Die Schiffsmannschaft drängte zur Umkehr, obschon der Wind wieder

heftig vom Kap herwehte. Ich ließ also wenden. Aber wer beschreibt

unsern Schrecken, als wir uns von einem breiten Eisgürtel

eingeschlossen fanden! Der Wind hatte Schollen und Eisberge

zusammengetrieben, diese waren aneinander gefroren und bildeten nun ein

Eisband von etwa einer Viertelstunde Breite, denn jenseits sahen wir

offenes Meer, hinter uns aber in der Ferne eine unabsehbare Eiswand.

Was war zu thun? Wir saßen in einem kleinen Wasserbecken gefangen,

rings umschlossen von Eis -- und wie lange wird unser Becken eisfrei

bleiben?

Ich beratschlagte mit Wilm, was zu thun sei. Da erinnerte ich mich,

in einem alten Schiffsbuche gelesen zu haben, wie man sich in

solchen Fällen zu helfen pflege. Weil das alte Eis mürbe, das junge

zusammengekittete aber noch schwach ist, so kann man sich einen

Durchgang brechen, indem man mit dem Vorderbug des Schiffes gegen das

Eis anläuft, oder indem man mit Säge und Beil einen Kanal durch das Eis

schlägt.

Wir beschlossen letzteres Mittel anzuwenden und sandten daher einen

Teil der Leute aufs Eis, um das junge Eis zu zertrümmern und die

Eisschollen verschiebbar zu machen. Die andern mußten das Schiff etwas

zurückleiten, dann es gegen das Eis anrennen lassen, um den Verband des

Eises zu lockern und die entstandenen Sprünge zu erweitern. Die Arbeit

war sehr mühselig, aber erfolgreich; gegen Mittag hatten wir unser

Fahrzeug fast um eine ganze Schiffslänge in den Eisgürtel eingezwängt,

der nach allen Seiten hin Risse und Sprünge zeigte, wodurch die Arbeit

immer leichter vor sich ging. Wir bekamen allesamt frischen Mut und

arbeiteten um so eifriger. Da sprang der Wind plötzlich um und wehte

sehr heftig von Süden her, daß die Wellen an den Eisgürtel brandend

anschlugen, dieser zugleich zu krachen und zu bersten anfing, Spalten

hin und her aufklafften und Eisinseln entstanden. Daher wurden die

Arbeiter noch rechtzeitig aufs Schiff zurückgerufen, welches gerade

eine Rückwärtsbewegung machte, um zu einem neuen Anlauf auszuholen.

Mit Mühe gelang es, die Matrosen mittels zugeworfener Taue aufs Schiff

zurückzuschaffen; denn bereits erweiterten sich die Spalten und es

rannten die Eisschollen so heftig aneinander, daß sich das Boot mit den

Leuten nicht dazwischen wagen durfte.

Wir zählten unsre Leute, und siehe, es fehlte Andreas noch. Wir riefen

nach ihm und feuerten eine Kanone ab, endlich kam auch er hinter einer

Scholle hervor, wo er gearbeitet hatte. Mittlerweile aber war zu unserm

Schrecken unser Schiff immer weiter ins offene Becken zurückgewichen,

und so hatte es sich mehr und mehr von unserm armen Gefährten entfernt.

Da stand denn dieser händeringend auf schwankender Eisscholle, mir

noch nahe genug, um sein Wehgeschrei zu hören! Doch war ich nicht im

stande, ihn zu retten! Jammernd reckte er die Arme empor, rannte vor-

und rückwärts, stürzte nieder und sprang wieder auf, aber immer weiter

trieben uns die Wasserkanäle auseinander -- ach, wir konnten ihm nicht

helfen, denn längst schon konnte ihn das geworfene Tau nicht mehr

erreichen. Das Herz wollte mir zerspringen, als ich den Untergang eines

braven Kameraden vor mir sah, ohne zu seiner Rettung etwas Weiteres

unternehmen zu können; aber mir stand die Gefährdung des Lebens *aller*

vor Augen -- dies entschied. Wir segelten in die breiten Kanäle des

zerborstenen Eisgürtels hinein, winkten dem Unglücklichen lebewohl

und ließen ihn auf einer treibenden Scholle im Sturm und bei hohem

Wellengange zurück.

Diese aufregende Szene gehört mit zu dem Entsetzlichsten, was ich

jemals erlebt habe. Indes darf sich der Leser mit mir darüber freuen,

daß der brave Andreas doch noch auf wunderbare Weise gerettet

wurde. Ich fand ihn wohlbehalten in Kanton wieder, wo er mit einem

holländischen Schiffe angekommen war; hier erzählte er mir alsdann

seine unerwartete Rettung.

Als er uns davonfahren sah, ergriff ihn Verzweiflung. Er warf sich

nieder auf das Eis und schrie aus tiefstem Herzensgrunde. Endlich

raffte er sich auf, um sich ins Meer zu stürzen, da er der Meinung war,

ein schneller Tod sei dem langsameren Untergange vorzuziehen. Sowie er

aber an den Eisrand trat, erwachte die Hoffnung von neuem. Zum Sterben

ist noch immer Zeit, sagte er sich und sann auf Mittel zur Rettung.

Da Wind und Strömung die Eismassen nach Norden trieben, so suchte

er auf diese Seite zu gelangen und wählte sich eine große Scholle

dauerhaften Eises zum Fahrzeuge. In der Mitte und hinter Eishügeln grub

er sich eine Vertiefung, die sein Lager bilden sollte. Alles Weitere

überließ er dem Schicksale. Er trieb ein, zwei, drei Tage, ohne etwas

andres als Schollen zu sehen. Hunger und Durst peinigten ihn, und er

suchte Eis zu verschlucken, um den Durst zu löschen; schließlich

aber kam er auf den praktischen Gedanken, geschmolzenes Schnee- und

Eiswasser in kleinen Gruben zu sammeln und diese als Zisternen zu

benutzen. Die Nachtkälte fiel ihm zwar sehr lästig, aber er suchte sie

durch Auf- und Abgehen zu überwinden. Da erhielt er auch Gesellschaft.

Eine Robbenfamilie, bestehend aus drei Mitgliedern, legte sich zum

Schlaf nieder und blieb, da sie wohl noch nie einen Menschen gesehen

hatte, arglos in seiner Nähe. Er konnte sie mit dem Beile erschlagen.

Die Häute kamen ihm sehr zu statten. Das Fleisch mußte er freilich roh

essen, doch klopfte er es zuvor mit dem Beilstiele mürbe und war am

Ende froh, überhaupt Nahrung zu erhalten. Sogar der Thran mundete ihm.

Die Scholle wurde inzwischen bedenklich kleiner, je weiter sie nach

Norden vorrückte, blieb aber doch noch groß genug, ihn zu tragen. Nach

mehreren Tagen näherte sie sich einer Inselklippe, wo sie strandete

und ihren Bewohner ans Land warf, den etliche Tage darauf ein Schoner

gewahrte und mit nach Kanton nahm.

Nun komme ich wieder auf meine eigene Fahrt zurück. Wir arbeiteten uns

im Zickzack glücklich durch die Kanäle des Eisgürtels hindurch und

erreichten das offene Meer. Der starke Wind trieb uns nach Norden bis

an die Küste von Madagaskar.

Obschon wir zuerst uns ganz freundlich von den Madegassen begrüßt

sahen, so gerieten doch unsre Leute beim Austausch von Messern und

andern Kleinigkeiten gegen frisches Fleisch bald in Händel mit ihnen,

wobei einer der Matrosen das Leben einbüßte. Um diesen zu rächen,

drangen unsre Leute in einige umliegende Dörfer, verbrannten sie und

erschlugen mehrere Eingeborene. -- Da eilte ich den Unbesonnenen nach,

um zu retten, was noch gerettet werden konnte; ich beschützte Männer

und Frauen, welchen fortan niemand mehr ein Leid anthun durfte.

Aus jenen Tagen blieb mir namentlich eine Szene unvergeßlich. Die

Matrosen hatten in der Morgenfrühe ein Dorf angezündet, über dessen

Rohrdächer das Feuer prasselnd dahinzüngelte, so daß die Einwohner

gezwungen waren, ihre Verstecke zu verlassen. Hierbei liefen viele

den Angreifern geradezu in die Hände, und es begann ein entsetzliches

Niedermetzeln.

Als ich in der Dämmerung die roten Feuersäulen am tiefdunklen Himmel

aufsteigen sah, ergriff mich eine beängstigende Vorahnung dessen, was

vorgefallen sein möchte. Von einigen bewaffneten Matrosen begleitet,

eilte ich in einem Boote ans Ufer und dem Dorfe zu, woher der Lärm

erscholl. Je näher wir kamen, um so deutlicher hörten wir das

Jammern und Heulen der Unglücklichen. Kaum hat jemals ein Gefecht so

erschütternden Eindruck auf mich gemacht als diese Blutthat. Gierig

wüteten die Flammen, aber noch grimmiger hausten, wie Würgengel, die

mörderischen Matrosen. Dieser Anblick verwirrte meine Sinne: ich

stand da, regungslos, starr vor Entsetzen. Da flohen drei Weiber

unter lautem Wehgeschrei eilends an uns vorüber, hinterdrein 12 bis

15 Madegassen, verfolgt von unsern Leuten, die dareinfeuerten, so

daß einer der Flüchtlinge tot niederstürzte und mehrere verwundet

hinsanken. Die Fliehenden glaubten in uns neue Verfolger zu finden und

stießen ein herzzerreißendes Geschrei der Verzweiflung aus. Es kostete

mir viel Mühe, ihnen durch Zeichen anzudeuten, daß wir ihnen kein Leid

zufügen, sondern sie schützen wollten. Zögernd näherten sie sich uns,

warfen sich vor mir nieder, hingen sich an meine Arme und baten mit

Blicken um Rettung. Ich nahm mich ihrer an, wies mit ernsten Worten

ihre Verfolger zurück, welche nicht begreifen konnten, wie ich dazu

käme, sie an dem Rachewerke zu hindern, zumal sie meinten, Heiden zu

töten sei kein Verbrechen. Murrend umstanden mich die Matrosen, aber

zuletzt gehorchten sie doch. Die Flüchtlinge waren gerettet; die Blicke

des Dankes, mit denen sie mich ansahen, werden mir ewig unvergeßlich

bleiben.

[Illustration: Robinson beschützt die verfolgten Frauen der Madegassen.]

Ich befahl meinen Leuten, auf das Schiff zurückzukehren, und segelte

dann eilends davon; aber kaum besser als in Madagaskar erging es uns

an der Küste im Persischen Meerbusen, wohin wir uns wandten. Arabische

Seeräuber griffen uns an, und nur mit Mühe gelang es uns zu entrinnen.

Ich konnte mich nicht enthalten, *diesen* Überfall als eine Strafe

zu bezeichnen, welche Gott für das grausame Blutbad von Madagaskar

über uns verhängt habe; allein ich fand nur geringes Gehör bei der

Schiffsmannschaft, und die schon gereizte Stimmung wurde nicht besser.

Da nahm ich mir vor, sobald sich zu einer passenden Landung Möglichkeit

böte, die Mannschaft zu entlassen und neue Leute anzuwerben, vielleicht

auch ein neues Schiff für mein altes einzutauschen. In diesem

Entschlusse wurde ich noch mehr bestärkt, als mir der Superkargo im

Vertrauen mitteilte, daß der Ausbruch einer Meuterei zu befürchten sei,

wenn ich es nicht vorzöge, bis zur Landung lieber gute Miene zum bösen

Spiel zu machen. Dies geschah denn auch, und wir kamen ohne weiteren

Zwischenfall nach Surate. Hier glückte es mir, Korallen gegen Perlen

und Edelsteine einzutauschen. Dann segelten wir nach Borneo, mußten

uns aber unterwegs wiederholt mit Seeräubern herumschlagen, denen

wir weitere nicht unansehnliche Vorräte an Perlen und Gold abnahmen.

Etliche Zeit darauf landeten wir in einer kleinen Bucht Siams.

Das Schiff zeigte sich in der That stark mitgenommen. Da ich nun in

China und vielleicht selbst in Japan Waren einzuhandeln gedachte, so

suchte ich das Fahrzeug zu verkaufen und ein andres dafür zu erwerben.

Doch ging dies nicht so rasch. Endlich meldete sich ein Portugiese,

erzählte mir ein langes und breites von seinem Schnellsegler und bot

mir einen Austausch unsrer Schiffe an. Ich besah das seinige, fand

es geräumig und die Summe gering, die ich noch herauszahlen sollte;

ich schloß daher den Handel ab. Zwar fielen mir der billige Preis und

die Eile, welche der Portugiese zeigte, etwas auf. Da jedoch seine

Papiere in Ordnung waren, so brachte ich den Handel zum Abschluß. Bald

waren die Schiffe umgeladen, und noch an demselben Abend segelte der

Portugiese ab, der auch einen Teil meiner Mannschaft erworben hatte,

weil er direkt nach Portugal und England zu reisen versprach. Ich

mußte also Matrosen werben, doch konnte das in einem belebten Hafen

leicht ausgeführt werden. Hierbei sollte ich nun erfahren, warum der

schlaue Portugiese beim Tauschen der Schiffe so große Eile hatte. Sein

Schiff hieß nämlich das »Gespensterschiff« und war in ganz Südasien in

Verruf, weil Geister in demselben umgehen sollten, weshalb kein Matrose

so leicht auf demselben Dienste nahm. Infolge der unzureichenden

Bemannung hatten auch schon Seeräuber, welche das Fahrzeug überfielen,

leichtes Spiel gehabt. Sie plünderten es aus, nachdem sie die Matrosen

niedergemetzelt hatten, und überließen dann das Schiff den Wellen.

Öde und verlassen fand es ein englisches Kriegsschiff, welches sich

seiner bemächtigte, es in einen Hafen brachte und dort verkaufte.

Indessen wurde bald ruchbar, daß die Geister der Ermordeten in der

Mitternachtsstunde ächzend auf dem Schiffe umgehen sollten, was die

Matrosen mit Grauen erfüllte, weshalb jeder das Schiff mied. So

erzählten sich die Matrosen.

Zwar glaubte ich nicht an diesen Gespensterspuk, aber die Sache deuchte

mich doch recht widrig, denn es schien ganz so, als sollte mein Schiff

unbemannt bleiben. Endlich meldete sich ein großer, kräftiger Mann als

Steuermann und versicherte, daß er den unheimlichen Ruf des Schiffes

kenne, sich aber vor Gespenstern nicht fürchte, und daß es ihm auch

gelingen würde, noch mehrere unverzagte Kameraden anzuwerben. Mir fiel

ein Stein vom Herzen, und ich gab ihm Vollmacht und Geld, damit er

sein Versprechen schnell ausführen könnte. Nach etwa acht Tagen war

alles in Ordnung gebracht, und wir stachen in See, um nach Nanking zu

segeln. Alle waren neugierig, wie es mit dem Gespensterbesuche kommen

werde. Nicht ohne Bangen erwarteten die Matrosen die erste Mitternacht,

denn bei den meisten war der Mund tapferer als das Herz, und so recht

geheuer kam ihnen die Sache doch nicht vor, je mehr Spukgeschichten

sie sich erzählten. Die erste Nacht verging ruhig, auch die zweite und

dritte. Kein Gespenst ließ sich sehen, und man fing bereits an, sich

über die Sache lustig zu machen. Anders erging es am vierten Tage; denn

am Morgen erzählte die Deckwache, sie habe das Gespenst gesehen, wie es

die Falltreppe heraufgestiegen, unhörbar über das Deck geschwebt und an

der andern Treppe wieder lautlos verschwunden sei.

Dieser Vorfall beunruhigte alle, denn der Erzähler galt für einen

beherzten Matrosen. Nun erschien das Gespenst bald diesem, bald jenem;

heute stöhnte es, morgen klirrte es mit scharfen Messern, bald erschien

es in weißer, bald in schwarzer Tracht. Keiner wagte es anzureden oder

gar anzuhalten, denn an einem Geiste wollte sich niemand vergreifen,

da man von dem Wahn befangen war, daß schon der Blick eines Gespenstes

tödlich wirkte. Zuletzt gestand auch der Steuermann, daß ihm das

Gespenst erschienen sei, so daß an dessen Dasein nicht zu zweifeln

war. Die Sache wurde mit jedem Tage bedenklicher; denn wo die Matrosen

standen und saßen, erzählten sie sich Geistergeschichten, von denen

eine phantastischer war als die andre.

Vergeblich suchte ich die Matrosen zu überzeugen, daß es keine

Gespenster gäbe; man entgegnete mir stets, daß sich niemand das

abstreiten lasse, was er mit eignen Augen gesehen habe. Schließlich

erschien auch mir selbst das Gespenst.

Eines Nachts öffnete sich leise die Thür, ein grauer Schatten schwebte

herein und durch das Zimmer, um auf der andern Seite schnell wieder

zu verschwinden. Nun hatte ich also das Gespenst selbst gesehen und

konnte dessen Dasein nicht mehr bestreiten. Ich wollte und mußte

der Sache auf die Spur kommen, versah mich also für den nächsten

Abend mit einer Pistole und einem Dolchmesser, um zu versuchen, ob

das Gespenst auch unverwundbar sei. Mit Unruhe erwartete ich die

Mitternacht; das aufgehende Mondviertel warf einen blassen Schein

durch das Kajüttenfenster auf einige Stellen der Kajütte, deren Thür

ich geöffnet hatte. Siehe, da hob sich draußen die Falltreppe, ein

grauer Schatten stieg empor, trat in die Kajütte und schritt gerade

auf mein Bett zu. Da wurde mir doch etwas bange zu Mute, es flimmerte

mir vor den Augen, ich vergaß Pistole und Dolch, fühlte den Hauch des

Gespenstes, welches sich über mich beugte, und die Sinne begannen mir

zu schwinden. In diesem Augenblicke ergriff mich ein verzweifelter

Mut: ich faßte nach der Kehle des Gespenstes, und siehe da, ich hatte

etwas Festes in der Hand, und zwar einen Geist, der Fleisch und Knochen

hatte. Das Gespenst wollte sich losreißen. Ich aber sprang aus dem

Bett, ergriff die Pistole und befahl dem erschreckten Gespenst, sich

nicht von der Stelle zu rühren. Dann rief ich die Wache herbei, welche

nicht wenig erstaunt war, als sie den Geist vor mir knieen sah und um

sein Leben bitten hörte. Sogleich wurde ein Verhör angestellt, und es

ergab sich, daß das Gespenst ein verurteilter Verbrecher war, welcher

sich bei Nacht in das Schiff geflüchtet hatte, um der Verfolgung und

Strafe zu entgehen. Am Tage hielt er sich zwischen Kisten und Balken

des untersten Schiffsraumes verborgen, des Nachts aber suchte er die

notwendigen Nahrungsmittel zusammenzubringen. Um auf seinen Rundgängen

nicht angehalten zu werden, spielte er die Rolle des Gespenstes.

Solchergestalt hoffte er den nächsten Hafen zu erreichen und dann

zu entschlüpfen. Wir mußten allesamt herzlich lachen, als sich die

furchtbaren Gespenstergeschichten in Diebstähle von Brotrinden und

Fleischresten verwandelten. Obschon der Kerl den Tod verdient hatte, so

versprach ich doch, seiner zu schonen, schon weil das Gespenst aus Not

nun selbst die Matrosen von dem Wahne des Gespensterglaubens geheilt

hatte.

Mittlerweile hatten wir uns der Küste von Kochinchina genähert und

warfen dort gegenüber der Mündung des Flusses die Anker aus, zumal

unser Schiff, das etwas leck geworden war, einer Ausbesserung bedurfte.

Wir fanden das Land von rohen Menschen bewohnt, die Raub und Diebstahl

ganz handwerksmäßig betrieben und es ganz ungescheut versuchten, unser

Schiff zu bestehlen. Doch wir hielten stand, und nach einem sehr

heftigen Handgemenge zogen die Kochinchinesen ab, wonach wir durch

weitere Besuche von ihnen nicht mehr belästigt wurden.

Nachdem das Schiff wieder segelfertig gemacht war, nahmen wir unsern

Kurs gegen Nordost, dann direkt nach Nord, vorüber an einer schönen

Insel (Formosa?), in der Absicht, über Kanton nach Nanking zu segeln.

Hier kamen wir nach zwei Wochen glücklich an und besahen uns diesen

wichtigen Hafenplatz nach allen Richtungen. Dann unternahmen wir,

allerdings mehr aus Neugierde, als um Geschäfte zu machen, kleinere wie

größere Reisen ins Innere des Landes.

Von Nanking aus, wo wir uns mit den nötigen Reisebedürfnissen

versahen, schlugen wir die Richtung nach der nördlichen Hauptstadt

des himmlischen Reiches ein. Diese Reise, welche wir teils zu Lande,

teils zu Wasser zurücklegten, dauerte 25 Tage. Wir fanden überall

das Land stark bevölkert und wohl angebaut, die Straßen und Wege in

gutem Zustande. Endlich kamen wir in Peking an, ohne daß uns etwas

Absonderliches widerfahren wäre. Leider konnten wir uns in der Stadt

nicht lange umsehen, denn wir erfuhren, daß die russische Karawane, an

welche ich mich mit dem Präriejäger anschließen wollte, schon binnen

zwei Tagen aufbrechen werde. Bald hatten wir die fast endlose Stadt mit

ihrer dreifachen turmreichen Umfassungsmauer und ihren unabsehbaren

Straßen im Rücken.

Nachdem wir China durchwandert, dann auch in Sibirien einen

Winteraufenthalt genommen hatten, regte sich in mir das Verlangen,

England baldigst wiederzusehen; ich benutzte also die erste

Gelegenheit, mich nach London einzuschiffen, wo ich am 10. Januar 1705

nach mehrjähriger Abwesenheit wohlbehalten eintraf.

Doch sollte es vorher nicht ohne ein kleines Abenteuer abgehen. Es

war in Hamburg. Damals befand sich ganz Europa in Krieg wegen der

spanischen Thronfolge. Die Russen, Dänen und Sachsen kämpften mit den

Schweden, und England, Holland, Österreich und Italien mit Frankreich.

Man brauchte viel Soldaten, warb daher junge Mannschaft oder raubte

sie, wenn sie nicht freiwillig kommen wollten, mit Gewalt. Wir waren

bereits auf dem Schiffe, konnten aber widriger Winde halber den Hafen

nicht verlassen. Da sahen wir einen jungen Mann in ein Boot steigen,

nach unserm Schiff rudern und auf dasselbe steigen. Vor dem Kapitän

angekommen, bat er dringend um dessen Schutz. Er sagte, er sei ein

Student aus Sachsen, habe eine Ferienreise machen wollen, sei aber von

Werbern überfallen und fortgeschleppt worden, um in ein schwedisches

Regiment gesteckt zu werden. Er habe durchaus keine Lust zum

Kriegsdienste, sei entflohen und werde von der hamburgischen Polizei

verfolgt. Nur in England glaube er auf Schutz rechnen zu dürfen und

bitte daher, ihn mitzunehmen. Einige Fragen überzeugten den Kapitän

von der Wahrheit der Aussage. Es schmeichelte unserm Stolze, daß ein

englisches Schiff Zufluchtsstätte für unschuldig Verfolgte werden

könne. Wir wehrten seinen Verfolgern daher den Zutritt zum Schiffe,

und während des langen Unterhandelns drehte sich der Wind; alsbald

fuhren wir ab und nahmen unsern Schützling mit nach England, von wo er

später wohlbehalten über Holland heimgekehrt sein soll.

Meine Geschäftsfreunde, welche ich aufsuchte, gaben mir befriedigende

Auskunft über mein zurückgelassenes Vermögen. Während mein letzter

Geschäftsgenosse, Herr Wilson, noch in rüstigem Mannesalter nach

Bengalen zurückkehrte, um dort durch Handelsgeschäfte sein Vermögen

zu mehren, legte ich endlich, jetzt ein 72jähriger Greis, meinen

Wanderstab nieder, um bei meinen beiden Kindern, die mir Gott gesund

erhalten hatte, den Rest meiner Tage in Ruhe und Frieden zu beschließen

und mich auf jene letzte Reise vorzubereiten, deren Ziel der Himmel ist.

Ende.

Der junge Handwerker und Künstler.

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[Illustration: Der Blitzschlag ins Schiff.]

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Robinson Crusoe's Reisen, wunderbare Abenteuer und Erlebnisse · 第 16 / 16 段