III.

Entwischt.

Mitternacht war lange vorüber, als sich Hamilton endlich erschöpft und

ziemlich ermüdet auf sein Lager warf, aber trotzdem befand er sich schon

um fünf Uhr angekleidet wieder draußen auf dem Gang, denn heute sollte

er ja den Lohn seiner Bemühungen ernten, und die Zeit durfte ihn nicht

lässig finden.

Das Schuhwerk stand indeß noch immer friedlich dort draußen, des

Hausknechts gewärtig, aber die Bewohner des Zimmers mußten auf sein

-- sollten sie doch am Ende heute morgen abfahren wollen? »Nein, mein

lieber Mr. Kornik,« lachte der Engländer still vor sich hin, »da wir Sie

so hübsch in der Falle haben, wollen wir auch Acht geben, daß Sie uns

nicht wieder durch die Finger schlüpfen.«

In dem Augenblick wurde in Nr. 7 die Klingel gezogen und Hamilton trat

in seine Stube zurück, ließ aber die Thür angelehnt. Er horchte --

aber er konnte nicht hören, daß irgend jemand ein Wort sprach. Ein Paar

Stühle wurden gerückt und Schiebladen ziemlich geräuschvoll auf- und

zugemacht, aber keine Sylbe wurde laut. Hatte sich das junge Ehepaar

vielleicht gezankt?

Draußen klopfte der Kellner an Nr. 7 an.

»_Walk in_.«

Die Thür öffnete sich.

»_Do you speak english?_« lautete die Frage der Dame.

Der Kellner antwortete leise einige Worte, die Hamilton nicht verstehen

konnte, aber die Frage mußte verneinend beantwortet sein, denn die Dame

erwiderte gleich darauf heftig:

»_So send somebody with whom I can speak_.«

Der Kellner -- Hamilton sah durch die Thürspalte, es war ein ganz junger

Bursch, der augenscheinlich gar nicht wußte, was die Dame von ihm wollte

-- eilte wieder die Treppe hinab. »Aber alle Wetter, wo stak denn Mr.

Kornik, der doch ganz vortrefflich deutsch sprach?«

Hamilton erschrak. Hatte der Verbrecher wirklich gestern Abend Burton

erkannt und sich selber in Sicherheit gebracht? Darüber mußte er

Gewißheit haben -- aber seine Stiefeln standen noch vor der Thür. War er

vielleicht krank geworden?

Er stieg rasch die Treppe hinunter zum Portier, den er auch schon auf

seinem Posten fand.

»Ah, Portier, wissen Sie vielleicht, wann der Herr auf Nr. 7 wieder

abreisen wird?«

»Auf Nr. 7?«

»Graf Kornikoff, glaube ich --«

»Ah -- ja der Herr Graf, kann ich wirklich nicht sagen. Er wollte heute

Abend wieder kommen.«

»=Wieder= kommen?«

»Ja -- er ist heute Morgen halb zwei Uhr mit Extrapost nach dem

Taunusgebirg gefahren.«

»_The devil he is_,« murmelte Hamilton leise und verblüfft vor sich hin,

»und hat er Gepäck mitgenommen?« frug er laut.

»Nur eine Reisetasche -- die Dame ist ja noch hier.«

»Haben Sie ihn denn gesehen?«

»Natürlich -- ich habe die Tasche ja an den Wagen getragen.«

»Aber wann, um Gottes Willen, schlafen Sie denn?«

»Ich? -- =nie=,« lächelte der Mann in voller Ruhe. Aber Hamilton hatte

andere Dinge im Kopf, als sich mit dem Portier zu unterhalten. Mit

wenigen Sätzen war er oben an Mr. Burtons Zimmer, den er auch schon

vollständig angekleidet und seiner wartend traf.

»Er ist fort,« rief er diesem ganz außer Athem entgegen, »richtig

durchgebrannt. Er =muß= Sie gestern Abend erkannt haben. Der Lump ist

mit allen Hunden gehetzt.«

»Und was jetzt?«

»Ich muß augenblicklich nach, denn der Postillon, der ihn gefahren hat,

wird zurück sein und weiß jedenfalls die Station. Dort findet sich dann

die weitere Spur.«

»=Mit= der Donna?«

»Nein, die ist zurückgeblieben, die überlasse ich jetzt Ihnen.

Wahrscheinlich hat sie auch einen Theil von Ihres Vaters Geldern in

Verwahrung -- jedenfalls den Schmuck. -- Hier ist der Verhaftsbefehl für

Kornik und seine Begleiterin -- mir kann er doch nichts helfen, denn

er gilt, von den Frankfurter Behörden ausgestellt, nur für das hiesige

Gebiet. Das ist eine verzweifelte Wirthschaft in Deutschland, wo ein

Mann in einer einzigen Stunde in drei verschiedener Herren Länder sein

kann.

»Aber wie bekomme ich heraus, ob das auch in der That jene berüchtigte

Miss Fallow ist, bester Hamilton? Die Flucht des Grafen, wenn er

wirklich geflohen, bleibt allerdings sehr verdächtig und ich zweifle

kaum, daß Sie auf der richtigen Fährte sind, aber es -- wäre doch eine

ganz fatale Geschichte, =wenn= wir es nicht mit den rechten Leuten zu

thun hätten, und jetzt einer wildfremden und ganz unschuldigen Dame

Unannehmlichkeiten bereiteten.«

»Machen Sie sich deshalb keine Sorgen!« lachte Hamilton. »Daß ich Ihnen

aus diesem Grafen Kornikoff den richtigen und unverfälschten Kornik

herausschäle, darauf können Sie sich fest verlassen, und dies junge,

wirklich wunderhübsche Geschöpf, was ihn begleitet, hätte sich dem Lump

auch nicht an den Hals geworfen, wenn sie nicht schon vorher durch ein

=Verbrechen= mit einander verbunden gewesen wären. Nein, die einzige

Sorge, die ich habe, ist die, daß =Ihnen= die junge Dame einmal ebenso

eines Morgens unter den Händen fortschlüpft, wie ich mir in fabelhaft

alberner Weise habe den Hauptschuldigen entwischen lassen, und wenn ich

ihn nicht wieder bekäme, wäre das ein Nagel zu meinem Sarg. Aber noch

hab' ich Hoffnung -- ich =kenne= den Herrn jetzt, denn ich habe ihn

mir =genau= angesehen und wenn er sich wirklich auch den schwarzen

Schnurrbart abrasirte und die blaue Brille in die Tasche steckte, so

denke ich ihm doch auf den Hacken zu sitzen, ehe er es sich versieht.«

»Er wird direkt über die Grenze nach Frankreich fliehen.«

»Daran habe ich auch schon gedacht, denn Geld genug hat er bei sich,

aber dagegen hilft der Telegraph. An die beiden Grenzstationen werde ich

jetzt vor allen Dingen genau telegraphiren, und wenn ich da nur ein Wort

mit einfließen lasse, daß der Herr mit dem Revolutionscomité in London

in Verbindung stände, passen sie auf wie die Heftelmacher.«

»Und sie wollen dem Kornik nach?«

»Augenblicklich, so wie ich die Depeschen befördert habe. Ich nehme

jetzt ohne weiteres Extrapost und treffe ich ihn, so telegraphire ich

ungesäumt.«

»Und ich lasse unterdessen die Dame verhaften?«

»Das ist das Sicherste. Sie können ja Bürgschaft leisten, wenn es

verlangt werden sollte. Auf dem Gerichte finden Sie auch Jemand, der

englisch spricht.«

»Abscheuliche Geschichte,« murmelte der junge Burton zwischen den

Zähnen, »daß uns der Lump auch gestern Abend gerade so zur unrechten

Zeit in den Weg laufen mußte.«

»Das ist jetzt nicht zu ändern,« rief aber der weit entschiednere

Hamilton -- »wir haben immer noch Glück gehabt, das Volk Hühner so rasch

anzutreffen und zu sprengen. Jetzt halten Sie nur Ihren Part fest, und

ich glaube Ihnen garantiren zu können, daß ich =meine= Hälfte ebenfalls

zur rechten Zeit einbringe.«

»Und wissen Sie gewiß, daß Kornik die Stadt verlassen hat?«

»Gar kein Zweifel -- aber das erfahre ich ja auch gleich auf der Post.

Jetzt wollen wir nur noch einmal hinunter und sehen, ob wir nichts mehr

von der Donna zu hören bekommen.«

Es war in der That das Einzige, was sie thun konnten. Sie fanden die

Thür aber wieder geschlossen und Hamilton wandte sich unten an den

Oberkellner, um womöglich etwas Näheres zu erfahren.

»Ach, Oberkellner, meine Rechnung -- ich reise ab.«

»Zu Befehl, mein Herr --«

»Apropos, was war denn das heute Morgen für ein Lärm auf Nr. 7? Meine

schöne Nachbarin schien ja sehr in Eifer.«

Der Oberkellner lächelte.

»Der Herr Gemahl hat die Nacht eine kleine Extrafahrt gemacht und die

Dame scheint eifersüchtig zu sein.«

»Es scheint als ob er heimlich auf und davon gegangen wäre,« sagte Mr.

Burton leise zu Hamilton. Dieser zuckte die Achseln.

»Gott weiß es,« erwiderte er, »aber das werden Sie jetzt herausbekommen.

Lassen Sie sich nur nicht etwa von Thränen rühren, denn wir haben es

hier mit einer abgefeimten Kokette zu thun, der auch Thränen zu Gebote

stehen, wenn sie dieselben braucht. Ich aber darf keinen Augenblick

Zeit mehr verlieren. Auf die Koffer in Korniks Zimmer legen Sie

augenblicklich Beschlag und lassen sie visitiren. Kornik hat

wahrscheinlich alle Papiere entfernt und mitgenommen; aber in der Eile

bleibt doch noch manchmal ein oder die andere Kleinigkeit zurück, die

leicht zum Verräther wird.«

»Und wenn sie sich weigert? -- wenn sie sich auf ihren Rang, vielleicht

sogar auf einen, wer weiß wie erhaltenen Paß beruft? Die Behörden hier

werden sie in Schutz nehmen.«

»Gott bewahre,« sagte Hamilton, »Sie haben ja das Duplicat unserer

englischen Vollmachten mit der Personalbeschreibung der beiden

Verbrecher in Händen. Korniks Flucht hat ihn dabei schon verdächtig

gemacht und das wenigste, was man Ihnen zugestehen kann, ist eine

Durchsuchung der Effecten im Beisein eines Polizeibeamten, und dann

die Detenirung der Person selber in Frankfurt, bis ich mit ihrem

Helfershelfer zurückkomme. In dem Fall können Sie dieselbe meinetwegen

-- natürlich unter polizeilicher Aufsicht -- so lange hier im Hotel

lassen.«

»Eine unangenehme Geschichte bleibt es immer,« sagte Mr. Burton, mit dem

Kopf schüttelnd.

»Unangenehm, _by George_,« lachte Hamilton -- »bedenken Sie, daß 20,000

Pfd. Sterling Ihres Geschäfts dabei auf dem Spiel stehen, von dem

Schmuck, der ebenfalls auf 3000 taxirt ist, gar nicht zu reden. Und nun

ade; hoffentlich bringe ich Ihnen bald den Patron selber. Verlassen Sie

nur die Stadt nicht« -- und mit den Worten rasch zu dem kleinen Stehpult

tretend, hinter welchem sich der Oberkellner befand, berichtigte er

seine Rechnung und sprang gleich darauf draußen in eine Droschke, um

seine Verfolgung anzutreten.

Unter Palmen und Buchen. Erster Band. Unter Buchen. Gesammelte Erzählungen. · 第 10 / 18 题