Nachdem meine neuen Hausgenossen sich endlich von ihren Schmerzen an

Händen und Füßen befreit fühlten, boten sie mir bereitwillig ihre

Kräfte zur Verrichtung der ländlichen und vielen andern Arbeiten

an. Freitag ließ ich meist in Gesellschaft seines Vaters arbeiten,

während sich der Spanier in meiner nächsten Nähe zu halten pflegte.

Da fehlte es denn nicht an hunderterlei Fragen und Mitteilungen, an

Plänen und Aussichten für die Zukunft, an Erörterungen hinsichtlich der

Mittel, nach dem Festland hinüberzukommen, wo ich, wie Freitags Vater

versichert hatte, um seinetwillen gastfreundliche Aufnahme finden würde.

Der Spanier unterrichtete mich zuvörderst von seinem und seiner

Genossen Schicksal. »Ich heiße«, erzählte er, »*Don Juan Caballos*

und stamme aus Valladolid in Spanien. Wir waren auf einem Fahrzeuge

abgesegelt, das vom Rio de la Plata nach der Havanna gehen und dort

Pelzwaren und Silber gegen europäische Waren umtauschen sollte. Es

erhob sich ein heftiger Sturm, und in der Nacht darauf wurden wir

so heftig gegen ein Felsenriff geschmettert, daß wir, im ganzen elf

Spanier und fünf Portugiesen, uns beeilen mußten, in die Schaluppe zu

kommen. Sturm und Wellen preisgegeben, halbtot vor Hunger und Durst,

Angst und Gefahr, wurden wir nach der karibischen Küste verschlagen und

schwebten in der peinlichsten Furcht, von den Wilden geschlachtet zu

werden. Allein die Kannibalen waren menschlicher, als wir glaubten: sie

nahmen uns ohne Feindseligkeit auf und ließen uns in Frieden unter sich

leben. Da wir uns indes an ihre schlechten Lebensmittel und namentlich

an ihr Nationalfestessen, aus Menschenfleisch bestehend, nicht gewöhnen

konnten, so nagten wir fast beständig am Hungertuche. Zwar besaßen wir

einige Feuergewehre und Säbel; aber wir hatten bereits in den ersten

Tagen nach unsrer Landung den Vorrat an Pulver und Blei verbraucht

und waren deshalb fast lediglich auf den Unterhalt durch die Wilden

angewiesen. Was Wunder, wenn der Gedanke einer Flucht aus diesem Lande

sich in uns allen bis zum glühendsten Wunsche steigerte? Dies, Freund

Robinson, ist die Lage meiner Genossen unter den Kannibalen.«

»Das ist in der That traurig, Don Juan«, erwiderte ich dem Spanier.

»Aber mir geht ein Gedanke durch den Kopf: würden wohl Eure Gefährten

einen Vorschlag zu ihrer Rettung von mir annehmen?«

»O sicherlich mit dem innigsten Dankgefühl, Sennor; denn in ihrer

jetzigen verzweifelten Lage haben sie keine Hoffnung, sich selbst

jemals befreien zu können!«

»Mein Vorschlag wäre demnach folgender: sie sämtlich nach unsrer

Insel herüberzuholen und durch gemeinschaftliche Arbeit ein Fahrzeug

zu bauen, das groß genug sein würde, um uns alle samt den nötigen

Lebensmitteln aufzunehmen und nach Brasilien oder nach einer spanischen

Kolonie zu bringen. Freilich würde ich es aber bitter zu bereuen haben,

das Werkzeug ihrer Rettung geworden zu sein, wenn sie gegen mich, als

einen *Engländer*, die obschwebenden Feindseligkeiten der spanischen

und britischen Nation geltend machen würden.«

»O Sennor«, entgegnete der Spanier, »meine Genossen haben den Kelch der

bittersten Leiden zu lange gekostet, als daß sie nicht schon den bloßen

Gedanken verabscheuen sollten, demjenigen ein Unrecht zuzufügen, dem

sie für die Rettung aus Not und Verbannung verpflichtet wären.«

»Und doch, Don Caballos, ist gerade die Dankbarkeit keine gewöhnliche

Tugend unter den Menschen. Denn nur zu oft richten dieselben ihre

Handlungen nicht nach den Pflichten ein, welche ihnen durch empfangene

Wohlthaten auferlegt werden, sondern nach ihrem eignen persönlichen

Vorteil, dem sie alle übrigen Rücksichten nachsetzen.«

»Wohl, Sennor, *aufzwingen* läßt sich Vertrauen nicht. Aber wenn Ihr

gestattet, so laßt mich mit Freitags Vater wieder zurückfahren, meine

Landsleute von Eurem Plane in Kenntnis setzen, mit ihnen einen Vertrag

abschließen, den sie mit einem heiligen Eide beschwören sollen. Diesen

Vertrag werde ich unterzeichnet hierher zurückbringen. Ich selbst aber

will mich, ehe ich abreise, durch einen Eid verbindlich machen, Euch

treu und gehorsam zu bleiben, solange ich lebe, und meine Genossen

eben dazu anzuhalten; Euch selbst will ich für den Fall, daß letztere

sich widerspenstig oder untreu bezeigen sollten, auf das kräftigste

beistehen und Eure Person bis auf den letzten Blutstropfen verteidigen.«

Auf solche Versicherungen hin glaubte ich die Rettung der Spanier und

Portugiesen wagen zu dürfen und ordnete an, daß Caballos mit dem alten

Wilden abgesandt werden solle. Als aber bereits alles zur Abreise

vorbereitet war, erhob der Spanier selbst eine Schwierigkeit, in

welcher sich seine Klugheit und Aufrichtigkeit bekundeten, so daß ich

gern seinen Rat annahm und die Befreiung seiner Gefährten noch um sechs

Monate hinaus verschob.

[Illustration: Zurüstung des Bootes zur Abfahrt.]

Er musterte nämlich meine Vorräte an Reis und Gerste und begriff

sofort, daß dieselben allerdings für mich und Freitag mehr als

hinreichend waren, daß jedoch jetzt, wo wir unser vier von diesem

Haushalt zehren mußten, die weiseste Sparsamkeit von nöten sein würde.

Wie aber sollte es vollends dann werden, wenn auch noch die 16 Europäer

auf unser Kornmagazin angewiesen waren? Dabei riet mir der Spanier, ich

möchte ihn sowie die beiden Indianer so viel Land beackern und besäen

lassen, als dies ohne zu erhebliche Verringerung der Vorräte geschehen

könne, und dann die nächste Ernte abwarten. Würde diese ungünstig

ausfallen, so könnte leicht die Hungersnot Unzufriedenheit und

Zwistigkeiten herbeiführen; seine Gefährten könnten dann wohl meinen,

nur aus einem Unglück in das andre gefallen zu sein.

»Wißt Ihr doch selbst, Sennor«, fügte er hinzu, »wie auch die Kinder

Israel anfänglich über ihre Errettung aus Ägyptenland frohlockten,

dann aber, als es ihnen in der Wüste an Brot gebrach, sich gegen ihren

Führer auflehnten.«

Der Rat des Spaniers schien mir so wohl überdacht und beachtenswert,

daß ich ihm ohne Zögern folgte. Wir machten uns daher alle vier, so

gut es mit unsern hölzernen Werkzeugen gehen wollte, an die Arbeit,

gruben ein ziemlich großes Stück Land um, und bereits nach Verlauf

eines Monats, wo die Saatzeit eintrat, hatten wir so viel Ackerland

zubereitet, daß wir 22 Scheffel Gerste und 16 Krüge Reis säen konnten;

es blieb aber für uns bis zur nächsten Erntezeit noch genug Gerste

zu unsrer täglichen Nahrung übrig. Da wir jetzt zahlreich genug

waren, um die Wilden nicht mehr fürchten zu müssen, so gingen wir

frei und unbesorgt auf der ganzen Insel umher, um alles Notwendige

zu unsrer Befreiung, die unsre Gemüter ausschließlich beschäftigte,

instandzusetzen. Als die Jahreszeit gekommen war, Trauben zu pflücken

und zu trocknen, ließ ich eine solche Menge derselben aufhängen, daß

wir 60 bis 80 Fässer hätten füllen können, wenn wir in Alicante gewesen

wären, wo die besten Rosinen gemacht werden. Diese Früchte und das Brot

bildeten den Kern unsrer Mahlzeiten. Außerdem aber flochten wir fleißig

Körbe, die uns zur Aufbewahrung unsrer Vorräte unentbehrlich waren.

Zugleich nahm ich auch darauf Bedacht, unsre Herde zahmer Ziegen zu

vermehren. Zu diesem Zwecke ging ich abwechselnd mit dem Spanier auf

die Jagd, wohin uns Freitag begleitete. Indem wir die alten Ziegen

schossen, die Jungen aber einfingen, brachten wir an 20 junge Ziegen

zusammen, die ich dann mit den übrigen aufzog.

Auch bezeichnete ich mehrere Bäume, die ich zur Erbauung eines größeren

Fahrzeuges geeignet hielt, und ließ sie durch Freitag und seinen Vater

fällen, während ich dem Spanier die Überwachung und Leitung dieser

Arbeiten anvertraute. Ich zeigte ihnen, mit welcher Geduld und Ausdauer

ich große Bäume zu Booten verarbeitet hatte, und wies sie gleichfalls

dazu an. Sie schnitten ein Dutzend guter Bretter von 60 _cm_ Breite,

5-11 _m_ Länge und 5-10 _cm_ Dicke -- eine Arbeit, die manchen schweren

Schweißtropfen kostete.

Inzwischen war die Zeit der Ernte gekommen, und wir arbeiteten mit

Lust am Einsammeln. War sie auch nicht allzu ergiebig, denn ich hatte

früher schon reichere Ernten gehabt, so entsprach sie doch unsern

Erwartungen. Wir erhielten über 220 Scheffel Gerste und in demselben

Verhältnisse Reis. Das bildete einen Vorrat, der uns alle, mit

Einschluß der Gefährten des Spaniers, bis zur nächsten Ernte nicht nur

hinlänglich ernährt, sondern auch noch bequem zur Verproviantierung

eines Fahrzeuges gereicht hätte, um zu dem von Europäern bewohnten

Festlande von Amerika zu gelangen. Nachdem wir unsre Vorräte

untergebracht hatten, fand ich es für angemessen, das Feld noch einmal

zu bearbeiten und zu besäen, weil wir wegen des Schiffbaues, aus Mangel

an Werkzeugen, uns noch eine geraume Zeit hier aufhalten mußten.

Nachdem alles bestens geordnet war, setzten wir unser Boot in

Bereitschaft, in welchem Caballos mit dem alten Indianer absegeln

sollte, um mit den Spaniern und Portugiesen zu unterhandeln. Um mich

aber für jeden Fall sicher zu stellen, setzte ich dem Spanier am

Tage vor ihrer Abfahrt einen in portugiesischer Sprache abgefaßten

schriftlichen Befehl auf, der folgendermaßen lautete:

»Es wird keiner mitgebracht, der nicht in Gegenwart von Freitags

Vater und des Don Juan Caballos auf das Evangelium schwört, mich,

*Robinson Crusoe*, als seinen obersten Befehlshaber anzuerkennen, mir

treu und gehorsam zur Seite zu stehen, mir wissentlich nie Schaden

oder Böses zuzufügen, mich gegen jeden Angriff, woher er auch komme,

zu verteidigen und sich meinen Befehlen und meiner Leitung, wohin

ich ihn auch führen würde, niemals zu widersetzen. Jeder hat heilig

zu versprechen, mein Wohl nach seinen Kräften zu fördern. -- Alles

dies soll von sämtlichen Leuten beschworen und durch eigenhändige

Unterschrift anerkannt werden.«

[Illustration: Sehnsuchtsvolle Umschau.]

Dreizehntes Kapitel.

Durch Kampf zum Sieg.

Abreise von Caballos und Freitags Vater. -- Ankunft weißer Männer. --

Ein englisches Schiff. -- Vergebliche Furcht vor Seeräubern. -- Die

Gefangenen. -- Die Befreiung derselben. -- Bestrafung der Meuterer.

-- Die Meuterer werden in die Irre geführt, überfallen und gefangen.

-- Wiedergewinnung des Schiffes. -- Der englische Gouverneur.

Es mochte wohl nach meiner ungefähren Schätzung, denn ich hatte die

genaue Fortführung meines Pfahlkalenders vernachlässigt, im Monat

Oktober des Jahres 1686 sein, als Don Caballos mit Freitags Vater nach

dem Festlande von Amerika absegelte. Freitag war bei dem Abschiede

von seinem Vater so betrübt, daß er Thränen vergoß. Auch ich selbst

sah mit Rührung der kleinen Barke nach; und doch empfand ich eine

innerliche hohe Freude, wenn ich bedachte, daß dies nach 27 *Jahren*

die erste Veranstaltung war, die ich zu meiner Errettung aus meinem

einsamen Insellande ins Werk gesetzt hatte und welche vielleicht einen

günstigen Erfolg haben konnte. Alle meine Gedanken beschäftigten sich

jetzt mit der nahen Abreise in die Heimat, tausend frohe Hoffnungen,

aber auch manche Zweifel stiegen in mir auf. Welch ein Zeitraum,

überreich an Erfahrungen, lag zwischen meinen Jünglingsjahren und der

Gegenwart! Welche Veränderungen mochten unterdes in England vor sich

gegangen sein! Wie mochten sich vor allem meine guten Eltern befinden,

die mich gewiß längst als einen Toten beweinten?

Ich hatte jedem der beiden Reisenden eine Muskete nebst sieben oder

acht Ladungen Pulver und Blei mitgegeben und ihnen zugleich geraten,

recht sparsam und haushälterisch damit umzugehen. Außerdem waren sie

mit so viel Brot und Rosinen ausgerüstet worden, daß sie nicht nur

für sich, sondern auch für die zu Befreienden wohl auf acht Tage

ausreichten. Um den Vertrag, dessen ich Erwähnung gethan, unterzeichnen

zu lassen, gab ich dem Spanier ein Fläschchen mit Tinte und einigen

Federn mit und verabredete das Signal, durch welches sie ihre Rückkehr

schon von fern kundgeben sollten.

Acht Tage waren seit der Abreise des Spaniers und des alten Wilden

verflossen, aber vergeblich harrten wir von Tag zu Tag der Rückkehr

meiner Gesandten entgegen. Da weckte mich eines Morgens Freitag mit dem

lauten, freudenvollen Rufe: »*Herr, sie sind wiedergekommen*, sie sind

da!«

Sogleich sprang ich auf, warf meine Kleider über, und ohne ein Gewehr

mitzunehmen, eilte ich dem Strande zu. Aber wie groß war meine

Bestürzung, als ich aus dem Buschwäldchen trat, das meine Burg umgab,

und, nach der See hinauslugend, eine Schaluppe erblickte, welche mit

einem lateinischen Segel versehen war und mit frischem Winde gegen die

Küste zusteuerte! Das war nicht unser Boot, kam auch nicht von Norden

her, sondern von Südost; ich rief Freitag, der mir schon vorausgeeilt

war, schnell zurück und befahl ihm, sich dicht neben mir im Wäldchen im

Versteck zu halten, denn ich wußte nicht, ob die Leute, die da kamen,

Freunde oder Feinde seien. Dann zogen wir uns vorsichtig in unsre Burg

zurück, und ich bestieg dort sogleich mit einem Fernrohr meine Warte,

um die Ankömmlinge zu beobachten.

Kaum hatte ich den Hügel erklommen, als ich in einer Entfernung von

dritthalb Stunden gegen Südsüdost ein Schiff vor Anker liegen sah und

ganz deutlich erkannte, daß Schiff und Schaluppe *englische* waren.

Unmöglich kann ich die Gefühle schildern, die sich meiner bemächtigten.

Einmal war es unaussprechliche Freude, in den Fremden Landsleute,

Engländer, Freunde zu begrüßen, dann aber verdrängten Zweifel und

Besorgnisse den Jubel in meiner Brust. Was konnte wohl ein *englisches*

Fahrzeug in diesem Winkel der Erde, in diesen Gewässern suchen, in

denen nie ein englischer Kauffahrer seine Wimpel blähte? Was führte

die zweifelhaften Gäste hierher, da doch die Witterung anhaltend schön

war und sie keine »Mütze voll Wind«, wie einst mich, an dieses Eiland

getrieben haben konnte? Hier war höchste Vorsicht geboten, um nicht in

die Gewalt von Räubern oder *Freibeutern* zu fallen. Nicht lange stand

ich auf meinem Warteposten, als die Schaluppe sich dem Ufer näherte und

dann auf den flachen Strand trieb. Die Mannschaft stieg aus, und ich

erkannte in den Personen Engländer, acht mit Säbeln bewaffnet, drei

aber ohne Waffen und gebunden. Letztere schienen in verzweifelter Lage

zu sein, denn sie streckten die Hände flehend empor. Dieses Schauspiel

setzte mich in große Verwirrung, und Freitag, der mir nachkam, raunte

mir zu: »Sieh, Herr, diese englischen Männer essen Gefangene, ebenso

wie meine Landsleute.«

»Wie, Freitag«, entgegnete ich, »glaubst du wirklich, daß sie so

unmenschlich wären, ihre Gefangenen zu essen?«

»Ja, ja, Herr; o ich weiß, auch die Engländer essen ihre weißen Brüder.«

»Nicht doch, Freitag«, suchte ich ihn zu belehren; »wohl möglich, daß

sie ihre Feinde dort töten werden, aber essen! -- niemals! niemals!«

»Ist aber doch kein großer Unterschied, Herr!«

Ich überlegte, wie ich wohl am besten die Gefangenen zu befreien

vermöchte, zumal ich in den Händen ihrer Peiniger Feuerwaffen nicht

bemerkte. Die Engländer selbst gingen am Ufer auf und ab, ohne sich

weiter um ihre Gefangenen zu kümmern. Obgleich nun diese hätten frei

umherlaufen können, so waren sie doch zu sehr eingeschüchtert und

setzten sich auf den Boden nieder. Ihre Lage erinnerte mich lebhaft

an jenen Augenblick, wo ich selbst durch die Gewalt des Sturmes an

diesen Strand geschleudert wurde, unter Aufbietung der letzten Kräfte

die Felsen erkletterte und jeden Augenblick den Tod erwartete. Wie ich

damals auf die Stunde der Befreiung kaum hoffen konnte, so saßen auch

jetzt diese drei armen Unglücklichen an ödem Strande und ahnten nicht,

wie nahe ihnen die Errettung bevorstünde.

Als die fremden Gäste an der Insel angelangt waren, hatte die Flut

gerade ihre äußerste Höhe erreicht. Während sich nun die Seeleute

auf der Insel sahen, war die Ebbe bereits eingetreten, und die

Schaluppe lag gänzlich auf dem Trockenen. Ich gelangte alsbald zu der

Überzeugung, daß wenigstens zehn Stunden vergehen müßten, ehe die

Schaluppe wieder flott werden könne. Deshalb stieg ich von meinem

Beobachtungsposten herunter und ging in meine trefflich verschanzte

Burg. Da ich jedoch wußte, daß ich es jetzt mit einem viel gewandteren

Feinde zu thun haben würde, als die Wilden waren, so lud ich mit

Freitag sowohl die Kanonen als auch unsre übrigen Feuerwaffen.

Es mochte gegen 2 Uhr nachmittags geworden sein, die Hitze hatte

eine erdrückende Höhe erreicht. Ich sah jetzt keinen der Seeleute

mehr; sie hatten sich wahrscheinlich in den Wald zurückgezogen, um

sich im Schatten der Bäume dem Schlafe zu überlassen. Nur die drei

Gefangenen saßen noch in dem Schatten eines Baumes, ohne jedoch der

Ruhe zu pflegen. Nur eine kleine Strecke von meinem Schlößchen lagernd,

befanden sie sich gewissermaßen unter meinen Augen, dagegen gänzlich

aus dem Gesichtskreise ihrer sorglosen Verfolger.

Dieser Augenblick schien mir geeignet, die Rettung der Gefangenen zu

wagen und sie in Sicherheit zu bringen. Ich nahm zwei Flinten, ein

Pistol und ein Seitengewehr und bewaffnete Freitag mit drei Musketen,

einem Seitengewehr und einem Pistol.

Mein Aussehen flößte Furcht ein; man denke nur an meinen Anzug aus

Ziegenfellen, die hohe Mütze und den langen Bart! Auch Freitag sah

phantastisch und fürchterlich genug aus. In solchem Aufzuge nun und

wohl bewehrt gingen wir ganz nahe bis zu den Fremden heran. Ohne von

denselben bemerkt zu werden, rief ich ihnen auf spanisch zu: »Wer sind

Sie, meine Herren?«

Sie fuhren erschrocken auf, schienen jedoch bei dem Anblick unsrer

abenteuerlichen Erscheinung noch mehr überrascht zu sein; ja sie

zeigten Lust, sich davonzumachen, bis ich ihnen zurief: »Fürchten Sie

nichts von mir, Ihr Retter ist näher, als Sie glauben.«

Da zog einer von den Gefangenen den Hut ab und erwiderte sehr ernst:

»So muß er uns geradeswegs vom Himmel gesandt sein, denn von Menschen

erwarten wir keine Hilfe mehr.«

»Ich sah Ihre Not«, sagte ich. »Sie schienen Ihre rohen Begleiter

anzuflehen, und ich bemerkte, wie einer derselben drohend seinen Säbel

schwang. Sagen Sie mir, wie ich Sie erlösen kann!«

Der unglückliche Mann war außer sich vor Überraschung. »Sind Sie ein

Mensch oder ein Bote des Himmels?« rief er.

»Ich bin ein Engländer, der bereit ist, Ihnen beizustehen. Wir sind

zwar, wie Sie sehen, nur unser zwei, aber wir haben Waffen und

Munition. Sagen Sie mir daher ohne Rückhalt, was für ein Ungemach Sie

betroffen und was wir für Sie thun können.«

»Ich war Kapitän von jenem Schiffe, dessen Besatzung sich gegen

mich empörte und meinen Tod beschloß. Man kam überein, mich nebst

zwei Männern, meinem Leutnant und einem Passagier an dieses Land

auszusetzen, um uns einem ungewissen Schicksale preiszugeben.«

»Wo sind Ihre Feinde? Wissen Sie, wohin sie gegangen sind?«

»Dort in jenen Wald«, antwortete der Kapitän.

»Sind Ihre Feinde mit Schießgewehren versehen?«

»Sie haben zwei Flinten, eine dritte liegt noch in der Schaluppe.«

»Gut, Kapitän, so folgen Sie mir vorsichtig nach dem Wäldchen.«

Sogleich setzten wir uns in Bewegung und sahen bald die Männer, die

sich sämtlich dem Schlafe überlassen hatten.

»Jetzt wäre es leicht, sie zu töten«, begann ich wieder, »ohne daß ein

einziger entkommt; oder wollen Sie die Meuterer lieber zu Gefangenen

machen?«

»Zwei von ihnen sind ausgemachte Schurken, welche auf keinen Fall Gnade

verdienen. Könnte man sich dieser beiden Menschen bemächtigen, so

würden hoffentlich die andern zu ihrer Pflicht zurückkehren.«

»Hören Sie mich jetzt an, Sir! Wenn ich alles wage, um Sie zu retten,

würden Sie dann wohl in einige Bedingungen willigen?«

»Ich und mein Schiff, wenn wir desselben wieder habhaft werden können,

sollen ganz zu Ihrer Verfügung stehen.«

»Nun gut!« fuhr ich fort, »ich stelle Ihnen nur zwei Bedingungen.

*Erstens*: Solange Sie auf dieser Insel bleiben, verpflichten Sie sich

zum Gehorsam gegen mich. Die Waffen, welche ich Ihnen anvertraue, haben

Sie mir stets auf mein Verlangen zurückzugeben und zu geloben, weder

mir noch den Meinigen zu schaden, vielmehr nur mein Bestes zu fördern.

*Zweitens*: Kommen Sie wieder in Besitz ihres Schiffes, so bringen

Sie mich und meinen Diener samt den Habseligkeiten, die ich besitze,

unentgeltlich nach England.«

»Sir«, erwiderte darauf sofort der Kapitän, »diese Bedingungen sind so

natürlich, daß ich freudig auf dieselben eingehe.«

»Und wir«, fielen des Kapitäns beide Gefährten ein, »wir geloben, Ihnen

zu folgen, wohin es auch sein mag!«

»Brav gesprochen, ihr Männer!« erwiderte ich und drückte ihnen die

Hände. »Wohlan, ans Werk! Hier sind drei Musketen nebst Pulver und

Blei. Das beste wäre, auf die Meuterer zu feuern, während sie noch

schlafen. Bleiben einige von der Weckungssalve verschont und bitten um

Pardon, so können wir sie begnadigen.«

Währenddessen sahen wir zwei der Männer aus dem nahen Gebüsch treten.

»Sind das die Rädelsführer?« fragte ich den Kapitän.

»Nein, Sir!«

»Gut, so lassen wir sie laufen, da sie die Vorsehung rettet. Nun aber

vorwärts!«

Angefeuert durch meine Worte, nahm der Kapitän sein Gewehr auf, seine

Gefährten thaten desgleichen, und vorwärts ging der Marsch. Durch

das entstandene Geräusch wachte ein dritter von den Seeleuten auf. Er

stieß, als er die Anrückenden sah, ein Geschrei aus, um die Schläfer

zu wecken. Letztere sprangen erschrocken auf, aber in demselben

Augenblicke feuerten der Leutnant und der Passagier so glücklich, daß

einer der Rädelsführer auf der Stelle tot blieb, der andre verwundet

wurde. Der Kapitän, der sich des Schießens weislich enthalten hatte,

stürzte auf ihn los und streckte ihn durch einen kräftigen Kolbenschlag

vollends zu Boden. Ein andrer war leicht verwundet, die übrigen drei

baten, als sie mich und Freitag heranrücken sahen, flehentlich um

Gnade. Während sie noch auf ihren Knieen lagen, kamen auch jene beiden,

die zuerst erwacht waren, angelockt durch die gefallenen Schüsse,

herbeigeeilt. Als sie jedoch merkten, wie sehr sich die Verhältnisse

verwandelt hatten und wie ihre bisherigen Gefangenen, mit Flinten

bewaffnet, Herren des Feldes waren, so versuchten sie keinen unnützen

Widerstand, sondern unterwarfen sich gleich ihren Gefährten. Somit

hatten wir einen vollständigen Sieg errungen.

Der Kapitän wandte sich nun mit folgenden ernsten Worten an die

Besiegten: »Ihr wißt, daß ihr als Empörer und Meuterer den Tod verdient

habt. Ich will jedoch Gnade für Recht ergehen lassen und euch das Leben

schenken, aber nur unter der Bedingung, daß ihr euern Verrat bereut und

schwört, mir beizustehen, um mein Schiff zurückzuerobern!«

Hiergegen hatte ich zwar nichts einzuwenden, verpflichtete ihn aber

dazu, die Gefangenen, solange sie auf der Insel sein würden, an Händen

und Füßen gebunden in Sicherheit zu halten. Ich ließ ihnen daher

sogleich an den Händen Fesseln anlegen und gab dem Leutnant und Freitag

den Auftrag, die Gefangenen nach der Grotte zu bringen und ihnen die

Füße zu binden.

Es befanden sich noch 26 Seeleute an Bord des Schiffes. Alle hatten

wegen ihrer Auflehnung gegen ihr Oberhaupt das Leben verwirkt. Der

Kapitän sprach sich dahin aus, daß es sehr schwierig sein würde, ihnen

wirksam beizukommen, denn sie würden sich wohl aufs äußerste zur Wehre

setzen. Wir mußten daher auf eine List sinnen, um sie an einer Landung

zu verhindern. Zu rechter Zeit fiel mir noch ein, daß die auf dem

Schiffe zurückgebliebenen Leute, wenn ihre Kameraden mit der Schaluppe

nicht zurückkämen, diese unfehlbar mit dem zweiten Boote suchen würden

und uns dann viel zu schaffen machen könnten.

Robinson Crusoe's Reisen, wunderbare Abenteuer und Erlebnisse · 第 11 / 16 段