der Bai umher. Freitag war zwar ein guter Ruderer, aber er hatte noch
keinen Begriff von der Handhabung eines Steuers und dem Gebrauche eines
Segels. Er schaute mir daher voll Bewunderung zu, wie ich das Fahrzeug
nach meinem Willen vor- und rückwärts lenkte.
[Illustration: Freitag erhält Unterricht im Schiffbau.]
Ich hatte jetzt das 27. Jahr meiner »Verbannung« auf meiner Insel
angetreten. Nie unterließ ich es, den Jahrestag meines Schiffbruchs
und meiner Ankunft auf der Insel in inbrünstigen Gebeten zu Gott zu
begehen. Seine Güte hatte mich bisher so wunderbar behütet, und nun
erfüllte mich die beglückende Hoffnung, wieder in die Gesellschaft der
Menschen zurückzukehren. Auch während der letzten Zeit setzte ich meine
Tagesarbeiten fort. Ich grub, pflanzte, ergänzte meine Einzäunungen,
sammelte Korn, Reis, Baumfrüchte und Trauben ein; ich besorgte meine
Ziegenherden, buk Brot und Kuchen, verfertigte Kleider, Körbe und
Töpfe. -- Unterdessen war die Regenzeit herangenaht, und ich mußte
Bedacht darauf nehmen, unser Boot sicher unterzubringen. Ich schaffte
es daher so weit auf den Strand, als die steigende Flut es erlaubte,
und gebot Freitag, daneben ein Becken zu graben, tief genug, um das
Boot beständig flott zu erhalten. Als die Flut dann zurückwich, führten
wir einen starken Damm auf, der das Becken verschloß und dem Eindringen
des Meeres vorbeugte. Um aber unser Fahrzeug gegen den Regen zu
schützen, bedeckten wir es mit einem Dach und erwarteten so den Monat
November oder Dezember, um die ersehnte Fahrt anzutreten.
Mit Beginn der schönen Jahreszeit beeilten wir uns, die nötigen
Zurüstungen zur Reise zu treffen. Denn ich gedachte, vielleicht schon
in acht bis zwölf Tagen das Wasserbecken zu öffnen und das Boot
auslaufen zu lassen. Eines Morgens hatte ich Freitag nach dem Meere
hinabgeschickt, um eine Schildkröte zu fangen, weil wir sowohl das
Fleisch als auch die Eier dieses Tieres sehr wohl zu schätzen wußten.
Aber schon nach wenigen Minuten kam er eiligst wieder zurück und
übersprang den ersten Festungszaun.
»O Herr, Herr, o Jammer!«
»Was gibt's denn, was hast du?«
»Dort unten, dort unten! Eins, zwei, drei Kähne!« Freitag war
so erschrocken, daß er am ganzen Körper zitterte; er hatte sich
eingebildet, daß die Wilden nichts Geringeres beabsichtigten, als ihn
einzufangen, in Stücke zu zerhauen und aufzuessen. Ich suchte ihn zu
beruhigen, so gut ich konnte, und ihm begreiflich zu machen, daß ich ja
ganz in der nämlichen Gefahr schwebe wie er.
»Freitag«, sagte ich, »wir müssen mit ihnen um unser Leben kämpfen;
bist du bereit dazu?«
-- »Jawohl, ich schieße auf sie; aber ihre Zahl ist groß.«
»Was thut das, Freitag? Unsre Gewehre werden einen Teil von ihnen
niederstrecken, und das Feuer und der Knall wird die andern in die
Flucht schlagen. Wenn ich dich aber mit meinem Leben verteidige, willst
du mir auch treulich zur Seite stehen und alles thun, was ich dir sage?«
»Ja, Herr, ich will sterben, wenn du mir zu sterben befiehlst.«
Hierauf holte ich eine Flasche Rum, um Freitag in seiner mutigen
Stimmung zu erhalten; dann gebot ich ihm, die beiden gewöhnlichen
Jagdgewehre herbeizubringen, und ich selbst lud sie mit tüchtigen
Posten.
Hiernach stieg ich mit meinem Fernrohr auf die Warte, um zu sehen, was
an der Küste vorging. Da entdeckte ich nun, daß 21 Wilde in drei Kanoes
gelandet waren, und zwar an der Südostküste, was mich um so mehr wunder
nahm, als ich noch nie an dieser Stelle das geringste Anzeichen einer
Landung der Kannibalen bemerkt hatte. Der Ort, wo sie ausgestiegen
waren, schien sehr flach, der Strand niedrig; etwa 100 Schritte davon
begann der Saum eines dichten Gebüsches, welches sich ziemlich weit
bis in die Felsengruppen der inneren Insel hineinzog. Es deuchte mich,
als ob sie drei Gefangene bei sich hätten und auch diesmal aus keinem
andern Grunde an meine Insel gekommen wären, als wieder eines ihrer
Siegesfestmahle abzuhalten.
Zunächst lud ich nun vier Musketen mit sieben Kugeln, sowie meine
beiden Pistolen mit zwei Kugeln. Den Degen steckte ich in den Gürtel
und befahl Freitag, sein Beil, ein Pistol, zwei Musketen und eine
Flinte nebst Vorrat von Pulver und Blei zu ergreifen; ich selbst aber
nahm das andre Pistol und die übrigen Schießgewehre. Außerdem steckten
wir einige Brotkuchen und getrocknete Rosinen zu uns, sowie ein
Fläschchen Rum zur Stärkung unsrer Lebensgeister. So gerüstet rückten
wir aus. Auf einem Umweg von ungefähr einer Viertelmeile bogen wir nach
dem Rande des Gehölzes ein, um hier, ungesehen von den Wilden, bis an
die Bucht zu gelangen und sie in Schußlinie vor uns zu haben.
Unter Beobachtung größter Vorsicht gelangten wir an das Ende des
Gehölzes und somit in die Nähe der Feinde, von denen mich nur noch
eine einzige Baumgruppe trennte. Ich befahl Freitag, auf einen Baum zu
steigen, um zu sehen, was die Wilden vornähmen. Er kletterte sehr bald
wieder herab und berichtete, er habe die Feinde ganz deutlich gesehen;
sie säßen rings um ein Feuer und verzehrten das Fleisch eines ihrer
Gefangenen; ein andrer liege dicht daneben an Händen und Füßen gebunden
und werde wahrscheinlich demnächst an die Reihe des Verspeisens kommen.
»Aber«, fügte Freitag bedeutungsvoll hinzu, »es ist keiner von unserm
Stamme, sondern einer von den weißen bärtigen Männern, die sich in
unserm Vaterlande angesiedelt haben.« Dieser Bericht versetzte mich in
Zorn und Wut. Ich stieg nun mit meinem Fernglas ebenfalls auf einen
Baum und erkannte deutlich an Gesicht und Bekleidung in dem gebundenen
Manne einen Europäer.
Ein kleines Gebüsch zog sich von der Waldspitze noch ungefähr 100
Schritte nach links gegen den Strand hin, und ich konnte, durch
dasselbe gedeckt, den Wilden mich noch mehr nähern. Am Ende des
Buschwerks gelangte ich auf einen kleinen Sandhügel oder eine Düne,
von wo aus ich die jetzt nur noch in einer Entfernung von 80 Schritt
lagernden Wilden aufs genaueste beobachten konnte. Es war kein
Augenblick mehr zu verlieren, denn eben bemerkte ich, wie sich zwei der
Kannibalen anschickten, des Europäers Hände und Füße von den Fesseln zu
befreien, um ihn dann am Feuer zu schlachten. Ich sah mich nach Freitag
um.
»Jetzt«, sagte ich zu ihm, »thue, wie ich dir sagen werde.«
»Ja, Herr! Befiehl!«
»So ahme genau das nach, was du *mich* thun siehst, und fehle nicht!«
Mit diesen Worten legte ich eines der Jagdgewehre und eine der Musketen
auf den Boden. Freitag that dasselbe. Dann zielte ich auf die beiden
mit ihrem Schlachtopfer beschäftigten Wilden und gebot Freitag, unter
den übrigen Haufen zu feuern.
»Bist du fertig, Freitag?« -- Freitag nickte zustimmend.
»Nun -- dann Feuer!«
Zwei donnerähnliche Schüsse hallten hinaus auf Land und Meer. --
[Illustration: Befreiung eines Gefangenen.]
Als sich der Pulverdampf verzogen hatte, sah ich, was wir ausgerichtet
hatten. Durch meinen Schuß war der eine getötet, der andre verwundet
worden; Freitag dagegen hatte sogar zwei erlegt und drei verwundet.
Der Schrecken aber, der durch den Knall unsrer Gewehre unter die
Wilden fuhr, ist nicht zu beschreiben. Die Verwundeten jammerten und
wälzten sich am Boden, die andern sprangen entsetzt auf und suchten
zu entfliehen. In der gräßlichen Verwirrung liefen sie jedoch nur hin
und her; denn sie wußten nicht, von welcher Seite ihnen das Verderben
drohte. Freitag verwendete kein Auge von mir, um zu sehen, was ich
weiter thun würde. Nach der ersten Salve legte ich mein Gewehr auf den
Boden und ergriff die Flinte; Freitag that dasselbe. »Hahn gespannt.
Angelegt. Feuer!« Wiederum rollte der Donner unsrer Gewehre über die
Häupter der Wilden hinweg. Diesmal stürzten, da unsre Flinten nur mit
grobem Schrot geladen waren, bloß zwei Männer zu Boden, aber es waren
ihrer so viele verwundet, daß die meisten, mit Blut bedeckt und vor
Schmerz heulend, wie im Wahnsinn durcheinander liefen. Bald stürzten
noch drei von ihnen zu Boden, obgleich sie nicht tot waren.
»Jetzt, Freitag, mir nach!« sagte ich, nachdem ich die letzte, Freitag
aber die dritte Muskete aufgenommen hatte. Mit lautem Geschrei stürzten
wir aus dem Gebüsche, gerade auf die Wilden los. Der eine von den
beiden, welche den Gefangenen losbinden wollten, lag tot, während der
andre, verwundet, in einen Kahn gesprungen war, wohin ihm noch vier
seiner Gefährten folgten.
Sogleich gebot ich Freitag, auf die Flüchtlinge zu feuern; er verstand
mich sehr gut, lief ungefähr 40 Schritte weit, um die Flüchtigen aufs
Korn zu nehmen, und schoß los. Er hatte seine Sache gut gemacht; denn
sofort stürzten alle fünf nieder, so daß ich schon glaubte, er hätte
sie sämtlich getötet; indessen sprangen zwei von ihnen wieder auf,
die andern blieben regungslos liegen, entweder schwer verwundet oder
getötet.
Während dies geschah, war ich zu dem Gefangenen geeilt und schnitt
mit einem Messer die Bande entzwei, welche ihn an Händen und Füßen
gefesselt hielten; dann half ich ihm aufstehen und fragte auf
portugiesisch, wer er sei. Er antwortete mir in lateinischer Sprache:
»_Christianus_«, war aber so entkräftet, daß er weder stehen, noch ein
weiteres Wort sprechen konnte. Ich reichte ihm mein Rumfläschchen, aus
dem er einen kräftigen Schluck nahm, der ihn sichtbar stärkte. Außerdem
gab ich ihm auch ein Stück Brot, und er aß es mit der größten Hast.
Währenddem fragte ich noch, aus welchem Lande er stamme, und erhielt
zur Antwort: »*Spanien*«. Nachdem er sich ein wenig erholt hatte, gab
er mir durch allerlei Zeichen zu verstehen, wie dankbar er mir sei
für die Rettung aus der Hand der Kannibalen. Ich aber sprach zu ihm
auf Spanisch, so gut es eben gehen wollte: »Sennor, später wollen
wir uns weiter aussprechen, jetzt müssen wir kämpfen. Wenn Ihr noch
irgend Kraft habt, so nehmt diese Pistole und diesen Degen und nun Gott
befohlen!«
Kaum fühlte der Spanier die Waffen in seiner Hand, als er neu beseelt
von Mut und Kraft erschien. Wie ein Wahnsinniger hieb er auf seine
Peiniger ein und streckte im Nu zwei oder drei derselben zu Boden. Die
Wilden waren durch die Wirkung unsrer Feuerwaffen und den ungestümen
Überfall so überrascht, daß die meisten von ihnen wie gelähmt
niederstürzten und ebensowenig zu fliehen als unserm Angriffe zu
widerstehen vermochten.
Ich hielt mein Gewehr schußfertig, ohne jedoch abzuschießen, um nicht
ganz verteidigungslos zu sein, da ich dem Spanier Degen und Pistole
gegeben hatte. Dann rief ich Freitag herbei und gebot ihm, die
abgeschossenen Gewehre, die wir zurückgelassen hatten, herbeizuholen,
was mit unglaublicher Schnelligkeit geschah. Wir luden sogleich unsre
Gewehre; ich übergab Freitag eine Muskete und sagte ihm, er solle
weitere Waffen herbeischaffen, wenn man deren bedürfe. Unterdessen fand
ein fürchterlicher Kampf zwischen dem Spanier und einem Wilden statt,
der mit einem eisenharten hölzernen Schwerte auf ihn einhieb. Allein
jener, ebenso kühn und tapfer, widerstand trotz seiner Schwäche lange
Zeit den Angriffen des Indianers, ja er hatte ihm sogar zwei Wunden am
Kopfe beigebracht. Der Wilde jedoch, ein Mensch von hohem Wuchse, hatte
jetzt seinen Gegner gepackt, zu Boden geworfen und suchte ihm nun den
Degen zu entwinden. Der Spanier ließ die Waffe fahren, riß die Pistole
aus dem Gürtel und jagte seinem Feinde eine Kugel durch die Brust, die
ihn sofort tötete.
Freitag blieb seinerseits auch nicht unthätig: er verfolgte die
Flüchtlinge, ohne eine andre Waffe als sein Beil, und machte denen,
die er im Laufe einholte oder die verwundet auf der Erde umherlagen,
den Garaus. Der Spanier bat mich jetzt um ein Gewehr, und ich überließ
ihm gern eine meiner beiden Jagdflinten. Er verfolgte damit zwei Wilde
und verwundete sie beide; da er sie aber nicht einzuholen vermochte,
so entkamen sie nach dem Walde. Hier aber trafen sie auf Freitag,
der sogleich den einen von ihnen niederstreckte; der andre, wiewohl
verwundet, lief nach dem Strande, warf sich ins Meer und schwamm dem
Kanoe nach, in welchem sich ein Toter und ein Verwundeter befanden,
während drei noch Lebende das Weite zu gewinnen suchten. Es waren 17
Wilde teils getötet, teils so schwer verwundet worden, daß sie an ihren
Wunden sterben mußten; nur vier waren in ihrem Kahne entkommen, einer
derselben aber dem Anscheine nach auch schwer blessiert.
Die in dem Kanoe Flüchtenden ruderten mit aller Anstrengung, um aus dem
Bereiche unsrer Kugeln zu kommen, und obgleich Freitag noch zwei- oder
dreimal nach ihnen feuerte, so schien doch keiner getroffen zu sein.
Freitag zeigte sich so kampfbegierig, daß er eins ihrer Boote nehmen
wollte, um die Wilden zu verfolgen, und in der That schien mir dieser
Gedanke beachtenswert. Denn gelang es auch nur einem zu entrinnen, der
die Nachricht von der Niederlage zu seinem Stamm brachte, so konnte ich
mich sicherlich auf einen baldigen Besuch von Hunderten gefaßt machen,
die uns durch ihre Überzahl erdrückt hätten. Ich eilte also mit Freitag
nach dem Strande hinab und sprang in eine Barke. Aber wie erstaunte
ich, als ich hier noch einen an Händen und Füßen gefesselten Wilden
erblickte, der vor Angst halb tot war!
Sogleich zerschnitt ich seine Fesseln und suchte den armen Menschen
emporzurichten; allein er konnte weder stehen noch sprechen, sondern
stöhnte nur auf eine ganz erbärmliche Weise, weil er wahrscheinlich
glaubte, er solle nun getötet werden. Ich gab Freitag mein
Rumfläschchen, um den Armen durch einen Schluck zu stärken, und trug
ihm zugleich auf, dem Wilden seine Befreiung zu verkündigen. Der
Trunk und noch mehr die frohe Botschaft belebten den Armen so, daß er
sich in der Barke aufrecht zu setzen vermochte. Als ihm aber Freitag
aufmerksamer ins Gesicht sah, wurde dieser wie umgewandelt. Er umarmte
den Geretteten, küßte ihn und drückte ihn stürmisch an die Brust; dann
lachte er, jauchzte vor Freuden, sprang, tanzte, sang, gebärdete sich
wie ein Unsinniger, weinte und rang die Hände. Lange währte es, ehe
auch nur ein einziges vernünftiges Wort aus ihm herauszubringen war:
endlich, als er wieder ein wenig zu sich selbst kam, sagte er zu mir,
der Gerettete sei sein *Vater*.
Es läßt sich nicht mit Worten das Entzücken des guten Freitag beim
Anblick seines Vaters und dessen unerwarteter Errettung schildern;
zwanzigmal sprang er aus dem Kahne und wieder hinein; dann setzte er
sich an die Seite seines Vaters und öffnete sein Kleid, um den Kopf
desselben an seine Brust zu drücken und ihn zu erwärmen; dann nahm er
wieder seine Arme, seine Beine, welche durch das harte Zuschnüren der
Bande steif und geschwollen waren, und rieb sie mit seinen Händen. Ich
gab ihm nun etwas Rum, um die abgestorbenen Glieder des alten Mannes zu
waschen, was demselben augenscheinlich sehr wohl that.
Freitag war so sehr mit seinem Vater beschäftigt, daß ich es nicht
über mich gewinnen konnte, ihn von demselben abzurufen. Erst als ich
glaubte, er habe seiner kindlichen Freude vollkommen Genüge gethan,
rief ich ihn, und er sprang mit freudestrahlendem Gesicht auf mich los.
»Hast du deinem Vater schon Brot zu essen gegeben, Freitag? Er wird
wohl tüchtigen Hunger haben.«
»Nein, ach nein, Herr!« erwiderte fast weinend der arme Bursche; »o,
ich schlechter Hund habe selbst alles gegessen, alles!«
»Nun, Freitag, beruhige dich! Da ist ein Stück Kuchen, das ich gerade
noch in meiner Tasche finde; hier hast du auch noch Rosinen und einen
Schluck Rum, damit stärke deinen Vater!«
Freitag gehorchte mit einem Blicke des Dankes und reichte das
Dargebotene dem Alten. Dann sprang er mit einem Satze aus dem Kahne
und lief wie ein gehetztes Wild davon, so daß er im Nu aus unsern
Augen verschwunden war. Ich schrie, ich lief ihm nach -- er hörte
nicht; nachdem etwa eine Viertelstunde verflossen war, sah ich ihn
wiederkommen, aber nicht so eilig, als er davongelaufen war, weil
er etwas in den Händen trug. Er hatte nämlich in dieser kurzen Zeit
den Weg nach der Burg zurückgelegt, um noch mehr Brot und einen Krug
frischen Wassers hierher zu bringen. Sein Vater, der bald vor Durst
verschmachtete, wurde durch den kühlen Trunk mehr erquickt, als all
mein Rum vermocht hätte.
Nachdem der Alte getrunken hatte, fragte ich Freitag, ob noch etwas
Wasser übrig sei, und auf seine Bejahung trug ich ihm auf, dieses
sowie ein Brot dem Spanier zu bringen, der dessen ebensosehr bedurfte
und auf einem Rasenhügel im Schatten eines Baumes ausruhte.
Als Freitag zurückgekommen, schlug er die Augen zu mir empor und
blickte mich mit dem Ausdrucke größter Dankbarkeit an. Gern hätte
sich der Spanier erhoben und wäre zu uns gekommen, allein er war so
erschöpft und seine Glieder durch die harten Bande so angeschwollen,
daß er sich nicht auf den Beinen zu halten vermochte. Ich befahl daher
Freitag, ihm Hände und Füße mit Rum einzureiben. Dabei drehte letzterer
alle Augenblicke den Kopf herum, um nach seinem Vater zu sehen. Als er
ihn einmal nicht in seiner vorigen Stellung sah, ließ er ohne weiteres
vom Einreiben ab, sprang auf und schoß wie ein Pfeil nach dem Boote, in
welchem sich sein Vater niedergelegt hatte, um seinen müden Gliedern
Ruhe zu gönnen. Erst als er völlig zufrieden gestellt sein durfte,
kehrte Freitag eiligst zurück und vollendete die ihm aufgetragene
Hilfeleistung.
Alles dies hatte uns von der Verfolgung der Wilden abgezogen, und ihre
Barke selbst war uns bereits aus dem Gesicht, als wir wieder an sie
dachten. Die Verhinderung unsrer anfänglichen Absicht war jedoch ein
großes Glück für uns. Denn zwei Stunden später erhob sich ein heftiger
Wind, der den übrigen Teil des Tages und die ganze Nacht hindurch
anhielt. Wie übel hätte es uns in unsrer leichten Barke ergehen können!
Dem Spanier machte ich den Vorschlag, sich auf Freitag zu stützen und
bis zu einem der Kähne sich weiter zu helfen, um ihn dann nach unsrer
Wohnung zu schaffen, wo ich besser für seine Pflege und Bequemlichkeit
sorgen könnte. Allein er fühlte sich so schwach, daß er nicht mehr
stehen konnte. Ohne weitere Umstände nahm daher Freitag mit kräftiger
Hand den Fremden auf seinen Rücken, trug ihn nach dem Kahne, setzte ihn
an der Seite seines Vaters nieder, stieß das Boot vom Ufer und ruderte
dasselbe, ungeachtet des sich erhebenden Windes, die Küste entlang,
schneller als ich gehen konnte. Darauf eilte er zurück. Als er an mir
vorbei lief, fragte ich ihn: »Wo rennst du so hurtig hin?« -- »Andern
Kahn holen!« lautete lakonisch seine Antwort, und schnell wie der Wind
war er davon. Als ich bei der Bucht anlangte, war auch Freitag fast
gleichzeitig mit dem nachgeholten Boote daselbst eingetroffen.
Soweit war alles gut gegangen. Da aber weder Freitags Vater noch der
Spanier zu gehen im stande war, so befanden wir uns in nicht geringer
Verlegenheit, wie wir dieselben bis zur Burg und besonders über die
Wallmauer bringen sollten. Wir hatten indes keine Zeit, noch lange
zu überlegen. Das geeignetste Transportmittel schien mir unter den
vorliegenden Umständen eine Tragbahre zu sein. Sofort machte ich mich
denn auch, indem ich die beiden unsrer Obhut anvertrauten Männer am
Ufer ruhig niedersitzen ließ, mit Freitag ans Werk, und nach einem
Stündchen hatten wir mit zwei Stangen und Flechtwerk eine Tragbahre
hergerichtet, wie sie unsern Zwecken notdürftig entsprechen konnte.
So trugen wir denn den Spanier und Freitags Vater und gelangten
bis an die äußere Umfassungsmauer unsrer Burg. Hier aber entstand
wiederum die Frage: Wie werden wir die beiden Entkräfteten über den
Wall hinwegbringen? Es blieb denn nichts andres übrig, als zwischen
der ersten Umhegung und dem von mir angepflanzten Gebüsch ein Zelt zu
errichten. Freitag ging mit seiner gewohnten Geschicklichkeit ans Werk,
und nach zwei Stunden hatten wir eine leidlich hübsche Hütte zustande
gebracht, bedeckt mit alten Segeln und Baumzweigen. Im inneren Raume
derselben stellten wir einen Tisch hin nebst einer Bank und ein paar
roh gezimmerten Stühlen, sodann zwei Lagerstätten von gutem Reisstroh
nebst je zwei wollenen Decken: eine, um darauf zu liegen, die andre, um
sich damit zuzudecken.
Sobald alles unter Dach und Fach gebracht war, erschien es wohl
natürlich, daß ich nun auch an mich und Freitag dachte. Ich befahl
letzterem, eine junge Ziege zu schlachten und sie in Stücke zu
zerschneiden. Mit einigen derselben, die ich Freitag kochen
ließ, bereitete ich eine kräftige Suppe und ein vortreffliches
Fleischgericht. Dann wartete ich in dem neu aufgeschlagenen Zelte auf
und hieß meine Gäste guten Mutes sein und tapfer zulangen.
Nach aufgehobener Mahlzeit trug ich Freitag auf, eine Barke
herbeizuschaffen und unsre Waffen zu holen, die wir im Drange der
verwichenen Stunden auf dem Schlachtfelde gelassen hatten. Nächstdem
gab ich ihm den Auftrag, seinen Vater über die Wilden auszufragen, und
ob er glaube, daß sie einen Rachezug gegen uns unternehmen würden.
Freitags Vater meinte, die Flüchtlinge hätten in ihrem leichten
Fahrzeuge dem Sturme, der sich bald nach ihrer Abfahrt erhob, um so
weniger widerstehen können, als er sie bereits auf dem ersten Viertel
ihres Seewegs überrascht hätte. Wenn aber das Fahrzeug auch nicht
umgeschlagen wäre und seine Insassen in den Wellen begraben hätte, so
würden diese doch nach Süden zu unvermeidlich an Küsten geschleudert
worden sein, wo sie als Kriegsgefangene dem Tode preisgegeben wären.
Sollten sie dennoch in ihre Heimat kommen, so würden sie ihren
Landsleuten eher ab- als zureden, diese Insel jemals wieder zu
betreten. Er habe nämlich vernommen, wie sie sich gleich nach unsern
ersten Gewehrsalven ängstlich und zitternd einander zuriefen: die
beiden Wesen (nämlich *ich* und *Freitag*) seien keine Menschen,
sondern böse Geister, die vom Himmel auf die Erde herabgestiegen wären,
um sie zu vernichten; denn Menschen, wie sie immer auch seien, könnten
nicht Blitze und Donner machen, auch nicht Feuer und Tod in die Ferne
schicken. Gewiß käme ihnen dieses Eiland wie ein verzaubertes Land vor,
dessen geisterhafte Bewohner alles vernichteten, was sich in ihre Nähe
wagte.
Der alte Mann mochte wohl nicht unrecht haben. Dennoch blieb ich auf
der Hut; da wir aber jetzt unser vier waren, so konnten wir es getrost
mit einer Rotte von 50, ja 100 Mann aufnehmen.
Nachdem wir uns noch über mancherlei unterhalten hatten, überließ ich
Freitags Vater und den Spanier der benötigten Ruhe, denn sie waren
immer noch matt und schwach. Auch wir beiden andern zogen uns nach
dem Wohnhause zurück und suchten gleichfalls unser Lager auf. Trotz
meiner Müdigkeit wollte mich der Schlaf nicht überkommen; die jüngsten
Ereignisse tauchten wieder so lebhaft in meiner Seele auf, daß ich den
ganzen Kampf gleichsam von neuem durchlebte.
Die Einwohnerzahl meiner Insel war nun um das Vierfache gestiegen, und
ich war naturgemäß der unumschränkte Monarch über diese Insulaner.
So klein aber die Zahl auch war, eine große Verschiedenheit zeigte
die Bevölkerung hinsichtlich der Abstammung und der Religion.
Freitags Vater war Karibe, Heide und Menschenfresser, der Sohn
Spaniens war Katholik, und ich nebst Freitag huldigten der Lehre des
Protestantismus. Aber diese Verschiedenheit sollte kein Stein des
Anstoßes werden, kein Gewissenszwang beirrte in meinem Staate die
Gemüter.
Als wir uns am andern Morgen erhoben hatten, gebot ich Freitag, die
getöteten Wilden, deren verwesende Leichname die Luft zu verpesten
drohten, in die Erde zu verscharren. Zugleich sollte Freitag auch die
eklen Überreste der Kannibalenmahlzeit entfernen, damit sie nicht
unser Auge ferner beleidigten. Er entledigte sich meines Befehls mit
gewohnter Bereitwilligkeit.
Dann machten wir gemeinsam die Runde um die Burg und ihre Umgebungen
und gingen nach der Höhle und den Ziegenparks. Ich wollte nämlich
sowohl mich selbst von dem Stande der Dinge unterrichten, als auch
meine neuen Gefährten mit meinen wirtschaftlichen Erfolgen bekannt
machen. Freitag hatte als Dolmetsch hierbei vollauf zu thun; denn
sein Vater war über die vielen neuen Dinge, die er bei uns sah, ganz
erstaunt, und ich ließ ihm ihren Zweck und Gebrauch so deutlich wie
möglich auseinandersetzen. Aber auch der Spanier war nicht wenig
überrascht von den zweckmäßigen Einrichtungen, die ich im Laufe so
vieler Jahre getroffen und allmählich mehr und mehr verbessert hatte.