Nachdem alle noch einmal mich ihrer Dankbarkeit versichert hatten,

unterrichtete ich sie von allen Dingen, deren Kenntnis ihnen jetzt

von Nutzen sein konnte: von Säen, Pflanzen und Ernten, von der

Beschaffenheit des Bodens, von der Töpfer- und Korbflechterarbeit,

vom Brotbacken, von meinem Lusthause, von der Grotte, von meinen

Ziegenparks und von meiner Milch- und Käsewirtschaft. Auch durfte ich

nicht unerwähnt lassen, daß 17 Spanier und Portugiesen in den nächsten

Tagen landen würden, für welche ich einen Brief in Bereitschaft halten

wolle, der dem Don Caballos zu übergeben sei. Endlich überließ ich

ihnen noch Gewehre, Pulver und Schrot sowie die meisten Vorräte, so daß

sie gegen jeden Mangel hinreichend geschützt waren. Nachdem ich sie

in solcher Weise genügend ausgerüstet hatte, ließ ich die Gefangenen

wieder abtreten.

Nun hielt ich mit dem Kapitän über die nahe *Abreise* Rat, obschon es

mir in den letzten Stunden doch recht schwer aufs Herz fiel, meine

Insel zu verlassen, an die sich so manche Erinnerungen des Schmerzes

und der Freude knüpften. Noch einmal gedachte ich lebhaft der

vergangenen Zeiten und derjenigen Ereignisse, die meinen Sinn geläutert

und mich zu einem gottesfürchtigen, tüchtigen Menschen umgewandelt

hatten!

Es war nach dem Schiffskalender am 19. *Dezember* 1686, als ich des

Abends gegen 8 Uhr an Bord stieg, nachdem ich 27 Jahre, 2 Monate und 19

Tage auf der Insel verlebt hatte; an demselben Jahrestage war ich mit

Xury aus Saleh der Gefangenschaft der Mauren entflohen.

Gegen Morgen, etwa um 5 Uhr, ereignete sich noch ein eigentümlicher

Vorfall. Zwei der Verbannten kamen an das Schiff geschwommen und baten,

sie an Bord aufzunehmen, selbst auf die Gefahr hin, daß sie in England

auf der Stelle gehangen werden sollten. Als man sie fragte, was sie

bewogen habe, die Insel zu verlassen, gaben sie zur Antwort: sie

könnten nicht mit jenen Bösewichten zusammenleben, ohne in beständiger

Furcht zu sein, von ihnen aufs grausamste mißhandelt oder gar getötet

zu werden. Der Kapitän bedeutete sie, daß er ohne meine Einwilligung

nichts versprechen könne; aber auf ihre wiederholte Beteuerung,

redliche und brave Menschen werden zu wollen, nahm ich sie wieder auf,

konnte ihnen indes eine tüchtige Tracht Prügel nicht ersparen, weil sie

in eigenmächtiger Weise gehandelt hatten.

Diese Vorfälle sowie die Absendung einer Schaluppe, welche allerhand

Kisten und Koffer für die Gefangenen enthielt, hatten unsre Abfahrt so

weit verzögert, daß die Sonne bereits hoch über dem Horizont stand, als

wir die Anker lichteten. Beim Scheiden von meiner Insel hatte ich zum

Andenken meine große Mütze von Ziegenfell, meinen Sonnenschirm, meinen

Lieblingspapagei sowie meinen Hund mit mir genommen; aber auch das

Geld, welches ich auf unserm und dem spanischen Schiffe gefunden, nicht

vergessen. Es war, da es lange Jahre unberührt in einem Winkel des

Kellers gelegen hatte, so schwarz und unkenntlich geworden, daß es erst

wieder blank gerieben werden mußte, um als gangbare Münze in Umlauf

gesetzt zu werden. Freitag, der seinen Vater nicht wiedergesehen hatte,

schaute unverwandt vom Verdeck aus nach der Insel zurück, und Thränen

standen in seinen Augen. Auch ich wurde von tiefer Wehmut ergriffen,

als die letzten Bergesgipfel in die blauen Wogen der See hinabtauchten.

Unsre Reise ging so schnell und glücklich von statten, daß wir am

11. Juni 1687 an Englands Küste landeten. Nicht durch Worte lassen

sich die Gefühle schildern, mit denen ich nach 35jähriger Abwesenheit

zum erstenmal wieder die heimatlichen Fluren begrüßte. Wie fremd kam

ich mir in dieser Welt, unter diesen Menschen vor; war es mir doch,

als hätte ich niemals dieses Inselland gekannt! Noch seltsamer und

staunenswerter aber fand Freitag die Wunder meiner Heimat: in den

Häfen den mastenreichen Wald der Schiffe, die langen Straßen mit den

hohen steinernen Häusern, das unübersehbare Gewühl und das geschäftige

Treiben der Bewohner.

Ohne Verzug eilten wir der Weltstadt London zu. Dort erkundigte ich

mich zuerst nach der Witwe, der ich mein kleines Vermögen anvertraut

hatte. Sie war noch am Leben, aber zum zweitenmal Witwe geworden,

hatte manches Ungemach erlebt und befand sich in den drückendsten

Vermögensumständen. Das Geständnis, die anvertraute Summe mir nicht

zurückerstatten zu können, war für sie so niederschlagend, daß mich die

arme brave Frau in tiefster Seele dauerte. Ich suchte sie über diesen

Punkt zu beruhigen und sagte ihr, daß wir quitt seien, da ich ihr die

einst bewiesene Güte bis jetzt nicht habe vergelten können.

Ein paar Tage darauf begab ich mich nach York. Mein Vater und meine

Mutter waren längst gestorben, und von meiner ganzen Familie fand ich

niemand mehr am Leben, als zwei Schwestern und zwei erwachsene Söhne

meines zweiten Bruders, der erst vor wenig Jahren heimgegangen war und

einiges Vermögen hinterlassen hatte. Da man natürlich annahm, ich sei

längst gestorben, so war ich von dem Erbteil ausgeschlossen worden,

und meine Geschwister befanden sich nicht in der Lage, den auf mich

entfallenden Anteil mir auszuzahlen. So mußte ich mich denn lediglich

auf das beschränken, was ich von meiner Insel mitgebracht hatte. In

York war nun nichts weiter für mich zu finden: ich kehrte deshalb nach

London zurück, wo ich mit dem Kapitän zusammentraf. Der brave Mann

hatte seinen Reedern einen so vorteilhaften Bericht über mich und meine

Mitwirkung für die Wiedereroberung seines Schiffes erstattet, daß sie

nicht nur ihren lebhaftesten Dank gegen mich aussprachen, sondern

mich auch baten, ein Geschenk von 200 Pfd. Sterling anzunehmen. Diese

Summe setzte mich in den Stand, selbst nach *Lissabon* abzureisen, um

dort Erkundigungen über meine Pflanzung und meinen Geschäftsgenossen

in Brasilien einzuziehen, der mich ohne Zweifel schon seit drei

Jahrzehnten für tot halten mußte.

In dieser Absicht schiffte ich mich nach Lissabon ein, woselbst ich in

Begleitung meines unzertrennlichen Gefährten Freitag gegen Ende des

September ankam. Zuerst fragte ich nach dem portugiesischen Kapitän,

der mich so liebevoll aufgenommen und mir mit seinem wohlmeinenden

Rate so treu zur Seite gestanden hatte. Er war jetzt hochbetagt und

ging nicht mehr zur See; er hatte an seinen Sohn die Führung des

Schiffes sowie seiner Handelsgeschäfte nach Brasilien abgetreten.

Wir erkannten einander kaum wieder, aber schon nach einer kurzen

Auseinandersetzung begrüßten wir uns herzlich als alte Freunde. Ich

mußte ihm meine wunderbaren Schicksale erzählen, und als ich damit

zu Ende war, erkundigte ich mich nach dem Stande meiner brasilischen

Pflanzung und nach meinem Mitpflanzer. Der Greis berichtete mir,

er habe seit neun Jahren Brasilien nicht besucht; damals sei mein

Handelsgesellschafter noch am Leben gewesen, die beiden von mir

ernannten Faktoren wären aber gestorben. Indessen glaubte er, daß man

über das Gedeihen meiner Pflanzung günstige Berichte erhalten werde,

denn nach der allgemeinen Annahme, daß ich in einem Schiffbruche

untergegangen sei, hätten meine beiden Faktoren meine Rechte auf die

Pflanzung dem Staatsprokurator übergeben; es sei bestimmt worden, daß,

im Fall ich nicht wiederkehre, um mein Eigentum in Anspruch zu nehmen,

ein Drittel dem königlichen Schatze und zwei Drittel dem Kloster des

heiligen Augustin zufallen sollten, um zur Unterstützung der Armen

und zur Bekehrung der Indianer zur katholischen Religion verwendet

zu werden. Käme ich aber selbst oder ein von mir Bevollmächtigter,

um die Rückgabe meines Vermögens zu verlangen, so würde es mir nicht

vorenthalten werden, mit Ausnahme dessen, was zu mildthätigen Zwecken

verwendet worden wäre.

Weiterhin wurde mir versichert, daß der Intendant der königlichen

Einkünfte und der Schatzmeister des Klosters jährlich eine Rechnung von

dem Ertrage empfangen und davon die mir rechtlich zukommende Hälfte

regelmäßig bezogen hätten.

Als ich den Greis fragte, ob mir die Geltendmachung meiner Ansprüche

auf die Pflanzung etwas nützen würde, erwiderte er:

»Ja, sicherlich wird es sich der Mühe lohnen. Ihr Gesellschafter ist

ein reicher Mann geworden, und wenn mich mein Gedächtnis nicht täuscht,

so beläuft sich das auf den König gefallene Drittel jährlich über 200

Moedore (= 4800 Mark). Auch wird es keine Schwierigkeiten verursachen,

den Besitz Ihrer Pflanzung wieder anzutreten, da Ihr Gesellschafter

noch am Leben, also Zeuge Ihres Eigentumsrechtes ist, und Ihr Name

überdies noch immer in den Verzeichnissen der Pflanzer eingetragen

steht. Auch die Erben Ihrer Faktoren sind brave und redliche Leute,

und ich zweifle nicht, daß sie Ihnen bei Ihrem Vorhaben förderlich zur

Seite stehen werden. Außerdem aber müssen sie, wenn ich nicht ganz

irre, auch eine bedeutende Geldsumme für Sie in Händen haben, die aus

den Einkünften der Pflanzung herrührt, welche ihre Eltern zu jener Zeit

bezogen, ehe sie vor ungefähr zwölf Jahren dem König und dem Kloster

dieselben überlassen mußten.«

Ich vermochte nicht, meinen Unwillen darüber zu unterdrücken, daß

meine Faktoren so eigenmächtig über mein Vermögen verfügt hatten,

da ihnen doch wohl bewußt war, daß ich *ihn* -- den Kapitän -- zum

Universalerben in meinem Testament eingesetzt hatte.

Der alte Mann erwiderte, daß er meinen letzten Willen nicht habe

vollziehen können, weil er keine Beweise für meinen Tod oder eine ewige

Verschollenheit gehabt hätte. »Aber«, fügte er hinzu, »ich habe Ihnen

noch etwas zu sagen, was Ihnen vielleicht minder unangenehm sein wird.

Auf die allgemein geglaubte Nachricht von Ihrem Tode erboten sich Ihr

Gesellschafter und Ihre Faktoren, mich durch die Einkünfte der ersten

sechs Jahre abzufinden, worauf ich auch eingegangen bin. Dieselben

waren aber nicht bedeutend, weil damals auf die Pflanzung selbst noch

große Summen verwendet wurden. Indessen werde ich Ihnen hierüber noch

genaue Rechnung vorlegen.«

Nach einigen Tagen empfing ich von dem alten Kapitän wirklich die

Rechnung, und es stellte sich heraus, daß er mir 470 Moedore schuldete,

die er in Tabak, Zucker, Rum und andern Produkten empfangen hatte,

außer 15 Doppelrollen Tabak und 60 Kisten Zucker, die in einem

Schiffbruch verloren gegangen waren. Hierauf holte er eine lederne

Börse, nahm daraus 160 Moedore und händigte mir dieselben mit der

Bemerkung ein, daß ihn viele Unglücksfälle betroffen hätten, wodurch

er sich jetzt außer stande sähe, mir die ganze Rechnung auszuzahlen.

Für den Rest bot er mir einen Vertrag an wegen der Hälfte des Anteils,

den er und sein Sohn an der Fracht eines Schiffes hätten, welches von

diesem geführt und in kurzem ankommen würde.

Die Rechtschaffenheit des braven Greises rührte mich bis zu Thränen,

besonders als ich an die vielen Wohlthaten dachte, die er mir einst

erwiesen hatte. »Jetzt aber, teurer Kapitän«, drang ich in ihn, »sagen

Sie mir unumwunden, ob Sie die Entbehrung dieser Summe irgendwie in

Verlegenheit setzt?«

»Ich leugne nicht, mein lieber Freund«, entgegnete der Greis, »daß

es mir einigermaßen unbequem fällt, aber es ist *Ihr* Geld, und Sie

bedürfen desselben vielleicht noch nötiger als ich.«

Der Mann flößte mir immer mehr Achtung und Teilnahme ein. Ich nahm 100

Moedore und stellte ihm darüber eine Quittung aus, dann gab ich ihm

60 Moedore und seine Papiere mit der Bemerkung zurück, daß ich von

einem solchen Ehrenmanne, wie er sei, keine weitere Sicherheit nötig

hätte. Der alte Kapitän freute sich über meine Erkenntlichkeit und gab

mir dann in betreff meiner brasilischen Reise manche beherzigenswerte

Winke, die meiner allezeit raschen Wanderlust Zügel und Zaum anlegten.

In nächster Zeit gingen zwei Schiffe nach Brasilien ab, und mit diesen

wurden meine beglaubigten Papiere und Dokumente an den Ort ihrer

Bestimmung befördert. Noch waren nicht sieben ganze Monate verflossen,

als von den Erben meiner Faktoren ein Päckchen einlief mit den

folgenden Papieren:

1. Eine Rechnung vom Ertrage meiner Pflanzung während der ersten

sechs Jahre, nach abgeschlossener Rechnung mit dem Kapitän, laut

welcher mir zu gute kamen,

Moedore 1174

2. Eine Rechnung vom Ertrage derjenigen Jahre, welche der

obrigkeitlichen Verwaltung meiner Einkünfte vorhergingen

Moedore 3241

3. Eine Rechnung vom Prior des Klosters, welches über vierzehn Jahre

zwei Drittel meiner Einkünfte bezogen hatte, noch vorhanden

Moedore 872

------------

Moedore 5287

Was der Prior für mildthätige Zwecke verausgabt hatte, konnte ich nicht

zurückverlangen, und über das Drittel, welches der Prokurator für des

Königs Säckel bezogen hatte, erhielt ich weder Rechnung noch Geld.

In jenem Päckchen lagen außerdem noch Briefe von meinem ehemaligen

Gesellschafter und seiner Familie, welche sämtlich die aufrichtigsten

Glückwünsche enthielten, ferner ein umständlicher Bericht über den

gegenwärtigen blühenden Zustand der Plantage und eine Einladung, selbst

den Besitz meiner Ländereien anzutreten. Außerdem war dem Briefe noch

beigefügt ein Geschenk von sechs Kistchen eingemachter Früchte, von

100 Stückchen ungemünzten Goldes, etwas kleiner als die Moedore, und

sechs prächtigen Leopardenfellen, die mich auf den Schluß brachten, daß

meine Nachfolger Schiffe nach Afrika ausgerüstet hatten und mehr vom

Schicksale begünstigt waren als ich bei meiner Fahrt nach Guinea.

Aber das war noch nicht alles, denn fast gleichzeitig erhielt ich von

den Erben meiner Faktoren eine zweite Sendung, die mir als Zahlung der

schuldigen 4415 Moedore, 1200 Zuckerkisten, 800 Tabaksrollen und den

Rest in Gold zuführte.

Das war zu viel auf einmal! Fast erlag ich dem Drucke, welchen das

Übermaß der Freude auf mich kurz vorher noch so armseligen Sterblichen

ausübte. Jetzt war ich mit einem Schlage ein reicher Mann, der über

Besitzungen in zwei Weltteilen zu verfügen hatte. Da durfte ich denn

meinen alten wackeren Kapitän nicht vergessen. Sofort zahlte ich

ihm seine 100 Moedore zurück, quittierte über den Empfang der noch

rückständigen 370 und setzte ihm eine jährliche Rente von 100 und nach

seinem Ableben seinem Sohne eine solche von 50 Moedoren aus. Außerdem

betraute ich ihn mit der Vollmacht, meine Einkünfte in Brasilien zu

beziehen und mir zu übermitteln.

Mit dem nächsten nach Brasilien gehenden Schiffe sandte ich ein

Antwortschreiben zurück, in welchem ich meinen Dank aussprach für die

wohlgemeinten Glückwünsche und zugleich die Absicht mitteilte, bald

nach Brasilien überzusiedeln und dort vielleicht meine Tage in Ruhe

zu beschließen. Als Gegengeschenk fügte ich feine englische Tücher,

seidene Stoffe aus Italien, Spitzen aus Brabant und andres dergleichen

bei. Dem Prior aber gab ich meine Entschließung kund, 500 Moedore

seinem Kloster und die übrigen 372 den Armen zu vermachen.

So waren meine südamerikanischen Angelegenheiten in Ordnung gebracht.

Wenn ich dasselbe nur auch schon von den europäischen hätte sagen

können; denn hier stieß ich auf gar mannigfache Verlegenheiten.

Zuvörderst mußte ich darauf bedacht sein, meine Kapitalien sicheren

Händen zu übergeben, und es blieb mir nichts andres übrig, als selbst

nach England zurückzukehren.

Mein alter Freund, der Seemann, riet mir, über Madrid und Paris nach

Calais zu reisen und von da nach Dover überzusetzen. Damit ich aber

auch Reisegesellschaft hätte, so machte er mich mit dem Sohne eines

englischen, in Lissabon ansässigen Kaufmanns bekannt, der mich zu

begleiten wünschte. Außerdem schlossen sich noch zwei andre Kaufleute

aus England sowie zwei Portugiesen an, so daß wir im ganzen sechs

Herren nebst fünf Dienern waren, aber wohlberitten und bewaffnet. Meine

Reisegefährten beliebten, mir den Titel »Kapitän« zu geben, einmal,

weil ich der Älteste von ihnen war, dann auch, weil ich *zwei* Diener

hatte.

Wir verweilten einige Zeit in *Madrid*, um den Hof und die übrigen

Merkwürdigkeiten der spanischen Residenz zu besehen, und gegen

Mitte Oktober rückten wir weiter, um bei der schon vorgeschrittenen

Jahreszeit die Pyrenäen möglichst bald im Rücken zu haben. In Pamplona

berichteten uns die Leute, daß auf dem Nordabhange des Gebirges bereits

Massen von Schnee lägen, die ein Durchkommen schlechterdings unmöglich

machten. Die Kälte war in der That empfindlich, zumal wenn man, wie

ich, viele Jahre lang unter der tropischen Sonne gelebt und erst seit

zehn Tagen den blauen Himmel des heißen Kastilien verlassen hatte. Dem

armen Freitag spielte die Kälte noch weit mehr mit -- der Sohn Amerikas

sah hier zum erstenmal die Natur in ihrem rauhen Winterkleide!

Ich machte meinen Reisegefährten den Vorschlag, nach Fuentarabia

aufzubrechen, uns daselbst einzuschiffen und nach Bordeaux zu fahren.

Während wir uns noch darüber berieten, trafen vier Franzosen in unserm

Gasthof ein, deren Reise sowohl auf französischer wie auf spanischer

Seite Aufschub erfahren und welche die Reise über das Gebirge unter

Leitung eines kundigen Führers gemacht hatten. Wir ließen den Mann auf

der Stelle holen, und er versprach, uns auf den nämlichen Wegen nach

Frankreich hinüber zu geleiten. Vom Schnee sei nichts zu befürchten,

sagte er, aber vor den Wölfen, die wegen der großen Kälte zu ganzen

Trupps ausgehungert umherschwärmten, könne man nicht genug auf der Hut

sein. Wir entgegneten ihm, daß wir hinlänglich mit Waffen versehen

seien, um solch einen Trupp nach Gebühr zu empfangen. Wegen des

Führergeldes wurden wir mit dem Manne schnell handelseinig, und so

brachen wir, nachdem sich uns noch zwölf Reisende mit ihrer Bedienung

angeschlossen, am 15. November 1687 von Pamplona auf.

Wir waren nicht wenig verwundert, als uns der Führer wohl an zehn

Stunden weit auf der Straße nach Madrid rückwärts führte, wo wir uns

in einem angenehm warmen Klima und in schöner, schneeloser Landschaft

befanden. Dann aber wandte er sich links gegen den Gebirgszug und

führte uns, an tausend schauerlich gähnenden Abgründen vorbei, bis auf

die Höhe des Gebirges, von wo uns die grünen, lachenden Gefilde von

Languedoc und der Gascogne entgegenblinkten. Bis dorthin war freilich

noch mehr als *ein* mühevoller Schritt zu machen, wenngleich man das

Schlimmste überstanden zu haben glaubte.

Eines Nachmittags wurde aber der Führer, als er uns vorausritt, von

zwei Wölfen und einem Bären angegriffen. Der bestürzte Mann verlor so

sehr alle Besinnung, daß er, statt sein Pistol abzufeuern, nur aus

Leibeskräften schrie. Schnell gebot ich Freitag, hinzureiten, und er

zerschmetterte durch einen sicheren Pistolenschuß den Kopf des einen

Wolfes. Der andre, welcher sich heißhungrig auf das Pferd gestürzt

hatte, entfloh, von dem Knalle erschreckt, ins Gehölz; Freund Petz aber

ließ sich dadurch nicht irre machen, sondern blieb ruhig stehen. Der

arme Führer hatte zwei empfindliche Wunden, eine in den rechten Arm,

die andre in den Schenkel erhalten; aber das Pferd war unverletzt

geblieben, da die Zähne des Wolfes nur die Riemen des Zaums gepackt

hatten.

Man kann sich wohl denken, daß wir auf den Knall der Pistole, der wie

dumpf grollender Donner sich durch die Gebirgsthäler fortpflanzte,

unsern Pferden die Sporen in die Weichen drückten, um mit möglichster

Schnelligkeit auf den Platz des Abenteuers zu gelangen. Während wir den

Führer durch einen Schluck Branntwein zu stärken suchten und an seine

Wunden Verbände anlegten, gewahrten einige zu ihrem nicht geringen

Entsetzen, wie der Bär, ein Bursche von respektabler Größe, Miene

machte, sich zu nähern, statt sich zu entfernen.

Schon wollten etliche Herren auf ihn anlegen, da bat mich Freitag:

»O Herr, erlaube mir, daß ich dem Tiere die Hand reiche, es wird euch

allen viel zu lachen geben!«

»Sei kein Thor, Freitag«, sagte ich zu ihm; »der Bursche dort läßt

nicht mit sich spaßen. Er wird dich mit Haut und Haar verschlingen.«

»Was? Er mich essen?« triumphierte Freitag. »Dafür werde ich mich

sehr bedanken -- ich werde *ihn* essen; gebt acht, es wird viel Spaß

absetzen.«

Die Reisegesellschaft gab seiner Laune nach und wartete der Dinge, die

da kommen sollten. Freitag zog im Nu seine Stiefel und Strümpfe aus,

zog statt deren ein Paar Schuhe an, übergab sein Pferd einem Bedienten,

nahm ein Gewehr und eilte gerade auf den Bären los.

»Höre, höre, guter Freund«, wandte sich Freitag an Meister Petz,

»ich möchte mit dir ein bißchen plaudern.« Aber der Bär schien keine

besondere Neigung zu haben, sich in ein Gespräch einzulassen. Da die

freundliche Ansprache unerwidert blieb, versuchte Freitag auf andre

Art, dem Vierbeinigen Aufmerksamkeit einzuflößen. Er hob einen großen

Stein auf und warf ihn dem Tiere an den Kopf. Doch ob er den Bären

oder eine alte Mauer getroffen hätte, war ganz gleich: sein Gegenüber

verharrte in bewundernswürdigem Gleichmut. Dieser kecke Übermut

Freitags machte einige der Reisenden besorgt, und schon schickten sie

sich an, auf das Fell des Bären eine nachdrückliche Ladung zu geben.

Aber Freitag, der die Eigenart des Tieres studiert zu haben schien,

winkte abwehrend gegen die Schußfertigen. Dann wandte er sich seitwärts

und schwang sich auf den Stamm einer Eiche, an deren Fuße er sein

Gewehr anlehnte. Der Bär, immer wütender geworden, folgte knurrend

hinterdrein.

Ich konnte bis jetzt in der ganzen Posse noch nichts »zum Lachen«

finden, im Gegenteil, mir war ganz unheimlich zu Mute, als ich meinen

Getreuen sich bis an das äußerste Ende des Astes zurückziehen und den

Bären ihm auf dem Fuße folgen sah.

»Jetzt, meine Herren«, rief Freitag in heiterer Stimmung, »jetzt werden

Sie sehen: der Tanz beginnt!«

Bei diesen Worten sprang er und schüttelte den Ast so kräftig, daß

diese schaukelnde Bewegung dem Bären unbehaglich wurde und er sich

bedachtsam zurückzog. Freitag aber ließ ihn nicht so leichten Kaufes

frei, sondern rief ihm zu: »Was kommst du nicht näher, Freund? Immer

komm her!« Und wirklich that das Tier einige Schritte vorwärts. Jetzt

neues kräftiges Schütteln und Schaukeln -- neuer Rückzug; kurz, das

Spiel dauerte eine Zeitlang in dieser Weise fort, und wir mußten über

die drolligen Gebärden des Bären herzlich lachen.

Doch Abend und Dunkelheit brachen herein, und ich rief Freitag zu, dem

Possenspiel ein Ende zu machen; denn wir alle wußten nicht, wie der

Scherz ausgehen würde.

Freitag zog sich sogleich an das äußerste Ende des Astes zurück, hielt

sich mit größter Geschicklichkeit mit beiden Händen daran fest und

sprang dann leichten Fußes auf den Boden.

Hierauf ergriff er sein Gewehr und blieb bewegungslos stehen. Als der

Bär seinen Feind unten sah, ward es ihm auf dem Baume zu einsam, und er

wollte gleichfalls herabsteigen. Doch that er es mit einer merkwürdigen

Vorsicht, sah sich bei jedem Schritte um und kletterte endlich langsam

und bedächtig am Stamme herunter. Kaum aber berührte er mit seinen

Tatzen den Boden, so legte ihm Freitag seine Flinte ans Ohr und

streckte ihn tot nieder. Dann drehte sich der Schelm lachend uns zu, um

in unsern Mienen den wohlverdienten Beifall zu lesen, und sagte nicht

ohne einen Zug selbstgefälligen Stolzes:

»So töten wir daheim, in Amerika, die Bären!«

»Aber wie ist denn das möglich, Freitag«, warf ich ihm ein, »ihr habt

ja keine Flinten?«

»Nein, meine Brüder haben keine Flinten, aber ihre langen Pfeile

treffen ebenso sicher.«

Gern hätte Freitag dem erlegten Gegner das Fell abgezogen, aber

wir durften uns bei der zunehmenden Dunkelheit nicht unnützerweise

länger verweilen, zumal in unsre Ohren ein entsetzliches Geheul der

herumlungernden Wölfe drang. Schon im ersten Gehölze lief etwa ein

halbes Dutzend dieser Tiere über den Weg, welche aber gar keine Notiz

von uns zu nehmen schienen. Als wir gegen die Ebene zuschritten,

erblickten wir ein ganzes Rudel, welche an den Knochen eines Pferdes

nagten; bald schon vernahmen wir aus dem nahen Gehölze fürchterliches

Geheul und sahen gleich darauf eine große Schar einem seines Reiters

ledig gewordenen Pferde nachrennen.

Dies erforderte rasches Handeln. Wir trennten uns in zwei geschlossene

Trupps und feuerten abwechselnd; gleich bei den ersten Schüssen

stürzten vier der Bestien, mehrere andre wurden verwundet und

röteten den Boden mit ihrem Blute. Wir selbst stimmten nun ein

ohrenzerreißendes Geheul an, und zwar so wirkungsvoll, daß es sogar den

Wölfen zu arg wurde und diese sich zurückzogen. Mittlerweile luden wir

rasch unsre Gewehre und setzten unsern Weg weiter fort.

[Illustration: Robinson von Wölfen überfallen.]

Robinson Crusoe's Reisen, wunderbare Abenteuer und Erlebnisse · 第 13 / 16 段