Unser Führer befand sich am folgenden Morgen so schwach, daß er uns

nicht weiter begleiten konnte; wir bezahlten ihn anständig, mieteten

einen Ersatzmann und zogen nach *Toulouse*, wo wir weder Schnee noch

Wölfe, sondern eine liebliche warme Sonne und fruchtbare blühende

Gefilde trafen. Als die Leute dort unser bestandenes Reiseabenteuer

vernahmen, fanden sie es unbegreiflich, wie unser Führer so kühn sein

konnte, uns in dieser Jahreszeit über das Gebirge zu führen, noch

dazu mit so vielen Pferden, welche die Gier der Wölfe aufs höchste

stacheln. Alle stimmten darin überein, daß wir nur wie durch ein Wunder

dem Tode entgangen seien. Denn bereits sei ein Reisender vor uns den

Heißhungrigen zum Opfer gefallen -- wohl der Besitzer jenes leeren, von

den Wölfen verfolgten Pferdes.

Von Toulouse ging die Reise ohne Aufschub weiter nach *Paris*, von

da nach *Calais*, wo wir nach *Dover* übersetzten. Nach kurzer Rast

ließ ich mich noch an demselben Tage mit Freitag für den Postwagen

einschreiben und langte den Tag darauf in London an.

Mein erster Besuch galt der guten alten Witwe, welche die Erzählung von

dem glücklichen Wechsel meines Schicksals unter Freudenthränen anhörte.

Ich setzte ihr eine lebenslängliche Rente von jährlich 100 Pfund

Sterling aus und quittierte über die Summe, die sie mir noch schuldete.

Dann bat ich sie, meinem Hauswesen vorzustehen, worein sie gern

willigte, und nach wenigen Tagen bezogen wir eine geräumige, behagliche

Wohnung. Mein Vermögen war bar in meinen Händen, denn die Wechsel,

die ich mitbrachte, wurden ohne Schwierigkeit eingelöst. Auch meine

Schwestern vergaß ich nicht: ich sandte einer jeden 100 Pfund Sterling

und fügte das Versprechen hinzu, ihnen diese Summe lebenslänglich als

eine jährliche Pension zu sichern. Meine beiden Neffen nahm ich zu mir,

und da der älteste etwas eignes Vermögen besaß, so erzog ich ihn wie

einen Mann von Stande und sorgte, daß er diesen Rang behaupten konnte.

Der zweite hatte Neigung zur Seefahrt; ich billigte natürlich diese

Neigung und übergab ihn deshalb der Obhut eines angesehenen, tüchtigen

Schiffskapitäns, der ihn auf weiten Reisen, besonders nach Westindien,

zu einem wohlunterrichteten, taktfesten Seemann ausbildete.

Während der ersten Zeit meines Aufenthalts in London dachte ich oft

an meine brasilische Pflanzung und an das Versprechen, dieselbe zu

besuchen. Allein die Gesellschaft, die ich dort vorgefunden haben

würde, und die ganze Lebensart überhaupt behagten mir so wenig mehr,

daß ich mich lieber entschloß, die Pflanzung zu verkaufen. Ich schrieb

deshalb an meinen alten Freund in Lissabon und bat ihn um seinen

Beistand in dieser Angelegenheit. Seine Antwort lautete dahin, er

halte es für das vorteilhafteste, den Erben meiner ehemaligen Faktoren

den Kaufantrag zu machen. Die Unterhandlungen folgten rasch, und

nach dreiviertel Jahren gingen in Lissabon die Anweisungen auf 33000

Moedore (825000 Mark) ein. Dem Kapitän gab ich den Auftrag, das Kapital

der ihm zugesicherten Rente für sich selber zu behalten und mir den

Rest des Geldes zu übersenden, was auch in sehr kurzer Zeit in guten

Wechseln geschah. Nachdem ich auch diese beträchtliche Summe sicher

angelegt hatte, konnte ich sorgenfrei in London leben. Um nicht allein

in der Welt dazustehen, verheiratete ich mich mit einer Dame, deren

Liebenswürdigkeit und wirtschaftlicher Sinn mir das häusliche Leben so

angenehm machten, daß ich mich in meinen vier Pfählen recht behaglich

fühlte.

Im Hafen einer sicheren und Ruhe verheißenden Existenz war ich nun

nach mancherlei Stürmen mit dem 56. Jahre meines Lebens eingelaufen.

Es schließt hiermit der erste Hauptabschnitt einer abenteuerlichen

Laufbahn, welche die gütige Vorsehung mit einer seltenen

Mannigfaltigkeit menschlicher Schicksale ausgestattet hatte, eine

Laufbahn, die zwar thöricht begonnen, doch bei weitem befriedigender

verlaufen sollte, als ich irgend hoffen durfte. Daß ich nach einigen

Jahren nochmals aus der gewonnenen Ruhe und aus dem friedlichen Behagen

heraustreten und einen weiteren Teil der Welt durchwandern sollte,

hätte ich damals selbst nicht geglaubt.

[Illustration: Mitten im Eise.]

Fünfzehntes Kapitel.

Aufenthalt in England und neue Reise.

Neue Reiselust. -- Abfahrt. -- Das Totenschiff. -- Im Antillenmeer.

-- Der Büffeljäger. -- Ankunft in der Kolonie.

Mein Glück schien nach einem 35jährigen Kampfe gegen die Wechselfälle

des Lebens fest begründet, und ich würde sorglos in beschaulicher

Zurückgezogenheit haben leben können, wenn ich nicht immer und immer

wieder an meine Insel und die zurückgelassene Kolonie hätte denken

müssen. Verglich ich mein früheres rastloses Wirken mit meiner jetzigen

Unthätigkeit, dann ergriff mich Unmut, und die Welt, in der ich thatlos

dahinlebte, wurde mir zu enge. Mich zog wieder eine heftige Sehnsucht

hinaus über den weiten Ozean, nach fernen Ländern.

Um diesen Anwandlungen neuer Reiselust zu widerstehen, kaufte ich

mir in Bedfordshire ein Landgut, dessen schöner Meierhof so weit von

der See ablag, daß mich der Blick auf dieselbe oder der Umgang mit

Seeleuten nicht aufregen konnte. Ich richtete mich behaglich ein,

kaufte Geräte und Vieh zur Ackerwirtschaft, pflanzte, jätete, riß ein

und baute wieder auf, um meinen Gedanken eine andre Richtung zu geben.

Aber wie mein eigner Schatten verfolgte mich die Sehnsucht nach der

Ferne. Einige Jahre hielt ich es aus, als mir aber meine Frau durch den

Tod entrissen wurde, fand ich keinen Gefallen mehr an dem bisherigen

Stillleben. Zwei Kinder, die mir geschenkt waren, hatte ich guten

Händen anvertraut. Die landwirtschaftlichen Beschäftigungen langweilten

mich mehr und mehr, und ich beschloß, mein Gut zu verkaufen und nach

London zu ziehen. Anfangs behagte mir die Veränderung, die Zerstreuung

in der Hauptstadt, aber bald fand ich den Lärm derselben und noch mehr

das Nichtsthun unerträglich und ich sann auf Veränderung.

Als ich einstmals in tiefes Nachsinnen über Zukunftspläne versunken auf

dem Lehnstuhle saß, besuchte mich mein Neffe, der als Schiffskapitän

Südamerika kennen gelernt hatte und nun dorthin über Neufundland

zurückkehren wollte. Er lud mich ein, ihn zu begleiten, ich sagte zu

und -- machte mich dann reisefertig.

Nachdem ich zuvor mein Vermögen sicher angelegt, die Wahrnehmung

meiner Angelegenheiten und die Aufsicht über die Erziehung meiner

Kinder meiner Haushälterin, der treu bewährten alten Witwe, anvertraut

hatte, begab ich mich am 8. Januar des Jahres 1694 mit meinem Freitag

an Bord der kleinen Fregatte, die in den Dünen vor Anker lag. Noch an

demselben Abend gingen wir unter Segel. Die Ladung, die ich mit mir

führte, war wertvoller und mannigfacher als je eine der früheren. Sie

enthielt ein zerlegtes Fahrzeug, allerlei Tuchsorten, leinene und andre

Stoffe; ferner Hüte, Schuhe, Strümpfe, Bettzeug, Töpfe, Kessel, Nägel,

Werkzeuge; endlich zahlreiche Flinten, Pistolen und zwei metallene

Kanonen; hierzu Pulver, Kugeln und Schrot in allen Sorten, weiterhin

andre Waffen, wie Säbel, Degen und Lanzen. Hierdurch glaubte ich für

den Verteidigungszustand der Inselfestung hinreichend gesorgt zu haben.

Ein frischer Wind führte uns aus dem Hafen, und bald befanden wir

uns auf offener See; ringsum nur Himmel und Wasser. Nach etwa acht

Tagen erhob sich ein mächtiger Südsturm und trieb uns tief in das

nebelbedeckte Meer von Neufundland. Anfangs gefiel mir dieser Wechsel,

aber bald wurde die Sache doch unangenehm. Ein eisiger Wind blies über

das Schiff und drang tief in die Glieder. Die Wellen, welche Schaum

spritzend an die Schiffswände schlugen und uns durchnäßten, gefroren,

und so wurden unsre Kleider mit einer Eisrinde bedeckt, die Segel steif

und unlenksam, das Takelwerk starr wie Stangen. Dabei herrschte wegen

des dicken Nebels stete Dämmerung um uns, so daß der Steuermann den

Schiffsschnabel kaum noch sehen konnte und wir in Gefahr gerieten, an

einen schwimmenden Eisberg oder eine Eisscholle anzurennen. In der

That huschten von Zeit zu Zeit graue Schatten wie Gespenster an uns

vorbei, auf welche die Matrosen mit sorglichen Blicken schauten, da

sie in ihnen Eisberge erkannten. Endlich verwandelte sich die feuchte

Luft in Eiskristalle, es begann ein Schneewehen, welches bald zu wildem

Schneegestöber wurde. Doch dauerte es nicht an, der Horizont hellte

sich etwas auf, so daß wir etwa einen halben Kanonenschuß weit sehen

konnten.

Da rief der wachthabende Matrose: »Schiff in Sicht!« Wir eilten aufs

Verdeck und sahen wirklich ein Schiff gerade auf uns zukommen, denn

es war windstiller geworden und das kalte Polarwasser strömte uns

entgegen. Wir riefen dem Fahrzeuge zu, rechts auszuweichen. Aber

niemand ließ sich auf dem fremden Schiffe sehen und hören, dessen

ganzes Aussehen einer Ruine glich. Der Hauptmast war in der Mitte

abgebrochen, an den Raaen hingen hier und da Segelfetzen, wie etwa an

der Stange einer alten Regimentsfahne, die oft ins Kartätschenfeuer

gekommen ist. Die andern Masten fehlten, die Schiffsplanken schienen

gewaltsam in die Höhe gedrückt, am Steuer hing ein großer Eisklumpen,

auf dem Verdeck lag tiefer Schnee, und doch glaubten wir am Mast

eine menschliche Gestalt zu entdecken, die nach uns herüber sah. Wir

riefen, schossen eine Kanone ab; alles umsonst. Nichts regte sich auf

dem Geisterschiffe, das auf uns zukam, als wollte es uns in den Grund

bohren. Den Matrosen ward unheimlich zu Mute; aber meinen Neffen und

mich reizte die Neugier, zu erfahren, was es mit diesem Selbstsegler

für eine Bewandtnis habe. Das Boot wurde langsam niedergelassen und

dann nach dem rätselhaften Schiffe gerudert.

Wir langten bald an, stiegen die Treppe hinauf und betraten das Deck

nicht ohne einiges Herzklopfen. Dichter Schnee starrte auf dem Deck,

doch nirgends stieß man auf menschliche Spuren. Unordentlich lagen

Taue, Ketten und andre Gerätschaften durcheinander, aber allesamt mit

Schnee und Eiskrusten überzogen. Zögernd schritten wir nach der Treppe,

um in die Kajütte hinabzusteigen. Als wir am Mast vorübergingen,

prallte mein Neffe entsetzt zurück. Wir fanden angelehnt an den Mast

einen Matrosen, mit abgezehrtem Gesicht und verzerrten Zügen zur Hälfte

aus der Schneedecke hervorragend. Beim Hinabsteigen ins Zwischendeck

wurde uns in dem lautlosen Schiffe noch unheimlicher, denn es trug die

Spuren wilder Zerstörung; es fehlten Balken, Planken, Thüren und was

sonst zu einem gut ausgerüsteten Schiffe gehört. Dagegen entdeckten wir

Leichen in verschiedenen Stellungen, alle gehüllt in zerfetzte Kleider,

abgemagert und mumienartig eingetrocknet.

Wir wagten kein Wort zu sprechen in diesem schwimmenden Leichenhause.

Jetzt befanden wir uns vor der Kajütte. Mein Neffe öffnete die Thür,

blieb jedoch wie festgebannt stehen. Ich sah ihm über die Schulter

und entsetzte mich auch. Denn am Tische saß ein Mensch in Kleidern

aus Renntierhaut und ein Bärenfell unter den Füßen. Eine Pelzmütze

bedeckte seinen Kopf, in der Hand hielt er eine Feder und hatte eine

Stellung, als wenn er im Schreiben begriffen sei und darüber nachdenke,

wie er fortfahren solle. Schüchtern traten wir näher und stellten uns

dem Schreiber gegenüber. So etwas Grauenerregendes wie dieses Antlitz

hatte ich noch nie gesehen. Das Gesicht war abgezehrt, gelb und die

Haut straff über die Knochen gespannt. Graue Augen starrten in mattem

Glanze nach einem Bilde an der Wand, welches eine Frauensperson mit

einem Kinde auf dem Arme darstellte. Vor dem Toten lag das Schiffsbuch.

Wir warfen einen Blick hinein und lasen die Worte: »Seit gestern ganz

allein; aber es geht auch mit mir zu Ende. Wäre es doch überstanden!

Ich fühle, daß die letzte Stunde -- -- o Karoline, o lieber Eduard, leb

-- --.«

[Illustration: Das brennende Totenschiff.]

Wir durchsuchten das Schiff, fanden es aber ausgestorben und wie

ausgeplündert, daher nahmen wir nur das Schiffsbuch mit, um uns über

das Schicksal des Schiffes und seiner Bemannung zu unterrichten. »Weißt

du was«, sagte ich zu meinem Neffen, »die Toten wollen begraben sein!

Aber nicht im Meere, sondern auf einem Scheiterhaufen, wozu wir ihr

Schiff benutzen.« Mein Neffe dachte nach, nickte beistimmend, und

in wenig Minuten knisterte die helle Flamme im Schiffe. Rasch und

innerlich froh, das unheimliche Fahrzeug wieder verlassen zu können,

eilten wir zu unsrer Brigg zurück und sahen von dort aus das brennende

Totenschiff, wie es die Matrosen nannten, davonsegeln, sich weiter und

weiter entfernen, bis es am Horizonte endlich wie ein Punkt verschwand.

Das Ganze würde uns wie ein Traum vorgekommen sein, hätte uns nicht

das Schiffsbuch davon überzeugt, daß wir den Abschluß einer wahren

Begebenheit erlebt hätten. Neugierig blätterten wir das Schiffsbuch

durch und erfuhren, daß das Totenschiff eigentlich ein Walfischfahrer

war, mit Namen »Hemskerk«, welchen Delfter Reeder in das Grönländische

Meer auf die Jagd ausgesandt hatten. Die Unternehmung hatte, den

Aufzeichnungen zufolge, anfänglich den gewünschten Erfolg gehabt, dann

aber zeigten sich die Wale nur noch selten, und man beschloß daher,

weiter nach Norden vorzudringen, um neue Jagdgründe zu entdecken.

Man kreuzte hin und her; darüber verstrichen zehn bis zwölf Tage, es

trat ein zeitiger Winter ein; die Walfischfahrer mußten umkehren und

befanden sich bald mitten zwischen Eisschollen und Eisbergen. Tag und

Nacht dröhnte, krachte und knallte es von zusammenstoßenden, berstenden

Schollen, und schwankend taumelte das Schiff. Endlich tauchte eine

große, mächtige Scholle unter, verschwand unter dem Schiffe, hob sich

aber mitsamt demselben, welches nun auf die Seite sank und in dieser

Stellung verblieb.

Die Seefahrer waren zwischen Eis- und Gletschermassen eingesperrt und

mußten sich zu einer Überwinterung einrichten. Bald trat Mangel ein;

es ging bereits mit dem Öl und Brennmaterial sehr knapp her. Da es an

frischem Fleische fehlte, brachen Krankheiten aus, die Leute wurden

zaghaft, lungerten traurig und verdrossen umher und erfroren lieber,

als daß sie sich dem langsameren Hungertode aussetzten.

Mit jeder Woche wurde die Zahl der Gestorbenen größer, und die

Überlebenden waren so matt, daß sie sich kaum von der Stelle bewegen

konnten. Was nur genießbar erschien, wurde zu essen versucht: die

Haut der Pelze, das Leder der Stiefelschäfte, sogar Sägespäne. Nur

drei Mann überlebten den Winter und das Frühjahr. Der Sommer schien

endlich Erlösung zu bringen, denn das Eis teilte sich und das Schiff

gewann wieder das freie Meer; aber in welchem Zustande! Die Masten

waren vom Sturm und beim halben Umstürzen zerbrochen, das Steuerruder

unbrauchbar, die Überlebenden ohne alle Kräfte. Was half da die

erlangte Freiheit! Jeder trug den Tod bereits in sich und sah ihn

voraus.

»So sitze ich denn«, schloß der Bericht, »ganz allein in dem

ausgestorbenen und ausgeleerten Schiffe, nehme meine letzte Kraft

zusammen, um der Welt und den Meinigen in Gedanken für immer lebewohl

zu sagen und dann zu sterben. Mir flirrt es schon vor den Augen, der

Kopf ist mir wie ausgeblasen und leer; so lebt denn wohl, lebt wohl,

herzinnig geliebtes Weib und Kind!« -- --

Lange saßen wir schweigend uns gegenüber, nachdem wir den Bericht

gelesen; es überlief uns eiskalt, wenn wir uns in die Lage des

Schreibers versetzt dachten. Lebhaft malte sich unsre Einbildung die

Szenen aus, welche der Kapitän und seine Untergebenen durchlebt haben

mußten, als sie in dem Totenschiff einsam dahinzogen durch das dunkle

Meer und die schneeerfüllte Luft!

»So etwas kann nur ein Seemann erleben!« sagte mein Neffe, warf einen

sinnenden Blick durch das Kajüttenfenster aufs rauschende Meer, wandte

sich dann schnell, um die Schiffsmannschaft bei ihrer Arbeit zu

beaufsichtigen und sich durch diese Thätigkeit von trüben Gedanken zu

befreien. Mich selbst beunruhigte das Totenschiff noch einige Tage,

endlich aber brachten die Pflichten des Tages wieder ruhige Stimmung.

Wir landeten glücklich in Neufundland, brachten schnell unsre

Geschäfte zum Abschluß und ließen uns dann von der Strömung an der

Küste Amerikas entlang treiben bis in die Gegend des Antillenmeeres.

Als wir eines Tages langsam in geringer Entfernung von der flachen

Küste dahinstrichen, bemerkten wir in der Ferne eine Art Indianerboot

und darin aufrecht stehend einen Mann, der uns zuwinkte. Wir mäßigten

den Lauf unsres Schiffes und setzten ein Fahrzeug aus, welches bald

mit einem seltsam aussehenden Manne zurückkehrte. Derselbe zeigte

europäische Gesichtsbildung, trug am Leibe auch Reste europäischer

Kleidung, dagegen ein indianisches Lederwams; seine Füße waren voll

Wunden, zerfetzt und entstellt, und an den Fuß- und Handgelenken

hatte er Lederringe, die zum Teil tief in das Fleisch schnitten. Der

Fremdling sah elend und herabgekommen aus und behauptete, er sei den

Rothäuten entflohen, die ihn als Sklaven benutzt hätten und schon am

nächsten Festtage ihrem Kriegsgotte opfern wollten. In der letzten

Stunde bot sich ihm Gelegenheit zur Flucht; von seinen Peinigern

verfolgt, gelangte er an einen breiten Fluß, welcher sein Fortkommen

hemmte. Hinter sich Indianer, vor sich den Strom mit steilem Ufer --

da galt kein Besinnen, so oder so finde ich den Tod! dachte Wilm, der

Fremdling, und sprang ins Wasser. Zwar sank er unter, tauchte jedoch

wieder auf und hielt sich schwimmend auf der Oberfläche; wiewohl

fortwährend von Pfeilen und Lanzen bedroht, blieb er unversehrt, gewann

das jenseitige Ufer, fand dort eine Kanoe, schwang sich hinein und

ruderte aus Leibeskräften, um seinen Verfolgern zu entgehen, die am

Ufer dahinrannten, schreiend und lärmend, und ihm Steine und Geschosse

nachsandten.

Er ruderte so lange, bis ihm die Kräfte ausgingen, dann legte er sich

platt in das Kanoe nieder, ließ sich von den Wellen forttreiben und

schlief vor Müdigkeit ein. Wie lange dieser totenähnliche Schlummer

gewährt, wußte er nicht. Beim Erwachen bemerkte er, daß er auf einem

großen, breiten Strome dahintreibe; er wollte sich nun dem Ufer

nähern, um sich nach Nahrung umzusehen, aber kaum war er eine kurze

Strecke weit gerudert, so entglitt plötzlich das Ruder seiner Hand,

und er befand sich jetzt hilflos auf einem Fahrzeuge, welches er

nicht mehr zu lenken vermochte. Was thun? Nach dem Ufer schwimmen?

Das lag weit entfernt. Also mußte sich Wilm dem Schicksale und

den Wellen überlassen, die ihn ziemlich schnell davontrugen. Zwar

peinigten ihn Hunger und Durst immer heftiger, aber nirgends zeigte

sich ein Rettungsweg. Endlich sah der zum Tode Erschöpfte das offene

Meer vor sich, in welches ihn der Strom führte. Unser Abenteurer gab

sich bereits verloren, denn nun fehlte ihm zum Durstlöschen auch

das Süßwasser, welches ihn erhalten hatte, so matt und fad es auch

schmeckte. Noch am zweiten Tage trieb er an der Meeresküste dahin, bis

ihn die Strömung unserm Schiffe nahe brachte.

Der Erzähler sah erbarmenswert genug aus, sehr abgemagert, Wunden

an Händen, Füßen und Schultern. Man reichte ihm zunächst die nötige

Nahrung, damit er sich wieder erhole; später, am Abend, forderte

man den Fremdling auf, die Gesellschaft mit seiner Herkunft bekannt

zu machen. Aus seiner Erzählung erfuhren wir, daß er von Geburt

ein Schotte und schon in früher Jugend dem Triebe nach Reisen und

Abenteuern folgte. Er kam als Matrose auf einem Schiffe nach Amerika,

wo er als Jäger nach den indianischen Waldgründen zog und mancherlei

Gefahren, die er uns sehr spannend erzählte, zu bestehen hatte.

Zuletzt geriet er in die Gefangenschaft der Indianer und merkte an

den Äußerungen der Wilden, daß sie ihn am nächsten Frühlingsfeste dem

großen Geiste opfern wollten. Da galt es denn ernstlich, an baldiges

Entrinnen zu denken. Not macht erfinderisch, und so fand sich auch

ein Mittel zur Flucht. Wilm scheuerte an scharfer Baumrinde die ihn

fesselnden Riemen dünn, blies sich auf, wenn er angebunden wurde,

so daß er sich, wenn er Leib und Brust einzog, etwas drehen und

wenden konnte. Jede Nacht fanden Übungen in solchen Bewegungen statt,

und als die Riemen sich dünn genug erwiesen, entwand er sich der

Schlinge, die ihn an den Baum fesselte, und zerbiß die Riemen mit den

Zähnen. Indianer aber haben ein leises Gehör, man hatte seine Tritte

vernommen, im Nu war das Lager hinter ihm her. Zwar hatte er einen

Vorsprung, aber die wunden Füße hinderten ihn am Laufen. Sicher wäre

er in die Hände seiner Feinde gefallen, wenn er nicht das Ufer eines

Flusses erreicht und sich durch einen Sprung in denselben gerettet

hätte.

Die Zuhörer Wilms waren seiner Erzählung aufmerksam gefolgt, und alle

betrachteten ihn als einen achtungswerten Schicksalsgenossen, ja es

deuchte allen am besten, wenn der Schotte sie nach der Kolonie begleite.

Seit der Auffindung Freitags war mir ein gleich leidsamer Geselle nicht

in den Weg gekommen. Ich machte daher Wilm den Antrag, sich mir auf

meinen weiteren Fahrten beizugesellen. Er besann sich auch nicht lange

und sagte zu.

So verging in verschiedenartigem Wechsel ein Tag nach dem andern. Kein

widriger Wind hinderte uns, und wir erreichten deshalb eher noch, als

wir es gedacht, die Insel Trinidad, in deren Nähe meine Kolonie lag.

Doch konnte ich meine Insel anfangs nicht wiedererkennen, weil sich

unser Schiff an der Nordseite befand und ich sie von dieser Seite aus

noch nie gesehen hatte.

[Illustration: Kampf und Streit zwischen den Kolonisten.]

Sechzehntes Kapitel.

Die Schicksale der Kolonie.

Ankunft auf der Insel. -- Freitag und sein Vater. -- Bericht über

die Wirren während der Abwesenheit des Gründers. -- Neue Ordnung. --

Weitere Reisepläne.

Endlich erkannte ich die Insel, und wir steuerten flott auf sie zu.

Die Bewohner hatten uns gleichfalls bemerkt und eilten voll Erwartung

ans Ufer. Kaum waren wir unter starkem Zulaufe gelandet, so erkannte

Freitag auch schon auf den ersten Blick unter den Versammelten seinen

Vater und schoß wie ein Pfeil durch die verdutzten Inselbewohner auf

ihn zu. Er fiel dem alten Manne mit ausgebreiteten Armen um den Hals,

streichelte ihm die Wangen, setzte ihn auf einen Baumstamm, kniete

vor ihm nieder und blickte ihm fest ins Gesicht, während die hellen

Freudenthränen über seine Wangen flossen. Dann ergriff er die Hände

des Greises und küßte sie; wieder erhob er sich, setzte sich von

neuem nieder und schaute in das Antlitz seines Vaters mit der ganzen

Zärtlichkeit eines kindlich liebenden Sohnes. Aber auch ich wurde

mit lauter Freude begrüßt und von meinem Stellvertreter Caballos in

meine ehemalige Behausung geführt, welche man mittlerweile mit einer

wohlangelegten Befestigung versehen hatte.

Don Caballos erzählte mir, als wir behaglich bei einer Flasche Wein

saßen, die vielfachen Störungen und Streitigkeiten, welche während

meiner Abwesenheit vorgekommen waren.

[Illustration: Die Kolonisten bei der Bodenbestellung.]

Robinson Crusoe's Reisen, wunderbare Abenteuer und Erlebnisse · 第 14 / 16 段