IV.

Die schöne Fremde.

Mr. Burton blieb in einer nichts weniger als behaglichen Stimmung

zurück, denn er hatte ganz plötzlich die =Leitung= einer Angelegenheit

bekommen, in der er bis jetzt nur gedacht hatte als Zeuge, und

vielleicht als Kläger aufzutreten.

James Burton war überhaupt der Mann nicht, in irgend einer Angelegenheit

entschieden und selbständig zu =handeln=; er verhielt sich am liebsten

passiv.

In einer der ersten bürgerlichen Familien seines Vaterlandes erzogen,

in den besten Schulen herangebildet, in der besten Gesellschaft

aufgewachsen, war er von edlem, offenem Charakter, dem sich ein gesunder

Verstand und ein weiches Herz paarte. Das letztere lief ihm aber nur

zu oft mit dem ersteren davon, und selber unfähig eine unrechtliche

Handlung zu begehen, gab es für ihn auch nichts Schrecklicheres auf der

Welt, als solche einem anderen zuzutrauen.

Nichtsdestoweniger bekam er es hier mit einer nicht wegzuläugnenden

Thatsache zu thun, denn William Kornik, von seinem Vater mit Wohlthaten

überhäuft und in eine ehrenvolle und einträgliche Stellung gebracht,

hatte das Vertrauen seines Hauses auf eine so nichtswürdige Weise

getäuscht und mißbraucht, daß ein Zweifel an seiner Unehrlichkeit nicht

mehr stattfinden konnte. Gegen diesen würde er auch mit rücksichtsloser

Strenge vorgegangen sein, aber jetzt bekam er plötzlich den Auftrag,

gegen eine =Frau= einzuschreiten, deren Betheiligung an dem Raub

allerdings wahrscheinlich, aber keineswegs völlig erwiesen war. Und doch

sah er auch recht gut ein, daß Hamilton Recht hatte, wenn er verlangte,

die jedenfalls sehr verdächtige Person wenigstens so lange fest

und unter Aufsicht zu halten, bis er mit dem wirklichen Verbrecher

zurückkehren könne. Nur daß =ihm= dazu der Auftrag geworden, war ihm

fatal, und er hätte vielleicht eine große Summe Geldes gegeben, um sich

davon loszukaufen, aber das ging eben nicht, und es blieb ihm nichts

andres übrig, als sich der einmal übernommenen Pflicht nun auch nach

besten Kräften zu unterziehen. Er hoffte dabei im Stillen, daß die

Dame sehr stolz und frech gegen ihn auftreten würde, und war

fest entschlossen, sich nicht einschüchtern zu lassen. Um den

verbrecherischen Erwerb des Geldes =mußte= sie ja wissen, sie wäre

sonst nicht heimlich mit ihm geflohen, und wenn sich dann auch noch

herausstellte, daß sie den Schmuck der Lady Clive entwendet hatte,

dann brauchte er auch weiter kein Mitleiden mit ihr zu haben, und jede

Rücksicht hörte von selbst auf.

Nichtsdestoweniger konnte er sich doch nicht entschließen, die

Höflichkeit soweit außer Acht zu lassen, als sich vor zwölf Uhr bei ihr

melden zu lassen. Aber er traute ihr deshalb doch nicht; denn Mr.

Kornik war ihm auf viel zu rasche Art abhanden gekommen, um nicht etwas

Aehnliches auch von seiner Frau oder Gefährtin zu fürchten. Er ging

deshalb, sehr zum Erstaunen des Portiers, der gar nicht wußte, was er

von dem unruhigen Gast denken sollte, und ihn frug, ob er vielleicht

Zahnschmerzen habe, die langen Stunden theils auf dem Vorsaal, theils

auf der Treppe auf und ab -- denn das verzweifelte Haus hatte ja zwei

Ausgänge -- und horchte verschiedene Male oben an der Thür, um sich zu

versichern, daß nicht der zweite Vogel ebenfalls heimlich ausgeflogen

sei.

Aber diese Furcht schien grundlos zu sein. Das Stubenmädchen, dem er auf

der Treppe begegnete, brachte das Frühstück hinauf, ein Glas Madeira und

ein Beefsteak, die verlassene Frau nahm also noch substantielle Nahrung

zu sich, und als es endlich auf sämmtlichen Frankfurter Uhren -- was

bekanntlich eine lange Zeit dauert -- zwölf geschlagen hatte, faßte

er so viel Muth, der Dame seine Karte hinaufzuschicken und anfragen zu

lassen, ob er das Vergnügen haben könne, ihr seine Aufwartung zu machen.

Das klang allerdings nicht wie das Vorspiel einer criminellen

Untersuchung, aber die gewöhnlichen Gesetze der Höflichkeit durften doch

auch nicht außer Acht gelassen werden. Höflichkeit schadet nie, und

man hat dadurch oft schon mehr erreicht, als durch sogenannte gerade

Derbheit, was man im gewöhnlichen Leben auch wohl =Grobheit= nennt.

Die Antwort lautete umgehend zurück, daß die Dame sich glücklich

schätzen würde, ihn zu begrüßen und nur noch um wenige Minuten bäte, um

ihre Morgentoilete zu beenden.

Die wenigen Minuten dauerten allerdings noch eine reichliche halbe

Stunde, aber Mr. Burton war gar nicht böse darüber, denn er bekam

dadurch nur noch so viel mehr Zeit sich zu sammeln, und sich ernstlich

vorzunehmen, diese Person allerdings mit jeder Artigkeit, aber auch

mit jeder, hier unumgänglich nöthigen Strenge zu behandeln. Was half es

auch, Rücksicht auf ein Wesen zu nehmen, das sich an einen Menschen

wie diesen Kornik soweit weggeworfen hatte, sogar Theilnehmerin seiner

=Verbrechen= zu werden. Dabei überlegte er sich auch, daß es weit besser

sein würde, im Anfang keine einzige Frage derselben zu beantworten,

sondern vor allen Dingen erst alles herauszubekommen, was =sie= wußte.

Volle Aufrichtigkeit konnte allein ja auch jetzt ihre Strafe mildern und

ihrem Vergehen das Gehässige der Verstocktheit nehmen, und durch =ihr=

Geständniß bekamen sie außerdem gleich ein Hauptzeugniß gegen den jetzt

noch flüchtigen Verbrecher.

Mitten in diesen Betrachtungen wurde er durch die Klingel auf Nr. 7

gestört, die den Kellner herbeirief. -- Dieser erschien gleich darauf

wieder und meldete Herrn Burton, die Dame erwarte ihn.

Also der Augenblick war gekommen, und mit festen Schritten stieg er die

Treppe hinan. Wußte er doch auch schon vorher, wie er die Dame finden

würde, die so ewig lang gebraucht hatte, ihre Toilette zu machen: im

vollen Staat natürlich, um ihm zu imponiren und jede Frage nach einer

begangenen Schuld gleich von vorn herein abzuschneiden. Aber er lächelte

trotzig vor sich hin, denn er wußte, daß eine derartige plumpe List

bei ihm nicht das Geringste helfen würde. Er ließ sich eben nicht

verblüffen.

Mit festen Schritten stieg er die Stufen hinan und klopfte an -- aber

doch nicht zu laut. »_Walk in_,« hörte er von einer fast schüchternen

Stimme rufen, und als er die Thür öffnete, blieb er ordentlich bestürzt

auf der Schwelle stehen, denn vor sich sah er das lieblichste Wesen, das

er in seinem ganzen Leben noch mit Augen geschaut.

Mitten in der Stube stand die junge Fremde -- nicht etwa in voller

Toilette, mit Schmuck und Flittertand behangen, wie er eigentlich

gehofft hatte sie zu finden, sondern in einem einfachen, schneeweißen

Morgenanzug, der ihre Schönheit nur um so reizender erscheinen ließ, und

während ihr blaues Auge feucht von einer halbzerdrückten Thräne schien,

streckte sie dem Eintretenden die Hand entgegen und sagte, mit vor

Bewegung zitternder Stimme:

»Sie sendet mir der liebe Gott, mein Herr -- Ihr Name ist mir zwar

fremd, aber aus Ihrer Karte sehe ich, daß Sie ein Landsmann sind, also

ein Freund, der mich in der größten Noth meines Lebens trifft, und mir

gewiß, wenn er nicht helfen kann, doch rathen wird.«

»Madam,« sagte der junge Burton, durch diese keineswegs erwartete Anrede

ganz außer Fassung gebracht, indem er die ihm gereichte Hand nahm und

fast ehrfurchtsvoll an seine Lippen hob, »ich -- ich begreife nicht

recht -- ich gestehe, daß ich -- Sie entschuldigen vor allen Dingen

meinen Besuch.«

»Ich würde Sie darum gebeten haben,« sagte die junge Frau herzlich,

»wenn ich gewußt hätte, daß ein Landsmann mit mir unter einem Dache

wohnt; aber das Fremdenbuch, das ich mir heute Morgen bringen ließ,

zeigte keinen einzigen englischen Namen -- doch ich darf nicht

selbstsüchtig sein,« unterbrach sie sich rasch -- »Sie sind da --

ich sehe in dem edlen Ausdruck Ihrer Züge, daß ich auf Ihren Beistand

rechnen kann, und nun erst vor allen Dingen, =Ihre= Angelegenheit. Lösen

Sie mir das Räthsel, das Sie, einen vollkommen Fremden, gerade in dieser

Stunde zu mir hergeführt -- und bitte, nehmen Sie Platz -- oh verzeihen

Sie der Aufregung, in der Sie mich gefunden, daß ich Sie schon so lange

hier im Zimmer habe stehen lassen.«

Damit führte sie ihn mit einfacher Unbefangenheit zu dem kleinen mit

rothem Plüsch überzogenen Sopha und nahm dicht neben ihm Platz, so daß

es dem jungen Manne ganz beklommen zu Muthe wurde. Auch die Frage diente

nicht dazu, ihm seine ruhige Ueberlegung wieder zu geben, denn konnte

er =dem= Wesen neben ihm jetzt mit kalten, dürren Worten sagen, daß er

hierher gekommen sei, um sie des =Diebstahls= zu bezüchtigen und in Haft

zu halten? Es war ordentlich als ob ihm die innere Bewegung die Kehle

zusammenschnürte und er brauchte geraume Zeit, um nur ein Wort des

Anfangs zu finden.

Die junge Frau an seiner Seite ließ ihm dabei vollkommen Zeit sich

zu fassen, und nur wie schüchtern blickte sie ihn mit ihren großen

seelenvollen Augen an. Und diese Augen sollten jemals die Helfershelfer

eines Verbrechens gewesen sein? Es war nicht möglich; Hamilton hatte

den größten nur denkbaren Mißgriff gemacht, und ihn selber jetzt in eine

Lage gebracht, wo er mit Vergnügen tausend Pfund Sterling bezahlt hätte,

um nur mit Ehren wieder heraus zu sein.

Endlich fühlte er aber doch, daß er nicht länger schweigen konnte,

ohne sich lächerlich zu machen, und begann, wenn auch anfangs noch mit

leiser, unsicherer Stimme.

»Madam -- Sie -- Sie müssen mich wirklich entschuldigen, wenn ich Sie

von vornherein mit einer Frage belästige, die -- die eigentlich Ihren

-- Ihren Herrn Gemahl betrifft -- dem auch -- dem auch vorzugsweise mein

Besuch galt; denn ich würde nicht gewagt haben, =Sie= zu stören. Aber

-- seine so plötzliche Abreise -- und mitten in der Nacht hat einen

Verdacht erweckt, der --«

»Einen =Verdacht=?«

»Uebrigens,« lenkte Burton ein, da ihm plötzlich wieder beifiel, daß er

ja vorher Alles hatte hören wollen, was die Dame =ihm= sagen würde, um

danach sein eigenes Handeln zu regeln -- »hängt alles vielleicht mit dem

zusammen, wegen dessen Sie selber meinen Rath verlangen, und wenn Sie

nur die Freundlichkeit haben wollten --«

»Aber einen =Verdacht=?« -- sagte die junge Dame rasch und erschreckt,

indem sie ihre zitternde Hand auf seinen Arm legte und in der

gespanntesten Erwartung mit ihren schönen Augen an seinen Lippen hing.

-- »Welcher Verdacht könnte auf ihm ruhen? -- In welcher Verbindung

können Sie mit ihm stehen? Oh, spannen Sie mich nicht länger auf die

Folter -- machen Sie mich nicht unglücklicher, als ich es schon bin.

Ach, ich hatte ja gehofft, daß =Sie= gerade mir Hülfe und Trost

bringen sollten; tragen Sie nicht dazu bei, meine Unruhe durch längeres

Schweigen noch zu vermehren.«

Mr. Burton fand sich so in die Enge getrieben, daß er schon gar keinen

möglichen Ausweg mehr sah. =Er= war ja auch eigentlich verpflichtet

zuerst zu sprechen. =Er= hatte eine Unterredung mit ihr erbeten, nicht

=sie= mit ihm, und wenn ihn auch ein wahrhaft verzweifelter Gedanke

einmal einen Moment erfaßte, sich aus der ganzen Geschichte durch

irgend eine Ausrede hinaus zu lügen, fiel ihm doch ums Leben nicht das

Geringste, auch nur einigermaßen Glaubwürdige bei. Es blieb ihm also

nichts übrig, als der jungen Dame -- natürlich so schonend wie das nur

irgend geschehen konnte -- die Wahrheit zu sagen, und dabei war er auch

im Stande zu sehen, welchen Eindruck die Beschuldigung auf sie machen

würde -- danach wollte er dann handeln.

»Madam,« sagte er, aber noch immer verlegen -- »beruhigen Sie sich --

es wird sich ja noch alles aufklären. -- Ich selber -- ich bin ja fest

überzeugt, daß =Sie= der -- unangenehmen Sache, um die es sich handelt,

vollständig fern stehen. -- Es ist auch noch nicht einmal ganz fest

bestimmt, ob ihr Herr -- Herr Gemahl auch wirklich jene Persönlichkeit

ist, die wir suchen -- die ganze Sache kann ja möglicher Weise ein

Irrthum sein, und nur der dringende Verdacht, den mein Begleiter gegen

mich ausgesprochen hat, veranlaßt mich --«

»Aber ich verstehe Sie gar nicht,« sagte die junge Dame, und sah dabei

gar so lieb und doch so entsetzlich unglücklich aus, daß ihm ordentlich

das eigene Herz weh that.

»Ich =muß= deutlicher reden,« fuhr Mr. Burton fort, der sie nicht länger

in dieser Aufregung lassen durfte. »Also hören Sie. Mein Name ist James

Burton. Ich bin seit diesem Jahre Theilhaber der Firma meines Vaters

Burton & Burton in London. Seit sieben Jahren hatten wir einen jungen

Mann in unserm Geschäft, einen Polen, Namens Kornik, der sich durch

seine Geschicklichkeit und Umsicht so in meines Vaters Vertrauen

einschlich, daß er ihn vor zwei Jahren zu unserm Hauptcassirer machte.

Mein Vater wußte nicht, daß er eine Schlange in seinem Busen nährte. Vor

etwa acht Tagen verschwand dieser Mensch plötzlich aus London und zwar

an einem Sonnabend Abend, wodurch er etwa vierzig Stunden Vorsprung

bekam, denn da nicht der geringste Verdacht auf ihm lastete, fiel auch

sein Ausbleiben am Montag Morgen nicht so rasch auf, wie das sonst

vielleicht der Fall gewesen wäre. Nur weil mein Vater fürchtete, daß er

könne unwohl geworden sein, schickte er in seine Wohnung hinüber, die

sich unmittelbar neben uns befand, und hörte hier zu seinen Erstaunen,

daß Mr. Kornik sowohl Sonnabend als auch Sonntag Abend nicht nach Hause

gekommen sei.«

»Aber was, um Gottes Willen, habe ich mit dem allen zu thun?« unterbrach

ihn die junge Dame, erstaunt mit dem Kopf schüttelnd.

»Erlauben Sie mir,« fuhr Mr. Burton, in der Erinnerung an das Geschehene

wärmer werdend fort: »Der erste Gedanke meines Vaters war, daß ihm ein

Unglück begegnet sein könne; ein anderer Commis aber in unserem Haus

mußte doch etwas bemerkt haben, was ihm verdächtig vorkam. Er bat uns

dringend, keine Zeit zu versäumen und die Kasse zu revidiren, und

da stellte sich denn bald das Entsetzliche heraus, daß eine =sehr=

bedeutende Summe fehlte, die, nach den über Tag eingegangenen

Erkundigungen, gegen 20,000 Pfd. Sterling betrug.«

»Mein Vater wandte sich augenblicklich an die Polizei, und ein sehr

gewandter Detective, der uns besuchte, und der zur Verfolgung bestimmt

wurde, gerieth noch an dem nämlichen Tag auf eine andere Spur, die,

wie er meinte, sicherer zur Entdeckung des Verbrechers führen konnte.

Derselbe war nämlich, wie der Polizeiagent sehr rasch herausbrachte, mit

einer jungen sehr -- ge -- sehr gewandten Dame bekannt geworden und als

an dem nämlichen Tag eine andere Klage gegen diese einlief, daß sie

in dem Haus einer Lady, wo sie Stunden gab, einen werthvollen Schmuck

entwandt haben sollte, ebenfalls aber nirgends aufzufinden war, und seit

dem nämlichen Abend fehlte, wie jener Kornik -- so blieb zuletzt kein

Zweifel, daß beide mitsammen geflohen sein mußten.«

»Jetzt war kein Augenblick mehr zu verlieren um der Verbrecher habhaft

zu werden. Lady Clive -- so hieß jene Dame -- setzte selber eine

namhafte Summe für den Polizeibeamten aus; da dieser aber weder die Dame

noch unsern frühern Kassirer persönlich kannte, entschloß ich mich ihn

zu begleiten, und wir begannen gemeinschaftlich unsere etwas ungewisse

Fahrt.«

»Und jetzt?« frug die Fremde, anscheinend in größter Spannung.

»Indessen,« fuhr Mr. Burton fort, »wurde kein mögliches Mittel versäumt

um die beiden aufzufinden, falls sie sich noch in England aufhalten

sollten. Zugleich telegraphirten wir an die nächsten Hafenplätze. Mein

ganz vortrefflicher und gewandter Begleiter war aber schon auf eine

Spur gekommen, die ihn nach Hamburg führte. Mit dem Hamburg Packet

waren nämlich am Sonnabend Abend zwei Personen abgegangen, die der

Beschreibung vollkommen entsprachen. Einer der Kassenleute in dem

Office des Dampfboots behauptete sogar, Kornik an jenem Abend mit einer

Reisetasche an dem Landungsplatz des Dampfboots gesehen zu haben. Wir

folgten augenblicklich, verloren aber die Spur in Hamburg wieder, und

glaubten sie erst in Hannover -- freilich, wie sich später erwies,

irrthümlich -- wieder zu finden. Dort ließ mich Mr. Hamilton zurück,

während er selber, von einer Art polizeilichen Instinkts getrieben, nach

Frankfurt vorauseilte und hierher zu -- zufälliger Weise -- mit Ihnen

und Ihrem Herrn Gemahl die Reise in einem Coupé machte.«

Ein leises Zittern flog über den Körper der Frau, aber ihre Züge

verriethen keine Spur von Ueberraschung, und nur mit mehr erstaunter als

bewegter Stimme sagte sie:

»Und jetzt?« --

»Und jetzt,« fuhr Mr. Burton verlegen fort, »glaubte er, durch mehrere

sonderbar zusammentreffende Umstände jenen aus London mit unserem Geld

entflohenen Kornik in dem -- Sie dürfen mir nicht zürnen, denn Sie haben

die volle Wahrheit verlangt -- in dem -- Grafen Kornikoff wieder zu

finden, da sich dieser heute Nacht so heimlich --«

»Heiliger Gott der Welt!« rief die junge Frau, entsetzt emporspringend:

»reden Sie nicht aus. Darf ich denn meinen Ohren trauen? In dem Grafen

Kornikoff vermuthen Sie den entsprungenen Verbrecher? Und dann

ist, =Ihrer= Meinung nach -- seine Begleiterin jene Diebin des

Diamantenschmucks?«

»_But Madam!_« rief Mr. Burton, ebenfalls erschreckt von seinem Sitz

aufspringend, »ich sage Ihnen ja« --

»O mein Vater im Himmel, selbst das noch,« rief aber das schöne Weib,

die Arme wie flehend emporstreckend, »auch das noch -- auch das noch in

meinem Jammer und Elend. -- Aber kommen Sie,« fuhr sie leidenschaftlich

fort, indem Sie plötzlich wieder Mr. Burtons Arm ergriff und ihn fast

mit Gewalt zu ihrem Koffer zog -- »=ich= bin nur ein armes schwaches

Weib, hilflos und ohne Schutz im fremden Lande -- aber Sie

haben vielleicht ein Recht, der Spur eines verübten Verbrechens

nachzuforschen. =Ich= habe nichts als meinen ehrlichen Namen, aber

den kann ich, Gott sei Dank, mir erhalten und Ihnen bin ich noch dazu

verpflichtet, mir die Gelegenheit zu geben mich zu rechtfertigen. Mir

schwindelt der Kopf, wenn ich mir denke, daß Sie auch nur eine Stunde

länger mich in einem so furchtbaren Verdacht haben sollten.«

»_But, my dear Madam_,« rief Burton, jetzt vergebens bemüht, zu Worte zu

kommen. Die Frau ließ ihn nicht.

»Nein, nein,« fuhr sie immer erregter fort und schloß mit vor Eifer

zitternden Händen ihren Koffer auf, warf den Deckel zurück und riß die

dort sorgfältig und glatt eingepackten Stücke wild und leidenschaftlich

heraus. »Da -- hier -- hier ist alles was ich auf der Welt mein nenne

-- da meine Wäsche -- da meine Kleider,« fuhr sie fort die genannten

Sachen, ohne daß es Burton verhindern konnte, über den Boden streuend,

»hier mein Schmuck -- eine dürftige Korallenkette mit einem goldenen

Kreuzchen, das Erbtheil meiner seligen Mutter -- und wie ich =früher=

ihren Tod beklagte, jetzt danke ich Gott, daß sie diese Stunde nicht

erlebte. -- Hier meine --« sie konnte nicht weiter -- ihr Gefühl

überwältigte sie. Sie richtete sich auf und wollte zum nächsten Stuhl

schwanken, aber sie vermochte es nicht und wäre zu Boden gesunken, wenn

sie nicht James Burton in seinen Armen aufgefangen hätte.

Das war eine böse Situation für den jungen Mann -- der warme Körper der

jungen Frau ruhte an seinem Herzen, und vergebens suchte er sie durch

tausend Trostesworte ins Leben zurückzurufen. -- Und wie ihr Herz dabei

schlug -- er wußte sich keines Rathes, als sie aufs Sopha zu tragen --

und als er sie in die Höhe hob, trafen seine Lippen unwillkührlich

auf die ihrigen und ruhten einen Moment darauf. Endlich raffte er sich

empor. Er wollte nach Hilfe rufen, aber er wagte es nicht -- was mußten

die Leute im Hotel davon denken, wenn er in einer solchen Situation mit

der jungen Dame getroffen wurde? Auf dem Waschtisch stand ein Glas Eau

de Cologne -- damit benetzte er ihr Taschentuch, hielt es ihr unter

die Nase und rieb ihr Schläfe und Puls, und als das alles nicht helfen

wollte, tauchte er das Handtuch in kaltes Wasser und legte es ihr um

die Stirn. Aber es dauerte wohl zehn Minuten, ehe er sie zum Bewußtsein

zurückrief, und =als= sie endlich erwachte, befand sie sich in einem so

furchtbar überreizten Zustande, daß sie den über ihr lehnenden Arm des

jungen Mannes ergriff, ihre Stirn dagegen lehnte und bitterlich weinte.

Mr. Burton that das unter solchen Umständen Zweckmäßigste -- er ließ sie

sich ausweinen und es gewährte ihm sogar einige Beruhigung, daß er

sie dabei mit seinem linken Arm stützen und halten konnte. Aber diese

Schwäche dauerte nicht lange. Die junge Frau zeigte eine ungemeine

Willenskraft, dieses augenblickliche Erliegen ihres Körpers zu

bewältigen, und mit leiser Stimme sagte sie:

»Ich danke Ihnen -- ich fühle mich stärker -- es ist vorbei. Lassen sie

mich jetzt Alles wissen -- o verhehlen Sie mir nichts -- ich =muß= es ja

erfahren und dann habe auch ich Ihnen ein Geständniß abzulegen. --

Ich fühle, daß Sie es gut mit mir meinen. Zürnen sie mir nicht, meiner

Heftigkeit wegen.«

»Oh, daß ich Ihnen beweisen könnte, wie innigen Antheil ich an Ihrem

Schicksal nehme,« rief Mr. Burton bewegt aus.

»Und wo ist ihr Begleiter jetzt?« frug die junge Frau, die noch immer

halb von seinem Arm gehalten wurde.

»Ich weiß es nicht,« sagte Mr. Burton mit einer gewissen Genugthuung,

ihr darauf keine bestimmte Antwort geben zu können. »Er folgt jenem

Grafen Kornikoff, um sich sicher zu stellen, ob er es in diesem mit dem

vermutheten Kornik zu thun hat. Nun aber sagen sie auch mir, dear Madam

-- wie kommen Sie in die Gesellschaft jenes Mannes? -- wie lernten Sie

ihn kennen, und hatten Sie keine Ahnung, daß er ein Betrüger sei?«

»Ich kann es mir =jetzt= noch nicht denken,« rief die Unglückliche

-- »es ist nicht möglich -- er hätte ja, =wenn= es wahr wäre, ein

tausendfaches Verbrechen an mir selber verübt. O lassen Sie mich noch an

seine Unschuld glauben.«

»Wie gern wollte ich Sie in dieser Täuschung lassen,« sagte Mr. Burton,

»aber ich muß gestehen, daß viele, viele Umstände dagegen sprechen.«

»Dann finden wir auch in seinem Koffer Aufschluß über das Vergehen,«

rief da die Dame plötzlich, indem sie sich vom Sopha emporrichtete. »Er

hat sein ganzes Gepäck zurückgelassen und nicht allein zu Ihrer, nein

auch zu meiner Genugthuung muß ich jetzt darauf bestehen, daß Sie es auf

das Genaueste untersuchen.«

Mr. Burton wollte sie davon zurückhalten, weil er nicht mit Unrecht

fürchtete, daß sie sich dabei aufs neue zu sehr aufregen würde, aber

sie bestand fest darauf und da ihm selber daran lag, das hinterlassene

Eigenthum jenes Menschen nachzusehen, gab er endlich ihrem Wunsche nach.

Vergebens aber durchsuchten sie jetzt den ganzen, ziemlich geräumigen

Koffer; es fand sich nichts, was irgend einen Aufschluß hätte geben

können. Ganz unten aber in der Ecke lag ein zusammengedrücktes Papier

-- ein altes Couvert, in das ein Paar alte Hemdknöpfchen und eine

Westenschnalle eingewickelt waren, und auf dem Couvert stand die

Adresse:

_W. Kornik Esqre

Care of Messrs. Burton & Burton -- London._

Mr. Burton entfaltete das Couvert, las es, und reichte es dann

schweigend, aber mit einem beredten Blick der Dame. Diese aber hatte

kaum das Auge darauf geworfen, als sie mit leiser, entsetzter Stimme

sagte:

»Vater im Himmel! also doch,« und ihr Antlitz in ihren Händen

bergend, stand sie wohl eine Minute still und schweigend und wie

ineinandergebrochen. Endlich richtete sie sich wieder empor, und dem

jungen Mann noch einmal die Hand entgegenstreckend, sagte sie:

»Ich danke Ihnen, Mr. Burton -- danke Ihnen recht von Herzen, daß Sie

den Schleier gelüftet haben, der mich von einem Abgrund trennte. Wenn

Sie aber jetzt Ihrer Güte gegen mich die Krone aufsetzen -- wenn Sie

mich für ewig verpflichten wollen, dann lassen Sie mich jetzt nur für

=eine= kurze Stunde allein, um mich zu sammeln. Ich kann jetzt nicht

danken -- ich bin es nicht im Stande -- meine Glieder versagen mir den

Dienst. In einer Stunde kommen Sie wieder zu mir, dann sollen Sie

alles erfahren, was mich betrifft, und wir können dann vielleicht

gemeinschaftlich berathen, was zu thun, wie Ihnen -- wie mir zu helfen

ist. Wollen Sie mir das versprechen?«

»Madam,« sagte Mr. Burton mit tiefem Gefühl, und jetzt vollständig

überzeugt, daß dies liebliche Wesen nie und nimmer eine Mitschuldige

sein könne, -- »Sie haben ganz über mich zu befehlen und was in meinen

Kräften steht, mich Ihnen nützlich zu machen, soll gewiß geschehen.

Fassen Sie Muth, und vor Allem, fassen Sie Vertrauen zu mir und ich

hoffe, es soll noch alles gut werden. Ich lasse Sie jetzt allein -- in

einer Stunde bin ich wieder bei Ihnen -- vielleicht ist auch bis dahin

schon Nachricht über den Flüchtling eingetroffen. -- Sorgen Sie nicht,«

setzte er aber herzlich hinzu, als er dem wehmüthigen Blick begegnete,

der auf ihm haftete. -- »Sie haben einen =Freund= gefunden.« -- Und die

Hand, die er noch immer in der seinen hielt, an seine Lippen pressend,

durchrieselte es ihn ordentlich wie mit süßen Schauern, als er einen

leisen Druck derselben zu fühlen glaubte. Aber er ließ sie los,

verbeugte sich vor der jungen Dame ehrfurchtsvoll und stieg dann rasch

in sein Zimmer hinauf, um die Erlebnisse der letzten Stunde noch einmal

an seiner Erinnerung vorüberziehen zu lassen.

Unter Palmen und Buchen. Erster Band. Unter Buchen. Gesammelte Erzählungen. · 第 11 / 18 题