Der Bundesgenosse.
Am nächsten Morgen war der Fremde, der sich in dem Fremdenbuch als
Particulier Hallinger eingeschrieben hatte, trotzdem daß er nicht
geweckt wurde, ziemlich früh wieder munter, aber es schlug 8 Uhr, und
die Stiefel und die Damenschuhe standen noch immer vor Nr. 7, ohne
hereingeholt zu sein. Erst gegen neun Uhr schienen die Insassen jenes
Zimmers ordentlich munter zu werden, und um halb zehn Uhr wurde Kaffee
bestellt. Aber erst gegen zwölf Uhr ging der Herr aus, und zwar allein
-- die Dame blieb auf ihrem Zimmer. Wie der Kellner aussagte, fühlte
sich die Dame nicht ganz wohl, und wollte heute ausruhen -- er hatte
wenigstens nicht in das Zimmer gedurft, und das Stubenmädchen mußte den
Kaffee hinein tragen. Wahrscheinlich lag sie noch im Bette.
Der Fremde blieb übrigens den ganzen Tag zu Haus, und schickte nur einen
Brief an _Messrs. Burton & Burton, London, 12 Fleetstreet_ durch den
Hausknecht auf die Post. Thatsache war übrigens, daß er sich ungemein
für seine Nachbarschaft zu interessiren schien, denn als der Herr wieder
nach Hause kam, rückte er sich leise einen Stuhl an die verschlossene
Verbindungsthür und horchte stundenlang mit einer merkwürdigen Ausdauer
dem da drüben gehaltenen Gespräch, jedoch ohne besonderen Nutzen. Die
laut gesprochenen Worte waren vollständig gleichgültiger Natur, und das
andere konnte er eben nicht verstehen.
Zu Mittag aß er an der Table d'hôte, aber von Nr. 6 oder 7 ließ sich
niemand dabei blicken. Die Dame schien sich noch angegriffen von der
Reise zu fühlen und Beide speisten auf ihrem Zimmer.
Erst Nachmittags begegnete er dem »Grafen Kornikoff« auf der Treppe und
dieser sah ihn etwas überrascht durch seine blaue Brille an. Der Fremde
heuchelte aber vollständige Gleichgültigkeit, nahm nicht die geringste
Notiz von ihm, und that wenigstens so, als ob er ihn gar nicht wieder
erkenne.
So verging der Tag, ohne daß die beiden Reisenden Miene gemacht hätten,
Frankfurt wieder zu verlassen. Der Oberkellner, mit dem sich Herr
Hallinger über die »bildschöne junge Frau« unterhielt, wußte wenigstens
nicht das Geringste davon. Abends aber, als der Schnellzug von Hannover
erwartet wurde, ging Hallinger hinaus auf den Bahnhof, und brauchte, als
der Zug endlich einlief, auch nicht lange nach dem Erwarteten zu suchen.
Dieser hatte ihn schon von seinem Coupé aus bemerkt und kam rasch auf
ihn zu.
»Hamilton! nun, was Neues?«
»Ich glaube, ich bin auf der richtigen Spur, Mr. Burton,« sagte dieser,
indem er achtungsvoll seinen Hut berührte. »Aber wo ist Ihr Gepäck?«
»Nichts als die Reisetasche hier.«
»Desto besser, auf der Jagd darf man nicht unnöthigen Plunder
mitschleppen. Kommen Sie, ich habe schon eine Droschke«.
»Gehen wir nicht lieber zu Fuß?«
»Es ist zu weit -- und fahren ist sicherer.«
»Und was =haben= Sie nun entdeckt?« frug der junge Engländer, als Beide
eingestiegen waren und davon rasselten -- die Unterhaltung wurde auch in
englischer Sprache geführt.
»Das will ich Ihnen mit kurzen Worten sagen,« berichtete der fälschlich
als deutscher Particulier eingetragene Fremde. »Durch einen reinen
Zufall war ich genöthigt, ein Paar Stationen in einem Packwagen zu
fahren, und fand dort einen Koffer, dessen Messingschild den Namen
»_Comte Kornikoff_« trug.«
»Und Sie glauben, daß jener Schuft Kornik dahinter stecke?«
»Durch den Namen allein wäre ich vielleicht nicht einmal darauf
gefallen,« fuhr Hamilton fort, »aber das französische Wort _Comte_ war
jedenfalls später zu dem Namen gravirt, denn es nahm nicht den Raum
ein, den ihm der Graveur gegeben hätte, wenn er es von Anfang an darauf
gesetzt. Ebenso schien das _off_ hinzugefügt.«
»Und die Beschreibung des Eigenthümers paßt?« rief Mr. Burton rasch.
»Ja und nein. Wohl in der Gestalt, aber sonst nicht ganz; der
dunkelblonde Backenbart fehlt«.
»Der kann abrasirt sein.«
»Das ist möglich -- aber er trägt einen vollkommen schwarzen Schnurrbart
und eine blaue Brille«.
»Der Schnurrbart ist vielleicht gefärbt.«
»Das vermuthe ich selber. -- Die Dame ist bei ihm.«
»Miss Fallow?«
»Unter dem Namen der Gräfin Kornikoff natürlich, -- wenn das nämlich der
von uns Gesuchte ist. Sie kennen ihn doch genau?«
»Als ob er mein leiblicher Bruder wäre. Er war ja sieben Jahre in meines
Vaters Haus und die beiden letzten als Hauptcassirer, wo er sich -- wer
weiß durch was, verleiten ließ, diesen bedeutenden Kassendiebstahl zu
begehen.«
»Wahrscheinlich durch eben diese junge Dame,« sagte Hamilton, »von der
ich ganz allerliebste Sachen gehört habe. Ihr eigentlicher Name ist Lucy
Fallow, Tochter eines Schneidermeisters in London, aber die Eltern sind
beide todt. Es sollen ganz ordentliche Leute gewesen sein. Das junge
Mädchen hatte, ihres anständigen Benehmens wegen und da sie wirklich
nicht ungebildet ist, ein Paar Jahr mit einer vornehmen Familie reisen
können, und dann später auch noch hie und da Unterricht in Musik
gegeben. Dadurch kam sie auch in Lady Clives Haus, von wo aus sie jetzt
beschuldigt wird, einen sehr werthvollen Schmuck entwendet zu haben.«
»Der sich dann vielleicht in ihrem Koffer findet.«
»Beinah hätte ich diese beiden Koffer erwischt,« lächelte Hamilton leise
vor sich hin, »aber ich durfte kein Aufsehen erregen, bis ich nicht
durch =Sie= hier Gewißheit über die Persönlichkeit erlangen konnte. Die
Dame kennen Sie nicht selber?«
»Nein -- ich habe sie nie gesehen.«
»Und von einem Grafen Kornikoff in Hannover auch nichts gehört?«
»Nicht das Geringste. Kein Mensch wußte dort etwas von ihm, und er stand
nicht einmal in einem Fremdenblatt. Er kann nur durchgereist sein, und
Sie werden gewiß die richtige Spur gefunden haben. Uebrigens müssen wir
vorher die nöthigen Schritte auf der Polizei thun.«
»Ist schon alles geschehen,« sagte Hamilton. »Ich habe den
Verhaftsbefehl für das Pärchen schon in der Tasche, und den Burschen mit
seiner Donna fest, sowie Sie mir nur bestätigen, daß er der Rechte ist.«
»Ich hätte im Leben nicht geglaubt,« sagte Mr. Burton, »daß Sie dem
Betrüger sobald auf die Spur kämen. Es geht alles nach Wunsch. Apropos,
haben Sie denn die Dame auch zu sehen bekommen?«
»Ich bin ja mit ihnen in =einem= Coupé gefahren,« lachte Hamilton, »und
sie ahnten dabei wahrscheinlich nicht, daß sie einen geheimen Polizisten
bei sich im Wagen hatten. Nun ich denke, wir werden noch länger
Reisegefährten bleiben. Aber da sind wir -- jetzt haben wir nur darauf
zu sehen, daß uns die Herrschaften nicht etwa morgen in aller Früh
durchbrennen. Wollen wir gleich auf Ihr Zimmer gehen?«
»Ich muß erst etwas essen; ich bin ganz ausgehungert.«
»Schön -- dann kommen Sie mit in den Speisesaal, wir finden ihn um diese
Zeit fast leer.«
Sie bogen rechts ein, um den Saal zu betreten. Als aber Hamilton die
Hand nach der Thür ausstreckte, öffnete sich diese, und Graf Kornikoff
trat heraus, warf einen flüchtigen Blick auf die Beiden und schritt dann
langsam über den Vorsaal, der Treppe zu.
»Das war er,« flüsterte Hamilton seinem Begleiter zu -- »wenn er Sie nur
nicht erkannt hat.«
Unwillkührlich drehte Burton den Kopf nach ihm um, konnte aber die
schmächtige Gestalt des Herrn nur noch sehen, wie er eben um die Ecke
bog, ohne jedoch dabei zurückzuschauen.
»Das glaub ich kaum,« sagte Burton, »denn der Moment war zu rasch, und
dann hätte er doch auch jedenfalls irgend ein unwillkürliches Zeichen
der Ueberraschung gegeben. In der Verkleidung und mit der blauen Brille
und dem schwarzen Schnurrbart würde ich selber aber nie im Leben diesen
Mr. Kornik vermuthet haben. Wenn Sie sich nur nicht geirrt, denn in dem
Fall versäumen wir hier viel Zeit.«
»Ist es denn nicht wenigstens seine Gestalt?« frug Hamilton.
»Die nämliche Gestalt allerdings,« bestätigte Burton, »aber das Gesicht
konnte ich -- unvorbereitet wie ich außerdem war -- unmöglich in der
Geschwindigkeit erkennen. Wann geht der erste Zug morgen früh?«
»Erst um sechs Uhr.«
»Ah, dann ist ja voller Tag,« sagte Burton, »und im schlimmsten Fall
halten wir ihn mit Gewalt zurück. Wäre es aber nicht besser, wir äßen
auf unserem Zimmer?«
»Jetzt kommt er nicht mehr herunter,« meinte Hamilton. »Jedenfalls
setzen Sie sich mit dem Rücken der Thür zu, und wenn er dann ja noch
einmal den Saal betreten sollte, so werde ich bald sehen, was er für ein
Gesicht dabei macht.«
Hamilton hatte übrigens Recht. Graf Kornikoff ließ sich nicht mehr
blicken und als die Beiden ihr Abendbrod beendet hatten, gingen sie auf
Mr. Burtons Zimmer hinauf, das einen Stock höher als Hamiltons lag, um
dort noch Manches zu besprechen.
Burton hatte sich jedoch vorher, auf Hamiltons Rath unter einem
französischen Namen in das Fremdenbuch eingetragen, um doch jede nöthige
Vorsicht zu gebrauchen. Auch verabsäumte der schlaue Polizeibeamte
nicht, vor Schlafengehen noch einmal die Tafel des Portiers zu
revidiren, ob sich vielleicht Nr. 6 oder 7 darauf befand, um früh
geweckt zu werden. Das war aber nicht der Fall, und Hamilton glaubte
jetzt selber, daß jener Herr, wenn es wirklich der Gesuchte gewesen, Mr.
Burton in dem Moment ihres augenblicklichen und unerwarteten Begegnens
nicht erkannt haben =konnte=. Er brauchte also auch Nichts zu
überstürzen.