»Anfänglich herrschte zwischen uns und den Engländern«, so berichtete

er, »das beste Einvernehmen, und es hatte den Anschein, als ob die

Niederlassung in erfreulicher Weise gedeihen solle. Die Engländer

aber mochten sich zu keiner Arbeit bequemen; lieber streiften sie

auf der Insel umher, schossen zu ihrem Vergnügen Papageien, wendeten

Schildkröten um, und wenn sie des Abends nach Hause zurückkamen, ließen

sie sich das von uns bereitete Nachtessen vortrefflich munden. Nur

um des lieben Friedens willen hatten wir sie gewähren lassen. Aber

nicht damit zufrieden, keine Arbeit zu thun, hielten uns die Engländer

von unsern eignen Geschäften ab. Die ersten Zwistigkeiten waren

geringfügiger Art, bald jedoch führten sie einen offenen Krieg herbei.

Die zwei Engländer, welche kurz vor Ihrer Abreise in das Innere der

Insel entwichen waren, kamen später in die Burg, um die Vorräte mit

verzehren zu helfen. Allein sehr bald wurden sie von den drei rohen

Insassen vertrieben. Nach unsrer Ankunft beklagten sie sich beide über

die erlittene Behandlung, worauf wir versuchten, sie zu versöhnen,

was aber nicht gelang, da jene rohen Burschen ihnen den Aufenthalt in

der Burg beharrlich verweigerten. Den armen Zurückgestoßenen blieb

nichts übrig, als sich von uns zu trennen und die nördliche Gegend der

Insel zu ihrem Wohnplatze zu wählen. Hier erbauten sie zwei Hütten,

die eine zur Wohnung, die andre zum Vorratshause. Wir gaben ihnen

Getreide und Reis zum Säen, Gefäße, Werkzeuge und etliche Ziegen. Zwar

konnten sie nur ein kleines Stück Land bebauen, doch fiel die Ernte

günstig für sie aus, und bald befanden sie sich auf dem besten Wege

bescheidenen Fortschritts. Jene drei böswilligen Burschen indessen

ließen ihre Landsleute nicht in Ruhe, sondern suchten sie in ihrem

neuen Besitztum auf und forderten unter dem Vorgeben, daß ihnen der

Besitz der Insel von dem Gouverneur übertragen sei und niemand sich

ohne ihre Einwilligung niederlassen dürfe, Pacht für ihr Land. Da sie

sich nun dieser Aufforderung nicht fügten und darüber spotteten,

vergaß sich der eine ihrer Gegner so sehr, daß er die Hütte in Brand

steckte. Zwar gelang es, das Feuer alsbald zu löschen, doch kam es zu

einem heftigen Streit, wobei der Brandstifter schwer verwundet wurde.

Da diese Burschen sahen, daß sie es mit entschlossenen Leuten zu thun

hatten, so begannen sie Unterhandlungen und baten, ihren verwundeten

Kameraden mitnehmen zu dürfen. Am Abend trafen zwei unsrer Landsleute

jene rührigen Engländer im Walde, welche sich bitter über die ihnen

zugefügten Unbilden beklagten. Als meine Spanier darauf heimkehrten,

thaten sie den Engländern Vorhalt ob ihres Benehmens, worauf der eine,

Atkins, barsch antwortete: »Jawohl, wir wollen euch beweisen, daß ihr

Spanier auch unsre Sklaven werden müßt!«

»Die Feindseligkeiten zwischen den Engländern unter sich dauerten noch

fort, und so kam es, daß eines Morgens die beiden Kolonisten im Norden

aufgebrochen waren und vor unsrer Burg erschienen. Die drei Strolche

hatten unterdessen auf Rache gesonnen, waren auch aufgebrochen, jedoch

in der Absicht, die zwei Kolonisten im Schlafe zu überraschen, ihre

Hütten einzuäschern und dieselben zu ermorden. Zum Glück erreichten

jene ihren Zweck nicht ganz und begnügten sich damit, die Hütten

niederzureißen und den gesamten Viehstand zu töten. Frohlockend über

den gelungenen Streich kehrten sie dann nach der Burg zurück.

»Die beiden Kolonisten eilten mit trüben Ahnungen ihren Hütten zu und

sahen das Werk ihrer fleißigen Hände als einen wüsten Trümmerhaufen vor

sich. Sie werden begreifen, welch wehmütiges Gefühl sie da beschlich

und wie die Thränen des Unwillens in ihre Augen traten. Hierauf

schritten sie der Festung zu, um uns zu erzählen, was vorgefallen.

»Unterdessen waren aber die drei Frevler in der Burg eingetroffen und

prahlten gegen die Spanier mit dem verübten Bubenstück. Ja ihr Übermut

ging so weit, daß einer der schlimmen Gesellen einem Spanier den Hut

vom Kopfe warf und ihm sagte: »Und Ihr, Herr Hans von Spanien, seid

künftig höflicher, und wenn ihr Herrchen nicht Respekt vor uns habt,

so wird es euch gerade so ergehen wie den beiden Kolonisten!« Empört

schlug der Spanier den Frechen mit einem Faustschlag nieder. Der andre

Engländer wollte seinen Freund rächen und feuerte sein Pistol auf den

Spanier, wobei er ihn leicht am Ohr verwundete. Letzterer ergriff

sein Gewehr und würde unfehlbar den Engländer niedergestreckt haben,

wären die übrigen Spanier nicht dazwischengetreten und hätten die drei

entwaffnet.

»Da diese sahen, daß sie nichts ausrichten konnten, baten sie, man

möchte ihnen doch ihre Waffen wiedergeben. Selbstverständlich konnten

die Spanier hierauf nicht eingehen, sondern sicherten ihnen ihren

Beistand zu, wenn sie in Nöten wären, was aber jene nicht annehmen

wollten. Als aber die beiden Engländer hinzugekommen waren und

strenge Bestrafung forderten, gaben sie nach und baten um Milde.

Infolgedessen wurden die Ruhestörer aufgefordert, das Zertrümmerte

wiederherzustellen, worein sie willigten. Dies führten sie auch aus,

gingen aber alsdann wieder ihrem Nichtsthun nach. So verstrichen drei

Monate ohne Unterbrechung, und da wir glaubten, die drei seien endlich

zur Einsicht gekommen, so gaben wir ihnen die Waffen zurück, damit

sie durch Erlegung von Wild uns nützlich sein könnten. War nun dieser

Streit endlich beigelegt, so hatte uns eine andre Gefahr gedroht, und

zwar von den Kariben --«

»Von den Kariben?« unterbrach ich den Bericht meines Stellvertreters.

»O, so erzählen Sie doch, welche Bewandtnis es mit diesen gehabt.«

»Eines Abends«, so fuhr Caballos fort, »war eine ganze Flottille, 28

Barken stark, an der Nordküste, zwei Stunden von unsern äußersten

Pflanzungen entfernt, in die östliche Bucht eingelaufen. Die Bemannung

der fremden Pirogen mochte sich wohl auf 250 Köpfe belaufen und war

mit Bogen, Pfeilen, großen Wurfspießen und hölzernen Schwertern

ausgerüstet. Solch eine feindliche Macht versetzte natürlich die

Kolonisten in Furcht und Schrecken. In aller Eile wurden die

neuerbauten Hütten abgebrochen und alles Vieh wie die Werkzeuge

und Gerätschaften nach der Höhle geschafft. Die Streitmacht der

Kolonisten war gegenüber der großen Zahl der Wilden nur sehr gering;

denn sie bestand im ganzen aus nur dreißig Mann. Die Europäer

behielten die Feuergewehre für sich, und jeder nahm auch noch eine

Axt an sich. Ich kommandierte die kleine Armee und ernannte Atkins

zu meinem Unterbefehlshaber. Dieser befand sich hier vollkommen an

seinem Platze, denn an Tapferkeit, Mut und Entschlossenheit that es

ihm niemand zuvor. Er hatte sich mit sechs Mann vorwärts in einem

Gebüsch aufgestellt, auch den übrigen ihren Stand am Saume des Waldes

unter dem Schutze des Gesträuches angewiesen. Die Wilden rückten in

einem übel geordneten, etwa 50 Mann starken Haufen gegen die kleine

Streitmacht heran, während größere Scharen in dichten Massen folgten.

Atkins ließ den Trupp vorüberziehen, dann befahl er dreien seiner

Leute, die jedes ihrer Gewehre mit mehreren Kugeln geladen hatten, auf

den zusammengedrängten Haufen zu feuern. Die Zahl der Getöteten und

Verwundeten mußte erheblich gewesen sein, denn Schreck und Verwirrung

überkamen die Indianer. Diesen Umstand benutzte Atkins und ließ eine

zweite Salve folgen, die eine ähnliche Wirkung hervorrief. Nachdem sich

indes der Überrest der Kannibalen etwas erholt, stürmten sie ihrerseits

auf die Spanier los. Letztere zogen sich unter fortwährenden Salven

vorsichtig zurück, aber die Pfeile der Indianer schwirrten oft genug

unheildrohend durch das Laubwerk des Gebüsches, und wie Löwen stürzten

bald nachher die Wilden auf ihre Feinde ein. Drei Männer des Trupps:

ein Spanier, ein Brite und ein Sklave, wurden getötet, Atkins selbst

leicht verwundet. Zum Glücke rückte das Hauptkorps der Europäer in drei

Zügen zu je sechs und acht Mann näher, zunächst ein mörderisches Feuer

eröffnend, so daß viele der Wilden verwundet niederstürzten, die Masse

derselben aber ratlos durcheinander wogte.

»Nachdem die Feuerwaffen hinreichend vorgearbeitet hatten, drang auch

der Rest unsrer Streitmacht aus dem Waldesdunkel hervor, und die

sämtlichen Europäer fielen nun über die Feinde mit den Handwaffen

her. Im ersten Augenblicke wie gelähmt, ließen sie sich leicht

niederwerfen. Dann aber rafften sie sich wieder auf und setzten sich

mannhaft von neuem zur Wehr. Wütend schlugen sie mit ihren Keulen und

Schwertern drein, schossen einen Hagel von Pfeilen auf uns ab und

verwundeten mehrere unsrer Mannschaft, darunter Freitags Vater. Doch

die Kolonisten hieben erbarmungslos mit ihren Äxten, Piken, Schwertern

und Gewehrkolben auf die Feinde los, so daß binnen kurzer Zeit 180

Indianer, teils getötet, teils schwer oder leichter verwundet, die

Walstatt bedeckten. Die Feinde sahen nach solchem Verluste, daß hier

jeder weitere Widerstand vergeblich sei, und suchten in wilder Flucht

das Ufer zu gewinnen, um sich in ihre Barken zu retten. Die Europäer

waren zu sehr ermüdet, als daß sie die Flüchtigen hätten verfolgen

können. Doch das Maß des Unglücks war für die Besiegten noch nicht

voll; ein fürchterlicher Sturm, der vor Anbruch der Nacht zu toben

begonnen, hatte ihre Kanoes hoch auf den Strand geschleudert, so

daß sie trotz aller Anstrengungen nicht wieder flott gemacht werden

konnten. Den größten Teil fanden sie bereits an den Felsen zerschellt

vor. In dumpfem Hinbrüten lagerten sich die Wilden, die sich noch

etwa auf 70 Mann belaufen mochten, in einem Kreise, das Kinn auf die

Kniee gestützt, starr aufs Meer hinausschauend -- ein Bild unsäglichen

Jammers!

»Nach der Flucht der Feinde konnte man sich von den Strapazen etwas

ausruhen und sich durch Speise und Trank stärken. Doch nur kurze

Zeit gestattete man sich diese Erholungspause. Alle waren ohnehin

begierig, zu erfahren, was aus den Feinden geworden. Daher brachen

alle noch Streitbaren gegen die Küste auf, wobei der Weg über den

Kampfplatz führte. Dort lagen in grauenvollem Gemisch Verwundete

und Tote durcheinander, und auf allen Seiten ächzte und stöhnte es

in schauerlichen Tönen. In betreff der am Leben gebliebenen Feinde,

welche sich in die Wälder geflüchtet hatten, war guter Rat teuer.

Nach mannigfachem Hin- und Herreden einigte man sich zuletzt in der

Maßregel, womöglich die feindlichen Kanoes zu verbrennen, um den

Indianern die Rückfahrt und die Anstiftung eines neuen Rachezuges gegen

die Kolonie abzuschneiden. Es gelang, die Wilden wurden dann unter

täglichen Kämpfen in die Felsengebirge der südwestlichen Gegenden

unsres Eilandes gedrängt. Hierauf zogen die Krieger es vor, Frieden

mit den abgeschnittenen Feinden zu schließen, und schickten deshalb

Freitags Vater als Abgesandten an dieselben ab. Dieser brachte wirklich

eine Verständigung zustande, zumal die armen Leute, von Hunger und

Elend gebeugt, bereits auf 30 Köpfe zusammengeschmolzen waren. Sie

erhielten Nahrungsmittel (Brot, Reiskuchen und Ziegenfleisch) und

wurden dann unter der Bedingung unverbrüchlichen Gehorsams als Freunde

aufgenommen. Auf dem südöstlichen Teile der Insel, in einem von hohen

Felsen umgürteten Thale, wies man ihnen Wohnsitze an und half ihnen

Hütten erbauen. Dann unterrichtete man sie auch in der Kunst, allerlei

Werkzeuge zu verfertigen, das Feld zu bearbeiten, Brot zu bereiten,

Körbe zu flechten, Töpfe zu formen, Ziegen zu melken, und beschenkte

sie mit Äxten, Beilen, Messern und sonstigen Gerätschaften sowie mit

einigen Ziegen und Böcken.

»Nach und nach wußte das Völkchen sich immer bequemer einzurichten und

lebte ruhig und harmlos in seinem Winkel, glücklicher vielleicht als in

der alten Heimat!

»Seit der Errichtung dieser neuen Ansiedelung erfreut sich die Kolonie«

-- mit diesen Worten schloß Don Caballos seinen Bericht -- »nun schon

zwei Jahre hindurch eines ungestörten Friedens bis zu Ihrer Ankunft,

Herr Gouverneur. Zwar landeten noch von Zeit zu Zeit Indianertrupps an

unserm Eilande, um ihre entsetzlichen Triumphmahlzeiten zu halten, aber

sie schienen kein Verlangen weiter zu verspüren, das Innere der Insel

kennen zu lernen und uns mit ihrem schlimmen Besuche zu beehren.«

Aus der Erzählung von Don Caballos ersieht man, welch schwere Zeiten

und bedrohliche Wirren während meiner Abwesenheit über mein liebes

Eiland hingegangen waren. Die Kolonie befand sich jedoch gegenwärtig in

erwünschtem Gedeihen und Fortschreiten, und der Einfluß europäischer

Gesittung hatte sich bei den Indianern in wohlthätiger Weise geltend

gemacht.

Sie hatten bereits geflochtene Tische, Stühle, Ruhebetten und noch

manches andre Hausgerät sauber herzustellen gelernt. Auch die Weiber

des wilden Volksstammes wußten sich zu fügen und zeigten sich

arbeitsam. Sie zeigten sich auch gutmütig gegen die Kinder und nahmen

willig die Unterweisungen in den Lehren des Christentums auf, wobei die

Frauen der Kolonisten einen besonderen Eifer kundgaben.

[Illustration: Unterweisung der Indianerinnen durch die Frauen der

Kolonisten.]

Nicht selten hatte ich während meines kurzen Besuches Gelegenheit,

zu bemerken, wie von Zeit zu Zeit eine Kolonistin recht erbauliche

Mitteilungen an die eine oder andre der Indianerfrauen richtete und in

den letzteren ganz andächtige Zuhörerinnen fand.

Nachdem ich jetzt einen Überblick über den Stand der Kolonie gegeben

habe, wie ich sie bei meiner Ankunft vorfand, will ich nun auch

berichten, was ich für die Ansiedler that und in welchen Verhältnissen

ich sie verließ. Es lag nicht in meiner Absicht, daß jemand der Insel

den Rücken zuwende, vielmehr wünschte ich die Bevölkerung anwachsen

zu sehen, und aus diesem Grunde hatte ich ja eine Menge brauchbarer

Werkzeuge und Geräte mitgebracht, an denen es bisher gemangelt

hatte. Der jetzige friedliche Verkehr der Kolonisten untereinander

befriedigte mich in hohem Maße, und ich ermahnte sie, auch für die

Folgezeit in Eintracht nebeneinander zu leben. Zur Bestärkung in

diesen guten Vorsätzen veranstaltete ich ein glänzendes Friedens- und

Freundschaftsfest, bei welchem unser Schiffskoch viel Ehre einlegte.

Dann schritt ich zur Verteilung der mitgebrachten Geschenke; jeder der

Kolonisten erhielt einen Spaten, eine Hacke, eine Harke, eine Schaufel,

eine große Axt und eine Säge. Nägel, Klammern, Hämmer, Bolzen, Messer

und ähnliche Dinge wurden in Menge verteilt. Meine Vorräte an Waffen

und Munition waren so reichlich, daß jeder doppelt und dreifach

bewaffnet werden konnte und daß man jetzt selbst einen Angriff von 1000

Wilden nicht mehr zu fürchten brauchte. In den folgenden Tagen stattete

ich verschiedene Besuche den einzelnen Niederlassungen der Insel ab und

machte mich dann noch an die schwierige Aufgabe einer gleichmäßigen

Verteilung des Grundbesitzes. Ich teilte zu diesem Endzweck das Land in

verschiedene Bezirke ein und wies jedem ein gleichgroßes Stück an. Mir

selbst behielt ich die Oberherrschaft über die Insel vor und bestätigte

Don Caballos als meinen Stellvertreter; zu den Wilden im Südosten wurde

Freitags Vater entsendet. Er sollte ihnen eröffnen, daß von nun an auch

für sie eine neue Ordnung der Dinge eintreten würde, und daß sie sich

entscheiden sollten, ob sie ihr eignes Land bauen oder den Kolonisten

um einen bestimmten Lohn dienen wollten. Nur sehr wenige wählten die

Unabhängigkeit; die Mehrzahl zog es wohlweislich vor, Dienste zu nehmen.

So glaubte ich alles aufs beste geordnet zu haben und schickte mich

wieder zur Abreise nach dem Osten an; ich wollte Afrika umsegeln

und Madagaskar und die Länder des Indischen Meeres besuchen, sodann

womöglich durch China und Sibirien den Heimweg nehmen. Auch Wilm

stimmte ohne weitere Bedenken bei, die Weltreise nach diesem Plane

auszuführen -- ihn trieb es gleichfalls hinaus ins Weite. Also hieß es:

die Segel gesetzt -- auf! hinaus wieder ins weite Meer!

[Illustration: Freitags Tod.]

Siebzehntes Kapitel.

Fortgang und Schluß von Robinsons Weltfahrt.

Abschied von der Kolonie. -- Kämpfe zur See. -- Freitags Tod. --

Brasilien. -- Sturm am Kaplande. -- Verschlagen ins Eismeer. -- Das

»Venedig des Eismeeres«. -- Gefangen im Eise. -- Durchbruch. --

Der verlassene Matrose. -- Ein »Robinson« auf einer schwimmenden

Eisscholle. -- Irrfahrten. -- Das Gespensterschiff. -- Zusammenstoß

mit den Kochinchinesen. -- In China und Sibirien. -- Rückkehr nach

England. -- Endliche Ruhe.

Die letzten Verhaltungsmaßregeln waren angeordnet, und als ich Abschied

nahm, begleiteten mich die Kolonisten, die mich wie ihren Vater und

Wohlthäter verehrten, bis hin zur Bucht. Sobald das Schiff das offene

Meer gewonnen hatte, sagten wir der Insel mit fünf Kanonenschüssen

lebewohl und richteten unsern Lauf nach der Allerheiligenbai, die

wir nach drei Wochen erreichten. Unterwegs hatten wir aber noch

ein verhängnisvolles Abenteuer zu bestehen, das mir einen großen,

unersetzlichen Verlust brachte. Am dritten Abend nach unsrer Abfahrt

bemerkten wir bei voller Windstille, wie sich an einer fernen Küste

dunkle Punkte lebhaft hin und her bewegten. Der Hochbootsmann stieg

mit dem Fernrohr auf den Fockmast und berichtete, es sei eine ganze

Flotte Wilder, und er schätzte die Zahl ihrer Kanoes auf mehr als

hundert. Wir mußten uns also jedenfalls auf einen blutigen Kampf gefaßt

machen, zu welchem ich die Schiffsmannschaft nach Kräften ermutigte.

Ich ließ die beiden Schaluppen flott machen und mit hinreichender

Mannschaft besetzen. Die inzwischen näher kommende Flottille der Wilden

bestand aus etwa 130 Kähnen, jeder durchschnittlich mit einem Dutzend

Bewaffneter bemannt. Fünf oder sechs dieser Kanoes kamen uns fast bis

auf Wurfweite nahe, und unsre Leute, die eine Umzingelung besorgten,

gaben deshalb mit der Hand ein Zeichen, daß sich die Wilden entfernen

möchten. Diese verstanden es recht wohl, schossen aber zahlreiche

Pfeile auf uns ab und verwundeten einen unsrer Matrosen. Trotzdem hielt

ich immer noch meine Leute vom Feuern zurück und ließ einige Planken

in die Schaluppe hinabgleiten; aus diesen bildete der Zimmermann eine

Art Wall, hinter welchem unsre Mannschaft vor den Pfeilen der Wilden

geschützt war. Jetzt ruderte aber der ganze Schwarm heran und fiel

uns in den Rücken. Da erkannte ich in den Angreifern alte Bekannte,

mit denen ich schon auf der Insel zu thun gehabt hatte. Ich befahl,

die Kanonen bereit zu halten, und schickte Freitag aufs Deck, um die

Fremdlinge zu fragen, was sie begehrten. Sie antworteten mit einem

Hagel von Pfeilen und ach! -- Freitag, völlig ungeschützt dastehend --

-- stürzte von zwei Pfeilen durchbohrt nieder. -- -- Noch ein Blick aus

seinen liebevoll ergebenen Augen, als ich vor ihn trat, und -- -- *er

verschied*.

Der herbe Schmerz über den Verlust meines alten, treuen Gefährten

verdrängte jedes Erbarmen aus meiner Brust. In heftigem Zorn ließ ich

fünf Kanonen mit Kartätschen und vier mit Kugeln laden und in den

dichten Schwarm der Boote hineinfeuern. Das war eine Salve, wie die

Wilden in ihrem Leben keine ähnliche empfangen hatten: eine Menge

Barken wurden teils zertrümmert, teils in den Grund gebohrt; alles, was

noch ein Ruder in den Händen fühlte, arbeitete aus Leibeskräften, um

diesem mörderischen Empfang zu entrinnen. Bald war die wilde Sippschaft

unsern Blicken entflohen, aber auf dem Wasser schwammen in großer Zahl

unter Trümmern und Balken tote, verwundete und verletzte Indianer

umher. Der Sieg indessen war allzu teuer erkauft. Der Verlust meines

treuen Freitag ließ sich nicht überwinden; tiefe Schwermut bemächtigte

sich seitdem meines Gemüts; kaum daß Wilm mich etwas aufzuheitern

vermochte.

Am Abend jenes verhängnisvollen Trauertages setzte der Wind um, eine

frische Brise kräuselte den Spiegel des Meeres, über welchem vorher die

Windstille mit ihren bleiernen Flügeln gehangen hatte -- und weiter

ging die Fahrt nach Brasilien ohne Hindernisse und Gefahren.

Am 18. Tage nach dem geschilderten Gefechte mit den Wilden ankerten

wir, nachdem wir drei Tage vorher das Kap St. Augustin umschifft

hatten, in der Allerheiligenbucht. Es gelang mir, meinen ehemaligen

Gesellschafter aufzufinden, mit welchem ich verschiedene Geschenke

austauschte. Derselbe gewährte mir auch seine Hilfe bei Ausrüstung

einer Schaluppe, durch welche ich meiner Kolonie eine Zufuhr an Leuten

und Gebrauchsgegenständen zukommen lassen wollte. Den nützlichen

Dingen, welche ich meinen Kolonisten zuwandte, ließ ich drei

Milchkühe und fünf Kälber hinzufügen sowie einige zwanzig Schweine

und drei Pferde. Auch bewog ich, gemäß eines den Spaniern gegebenen

Versprechens, noch drei Portugiesinnen, sich nach der Insel zu begeben.

Das Boot, hinlänglich bemannt, ging nun unter Segel und kam auch

glücklich auf meinem Eilande an, von der Einwohnerschaft mit Jubel

begrüßt. Durch die neuen Ankömmlinge wuchs die Kolonie bis auf die

stattliche Anzahl von ziemlich 70 Köpfen an, die Kinder nicht mit

eingerechnet.

Erst nach Jahren empfing ich durch meinen Geschäftsgenossen, der

den Verkehr mit meiner Kolonie unterhielt, ausführlichere Berichte

über den Zustand derselben. Solange Don Caballos noch lebte und die

Regentschaft über die Insel führte, befand sich die Verwaltung in

guten Händen. Nachdem dieser aber in einem Gefechte gegen die Wilden

geblieben und auch Will Atkins, der sich in den letzten Jahren der

Leitung der Kolonie mit allen Kräften unterzogen hatte, gestorben war,

brachen unter der Bevölkerung heftige, ja sogar blutige Zwistigkeiten

aus, und die Herrschaft ging von einer Hand in die andre über. Müde

der unaufhörlichen Streitigkeiten, zog es eine Anzahl der Kolonisten

vor, nach Brasilien auszuwandern, und dieses Beispiel verlockte

bald auch andre, die Insel zu verlassen. Nun brach eine traurige

Zeit für die Zurückgebliebenen an; denn, wieder zu einem kleinen

Häuflein zusammengeschmolzen und den beständigen Angriffen der Wilden

ausgesetzt, welche genaue Kenntnis von der Abnahme der Bevölkerung der

Insel erlangt hatten, setzten sie ihre einzige Hoffnung nur noch auf

meinen Beistand. Sie hatten in der That mir nach London geschrieben und

mich um Hilfe in ihrer traurigen Lage gebeten. Allein es sollten Jahre

vergehen, ehe ich diese Briefe erhielt; auch mochte ich nicht dahin

zurückkehren, weil es doch zu spät gewesen wäre, ihnen erfolgreich

beizustehen. Die fortgesetzte Feindschaft der Wilden und ein

entsetzliches Erdbeben, durch welches die Insel und die Niederlassungen

schwer heimgesucht wurden, hatten schließlich die völlige Verödung

der Insel zur Folge. Nur wenige Bewohner entrannen dem fürchterlichen

Verhängnisse. --

Nachdem ich in Brasilien meine Geschäfte beendet hatte, nahmen wir

durch das Atlantische Meer unsre Richtung gegen das Vorgebirge der

guten Hoffnung, wo wir frisches Wasser und Proviant einzunehmen

gedachten, um dann unsre Fahrt nach Osten weiter fortzusetzen. Schon

sahen wir in der Ferne den dunkelblauen Streifen des Löwenberges aus

dem Meere aufragen und hofften nun in der Tafelbai zu ankern. Da

stiegen plötzlich schwarze Wolken auf, verhüllten die hohen Gebirge und

überdeckten schnell den ganzen Himmel. Bald hörten wir das schrille

Toben und Sausen des Sturmes, in welches das dumpfe Brausen der

hochgehenden Wogen einstimmte.

Der Sturm war mit ganzer Macht ausgebrochen. Dichte Finsternis lagerte

über dem Meere, der Orkan heulte und tobte in allen Tonarten, die

Wellen türmten sich empor, die Masten krachten, schnarrend zerrissen

einige Segel, da wir nicht im stande waren, sie zu reffen, und unser

Schiff schoß wie ein Pfeil durch das tobende Meer in der Richtung

nach Südosten. Wir vermochten nichts gegen die Übermacht des Sturmes

auszurichten, mußten uns derselben vielmehr willenlos überlassen. Nach

einigen Tagen fanden wir uns, als der Sturm nachgelassen hatte, in eine

neue Welt versetzt. Rechts und links zogen Eisschollen an uns vorüber,

die oft Kisten von viereckiger Gestalt glichen; dazwischen taumelten

phantastisch gestaltete Eisberge wie Betrunkene, die den Heimweg nicht

finden können. Immer zahlreicher drängten die Schollen, immer dichter

zogen die Eisberge gruppenweise vorüber, weshalb die Matrosen sie

Eiskarawanen nannten. Die Eisblöcke oben auf den Eisbergen glichen oft

Häusern, Dörfern, verfallenen Kirchen oder Schloßruinen, und einmal

glaubten wir gar in eine Feenwelt versetzt zu sein. Eine Menge von

Eiskolossen hatte sich so geordnet, daß sie wie Häuser nebeneinander

standen und förmliche Straßen bildeten. Wir nannten diese Stelle

das »Venedig des Eismeeres«. Man sah breite Wasserstraßen mit engen

Nebengassen; Seehunde, Pinguine und andre Seevögel schwammen lustig

an diesen Eispalästen entlang, aus deren zerbröckelten Wänden man

sich mit Hilfe der Phantasie Erker, Schwibbogen, Hallen und Nischen

zusammenstellen konnte. Dabei flimmerte und blitzte es hier und da

silbergleich, wo Sonnenstrahlen auffielen; dann wiederum stand das

Wasser der Straßenkanäle still, als ob es schliefe, und es war dabei so

schauerlich öde in der Eisstadt, daß es uns unheimlich wurde, wie unter

Ruinen.

Robinson Crusoe's Reisen, wunderbare Abenteuer und Erlebnisse · 第 15 / 16 段