V.

Die Verfolgung.

Hamilton warf sich an dem Morgen, nachdem er sechs verschiedene

telegraphische Depeschen aufgegeben, in einer ganz verzweifelten

Stimmung in sein Coupé, denn von dem zurückgekehrten Postillon hatte er

erfahren, daß dieser den Passagier um 4 Uhr heute Morgen in =Soden=

vor der Post abgesetzt, und er konnte jetzt den Zug benutzen, um diesen

Platz so rasch als möglich zu erreichen. Aber wieder und wieder machte

er sich selber dabei die bittersten Vorwürfe, daß er die Flucht des

schon ganz sicher geglaubten Verbrechers nur seinem eigenen Leichtsinn,

seiner eigenen bodenlosen Unachtsamkeit verdanke, denn wie dieser einmal

Mr. Burton selber begegnet sei, =mußte= er wissen, daß er sich verrathen

sah und deshalb keinen Augenblick versäumen dürfe, um sich der ihm

drohenden Gefahr zu entziehen. Und =das= hatte er übersehen -- er, der

sich selber für so schlau und in seinem Fach geschickt gehalten -- auf

so plumpe Weise, nur durch die Geistesgegenwart des Diebes, der durch

keine Bewegung verrathen, daß er seinen Verfolger erkannt habe, hatte er

sich täuschen und überlisten lassen.

Und wie war es jetzt möglich, in diesem Gewühl von Fremden einen

einzelnen Menschen wieder ausfindig zu machen, der weiter nichts zu

thun brauchte, als sich einen anderen Rock zu kaufen, die blaue Brille

abzulegen, den schwarzen Schnurrbart zu rasiren, um aufs neue völlig

unkenntlich zu sein; und daß er derartige Vorsicht =nicht= versäumen

würde, darüber durfte er kaum in Zweifel sein.

Das Einzige, was ihn noch einigermaßen beruhigte, war, daß sie

wenigstens die Dame unter sicherer Aufsicht hatten; denn es schien nicht

wahrscheinlich, daß sich der Flüchtling so leicht und für immer von dem

schönen, verführerischen Wesen getrennt haben sollte, nur um sich selber

in Sicherheit zu bringen. In irgend einer Verbindung mit ihr blieb

er gewiß, oder suchte eine solche auf eine oder die andere Art

wieder anzuknüpfen, und wenn dann Mr. Burton nur einigermaßen seine

Schuldigkeit that, so lief er ihnen schon dadurch wieder ins Netz.

Allerdings hätte Kornik die Dame schon recht gut in dieser Nacht

entführen können -- es wäre das eben so leicht gewesen als allein zu

entfliehen, aber er mußte auch wissen, daß er den Verfolger dann dicht

auf den Hacken gehabt hätte und so leicht er =jetzt= hoffen konnte, ihn

über die Richtung zu täuschen, die er genommen, so ganz unmöglich wäre

das in der Begleitung seiner Frau gewesen, die seine Bewegung nicht

allein hemmte, sondern auch eine viel breitere und leichter erkennbare

Spur hinterließ. Schon mit all dem Gepäck wäre er nicht von der Stelle

gekommen.

Das alles aber machte es, je mehr er darüber nachdachte, nur soviel

wahrscheinlicher, daß er Deutschland nicht schon verlassen habe. Nur aus

dem Weg mußte er sich für kurze Zeit halten, und wo konnte er das

besser thun, gerade in der Saison, als in irgend einem der zahllosen

Seitenthäler des Rheins oder der benachbarten Gebirge, wo eine Unmasse

von Fremden herüber und hinüber strömte, und ein einzelner Mann völlig

unbeachtet in der Menge verschwand.

Aber trotzalledem gab Hamilton die Hoffnung nicht auf. Das gehetzte Wild

hatte allerdings einen Vorsprung gewonnen, aber die Fährte war doch

noch warm -- es lag keine Nacht darauf und er selber war gerade der Mann

dazu, ihr mit allem nur erdenkbaren Eifer zu folgen. Es stand ja auch

nicht allein ein reicher Lohn auf dem Erfolg, nein, seine Ehre als

Detective auf dem Spiel, den schon gehaltenen Verbrecher nicht wieder

entschlüpfen zu lassen, und er gab sich selber das Wort, nicht Mühe

nicht Kosten zu scheuen, um ihn wieder zurück zu bringen.

In Soden angekommen erkundigte er sich aber vergebens auf dem Bahnhof

nach einem Herrn, der nur irgend zu seiner Beschreibung paßte. Es war

freilich auch nicht wahrscheinlich, daß er sich dort gezeigt habe,

denn nach Frankfurt würde er nicht so rasch zurückkehren, aber Hamilton

wollte sich von jetzt an keine Vorwürfe mehr machen, auch nur das

Geringste versäumt zu haben. Einquartirt hatte sich der Herr aber dort

=nicht=, so viel lag außer Zweifel; mit dem Mustern der Gasthäuser

brauchte er deshalb keine Zeit zu verlieren und das Wichtigste blieb,

die Straßen zu untersuchen, die von hier aus in die Berge und besonders

nach dem Rhein zu führten.

Das aber zeigte sich bald als ein sehr schwierig Stück Arbeit, denn es

hielten sich viele Fremde in Soden auf, und bei dem wundervollen

Wetter besuchte ein großer Theil derselben in früher Morgenstunde die

benachbarten Berge. Wer wollte da den Einzelnen controlliren, der sich

zwischen ihnen befunden hatte? Außerdem gab es eine Legion von

Führern in dem Badeort, die sich theilweis unterwegs, oder da und

dort einquartirt befanden; es wäre rein unmöglich gewesen, sie alle

aufzusuchen und einzeln auszufragen.

Hamilton ließ aber deshalb den Muth nicht sinken. Unermüdlich streifte

er Straße auf, Straße ab und frug bald da, bald dort in den Häusern. Nur

in einem, in dem letzten Häuschen, das auf dem Weg nach Königstein lag,

hörte er, daß ein einzelner Herr dort sehr früh vorbeigegangen sei,

ob er aber einen Schnurrbart gehabt oder eine blaue Brille und Gepäck

getragen, wer sollte das jetzt noch wissen? Ein Führer hatte ihn nicht

begleitet.

Das war keine Spur und Hamilton wollte sich schon kopfschüttelnd

abwenden, um in Soden erst etwas zu Mittag zu essen und dann seine

Versuche zu erneuern, als ein kleines Mädchen, das dabei gestanden

hatte, sagte:

»Ja, en Schnorres hat er schon gehat, un en Täschche aa ungerm Arm

getrage.«

»Einen Schnorres? was ist das?« frug Hamilton.

»Nu Hoor unner der Nas,« sagte die Frau.

»Ja un ganz schwarz war er« -- sagte die Kleine.

»So mein Kind,« sagte Hamilton, der sie aufmerksam betrachtete, »also

ein Täschchen hat er unter dem Arm getragen? groß?«

»Na -- kleen -- vun =Ledder= -- en hibsch Täschche.«

»Und der ist dort hinaus zu gegangen?«

Die Frau bestätigte das -- eine Brille schien er aber nicht aufgehabt

zu haben; das Kind wollte wenigstens nichts derartiges bemerkt haben und

eine blaue Brille wäre ihm gewiß aufgefallen.

Das war allerdings eine Spur, wenn auch nur eine außerordentlich

schwache, Hamilton beschloß aber doch, ihr zu folgen und ohne weiter

einen Moment Zeit zu verlieren, drückte er dem Kinde ein Geldstück in

die Hand und eilte dann so rasch er konnte nach Soden wieder auf die

Post, um dort Extrapost nach Königstein zu nehmen. Nur so viel Zeit

gönnte er sich, um etwas zu essen und zu trinken, so lange die Pferde

angespannt wurden -- dann ging es vorwärts, was die Thiere laufen

konnten.

In Königstein selber -- denn unterwegs, so oft er sich auch nach

dem Gesuchten erkundigte, erhielt er doch keine Auskunft -- war die

Nachforschung nicht so schwer. Es gab dort nur zwei halbwegs anständige

Wirthshäuser und in dem einen erfuhr er denn auch, daß ein einzelner

Herr mit einem sehr schwarzen Schnurrbart und etwas brauner

Gesichtsfarbe da gefrühstückt habe, dann aber weiter =gegangen= sei,

ohne daß sich natürlich irgend Jemand um ihn bekümmert hätte. Eine

lederne kleine Reisetasche mit Stahlbügel führte er bei sich, eine

Geldtasche hatte er umhängen, und auch noch einen Riemen umgeschnallt

gehabt -- das wollte der Wirth deutlich gesehen haben -- weiter wußte er

nichts.

»In was für Geld hat er seine Zeche bezahlt?«

»In Gulden und Kreuzern -- der Landesmünze.«

Hamilton war nicht halb sicher, daß er wirklich auf der Spur des

Gesuchten sei, aber was blieb ihm jetzt anderes übrig, als ihr, da er

sie einmal aufgenommen, auch weiter zu folgen, er würde sich sonst immer

wieder Vorwürfe gemacht haben, eine wahrscheinliche Bahn aufgegeben zu

haben, um dafür wild und verloren in der Welt herumzusuchen.

Von hier aus schien der Flüchtling aber wirklich den Waldweg

eingeschlagen zu haben, denn auf keiner Straße war er mehr gesehen

worden, auch konnte er sich keinen Führer genommen haben, denn das

hätte sich jedenfalls ausgesprochen. Wohin jetzt? Es war bald Abend, als

Hamilton erschöpft in das Gasthaus zurückkehrte, wo er mit einer Flasche

Wein und der Eisenbahnkarte vor sich, seinen weiteren Schlachtplan

überlegte. Er fühlte dabei recht gut, daß er von jetzt an auf gut Glück

weiter suchen müsse. Nur eine Andeutung seines zukünftigen Weges fand er

in der Richtung, in welcher Königstein von Soden lag -- direkt nach dem

Lahnthal zu, und der beschloß er auch jetzt zu folgen. Allerdings mochte

sich der Flüchtige rechts oder links abgewandt haben, um entweder

Gießen oder den Rhein zu erreichen. Das letztere blieb aber immer das

Wahrscheinlichste.

Zu Fuß gedachte er aber die Tour nicht zu verfolgen, und er beschloß

deshalb, hier zu übernachten, und am nächsten Morgen mit einem

Einspänner, womöglich noch vor Tag, aufzubrechen. Dazu war es aber

nöthig, noch heute Abend einen Wagen zu bestellen. Ein Mann wurde ihm

da bezeichnet, der einen Einspänner zu vermiethen hätte. Zu dem ging er

ungesäumt und erkundigte sich.

»Ja, mein lieber Herr,« sagte dieser achselzuckend, »wenn Sie ein paar

Stunden früher gekommen wären, so hätten Sie mit einem andern Herrn

fahren können, der dieselbe Tour macht. Der hat aber meinen

einzigen Einspänner mitgenommen. Das Pferd hätte Sie beide prächtig

fortgebracht.«

»Ein einzelner Herr?« frug Hamilton rasch, »heute Mittag?«

»Jawohl -- etwa um elf Uhr.«

»Und wie sah er aus?«

»Ja, lieber Gott, wie sah er aus -- wie ein Berliner, mit einem

schwarzen Schnurrbart und einer Reisetasche.«

»Und haben Sie nicht einen zweispännigen Wagen?«

»Thut mir leid -- die Pferde sind jetzt alle draußen. Wenn Sie aber das

dran wenden wollen, warum nehmen Sie nicht Postpferde?«

»Ist denn eine Poststation hier im Ort? Ich hatte keine Ahnung davon,

denn ich bin im Gasthaus vorgefahren.«

»Ja gewiß, und die =müssen= Ihnen Pferde schaffen.«

Hamilton hörte nichts weiter und saß, kaum eine Viertelstunde später

wieder in seiner Extrapost. Jetzt zweifelte er auch keinen Augenblick

mehr, daß er auf der richtigen Spur sei und versprach dem Postillon ein

tüchtiges Trinkgeld, wenn er ordentlich zufahren würde.

Auf der nächsten Station fand er aber seine Nachtfahrt schon

unterbrochen. Die Wege kreuzten sich hier, und er =durfte= nicht weiter

fahren, aus Furcht, die falsche Straße einzuschlagen. Er mußte dort

übernachten, aber schon vor Tag war er wieder auf, und wie er nun

die Gewißheit erlangte, daß der Flüchtige die Straße nach Norden

eingeschlagen, folgte er derselben mit Extrapost und versprach dem

Postillon ein fürstliches Trinkgeld, wenn er den Gesuchten einholte, ehe

er die Eisenbahn erreichte.

Das wäre freilich nicht möglich gewesen, wenn Kornik sich verfolgt

gewußt und dann keine Zeit versäumt hätte. Er schien sich aber

vollkommen sicher zu fühlen, denn als sie nach Camburg kamen, hörten

sie daß er dort geschlafen hätte und ziemlich spät Morgens wieder

aufgebrochen sei.

Jetzt galt es, ihm den Vorsprung abzugewinnen und näher und näher

rückten sie auch hinan, bis sie dicht vor Limburg einem rückreitenden

Postillon begegneten, der ihnen sagte, daß sie die Extrapost voraus

vielleicht noch vor der Stadt einholen könnten, wenn sie die Pferde

nicht schonten.

Und wahrlich sie schonten die Pferde nicht, was sie laufen konnten,

liefen sie. Aber nach der Bahn zu führte der Weg steil thalab, der

unglückselige Wagen hatte keinen Hemmschuh und mußte mit der Kette

eingelegt werden; zu rasch =durfte= er da nicht fahren, wenn er nicht

riskiren wollte ein Rad zu brechen. Als sie endlich Limburg dicht vor

sich sahen, war die verfolgte Extrapost nirgend zu erkennen, wohl aber

pfiff gerade der von Gießen kommende Zug in den Bahnhof ein, und hielt

dort gerade lang genug, daß ihn Hamilton, als er mit seinen, ordentlich

mit Schaum bedeckten Thieren heranrasselte, konnte wieder davonkeuchen

sehen. -- Er war zu spät gekommen.

Unter Palmen und Buchen. Erster Band. Unter Buchen. Gesammelte Erzählungen. · 第 12 / 18 题