befand, unbrauchbar gemacht werden, damit sie nicht fortgeführt werden
könne. Unverweilt begaben wir uns an diese Arbeit, nahmen Ruder, Mast,
Segel, Steuerruder, ferner die Flinte, ein Pulverhorn, eine Flasche
Branntwein, eine zweite mit Rum, Zwieback und ein großes Stück Zucker
heraus. Nachdem wir alles an den Strand gebracht, bohrten wir ein
großes Loch in den Boden der Barke, um ihre Wegführung unmöglich zu
machen. Nun kamen auch der Leutnant und Freitag zurück, und unsern
vereinten Anstrengungen gelang es bald, die Schaluppe so hoch auf den
Strand zu ziehen, daß selbst die höchste Flut sie nicht erreichen oder
wegspülen konnte.
Für jetzt ließ sich nichts weiter thun. Wir brachen deshalb nach
meiner Burg auf. Nur wenige Schritte waren wir fortgegangen, als ein
Kanonenschuß vom Schiffe her über die Wellenfläche erscholl, jedenfalls
in der Absicht, die Schaluppe zurückzurufen. Aber diese lag in guter
Ruhe und rührte sich nicht. Da der erste Signalschuß wirkungslos blieb,
so feuerte die Mannschaft des Schiffes von Zeit zu Zeit mehrere Schüsse
hintereinander ab, natürlich ohne jeden Erfolg.
Wir beschleunigten unsre Schritte, um möglichst rasch die Burg zu
erreichen. Der Kapitän sowie seine beiden Gefährten bewunderten meine
Befestigungswerke und die Kunst, wie ich sie so geschickt vor jedem
Späherauge verborgen hatte. Freilich war aber auch das Wäldchen
vor mehr als 20 Jahren gepflanzt und schnell zu solchem Dickicht
verwachsen, daß man schlechterdings nicht durchkommen konnte, außer auf
dem engen, sich durchschlängelnden Pfade, der nur von mir und Freitag
begangen wurde.
»Nun, Kapitän«, fragte ich, »wie gefällt Ihnen mein Schloß? Gewährt
diese Mauer nicht ein ganz prächtiges Versteck?«
»Vortrefflich, Sir! Hinter dieser lebendigen Mauer sind wir besser
geschützt, als wenn wir unser zwanzig wären.«
»Das ist aber noch nicht alles, Kapitän«, fuhr ich rasch fort; »ich
besitze auch noch eine Sommerresidenz, in welcher ich einen Teil der
schönen Jahreszeit zubringe. Die sollten Sie sehen, Herr; dort liegt
das Paradies der Insel! Auch diese werde ich Ihnen ehestens zeigen
können. Jetzt aber ist es notwendig, daß Sie mir samt Ihren Genossen
auf meine Warte folgen, um von dort aus das Schiff zu beobachten. Du,
Freitag, bringe die Ferngläser und einige Erquickungen hinauf!«
Oben angelangt, bemerkten wir, wie die Schiffsmannschaft des heftig
vom Winde geschüttelten Fahrzeugs, nachdem alle ihre Schüsse ohne
die erwartete Wirkung geblieben waren, eine bunte Flagge aufgehißt
und, weil auch dieses Mittel nicht verfing, das andre Boot ausgesetzt
hatte, welches sofort der Küste zusteuerte. Das Meer befand sich in
starkem Wogengang, und die Leute in der Schaluppe hatten kräftig
zuzugreifen, um vorwärts zu kommen. Das Boot mochte etwa mit zehn
Männern, einschließlich des Schiffsjungen, bemannt und diese sämtlich
mit Schießgewehren versehen sein.
»Leider«, sagte der Kapitän, »befinden sich unter diesen Leuten nur
drei ehrliche Burschen, welche durch Furcht zur Empörung gezwungen
worden sind. Die andern aber, hauptsächlich der Hochbootsmann, welcher
die Schaluppe kommandiert, sind so abgefeimte Schurken, daß wir uns des
Ärgsten von ihnen versehen dürfen.«
»Oho, Leute wie wir, Kapitän«, entgegnete ich, »brauchen sich nicht
zu fürchten. Ich habe auf dieser Insel schon schlimmere Zeiten
überstanden; darum fassen Sie Mut und Vertrauen, mein Herr!«
»Ich will es!«
»Nun gut! Zunächst scheint es doch zweckmäßig gewesen zu sein, die
übrigen in der Höhle fern zu halten. Nur eins beunruhigt mich etwas,
daß nämlich drei brave Burschen unter den Ankommenden sind, die wir
schonen und uns zu eigen machen möchten.«
Jetzt näherte sich die Schaluppe dem Ufer und steuerte demselben
entlang bis zu jener Stelle, wo das zuerst angekommene Boot angelegt
hatte. Hier stieg die Rotte ans Land und zog ihre Schaluppe hoch auf
den Strand hinauf. Zuerst sahen sie nach ihrem Boote. Wer aber malt
ihre Bestürzung, als sie dasselbe fest, wie die Arche Noahs, auf dem
Trockenen sitzen, stark durchbohrt und von der ganzen Ausrüstung
entblößt sahen! Dann erhoben sie einen dreimaligen lauten Ruf; aber
keine Antwort tönte ihnen zurück. Da dieses Signal, wie die früheren,
vergeblich blieb, stellten sie sich in einen Kreis und schossen ihre
Gewehre auf einmal los, so daß es durch die Felsenthäler wie dröhnender
Donner rollte. Atemlos lauschten sie auf eine Antwort. Doch kein
menschliches Wesen ließ seinen Ruf ertönen; nur das Echo der Berge gab
den Klang der Feuerwaffen wieder.
Da schien es den Fremden nicht mehr geheuer zu sein: schnell setzten
sie ihr Boot ins Wasser und stießen vom Strande ab. Bald aber wendeten
sie sich wieder rechtsum und steuerten geraden Laufes von neuem auf die
Insel los, um ihre vermißten Kameraden aufzusuchen. Wirklich stiegen
sieben aus, und es blieben drei Mann zur Bewachung des Bootes zurück.
Das lag freilich nicht in unsrer Berechnung; denn was half es uns, jene
sieben Männer zu überwältigen, wenn unterdes die Zurückgebliebenen dem
Schiffe wieder zusteuern und mit demselben sich auf und davon machen
konnten?
Die sieben Gelandeten schritten, sich dicht beisammen haltend, am Saume
des dichten Buschwäldchens vor meiner Festung hin und stiegen auf
einen jener westlichen Hügel, von denen sich eine weite Fernsicht über
die Ebenen nach Nordost darbot. Oben auf dem Gipfel begannen sie laut
zu rufen. Augenscheinlich mochten sie sich nicht weiter landeinwärts
wagen, denn sie setzten sich im Schatten eines Baumes nieder, um Rat zu
halten. Plötzlich brachen sie wieder auf und schlugen den Rückweg nach
der Schaluppe ein. Dieser Augenblick forderte zu schneller Entscheidung
auf; hier konnte nur eine List helfen.
Ich trug dem Leutnant und Freitag auf, linker Hand nach derselben
Hügelreihe, von welcher die Mannschaft hergekommen, vorsichtig
vorzugehen, dann auf einen Hügel zu steigen und aus allen Leibeskräften
so lange zu schreien, bis die Matrosen ihnen antworten würden. Wenn
dies geschehe, so sollten sie dieselben unter wiederholtem Rufen
langsam von Hügel zu Hügel in das Gehölz des Innern locken, ohne sich
jedoch von ihnen einholen zu lassen.
Die Meuterer wollten eben wieder in See stechen, als der Leutnant den
ersten Ruf erschallen ließ. Sofort machten jene Halt und schritten der
Richtung zu, aus welcher der Ton erscholl. Unsre Leute wiederholten
ihr Geschrei, und unter fortgesetzten Lockrufen ging es immer tiefer
landeinwärts.
Jetzt schien der günstige Augenblick gekommen zu sein, um die Schaluppe
zu überfallen. Nur ein Mann befand sich in derselben; von den beiden
andern Wächtern war der eine ausgestiegen und dem Haufen nachgerannt,
während der andre ein nahegelegenes Gebüsch aufsuchen wollte, um
sich daselbst niederzulegen. Der Kapitän schmetterte ihn durch einen
Kolbenschlag tot zu Boden; dann rief er den in der Schaluppe an, sich
zu ergeben. Dieser, einer von den verführten Meuterern, bat seinen
Vorgesetzten flehentlich um Gnade, indem er schwur, künftig Gut und
Leben für den Kapitän einsetzen zu wollen.
In der Höhle waren sechs Gefangene, von denen einer verwundet war.
Zwei andern konnte man zur Not trauen; die letzten drei aber hielt der
Kapitän so weit für zuverlässig, um sie unserm Trupp als Verstärkung
einverleiben zu können. Auch aus der zweiten Schaluppe der Meuterer
entfernten wir Mast, Segel, Ruder und legten sie ebenfalls am hohen
Strand ins Trockene. Diese Arbeit verursachte natürlich viel Mühe, da
wir nur unser vier waren. Dann zogen wir uns in die Burg zurück.
Als wir daselbst anlangten, brach bereits die Nacht an. Wir erquickten
uns nach überstandener Mühe und Gefahr durch Reis, Rosinen,
Ziegenfleisch und Rum. Noch saßen wir um die Flamme des Talglichtes
versammelt, als auch Freitag und der Leutnant zurückkamen. Beide hatten
sich ihres Auftrags zu unsrer völligen Zufriedenheit entledigt, hatten
durch Rufen und Schreien die Bootsleute von Hügel zu Hügel gelockt und
endlich dieselben plötzlich sich selbst überlassen. Dann waren sie
nach der Festung geeilt, so daß schwerlich vor zwei oder drei Stunden
ein Zusammentreffen bevorstand.
Nach dem Mahle schickte ich den Kapitän, den Passagier, Freitag und
jenen begnadigten Meuterer von der Schaluppe, Namens *Robertson*, nach
der Grotte ab, um jene drei Gefangenen, auf deren Treue zu zählen war,
hierher zu bringen, so daß wir dann zusammen die Zahl von neun Mann
ausmachten. In kurzer Zeit kamen sie sämtlich zurück, und nachdem ich
eine Musterung gehalten, besonders aber die Meuterer in strengste
Pflicht genommen hatte, verteilte ich Waffen und Munition, im ganzen
zwölf Feuergewehre, ferner fünf Degen, wovon natürlich zwei auf meine
Person kamen.
So vorbereitet, warteten wir auf unserm Posten. Es mochte ungefähr eine
Stunde vergangen sein, als wir bemerkten, wie unsre Feinde herannahten.
Nach großer Anstrengung gelangten sie endlich an ihren Landungsplatz.
Doch wie versteinert blieben sie stehen, als sie ihr Boot nicht im
Wasser, sondern auf dem Trockenen und noch dazu der ganzen Ausrüstung
beraubt sahen! Ihr Aberglaube schien ihnen Gespenster und Höllenspuk
vorzumalen, die dieses Werk vollbracht hätten. Kaum konnte ich jetzt
meine Leute in Schranken halten, die vor Begier brannten, auf sie
loszustürzen. Indes bedachte ich, daß in dieser Dunkelheit gar leicht
auch einer der Unsrigen verwundet werden könnte, und so wartete ich auf
einen günstigen Augenblick zum Angriff.
Der Hochbootsmann, der Verwegenste der rebellischen Schar, bot ein
verächtliches Bild, jammerte wie ein Kind, rang verzweiflungsvoll
die Hände und rannte hin und her. Er rief die verlorenen Kameraden
wiederholt laut beim Namen, aber keine Stimme der Genossen antwortete
ihm durch die finstere Nacht.
Um sicher zu gehen, rückte ich meinen Hinterhalt näher und gebot
Freitag und dem Kapitän, möglichst geräuschlos an den Feind
heranzukriechen. Es währte auch nicht lange, so kam der Hochbootsmann
mit zwei seiner Spießgesellen in die Nähe der verborgen Lauernden.
Jetzt stand der Kapitän mit Freitag auf; beide drückten zu gleicher
Zeit ab, und der Schändliche lag tot in seinem Blute. Der eine seiner
Genossen ward so getroffen, daß er nach einer Stunde seinen Geist
aufgab; der dritte aber, nur leicht verwundet, entfloh.
Der Knall der Flinten und das Geschrei der Verwundeten galten
für uns als Zeichen des gemeinschaftlichen Vorrückens. Wie schon
bemerkt, bestand unsre ganze Armee aus neun Mann. Der Wald war so
dicht und die Nacht so dunkel, daß es den Gegnern nicht möglich war,
unsre Streitkräfte abzuschätzen. Um ihre sofortige Unterwerfung
herbeizuführen, forderte ich Robertson auf, jeden der Feinde mit seinem
Namen anzurufen.
Er rief also zuerst: »Tom Smith!«
Sogleich antwortete dieser zurück: »Bist du es, Robertson?«
»Ja, ja, ich bin's. Streckt die Waffen, oder ihr seid alle des Todes!«
»Wem sollen wir uns ergeben?« fragte Smith.
»Unser Kapitän ist hier mit 50 Mann«, antwortete Robertson. »Der
Hochbootsmann ist tot, Will Fry ist verwundet, ich selbst bin gefangen;
wenn ihr euch nicht unterwerft, so seid ihr alle verloren.«
»Wird man uns aber auch Gnade bezeigen?« fragte Tom Smith weiter. »Wenn
man uns das Leben läßt, so wollen wir uns ergeben.«
»Ich werde sogleich den Kapitän fragen«, gab Robertson zur Antwort.
Der Kapitän ergriff aber selbst das Wort und rief: »Smith! Was ich
versprochen, halte ich. Streckt ihr sofort die Waffen, so ist euch das
Leben geschenkt, außer Will Atkins!«
»Um Gotteswillen!« rief dieser flehend, »gebt auch mir Pardon, Kapitän.
Habe ich etwa Schlimmeres verübt als die übrigen?«
»Du lügst, Atkins«, fuhr ihn der Kapitän an; »bist du es nicht gewesen,
der zuerst Hand an mich legte, der mir die Hände gebunden und mich
wehrlos gemacht hat?«
»Gnade, Gnade, Kapitän!« wimmerte Atkins.
»Das wird sich finden. Jetzt noch einmal, ihr alle streckt entweder
sofort das Gewehr, oder -- --!«
Ohne Widerstand ergaben sich die Meuterer, die nun als Gefangene durch
das Wäldchen auf den freien Platz neben dem äußeren Walle geführt
wurden. Hier redete der Kapitän ihnen ins Gewissen und stellte ihnen
die traurigen Folgen, die sie sich selbst zuzuschreiben hätten, vor.
»Ihr habt geglaubt«, schloß er seine Ansprache, »mich auf eine öde
Insel auszusetzen, aber es hat Gott gefallen, mich zu retten; denn
hier herrscht ein englischer *Gouverneur*, der mich menschenfreundlich
aufnahm. Ihr habt mich vorhin um Gnade angefleht; meine Gewalt über
euch ist hier zu Ende. Ihr gehört von nun an vor den Richterstuhl des
Gouverneurs.«
Diese Worte wirkten erschütternd auf die Gefangenen; sie baten ihren
Kapitän, sich für sie bei dem Gouverneur der Insel zu verwenden.
Der inhaltschwere Titel »Gouverneur« galt meiner eignen Person. Aber
ich hielt mich nebst Freitag zurück und ließ mich nicht sehen, denn
mein Anzug war jener Würde nichts weniger wie angemessen. Doch die
Kriegslist gefiel mir, und ich erklärte mich einverstanden, die Rolle
fortzuspielen. Ich beorderte also den Leutnant an den Kapitän.
»Herr«, berichtete jener, »Seine Exzellenz der Gouverneur wünscht Sie
zu sprechen.«
»Melden Sie Seiner Exzellenz«, erwiderte der Kapitän, »daß ich
unverweilt zu seinen Befehlen sein werde.«
Die Gefangenen mußten diesen Worten nach glauben, daß wirklich ein
Gouverneur mit Truppen in der Nähe stehe. Als der Kapitän aber zu
mir kam, schlug ich ihm vor, der Vorsicht halber unsre Gefangenen zu
teilen; ich forderte ihn auf, Atkins und die beiden widerspenstigen
Gesellen an Händen und Füßen gebunden nach der Höhle zu schicken, die
übrigen ließ ich in dem Raume zwischen den beiden Wällen unterbringen
und glaubte somit, die Mannschaft unschädlich gemacht zu haben. Nunmehr
hielt ich mit dem Kapitän, dem Leutnant und dem Passagier Rat, wie wir
uns des Schiffes bemächtigen könnten; ich sprach die Zuversicht aus,
daß uns die Seeleute bei der Wiedereroberung unterstützen würden. Es
kam darauf an, die Stimmung derselben genau zu erforschen, weshalb ich
den Kapitän und Leutnant nach der Grotte schickte, wohin ihnen Freitag
mit einer brennenden Kerze den Weg zeigte. -- Der Kapitän sprach in
mildem Tone zu seinen Matrosen: »Ich werde versuchen, euch bei dem
Gouverneur der Insel Verzeihung zu erwirken; aber ich rechne bei euch
noch auf etwas andres: Ihr sollt mir das Schiff wiedererobern helfen,
denn davon hängt alles ab. Seid ihr dazu bereit?«
Einmütig versicherten die Seeleute, ihm in allen Stücken bis zum
letzten Blutstropfen beizustehen. Er solle sie führen, wohin er wolle,
und wenn es gegen die Hölle und den Teufel wäre.
»Ich rechne auf euch«, beendete der Kapitän das Gespräch.
Er kam zu mir zurück und teilte mir die Gesinnungen der Seeleute mit.
Da ich aber glaubte, daß unsre eigne Sicherheit keine allzugroße
Nachgiebigkeit gestattete, so sandte ich den Kapitän mit der Antwort
zurück: Die sechs gesunden Gefangenen sollten zur Expedition nach
dem Schiffe zugelassen werden; hingegen sollte Atkins mit den beiden
Verwundeten als Geiseln zurückbleiben und ohne weiteres aufgeknüpft
werden, wenn die andern der Untreue sich schuldig machen würden. Die
Begünstigten mußten feierlich geloben, dem Gouverneur unverbrüchlichen
Gehorsam zu leisten.
Die Streitkräfte, welche uns für die Eroberung des Schiffes zur
Verfügung standen, waren nun folgende. Erstens: der *Kapitän*, der
*Leutnant* und der *Passagier*. Zweitens: *fünf Freigelassene* von
der ersten Schaluppe. Drittens: *Robertson*, *Tom Smith* und *drei
Freigelassene* von der zweiten Schaluppe. Im ganzen also *dreizehn*
Mann. Ich und Freitag durften der Expedition nicht beiwohnen, da wir
unsre Burg und unser sonstiges Eigentum sowie die Gefangenen im Auge
behalten mußten.
Jetzt galt es, schnell das Loch, welches wir in eine der Schaluppen
gebohrt hatten, zu verstopfen und sie zur Kriegsfahrt auszurüsten.
Als alles instand gesetzt war, bestiegen der Kapitän, der Passagier
und fünf Mann das eine Boot, während der Leutnant mit ebenfalls
fünf Mann sich in dem andern einschiffte. Gegen Mitternacht segelte
die Mannschaft ab; ich aber harrte am Strande und lauschte über das
weite Meer, um zu vernehmen, welche Entscheidung der nächtliche Kampf
herbeiführen würde.
Es mochte gegen 2 Uhr sein, als ich vom Schiffe aus sieben
Kanonenschüsse vernahm, das verabredete Zeichen der gelungenen
Ausführung. Man kann sich keine Vorstellung von meiner Freude machen,
da ich den nahenden Augenblick meiner Rettung im Geiste vor mir sah;
ich sank auf die Kniee nieder und dankte Gott inbrünstig für seine
Barmherzigkeit. Dann begab ich mich mit Freitag nach Hause, und bald
senkte sich ein tiefer Schlaf auf unsre müden Augen. Gegen Morgen
wurden wir durch einen Kanonenschuß geweckt, und wenige Augenblicke
darauf hörte ich mich laut rufen: »Gouverneur, Gouverneur!« Rasch
bestieg ich, ein Fernglas in der Hand, meine Warte, wo ich den Kapitän
bereits anwesend fand. Er schloß mich stürmisch in die Arme und sprach:
»Mein Freund, mein Erretter! Dort liegt Ihr, unser stattliches Schiff;
es gehört Ihnen, nebst allem, was wir besitzen!«
Ich wandte jetzt meine Blicke auf die See und sah das Schiff, kaum eine
halbe Stunde vom Ufer entfernt, in der Bai vor Anker liegen.
Jetzt stand meiner Befreiung nichts mehr im Wege. Ein tüchtiges Schiff
war zu meiner Bereitschaft, um mich zu bringen, wohin mein Herz
begehrte. Ich umarmte den braven Kapitän und begrüßte ihn als meinen
vom Himmel gesandten Befreier, der mich aus jahrelanger Verbannung
erlösen sollte.
Als ich mich wieder erholt hatte, stiegen wir hinab. Im Innern der Burg
erzählte mir der Kapitän den Hergang.
»Sobald sich unsre Schaluppe dem Schiffe näherte«, begann derselbe
seinen Bericht, »befahl ich Robertson, die wachende Schiffsmannschaft
anzurufen und zu sagen, er brächte ihre Kameraden zurück, die sie erst
nach langem Suchen aufgefunden hätten.
»Mit solchen Reden wußte er sie so lange zu beschäftigen, bis die
Schaluppe unter dem Schiffe beilegen konnte. Ich und unser tapferer
Mitreisender gerieten zuerst mit den Meuterern ins Handgemenge.
Sobald aber der noch schlaftrunkene stellvertretende Hochbootsmann
niedergestreckt und auch der Zimmermann unschädlich gemacht worden,
gelang es uns sehr bald, mit den übrigen drei uns zu Meistern des
Halbdecks des Schiffes zu machen. Nachdem die gesamte Mannschaft des
zweiten Bootes nachgeklettert war, säuberten wir das Vorderdeck,
drangen von da in die Springluke, die nach der Küche führte, und nahmen
hier den Koch und noch zwei andre Meuterer gefangen.
[Illustration: Kampf mit den Meuterern.]
»Hierauf ließ ich die Luken schließen, damit die Mannschaft zwischen
den Decken den übrigen nicht zu Hilfe kommen könnte. Alsdann befahl
ich dem Leutnant, mit drei Mann die Kajütte zu sprengen, in welcher
sich der von den Empörern zum Kapitän Gewählte befand. Durch den Lärm
aufgeschreckt, war dieser aus dem Bette gesprungen und hatte sich nebst
zwei Matrosen bewaffnet. Sobald die Thür geöffnet wurde, schossen
die Männer von drinnen heraus, so daß einer von uns getötet, zwei
verwundet, dem Leutnant aber der linke Arm verletzt wurde, was ihn
jedoch nicht abhielt, auf den Rebellenkapitän loszustürzen und ihm eine
Kugel durch den Kopf zu jagen. Als diesen die beiden Matrosen fallen
sahen, schwand ihnen der Mut und sie ergaben sich. Noch waren acht
Mann übrig, deren wir Herr werden mußten. Wir riefen ihnen zu, sich zu
ergeben, sonst wären sie alle des Todes. Sie sahen auch das Vergebliche
eines Widerstandes ein; wir öffneten nun eine Luke und ließen sie aufs
Deck heraufsteigen. So war ich wieder rechtmäßiger Kommandeur des
Schiffes geworden.«
Nach beendeter Erzählung befahl der Kapitän, die für den Gouverneur
bestimmten Gegenstände herbeizuschaffen. Zuerst war da ein
Flaschenfutter mit mehreren Flaschen feiner Weine und Liköre, sodann
vortrefflicher Tabak nebst etlichen Pfeifen, zwei große Stücke
Rindfleisch sowie sechs Stücke Schweinefleisch, ein Sack voll Erbsen
und etwa 50 _kg_ Zwieback; ferner eine Kiste Zucker sowie eine
mit Mehl, ein Sack voll Zitronen und eine Menge andrer nützlicher
Verbrauchsgegenstände; weiterhin sechs Hemden, sechs Halsbinden, zwei
Paar Handschuhe, ein Paar Schuhe, sechs Paar Strümpfe, ein Hut und ein
vollständiger Anzug, der erst einen Tag getragen sein konnte. Mit allen
diesen Gegenständen beschenkte mich der Kapitän und setzte den Wunsch
hinzu, ich möchte mich sofort umkleiden, damit ich vor die Leute als
Gouverneur treten und die nötigen Befehle selbst erteilen könnte, was
sicherlich eine nachhaltige Wirkung nicht verfehlen würde. Gewiß wird
man mir aber glauben, wenn ich bemerke, daß ich mich in meinem neuen,
ungewohnten Staatskleide anfänglich nicht zurecht finden konnte und
mich auch recht unbehaglich fühlte.
[Illustration]
Vierzehntes Kapitel.
Robinsons Abreise von seiner Insel.
Robinson als Gouverneur und Richter. -- Abschied von der Insel
und deren Bevölkerung. -- Ankunft in England. -- Alles fremd in
der Heimat. -- Reise nach Lissabon. -- Stand der brasilischen
Besitzungen. -- Der brave Portugiese. -- Günstige Vermögenslage. --
Landreise durch Spanien und Frankreich. -- Wölfe in den Pyrenäen. --
Freitag und der Bär. -- Stillleben in London.
Während des Frühstücks beratschlagten wir darüber, was mit den
Gefangenen vorzunehmen wäre. Atkins und seine zwei Spießgesellen waren
unverbesserliche Bösewichte, vor denen man auf der Hut sein mußte.
Hätte man sie mitnehmen wollen, so durfte es nur in Fesseln geschehen,
um sie auf der ersten englischen Kolonie dem Arme der strafenden
Gerechtigkeit zu überliefern. Der menschenfreundliche Kapitän wollte
indes Milde üben, womit auch ich mich einverstanden erklärte; wir kamen
deshalb überein, die drei Personen auf der Insel zurückzulassen. Aber
sie sollten selbst diese Maßregel als eine Gnade ansehen und darum
bitten.
Nachdem ich mich angekleidet hatte, erteilte ich Freitag den Befehl,
die Gefangenen von der Grotte nach dem Burgwäldchen zu bringen; ich
selbst begab mich nach einiger Zeit dahin, ließ die Kerle, gefesselt
wie sie waren, mir vorführen und hielt nun folgende kurze Ansprache:
»Die ganze Nichtswürdigkeit eures Gebarens ist mir durchaus bekannt.
Ihr habt euch gegen euren braven Kapitän empört, um euren schändlichen
Lüsten nach Seeräuberei zu frönen. Aber es ist gekommen, wie es kommen
mußte; wer andern eine Grube gräbt, fällt selbst hinein. Das Schiff
ist nach meinen Anordnungen seinem rechtmäßigen Befehlshaber wieder
übergeben worden, und ich habe Befehl erteilt, daß euer Rebellenkapitän
an die große Raa aufgeknüpft wird. Könnt ihr übrigen etwas zu eurer
Entschuldigung oder Rechtfertigung vorbringen, so thut es beizeiten,
sonst lasse ich euch samt und sonders neben Atkins aufhängen!«
Einer von ihnen antwortete im Namen der übrigen, sie hätten nichts
weiter zu sagen, als daß der Kapitän ihnen, als sie gefangen genommen
worden wären, versprochen hätte, sie beim Leben zu lassen, und sie
bäten daher Se. Exzellenz den Gouverneur demütig um Gnade.
»Da ich«, entgegnete ich hierauf, »die Erlaubnis habe, mit dem ersten
Schiffe nach England zurückzufahren und meine Abreise eben bevorsteht,
so wüßte ich keine andre Gnade walten zu lassen als die, euch hier auf
dieser Insel zurückzulassen; denn führet ihr mit uns nach England, so
erwartete euch dort von Rechts wegen der Strang.«
Die Leute willigten dankbar ein, und um sie bis zu meiner Abreise
immer in Furcht zu erhalten, ließ ich den erschossenen Meutererkapitän
an der großen Raa aufknüpfen. Der eigentliche Kapitän jedoch, der
inzwischen zu uns getreten war und die Verkündigung meines gnädigen
Entscheids vernommen hatte, that, als ob er in diese milden Maßregeln
durchaus nicht einwilligen könne, worauf ich, mich scheinbar in meiner
Gouverneurswürde gekränkt fühlend, ihn mit den Worten zurückwies: »Herr
Kapitän, Sie wissen recht wohl, daß die Gefangenen nicht die *Ihrigen*,
sondern die *meinigen* sind.«