Doch alle diese Vorsichtsmaßregeln waren, wie ich mich immer mehr

überzeugte, durchaus nicht notwendig; denn es konnte kaum eine treuere

und diensteifrigere Seele gefunden werden, als dieser Freitag war. Nie

legte er Eigensinn, nie Mutwillen an den Tag; stets fand ich in ihm

nur die aufrichtigste Ergebung in meinen Willen. Er war mir herzlich

zugethan und liebte mich wie einen Vater, so daß ich wohl sagen

kann, er hätte gern und freudig sein Leben für mich hingegeben. Bald

konnte ich von seiner Anhänglichkeit so überzeugt sein, daß ich alle

getroffenen Maßregeln wieder einstellte. Seine Heiterkeit und seine

Unverdrossenheit bei jedweder Arbeit, die ich ihm auftrug, nahm mich in

so hohem Grade für ihn ein, daß ich keinen sehnlicheren Wunsch hatte,

als mich mit ihm über allerlei Dinge unterhalten zu können. Mit Eifer

setzte ich daher den begonnenen Sprachunterricht fort und hatte meine

Freude an seiner Lernbegierde. Hauptsächlich suchte ich bei ihm dahin

zu wirken, daß er die unnatürliche Begierde, Menschenfleisch zu essen,

unterdrücke. Um dieses zu erreichen, bot ich ihm ein andres Fleisch an.

Ich nahm ihn mit zu meinen Ziegen, und als ich eine Ziege mit ihren

beiden Jungen in geringer Entfernung von mir liegen sah, faßte ich ihn

beim Arme und sprach zu ihm: »Halte dich still und rege dich nicht!« In

demselben Augenblick schoß ich eines der Zicklein nieder.

Der arme Bursche war so erschrocken, daß er vor Furcht selber

zusammenstürzte; ja, er glaubte sogar, ich habe ihn erschießen wollen,

denn er riß sein Wams auf, um zu fühlen, ob er verwundet sei. Dann fiel

er vor mir auf seine Kniee nieder, stammelte unverständliche Worte und

schien mich um Schonung seines Lebens zu bitten. Ich aber nahm ihn

bei der Hand, redete ihm freundlich zu, deutete auf das Zicklein, das

ich erlegt hatte, und gebot ihm, dasselbe zu holen. Während er meinem

Befehle nachkam und das tote Tier mit Staunen betrachtete, lud ich von

neuem mein Gewehr. Er war noch nicht klar darüber, wie das Tier getötet

sein konnte.

Um ihm diesen Vorgang erklärlich zu machen, zeigte ich mit dem Finger

auf die Flinte und dann auf einen Papagei, den ich in schußgerechter

Entfernung auf einem Baume sitzen sah. Hierauf gab ich ihm zu

verstehen, daß ich auch diesen Vogel durch mein Gewehr töten könne,

hieß ihn seine Augen scharf nach dem Tiere richten, drückte los und

schoß den Papagei vom Baume herunter.

Aber auch diesmal erschrak der arme Freitag auf das heftigste und

zeigte eine wahre abgöttische Scheu vor meinem Jagdgewehr. Da er

nämlich nicht gesehen, wie ich es geladen hatte, so glaubte er, die

Waffe enthielte eine unerschöpfliche Zauberkraft des Schreckens,

des Todes und der Vernichtung, fähig, Menschen und Tiere aus jeder

beliebigen Entfernung zu töten. Er sprach mit dem Gewehr, als ob er

verstanden werden könne, bat dasselbe, daß es ihn doch ja nicht töten

möge, und schien hierauf eine Antwort zu erwarten, während er wie

Espenlaub zitterte. Es dauerte noch etliche Tage, bevor er es wagte,

die Flinte anzurühren.

Nachdem sich Freitag von seinem Staunen erholt hatte, gebot ich

ihm, den geschossenen Vogel herbeizuholen. Nach längerem Ausbleiben

-- denn der Papagei war noch nicht ganz tot und eine Strecke weit

fortgeflattert -- brachte er ihn endlich. Hierauf ergriffen wir auch

das Zicklein und kehrten nach Hause zurück; dort zerlegte ich das Tier

und kochte einen Teil noch denselben Abend.

Freitag verzehrte mit dem trefflichsten Appetit das saftige Fleisch.

Auffallend erschien es ihm hierbei, daß ich meine Speisen mit Salz

würzte, und er gab mir zu verstehen, daß dies seinem Geschmack ganz

zuwider sei. Um mir seine Abneigung zu verdeutlichen, legte er ein

Stück Salz auf seine Zunge, verzog das Gesicht mit unnachahmlicher

Grimasse, spuckte den salzigen Schleim wieder aus und spülte darauf den

Mund mit frischem Wasser aus. Ich meinerseits suchte ihn mit seinen

eignen Gründen zu schlagen, indem ich ein Stück Fleisch ohne Salz zu

mir nahm und mich in ähnlichen Gesichtsverrenkungen gefiel, eine Art

von Beweisführung, die ihm jedoch nicht stichhaltig schien.

Am andern Tage setzte ich meinem Hausgenossen einen vortrefflichen

Ziegenbraten vor; zur Bereitung desselben wendete ich ein Mittel

an, wie ich es einst in England gesehen hatte. Ich steckte nämlich

zwei Stäbe in gewisser Entfernung voneinander neben einem tüchtigen

Feuer in die Erde, einen dritten Stab legte ich quer über die beiden

ersten, hing an denselben mein Fleisch am Ende einer Schnur und ließ

es drehen. Freitag drückte über dieses sinnreiche Verfahren seine

Verwunderung aus. Als er aber erst den Braten gekostet hatte, gab er

durch wohlgefälliges Schnalzen und Zähnefletschen kund, welch ein

Leckerbissen das Genossene für ihn gewesen sei; ja er war davon so

entzückt, daß er mir hoch und teuer versicherte, nie mehr in seinem

Leben Menschenfleisch essen zu wollen.

Tags darauf wies ich Freitag an, Gerste auszukörnen und sie auf die

schon beschriebene Art zu reinigen, wozu er sich ganz geschickt

anstellte.

Ferner unterrichtete ich ihn, wie ich es mit dem Backen hielt und

wie ich meine Kuchen zurichtete. Auch das begriff er so rasch, daß

ich schon nach kurzer Zeit ihm dergleichen Arbeiten getrost allein

überlassen konnte.

Da ich jetzt außer mir noch einen Menschen mit kräftiger Eßlust zu

versorgen hatte, mußte ich eine größere Menge Korn säen, um reicheren

Vorrat zu gewinnen. Zu diesem Zwecke suchte ich ein umfangreicheres

Stück Ackerland aus und zäunte es auf ähnliche Weise ein wie die

früheren. Bei der Arbeit unterstützte mich Freitag aufs eifrigste,

zumal er schon wußte, dies alles geschähe, um für mich und ihn das

nötige Brot backen zu können.

Dieses Jahr war von allen, welche ich auf meinem Eilande bisher

zugebracht hatte, das angenehmste. Freitag konnte binnen wenigen

Monaten sich recht geläufig englisch ausdrücken und wußte die Namen

fast aller Dinge, die ich von ihm fordern, und aller Orte, wo ich ihn

hinschicken konnte.

So genoß ich, nach einer langen Reihe von Jahren, endlich wieder das

Vergnügen menschlicher Unterhaltung in meiner Muttersprache; aber außer

diesem langentbehrten Genusse fand ich auch täglich mehr Freude an

meinem Genossen. Seine Herzenseinfalt und seine Anhänglichkeit machten

ihn mir immer teurer, und er wiederum liebte mich, wie er vielleicht

niemand zuvor geliebt haben mochte. Einstmals versuchte ich zu

ergründen, wie groß sein Verlangen sei, sein Heimatland wiederzusehen,

und da er so viel Englisch verstand, um auf meine Fragen Auskunft geben

zu können, so sagte ich zu ihm:

»Hat der Stamm, dem du angehörst, bei seinen Kriegszügen öfters den

Sieg davon getragen?«

»O ja!« sprach Freitag lächelnd, »wir kämpften immer als beste.«

»Ihr kämpftet am besten, waret den andern also überlegen! Wie kommt es

aber dann, daß sie dich zum Gefangenen gemacht haben?«

»Mein Stamm hat deshalb doch den Sieg behalten!«

»Den Sieg? Ich glaub' es nicht; sonst wärest du jetzt kein Gefangener.«

»An jenem Tage, o Herr, waren die Feinde gerade zahlreicher als die

Brüder meines Stammes; sie nahmen eins, zwei, drei Brüder und mich

gefangen; mein Stamm hat sie aber an einem andern Platze, wo ich nicht

war, besiegt; mein Stamm hat ihnen dafür eins, zwei, ein zehnmal zehn

und noch einmal zehnmal zehn genommen.«

»Aber warum haben deine Gefährten nichts für deine Befreiung gethan?«

»Sie nahmen rasch eins, zwei, drei und mich und schafften uns in ihre

Kanoes; mein Stamm hatte damals keine Kanoes.«

»Und was macht dein Stamm mit den Gefangenen? Schleppt er sie auch fort

und verzehrt sie, wie die Menschen, die hier auf der Insel waren?«

»Ja, Herr, mein Stamm ißt auch Menschen, ißt alle Gefangenen auf.«

»Wohin aber bringt ihr sie?«

»An einen andern Platz, als sie denken.«

»Bringt ihr sie auch manchmal hierher, Freitag?«

»Ja, ja, hierher und an noch andre Orte.«

»Bist du auch schon mit ihnen hierher gekommen?«

»Ja, Herr, von dort!« Hierbei zeigte Freitag nach der nordwestlichen

Seite der Insel, wo der Landungspunkt lag.

»Aber, verirren sich nicht zuweilen die Kanoes auf der Überfahrt?«

»O, das hat keine Gefahr, Herr! Nur darf man nicht in den Strom fallen,

der weit ins Meer hinausläuft; auch weht ein guter Wind des Morgens und

wieder ein andrer des Abends.«

Anfangs glaubte ich, Freitag wolle von Ebbe und Flut reden; später

indes überzeugte ich mich selbst, daß in der That zwei verschiedene

Windströmungen in diesen Gewässern herrschten, die wahrscheinlich

von der heftigen Flut und Rückflut des gewaltigen *Orinoko*stromes

herrührten, an dessen Mündung meine Insel lag. Das Land, das ich im

Westen und Nordwesten erblickte, war die große Insel *Trinidad*.

Ich richtete an Freitag nun noch vielerlei Fragen, die sich auf

sein Land und dessen Einwohner, das Meer, die Küstenstriche und

die benachbarten Völkerschaften bezogen. Er beantwortete alles mit

bereitwilliger Offenheit, so gut es eben ging, aber ich konnte aus ihm

betreffs der Menschen keinen andern Namen bringen als die Bezeichnung

»*Karibs*«, woraus ich schloß, daß es die *Kariben* seien, die den

Landstrich von der Mündung des Orinoko bis nach *Guayana* und *St.

Martha* bewohnen.

Er erzählte mir ferner: weit jenseit des Mondes -- d. h. westwärts, wo

der Mond unterging -- gäbe es auch so weiße und bärtige Männer, wie

ich sei (dabei deutete er auf meinen langen Bart), und diese Männer

hätten viele Leute getötet. Es war daraus leicht zu erraten, daß er

die *Spanier* meinte. Die Grausamkeit derselben war ja in ganz Amerika

bekannt und hatte sich durch Erzählung von Geschlecht zu Geschlecht

fortgepflanzt.

Als ich ihn fragte, wie ich es anzufangen habe, um jene Insel zu

erreichen und zu den weißen Männern zu gelangen, antwortete er mir:

»Ja, ja, du kannst hingehen in zwei maß Kanoes.«

Ich verstand nicht, was er mit »zwei maß Kanoes« sagen wollte, bis

sich herausstellte, daß er einen Kahn meinte, zweimal so groß wie der

meinige.

Da Freitag immer größere Fortschritte im Erlernen der englischen

Sprache machte, so versäumte ich nicht, ihn in die Hauptlehren der

christlichen Religion einzuführen. Es entwickelte sich dabei folgendes

Gespräch:

»Sage mir doch, Freitag, wer hat das Land, das Meer, die Berge und die

Wälder gemacht?«

»Ein erhabener Greis, Namens *Benamucki*. Er wohnt auf dem höchsten

Berge und ist viel älter als das Meer und das Land, als Mond und

Sterne.«

»Wenn also«, fragte ich weiter, »Benamucki alle Dinge erschaffen hat,

beten ihn dann nicht alle lebendigen Wesen der Welt an?«

Freitag nahm hierbei eine ernste Miene an und sagte mit der größten

Herzenseinfalt: »Alle Wesen sagen zu ihm: O!«

»Gehen die Menschen, die in deinem Vaterlande sterben, nach ihrem Tode

in eine andre Welt über?«

»Ja, sie gehen alle zu Benamucki.«

»Und kommen die Menschen, die ihr gefressen habt, auch dahin?«

»Gewiß, o Herr!«

»Hast du auch schon einmal mit Benamucki gesprochen?«

»Nein, junge Leute dürfen nicht zu ihm gehen, sondern nur alte Männer,

die *Uwukaki*, welche >O!< sagen. Wenn sie vom Berge herabsteigen, so

verkünden sie, was Benamucki ihnen mitgeteilt hat.«

Die Uwukaki waren also die Priester der benachbarten Eingeborenen, die

sich und ihr Treiben in den Schleier des Geheimnisses hüllten und die

unwissende Menge in Aberglauben erhielten. Ich suchte meinem Schüler

einen Begriff von dem wahren Gott, dem Allvater, dem Schöpfer des

Himmels und der Erde, beizubringen; ich sprach von seiner Allmacht:

alles liege in seiner Hand, er könne geben und nehmen nach seinem

weisen Willen.

Freitag hörte mir mit gespannter Aufmerksamkeit zu. Mit besonderer

Freude vernahm er die Lehre von der Erlösung durch unsern Heiland Jesus

Christus sowie von der Wirkung unsrer Gebete, die wir an Gott im Himmel

richten.

Darauf bemerkte Freitag in seiner unbefangenen Weise: »Gut! Wenn Gott

über der Sonne und den Sternen thront und dort Gebete hört, so muß er

ja wohl viel größer sein als Benamucki, der nur dann die Gebete der

Uwukaki hört, wenn sie selbst zu ihm hinaufsteigen!«

»Du hast recht, Freitag! Gott ist groß und mächtig wie kein andres

Wesen.«

[Illustration: Robinson als Lehrer.]

Täglich unterrichtete ich nun Freitag in den Lehren unsrer Religion

und weihte ihn besonders ein in das Geheimnis der Erlösung durch

unsern Heiland, der sich auf Golgatha zur Beseligung der sündigen

Menschheit geopfert hat. All mein Kummer kam mir jetzt leichter

vor, seitdem ich einen so aufmerksamen Gesellschafter hatte. Meine

Wohnung war mir teurer und angenehmer geworden; ich hielt es nicht

mehr für ein Unglück, an die Küste dieser Insel verschlagen worden

zu sein. Im Gegenteil, ich empfand unaussprechliche Freude, wenn ich

daran dachte, ein armes Wesen, wie Freitag, zur Glückseligkeit wahrer

Gotteserkenntnis geleitet zu haben.

Während des Zeitraums von drei Jahren, die wir so miteinander

verlebten, fühlten wir uns vollkommen glücklich und gehoben durch

den ernsten Vorsatz, fest auszuharren in dem unwandelbaren Vertrauen

auf die Barmherzigkeit unsres himmlischen Vaters. Während ich meinem

Gefährten die Bibel auslegte, wie mein Verstand es mich lehrte, mußte

ich selbst notwendigerweise tiefer eindringen in das Studium der

Heiligen Schrift, und die hunderterlei Fragen Freitags gaben mir häufig

Veranlassung zum fruchtbringenden Nachdenken über unsre verschiedenen

Heilslehren.

Neben den religiösen Gesprächen machte ich meinen Freund auch

mit meinen früheren Lebensschicksalen bekannt, was mir oft genug

Gelegenheit bot, sittliche Lehren in das empfängliche Herz des Wilden

einzupflanzen. Dann erzählte ich ihm auch wohl von den Ländern Europas

und dessen Völkern, schilderte ihm mein Vaterland mit seinen gewaltigen

Städten, in denen eine betriebsame Bevölkerung sich geschäftig regt.

Ebenso führte ich ihn in die geheimnisvollen Wirkungen von Pulver und

Blei ein und brachte ihm die Elemente der edlen Weidmannskunst bei.

Zuletzt überließ ich ihm ein großes Messer zum Gebrauche, worüber

er eine ungemeine Freude empfand; ich versah ihn mit einem Gürtel,

an welchem eine Scheide hing, ähnlich der, wie man sie in meinem

Vaterlande für die Jagdmesser gebraucht, und endlich bewaffnete ich ihn

mit einem kleinen Beile.

Auf einem unsrer gemeinschaftlichen Ausflüge zeigte ich ihm auch die

Überreste meiner Schaluppe, die jetzt ganz und gar zerfallen war. Bei

ihrem Anblick stand Freitag eine Weile nachdenklich still. Ich fragte

ihn, woran er dächte, und er gab mir endlich zur Antwort:

»Ich sah ein Schiff kommen, ganz wie dieses da, zu meinem Volke.«

Ich verstand den Sinn dieser Worte nicht und forschte danach, was er

meine. Da erklärte er mir denn, daß ein Boot wie das meinige in seiner

Heimat durch widrige Winde an die Küste getrieben worden sei.

Ich dachte zuerst, daß in jenen Gewässern ein europäisches Schiff

gestrandet und daß eine von demselben losgelöste leere Schaluppe an das

Land der Kariben geraten wäre. Als aber Freitag weiter hinzusetzte:

»Wir haben die weißen bärtigen Männer vom Ertrinken gerettet« -- da

ward meine Aufmerksamkeit aufs höchste gespannt, und ich fragte ihn:

»Wieviel weiße Männer haben sich in jenem Boote befunden?«

»Siebzehn Männer, Herr«, berichtete Freitag, an den Fingern zählend.

»Und was ist aus ihnen geworden?«

»Sie leben wohl alle noch, sie wohnen bei meinen Brüdern.«

»Weißt du auch, wie lange dies her ist?«

»Ich entsinne mich genau, Robin, es sind seitdem vier Jahre

verstrichen.«

Jetzt erinnerte ich mich auch, daß diese Zeitangabe genau mit der

Strandung jenes Fahrzeugs übereinstimmte, dessen Trümmer an meiner

Insel festsaßen. Vielleicht hatte sich die Mannschaft des Schiffes

in eine Schaluppe geflüchtet und war, dem Sturme und den Wellen

preisgegeben, an die Küste der Wilden getrieben worden.

»Du sagtest mir vorhin, Freitag, daß die weißen Menschen bei deinem

Volke lebten. Wie kommt es denn, daß deine Landsleute sie nicht

aufgefressen haben?«

»Sie haben Brüderschaft mit uns gemacht«, erwiderte Freitag; »und wir

essen nicht Menschen, wenn sie nicht im Kriege gefangen sind. Sie

befinden sich dort ganz wohl, und unsre Brüder liefern ihnen, was sie

zum Unterhalt gebrauchen.«

Es war eine geraume Zeit nach dieser letzten Unterredung vergangen,

als ich einstmals mit meinem Gefährten auf einen Berg der südöstlichen

Hügelreihe stieg. Der Himmel war heiter, und kein Wölkchen zeigte sich

an dem tiefblauen Firmament; die Luft war durchsichtig, und von der See

her wehte uns eine frische Brise entgegen. Freitag sah auf das weite

Meer hinaus und blickte nach einer Weile unverwandt auf einen Punkt

hin.

Plötzlich ward er unruhig, fing an zu tanzen, zu springen und zu jubeln

und rief mich zu sich heran:

»Robin, Robin, komm schnell hierher!«

»Was gibt's, Freitag?«

»O meine Freude! Ich bin glücklich, selig! Ich sehe mein Heimatvolk!

Dort kommt mein Volk.«

Das, was meinen guten Freitag in so überschwengliche Aufregung

versetzte, rief in mir die entgegengesetzten Gefühle hervor. Was

lag näher als die Vermutung, daß in den unverhohlenen Ausbrüchen

der Freude sich die Sehnsucht Freitags nach den Seinen aussprach?

Von dem Augenblick an erwachte in mir Argwohn gegen meinen Freund

und beunruhigte mich wochenlang. Ich zeigte mich unfreundlich, ja

verschlossen; aber hierdurch that ich dem armen Burschen das größte

Unrecht, denn er kam mir stets mit einem Vertrauen, mit einer Hingebung

entgegen, daß ich endlich alle meine Zweifel an seine Aufrichtigkeit

fallen ließ.

Eines Tages, als wir auf demselben Bergesgipfel, aber bei nebeligem

Wetter, zusammen waren, begann ich Freitag auszuforschen.

»Du würdest dich wohl sehr glücklich preisen, Freitag, wenn du wieder

in deine Heimat kommen und deine Brüder sehen könntest?«

»O ja, Robin, ich würde sein viel froh, zu sehen mein Volk.«

»Und möchtest wohl gern wieder, wie deine wilden Brüder,

Menschenfleisch beim Siegesschmaus essen?«

»O nein, nein! Niemals wird Freitag wieder Menschenfleisch essen; er

wird sagen seinen Brüdern, sich untereinander zu lieben, nicht mehr zu

Benamucki zu beten, Fleisch von Ziegen und andern Tieren zu essen und

Brot von Korn und Gerste zu backen.«

»Aber fürchtest du nicht, Freitag, daß sie dich umbringen würden, wenn

du so zu ihnen sprächest?«

»O nein, nein, Robin, sie werden mich nicht töten; sie wollen gern

lernen.«

»So möchtest du also wieder zu den Deinen zurückkehren?«

»Ja, das schon! Aber wie könnte ich so weit bis dort zu jenem Lande

schwimmen?«

»Ich will dir ein Kanoe bauen, Freitag.«

»Aber dann gehst du mit? Denn ohne dich würde ich die Insel nie

verlassen.«

»Ich, Freitag? Nur zu bald würden deine Brüder über mich herfallen,

mich töten, in Stücke zerlegen und über dem Feuer schmoren lassen.«

»Nein, nein, Robin, das wird nimmermehr geschehen; ich werde ihnen

sagen, daß du mir das Leben gerettet hast, daß du mich liebst wie einen

Bruder, und dann werden sie dich auch lieben und dir Gutes thun.«

»Aber nochmals, warum willst du nicht allein zu den Deinen

zurückkehren?«

»O Herr, du bist gewiß recht böse auf mich, daß du mich fortschicken

willst!«

»Nicht im geringsten, mein guter Freitag! Vielmehr gedachte ich dir

eine Freude zu bereiten, wenn ich dich freiwillig in deine Heimat

entließe.«

Und Freitag bleibt dabei: nichts ohne seinen Herrn.

»Was sollte ich aber bei deinem Volke anfangen?«

»O, dort gibt's genug für dich zu thun; wie du mich unterrichtet und

gebessert hast, so wirst du auch meine Brüder sanft erziehen.«

»Mein guter Freitag! Du weißt selbst nicht, was du sprichst. Zu einem

solchen Werke fehlt es mir an Kraft und Ausdauer.«

»O, du kommst doch mit, Robin?«

»Nein, nein, Freitag! Geh du ohne mich; ich werde hier bleiben und

wiederum so leben wie vor deiner Ankunft.«

Die treue Seele war tief gerührt, Thränen standen ihm in den Augen.

Dann griff er an seinen Gürtel, holte das Beil hervor und überreichte

es mir.

»Was soll ich damit, Freitag?«

»Mich totmachen, Herr!«

»Aber was fällt dir ein?«

»Ja, schlage lieber Freitag damit tot, als daß du ihn fortjagst; er

kann nicht ohne dich leben.«

Diese Wendung der Unterhaltung nahm den letzten Zweifel über Freitags

Anhänglichkeit aus meinem Herzen, und in mir selbst regte sich von

neuem die alte Begierde, eine weitere Seereise zu unternehmen und nach

dem großen Festlande zu steuern, auf welchem nach Freitags Bericht die

weißen bärtigen Gesichter -- Portugiesen oder Spanier -- zu treffen

sein mußten. Eines Tages führte ich Freitag zu jenem Boote an der

Bai, das ich seit mehreren Jahren nicht in Gebrauch genommen, sondern

im Wasser versenkt hatte, damit es mich den Wilden nicht verraten

sollte. Wir schöpften das Wasser aus dem Kanoe und setzten uns dann

selbst hinein. Dabei zeigte Freitag in der Lenkung des Bootes eine

Geschicklichkeit und Sicherheit, die mich in Erstaunen setzte. Nach

einer Weile sagte ich zu ihm: »Nun, Freitag, wie wäre es, wenn wir

jetzt in diesem Boote nach deinem Vaterlande segelten?« Er schien über

meine Frage verwundert, denn er fand das Boot viel zu klein, um darin

eine so weite Reise zurückzulegen. Hierauf sagte ich ihm, daß ich wohl

noch ein größeres Fahrzeug hätte, und daß wir es am nächsten Tage

aufsuchen wollten. Ich führte ihn denn auch, wie versprochen, zu dem

Orte, wo die Barke lag, die ich nicht hatte ins Wasser bringen können;

da ich mich indes länger als 20 Jahre nicht weiter um sie gekümmert

hatte, seit ich sie gebaut, so war sie von der Sonne ausgetrocknet und

gesprungen, daß sie sich in einer ganz kläglichen Verfassung befand.

Freitag aber sagte, daß ein Fahrzeug von dieser Größe, da man genug

Eß- und Trinkvorräte darin unterbringen könne, ganz tauglich zu einer

Seereise sei, und diese Versicherung kam meinen Plänen entgegen.

[Illustration: Zusammenstoß mit den Kannibalen.]

Zwölftes Kapitel.

Eine Zeit großer Ereignisse.

Bau eines neuen größeren Bootes. -- Probefahrten. -- Neuer

Kannibalenbesuch. -- Der Kampf mit den Wilden. -- Der Spanier und

Freitags Vater. -- Verpflegung der Befreiten. -- Bestattung der

Gefallenen. -- Geschichte des Spaniers. -- Zukunftspläne.

Da ich unaufhörlich an die siebzehn weißen Männer dachte, welche nach

Freitags Behauptung bei seinen Landsleuten wohnen sollten, so wuchs

in mir das Verlangen, dieselben aufzusuchen. Ich machte mich daher

unverzüglich ans Werk, um mit Freitags Hilfe ein neues Boot zu bauen.

Alsbald hatte Freitag, der in der Wahl des Holzes besser Bescheid wußte

als ich, einen Baum gefunden, wie wir ihn bedurften. Er wollte sich

nun anschicken, das Innere des Stammes, nach Art seiner Landsleute,

mittels Feuers auszuhöhlen. Aber ich lehrte ihn, wie man denselben

Zweck durch Handwerkszeug erreichen könne, und er zeigte sich auch bald

als ein brauchbarer Schiffszimmermann. Nach Verlauf eines Monats war

endlich ein Fahrzeug von gefälliger Form zustande gebracht; denn wir

hatten auch die Außenseiten sorgfältig mit den Äxten bearbeitet. Noch

lag ein schweres Stück Arbeit vor uns; denn um die Barke mit Walzen und

Hebebäumen bis an das Meer zu schaffen, gebrauchten wir zwei Wochen.

Als sie dann endlich flott geworden, betrachtete ich sie mit einem

Gefühle von Genugthuung, denn ihre Größe hätte hingereicht, 20 Mann an

Bord aufzunehmen. Auch Freitag empfand lebhafte Freude, und er lenkte

das Fahrzeug trotz dessen Größe mit ungemeiner Geschicklichkeit.

»Nun, Freitag, was meinst du wohl, können wir uns mit dieser Barke bis

an die Küste deiner Heimat wagen?«

»O gewiß!« entgegnete Freitag; »wir werden darin sehr gut fahren,

selbst wenn großer Wind weht.«

Aber ich hatte noch einen andern Plan gefaßt. So wie es war, genügte

mir unser Boot noch nicht; ich wollte es auch noch mit einem Mast,

einem Segel und einem Steuer versehen. Ein Mast war nicht schwer zu

erlangen; ich fand einen jungen, schlanken Baum ganz in der Nähe, wie

zu meinem Vorhaben geschaffen. Während Freitag denselben fällte und den

Stamm nach meiner Anleitung behieb, übernahm ich selbst die Herstellung

der Segel. Unter meinem Vorrat alter Segelstücke fanden sich noch

einige ziemlich gut erhaltene Stücke, und ich nähte ein dreieckiges

oder lateinisches Segel daraus zusammen. Auch brachte ich für den Fall,

daß der Wind umsetzte, ein kleines Focksegel und ein Besansegel an;

besonders aber ließ ich es mir angelegen sein, ein Steuerruder an dem

hinteren Teile der Barke herzurichten.

Robinson Crusoe's Reisen, wunderbare Abenteuer und Erlebnisse · 第 9 / 16 段