Auch ging ich während dieser Zeit nicht mehr aus, um nach meinem

Kanoe zu sehen; denn unter den jetzigen Umständen durfte ich nicht

daran denken, das andre Fahrzeug zurückzuholen. Stets unternahm ich

meine Ausflüge nur unter dem Schutze von zwei oder drei Pistolen

sowie eines Degens, zu welchem ich mir ein eignes Bandelier gemacht

hatte. Man wird mir wohl glauben, daß ich in diesem Aufzuge im stande

war, einigermaßen Furcht einzuflößen. Auf der Rückseite des bekannten

Hügels fand ich einen Ort, wo ich die Wilden, falls sie landen sollten,

von ihnen unbemerkt beobachten, mich auch durch das dichte Gebüsch

heranschleichen, in einem hohlen Baume verbergen und ihrem barbarischen

Treiben zuschauen konnte. Da stellte ich mir denn einige zwanzig

Menschen vor, die unter meinen Kugeln oder Hieben zu Boden stürzten;

die umherliegenden Schädel und Gebeine steigerten nur noch meinen

Rachedurst.

Jede meiner Musketen lud ich mit vier bis fünf größeren Kugeln, die

Jagdflinte mit grobem Schrot und die Pistolen mit drei bis vier

kleineren Kugeln. Nachdem ich alles zu einem Kriegszuge ausgerüstet

hatte, wanderte ich jeden Morgen auf einen Hügel, der ungefähr eine

Meile von meiner Burg entfernt war, um zu beobachten, ob sich nicht ein

Boot auf der See zeige, das nach meiner Insel zusteuere. Drei bis vier

Monate lang hielt ich hier Tag für Tag Wache und spähte auf das Meer

hinaus, ohne auch nur die geringste Spur eines Fahrzeugs zu entdecken.

-- Nach so vielen fruchtlosen Bemühungen war es natürlich, daß sich

mein Eifer abkühlte; eine andre Anschauung der Verhältnisse gewann in

mir die Oberhand.

Wer, so fragte ich mich selbst, hatte mich denn zum Richter über diese

Menschen gesetzt, die noch gänzlich ihren grausamen Gewohnheiten

ergeben vielleicht der Meinung leben, sie verrichten eine ihrer

Gottheit gefällige Handlung? Ist es doch bei diesen Völkern

Kriegsbrauch, welchen sie seit alten Zeiten von ihren Vätern ererbt

haben, Gefangene mit sich zu führen und sie zu töten, und scheint es

ihnen doch ebensowenig strafwürdig, als wenn wir ein unschuldiges Tier

schlachten.

Allerdings geben sich die Wilden einem blutdürstigen Götzendienste hin,

welcher Menschenopfer fordert; aber ist diese Barbarei zu vergleichen

mit den Greueln, welche die Spanier in Mexiko und in Peru verübt

hatten, wo sie ganze Völkerschaften vertilgten? Als ich daran dachte,

was mir mein Vater aus jenen grausamen Zeiten erzählt hatte, wurde

ich milder gegen die unglücklichen Kannibalen gestimmt, und ich fand

es selbst von meiner Seite unmenschlich, sie in feindseliger Absicht

anzugreifen, solange sie mich nur selbst in Ruhe ließen.

Außerdem hätte ich wahrscheinlich durch ein allzu rasches Handeln

meinen eignen Untergang herbeigeführt. Denn gesetzt, es wäre eine

Anzahl von 30 Wilden auf mich eingestürmt, war ich denn wirklich so

sicher, sie alle zu töten? Ja, wenn nur ein einziger mir entkam, um

seinen Kriegsgefährten in der Heimat Kunde zu bringen, so landeten

bald Hunderte, vielleicht Tausende, um den Tod ihrer gefallenen

Freunde zu rächen. Aus alledem zog ich den Schluß, daß die Klugheit

und die Menschlichkeit mir in gleicher Weise verböten, mich in die

Angelegenheiten jener halbtierischen Menschen überhaupt zu mischen.

Die Religion vereinigte sich mit der Besonnenheit, um mich zu

überzeugen, daß meine grausamen Entwürfe gegen die Wilden, die mir

noch nie etwas zuleide gethan hatten, meinen Pflichten durchaus

zuwiderliefen. Ich hatte jetzt alle Ursache, Gott auf den Knieen dafür

zu danken, daß er mich nicht eine That begehen ließ, die ich nunmehr

für einen Menschenmord ansah. Ich flehte zu Gott, mich vor diesen

Barbaren zu bewahren, und gelobte mir, nur dann Hand an sie zu legen,

wenn meine Selbstverteidigung dies erforderte. Bei solchen Gesinnungen

beharrte ich fast ein ganzes Jahr und war so wenig gegen die schlimmen

Nachbarn ungehalten, daß ich während dieser Zeit nicht einmal den Hügel

bestieg, um zu sehen, ob sich ihre Fahrzeuge in der Ferne zeigten oder

ob sie kürzlich auf der Insel gewesen wären.

*Achtzehn* Jahre lebte ich nun schon auf meiner Insel, und noch hatte

ich nicht mehr als einen einzigen Fußabdruck im Sande und die Reste

einer Blutmahlzeit angetroffen. Ich durfte daher wohl annehmen, daß

die Besuche der Wilden auf dem Eilande sehr selten stattfanden und

daß ich auch in der Folgezeit unentdeckt bleiben würde. Mein kleines

Boot schaffte ich auf die östliche Spitze der Insel in eine durch

Felsen geschützte Bucht, wohin die Fremden wegen der widrigen Strömung

nicht gelangen konnten. Inzwischen war mein Vorrat an Kohlen zu

Ende gegangen, und ich mußte darauf bedacht sein, denselben wieder

zu erneuern. Deshalb wanderte ich in jenes Felsenthal, wo meine

Ziegenherden untergebracht waren und wo ich in einer Höhle am Fuße

eines Berges einen passenden Platz für meine Kohlenbrennerei gewählt

hatte. Während ich in der Nähe eines Felsens Äste abhieb, gewahrte ich

hinter einem dichten Gebüsch eine dunkle Höhlung in der Bergwand,

die sich ziemlich tief in den Berg verlief. Schon hatte ich mir durch

das Gestrüpp einen Weg gebahnt, um meine Neugierde zu befriedigen, da

funkelten mich gleich flammenden Sternen zwei große mächtige Augen an.

Hierdurch vollständig in Verwirrung gesetzt, rang ich längere Zeit

nach Fassung; endlich fing ich an, mich über meine Furcht zu schämen.

Als ich wieder vor der Felswand stand, nannte ich mich einen Feigling,

indem ich mir sagte, daß ein Mensch, der seit fast 20 Jahren allein

auf einem öden Eiland gelebt, doch mehr Besonnenheit haben sollte, um

nicht vor jedem außergewöhnlichen Anblick wie ein furchtsames Kind zu

erzittern. Ich faßte also frischen Mut, nahm einen Feuerbrand und trat

in die Grotte ein. Kaum hatte ich jedoch drei bis vier Schritte gethan,

als ich erschrocken zurückfuhr, so daß auf meiner Stirn Schweiß stand.

-- Meine Haare sträubten sich empor, denn aus dem Innern der Höhle

klang es wie das Seufzen eines leidenden Menschen, dann folgten ein

Stöhnen und tiefes Seufzen.

Ich sammelte alle meine Kräfte und ermutigte mich durch den Gedanken,

daß Gott allgegenwärtig sei und mich überall beschützen könne. Noch

einmal trat ich mit dem Feuerbrand in die Höhle zurück, und nun

erst gewahrte ich, daß es nichts weiter war, als ein großer, alter

*Ziegenbock*, der hier im Sterben lag. Vergebens bemühte ich mich, ihn

aufzurütteln, er sank immer wieder in seine vorige Lage zurück. Ich

ließ ihn also liegen und sah mir die Höhle etwas genauer an. Sie war

ziemlich groß und hoch und offenbar nicht durch Menschenhand, sondern

von der Natur selbst gebildet. Im Hintergrunde entdeckte ich eine

Öffnung, die noch tiefer in die Erde ging, indes so niedrig war, daß

man nur auf Händen und Füßen hineinkriechen konnte. Für heute begnügte

ich mich aber mit den gemachten Beobachtungen, brannte meine Kohlen,

melkte die Ziegen und kehrte nach meiner Wohnung zurück.

Am andern Tage kam ich mit sechs großen Lichtern an demselben Orte

an. Ich muß hier erwähnen, daß ich schon seit mehreren Jahren ganz

leidlich Lichter aus Bocksfett herstellte, zu deren Dochten ich teils

alte Lumpen oder Tauenden, teils die getrockneten Stengel einer

Nesselpflanze verwandte. Der alte Bock hatte sich während meiner

Abwesenheit bis an die Öffnung der Höhle geschleppt, wo er auch

liegen blieb. Ich schaffte das schwere Tier beiseite und begrub es

sogleich. Dann zündete ich zwei Lichter an und trat in die Höhle. Als

ich an die enge Öffnung im Hintergrunde kam, duckte ich mich nieder

und kroch ungefähr drei Meter weit auf den Händen fort; da erweiterte

sich die Öffnung, und meine Augen wurden durch ein prachtvolles

Schauspiel gefesselt. Ich befand mich nämlich in einer herrlichen

Wölbung, an deren Wänden sich der Strahl der Lichter in tausendfachem

Schimmer brach. Waren es Diamanten oder vielleicht Goldkörner, die

sich an die Felsenwände kristallisiert hatten? Ich konnte es nicht

entscheiden. Der Boden war trocken und eben, mit äußerst feinem

Kies bedeckt, und nirgends eine Spur von Feuchtigkeit, schädlichen

Ausdünstungen oder widerwärtigen Tieren. Als einzigen Übelstand fand

ich die Beschwerlichkeit des Eingangs und die dichte Finsternis.

Dennoch freute ich mich über meine Entdeckung, da die Grotte eine

sichere Zufluchtsstätte zu bieten versprach; ich beschloß also gleich,

diejenigen Gegenstände, die mir am wertvollsten schienen, ohne Zögern

hierher zu schaffen.

Vor allem brachte ich meinen Vorrat an Pulver samt meinen beiden

Jagdflinten und drei Musketen nach der Grotte. Bei dieser Gelegenheit

öffnete ich auch mein letztes Pulverfäßchen, das ich aus der See

aufs Trockene gerettet hatte, und bemerkte, daß das Meerwasser

ein Stück eingedrungen, das Pulver soweit zu einer harten Schale

zusammengebacken, der Rest aber vollständig gut erhalten war. Alles das

schaffte ich in die Grotte und behielt für meinen gewöhnlichen Bedarf

nur wenig zurück. Auch das Blei, welches ich noch besaß, um daraus

Kugeln zu gießen, barg ich nebst andern wertvollen Dingen an diesem von

der Natur so geschützten Orte. Ich gewann nun die Überzeugung, daß,

wenn mich die Kannibalen auf der Insel auszuspähen versuchten, sie

mich hier kaum finden würden; jedenfalls glaubte ich nun vor Angriffen

sicher zu sein. Ich kam mir jetzt vor wie einer der Riesen aus der

Vorzeit, welche in Höhlen und Felsenklüften lebten, in denen sie

unnahbare Zufluchtsstätten fanden.

[Illustration: Robinson bringt seinen neuen Freund ins Trockene.]

Zehntes Kapitel.

Stillleben mit Unterbrechungen.

Robinsons Menagerie. -- Viehzucht und Bierbrauerei. -- Neuer Besuch

von Wilden. -- Das Wrack. -- Ein neuer Freund. -- Reiseträume.

Dreiundzwanzig Jahre lebte ich nun auf meinem Eilande, und ich hatte

mich während dieser Zeit mit meinem Schicksal ausgesöhnt. Nur selten

überkam mich ab und zu die Furcht, durch die Überfälle der Wilden

beunruhigt zu werden. In meinem Hauswesen hatte ich mir alle möglichen

Bequemlichkeiten verschafft, ja selbst an Vergnügungen fehlte es nicht.

Zwar war mir schon nach dem 16. Jahre meiner Einsiedelei in meinem

Phylax ein treuer Gefährte gestorben, doch ersetzten zwei oder drei

Lieblingskatzen diesen Verlust. Außerdem sprangen noch einige zahme

Ziegen und ein Böckchen um mich her, die mir überall folgten und ihr

Futter aus meiner Hand nahmen. Den größten Zeitvertreib gewährte

mir mein alter Freund *Poll*, der im Laufe der Zeit so vielerlei und

deutlich sprechen lernte, daß er mich fast die Sehnsucht nach dem

Umgang mit Menschen vergessen ließ; ich besaß nebenbei aber auch noch

zwei andre Papageien, aus deren Schnabel ebenfalls lustig ein lautes

»Robin, Robin!« »Crusoe, Crusoe!« ertönte. Überdies hatte ich sogar

mehrere Land- und Seevögel zahm gemacht, ihnen die Flügel gestutzt und

in dem Zaungehege meines Schlosses ihren Nisteplatz angewiesen, wo sie

sich bald vermehrten und durch ihr reges Treiben Leben um meine Burg

verbreiteten.

Neue Pläne beschäftigten fortan meinen Geist, um die selbstgeschaffene

Behaglichkeit zu vermehren. So geriet ich unter anderm auf den Einfall,

mir den Lebensgenuß durch die Beschaffung des edlen Gerstensaftes zu

erhöhen. Wochen und Monate brachte ich mit zahllosen Versuchen zu, ohne

ein Ergebnis zu erzielen. Indessen glaubte ich doch, daß ich bei meiner

Beharrlichkeit noch einen trinkbaren Gerstensaft zusammengebraut haben

würde, wenn nicht die beständige Sorge vor den Wilden mich zu andern

Beschäftigungen angetrieben hätte.

So nahte der Dezember des 23. Jahres heran, und die Aussicht auf eine

gedeihliche Ernte hatte mich häufiger als je auf meine Felder und

Pflanzungen gelockt; da wurde ich von neuem in eine nicht geringe

Aufregung versetzt. Als ich nämlich, noch in der Morgendämmerung,

ausrückte, sah ich zu meinem großen Erstaunen den Widerschein eines

Feuers am Ufer, aber nicht etwa in der meiner Wohnung entgegengesetzten

Seite, sondern gerade vor meinem Bezirk, und zwar höchstens eine halbe

Stunde entfernt. In großer Bestürzung zog ich zuerst mich in ein

Wäldchen zurück, das ich nicht zu verlassen wagte. Dann aber lief ich

geradeswegs nach meiner Burg zurück, zog die Leiter an mich heran und

traf Anstalten zu meiner Verteidigung.

Fest entschlossen, mich bis auf den letzten Blutstropfen zu

verteidigen, lud ich alle meine Kanonen, wie ich die auf den Lafetten

liegenden Musketen nannte, sodann auch meine Pistolen mit Kugeln und

Eisenstücken. Darüber vergaß ich aber nicht, mich dem Schutze Gottes

zu empfehlen und ihn zu bitten, er möge mich vor den gefährlichen

Unholden bewahren.

In dieser Lage verharrte ich fast zwei Stunden; endlich konnte ich die

peinliche Ungewißheit nicht länger ertragen. So lehnte ich wieder meine

Leiter an, stieg auf den neben meinem Schloß befindlichen Felsen und

spähte nun mit dem Fernglase nach der Richtung hin, wo ich das Feuer

bemerkt hatte. Hier sah ich gegen zehn ganz unbekleidete Wilde um

einen Herd herum kauern, auf dem sie ein loderndes Feuer unterhielten,

um eine ihrer entsetzlichen Menschenmahlzeiten abzuhalten. Plötzlich

erhoben sie sich und führten unter allerlei Gebärden einen Tanz auf.

Die Kannibalen hatten zwei Kanoes am Ufer befestigt, und da gerade die

Zeit der Ebbe war, so schien es, als ob sie die Zeit der Flut abwarten

wollten, um wieder von der Insel abzufahren. Es ist schwer, sich einen

Begriff von der Verwirrung zu machen, welche dieser Anblick in mir

hervorrief; aber ich hatte richtig geurteilt, denn als die Flut zu

steigen begann und nach Westen strömte, sah ich, wie sich die Wilden

sämtlich wiedereinschifften und fortruderten. Die Beobachtung, daß die

Fremden nicht anders als mit der Ebbe ankommen könnten, gab mir eine

große Beruhigung. Solange die Flutzeit dauerte, konnte ich also mit

aller Sicherheit umherstreifen.

Nunmehr nahm ich meine beiden Gewehre auf die Schultern, steckte ein

paar Pistolen zu mir, hängte ein großes Jagdmesser um und begab mich

eilends nach der Stelle, wo die Fremden ihr blutiges Fest gehalten

hatten. Da sah ich denn gräßliche Spuren ihrer Grausamkeit: Blut,

Knochen und einige Stücke Fleisch von den menschlichen Opfern. Dann

begab ich mich auf jenen Hügel, wo ich das erste Mal ähnliche Überreste

gefunden hatte, und bemerkte von hier aus, daß noch drei andre Kanoes

mit Wilden dagewesen waren, welche sich gleichfalls an Menschenfleisch

gesättigt hatten. Ein Blick auf das Meer zeigte mir, wie sie ihrer

Heimat zufuhren. Von neuem flammte mein Zorn auf, und ich beschloß.

den ersten, der sich mir auf Schußweite nahen würde, durch eine Kugel

niederzustrecken. Wieder gab ich mich zornigen Gefühlen gegen die

Barbaren hin und sann auf Mittel, wie ich sie am vorteilhaftesten

überraschen könnte, wenn sie sich, wie bei dem vorhergegangenen

Besuche, in zwei Haufen trennten.

Inzwischen vergingen Jahr und Tag, ohne daß sich der Besuch der Wilden

wiederholt hätte; wenigstens konnte ich keine Spur davon entdecken.

Zudem durfte ich auch sicher sein, daß sie in der Regenzeit sich

nicht auf die hohe See hinauswagten. Dennoch befand ich mich während

dieser ganzen Zeit in großer Unruhe. Bange Träume von Verfolgung und

Blutvergießen marterten mein Hirn, so daß ich selbst im Wachen zwischen

Beängstigung und Rachedurst schwebte.

Es war am 16. Mai des 24. Jahres meiner Herrschaft als Inselkönig,

als ein heftiger Sturm, begleitet von fast ununterbrochenen Blitzen

und Donnerschlägen, einen ganzen Tag sowie den größten Teil der

Nacht hindurch tobte. Ernste Gedanken über meine gegenwärtige Lage

beschäftigten mich. Eben hatte ich gegen Abend meine Trösterin, die

Bibel, zur Hand genommen, um aus diesem ewig quellenden Born neue

Zuversicht zu schöpfen, da schreckte mich plötzlich ein *dumpfer

Knall*, wie von einer Kanone, aus meiner Andacht auf.

Eine Bestürzung ganz eigner Art rief die verschiedensten Gefühle in

meiner Seele wach. Eiligst kletterte ich über die Fenz und stieg auf

meine Warte hinauf. Gerade in dem Augenblicke, als ich den Gipfel

erreichte und nach der tobenden See schaute, verkündigte von dort her

ein Blitz einen zweiten Schuß, dessen Knall auch nach mehreren Sekunden

mein Ohr erreichte. Er kam von jener östlichen Strömung her, in die

ich früher selbst einmal mit meinem Kanoe geraten war. Ich vermutete

sofort, daß der dumpfe Knall von einem in Not geratenen Schiffe

herrühre, welches einem andern in seiner Nähe dahinsegelnden durch

Signale von seiner gefährlichen Lage Kenntnis geben wollte. Wiewohl

ich den in Not Geratenen doch keine Hilfe zu bringen vermochte, so

konnten sie vielleicht mir helfen. Ich trug daher so viel trockenes

Holz, als sich in der Eile zusammenraffen ließ, auf der Warte zusammen,

schichtete es in einen hohen Haufen und zündete es an, obgleich der

Wind heftig wehte. Bald schlug die Lohe hoch empor, und sicherlich

wurde sie von den auf dem brandenden Meere Befindlichen gesehen, denn

das Fahrzeug feuerte kurz hintereinander mehrere Kanonenschüsse ab.

Während der ganzen Nacht blieb ich auf meinem Posten und unterhielt den

Brand durch immer neu hinzugetragenen Zündstoff; von Zeit zu Zeit drang

der dumpfe, unheimliche Knall der Notsignale durch Sturm und Nacht an

mein Ohr, bis endlich alles verstummte.

Der Morgen brach hell und freundlich an; der Sturm hatte ausgerast.

Ich lugte mit meinem Fernrohr gegen Ost und gewahrte in ziemlicher

Entfernung von der Insel einen nur undeutlich erkennbaren Gegenstand;

aber nach meiner Überzeugung mußte es ein Schiff oder Wrack sein.

Da ich nun auch den Tag über, wie man sich leicht denken kann, mit

gespanntester Aufmerksamkeit nach diesem Punkt hinsah, derselbe aber

sich nicht von der Stelle rührte, so schloß ich daraus, daß ich wohl

ein gestrandetes Schiff vor mir habe. Um hierüber klar zu werden, nahm

ich mein Gewehr samt Pistolen und eilte nach dem südlichen Teile der

Küste und der Felsen, gegen welche mich einst die Strömung getragen

hatte. Dort angekommen, sah ich deutlich bei vollkommen klarem Himmel

Bug und Masten eines dem Untergang verfallenen Schiffes, genau an

derselben Stelle, an welcher einst auch unser Fahrzeug ein gleiches

Schicksal ereilte. Dieselben Riffe waren es, welche durch die bewirkte

Gegenströmung meine Rettung aus der verzweifeltsten Lage bei Umsegelung

der Insel herbeiführten.

So wird das, was dem einen Rettung bringen kann, oft Ursache zum

Verderben des andern.

Das gestrandete Schiff brachte mich auf allerhand Betrachtungen.

Besonders fiel mir auf, daß von der ganzen Mannschaft auch nicht ein

einziger zu sehen war. Ich dachte, daß die Leute bei nächtlicher

Dunkelheit die Küste der Insel nicht bemerkt hatten, sonst möchten

sie sich gewiß beeilt haben, mit ihrem Ruderboote anzulegen. Dem

widersprach jedoch das Signalisieren mit den Kanonen, denn ohne Zweifel

hatten sie mein Feuer auf der Bergesspitze wahrgenommen und mußten

demnach Land in der Nähe vermuten. Möglich war es auch, daß sie in ihre

Schaluppe gestiegen, aber von dem Strome, der mich vormals in Gefahr

gebracht hatte, gepackt und weit hinaus in die hohe See geworfen worden

waren, wo sie sicherlich dem Verderben verfielen. Kaum vermag ich die

Worte zu finden, um das Gefühl auszudrücken, welches sich meiner beim

Anblick der Schiffstrümmer bemächtigte. »Ach!« rief ich aus, »wenn

sich doch nur einer oder zwei von den Verunglückten gerettet hätten,

Gefährten, mit denen ich umgehen, Wesen meiner Art, an die ich ein Wort

richten könnte!« Während meines langen Aufenthaltes auf der Insel trat

meine Sehnsucht nach Umgang mit den Menschen nie so heftig zu Tage,

überwältigte mich der Schmerz über meine Vereinsamung nie so bitterlich.

Plötzlich stieg in mir der Gedanke auf: Wie? wenn ich eine Bootfahrt

nach dem Wrack wagte? Vielleicht konnte ja noch ein Menschenleben zu

retten sein, und selbst im Falle, daß ich mit meiner Hilfe zu spät

käme, konnte ich doch sicherlich hunderterlei nützliche Dinge auf dem

Schiffe erlangen. Die Begierde, nach dem Wrack zu segeln, ward so

heftig, daß ich es für eine Eingebung, einen Befehl des Himmels hielt

und nicht länger anstand, an die Ausführung des Unternehmens zu gehen.

Ich eilte nach meiner Burg, nahm einen tüchtigen Vorrat Brot, einen

Topf mit Trinkwasser, eine Flasche Rum, einen Korb Rosinen sowie

einen Kompaß mit. So beladen schritt ich zu meinem Kahne, schöpfte

das Wasser, welches sich darin angesammelt hatte, aus und machte ihn

flott. Hierauf legte ich alles ordnungsmäßig hinein und kehrte nach

Hause zurück, um eine zweite Ladung herbeizuschaffen. Diesmal nahm ich

einen großen Sack voll Reis mit, einen zweiten Topf frischen Wassers,

etwa zwei Dutzend Brote und Kuchen, eine Flasche Ziegenmilch und einen

Käse samt meinem unentbehrlichen Sonnenschirm. Im Schweiße meines

Angesichts brachte ich dieses Rüstzeug ins Boot und, indem ich Gott

um Schutz anflehte, stieß ich vom Strande ab. Ich steuerte längs der

Küste hin, bis ich die Spitze der Sandbank am nordöstlichen Ende der

Insel vor mir sah. Nun galt es, von hier aus mich auf die offene See zu

wagen. Ein Blick auf die reißende Strömung, die auf beiden Küsten der

Insel sich in gewisser Entfernung bemerkbar machte, erinnerte mich an

die Gefahren, die ich vor Jahren hier bestanden hatte. Der Gedanke,

ich könne durch eine dieser Strömungen auch heute mit fortgerissen

werden und die Küste gänzlich aus dem Gesicht verlieren, entmutigte

mich dermaßen, daß ich, unschlüssig geworden, an das Land sprang und

mein Boot in einer kleinen Bucht befestigte. Ich setzte mich auf einen

kleinen Hügel nieder, und zwischen Furcht und Verlangen ging ich mit

mir zu Rate, was das Zweckmäßigste sei.

Während dieser Betrachtungen bemerkte ich das Eintreten der Flut, ein

Umstand, der meine Reise um einige Stunden verzögern mußte. Hierauf

dachte ich, ob es nicht möglich sei, daß eine der Strömungen mich mit

derselben Schnelligkeit dem Ufer zuführe, mit welcher mich die andre

von demselben entfernt hatte. Ich stieg auf einen Hügel, von wo aus

ich das Meer nach beiden Seiten genau beobachten konnte. Hier fand ich

denn, daß die Strömung der Flut in der Nähe des Landes nach Norden

ging, und daß ich, um meiner Rückkehr sicher zu sein, nichts weiter zu

thun hatte, als mich einfach nach dieser Seite zu halten. Nun gewann

ich meinen früheren Mut wieder, ging den Berg hinunter, bestieg von

neuem mein Boot und lavierte anfänglich zwischen dem nördlichen Strome

und der Sandbank hin und her. Dann steuerte ich nach Nordnordwest, um

die Strömung zu erreichen, ließ mich von dieser nach Nordost treiben

und kam nach etwa zwei Stunden glücklich bei dem Wrack an.

Das Schiff, seiner Bauart nach ein *spanisches*, bot einen

bejammernswerten Anblick dar: ich fand es am Felsen eingeklemmt. Das

Vorderteil und ein Teil des Decks waren durch die Wucht der Wogen

zertrümmert, der Haupt- und der Fockmast an ihrem Fuße abgebrochen; der

Bugspriet dagegen schien wohlerhalten geblieben zu sein.

Als ich an das Schiff herankam, zeigte sich auf dem Deck ein *Hund*,

der bei meinem Anblick laut zu bellen und zu heulen anfing. Ich rief

ihn; sogleich sprang er ins Wasser und schwamm meiner Barke zu, in

welche ich ihm hineinhalf; das arme Tier war halb verschmachtet vor

Hunger und Durst! Ich gab dem Tiere zu saufen und fütterte es mit Brot,

welches der Hund mit der Gier eines Wolfes verschlang, der 14 Tage lang

im Schnee gehungert hat.

Hierauf stieg ich an Bord. Das erste, worauf meine Blicke fielen,

waren zwei in der Vorderkajütte ertrunkene Menschen, die einander im

Tode noch fest umschlungen hielten. Sonst ließ sich nichts von Tier

oder Mensch mehr auf dem Schiffe bemerken. Der größte Teil der Fracht

schien durch das Seewasser stark gelitten zu haben. Im Mittelraume sah

ich, als die Ebbe eintrat, einige Tonnen mit Wein oder Branntwein;

allein sie waren zu groß, als daß ich sie hätte von den Stelle bewegen

können; ebenso fand ich einige Koffer, die wahrscheinlich den Matrosen

gehörten. Daher brachte ich sie in mein Boot, ohne ihren Inhalt erst zu

durchsuchen.

Wäre das Vorderteil des Fahrzeugs nicht zertrümmert gewesen, so hätte

sich gewiß reiche Beute machen lassen; aller Wahrscheinlichkeit nach

kam das Schiff von Buenos Ayres oder vom Rio de la Plata, südlich von

Brasilien, und befand sich auf dem Wege nach Havana.

Robinson Crusoe's Reisen, wunderbare Abenteuer und Erlebnisse · 第 7 / 16 段