingelegt werden; zu rasch =durfte= er da nicht fahren, wenn er nicht
riskiren wollte ein Rad zu brechen. Als sie endlich Limburg dicht vor
sich sahen, war die verfolgte Extrapost nirgend zu erkennen, wohl aber
pfiff gerade der von Gießen kommende Zug in den Bahnhof ein, und hielt
dort gerade lang genug, daß ihn Hamilton, als er mit seinen, ordentlich
mit Schaum bedeckten Thieren heranrasselte, konnte wieder davonkeuchen
sehen. -- Er war zu spät gekommen.