Im Packwagen.
Es war im Juli des Jahres 18--, als der von Cassel kommende Schnellzug
in Guntershausen hielt und dort solch eine Unzahl von Passagieren
vorfand, daß die Schaffner kaum Rath und Aushilfe wußten. Alle Welt
befand sich aber auch gerade in dieser Zeit unterwegs und die Züge --
da das andauernd schlechte Wetter bisher die Reisenden zurückgehalten
-- waren bei dem ersten warmen Sonnenstrahl gar nicht auf einen so
plötzlichen Andrang berechnet gewesen.
Uebrigens machte man möglich, was eben möglich zu machen war. Alle
vorhandenen Wagen wurden eingeschoben, jeder noch freie Platz dritter
Klasse -- zum großen Aergerniß mit Hutschachteln und Reisetaschen reich
bepackter Damen -- auf das gewissenhafteste ausgefüllt und dann in die
zweite, ja sogar selbst in die erste Klasse hineingeschoben was eben
hineinging. Die nächsten Stationen nahmen ja auch wieder Reisende ab,
und nach und nach regulirte sich alles.
Durch diesen Aufenthalt hatte sich der Schnellzug aber auch um eine gute
halbe Stunde verspätet und war eben zum Abfahren fertig, als noch ein
leichter Einspänner angerasselt kam und ein einzelner Herr, eine kleine
lederne Reisetasche in der Hand, heraus und darauf zusprang.
»Zu spät,« rief ihm der Oberschaffner entgegen und gab den
verhängnißvollen schrillenden Pfiff; »wir haben alle Personenwagen
besetzt.«
Der Fremde, der augenscheinlich kein Neuling auf Reisen war, warf einen
raschen, prüfenden Blick über die lange Wagenreihe und sah Kopf an Kopf
in den Fenstern -- aber die Schiebethür des Packwagens stand noch halb
geöffnet.
»Dann werde ich mich bis zur nächsten Station bei den Koffern
einquartiren,« lachte er und ohne die Einwilligung des Schaffners
abzuwarten, der übrigens auch nichts dagegen hatte, sprang er auf den
Wagentritt und in den Packwagen hinein. Bei einem solchen Andrang von
Personen mußte sich ein jeder helfen so gut er eben konnte.
»Das ist eigentlich nicht erlaubt --« sagte der Packmeister; aber der
Fremde kannte genau die Sprache, die hier alleinige Geltung hatte, und
dem Packmeister ein Stück Geld in die sich unwillkürlich öffnende Hand
drückend, lachte er:
»Ich führe ganz vortreffliche Cigarren bei mir und wenn ich nicht
im Wege bin, erlauben Sie mir wohl eine Viertelstunde Ihnen hier
Gesellschaft zu leisten.«
»Haben Sie denn ein Billet?« frug der Mann und sein =Gefühl= sagte ihm,
daß er ein großes Silberstück in der Hand hielt.
»Noch nicht -- ich bin eben erst, wie der Zug abgehen wollte, mit einem
Einspänner von Melsungen herüber gekommen. Mein Billet nehme ich auf der
nächsten Station.«
»Na da setzen Sie sich nur da drüben auf den Koffer, in Treysa
gibt's Platz,« bemerkte der Packmeister, während der Fremde seine
Cigarrentasche herausnahm und sie dem Manne hinhielt.
»Mit Erlaubniß -- danke schön« -- die Bekanntschaft war gemacht, der Zug
überdies in Bewegung und der Passagier, bis ein anderer Platz für ihn
gefunden werden konnte, rechtsgültig untergebracht.
Eine Cigarre wirkt überhaupt oft Wunder und die Menschen, die sich
diesen Genuß aus ein oder dem andern Grunde versagen, wissen und ahnen
gar nicht, wie sehr sie sich oft selber dadurch im Lichte stehen. Mit
einer Cigarre ist jeder im Stande, augenblicklich auf indirecte Art eine
Unterhaltung anzuknüpfen, indem man nur einen Reisegefährten um Feuer
bittet. Ist dieser in der Stimmung, darauf einzugehen, so giebt er die
eigene Cigarre zum Anzünden. Paßt es ihm aber nicht, so bleibt ihm
immer noch ein Ausweg -- er reicht dann dem Bittenden einfach ein
Schwefelholz. Der Empfänger dankt, zündet seine Cigarre an, wirft das
Holz weg und betrachtet sich als abgewiesen.
Mit einer dargebotenen Cigarre gewinne ich mir außerdem das Herz
unzähliger Menschen, die der =nicht= rauchende Reisende in gemeiner
Weise durch schnöde Fünf- und Zehn-Groschenstücke gewinnen muß. -- Sitz'
ich auf der Post neben dem Postillion auf dem Bock, so öffnet mir eine
Cigarre sein ganzes Herz; ich erfahre nicht allein die außerordentlichen
Eigenschaften seiner Pferde, sondern auch die Familiengeheimnisse des
Posthalters und erweiche ich dasselbe sogar noch mit einem Glase Bier,
so liegt sein eigenes Innere offen vor mir da. Selbst der gröbste
Schaffner wird rücksichtsvoll, sobald er die ihm dargereichte
Cigarrentasche erblickt -- man soll nämlich derartigen Leuten nie eine
einzelne Cigarre hingeben, weil sie außerordentlich mißtrauisch sind und
leicht Verdacht schöpfen können, man führe besondere »Wasunger« Sorten
bei sich für solchen Zweck und das verletzt ihr Ehrgefühl.
Auch der Packmeister war gesprächig geworden -- die Cigarre schmeckte
ausgezeichnet -- und erzählte von dem, was ihm natürlich am nächsten
lag, von der ewigen unausgesetzten Plackerei, so daß man seines Lebens
kaum mehr froh werden könnte. Die ganze Welt reise jetzt -- wie er
meinte -- in die Bäder. Er reiste auch in einem fort -- alle Wochen drei
Mal in die Bäder, kam aber nie hin und hatte kaum Zeit, sich Morgens
ordentlich zu waschen, viel weniger zu baden. In seinem Packwagen stecke
er dazu wie eine Schnecke in ihrem Haus, nur daß die Schnecke nicht
ununterbrochen Koffer und Hutschachteln ein- und auszuladen hätte.
»Sehen Sie« -- setzte er dann hinzu -- »so gewöhnt man sich aber daran,
daß ich schon Nachts in meinem eigenen Bett -- wenn ich meine Nacht
daheim hatte und ich schlafe dicht am Bahnhof -- im Traum, sowie ich nur
die verdammte Locomotive pfeifen hörte, Bettdecke und Kopfkissen in die
Stube hineingefeuert habe, weil ich glaubte, es wäre Station und ich
müßte ausladen. Es ist Sie ein Hundeleben.«
Wieder pfiff diese nämliche Locomotive. Der Zug hielt an einer der
kleinen Stationen und drei Koffer gingen hier ab, und ein anderer Koffer
mit zwei Reisesäcken und eine Kiste kam hinzu. Der Fremde mußte aber
noch sitzen bleiben, denn der Aufenthalt dauerte zu kurze Zeit, um ein
Billet lösen zu können.
»Ich begreife nicht,« sagte der Fremde, »wie Sie sich da immer so
zurecht finden, daß Sie gleich wissen was expedirt wird und was
dableibt. Kommt da nicht auch oft ein Irrthum vor?«
»Doch selten,« meinte der Packmeister, indem er seine bei der Expedition
ausgegangene Cigarre wieder mit einem Schwefelhölzchen anzündete -- »man
bekommt Uebung darin. Nur heute wär mir's in dem Wirrwarr bald schief
gegangen, denn in Guntershausen hatte ich aus Versehen den nämlichen
Koffer hinausgeschoben, auf dem Sie da sitzen. Glücklicherweise kriegte
ihn der Eigenthümer noch zur rechten Zeit in die Nase -- und das bischen
Spectakel, was der machte! Aber es war ja noch kein Malheur passirt und
so schoben wir ihn wieder herein. Den Packmeister möchte ich überhaupt
sehen, dem nicht schon einmal ein falscher Koffer entwischt ist -- der
Telegraph bringt das aber alles wieder in Ordnung. -- Staatseinrichtung
das mit dem Telegraphen.«
Der Fremde hatte sich, während der Mann sprach fast unwillkührlich den
Koffer angesehen, auf dem er saß, und stand jetzt auf und las das kleine
Messingschild. Es enthielt nur die zwei Worte »_Comte Kornikoff_.«
»Und wie sah der Herr aus, dem der Koffer gehörte?« frug er endlich.
»Oh, ein kleines, schmächtiges Männchen,« meinte der Packmeister, »mit
einem pechschwarzen Schnurrbart und einer blauen Brille.«
»Wohin geht denn der Koffer heute?«
»Nach Frankfurt -- ich war ja ganz confus und glaubte, er ginge nach
Cassel, weil ich gestern den Packwagen dorthin hatte.«
Wieder pfiff die Locomotive und während der Packmeister von seinem
Geschäft in Anspruch genommen wurde, betrachtete der Fremde das Schild
noch genauer, aber er sprach nichts weiter darüber und da sie gleich
darauf in Treysa hielten, mußte er dort aussteigen und ein Billet lösen.
Hier war auch eine große Zahl von Passagieren abgegangen und Platz genug
geworden.
»Wohin fahren Sie?«
»Frankfurt --«
»Die vorderen Wagen.«
Der Fremde schritt an der Reihe hinauf und sah in die verschiedenen
Coupés hinein. In dem einen saß ein Herr und eine Dame. Der Herr trug
eine blaue Brille. Er öffnete sich selber die Thür, stieg ein, grüßte
und nahm dann in der einen Ecke Platz.
Der Herr mit der blauen Brille schien das nicht gern zu sehen -- er
schaute aus dem Wagenfenster als ob er einen Schaffner herbeirufen
wollte, und warf dann einen forschenden Blick auf den Fremden. Dieser
aber kümmerte sich nicht darum, legte seine kleine Reisetasche in das
Netz hinauf und machte es sich dann vollkommen bequem.
»Bitte, Ihr Billet, mein Herr --«
»Hier --«
»Sie haben aber erste Klasse.«
»Es sitzen einige Damen erster Klasse,« sagte der Fremde, »und da ich
den Herrn da rauchen sah, nahm ich =hier= Platz. Die Dame wird mir wohl
das Anzünden einer Cigarre erlauben.«
Die letzten Worte waren, wie halb fragend an die Dame gerichtet, deren
Gesichtszüge sich aber nicht im Geringsten dabei veränderten. Sie mußte
den Sinn derselben gar nicht verstanden haben.
Der Schaffner coupirte das Billet und die Passagiere waren allein;
da aber der Fremde der Artigkeit Genüge leisten wollte, nahm er seine
Cigarrentasche heraus und aus dieser eine Cigarre und sagte dann noch
einmal, sich an den Herrn wendend:
»Die Dame scheint meine Frage nicht verstanden zu haben. Sie erlaubt mir
wohl, daß ich rauche?«
»Sprechen Sie Englisch?« frug der Herr in dieser Sprache zurück -- »ich
verstehe kein Deutsch --«
»Ich muß sehr bedauern,« sagte der Fremde achselzuckend, aber wieder in
deutscher Sprache. Die Unterhaltung war dadurch unmöglich geworden, die
Pantomine indeß zu deutlich gewesen und der Herr mit der blauen Brille
reichte dem, wie es schien eben nicht willkommenen Reisegefährten seine
brennende Cigarre zum Anzünden, die dieser dankend annahm und dann
zurückgab.
Die Dame hatte den Kopf halb abgewandt und sah zu dem geöffneten Fenster
hinaus. Der Fremde warf unwillkürlich den Blick nach ihr hinüber
und mußte sich gestehen, daß er selten, wenn je in seinem Leben,
ein schöneres Gesicht, regelmäßigere Züge, feurigere Augen und einen
tadelloseren Teint gesehen habe. Und wie schön mußte das Mädchen oder
die Frau erst sein, wenn sie =lächelte=, denn jetzt zog eine Mischung
von Trotz und Stolz -- vielleicht der Unwille über des Fremden
Gegenwart, die fein geschnittenen Lippen zusammen und gab dem lieben
Antlitz etwas Finsteres und Hartes, was ihm doch sonst gewiß nicht eigen
war.
Ein kurzes Gespräch entspann sich jetzt zwischen dem Herrn und der Dame,
auf welches der Fremde aber nicht zu achten schien, denn er nahm ein
Eisenbahnbuch aus der Tasche und blätterte darin. Die Dame sagte, ohne
jedoch den Blick von der Landschaft wegzuwenden, ebenfalls in englischer
Sprache:
»Wer ist der Fremde?«
»Ich weiß es nicht,« lautete die Antwort, »aber wir brauchen uns
seinetwegen nicht zu geniren; er versteht kein Englisch.«
»Aber er sieht englisch aus.«
»Bewahre,« lachte der Mann -- »er hat auch nicht ein einziges englisches
Stück Zeug an seinem Körper -- die Reisetasche ist ebenfalls deutsch,
gerade so wie sein Handbuch.«
»Er ist lästig, wir hätten erster Classe fahren sollen.«
»Liebes Herz, das schützt uns nicht vor Gesellschaft, denn der Herr hat
ebenfalls ein Billet erster Classe und ist nur hier eingestiegen, weil
er mich rauchen sah.«
»Dein fatales Rauchen.« -- Die Unterhaltung stockte und der Herr mit der
blauen Brille warf noch einen prüfenden Blick nach seinem Reisegefährten
hinüber, der aber gar nicht auf ihn achtete und sich vollständig mit
seiner Cigarre und seinem Buch beschäftigte. Nur dann und wann hob er
den Blick und schaute nach beiden Seiten auf die Landschaft hinaus und
streifte dann damit, wenn auch nur flüchtig, den Fremden.
Es war eine kleine, aber zierliche schlanke Gestalt, sehr elegant, aber
fast zu sorgfältig gekleidet, auch mit mehr Schmuck als ein wirklich
vornehmer Mann zu zeigen pflegt. Die Hände aber hatten etwas wirklich
Aristokratisches -- sie waren weiß und zart geformt und wenn er den Mund
zum Sprechen öffnete, zeigte er zwei Reihen auffallend weißer Zähne.
Sein Haar war braun und etwas gelockt, der Schnurrbart aber von tiefer
Schwärze, jedenfalls gefärbt. Die Augen ließen sich nicht erkennen,
da sie von der blauen Brille bedeckt wurden. Trotzdem aber, daß er nur
englisch zu sprechen schien, war er vollkommen nach französischer Mode
gekleidet. Nur die junge Dame trug in ihrem Putz und Reiseanzug den
entschieden englischen Charakter, wie auch entschieden englische Züge.
Ihren Begleiter würde man weit eher für einen Franzosen als für einen
Sohn Albions gehalten haben.
Mehrere Stationen blieben die Drei allein in ihrem Coupé. Die Dame war
müde geworden und hatte -- soweit es die Bewegung des Wagens erlaubte --
ein wenig geschlafen. In Gießen aber kamen noch eine Anzahl Passagiere
hinzu und zwei von diesen, ein Herr und eine Dame, stiegen in dies
nämliche Coupé. Wieder ein Paar Engländer und die Dame, wenn auch
schon ziemlich in den Jahren, doch mit den unvermeidlichen, langen
Hobelspahnlocken, die ihr vorn fast bis zum Gürtel nieder hingen; der
Herr mit einem breitränderigen, schwarzen Filzhut, einem kleinen, sehr
mageren Schnurrbart und einer Cigarre im Munde -- lauter continentale
Reiseerinnerungen, die wieder fallen müssen, sobald der Eigenthümer
derselben den Boden seines Vaterlandes aufs neue betritt.
Wenn sich die beiden Herren aber auch ziemlich kalthöflich gegeneinander
verneigten, so schienen die Damen dagegen schon beim ersten Blick
die gemeinsame Nationalität erkannt zu haben, und kaum saß die
Neuhinzugekommene, als sie auch ein lebhaftes Gespräch mit ihrer jungen
Nachbarin begann, an dem sich diese ebenfalls zu freuen schien, denn ihr
Gemahl oder Begleiter hatte sie wenig genug unterhalten.
Engländer auf dem Continent -- wie könnte es ihnen auch an Stoff zur
Unterhaltung fehlen -- Vereinigt sie nicht ein gemeinsames Leid und
Elend? Werden sie nicht gleichmäßig von allen Wirthen, Kellnern,
Droschkenkutschern, Gepäckträgern und Lohnbedienten geprellt, und
=kann= ein wirklicher Engländer ohne Lohnbedienten auf dem Continent
durchkommen, denn spricht er je die Sprache des Landes, auf dem er eine
freie Zeit zubringen will? -- Unter hunderten kaum einer.
Das Gespräch -- sowie nur die ersten Fragen über woher und wohin
erledigt waren, drehte sich auch nur um diesen Gegenstand, und der Herr
mit dem breitkrämpigen Hut nahm bald lebhaften Theil daran.
Er kam mit seiner Frau natürlich von London, hatte vier Wochen zur
Reise bestimmt, zwei davon schon nützlich verwandt, und schien fest
entschlossen, auch die andern beiden noch daran zu setzen, um sich in
jeder nur erreichbaren Stadt Deutschlands über die Wirthe im Einzelnen
und das Volk im Allgemeinen zu ärgern, und dann mit dem stolzen
Bewußtsein nach Hause zurückzukehren, daß es doch nur =ein= England in
der Welt gäbe.
Die junge Frau kam, wie sie sagte, mit ihrem Mann von Hannover, wo sie
ein Jahr bei Freunden zugebracht. Sie beabsichtigten jetzt auf einen
Monat nach Frankfurt oder auch vielleicht in ein benachbartes Bad zu
gehen, um ihre Gesundheit, die durch den längeren Aufenthalt in dem
rauhen Lande angegriffen sei, wieder herzustellen.
»Und wo werden Sie in Frankfurt wohnen?«
Sie wußten es noch nicht -- der Herr mit dem breiträndrigen Hut schlug
die »Stadt Hull« als ein sehr billiges, ihm besonders empfohlenes
Gasthaus vor. Uebrigens könne man ja vorher über den Preis von »_board
and lodging_« akkordiren -- =er= thäte das immer, wenn es auch ein wenig
»schäbig« aussehe -- den deutschen Wirthen gegenüber sei man sich das
aber schuldig.
Beide Parteien beschlossen deshalb, in Stadt Hull zu übernachten und
gemeinschaftlich zu essen -- »es sei das billiger.« Morgen konnte man
dann auch zusammen einen Lohnbedienten nehmen, und sparte dadurch die
halbe Auslage -- der morgende Tag würde überhaupt ein sehr angestrengter
werden, denn es gab in Frankfurt -- nach Murray -- eine Unmasse von
Sehenswürdigkeiten, die nun einmal durchgekostet werden =mußten=, wenn
man nicht die Reise umsonst gemacht haben wollte.
Der Herr mit der blauen Brille hatte sich nicht sehr an der Unterhaltung
betheiligt. Er schien keine Freude daran zu finden. Auch die
Aufforderung, gemeinsam in Stadt Hull zu logiren, beantwortete er
zweideutig, während die junge Dame augenblicklich bestimmt zusagte.
Dann lehnte er sich in seine Ecke zurück und schlief -- er verhielt
sich wenigstens von da an vollkommen ruhig, wenn man auch der blauen
Brillengläser wegen nicht einmal sehen konnte, ob er nur die Augen
geschlossen hielt.
Es war indessen dunkel geworden -- die übrigen Passagiere wurden
ebenfalls müde, und nur auf der vorletzten Station unterbrach der
Schaffner noch einmal die Stille, indem er die Billete nach Frankfurt
abforderte.
Der Fremde mit der blauen Brille schien wirklich eingeschlafen zu sein.
Er fuhr, als ihn der Schaffner, der neben ihm durch das Fenster sah, auf
die Schulter klopfte, ordentlich wie erschreckt in die Höhe und sah sich
wild und verstört um -- er hatte jedenfalls geträumt, und suchte dann,
als er begriff was man von ihm wolle, in der Westentasche nach seinem
Billet.
Ein kleiner weißer Streifen Papier fiel dabei auf die Erde und der
Fremde mit der Reisetasche, der jenem schräg gegenüber saß, stellte
den Fuß darauf. Dann war wieder alles still; der mit der blauen Brille
lehnte sich in seine Ecke zurück und sein halbes _Vis-à-vis_ nahm sein
Taschentuch heraus, ließ es wie zufällig fallen und hob den Zettel damit
auf -- es war der Gepäckschein.
Bald darauf rasselte der Zug mit einem markdurchschneidenden Pfeifen
-- daß Einem die eigene Lunge weh that, wenn man es nur hörte -- in den
Frankfurter Bahnhof ein, und der Fremde mit der kleinen Reisetasche war
der erste, der aus dem Wagen sprang und zu dem Güterkarren eilte.
Hatte er indessen unredliche Absichten dabei gehabt, so sollte er die
vereitelt sehen, denn es dauerte eine Ewigkeit, bis der, wie es schien,
wohlgemerkte Koffer, auf den der Schein lautete, zum Vorschein kam,
und bis dahin war der rechtmäßige Eigenthümer schon ebenfalls herbei
gekommen und erkannte sein Gepäck. Vergebens suchte er indessen in
allen Taschen nach seinem Schein und fluchte auf deutsch, englisch
und französisch, daß ihm die Beamten sein Gepäck nicht ohne denselben
ausliefern wollten.
Der Fremde hatte sich etwas zurückgezogen und stand im Schatten eines
Pfeilers -- jedenfalls machte er da die Entdeckung, daß der Herr mit
der blauen Brille nicht allein vollkommen gut deutsch, sondern auch
französisch sprach, und sich in beiden Sprachen erbot, seine Koffer zu
öffnen und dadurch zu beweisen, daß er der Eigentümer sei.
Der Inspektor kam endlich heran und ersuchte ihn sehr artig, nur so
lange zu warten, bis das übrige Gepäck fortgenommen sei; wenn er dann
die passenden Schlüssel producire, möge er seine Koffer mit fortnehmen.
Der Fremde zeigte Anfangs viel Ungeduld, und erklärte mit dem nächsten
Zuge nach Mainz noch weiter zu wollen, der Inspektor bedeutete ihm aber,
daß er dann hätte besser auf seinen Gepäckschein Acht geben sollen --
den Zug nach Mainz erreiche er indessen doch nicht mehr, da derselbe
schon vor einer Viertelstunde abgegangen, weil sich der Schnellzug
verspätet habe. Es blieb ihm zuletzt kein anderer Ausweg, als dem
gegebenen Rath zu folgen, und als seine Koffer wirklich zurückgeblieben,
und er sich durch seine Schlüssel als der rechtmäßige Eigenthümer
legitimiren konnte, bekam er endlich sein Gepäck und ließ es -- einen
großen und einen kleineren Koffer -- in die durch die Dame schon in
Besitz genommene offene Droschke schaffen.
Dicht dahinter hielt noch eine verschlossene Droschke =ohne= Gepäck;
sonst hatten sämmtliche Wagen, selbst die Omnibusse, schon die Bahn
verlassen, und der Kutscher fuhr jetzt, auf die Anweisung des Reisenden,
nicht nach der Stadt Hull, sondern nach dem »_Hôtel Methlein_.«
Die andere Droschke folgte in etwa zwanzig Schritt Entfernung nach, und
hielt, als die erste in den Thorweg einfuhr. Ein Reisender mit einer
kleinen Reisetasche in der Hand stieg aus, befahl dem Droschkenkutscher
zu warten, und betrat dann zu Fuß das nämliche Hotel.
Dort angekommen legte der Reisende nur eben in dem ihm bezeichneten
Zimmer sein geringes Gepäck ab, bestellte sich unten im Speisesaal
etwas zu essen und verließ dann noch einmal das Hotel, um nach dem
Telegraphenbureau zu fahren. Dort gab er folgende Depesche auf:
_Mr. Burton, Union Hôtel, Hannover._
Ist ein Graf Kornikoff ein Jahr in Hannover gewesen? -- Fremdenliste
nachsehen. Kommen Sie so rasch als möglich hierher. -- Bin ich
abgereist, liegt ein Brief im Hotel. --
_H._
Dann kehrte er ins Hotel zurück und verzehrte sein Abendbrod, das ihm
der Kellner brachte.
Der Saal war leer; nur vier Herren saßen an einem Tisch und schienen,
schon ziemlich angetrunken, den Geburtstag des einen zu feiern, der mit
schwerer Zunge noch eine Flasche moussirenden Rheinwein bestellte. Um
den Fremden bekümmerte sich Niemand.
Dieser aß das ihm vorgesetzte Beefsteak, trank seine Flasche Wein dazu
und wartete es ruhig ab, bis ihm der Kellner das Fremdenbuch brachte. In
dasselbe schrieb er sich ein als W. Hallinger, Particulier aus Breslau
und blätterte dann die Seiten nach den dort eingetragenen Namen durch.
Ganz zuletzt -- dicht über seinem eigenen Autograph -- standen seine
Reisegefährten eingetragen: »Comte Kornikoff und Frau, aus Petersburg --
von Hannover nach Frankfurt.«
Der Kellner hatte dabei bemerkt Nr. 6 und 7.
»Wollen Sie morgen früh geweckt sein?« frug ihn der Portier, als er
seine Flasche beendet und seine Cigarre ausgeraucht hatte, und eben im
Begriff stand zu Bett zu gehen.
»Wann geht der erste Zug?«
»Wohin?«
»Nach Mainz oder Wiesbaden.«
»Sechs Uhr.«
»Gehen da noch mehrere Passagiere ab?«
»Jawohl,« erwiederte der Portier, auf die für den Hausknecht bestimmte
Tafel zeigend -- »Nr. 5, Nr. 17 und Nr. 37 lassen sich wecken. Soll ich
Sie ebenfalls notiren?«
»Ach, ich weiß nicht; ich bin müde heut Abend. Ich werde wohl erst mit
dem zweiten Zug fahren.«
»Sehr wohl, mein Herr -- Kellner, Licht auf Nr. 8. Angenehme Ruhe.«
Der Fremde stieg auf sein Zimmer hinauf und sah vor Nr. 7 ein Paar
Herrenstiefeln und ein Paar lederne Damenschuhe stehen. Im Hotel schlief
aber schon alles; es war spät geworden, da sich der Zug überhaupt
verspätet hatte und der »Particulier Hallinger« suchte ebenfalls sein
Lager.