II.

Der Bundesgenosse.

Am nächsten Morgen war der Fremde, der sich in dem Fremdenbuch als

Particulier Hallinger eingeschrieben hatte, trotzdem daß er nicht

geweckt wurde, ziemlich früh wieder munter, aber es schlug 8 Uhr, und

die Stiefel und die Damenschuhe standen noch immer vor Nr. 7, ohne

hereingeholt zu sein. Erst gegen neun Uhr schienen die Insassen jenes

Zimmers ordentlich munter zu werden, und um halb zehn Uhr wurde Kaffee

bestellt. Aber erst gegen zwölf Uhr ging der Herr aus, und zwar allein

-- die Dame blieb auf ihrem Zimmer. Wie der Kellner aussagte, fühlte

sich die Dame nicht ganz wohl, und wollte heute ausruhen -- er hatte

wenigstens nicht in das Zimmer gedurft, und das Stubenmädchen mußte den

Kaffee hinein tragen. Wahrscheinlich lag sie noch im Bette.

Der Fremde blieb übrigens den ganzen Tag zu Haus, und schickte nur einen

Brief an _Messrs. Burton & Burton, London, 12 Fleetstreet_ durch den

Hausknecht auf die Post. Thatsache war übrigens, daß er sich ungemein

für seine Nachbarschaft zu interessiren schien, denn als der Herr wieder

nach Hause kam, rückte er sich leise einen Stuhl an die verschlossene

Verbindungsthür und horchte stundenlang mit einer merkwürdigen Ausdauer

dem da drüben gehaltenen Gespräch, jedoch ohne besonderen Nutzen. Die

laut gesprochenen Worte waren vollständig gleichgültiger Natur, und das

andere konnte er eben nicht verstehen.

Zu Mittag aß er an der Table d'hôte, aber von Nr. 6 oder 7 ließ sich

niemand dabei blicken. Die Dame schien sich noch angegriffen von der

Reise zu fühlen und Beide speisten auf ihrem Zimmer.

Erst Nachmittags begegnete er dem »Grafen Kornikoff« auf der Treppe und

dieser sah ihn etwas überrascht durch seine blaue Brille an. Der Fremde

heuchelte aber vollständige Gleichgültigkeit, nahm nicht die geringste

Notiz von ihm, und that wenigstens so, als ob er ihn gar nicht wieder

erkenne.

So verging der Tag, ohne daß die beiden Reisenden Miene gemacht hätten,

Frankfurt wieder zu verlassen. Der Oberkellner, mit dem sich Herr

Hallinger über die »bildschöne junge Frau« unterhielt, wußte wenigstens

nicht das Geringste davon. Abends aber, als der Schnellzug von Hannover

erwartet wurde, ging Hallinger hinaus auf den Bahnhof, und brauchte, als

der Zug endlich einlief, auch nicht lange nach dem Erwarteten zu suchen.

Dieser hatte ihn schon von seinem Coupé aus bemerkt und kam rasch auf

ihn zu.

»Hamilton! nun, was Neues?«

»Ich glaube, ich bin auf der richtigen Spur, Mr. Burton,« sagte dieser,

indem er achtungsvoll seinen Hut berührte. »Aber wo ist Ihr Gepäck?«

»Nichts als die Reisetasche hier.«

»Desto besser, auf der Jagd darf man nicht unnöthigen Plunder

mitschleppen. Kommen Sie, ich habe schon eine Droschke«.

»Gehen wir nicht lieber zu Fuß?«

»Es ist zu weit -- und fahren ist sicherer.«

»Und was =haben= Sie nun entdeckt?« frug der junge Engländer, als Beide

eingestiegen waren und davon rasselten -- die Unterhaltung wurde auch in

englischer Sprache geführt.

»Das will ich Ihnen mit kurzen Worten sagen,« berichtete der fälschlich

als deutscher Particulier eingetragene Fremde. »Durch einen reinen

Zufall war ich genöthigt, ein Paar Stationen in einem Packwagen zu

fahren, und fand dort einen Koffer, dessen Messingschild den Namen

»_Comte Kornikoff_« trug.«

»Und Sie glauben, daß jener Schuft Kornik dahinter stecke?«

»Durch den Namen allein wäre ich vielleicht nicht einmal darauf

gefallen,« fuhr Hamilton fort, »aber das französische Wort _Comte_ war

jedenfalls später zu dem Namen gravirt, denn es nahm nicht den Raum

ein, den ihm der Graveur gegeben hätte, wenn er es von Anfang an darauf

gesetzt. Ebenso schien das _off_ hinzugefügt.«

»Und die Beschreibung des Eigenthümers paßt?« rief Mr. Burton rasch.

»Ja und nein. Wohl in der Gestalt, aber sonst nicht ganz; der

dunkelblonde Backenbart fehlt«.

»Der kann abrasirt sein.«

»Das ist möglich -- aber er trägt einen vollkommen schwarzen Schnurrbart

und eine blaue Brille«.

»Der Schnurrbart ist vielleicht gefärbt.«

»Das vermuthe ich selber. -- Die Dame ist bei ihm.«

»Miss Fallow?«

»Unter dem Namen der Gräfin Kornikoff natürlich, -- wenn das nämlich der

von uns Gesuchte ist. Sie kennen ihn doch genau?«

»Als ob er mein leiblicher Bruder wäre. Er war ja sieben Jahre in meines

Vaters Haus und die beiden letzten als Hauptcassirer, wo er sich -- wer

weiß durch was, verleiten ließ, diesen bedeutenden Kassendiebstahl zu

begehen.«

»Wahrscheinlich durch eben diese junge Dame,« sagte Hamilton, »von der

ich ganz allerliebste Sachen gehört habe. Ihr eigentlicher Name ist Lucy

Fallow, Tochter eines Schneidermeisters in London, aber die Eltern sind

beide todt. Es sollen ganz ordentliche Leute gewesen sein. Das junge

Mädchen hatte, ihres anständigen Benehmens wegen und da sie wirklich

nicht ungebildet ist, ein Paar Jahr mit einer vornehmen Familie reisen

können, und dann später auch noch hie und da Unterricht in Musik

gegeben. Dadurch kam sie auch in Lady Clives Haus, von wo aus sie jetzt

beschuldigt wird, einen sehr werthvollen Schmuck entwendet zu haben.«

»Der sich dann vielleicht in ihrem Koffer findet.«

»Beinah hätte ich diese beiden Koffer erwischt,« lächelte Hamilton leise

vor sich hin, »aber ich durfte kein Aufsehen erregen, bis ich nicht

durch =Sie= hier Gewißheit über die Persönlichkeit erlangen konnte. Die

Dame kennen Sie nicht selber?«

»Nein -- ich habe sie nie gesehen.«

»Und von einem Grafen Kornikoff in Hannover auch nichts gehört?«

»Nicht das Geringste. Kein Mensch wußte dort etwas von ihm, und er stand

nicht einmal in einem Fremdenblatt. Er kann nur durchgereist sein, und

Sie werden gewiß die richtige Spur gefunden haben. Uebrigens müssen wir

vorher die nöthigen Schritte auf der Polizei thun.«

»Ist schon alles geschehen,« sagte Hamilton. »Ich habe den

Verhaftsbefehl für das Pärchen schon in der Tasche, und den Burschen mit

seiner Donna fest, sowie Sie mir nur bestätigen, daß er der Rechte ist.«

»Ich hätte im Leben nicht geglaubt,« sagte Mr. Burton, »daß Sie dem

Betrüger sobald auf die Spur kämen. Es geht alles nach Wunsch. Apropos,

haben Sie denn die Dame auch zu sehen bekommen?«

»Ich bin ja mit ihnen in =einem= Coupé gefahren,« lachte Hamilton, »und

sie ahnten dabei wahrscheinlich nicht, daß sie einen geheimen Polizisten

bei sich im Wagen hatten. Nun ich denke, wir werden noch länger

Reisegefährten bleiben. Aber da sind wir -- jetzt haben wir nur darauf

zu sehen, daß uns die Herrschaften nicht etwa morgen in aller Früh

durchbrennen. Wollen wir gleich auf Ihr Zimmer gehen?«

»Ich muß erst etwas essen; ich bin ganz ausgehungert.«

»Schön -- dann kommen Sie mit in den Speisesaal, wir finden ihn um diese

Zeit fast leer.«

Sie bogen rechts ein, um den Saal zu betreten. Als aber Hamilton die

Hand nach der Thür ausstreckte, öffnete sich diese, und Graf Kornikoff

trat heraus, warf einen flüchtigen Blick auf die Beiden und schritt dann

langsam über den Vorsaal, der Treppe zu.

»Das war er,« flüsterte Hamilton seinem Begleiter zu -- »wenn er Sie nur

nicht erkannt hat.«

Unwillkührlich drehte Burton den Kopf nach ihm um, konnte aber die

schmächtige Gestalt des Herrn nur noch sehen, wie er eben um die Ecke

bog, ohne jedoch dabei zurückzuschauen.

»Das glaub ich kaum,« sagte Burton, »denn der Moment war zu rasch, und

dann hätte er doch auch jedenfalls irgend ein unwillkürliches Zeichen

der Ueberraschung gegeben. In der Verkleidung und mit der blauen Brille

und dem schwarzen Schnurrbart würde ich selber aber nie im Leben diesen

Mr. Kornik vermuthet haben. Wenn Sie sich nur nicht geirrt, denn in dem

Fall versäumen wir hier viel Zeit.«

»Ist es denn nicht wenigstens seine Gestalt?« frug Hamilton.

»Die nämliche Gestalt allerdings,« bestätigte Burton, »aber das Gesicht

konnte ich -- unvorbereitet wie ich außerdem war -- unmöglich in der

Geschwindigkeit erkennen. Wann geht der erste Zug morgen früh?«

»Erst um sechs Uhr.«

»Ah, dann ist ja voller Tag,« sagte Burton, »und im schlimmsten Fall

halten wir ihn mit Gewalt zurück. Wäre es aber nicht besser, wir äßen

auf unserem Zimmer?«

»Jetzt kommt er nicht mehr herunter,« meinte Hamilton. »Jedenfalls

setzen Sie sich mit dem Rücken der Thür zu, und wenn er dann ja noch

einmal den Saal betreten sollte, so werde ich bald sehen, was er für ein

Gesicht dabei macht.«

Hamilton hatte übrigens Recht. Graf Kornikoff ließ sich nicht mehr

blicken und als die Beiden ihr Abendbrod beendet hatten, gingen sie auf

Mr. Burtons Zimmer hinauf, das einen Stock höher als Hamiltons lag, um

dort noch Manches zu besprechen.

Burton hatte sich jedoch vorher, auf Hamiltons Rath unter einem

französischen Namen in das Fremdenbuch eingetragen, um doch jede nöthige

Vorsicht zu gebrauchen. Auch verabsäumte der schlaue Polizeibeamte

nicht, vor Schlafengehen noch einmal die Tafel des Portiers zu

revidiren, ob sich vielleicht Nr. 6 oder 7 darauf befand, um früh

geweckt zu werden. Das war aber nicht der Fall, und Hamilton glaubte

jetzt selber, daß jener Herr, wenn es wirklich der Gesuchte gewesen, Mr.

Burton in dem Moment ihres augenblicklichen und unerwarteten Begegnens

nicht erkannt haben =konnte=. Er brauchte also auch Nichts zu

überstürzen.

Unter Palmen und Buchen. Erster Band. Unter Buchen. Gesammelte Erzählungen. · 第 9 / 18 题