In der Nähe der Koffer fand ich auch ein kleines Fäßchen mit Likör,

ungefähr 20 Liter enthaltend; in der Kajütte lagen mehrere Gewehre und

ein großes Pulverhorn. Da ich jedoch hinreichend Schießwaffen besaß, so

ließ ich jene liegen und nahm nur das Horn mit, in welchem sich etwa

vier Pfund Pulver befanden. Was mir aber am nützlichsten werden konnte,

das waren eine Feuerschaufel, eine Zange, zwei kleine kupferne Kessel,

eine kupferne Schokoladenkanne und ein Rost. Mit dieser Ladung und von

dem Hunde begleitet, trat ich die Heimkehr an, und von der wachsenden

Flut begünstigt, erreichte ich eine Stunde nach Sonnenuntergang das

Ufer meiner Insel.

Ich fühlte mich von den Anstrengungen des Tages so ermattet, daß ich

nicht mehr nach meiner Burg zurückkehren mochte, vielmehr legte ich

mich, nachdem ich Speise und Trank zu mir genommen, in meiner Barke

schlafen, vor einem plötzlichen Überfall sicher, da ich ja einen

Wächter in dem Hunde zur Seite hatte.

Neu gestärkt erwachte ich am folgenden Morgen. Nach eingenommenem

Imbiß, den ich mit meinem neuen Freunde gewissenhaft teilte, schaffte

ich meine Fracht ans Ufer und durchsuchte jedes Stück. Der Branntwein

in dem Fäßchen erwies sich als eine Art Rum, und in den Koffern

entdeckte ich mancherlei, was mir sehr willkommen war, z. B. ein

Flaschenfutter von sehr schöner Arbeit, in welchem sich mehrere,

drei Liter haltige, mit silbernen Stöpseln versehene Flaschen feiner

Branntweine befanden; sodann zwei Töpfe mit eingemachten Früchten,

die so fest verschlossen waren, daß das Seewasser nicht einzudringen

vermocht hatte; ferner etliche gute Hemden, anderthalb Dutzend

weißleinene Taschentücher und mehrere farbige Halstücher. Auf dem

Boden des Koffers fand ich zuguterletzt noch drei große Beutel mit

Silbermünzen, im ganzen 1100 Stück; in dem einen waren 6 Dublonen in

Gold und etliche kleine Goldbarren. Gern hätte ich das ganze Gold, das

ich nicht viel höher als Kieselsteine schätzte, für drei oder vier Paar

englische Schuhe und Strümpfe dahingegeben, die ich seit so vielen

Jahren schmerzlich entbehren mußte. In dem andern Koffer befanden sich

Kleidungsstücke sowie ein kleiner Pulvervorrat, dessen außerordentliche

Feinheit darauf hinwies, daß er nur zur Vogeljagd bestimmt sein

konnte. Der Koffer, welchen ich zuletzt öffnete, enthielt noch eine

Geldsumme in Realen, aber was mir am meisten Freude bereitet, war der

Fund von Papier, Federn, Schreibzeug, Federmessern und einer großen

Flasche voll Tinte.

Alsbald brachte ich den ganzen Fund unter Dach und Fach nach meiner

Grotte, das Boot aber wieder an seinen alten Ort; ich selbst kehrte

darin nach der Burg zurück, wo ich alles in derselben Ordnung vorfand,

wie ich es kürzlich verlassen.

Zwar entstand ein nicht geringer Aufruhr unter den Ziegen und Katzen,

als sie meinen vierbeinigen Gefährten erblickten, der sie laut bellend

anfuhr; doch ich schlichtete bald den Streit der Parteien, und

sämtliche tierische Genossen lebten dann in ungestörtem »Burgfrieden«

einträchtig bei einander.

[Illustration: Traurige Überraschung]

Als ich nach ein paar Tagen wiederum an das Ufer in die Nähe des

Schiffbruchs kam, bemerkte ich zu meinem großen Schmerze den Leichnam

eines Schiffsjungen, den die Wogen ans Land gespült hatten. Er trug

nur eine Matrosenjacke, an den Knieen zerrissene Beinkleider, sowie

ein Hemd von dunkelblauer Leinwand. Nichts verriet, welcher Nation

er angehörte. In seinen Taschen fand ich zwei kleine Münzen und eine

Pfeife, über welche letztere ich hoch erfreut war, und die in meinen

Augen hundertmal mehr Wert hatte als Gold und Silber! Von der ganzen

verunglückten Schiffsmannschaft, soviel ich auch umherspähte, entdeckte

ich nicht das Geringste.

Nach den eben beschriebenen Ereignissen trat in meinem Leben wieder die

frühere Eintönigkeit ein, nur daß ich bei allen Verrichtungen, die ich

vornahm, behutsamer zu Werke ging und wachsamer auf alles acht gab,

was sich außerhalb meiner Burg etwa ereignete. Wenn ich mein Landhaus

besuchte, so wagte ich nicht, mich dahin zu begeben, ohne mich bis an

die Zähne zu bewaffnen. Traf es sich aber, daß mich der Weg nach dem

östlichen Teile der Insel führte, so konnte ich schon mit größerer

Sicherheit, wenn auch immer nicht unbewaffnet, meine Reserveparks

besichtigen. Manchmal wandelte mich in dieser Zeit die Lust an,

eine zweite Reise nach dem gestrandeten Fahrzeuge zu unternehmen;

allein mein Verstand sagte mir, daß es nichts enthielte, was die

Beschwerlichkeiten und Gefahren vergüten könnte.

Die fehlgeschlagene Hoffnung, bei meinem Besuche auf dem Wrack

Menschen, Gefährten in meiner Einöde zu finden, ließ noch ganz andre

Pläne in mir emportauchen, die fast ans Ungeheuerliche grenzten. Mich

packte wieder die alte Wanderlust, meine »Ursünde«, wie ich sie nannte,

und ich wollte wenigstens einmal den beiden meiner Insel zunächst

gelegenen Eilanden mit meinem Boote einen Besuch abstatten. Von da aus

konnte ich dann auch einen Abstecher nach dem Festlande von Amerika

unternehmen. Auch jetzt fiel mir wieder die Barke ein, auf der ich

einst mit dem Maurenknaben Xury aus Saleh entflohen war; hätte ich sie

in den Augenblicken meiner Reiseleidenschaft zur Verfügung gehabt, ich

würde mich wahrscheinlich wieder auf gut Glück dem trügerischen Element

anvertraut haben, um zu irgend einer Ansiedelung von Menschen zu

gelangen. Gern hätte ich auch wissen mögen, welchen Teil des Erdballs

jene Fremdlinge bewohnten, die mich für immer aus meiner sorglosen Ruhe

aufgeschreckt hatten, wie weit ihr Land von meiner Insel entfernt sei,

und ich fragte mich selbst, warum ich nicht ebenso gut an *ihrer* Küste

landen könnte, als sie an der meinigen.

Es war in der Regenzeit, im März des 24. Jahres meiner Anwesenheit auf

der Insel, als ich eine ganze Nacht schlaflos in meiner Hängematte

zubrachte, obgleich ich mich körperlich gerade nicht unwohl fühlte.

Es ging nochmals die ganze Geschichte meines vergangenen Lebens wie

in einem Zauberbilde an meinem geistigen Auge vorüber. Freudige

Betrachtungen wechselten mit traurigen in rascher Folge. Ich rief

mir die verschiedenen Zeitabschnitte meines einsamen Aufenthalts

zurück und verglich die frühere ruhige Lage mit der beängstigenden

Existenz, die ich seit dem Augenblicke führte, als ich in dem Sande

die verhängnisvolle Spur eines Fußes fand. Ich zweifelte durchaus

nicht, daß die Wilden schon vorher meiner Insel wiederholte Besuche

abgestattet hatten; aber da mir dieselben unbekannt blieben, so hatte

ich sorglos dahingelebt. Wie gütig nimmt sich doch immer unser

Herrgott unser an, indem er unser Urteil und unsre Voraussicht in so

enge Grenzen schließt. Ruhig und unbeirrt wandeln wir zwischen Gefahren

hindurch, deren Anblick uns allen Genuß an der Gegenwart rauben würde.

Wie oft wanderte ich vormals im Gefühle der größten Sicherheit in

meinem Königreich einher! Vielleicht hatte ich es nur einem Baum, einem

Hügel, dem Einbruch der Nacht zu verdanken, wenn ich nicht in die Hände

der Kannibalen gefallen war.

Tief gerührt dankte ich dem Allmächtigen für die Bewahrung vor so

vielen augenfälligen und unbekannten Gefahren.

Alle diese Gedanken setzten mein Blut stark in Wallung, und mein Puls

hämmerte heftig wie im Fieber. Erst gegen Morgen sank ich vor Ermattung

in einen tiefen Schlaf. Da unternahm ich im Traume meinen gewöhnlichen

Morgenspaziergang an die Küste auf der Ostseite der Insel und sah zwei

Kanoes, aus denen elf Wilde stiegen samt etlichen Gefangenen, die sie

verzehren wollten. Plötzlich sprang eines der Schlachtopfer davon und

suchte eine Zufluchtsstätte in dem Buschwerk, das meine Burg umgab. Ich

ging ihm entgegen und forderte ihn auf, näher zu mir zu kommen. Der

arme Gefangene stürzte vor mir auf die Kniee nieder, um meinen Beistand

gegen seine Peiniger anzuflehen. Darauf kam es mir vor, als zeigte ich

ihm meine Leiter, hälfe ihm über die Mauer und führte ihn in meine

Wohnung, wo er mein Diener wurde. »Mit diesem neuen Gefährten«, sagte

ich mir selbst, »werde ich endlich meinen sehnlichsten Wunsch erfüllen

können. Nichts hindert mich jetzt, auf den Ozean hinauszusteuern; denn

er wird mir als Pilot oder Lotse dienen und mir sagen, was ich thun

oder unterlassen soll.«

Ich hatte so lebendig geträumt, und alle Einzelheiten des im Schlafe

Geschauten waren so eindrucksvoll an mir vorübergeschwebt, daß ich mich

nach dem Erwachen noch längere Zeit der Täuschung überließ, ich könnte

das in Wirklichkeit erlebt haben, was mich so außerordentlich ergriff

-- und ich jauchzte vor Freuden laut auf.

Indes Träume -- sind Schäume, sagte das Sprichwort, ich rieb mir die

Schlaftrunkenheit aus den Augen, und als ich aus meiner Umgebung die

Gewißheit gewann, daß meine Rettungspläne nichts als Hirngespinste

waren, bemächtigte sich meiner eine große Niedergeschlagenheit.

Dieser Vorfall brachte mich auf den Gedanken, womöglich einen Wilden,

den die Kannibalen nach meiner Insel führten, um ihn abzuschlachten,

aus ihren mörderischen Händen zu befreien; auf keine andre Art schien

mir eine Rettung für meine eigne Person denkbar zu sein. Aber ein

solches mit den größten Schwierigkeiten und Gefahren verknüpftes

Unternehmen -- wie leicht konnte es fehlschlagen! Auf der andern Seite

kamen mir wieder Zweifel gegen die Angemessenheit meiner Pläne bei,

ich scheute vor dem Gedanken an Blutvergießen zurück. Kurz, Gründe und

Gegengründe stritten lebhaft in mir; endlich siegte der Drang nach

Befreiung, und ich beschloß, auf eine Gelegenheit zu achten, um einen

Wilden in meine Hände zu bekommen. Nun kam es darauf an, wie zu meinem

Ziele zu gelangen sei?

Das nächste Thunliche bestand darin, auf die Kannibalen zu lauern,

wenn sie an dieser Küste landeten, und das übrige meinem Glücke

anheimzustellen. Ich ging von nun an täglich auf Kundschaft aus,

besonders nach dem westlichen und südwestlichen Teile meines Eilandes;

aber wie sehr ich auch ringsumher spähte, nirgends wollte sich ein mit

wilden Eingeborenen besetztes Boot zeigen. So verlief eine geraume

Zeit. Indessen weit davon entfernt, mich unmännlicher Entmutigung

hinzugeben, fachte ich meinen Zorn gegen die Kannibalen zur hellen

Flamme an, so daß sich täglich in mir immer mehr die Begierde regte,

im Kampfe mit meinen Feinden mich zu messen, und es verging kaum eine

Nacht, in welcher ich mich im Traume nicht im Streite mit meinen

grimmen Feinden befunden hätte.

[Illustration: Robinson auf seiner Warte.]

Elftes Kapitel.

Zusammenstoß mit den Kannibalen.

Landung der Wilden. -- Die beiden Schlachtopfer. -- Der Flüchtling

und sein Beschützer. -- Reste des Kannibalenschmauses. -- Freitags

Dankbarkeit. -- Seine Ausstattung. -- Erste Sprechstudien. -- Freitag

als Koch und Bäckerlehrling. -- Nachrichten über die Nachbarländer.

-- Die Kariben und ihre religiösen Anschauungen.

Auf die beschriebene Weise mochten weitere anderthalb Jahre

verstrichen sein, als ich eines Morgens noch in der Dämmerzeit fünf

Kanoes bemerkte, welche dicht nebeneinander und in der Richtung nach

meiner Wohnung an der Küste gelandet waren. Eine solche Zahl machte

mich stutzig, ich wußte, daß sich gewöhnlich fünf bis sechs Mann in

einem Boote befanden, und es erschien mir deshalb ein verzweifeltes

Wagestück, allein vielleicht ihrer dreißig angreifen zu sollen. Mit

Besorgnissen erfüllt, zog ich mich daher hinter meine Festungswälle

zurück. Hier traf ich die nötigen Anstalten, jedem feindlichen Besuch

gebührend zu begegnen.

Nachdem ich geraume Zeit vergeblich auf die Ankunft der Gäste gewartet,

wollte ich um jeden Preis wissen, was in meinem Inselkönigreich

vorgehe. Mein Gewehr legte ich am Fuße der Leiter nieder; gleich

nachher war ich selbst mit zwei Sätzen auf dem Gipfel des Hügels.

Hier gewahrte ich durch mein Fernglas gegen 30 Wilde, die unter den

seltsamsten Gebärden um ein Feuer tanzten. Darauf sah ich, wie man zwei

Unglückliche aus den Kanoes herbeischleppte, um sie zu schlachten. Der

eine von ihnen stürzte sogleich zu Boden, wahrscheinlich durch eine

Keule getötet; in wilder Hast fielen zwei oder drei von den Kannibalen

über ihn her und schnitten ihn in Stücke, während das andre Opfer ein

gleiches Schicksal erwartete. Plötzlich erwachte in dem Unglücklichen

die Lust zum Leben; er ergriff die Flucht und rannte mit unglaublicher

Schnelligkeit am Ufer hin, gerade auf meine Burg zu. Ich war auf den

Tod erschrocken, als ich ihn diese Richtung einschlagen sah, zumal

ein Trupp ihm alsbald nachsetzte. Ich rührte mich nicht und schöpfte

erst dann frischen Mut, als ich bemerkte, daß nur noch drei Männer dem

Flüchtling folgten, der unterdessen einen beträchtlichen Vorsprung

gewonnen hatte.

Zwischen ihnen und meiner Festung lag die Bai, deren ich öfter schon

erwähnt habe. Wollte der Flüchtling seinen Verfolgern entrinnen, so

mußte er diesen Meeresarm durchschwimmen. In der That warf er sich ohne

Zaudern in die Flut und gewann das andre Ufer. Er erkletterte behende

das Gestade und setzte seine Flucht mit gutem Erfolge fort. Als die

drei Verfolger an das Wasser kamen, kehrte einer bedächtlich um und

begab sich zu seinen schmausenden Gefährten zurück; die beiden andern

dagegen schwammen dem Flüchtling nach, brauchten aber noch einmal so

viel Zeit dazu.

Jetzt schien der Augenblick gekommen, wo mein Traum sich erfüllen

konnte. Ich hielt mich von der Vorsehung geradezu für berufen, dem

Verfolgten zu Hilfe zu kommen. Rasch stieg ich von meiner Warte herab,

nahm die beiden Gewehre, die ich am Fuße der Leiter gelassen, und eilte

dem Meere zu, indem ich einen kürzeren Weg einschlug. Bald befand ich

mich denn auch zwischen dem Entflohenen und den Verfolgern. Jenen

rief ich laut an, allein der Arme erschrak fast noch mehr über mich,

als er sich vor seinen Feinden fürchtete. Ich machte ihm deshalb mit

der Hand ein Zeichen, zu mir zu kommen, und wandte mich sodann gegen

die Verfolger, stürzte mich auf den Vordersten und schmetterte ihn

mit einem Kolbenschlage zu Boden. Der Gefährte des Erschlagenen blieb

entsetzt stehen; als ich mich aber ihm nahte, griff er nach Bogen und

Pfeil, um auf mich zu schießen. Ich kam ihm indes flugs zuvor und

streckte ihn durch einen Flintenschuß nieder.

Knall, Feuer und Rauch machten den armen geretteten Schwarzen so

bestürzt, daß er wie angewurzelt stehen blieb. Unschlüssig, was zu

thun sei, schien er mehr geneigt, weiter zu fliehen, als sich mir zu

nähern. Wiederholt winkte ich ihm mit der Hand, zu mir heranzukommen.

Er mochte meine Zeichensprache verstehen, that auch einige Schritte

vorwärts, hierauf stand er wieder etwas still, kam dann etwas näher,

hielt hernach aber von neuem inne. Ich fuhr jedoch fort, ihm zuzuwinken

und ihm durch freundliche Gebärden seine Todesangst zu benehmen.

Dies bewog ihn, sich allmählich zu nähern, aber wiederholt kniete er

nieder, um mir seine Unterwürfigkeit auszudrücken. Endlich kam er zu

mir heran, legte sich nieder, küßte die Erde, ergriff meinen rechten

Fuß und setzte ihn auf seinen Kopf. Vermutlich wollte er mir dadurch zu

verstehen geben, daß er von diesem Augenblicke an mein Sklave sei. Ich

richtete ihn auf, sah ihn freundlich an und that alles mögliche, um ihm

Mut einzuflößen.

[Illustration: Robinson findet Freitag.]

Währenddessen war der Wilde, den ich erschlagen zu haben glaubte,

wieder zu sich gekommen und fing an, sich zu regen. Ich machte meinen

Schützling darauf aufmerksam. Derselbe richtete hierauf an seinen

Verfolger einige Worte, die mir aber seit 25 Jahren nicht mehr gehörte

liebliche Laute waren, kamen sie doch aus dem Munde eines Menschen.

Jetzt war jedoch keine Zeit, sich Betrachtungen zu überlassen, der

Verwundete stand bereits im Begriff, sich wiederzuerheben. Deshalb

legte ich auf ihn an, um ihn niederzuschießen, allein mein Schützling

gab mir durch Zeichen zu verstehen, daß ich ihm den Säbel, der an

meiner Seite hing, überlassen möge. Ich reichte ihm die Waffe, und mit

Blitzesschnelle stürzte er mit derselben auf seinen Feind los und

hieb ihm mit einem einzigen Streiche den Kopf vom Rumpfe ab. Mittels

dieses Meisterstücks schien er sich bei mir in Achtung setzen zu

wollen, denn er wandte sich triumphierend mir zu, lachend und allerhand

mir unverständliche Bewegungen ausführend, und legte Kopf und Degen mir

zu Füßen.

Was ihn aber am meisten in Erstaunen und in schreckhafte Bewegungen

versetzte, war der Umstand, daß ich den einen seiner Verfolger

aus weiter Entfernung niedergestreckt hatte. Er ließ mich seine

Empfindungen durch Zeichen erraten und schien um die Erlaubnis bitten

zu wollen, sich überzeugen zu dürfen, ob sein Feind wirklich tot sei,

was ich ihm nicht verwehrte. Als er vor dem Leichnam stand, betrachtete

er ihn mit großer Verwunderung, wendete ihn dann bald auf die eine,

bald auf die andre Seite und untersuchte die Wunde, aus der nur wenig

Blut floß, denn die Kugel war tief in die Brust eingedrungen und das

Blut hatte sich nach innen ergossen. Nach dieser Leichenschau kam mein

Wilder mit Bogen und Pfeilen des Getöteten wieder zurück, und da ich

jetzt heimgehen wollte, gab ich ihm zu verstehen, mir zu folgen. Er

aber, als echter Sohn der Wildnis, war vorsichtiger als ich und deutete

mir durch Zeichen an, wir möchten die Toten in den Sand eingraben,

damit deren Genossen sie nicht so leicht finden konnten. Damit stimmte

ich vollständig überein, und nach Verlauf einer Viertelstunde waren die

beiden Kannibalen in die Erde eingescharrt.

Noch wußte ich nicht, wohin ich den Wilden bringen sollte. Meinem

Traume gemäß hätte ich ihn nach meiner Burg führen müssen, doch besser

schien es, mit ihm nach der Grotte, zu dem von meiner Hauptwohnung

entferntesten Teile der Insel, zu gehen. Dort gab ich ihm Brot, Rosinen

und frisches Wasser, was ihm trefflich mundete. Alsdann wies ich ihm

eine Schütte Reisstroh zum Lager an und gab ihm dazu noch eine Decke.

Bald war er ruhig eingeschlafen.

Es war ein schöngebauter, kräftiger, schlanker Bursche von etwa 25

Jahren. Seine regelmäßigen Züge waren einnehmend, sie hatten im Grunde

wenig Wildes und trugen den Ausdruck männlichen Stolzes. Wenn er

lächelte, sprach sogar eine gewisse Sanftmut aus denselben, wie sie

meist den Wilden nicht eigen ist; seine langen Haare waren nicht wollig

oder kraus, sondern hingen schlicht auf den Nacken nieder; seine Haut

war dunkelbraun, von einer olivenfarbigen Schattierung. Sein Gesicht

war rund und voll, die Stirn frei, der Mund nicht übel geformt, seine

Zähne weiß wie Elfenbein.

Während der Wilde schlummerte, begab ich mich nach dem nahen Gehege,

um meine Ziegen zu melken. Noch war ich damit beschäftigt, als mein

Indianer, der höchstens eine halbe Stunde geruht hatte, eilends auf

mich zukam, sich wiederum demütig vor mich hinlegte, meinen Fuß

auf seinen Kopf setzte und mir durch alle möglichen Zeichen seine

Dankbarkeit ausdrückte.

Ich verstand seine Zeichen und gab ihm meinerseits zu erkennen, daß

ich mit ihm zufrieden sei; -- nachher machte ich ihm verständlich,

daß er den Namen Freitag führen solle, weil ich nach meinem Kalender

glaubte, daß ich ihm an einem *Freitag* das Leben gerettet hätte. Dann

bedeutete ich ihn, mich *Herr* zu nennen, da er meinen Weisungen Folge

zu leisten hätte; in gleicher Weise lehrte ich ihn den Unterschied

zwischen *Ja* und *Nein* sowie die Aussprache dieser Worte. Hiermit

endigte die erste Lektion im sprachlichen Unterricht. Dann gab ich ihm

Brot und Milch in einem irdenen Gefäße, ich selbst aber brockte mir ein

Stück Gerstenkuchen in die Milch und winkte ihm zu, meinem Beispiele zu

folgen.

Ich blieb mit ihm den übrigen Teil des Tages und die folgende Nacht in

der Grotte. Sobald es aber Morgen geworden war, nahm ich ihn mit in

meine Burg, um ihn mit Kleidung zu versehen, denn er lief herum, wie

ihn Gott erschaffen hatte. Als wir an der Stätte vorbeikamen, wo die

getöteten Wilden eingescharrt waren, zeigte er mir genau die Stelle

und machte ein Zeichen, als denke er daran, die Toten auszugraben, um

sie zu verzehren. Er erschrak nicht wenig, als ich ihm deutlich meinen

Abscheu ausdrückte.

Nach einer kleinen Weile winkte ich meinen Gefährten zu mir heran,

um mit ihm meine Warte zu ersteigen. Vor allem wollte ich mich

vergewissern, ob die Wilden fort wären; deutlich ließ sich durch

das Fernrohr die Stelle erkennen, wo sie geweilt hatten. Von ihnen

selbst aber und ihren Kähnen war nicht die geringste Spur mehr zu

entdecken; sie hatten sich also offenbar entfernt, ohne sich um die

zurückgebliebenen Gefährten zu bekümmern. Ich mußte mir Gewißheit

verschaffen, gab meinem Freitag einen Säbel in die Hand, hing ihm Bogen

und Pfeile um und gab ihm überdies eine Flinte für mich zu tragen. Ich

selbst ergriff zwei Gewehre, und so bewaffnet marschierten wir nach dem

Lagerplatz der Wilden.

Als wir den Ort der Blutmahlzeit erreichten, erstarrte bei dem

grauenvollen Anblick, der sich mir darbot, mein Blut in den Adern.

Der Boden war ringsum mit Blut gefärbt, Menschenknochen lagen

zerstreut umher. Drei Schädel, fünf Hände, die Knochen von drei

oder vier Beinen und mehrere halbverzehrte Stücke Fleisch waren

die Überbleibsel des Siegesfestes. Freitag gab mir durch Gesten zu

verstehen, daß die Kannibalen vier Gefangene hierher geschleppt hatten;

eine große Schlacht zwischen seinem und dem benachbarten Stamme

habe stattgefunden. Ich ließ Freitag die Schädel, die Knochen, die

Fleischstücke auf einen Haufen tragen und zündete ein großes Feuer an,

um alles zu Asche zu verbrennen. Hierbei regte sich in Freitag die

alte Kannibalennatur; er trug nicht übel Lust, seinem Appetite nach

Menschenfleisch Rechnung zu tragen. Aber ich verbot ihm dergleichen

Gelüste auf das entschiedenste, so daß er nicht wagte, sein Verlangen

zu befriedigen.

Nachdem wir dem Schauplatze menschlicher Grausamkeit den Rücken

gewendet, schlugen wir den geraden Weg zur Burg ein; hier wollte ich

vor allem meinen Diener mit Kleidern versehen. Zuerst gab ich ihm ein

paar Leinwandhosen, dann fabrizierte ich eine Weste von Ziegenfell nach

dem bequemsten Schnitt, denn ich war ein leidlich gewandter Schneider

geworden. Auch für eine Jacke oder ein Wams wurde nun gesorgt, und

eine bequeme, gar nicht übel aussehende Mütze von Hasenfell vollendete

die Ausrüstung Freitags. Für den ersten Augenblick schien er entzückt

darüber zu sein, fast ebenso auszusehen wie sein Herr; doch fühlte er

sich gar bald in seinem Kostüm unbehaglich. Die Beinkleider schienen

ihm zur Last zu sein, und die Wamsärmel drückten ihm Schultern und Arm.

Nachdem ich aber an den Stellen, die ihm Zwang verursachten, etwas

nachgeholfen, gewöhnte er sich bald an seine Tracht und legte sie

zuletzt sogar mit einem gewissen Wohlgefallen an.

Ich sann nun darüber nach, wo ich meinen guten Freitag unterbringen

könnte, ohne daß ich von ihm etwas zu fürchten hätte; es schien mir

das geeignetste, zwischen meinen beiden Festungswerken ein Zelt

aufzuschlagen. Da man von hier aus einen Eingang zur Höhle hatte, so

brachte ich daselbst eine hölzerne Thür an und setzte diese in die

Öffnung, sodann verriegelte ich die Pforte und zog auch meine Leiter

mit herein. Meine innere Mauer trug eine Bedachung von langen Stangen,

welche mein Zelt bedeckte und sich an die Felsenwand anlehnte. Über

jene Stangen waren als Latten kleine Stäbe gelegt und auf letztere

eine Schicht Reisstroh gebreitet, so daß es einem Rohrdach glich. Die

Öffnung, durch welche man aus und ein gelangen konnte, hatte ich mit

einer Art von Fallthür geschlossen und dadurch mich gegen Freitag

vollkommen gesichert. Hätte *er* ja in feindlicher Absicht durchbrechen

wollen, so wäre ich durch das Zuwerfen der Thür aufmerksam gemacht

worden; aber ich behielt auch stets Gewehr, Pfeil und Bogen in meiner

Nähe.

Robinson Crusoe's Reisen, wunderbare Abenteuer und Erlebnisse · 第 8 / 16 段